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Erste Szene Jugendroman "Flugmodus"


 

 
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flo str
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

Alter: 33
Beiträge: 4
Wohnort: Bruchsal


BeitragVerfasst am: 12.06.2019 18:07    Titel: Erste Szene Jugendroman "Flugmodus" eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo liebes Dsfo-Forum,
ich möchte mich mit einem kleinen Text vorstellen, der als Romananfang meines Jugendbuchprojektes gedacht ist. Gebt mir einfach mal bitte ein Kurzfeedback bezüglich Stil, Ersteindruck und Lesefreundlichkeit. Kommt ihr in die Geschichte/Situation rein?
Vielen Dank und gutes Schreiben !
Flo






Abrissbirne – Pauline-2 Tage danach
Sekundenzeiger hängen für gewöhnlich in Mathestunden. Das gleich die komplette Uhr explodieren wird, ist mir nicht klar. Ein Loch gähnt vor meinem bekritzelten Holztisch und ich falle vom dritten Stock bis in den Fahrradkeller. Sturzflug. Meine mittellangen Locken, die sonst dem zierlichen Rehaugengesicht Deckung geben, zappeln von unten nach oben über mir. Stahlträger schauen aus der Decke. Wände stürzen ein. Ich kenne Sprengungen von Gebäuden auf Youtube. Diesmal bin ich mittendrin. Meine Welt zerfällt in eine angehauchte Pusteblume. Es war immer ein Ort voller Vertrauen. Die bekannten Lehrer, die mich auf dem Gang grüßten. Automatische Jalousien, die sich dem Sonnenlicht anpassten. Mein geliebter Fensterplatz hinten links mit dem immergrünen Blick zum Park. Im Winter konnte ich eine Hand auf den Heizkörper legen, wenn es mir zu kalt war. Das Abtauchen im Menschenmeer in den Pausen. Der Brötchenverkauf. Das vertraute dreistufige Klingeln.
Ich kaue an meinen Bleistift und schreibe Elfchen über die Nasenhaare unseres Mathelehrers in den Umschlag des gewünschten Doppelheftes mit Rand.


Zinkengewächs
Du Liane
Schwarze lange Haare
Hast du keine Ehefrau
Köperhygienesau

Ich bin sauer auf mich selbst und Herr Wenger muss leiden. Wie dämlich kann man sein? Meine innere Stimme blieb einfach stumm.
Ich höre die Schritte auf dem Flur, von denen alle wussten, dass sie Bedeutung mit sich bringen. Durch den zu großen Türschlitz unter der Klassenzimmertür kann ich schon vorher erahnen, wer gleich die Klinke runterdrücken wird.
Frieder programmiert an seinem Taschenrechner ein Skript für quadratische Gleichungen neu. Mia liest unter dem Tisch den Kicker mit Lesezirkelumschlag. Natürlich vom Friseur geklaut. Elija hat wie immer nur einen Spiralblock dabei und fährt Karos nach. Nur vereinzelt sind darauf Matheaufgaben, meistens Zeichnungen von Mädchenärschen.
Das 10.Schuljahr ist noch nicht alt. Es ist immer noch Spätsommer und der olle Herbst, der alte Farbenkünstler, muss noch ein Weilchen mit seinem Blattgepinsel warten.
Sein Gang ist ruhig und bedacht. Niemals hektisch. Gleichmäßig und sicher. Klassische Halbschuhe mit einem leichten Absatz, die Ärger über den Fußboden durch die Tür zu meinem Platz am Fenster telegraphieren. Dreimal Klopfen. Das gehört sich. Bruder Fritz, der Rektor des Peterstifts, tritt ans Pult und blickt suchend in die Runde. Wäre das hier ein Western, ginge gleiche die Schießerei im Saloon los und ich würde mit den Händen über dem Kopf hinter dem Tresen liegen. Wir stehen auf, weil wir hier auf Menschlichkeit und Respekt viel Wert legen. Erstaunlich, wie sich der Lärmpegel ohne ein Wort von Fritz senkt. Der grimmige Blick und seine eisblauen Augen stoppen plötzlich bei mir. Sein Bart unterstreicht in seinem Gesichtsausdruck die unteren Mundwinkel, so dass er aussieht wie Tolkiens Sarumann im Kampf um Mittelerde. Die Buchstaben meines Namens durchlöcherten meinen Körper. Ich zapple im Gedankenkugelhagel.
»Pauline, würdest du bitte mitkommen. Ich muss mit euch reden. Ich brauche alle Klassesprecher der 10.Klassen.«
Wie Salzsäure ätzen die zerkauten Bleistiftreste meine Lippen. Die innerliche Sirene ertönt.
3…2…1. Zündung.

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Kojote
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 29
Beiträge: 147
Wohnort: Vereinigte Sibirische Latrinenmanufakturen


BeitragVerfasst am: 12.06.2019 18:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo flo str!

Leider habe ich keinen blassen Schimmer, worum es in deinem Buch gehen soll. In deinen Zeilen einen tieferen Sinn oder gar eine Handlung erkennen zu können ist nahezu unmöglich. Das ist nicht böse gemeint. Viele Leser werden diese Unschlüssigkeit am Anfang eines Buches zu schätzen wissen. Ich gehöre nicht dazu.

Damit ein Buch jemanden fesselt, muss es klare Wünsche des Protagonisten enthalten und einen Konflikt (oder mehrere), die ihn am Erreichen dieser Wünsche hindern. Damit es mich fesselt, sollte das Buch dies möglichst schon auf der ersten Seite tun. Schau dir mal Boot Camp von Morton Rhue an. Schon auf der ersten Seite wird man dort in die Handlung versetzt: Die Entführung (und das anschließende Martyrium) von Connor Durell.

Wenn ich in einer Buchhandlung über dein Buch gestolpert wäre und die ersten Seiten so verfasst gewesen wären wie die Leseprobe hier, so würde ich nicht weitergelesen haben. Tut mir leid. Das soll nicht heißen, dass dein gesamtes Buchprojekt untauglich ist (nie im Leben würde ich mir schon jetzt so eine Entscheidung anmaßen!). Es wirkt auf mich momentan nur ein wenig wie ein hochbrillantes Meisterstück, das so brillant ist, dass es niemand versteht, und eben weil es so brillant ist, weigern sich alle, zuzugeben, es nicht zu verstehen.

Liebe Grüße
Kojote


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Kojote – zu allem fähig, zu nichts zu gebrauchen!
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 87
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 12.06.2019 19:48    Titel: Antworten mit Zitat

Als Anfang fand ich es gut, befürchte aber, dass ein längerer Text in diesem Stil ermüdend sein könnte. Es entstehen Bilder, die Unterrichtssituation kann ich nachvollziehen. Allerdings MUSS mit dem nächsten Absatz eine wirkliche Zündung kommen, ansonsten hättest Du mich als Leser verloren.

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denLars
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 26
Beiträge: 608
Wohnort: Düsseldorf
Extrem Süßes!


LOONYS - Die Vergessenen Rosen der Zeit
BeitragVerfasst am: 12.06.2019 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

Bin auf der Seite von Hobbs.
Der Anfang macht interessante Bilder auf. Vieles rief in mir Erinnerungen an die eigene Schulzeit auf.

Zitat:
Meine mittellangen Locken, die sonst dem zierlichen Rehaugengesicht Deckung geben, zappeln von unten nach oben über mir.


Diese Beschreibung des Äußeren deines Protagonisten kam hier ziemlich unmotiviert und one Not reingeflogen. Ist an dieser Stelle überhaupt nicht nötig und hat nur meinen Lesefluss gestört. Kann man sehr gut noch an späterer Stelle einfließen lassen.

Zitat:
und der olle Herbst, der alte Farbenkünstler,


Die Umschreibung finde ich unnötig altbacken. Will nicht so recht in den restlichen Stil passen. Wenn es ironisch gemeint war, holt man e auch dann nicht durch.

Bei so einem Stil besteht natürlich immer die Gefahr, dass man ihn nicht einen gesamten Text lang durchhält oder irgendwann komplett hohldreht. Aber da würde ich einfach gutmeinend erstmal nicht von ausgehen Laughing

Kennst du zufällig "Ich gegen Osborne" von Joey Goebel? Wenn nicht, dann absolute Leseempfehlung. Die Porträtierung der Schulzeit hat mich daran denken lassen.

So viel von mir.

Liebe Grüße
Lars


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One whose name is writ in water.
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flo str
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

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BeitragVerfasst am: 13.06.2019 08:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi,danke euch für euer Feedback. Ich denke, ich könnte noch mehr Handlung und weniger Beschreibung in den Text bringen. Der Stil ist nicht durchgehend so dramatisch und abgründig. Gutes Schreiben euch und danke !
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flo str
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

Alter: 33
Beiträge: 4
Wohnort: Bruchsal


BeitragVerfasst am: 14.06.2019 13:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

ich habe mal etwas überarbeitet. Was meint ihr dazu?
schönes Wochenende euch !


Fallen – Pauline-2 Tage danach


Vom Gefühl her, bin ich heute ohne Kleider in der Schule. Irgend so ein Arsch hat ein Bild meines Körpers geklaut, das nur mir gehört. Die Blicke meiner Mitschüler bohren sich wie Reißnägel in meine trockene Neurodermitis-Haut. Ich schreibe ihm einen Zettel und falte ihn mit tausend Fragezeichen in meinem Kopf.

» Wie ist das passiert? «

Es klopft dreimal an der Klassenzimmertür. Elija weicht meinen Blicken aus. Er versteckt die Antwort und seine Hände immer tiefer in den Hosentaschen, tief im Stuhl versunken, als würde er mit der ganzen Sache nichts zu tun haben.
Bruder Fritz, der Rektor des Peterstift-Gymnasiums, tritt ans Pult und blickt in die Runde. Erstaunlich, wie sich der Lärmpegel ohne ein Wort von Fritz senkt. Seine Augen stoppen bei mir.
»Du bist Klassensprecherin der 10a, Pauline?«
Ich nicke.
»Bitte komme ins Rektorat.«
Wie Salzsäure ätzen die zerkauten Bleistiftreste meine Lippen. Ich falle durch ein Loch im Boden vom dritten Stock bis in den Fahrradkeller. Schule war immer in Ordnung für mich. Automatische Jalousien, die sich dem Sonnenlicht anpassen. Mein Platz hinten links am Fenster, Blick Richtung Park.
Jetzt dieser Absturz. Ich will schreien, doch mir fehlt die Luft für einen Ton. Wortlos schiebe ich den Stuhl nach hinten und folge Fritz zu seinem Büro in den Altbau. Ich weiß, dass Fritz nicht wegen Kleinigkeiten den Unterricht stört. Er kommt nur, wenn die Kacke am Dampfen ist. Ich habe echt keine Lust darüber zu reden und es geht auch absolut keinen etwas an. Er öffnet die Tür und jeder Schüler geht mit Respekt in dieses Zimmer.
»Setzt euch.«
Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Bild mit aufgeklebten Kaffeebohnen »Life happens, coffee helps.« Ich rieche leider keinen Kaffee, sondern nur modrigen Teppich.
»Könnt ihr euch vorstellen, warum ich mit euch der sprechen will?«
Die Uhr über dem Schreibtisch tickt fordernd in die Stille.
»Nicht so richtig«, antwortet Joey aus der Parallelklasse.
»Die Mutter einer Schülerin hat mir ein Chatverlauf gezeigt, der nicht für Schüleraugen bestimmt ist. Ich will wissen, wer dafür verantwortlich ist.«
Die eingestürzten Betonpfeiler drehen sich in ein einziges, großes Nichts. Wände vermischen sich mit Decken und das Karussell nimmt Fahrt auf. Dann wird es schwarz.
Das Nächste, was ich rieche, ist japanisches Heilpflanzenöl auf meiner Stirn. Ich liege im Krankenzimmer und kann unsere Sekretärin durch die offene Tür telefonieren hören.

Drohnen, Flugtaxis – gibt’s auch schon Zeitmaschinen? Ich brauche eine, dringend!

Ich stelle das Datum auf den letzten Schultag vor den Sommerferien!
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Engel72
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 47
Beiträge: 16
Wohnort: Dresden


BeitragVerfasst am: 15.06.2019 09:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo flo str,

als ich deine erste Version gelesen hatte, hättest du mich als Leser nicht gefesselt.

Hingegen die überarbeitete Version macht Lust auf mehr. Da weiss man genauer um was es geht und man kann sich da besser hinneinversetzen. Bin mal gespannt, wie es weiter geht.

LG Engel72
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reißwolf
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 146



BeitragVerfasst am: 17.06.2019 12:16    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber flo str!

Hier, auch, wenn es nicht mehr aktuell ist, eine Rezension deiner ersten Version. Vielleicht kannst du daraus etwas gewinnen.

Ein kreativer Text, ohne Frage. Dir gelingen originelle Wendungen und bildhafte Neologismen:
(Zinkengewächs, Körperhygienesau, Blattgepinsel, Gedankenkugelhagel). Auch einige der Bilder finde ich gut, zum Beispiel die Buchstaben des Namens, die den Körper durchlöchern oder den Bart, der die unteren Mundwinkel unterstreicht. Erheblichen Verbesserungsbedarf sehe ich dagegen auf anderen Gebieten: Erzählzeit, Timing, Dichte.

Dichte
Ich könnte fast an jeder Stelle deines Textes ansetzen. Ein gutes Beispiel ist der eben erwähnte Satz mit dem Bart. Hier noch mal das Original:
Zitat:
Sein Bart unterstreicht in seinem Gesichtsausdruck die unteren Mundwinkel, so dass er aussieht wie Tolkiens Sarumann im Kampf um Mittelerde.

»in seinem Gesichtsausdruck« ist eine überflüssige Verlängerung und kann raus (jeder weiß, dass Bärte üblicherweise in Gesichtern zu lokalisieren sind). Der Zusatz mit Sarumann ist ein schwächeres Nachgeplänkel (Schwächeres folgt auf Starkes – nicht gut!), was zudem all jene Leser ausschließt, die nicht wissen, wer Sarumann ist. Weg damit. In dieser Weise entschlackt könnte etwa Folgendes übrigbleiben:
»Der Bart unterstreicht die Form seiner Mundwinkel.« Klares Bild, fertig aus.

Timing
Auch hier ist das »Zuviel« dein Verhängnis.
Zitat:
Ein Loch gähnt vor meinem bekritzelten Holztisch[,] und ich falle vom dritten Stock bis in den Fahrradkeller.

Dieser Satz zeigt an gleich zwei Stellen, dass du dich nicht wirklich in die Szene eingefühlt hast. Da explodiert also die Schule, und der Prota fällt drei Stockwerke in die Tiefe. Ein hochdramatisches Ereignis! Hier wäre jede Tendenz zum Ausschweifen zu vermeiden. Was aber machst du? In aller Seelenruhe ordnest du dem Tisch noch Attribute zu. »Holz« und »bekritzelt«, welch Letzteres zudem mit Muße und Gemächlichkeit assoziiert wird und das Tempo vollkommen zerstört. Noch tödlicher in diesem Kontext aber ist deine Entscheidung für das Wort »gähnt«. Alles, was recht ist, aber man glaubt dir das Szenario nicht, du bist nicht wirklich drin – der Leser wird es auch nicht sein. (Davon abgesehen ist das »gähnende Loch« so abgedroschen wie der »rotwangige Apfel« oder die »graumelierten Schläfen«. Und: die »eisblauen Augen«. Solche Bilder gehören nicht ins Repertoire eines Schriftstellers.)

Erzählzeit
Rückblenden, zumal mit kontrastierenden Stimmungen, sind anspruchsvolles Handwerk. Zur Beherrschung dieser Kunst gehört das Wissen, wie man Erzählzeiten wechselt, wie man den Aufenthalt im sperrigen Plusquamperfekt so kurz wie möglich hält, wie man den Switch ins Präteritum kaschiert, wann man das historische Präsens zum Einsatz bringt. Im Falle deines Textes hüpft die Erzählzeit manchmal unvermittelt in der Gegend herum:
Zitat:
[…] und Herr Wenger muss leiden. Wie dämlich kann man sein? Meine innere Stimme blieb einfach stumm. Ich höre die Schritte auf dem Flur, […]


Einen ungeschickten Umgang mit der Erzählzeit offenbart auch dein Einstieg. Hier das Original:
Zitat:
Sekundenzeiger hängen für gewöhnlich in Mathestunden. Das gleich die komplette Uhr explodieren wird, ist mir nicht klar. Ein Loch gähnt […]

Das geht ziemlich im Zickzack. Zunächst wählst du das Präsens. Hier verbietet sich jedoch, was du im zweiten Satz tust: ein Blick in die Zukunft. Präteritum würde diesen logischen Fehler vermeiden. Dann folgt das schon erwähnte, leidige »gähnende Loch«, die Explosion ist also erfolgt. (Merkwürdig by the way: Die Bombe steckt in der Uhr, was aber aufreißt, ist der Boden. Na ja.)
Auch der weitere Verlauf geht im Zickzack:
Zitat:
[…]und ich falle vom dritten Stock bis in den Fahrradkeller. Sturzflug. Meine mittellangen Locken, die sonst dem zierlichen Rehaugengesicht Deckung geben, zappeln von unten nach oben über mir.

Bereits der erste Satz markiert mit dem Wort »Fahrradkeller« das Ende des Sturzes. Dann folgt das Wort »Sturzflug«. An dieser Stelle kann es nur noch als Rückblick gemeint sein: Der Prota liegt verletzt im Fahrradkeller, und ihm wird jetzt erst klar, dass er soeben einen Sturzflug absolviert hat. Doch was folgt dann? Eine - angesichts der dramatischen Situation - völlig deplatzierte Beschreibung der Locken und des zierlichen Rehhaugengesichtes. Diese Gedanken hat kein Mensch, der soeben in den Fahrradkeller gestürzt ist. Was tun die Locken? Sie zappeln von unten nach oben. Warum? Kommt irgendwie Wind von unten? Oder ist es wiederum ein Rückblick auf den soeben erlittenen Sturz, auf die während des Fallens flatternden Haare? Der Ablauf der Ereignisse bleibt unklar.

Fazit
Du kannst dem Leser nur vor Augen führen, was auch vor deinen Augen steht. Was denkt (fühlt) der Prota in jeder einzelnen Sekunde des Ereignisses? Wenn er auf die Uhr blickt, kann er nicht wissen, dass er nicht ahnt, dass gleich die Uhr explodieren wird. Wenn er noch stürzt, denkt er weder an seine zierlichen Augen noch daran, dass der Sturz im Fahrradkeller enden wird.
Dein Text hat viel Potential und zeugt von Phantasie. Aber dem gegenüber steht leider ein Mangel an Handwerk und ein ungeschickter Umgang mit dem Tempo. Deine teilweise nicht stringent aufgeführten Plotpoints offenbaren eine (unbewusste?) Distanz zu Prota und Handlung.

Viel Spaß beim Verwenden oder Verwerfen!
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reißwolf
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 146



BeitragVerfasst am: 17.06.2019 13:07    Titel: Antworten mit Zitat

Wow, jetzt wird der Text verständlich! Sehr viel dichter und klarer. Meine Anmerkungen im Text:



Zitat:
Vom Gefühl her, [Komma weg] bin ich heute ohne Kleider in der Schule. Irgend so ein Arsch hat ein Bild meines Körpers geklaut, das nur mir gehört. Die Blicke meiner Mitschüler bohren sich wie Reißnägel in meine trockene Neurodermitis-Haut. Ich schreibe ihm [wer ist "ihm"? Der "Arsch", der das Bild geklaut hat?] einen Zettel und falte ihn mit tausend Fragezeichen in meinem Kopf.

» Wie ist das passiert? «

Es klopft dreimal an der Klassenzimmertür. Elija [Empfänger des Briefes?] weicht meinen Blicken aus. Er versteckt die Antwort und seine Hände immer tiefer in den Hosentaschen, tief im Stuhl versunken, als würde er mit der ganzen Sache nichts zu tun haben.
Bruder Fritz, der Rektor des Peterstift-Gymnasiums, tritt ans Pult und blickt in die Runde. Erstaunlich, wie sich der Lärmpegel ohne ein Wort von Fritz senkt. Seine Augen stoppen bei mir.
»Du bist Klassensprecherin der 10a, Pauline?«
Ich nicke.
»Bitte komme ins Rektorat.«
Wie Salzsäure [ein bisschen weit hergeholt. Salzsäure auf den Lippen gehört nicht zum üblichen Erfahrungsschatz von Zehntklässlern] ätzen die zerkauten Bleistiftreste meine Lippen. Ich falle durch ein Loch im Boden vom dritten Stock bis in den Fahrradkeller. Schule war immer in Ordnung für mich. Automatische Jalousien, die sich dem Sonnenlicht anpassen. Mein Platz hinten links am Fenster, Blick Richtung Park. [schön knapp, dennoch klar vor Augen des Lesers]
Jetzt dieser Absturz. Ich will schreien, doch mir fehlt die Luft für einen Ton. Wortlos [Wortlos kann raus, denn wir haben ja gerade gehört, dass die Luft für jeden Ton fehlt] schiebe ich den Stuhl nach hinten und folge Fritz zu seinem Büro in den Altbau. Ich weiß, dass Fritz nicht wegen Kleinigkeiten den Unterricht stört. Er kommt nur, wenn die Kacke am Dampfen ist. ["Kacke am Dampfen" ist abgedroschen, geht aber in diesem Fall klar, weil üblicher Slang] Ich habe echt keine Lust [Komma] darüber zu reden [Komma] und es geht auch absolut keinen etwas an. Er öffnet die Tür [Komma] und jeder Schüler geht mit Respekt in dieses Zimmer.
»Setzt euch.«
Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Bild mit aufgeklebten Kaffeebohnen »Life happens, coffee helps.« Ich rieche leider keinen Kaffee, sondern nur modrigen Teppich. [Gut! Bin olfaktorisch in der Szene!]
»Könnt ihr euch vorstellen, warum ich mit euch der sprechen will?«
Die Uhr über dem Schreibtisch tickt fordernd [gut!] in die Stille.
»Nicht so richtig«, antwortet Joey aus der Parallelklasse.
»Die Mutter einer Schülerin hat mir ein ["einen"] Chatverlauf gezeigt, der nicht für Schüleraugen bestimmt ist. Ich will wissen, wer dafür verantwortlich ist.«
Die eingestürzten Betonpfeiler drehen sich in ein einziges, großes Nichts. Wände vermischen sich mit Decken [Komma] und das Karussell nimmt Fahrt auf. Dann wird es schwarz.
Das Nächste, was ich rieche, ist japanisches Heilpflanzenöl auf meiner Stirn. Ich liege im Krankenzimmer und kann unsere Sekretärin durch die offene Tür telefonieren hören.

Drohnen, Flugtaxis – gibt’s auch schon Zeitmaschinen? Ich brauche eine, dringend!

Ich stelle das Datum auf den letzten Schultag vor den Sommerferien!


Wesentliche Verbesserung. Die Abfolge ist jetzt glasklar (auch, dass die Schule nicht wirklich einstürzt). All das temporaubende Beiwerk überflüssiger Beschreibungen wurde entfernt. Weiter so!
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flo str
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

Alter: 33
Beiträge: 4
Wohnort: Bruchsal


BeitragVerfasst am: 17.06.2019 13:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

ich danke euch für eure Kommentare. Ich bin absoluter Bauchschreiber, aber es lohnt sich wirklich die Wort für Wort durchzugehen und sich nicht in Schönschreibereien zu verlieren.Ich hab durch ein Probelektorat einer Lektorin ordentlich eins auf die Fresse bekommen, aber ich glaube es tat meinem Text gut und bringt mich weiter, auch wenn ich dabei war das Ganze in die Tonne zu treten. Kennt ihr solche Erfahrungen, dass ihr zunächst total am Boden seid und nach einiger Zeit dann mit Distanz besser an euren Texten arbeiten könnt? Vielen herzlichen Dank!
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Care
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 107
Wohnort: Österreich


BeitragVerfasst am: 17.06.2019 14:04    Titel: Antworten mit Zitat

Die von dir geschilderte Situation kennt jeder Künstler, egal aus welchem Genre, egal wie alt oder gut. Selbst absolute Größen ernten ab und zu eine Kritik, die ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht.

Aber selbst solche vernichtenden und zum Teil respektlosen Rückmeldungen haben ihr Gutes. Entweder erkennt man das Körnchen Wahrheit darin und schleift dadurch an seiner Arbeit, oder man lernt, über diesen Dingen zu stehen.

Liebe Grüße
Care
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 87
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 17.06.2019 16:03    Titel: Antworten mit Zitat

Auch, wenn das von Deinem Text wegführt, Kritik tut weh.
Im ersten Moment ist man enttäuscht, im nächsten trotzig und nach kurzer Zeit liest man sein Geschreibsel unter dem Aspekt des Kritikers - und muss ihm/ihr in bestimmten Belangen (zähneknirschend) Recht geben.
Ich stimme Care uneingeschränkt zu, es hilft Dir in der Charakterbildung und auch Deinem Schreiben.
Aus einer Niederlage lernt man alles, aus einem Sieg nichts.


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reißwolf
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 146



BeitragVerfasst am: 17.06.2019 22:31    Titel: Antworten mit Zitat

flo str hat Folgendes geschrieben:
Kennt ihr solche Erfahrungen [...] ?

Klar. Man darf es nicht persönlich nehmen. In unserer Familie zum Beispiel haben wir uns alle lieb. Gerade deshalb gehen wir mit dem Werk des anderen teilweise sehr hart ins Gericht. Manchmal auch ziemlich polemisch. (Wir sind 4 Musiker, 1 Maler, 2 Schriftsteller, 1 Schauspieler, 1 Filmemacher). Klingt komisch, aber Werkkritik ist bei uns eine Form von Zuneigung. Gefälligkeitslob würde ich fast schon übel nehmen. Es würde ja bedeuten, dass man als Künstler nicht respektiert wird.
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