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Lebensnacht


 

 
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Zettel
Geschlecht:männlichWortedrechsler


Beiträge: 71



BeitragVerfasst am: 05.06.2022 13:41    Titel: Lebensnacht eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Alfred nahm eines der Handtücher von dem Stoß auf dem Tisch und wischte sich damit den Schweiß vom Gesicht.
„Ist das Sonnensegel offen? Mir wird so warm.“
„Es ist warm“, bestätigte Gerda. „Hier oben ist es immer warm, das weißt du doch, es sei denn, es ist heiß. Aber heute soll sich der Thermostat auf höchstens 30 Grad einpendeln, hat der Sprecher der Zentrale gesagt.“
„Der Sprecher der Zentrale? Du hattest wieder das Dialogsystem an“, stellte Alfred verärgert fest. „Du weißt doch, wieviel Energie das Ding frisst. Das ist viel zu kostspielig für uns.“
„Ja, das ist mir doch klar. Aber du hast geschlafen, und ab und zu muss ich mit jemandem reden, sonst werde ich kirre.“
„Das ist kein Jemand. Das ist eine Maschine, und sie reagiert nur mit vorinstallierten Sprachbausteinen auf dich. Verstehst du denn nicht, dass wir uns so etwas nicht mehr leisten können!“
„Aber was leisten wir uns denn überhaupt!“ Gerda wurde ärgerlich. „Ich darf nicht mehr telefonieren, weil unser letzter Akku immer schwächer wird. Ich darf nicht ins Internet, weil wir das Tablet schonen müssen für Notfälle. Und deshalb erfahren wir auch sonst nichts mehr von dem, was da unten vorgeht. Mir fällt hier einfach die Decke auf den Kopf.“
„Entschuldige“, gab Alfred nach, „Ich weiß ja auch, dass es nicht leicht ist, das alles auszuhalten. Wir müssen uns eben einschränken, bis die Regierung eine Lösung gefunden hat.“
„Das glaubst du doch selber nicht. Von denen hat man seit der letzten Wahl nichts mehr gehört und gesehen. Die sitzen in ihren klimatisierten Bunkern und lassen uns hier verschmoren. Das Einzige, was denen einfällt, sind immer die gleichen Appelle zum Maßhalten, zum Energiesparen und zum Ruhigbleiben. Und den Müll sollen wir hier oben trennen! Verdammt, ich hätte gerne Müll zum Trennen. Die rationierten Lebensmittel kriegen wir aber unverpackt in
Kunststoffkisten, und das Wasser in Kunststofftanks. Ich wäre froh, wenn ich mal eine Konservendose von Papierabfall trennen dürfte, aber dazu bräuchte ich erst mal eine Konservendose und Verpackungspappe oder wenigstens einen Werbeprospekt. Eine Klopapierrolle wäre schon toll!“
Gerda hatte sich richtig in Rage geredet, aber so schnell, wie ihr die Nerven durchgegangen waren, beruhigte sie sich wieder und setzte sich mit einem resignierten Achselzucken Alfred gegenüber an den Küchentisch.
„Na, wollen wir eine Runde Mau-Mau spielen? Das lenkt ab, und wenn wir die Sonnensegel herunterlassen, bleibt auch die Temperatur erträglich.“
Sie wollte schon die abgegriffenen Karten aufnehmen, doch Alfred winkte ab.
„Nein, jetzt nicht, Liebes. Ich glaube, es ist besser, wenn ich noch ein wenig ausruhe.“
Er drückte auf den kleinen Knopf an der Armlehne seines Rollstuhls, und der Injektionsapparat verabreichte ihm eine Dosis seines Beruhigungsmittels, das ihn bald einschlafen ließ.

Gerda wartete ab, bis seine Atemzüge ganz gleichmäßig wurden. Dann stemmte sie sich schwerfällig aus ihrem Stuhl hoch und trat an den Rollstuhl heran, um Alfreds auf die Brust gesunkenes Kinn anzuheben und seinen Kopf an die gepolsterte Wand zu lehnen.
Sie bedauerte ihren Ausbruch. Ihr Mann konnte ja wirklich nichts dafür, dass ihre Situation so ausweglos geworden war. Sie hatten vor fünfzehn Jahren bewusst entschieden, hierher zu ziehen, ohne letztlich wissen zu können, was ihnen die Zukunft tatsächlich bringen würde. Alfred war damals schon über neunzig und sterbenskrank gewesen, die Raum-Therapie, die 2033 auf den Markt kam, deshalb seine letzte Chance. So hatten sie ihr ganzes Vermögen eingesetzt, um sich das Wohnrecht und die bahnbrechende Strahlenbehandlung in einem Kubus zu sichern, mit dem sie seither im Orbit um die Erde kreisten. Und zunächst fanden sie ja auch Bestätigung für ihren Schritt. Die Therapie hatte Alfred gutgetan. Die degenerativen Auswirkungen seiner chronischen Erkrankung wurden weitgehend gestoppt, und sie hatten in ihrem Kubus ein zwar recht einfaches, aber gemeinsames Leben fortführen können. Dann aber geschahen auf der Erde die ökologischen Katastrophen, die unausweichlich gewesen waren, und als deren Folgen gab es Wirtschaftskrisen, militärische Auseinandersetzungen um die letzten Rohstoffe, Flüchtlingsströme in die verbliebenen Industriestaaten.
Gerda war froh gewesen, dass wenigstens die Raum-Therapie GmbH nicht pleite gegangen war, wie so viele andere Unternehmen, aber auch sie hatte den Standard ihrer Dienstleistungen senken müssen. Wie es für Notfälle im Vertrag stand, wurde seither nur noch die Grundversorgung für den Kubus gewährleistet. Nahrung, die nötigsten Medikamente, rationierte Energieträger.
Alfreds Gesundheitszustand hatte sich in den zurückliegenden Monaten kontinuierlich verschlechtert. Die Therapie schlug nicht mehr an, und Gerda wusste sehr genau, was nun bald passieren würde. Sie hatte es schon einmal vor fünfzehn Jahren miterlebt und miterlitten. In wenigen Wochen würden seine Schmerzen wieder unerträglich werden. Er würde sich wieder winden im Schlaf, wieder weinen aus Verzweiflung, stöhnend in seinem Rollstuhl kauern, von Krämpfen gequält darauf warten, dass es Zeit würde für die nächste Injektion seines Schmerzmittels. Aber diesmal würde nicht genug davon da sein. Sie erhielten schon lange nur noch die vertraglich zugesicherte Mindestmenge an Opioiden, und für zusätzliche Bestellungen hatten sie kein Geld mehr.

Völlig erschöpft ließ sie sich in den Rollstuhl fallen. Sie hatte ihn ans Bett gerollt und ihre ganze Kraft aufgebraucht, um Alfreds mageren Leib auf die Matratze zu heben. Da lag er nun mit über der Brust gefalteten Händen, die Augen geschlossen, das Gesicht entspannt. In der Küche vorhin hatte sie noch lange still bei ihm gesessen, hatte ihn betrachtet, während er schlief. Ab und zu hatte sich sein Körper verkrampft, wenn wieder eine Schmerzwelle durch seine Eingeweide schoss. Aber er war nicht aufgewacht davon. Irgendwann war sie schließlich aufgestanden und hatte den Behälter mit dem Beruhigungsmittel gegen den mit dem Schmerzmittel getauscht. Anschließend hatte sie den Injektionsapparat betätigt. Sechsmal. Der Schlaf ihres Mannes war danach ganz ruhig geworden. Und dann hatte er aufgehört zu atmen.
Der Behälter war noch halbvoll. Sie verband den Schlauch des Injektionsauslösers mit dem Zugang auf ihrem Handrücken und drückte entschlossen zu. Sechsmal. Zuletzt legte sie behutsam ihre Rechte auf Alfreds Schulter. Es war ein langer Lebensabend gewesen. Nun kam die Nacht.

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Stagepilot
Geschlecht:männlichWortedrechsler

Alter: 54
Beiträge: 52
Wohnort: SüdSuedWest


BeitragVerfasst am: 05.06.2022 15:16    Titel: Antworten mit Zitat

Der Text weckt  in mir viele Gedanken, die ich so oder so ähnlich auch schon hatte. Ein Planet oder ein Teil unseres Planeten oder sogar Deutschland in einer Dystopie in den 30er Jahren dieses Jahrtausends.
Während ich las, fragte ich mich bereits, wieso der Mann im Rollstuhl überhaupt noch lebte. In einer derart rationierten Welt, hätte man ihn vermutlich schon eher wegrationalisiert, nun erledigte dies seine Gattin.
Es spricht ein Randthema, mehrere sogar an (Suizid, Sterbehilfe, die Leute werden uralt, Armut, Zukunft der Erde, Klimawandel, Science Fiction und mögliche kommende Ereignisse nach Corona, Ukraine, Affenpocken, Wave-X, Scandytrouper (ups ich bin zu weit), also jedenfalls traurig einerseits, realitisch andererseits. Inhaltlich konkruent, so wie vermutlich viele Leute denken.
Dennoch sind Fragen offen: Wie bereits erwähnt, frage ich mich wo dieses Szenario spielt?
Wie kam es zu der Situation?
Die Rolle des Sprechers würde ich teilweise durch Dialoge vorher ersetzen.


_________________
Du sollst nicht übermäßig fressen, saufen, spielen: Schreib und lass die Verben tanzen!🤸
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Kurzerede
Geschlecht:männlichWortedrechsler

Alter: 54
Beiträge: 62
Wohnort: Irgendwo am schönen Teutoburger Wald


BeitragVerfasst am: 05.06.2022 17:31    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Text, der nachdenklich und auch ein wenig traurig stimmt. Er lässt mich mit einem schweren Herzen zurück. Genau da ist sicher auch das Ziel. Also, Ziel erreicht. Ich finde ihn gut geschrieben und habe ihn gerne gelesen. Ein Text ohne Happy End. - Wie das Dasein der Menschheit ...

_________________
Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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HansGlogger
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 63
Beiträge: 194
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 05.06.2022 19:08    Titel: Antworten mit Zitat

gut geschrieben. Dass die Geschichte in der Erdumlaufbahn spielt, ist entbehrlich, vor allem bei einem so kurzen Text. Statt der Raum-Therapie täte es auch eine Therapie auf der Erde und die dystopischen Akzente *) könnten dann mehr dem show dont tell folgen.
Nur als Anregung.

*) Damit meine ich
Dann aber geschahen auf der Erde die ökologischen Katastrophen, die unausweichlich gewesen waren, und als deren Folgen gab es Wirtschaftskrisen, militärische Auseinandersetzungen um die letzten Rohstoffe, Flüchtlingsströme in die verbliebenen Industriestaaten.
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Dyrnberg
Geschlecht:männlichLeseratte


Beiträge: 121
Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 12.06.2022 17:00    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für die Lektüre. Das ist meines Erachtens ein sehr souveräner Erzählstil.

Wenn ich etwas kritisieren müsste, dann: Man könnte manchmal Dinge weglassen und damit die Dynamik erhöhen, ohne dass inhaltlich etwas verloren geht. Ich gebe ein Beispiel:

Zitat:
„Es ist warm“, bestätigte Gerda. „Hier oben ist es immer warm, das weißt du doch, es sei denn, es ist heiß. Aber heute soll sich der Thermostat auf höchstens 30 Grad einpendeln, hat der Sprecher der Zentrale gesagt.“
„Der Sprecher der Zentrale? Du hattest wieder das Dialogsystem an“, stellte Alfred verärgert fest. „Du weißt doch, wieviel Energie das Ding frisst. Das ist viel zu kostspielig für uns.“


Diesen Dialog könnte man dynamischer gestalten. Zum Beispiel:

Zitat:
"Hier oben ist es immer warm", sagte Gerda. "Das weißt du doch. Aber heute soll sich der Thermostat auf höchstens 30 Grad einpendeln, hat der Sprecher der Zentrale gesagt."
"Du hattest also wieder das Dialogsystem an", stellte Alfred verärgert fest. "Du weißt doch, wieviel Energie das Ding frisst."


Meines Erachtens würde hier inhaltlich genau dasselbe transportiert werden - aber in weniger Worten. In einem Dialog, der eventuell (!) realitätsnäher ist. Nur ein Vorschlag.
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 115
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 17.06.2022 08:53    Titel: Antworten mit Zitat

Gut und flüssig erzählt - und interessant genug, um mich in die Geschichte zu ziehen, obwohl ich SciFi-Geschichten sonst nicht lese.
Den Vorschlag von @Dyrnberg für den Dialog finde ich tatsächlich gelungener.
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