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Gedächtnislücken


 

 
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Westmonster
Schmierfink


Beiträge: 68



BeitragVerfasst am: 27.09.2020 15:33    Titel: Gedächtnislücken eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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So, dann will ich mich auch mal trauen.

Ich habe letzte Woche Stephen Kings On Writing gelesen (zu Deutsch glaube ich Über das Leben und das Schreiben), und dort schlägt er eine Schreibübung mit Dick & Jane vor, die ich mit diesem Text durchführe. Wer sie nicht kennt, kann sich die Übung z. B. hier (auf Englisch) durchlesen.

King wollte ursprünglich sechs Seiten zu dieser Übung, bei mir sind es nur vier geworden.... Ja, der Text hat 2333 Wörter, schrammt also hart an der Grenze entlang, aber ich hoffe natürlich auf einige beinharte Trotzdem-Leser. wink

---

Gedächtnislücken (Arbeitstitel)

Mit einem tiefen Seufzer streifte sich Dirk seine rotbraunen Ferragamo Slipper von den Füßen und ließ sie achtlos zu Boden fallen. Sein ganzer Stolz, aber er hatte im Augenblick nicht die Kraft, sie auch so zu behandeln. Er würde sie später ordentlich aufräumen, wieso nicht, er hatte schließlich den Nachmittag frei. Frei von seiner kleinen Nell, die gerade auf diesem Kindergeburtstag hoffentlich viel Spaß hatte, frei von der Agentur, und vor allem frei von Jana.
Jana. Ein Schauer kroch ihm über den Rücken, wie immer, wenn er an sie dachte. Er schüttelte sich und streifte seine Filzlatschen über. Er ließ seinen Blick noch einmal durch den großzügigen Eingangsbereich schweifen und vergewisserte sich, dass die schwere Eichentür verriegelt war. Alles zu, alles gut. Warum wurde er dann das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte? „Sei nicht albern, Dirk, was soll denn sein?“, rügte er sich selbst, etwas zu heftig, als dass er es sich wirklich geglaubt hätte. Aber realistisch betrachtet konnte sie ihm tatsächlich nichts mehr anhaben. Nach ihrer völlig durchgeknallten Aktion mit dem Gift in seinem Weinglas bei diesem verdammten fingierten Versöhnungsessen war Jana verhaftet worden, er hatte es mit seinen eigenen Augen gesehen. Er konnte sich ganz genau an die beiden Uniformierten erinnern, die sie abgeführt hatten – ein kleiner Kerl mit akkurat geschnittenem Bart, der seine Körpergröße durch Muskeltraining und metrosexuell-obsessive Körperpflege auszugleichen versuchte, und ein blutjunger Rothaariger mit einem teigigen Gesicht voller Sommersprossen und seltsam geschraubter Ausdrucksweise. Er wusste genau, in welche Richtung der Streifenwagen mit ihr auf dem Rücksitz gefahren war – weg von ihm, vor allem weg von ihm. Und er hatte nachgesehen, von welcher Nummer sie ihn wenige Stunden später angerufen hatte, um ihm anzudrohen, dass sie ihm die kleine Nell ein für alle Mal weg nehmen würde, wenn sie da wieder raus kam – es war eine Nummer aus der JVA St. Georgen. Sie war weggesperrt, daran bestand kein Zweifel.

Trotzdem drehte er den Schlüssel noch einmal im Schloss, bevor er in die Küche ging, um sich Teewasser aufzusetzen. Diese eigentümliche Kälte – ganz untypisch für September – war ihm in Mark und Bein gekrochen. Er freute sich auf ein paar ungestörte, und vor allem unbesorgte Stunden vor der Glotze. Während er auf das vertraute Pfeifen des Kessels wartete, schaltete er den uralten Röhrenfernseher ein, den ihm sein Großvater mit dem Haus zusammen überlassen hatte, und ließ sich in die weichen Sofakissen sinken. Jana – Schauer! – hatte jedes Mal ostentativ die Nase gerümpft, wenn er die Taste unter dem Bildschirm gedrückt hatte und sich, begleitet von diesem scharfen elektrischen Rauschen, langsam ein schwammiges Bild auf der Scheibe zeigte. Aber Nell fand den Kasten lustig und beschrieb ihn ihren Freundinnen in - für eine Dreijährige - erstaunlich blumigen Worten, während sie auf dem flauschigen Teppich im Badezimmer mit Janas Parfumflaschen spielten. Die anderen Kinder kannten von zu Hause wahrscheinlich nur Tablets und wändefüllende Flachbildschirme und konnten sich auf Nells Beschreibungen im ersten Moment keinen Reim machen. Dirk musste lächeln, als er daran dachte. Er selbst fand den Kasten auch lustig, und irgendwie gemütlich.
Vor allem passte er hierher. Das Haus war vor Jahrzehnten das Herzstück eines großen Bauernhofes gewesen und hatte neben dem riesigen Wohnzimmer lauter winzige Kämmerchen und geheime Ecken. Nicht auszudenken, diese urige Atmosphäre mit einem Flachbildschirm zu verschandeln, nur weil man darauf besser erkennen konnte, welche Schauspielerin am jeweiligen Drehtag den größten Herpesausbruch gehabt hatte. Nein, nicht einmal nach den ausführlichen Renovierungsarbeiten, die Dirk und Jana in den letzten Jahren hier durchgeführt hatten. Jana hatte für seinen Geschmack zu viele moderne Elemente hereingebracht. Aber Jana hatte noch nie Kritik vertragen, und im letzten Jahr waren ihre Wutausbrüche immer häufiger, brutaler und furchteinflößender geworden. Ehrlich gesagt hatte Dirk nicht mehr den Mut gehabt, ihr zu widersprechen. Zu oft hatte er miterlebt, wie sie aus den nichtigsten Gründen mit Furiengekreische ihre gusseiserne Pfanne geschwungen und tief in das nächstgelegene Möbel versenkt hatte, wenn sie nicht ihren Willen bekam. Zu oft hatte er den Eindruck gewonnen, dass die Möbelstücke nicht ihr eigentliches Ziel waren…

Fast wie als Antwort auf diese Gedanken hörte Dirk in diesem Augenblick ein Knarzen genau über ihm. Er sprang auf und fuhr sich durch die Haare, die sich in einer unbewussten, urzeitlich angelegten Reaktion wild aufgestellt hatten. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in die Dunkelheit des Treppenhauses. Er hielt den Atem an und lauschte. Fast glaubte er, ein holziges Knistern zu hören, wie damals, als der lange unbemerkte Schwelbrand im Werkzeugschuppen seines Großvaters sich plötzlich in ein Inferno verwandelt hatte, das mit Opa Heinrichs Heimwerker-Ausrüstung viel zu viele Kindheitserinnerungen unwiederbringlich verschlungen hatte. Jana hatte dieses Feuer gelegt, Dirk war sich sicher. Er konnte ihr nichts nachweisen und sie stritt alles ab. Aber er wusste es besser. Als er machtlos vom Gemüsegarten aus mit ansehen musste, wie die gierigen roten Zungen die sorgfältig von Hand errichtete Hütte zu einem nutzlosen schwarzen Haufen dezimierten, hatte er sich zu ihr umgedreht, fassungslos, und ihr war es nicht schnell genug gelungen, sich ihre Gefühle aus dem Gesicht zu wischen. Dieses Bild hatte sich in seine Erinnerung mehr eingebrannt als der lodernde Schuppen: Jana, mit leuchtenden Augen und zu einem grausamen, zufriedenen Lächeln geschürzten Lippen.
Mit fast übermenschlicher Anstrengung löste sich Dirk aus seiner Trance und nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase, um sich zu vergewissern, dass hier, jetzt nichts brannte. Als er gefühlte Minuten später immer noch keinen weiteren Laut gehört hatte, entspannte er sich langsam. Das unbarmherzige Pfeifen des Teekessels holte ihn endgültig in die Realität zurück.

Er goss sich einen Tee auf und trug den schweren, heißen Becher zur Couch zurück. Der Bildschirm zeigte die Abendnachrichten, und die leicht verzerrte Stimme der Sprecherin, die aus den altertümlichen Lautsprechern knackte, informierte über rechtsextremistische Ausschreitungen in Kanada. Wie ungewöhnlich, dachte Dirk noch, bevor die Nachrichten nach Deutschland umschwenkten, genauer gesagt zu einem Bericht aus St. Georgen. Die Teetasse fiel ihm aus der Hand und zersprang auf den alten Holzdielen. Er sah er wie in Zeitlupe Live-Bilder der JVA, die ein Großaufgebot der Feuerwehr zeigten, die das Gebäude in Löschschaum badete. Portrait-Fotos wurden eingeblendet, es mussten geflüchtete Gefangene sein. Auch wenn er über das panische Rauschen in seinen Ohren den Bericht nicht mehr hören konnte und die Bildröhre des verdammten uralten Kastens nicht geeignet war, die Gesichtszüge deutlich darzustellen, wurden Dirk in diesem Augenblick mehrere Dinge gleichzeitig klar. Erstens wusste er ohne den Hauch eines Zweifels, dass die blonde Frau oben rechts im Bild Jana war. Zweitens konnte er das mulmige Gefühl beim Betreten des Hauses jetzt endlich zuordnen: ihr Parfum, das wie hauchdünne Spinnweben in die hintersten Nischen seines Bewusstseins wehte. Und drittens wurde das neuerliche Knarzen über ihm ganz sicher nicht durch die Bewegungen in den Holzbalken eines alten Hauses verursacht. Es waren Schritte. Janas Schritte auf der Treppe nach unten, Richtung Wohnzimmer, auf ihn zu.

Dirk wusste, dass er handeln musste, rennen, sich bewaffnen, verteidigen, aber die Muskeln in seinem ganzen Körper waren zu nutzlosen harten Brocken erstarrt. Gedanken an Nell drängten sich ihm auf, und er sah Blitzlichter aus ihrer Zukunft mit Jana, wenn die ihren mörderischen Plan heute zu Ende bringen konnte. Nell, verzweifelt weinend. Nell, eingesperrt in einem Zimmer voller tödlich-schwarzer Rauchschwaden. Ein kleiner Sarg, so klein, und doch viel zu groß und viel zu schwarz für seine kleine Nell… „NEIN!“ brüllte er und hechtete unter den schweren Couchtisch, um sich vor dem Schlag der schweren Pfanne zu retten. Er spürte den beißenden Windhauch, als das zweckentfremdete Eisen knapp an seiner Wange vorbei zischte. Keuchend vor Angst und der plötzlichen Anstrengung sog er tief die Luft ein, die, jetzt ganz deutlich, nach ihrem Parfum stank. Seine Hand traf auf etwas Nasses. Im ersten Augenblick verstand er nicht, aber dann erkannte er seine Chance. Blitzschnell griff er eine der großen spitzen Scherben, die vor wenigen Minuten noch seine Teetasse gebildet hatten, und zog die Hand zurück, bevor Jana sehen konnte, dass er sich bewaffnet hatte. Er drückte die Scherbe mit einem wilden Grinsen an seine Brust.

Jana war wieder in Bewegung, sie hatte die Couch umrundet und er sah mit neu aufflammender Panik ihre Füße auf sich zu kommen. Ihre Füße steckten in lächerlichen, kindisch-rüschigen Strümpfen. Als sie den Tisch erreicht hatte, blieb sie schwer atmend stehen. Ihre Hand schob sich unter die Tischplatte. Er zog die Scherbe über ihre Finger, eh sie seine Deckung wegschieben konnte. Sie sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und ihre kleine Hand verschwand aus seinem Gesichtsfeld. Sie taumelte mit dem linken Fuß einen Schritt zurück und Dirk setzte erneut zum Schlag an und stach ihr die Scherbe tief ins rechte Fußgelenk. Er spürte, wie in dem Gelenk etwas abriss. Sie schrie auf und ging zu Boden. Ohne nachzudenken und halb blind vor Panik, schob sich Dirk aus seinem Versteck und rannte zur Tür. Mit zitternden Fingern, die immer noch die rettende, jetzt glitschige Scherbe fest umklammert hielten, kostete es ihn quälende Sekunden, den Schlüssel im Schloss der schweren Tür zu drehen. Doch er schaffte es und drückte triumphierend die Klinke herunter. Die Tür bewegte sich nicht. Entsetzt presste er sich an das zentimeterdicke Holz und wandte sich um. Hinter der Couch tauchte langsam ein wilder Haarschopf auf. Jana stöhnte und zischte ihm etwas Böses zu, das er nicht verstand.

Zweimal! Er hatte den Schlüssel zweimal umgedreht. Er fuhr herum und fingerte erneut an dem klobigen Metallstift. Die Tür sprang auf. Geistesgegenwärtig zog er den Schlüssel ab, schob sich an dem schweren Türblatt vorbei und drehte ihn von außen im Schloss. Zweimal. Er trat drei Schritte zurück und starrte das uralte Holz an. Dahinter, das wusste er, sah es vor seinem inneren Auge, schleppte sich das personifizierte Entsetzen in Richtung Tür und zog mit dem nutzlos vom Wadenbein schlackernden Fuß eine blutige Spur hinter sich her. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht. Die rotbraune Spur, die er dabei hinterließ, spürte er nicht. Er wusste: es würde nie aufhören. Sie würde immer einen Weg finden, ihn zu quälen, würde immer weiter machen, alles zerstören was er liebte. Nell zerstören. Er musste sie aufhalten, unschädlich machen. Für immer. Der Wahlspruch seines Großvaters kam ihm in den Sinn. „Feuer bekämpft man am besten mit Feuer.“

Mit erschöpften Augen, aber zu einem breiten, zufriedenen Lächeln geschürzten Lippen, sah Dirk zu, wie das Haus seiner Ahnen von den Flammen zermalmt wurde. Es tat ihm kaum weh, dieses Opfer zu bringen, denn es bedeutete Freiheit. Endlich Freiheit von Jana. Als er viel später die Sirenen der Feuerwehr hörte, lächelte er nur. Jana war längst tot, das wusste er. Er hatte sie anfangs noch winseln hören, um ihr Leben flehen. Sie hatte sogar versucht, eine Scheibe zu zertrümmern, um den Rauchschwaden zu entkommen, die unter der Tür hindurch ins Wohnzimmer gekrochen waren. An den Scheiben der kleinen Bauernfenster hatte Dirk jedoch beim Umbau nicht gespart. Als er sie bestellt hatte, waren sie zwar dafür gedacht gewesen, Jana aus dem Haus heraus zu halten, aber sie leisteten auch beste Dienste dabei, sie im Haus einzuschließen. Genau wie die Schlösser an den Fenstergriffen, die Dirk aus dem gleichen Grund installiert hatte und stets versperrt hielt. Das schwache, aber dringliche Hämmern harter Gegenstände gegen diverse Oberflächen im Haus war recht bald vom Brüllen des Feuers übertönt worden. Aber bestimmt hatte es auch längst aufgehört, als die Feuerwehr sich endlich in Stellung brachte. Hier auf dem Land dauerte es zum Glück, bis die nächsten Nachbarn so ein Feuer bemerken und den Notruf wählen konnten.

***

„Ahoi, Kleiner!?“
„Alter, das ist langsam nicht mehr witzig. Ich bin 1,70!“
„Schulterbreite? Das glaube ich sofort.“
„Haha, lustig. Du weißt aber schon, dass sie dich auf Station nur den heißen Hummer nennen!?“
„Jaja, ich weiß, feuerrot von Kopf bis Fuß… ich hätte mir wahrscheinlich einen Job suchen sollen, in dem ich auch Kleidung tragen dürfte, die nicht die gleiche Farbe hat wie mein wallendes Haupthaar. Ich wollte jetzt aber gar keinen Streit vom Zaun brechen, sondern dir nur ganz harmlos eine Cola anbieten. Hier können wir ja eh nichts mehr machen, so wie das da aussieht. Brruah, das war einmal ein Dach! Immer wieder abnorm, wie laut sowas ist, oder? Also, Cola-Pause vor dem nächsten Call?“
„Alles klar, schwing dich her, ist ganz spannend, wie die Jungs und Mädels da alles vollschneien. Und wo wir grad bei grausigen Geschichten sind: hast du das von diesem Typ in den Nachrichten gehört? Mit dem Mord und dem Kind?“
„Mord und Kind? Nein, ich glaube nicht. Erzähl mal. Uah, das war noch mal ein Riesenbalken, der da gerade runterkam!“
„Nicht gehört? War ein richtig langer Beitrag. Der muss insgesamt vollkommen durchgeknallt sein, der Mann. Hat wohl schon immer ein Aggressionsproblem und zündelt auch gern mal. Der hat gestern seine Frau um die Ecke gebracht, darum komm ich drauf: ich glaube, die haben wir zwei noch nach St. Georgen transportiert.“
„Im Ernst? Welche war das?“
„Die Polizei meint, dass er sie vergiften wollte, was aber nicht geklappt hat – und wir haben doch gestern die Eine von Gino’s abgeholt, mit Verdacht auf Lebensmittelvergiftung. Die uns den ganzen Wagen vollgekotzt hat, weißte noch, ne? Ich hab vorhin immer noch Nudelreste von der Trage geschnippt. Egal, jedenfalls hat er dann auch den Brand in St. Georgen gelegt, vermuten sie, dabei ist die Frau mit drei anderen Patienten umgekommen. Aber gekriegt haben sie ihn nicht.“
„Du liebe Zeit! Und da war auch noch was mit einem Kind?“
„Ja, schlimme Sache. Das Kind von den beiden wurde direkt bei ner Pflegemutter untergebracht, von Amts wegen, und das hat er irgendwie rausgekriegt, das Kind eingesackt – einfach von einem Kindergeburtstag stibitzt – und ist abgehauen. Sie suchen noch nach den beiden, in seiner Stadtwohnung sind sie nicht, aber er hat wohl noch Verwandtschaft hier in der Gegend. Die Polizei vermutet, dass er sich irgendwo mit der Kleinen verbarrikadiert hat.“
„Herrje, hoffentlich finden sie ihn bald. Wie soll ein Kind nach so einer Erfahrung noch normal aufwachsen, frage ich mich. … Oha, wo kommt der denn auf einmal her? Was zum… hat der da etwa Blut im Gesicht?“
„Entschuldigung, haben Sie mal Feuer?“ fragte Dirk.



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marinaheartsnyc
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Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 29.09.2020 11:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Westmonster,

ich habe deinen Text richtig gerne gelesen! Kannte das prompt von Stephen King noch nicht (werde sein Buch demnächst erst lesen und bin schon ganz gespannt), aber ich finde, du hast es richtig gut umgesetzt. Ich mag deinen Stil sprachlich gesehen total gerne und du hast echt gut Gänsehaut-Spannung erzeugt. Nur ein, zwei kleinere Dinge hätte ich zu monieren (z.B. Mit fast übermenschlicher Anstrengung löste sich Dirk aus seiner Trance und Er sprang auf und fuhr sich durch die Haare, die sich in einer unbewussten, urzeitlich angelegten Reaktion wild aufgestellt hatten. - das ist mir ein bisschen zu drüber, ich finde gerade wenn es darum geht, Spannung zu erzeugen, ist weniger oft mehr.)

Und ich weiß nicht, ob ich die letzte Szene gebraucht hätte - damit machst du die Inversionsaufgabe ja eigentlich wieder zunichte, oder? Und irgendwie ist diese "Auf den letzten Drücker stellt sich der vermeintlich rationale Protagonist doch als Psychopat heraus"-Wendung durch Filme und Geschichten wie "Shutter Island" und "Fight Club" mittlerweile auch schon ganz schön abgenutzt, finde ich. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.

Liebe Grüße
Marina


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Yesterday I was clever, so I wanted to change the world. Today I am wise, so I am changing myself.

- Rumi
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Westmonster
Schmierfink


Beiträge: 68



BeitragVerfasst am: 02.10.2020 20:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Marina,
marinaheartsnyc hat Folgendes geschrieben:
ich habe deinen Text richtig gerne gelesen!

das freut mich sehr! Was kann man sich als Schriftsteller mehr wünschen? ^^

marinaheartsnyc hat Folgendes geschrieben:
Nur ein, zwei kleinere Dinge hätte ich zu monieren (z.B. Mit fast übermenschlicher Anstrengung löste sich Dirk aus seiner Trance und Er sprang auf und fuhr sich durch die Haare, die sich in einer unbewussten, urzeitlich angelegten Reaktion wild aufgestellt hatten. - das ist mir ein bisschen zu drüber, ich finde gerade wenn es darum geht, Spannung zu erzeugen, ist weniger oft mehr.)

Danke dir für den Input. Vielleicht bin ich da tatsächlich etwas übers Ziel hinaus geschossen, weil ich mich beruflich viel mit Stress befasse. angel  Ich werde auf jeden Fall noch mal drauf schauen und sehen, ob ich mich von meinen schönen Formulierungen verabschieden kann.
 
marinaheartsnyc hat Folgendes geschrieben:
Und ich weiß nicht, ob ich die letzte Szene gebraucht hätte - damit machst du die Inversionsaufgabe ja eigentlich wieder zunichte, oder?

Ja, das stimmt, ist mir allerdings wurst. Mr. Green Da sind meine Figuren hin und ich bin ihnen ja nur nachgelaufen. wink

Ich hatte mich eigentlich sogar eher gefragt, ob ich dem Leser mit der letzten Passage zu viel Denkarbeit abnehme.

Nochmals vielen Dank für deine Rückmeldung, Marina! Ich freue mich sehr, dass meine Geschichte eine Leserin gefunden hat.


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Westmonster
Schmierfink


Beiträge: 68



BeitragVerfasst am: 07.10.2020 13:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nach Marinas Feedback habe ich meine Geschichte überarbeitet. Unter anderem hat sich ein alternatives Ende ergeben, mit dem ich mich an die Inversionsaufgabe halte, aber ich habe auch die monierten Über-Formulierungen entfernt. Damit ist diese Zweitversion noch dazu um fast 10% kürzer als die erste. smile


Gedächtnislücken

Dirk starrte die verschlossene Haustür an und die Haustür starrte zurück, mit einem hämischen Grinsen auf der Klinke. Seufzend wandte er sich um und ging zum Auto zurück. Er hatte die Haustür vor wenigen Minuten schon einmal aufgesperrt, war dann aber nicht sicher gewesen, ob er den Wagen abgeschlossen hatte. Hatte er nicht, und auch sein Telefon hatte noch auf dem Beifahrersitz gelegen. Dort, wo jetzt der Hausschlüssel lag. Dirk schüttelte den Kopf, nahm den Schlüssel, versperrte den Wagen, testete die Fahrertür und ging schließlich ins Haus. Der ganze Stress der letzten Monate hatte ihm doch mehr zugesetzt, als er sich eingestehen wollte. Wie gut, dass er diesen Nachmittag endlich einmal frei hatte. Seine kleine Nell hatte auf diesem Kindergeburtstag bei Nadja hoffentlich gerade viel Spaß, und er hatte frei. Ja, auch frei von Nell und frei von der Agentur, und vor allem frei von Jana.

Jana. Ein Schauer kroch ihm über den Rücken, wie immer, wenn er an sie dachte. Er schüttelte sich und streifte seine Filzlatschen über. Er ließ seinen Blick noch einmal durch den Eingangsbereich schweifen und vergewisserte sich, dass er die schwere Eichentür hinter sich verriegelt hatte. Alles zu, alles gut. Warum wurde er dann das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte? „Sei nicht albern, Dirk, was soll denn sein?“, rügte er sich selbst, etwas zu heftig, als dass er es sich wirklich geglaubt hätte. Aber realistisch betrachtet konnte sie ihm tatsächlich nichts mehr anhaben. Nach ihrer völlig durchgeknallten Aktion mit dem Gift in seinem Weinglas bei diesem verdammten fingierten Versöhnungsessen war Jana verhaftet worden, er hatte es mit seinen eigenen Augen gesehen. Er konnte sich ganz genau an die beiden Uniformierten erinnern, die sie abgeführt hatten – ein kleiner Kerl mit akkurat geschnittenem Bart und ein blutjunger Rothaariger. Er wusste genau, in welche Richtung der Streifenwagen mit ihr auf dem Rücksitz gefahren war – weg von ihm, vor allem weg von ihm. Und er hatte nachgesehen, von welcher Nummer sie ihn wenige Stunden später angerufen hatte, um ihm anzudrohen, dass sie ihm die kleine Nell ein für alle Mal weg nehmen würde, wenn sie da wieder raus kam – es war eine Nummer aus der JVA St. Georgen. Sie war weggesperrt, daran bestand kein Zweifel.

Trotzdem drehte er den Schlüssel noch einmal im Schloss, bevor er in die Küche ging, um sich Teewasser aufzusetzen. Diese eigentümliche Kälte – ganz untypisch für September – war ihm in Mark und Bein gekrochen. Er freute sich auf ein paar ungestörte, und vor allem unbesorgte Stunden vor der Glotze. Während er auf das vertraute Pfeifen des Kessels wartete, schaltete er den uralten Röhrenfernseher ein, den ihm sein Großvater mit dem Haus zusammen überlassen hatte, und ließ sich in die weichen Sofakissen sinken. Jana – Schauer! – hatte jedes Mal ostentativ die Nase gerümpft, wenn er die Taste unter dem Bildschirm gedrückt hatte und sich, begleitet von diesem scharfen elektrischen Rauschen, langsam ein schwammiges Bild auf der Scheibe zeigte. Aber Nell fand den Kasten lustig und beschrieb ihn ihren Freundinnen in - für eine Dreijährige - erstaunlich blumigen Worten, während sie auf dem flauschigen Teppich im Badezimmer mit Janas Parfumflaschen spielten. Die anderen Kinder kannten von zu Hause wahrscheinlich nur Tablets und wändefüllende Flachbildschirme und konnten sich auf Nells Beschreibungen im ersten Moment keinen Reim machen. Dirk musste lächeln, als er daran dachte. Er selbst fand den Kasten auch lustig, und irgendwie gemütlich.

Vor allem passte er hierher. Das Haus war vor Jahrzehnten das Herzstück eines großen Bauernhofes gewesen und hatte neben dem riesigen Wohnzimmer lauter winzige Kämmerchen und geheime Ecken. Nicht auszudenken, diese urige Atmosphäre mit einem Flachbildschirm zu verschandeln, nur weil man darauf besser erkennen konnte, welche Schauspielerin am jeweiligen Drehtag den größten Herpesausbruch gehabt hatte. Nein, nicht einmal nach den ausführlichen Renovierungsarbeiten, die Dirk und Jana in den letzten Jahren hier durchgeführt hatten. Jana hatte für seinen Geschmack zu viele moderne Elemente hereingebracht. Aber Jana hatte noch nie Kritik vertragen, und im letzten Jahr waren ihre Wutausbrüche immer häufiger, brutaler und furchteinflößender geworden. Ehrlich gesagt hatte Dirk nicht mehr den Mut gehabt, ihr zu widersprechen. Zu oft hatte er miterlebt, wie sie aus den nichtigsten Gründen mit Furiengekreische ihre gusseiserne Pfanne geschwungen und tief in das nächstgelegene Möbel versenkt hatte, wenn sie nicht ihren Willen bekam. Zu oft hatte er den Eindruck gewonnen, dass die Möbelstücke nicht ihr eigentliches Ziel waren…

Fast wie als Antwort auf diese Gedanken hörte Dirk in diesem Augenblick ein Knarzen genau über ihm. Er sprang auf. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in die Dunkelheit des Treppenhauses. Er hielt den Atem an und lauschte. Fast glaubte er, ein holziges Knistern zu hören, wie damals, als der lange unbemerkte Schwelbrand im Werkzeugschuppen seines Großvaters sich plötzlich in ein Inferno verwandelt hatte, das mit Opa Heinrichs Heimwerker-Ausrüstung viel zu viele Kindheitserinnerungen unwiederbringlich verschlungen hatte. Jana hatte dieses Feuer gelegt, Dirk war sich sicher. Er konnte ihr nichts nachweisen und sie stritt alles ab. Aber er wusste es besser. Als er machtlos vom Gemüsegarten aus mit ansehen musste, wie die gierigen roten Zungen die sorgfältig von Hand errichtete Hütte zu einem nutzlosen schwarzen Haufen dezimierten, hatte er sich zu ihr umgedreht, fassungslos, und ihr war es nicht schnell genug gelungen, sich ihre Gefühle aus dem Gesicht zu wischen. Dieses Bild hatte sich in seine Erinnerung mehr eingebrannt als der lodernde Schuppen: Jana, mit leuchtenden Augen und zu einem grausamen, zufriedenen Lächeln geschürzten Lippen.
Dirk löste sich aus seiner Trance und nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase, um sich zu vergewissern, dass hier, jetzt nichts brannte. Als er gefühlte Minuten später immer noch keinen weiteren Laut gehört hatte, entspannte er sich langsam. Das unbarmherzige Pfeifen des Teekessels holte ihn endgültig in die Realität zurück.

Er goss sich einen Tee auf und trug den schweren, heißen Becher zur Couch zurück. Der Bildschirm zeigte die Abendnachrichten, und die leicht verzerrte Stimme der Sprecherin, die aus den altertümlichen Lautsprechern knackte, informierte über rechtsextremistische Ausschreitungen in Kanada. Wie ungewöhnlich, dachte Dirk noch, bevor die Nachrichten nach Deutschland umschwenkten, genauer gesagt zu einem Bericht aus St. Georgen. Die Teetasse fiel ihm aus der Hand und zersprang auf den alten Holzdielen. Er sah er wie in Zeitlupe Live-Bilder der JVA, die ein Großaufgebot der Feuerwehr zeigten, die das Gebäude in Löschschaum badete. Portrait-Fotos wurden eingeblendet, es mussten geflüchtete Gefangene sein. Auch wenn er über das panische Rauschen in seinen Ohren den Bericht nicht mehr hören konnte und die Bildröhre des verdammten uralten Kastens nicht geeignet war, die Gesichtszüge deutlich darzustellen, wurden Dirk in diesem Augenblick mehrere Dinge gleichzeitig klar. Erstens wusste er ohne den Hauch eines Zweifels, dass die blonde Frau oben rechts im Bild Jana war. Zweitens konnte er das mulmige Gefühl beim Betreten des Hauses jetzt endlich zuordnen: ihr Parfum, das wie hauchdünne Spinnweben in die hintersten Nischen seines Bewusstseins wehte. Und drittens wurde das neuerliche Knarzen über ihm ganz sicher nicht durch die Bewegungen in den Holzbalken eines alten Hauses verursacht. Es waren Schritte. Janas Schritte auf der Treppe nach unten, Richtung Wohnzimmer, auf ihn zu.

Dirk wusste, dass er handeln musste, rennen, sich bewaffnen, verteidigen, aber die Muskeln in seinem ganzen Körper waren zu nutzlosen harten Brocken erstarrt. Gedanken an Nell drängten sich ihm auf, und er sah Blitzlichter aus ihrer Zukunft mit Jana, wenn die ihren mörderischen Plan heute zu Ende bringen konnte. Nell, verzweifelt weinend. Nell, eingesperrt in einem Zimmer voller tödlich-schwarzer Rauchschwaden. Ein kleiner Sarg, so klein, und doch viel zu groß und viel zu schwarz für seine kleine Nell… „NEIN!“ brüllte er und hechtete unter den schweren Couchtisch, um sich vor dem Schlag der schweren Pfanne zu retten. Er spürte den beißenden Windhauch, als das zweckentfremdete Eisen knapp an seiner Wange vorbei zischte. Keuchend vor Angst und der plötzlichen Anstrengung sog er tief die Luft ein, die, jetzt ganz deutlich, nach ihrem Parfum stank. Seine Hand traf auf etwas Nasses. Im ersten Augenblick verstand er nicht, aber dann erkannte er seine Chance. Blitzschnell griff er eine der großen spitzen Scherben, die vor wenigen Minuten noch seine Teetasse gebildet hatten, und zog die Hand zurück, bevor Jana sehen konnte, dass er sich bewaffnet hatte. Er drückte die Scherbe mit einem wilden Grinsen an seine Brust.

Jana war wieder in Bewegung, sie hatte die Couch umrundet und er sah mit neu aufflammender Panik ihre Füße auf sich zu kommen. Ihre Füße steckten in lächerlichen, kindisch-rüschigen Strümpfen. Als sie den Tisch erreicht hatte, blieb sie schwer atmend stehen. Ihre Hand schob sich unter die Tischplatte. Er zog die Scherbe über ihre Finger, eh sie seine Deckung wegschieben konnte. Sie sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und ihre kleine Hand verschwand aus seinem Gesichtsfeld. Sie taumelte mit dem linken Fuß einen Schritt zurück und Dirk setzte erneut zum Schlag an und stach ihr die Scherbe tief ins rechte Fußgelenk. Er spürte, wie in dem Gelenk etwas abriss. Sie schrie auf und ging zu Boden. Ohne nachzudenken und halb blind vor Panik, schob sich Dirk aus seinem Versteck und rannte zur Tür. Mit zitternden Fingern, die immer noch die rettende, jetzt glitschige Scherbe fest umklammert hielten, kostete es ihn quälende Sekunden, den Schlüssel im Schloss der schweren Tür zu drehen. Doch er schaffte es und drückte triumphierend die Klinke herunter. Die Tür bewegte sich nicht. Entsetzt presste er sich an das zentimeterdicke Holz und wandte sich um. Hinter der Couch tauchte langsam ein wilder Haarschopf auf. Jana stöhnte und zischte ihm etwas Böses zu, das er nicht verstand.

Zweimal! Er hatte den Schlüssel zweimal umgedreht. Er fuhr herum und fingerte erneut an dem klobigen Metallstift. Die Tür sprang auf. Geistesgegenwärtig zog er den Schlüssel ab, schob sich an dem schweren Türblatt vorbei und drehte ihn von außen im Schloss. Zweimal. Er trat drei Schritte zurück und starrte das uralte Holz an. Dahinter, das wusste er, sah es vor seinem inneren Auge, schleppte sich das personifizierte Entsetzen in Richtung Tür und zog mit dem nutzlos vom Wadenbein schlackernden Fuß eine blutige Spur hinter sich her. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht. Die rotbraune Spur, die er dabei hinterließ, spürte er nicht. Er wusste: es würde nie aufhören. Sie würde immer einen Weg finden, ihn zu quälen, würde immer weiter machen, alles zerstören was er liebte. Nell zerstören. Er musste sie aufhalten, unschädlich machen. Für immer. Der Wahlspruch seines Großvaters kam ihm in den Sinn. „Feuer bekämpft man am besten mit Feuer.“

Mit erschöpften Augen, aber zu einem breiten, zufriedenen Lächeln geschürzten Lippen, sah Dirk zu, wie das Haus seiner Ahnen von den Flammen zermalmt wurde. Es tat ihm kaum weh, dieses Opfer zu bringen, denn es bedeutete Freiheit. Endlich Freiheit von Jana. Als er viel später die Sirenen der Feuerwehr hörte, lächelte er nur. Jana war längst tot, das wusste er. Er hatte sie anfangs noch winseln hören, um ihr Leben flehen. Sie hatte sogar versucht, eine Scheibe zu zertrümmern, um den Rauchschwaden zu entkommen, die unter der Tür hindurch ins Wohnzimmer gekrochen waren. An den Scheiben der kleinen Bauernfenster hatte Dirk jedoch beim Umbau nicht gespart. Als er sie bestellt hatte, waren sie zwar dafür gedacht gewesen, Jana aus dem Haus heraus zu halten, aber sie leisteten auch beste Dienste dabei, sie im Haus einzuschließen. Genau wie die Schlösser an den Fenstergriffen, die Dirk aus dem gleichen Grund installiert hatte und stets versperrt hielt. Das schwache, aber dringliche Hämmern harter Gegenstände gegen diverse Oberflächen im Haus war recht bald vom Brüllen des Feuers übertönt worden. Aber bestimmt hatte es auch längst aufgehört, als die Feuerwehr sich endlich in Stellung brachte. Hier auf dem Land dauerte es zum Glück, bis die nächsten Nachbarn so ein Feuer bemerken und den Notruf wählen konnten.

Einige Zeit später klopfte Dirk an Nadjas Tür. Er hörte sie innen den Flur entlangschlurfen und blickte auf. Das Glas in der Tür zeigte ihm einen Mann mit hohlen Wangen unter den halb geschlossenen Lidern und mit einem dicken rotbraunen Streifen im Gesicht. Er wischte sich schnell mit dem Ärmel das Blut ab, bevor Nadja verwirrt lächelnd die Haustür öffnete. „Dirk!?“ Er erwiderte ihr Lächeln. „Ich wollte Nell abholen. Die Geburtstagsfeier ist ja wahrscheinlich längst vorbei.“ Nadja blinzelte. Zweimal. Dreimal. „Ist alles in Ordnung bei dir? Du hast Nell doch mittags schon geholt. Sie wollte lieber bleiben, aber du meintest, du hättest einen ruhigen Fernseh-Nachmittag für euch beide geplant…“ Dirk sah ihr starr ins Gesicht, als vor seinem geistigen Auge Erinnerungsfetzen wie ein Wasserfall zusammenrauschten. Nell, schmollend im Auto. Nell, beleidigt fauchend vor der Haustür, im Gang. Im Haus. Kalter Schweiß brach aus allen Poren seines Körpers. „Nadja…“ – „Ja?“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn mit gerunzelter Stirn von unten an. „Der Brand in der JVA…?!“ Aber im gleichen Moment, wo Nadja antwortete, fiel es ihm wieder ein. „Den vom letzten Jahr meinst du? Da war heute Jahrestag, lief den ganzen Tag im Fernsehen. Was ist damit?“


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BeitragVerfasst am: 13.10.2020 07:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kommt noch was?

... Ich frage mich halt: Ist meine Geschichte so schlecht, dass keiner außer Marina über die ersten drei Zeilen hinaus kommt? Ist sie so großartig, dass aus purem Neid niemand einen Kommentar hinterlässt? (scheint mir ja die wahrscheinlichste Lösung zu sein... angel )
Oder ist sie schlicht zu lang? Wobei ich hier im Forum schon laaaaange Threads zu noch viel längeren Geschichten gesehen habe, also kann es ja eigentlich nicht sein, dass reine Lesefaulheit die Kommentarwelle eindämmt. Aber falls doch: könnte mal jemand bitte wenigstens ein tldr hinterlassen, damit ich bescheid weiß (und so zumindest eine Zielscheibe für meine Frustration bekomme Twisted Evil )!?


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Rodge
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BeitragVerfasst am: 13.10.2020 08:24    Titel: Antworten mit Zitat

Die Gründe sind sicher vielschichtig, aber manche kritisieren ungerne Einstandstexte, weil sich in der Vergangenheit viele Verfasser als nicht kritikfähig zeigten, wenn es um ihre Texte ging. Nun denn, hier kommt meine Einschätzung (alles nur meine subjektive Perspektive und kein Allgemeingut).

Sprachlich finde ich das gelungen, aber die Geschichte selbst finde ich nicht überzeugend:

- Der erste Satz ist eher ein Kalauer. Ich mag erste Sätze die kräftig sind und vielleicht schon mal einen Blick auf die Geschichte geben.

- Der erste Absatz ist für mich unlogisch. Er schließt die Haustür auf, geht dann aber zurück, weil er vergessen hat, das Auto abzuschließen und dort liegt jetzt der Haustürschlüssel?

- Dann kommt jede Menge Infodump. Das würde ich komplett weglassen. Bei einer spannenden Geschichte brauche ich keine "Einführung". Fange direkt in einer Szene (z. B. dem Kampf an), dann erhält deine Geschichte einen zusätzlichen Thrill, weil man sich fragt, warum die beiden miteinander kämpfen.

- Danach kommt ein guter Teil, du beschreibst das Bauernhaus, den alten Fernseher, du zeigst es und sagst es nicht einfach.

- Der Kampf kommt für mich zu schnell. Eben nur ein Geräusch von oben, jetzt schwingt sie auch schon die Bratpfanne. Wenn er gerade aus der Küche kam und sie von oben, woher hat sie denn die Pfanne. Ich finde, diese Passage ist noch nicht auserzählt. Gerade hier gewinnst du Spannung, wenn du das Tempo verlangsamst.
by the way: Trägt man im Knast Parfüm?

- Vollkommen raus bin ich bei dem Übergang danach. Wieso brennt plötzlich das Haus? Hat er es angesteckt? Wenn ja, wie??? Auch ist Jana ja wohl nicht durch die Tür hereingekommen (da sie ja von oben kam). Also muss sie irgendwo oben eingestiegen sein. Warum flüchtet sie vor dem Brand nicht einfach nach oben und geht da wieder raus, wo sie reingekommen ist?

Hier habe ich aufgehört zu lesen, den Schreibstil mag ich, die Logikbrüche haben mich rausgebracht.

Grüße
Rodge
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Raven1303
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BeitragVerfasst am: 13.10.2020 12:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Westmonster,

was das für eine Aufgabe war habe ich mir nicht angeschaut.
Deine Geschichte habe ich sehr gerne gelesen! Ich finde sie ist spannend geschrieben und ich finde schön, dass hier mal ein Mann Angst vor einer psychopathischen Frau hat (auch wenn sich das am Ende wieder anders heraus stellt).
Ich habe eben erst gesehen, dass du eine Überarbeitung eingestellt hast. Die habe ich jetzt - bis auch das neue Ende - nicht gelesen, daher beziehe ich mich nochmal auf die ersten Variante angel

Du fängst direkt gut an und ziehst mich in die Geschichte hinein.
Man ahnt schon, dass da etwas droht ...

Über diesen Satz bin ich gestolpert:
Zitat:
ihre gusseiserne Pfanne geschwungen und tief in das nächstgelegene Möbel versenkt hatte,

Ich glaube, man kann eine Bratpfanne nicht in einem harten Möbelstück versenken.

Am Ende des ersten Teils bin ich aber mit Dirks Lösung nicht zufrieden: Er ist ein Mann und die Frau scheint ja ganz zierlich und klein zu sein. Er fackelt also lieber das ganze Haus ab, um sie qualvoll verbrennen zu lassen, anstatt ihr einfach - z.B. mit einer Bratpfanne - den Schädel zu zertrümmern?
Das ist mir nicht schlüssig.
Okay, in der letzten Szene relativiert sich das dann ja, weil er gerne mit dem Feuer spielt und sich alles eingebildet hat.
Aber passt dann noch das mit dem Vergiften?

Dein erstes Ende gefällt mir, aber da hätte ich gerne mehr Details und noch etwas mehr Handlung. Das kommt mir zu schnell und zu sehr dahin geworfen.
Wobei mir der letzte Satz "Haben sie Feuer?" sehr gut gefällt Twisted Evil

Dein neues Ende finde ich aber auch sehr gut. Beide Pointen gefallen mir und ich habe deine Texte gerne gelesen.
Dein Stil gefällt mir!

LG Raven


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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
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Und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm? Oder ein großer Gesang... (R.M. Rilke)
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Westmonster
Schmierfink


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BeitragVerfasst am: 18.10.2020 12:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Rodge, danke dir für deine Meinung!

Rodge hat Folgendes geschrieben:
Sprachlich finde ich das gelungen

Das freut mich schon mal!

Zitat:
- Der erste Satz ist eher ein Kalauer. Ich mag erste Sätze die kräftig sind und vielleicht schon mal einen Blick auf die Geschichte geben.
- Der erste Absatz ist für mich unlogisch. Er schließt die Haustür auf, geht dann aber zurück, weil er vergessen hat, das Auto abzuschließen und dort liegt jetzt der Haustürschlüssel?

Ein Kalauer. Hm. Was ist denn da das Wortspiel? Unabhängig davon bin ich von dem ersten Absatz auch nicht mehr so begeistert. Ich wollte damit ausdrücken, dass Dirk völlig durch den Wind ist und ständig Sachen vergisst. Erst vergisst er sein Handy im Auto, dann vergisst er den Hausschlüssel im Auto und schließlich, im weiteren Verlauf der Geschichte, vergisst er wo seine Tochter ist. Aber ich stimme dir zu, der Absatz ist nicht so hot.

Zitat:
- Dann kommt jede Menge Infodump. Das würde ich komplett weglassen. Bei einer spannenden Geschichte brauche ich keine "Einführung". Fange direkt in einer Szene (z. B. dem Kampf an), dann erhält deine Geschichte einen zusätzlichen Thrill, weil man sich fragt, warum die beiden miteinander kämpfen.

Ich bin auch kein Fan von Infodump, darum bin ich milde entsetzt, dass du bei meiner Geschichte einen gefunden hast. Ist es dir schon zu viel Info, dass Jana und er eine turbulente Vergangenheit haben? Ich werde noch mal drüberschauen, aber ich glaube, ich brauche diese Info, um ein bisschen einzuführen, warum Dirk so panisch reagiert als er glaubt, Jana schwinge hinter ihm die Bratpfanne.

Zitat:
- Danach kommt ein guter Teil, du beschreibst das Bauernhaus, den alten Fernseher, du zeigst es und sagst es nicht einfach.

Merci.

Zitat:
- Der Kampf kommt für mich zu schnell. Eben nur ein Geräusch von oben, jetzt schwingt sie auch schon die Bratpfanne. Wenn er gerade aus der Küche kam und sie von oben, woher hat sie denn die Pfanne. Ich finde, diese Passage ist noch nicht auserzählt. Gerade hier gewinnst du Spannung, wenn du das Tempo verlangsamst.
by the way: Trägt man im Knast Parfüm?

Ich war noch nicht im Knast, aber ich denke nein.
Allerdings ist das auch unerheblich, denn das Parfüm trägt ja nicht Jana...
Es ist offensichtlich nicht klar geworden, mit wem Dirk da "kämpft", muss ich wohl noch mal deutlicher machen.


Zitat:
- Vollkommen raus bin ich bei dem Übergang danach. Wieso brennt plötzlich das Haus? Hat er es angesteckt? Wenn ja, wie??? Auch ist Jana ja wohl nicht durch die Tür hereingekommen (da sie ja von oben kam). Also muss sie irgendwo oben eingestiegen sein. Warum flüchtet sie vor dem Brand nicht einfach nach oben und geht da wieder raus, wo sie reingekommen ist?

Naja, ich wollte hier niemanden mit der Mechanik von Streichhölzern und der Wirkweise von Brandbeschleunigern langweilen. Das wichtige ist, dass das Haus brennt
und dass Dirk seine eigene Prophezeiung über Nell in einem brennenden Haus wahrmacht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Säße Jana da drin, klar, dann wäre sie in null komma nichts draußen, ein kleines Mädchen ohne eigenen Hausschlüssel eher nicht.

Zitat:
Hier habe ich aufgehört zu lesen, den Schreibstil mag ich, die Logikbrüche haben mich rausgebracht.

Der letzte Absatz hätte vielleicht noch mal was geklärt. Aber danke für das Lob zum Schreibstil. Ich freue mich, dass du dir die Zeit genommen hast, etwas zu meiner Geschichte zu schreiben![/spoiler][/quote]


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Westmonster
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BeitragVerfasst am: 18.10.2020 12:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Raven,

auch an dich vielen Dank für das konstruktive Feedback!

Raven1303 hat Folgendes geschrieben:
Deine Geschichte habe ich sehr gerne gelesen! Ich finde sie ist spannend geschrieben und ich finde schön, dass hier mal ein Mann Angst vor einer psychopathischen Frau hat (auch wenn sich das am Ende wieder anders heraus stellt).

Vielen Dank, das freut mich!

Zitat:
Über diesen Satz bin ich gestolpert:
Zitat:
ihre gusseiserne Pfanne geschwungen und tief in das nächstgelegene Möbel versenkt hatte,

Ich glaube, man kann eine Bratpfanne nicht in einem harten Möbelstück versenken.

Da könntest du Recht haben... Ich hatte beim Schreiben an ein Sofa oder so etwas gedacht, aber stimmt schon, das klingt nicht realistisch. Da geh ich noch mal drüber.

Zitat:
Am Ende des ersten Teils bin ich aber mit Dirks Lösung nicht zufrieden: Er ist ein Mann und die Frau scheint ja ganz zierlich und klein zu sein. Er fackelt also lieber das ganze Haus ab, um sie qualvoll verbrennen zu lassen, anstatt ihr einfach - z.B. mit einer Bratpfanne - den Schädel zu zertrümmern?
Das ist mir nicht schlüssig.

Naja, so wie ich die beiden verstehe, hat Jana jahrelang etabliert, dass sie in der Beziehung die Oberhand hat, die sie auch mit Gewalt durchsetzt, und er reagiert panisch auf ihre Aggressionen und hat gründlich gelernt, dass er ihr unterlegen ist. Darum kann er sie nicht face-to-face meucheln sondern nur mit ein bisschen Abstand. Davon ganz abgesehen hat sie ja die Bratpfanne. Es handelt sich hier wohl um einen Ein-Pfannen-Haushalt. Razz
Aber: ist angekommen, vielleicht braucht es hier mehr Kontext zu Dirks Psyche.

Zitat:
Okay, in der letzten Szene relativiert sich das dann ja, weil er gerne mit dem Feuer spielt und sich alles eingebildet hat.
Aber passt dann noch das mit dem Vergiften?

Du meinst, weil man normalerweise nur eine bevorzugte Methode hat, andere Leute zu ermorden? Ja, kann sein. In der neuen Version hat ja tatsächlich Jana das Vergiften ausprobiert, da passt es dann wieder besser. Zumal Gift ja eh besser zu Frauen passt als zu Männern.

Zitat:
Dein erstes Ende gefällt mir, aber da hätte ich gerne mehr Details und noch etwas mehr Handlung. Das kommt mir zu schnell und zu sehr dahin geworfen.
Wobei mir der letzte Satz "Haben sie Feuer?" sehr gut gefällt Twisted Evil

Danke. smile
Ich wollte hier bewusst ausschließlich mit Dialog arbeiten, nachdem die Geschichte vorher so gut wie gar keinen Dialog enthält. Quasi um darzustellen, dass der Leser jetzt aus einer anderen Perspektive auf die Geschichte schaut.
Ich war zuerst der Meinung, dass ich dem Leser mit diesem Teil ohnehin schon zu viel Denkarbeit abnehme, darum ist er so knapp, aber ich glaube, in dieser ersten Version wurde insgesamt wohl noch weniger als in der zweiten Version deutlich, dass Nell in dem Haus verbrennt, nicht Jana.

Zitat:
Dein neues Ende finde ich aber auch sehr gut. Beide Pointen gefallen mir und ich habe deine Texte gerne gelesen.
Dein Stil gefällt mir!

Vielen Dank, das finde ich sehr ermutigend! Very Happy


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