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Grufti/Emoszene + Nostalgie 2000er


 
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Lisbeth Eulenauge
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 16
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BeitragVerfasst am: 17.04.2021 21:02    Titel: Grufti/Emoszene + Nostalgie 2000er eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Abend, meine lieben Early2000s-Nostalgiker!

Mein aktuelles Schreibprojekt hat zwar andere Hauptthemen, allerdings würde ich gerne ein wenig Nostalgiefaktor für die Zeit 2005-2010 einfließen lassen. Die Handlung soll im Jahr 2008 spielen und ich möchte das für den Leser spürbar machen.
Ich stütze mich bisher fast ausschließlich auf meine eigenen Erinnerungen (ich war, wie auch meine Protagonistin ein Teenager zu dieser Zeit) allerdings möchte ich mich nicht einzig allein darauf verlassen.
Recherche fällt mir ein bisschen schwer, da das Internet zum größten Teil von der englischsprachigen Welt dominiert wird und ich das Gefühl habe, dass die deutsche Kultur sich doch noch ziemlich unterschieden hat zu der Zeit (noch mehr als heute). Außerdem agieren die Charaktere zu einem großen Teil in der alternativen Musikszene/Jugendkultur (hauptsächlich Emo und Gothic - die Abneigung zwischen den beiden ist ein Thema, das ich in der Geschichte aufgreifen möchte). Das macht die Recherche ebenfalls ein bisschen schwierig.

Nun hoffe ich also, dass sich vielleicht die ein oder andere Person findet, die damals ein bisschen alternative Jugendkultur erlebt hat oder allgemein ein gutes Gedächtnis für die genannte Zeit hat und meine persönlichen Erinnerungen ergänzen kann.

Liebe Grüße
Lisbeth
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Mogmeier
Geschlecht:männlichGrobspalter

Moderator
Alter: 48
Beiträge: 2504
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BeitragVerfasst am: 18.04.2021 00:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Lisbeth,

ich fürchte – ich so als Grufti a.D. –, ich bin dir dabei wahrscheinlich keine große Hilfe, da ich mich von dieser Gothic-Entwicklung hin zu Fetisch und Emo schnell distanzierte. Ich meine, meine Dienstzeit als Grufti hatte ich gegen Ende der 80er- bis zur Mitte der 90er-Jahre, und dabei ging es noch um richtige Ideale, zum Beispiel: Gläserrücken; das Übernachten auf Friedhöfen; und generell mit melancholischem Desinteresse durch die Welt zu wackeln.

Viele Grüße
Mog


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»Nichtstun ist besser, als mit viel Mühe nichts schaffen.«
Laotse
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Taranisa
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BeitragVerfasst am: 18.04.2021 13:09    Titel: Antworten mit Zitat

Mich hatte zu meiner damaligen Hauptgothiczeit am Meisten die Musik begeistert und das angenehme Zusammensein mit Gleichgesinnten, da fühlte ich mich auch auf Großveranstaltungen wohl. Je nach dem sonstigen Umfeld (z.B. ländlicher Bereich, wie ich, oder Großstadt) wird diese Kultur mehr oder weniger in welche Richtung auch immer intensiv gelebt worden sein. Ich kenne niemanden, der auf einem Friedhof übernachtet oder "düstere Rituale" durchgeführt hat.

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"Henkersweib", Burgenwelt Verlag, ET 12/18
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Nina
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Beiträge: 5104



BeitragVerfasst am: 18.04.2021 13:51    Titel: Antworten mit Zitat

hi lisbeth,

was genau möchtest du denn wissen?

locations?
sprache?
klamotten?
musik/bands?
konflikte?
eltern?
die art wie getanzt wurde?

lg
nina


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Liebe tut der Seele gut.
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V.K.B.
Geschlecht:männlich[Error C7: not in list]

Alter: 48
Beiträge: 4095
Wohnort: Nullraum
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 18.04.2021 14:05    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mach mal ein Brainstorming, was mir zu meiner Gothic-Zeit einfällt: "Die Form" Konzerte, "Deine Lakaien", "Qntal", drei "Touched by the Hand of Goth" 2-CD Digibook Sampler (die bei mir rauf und runter liefen), ein Schuppen/Club in Bremen und einer in Osnabrück (hab beide Namen vergessen), Grablichter, Patschuli, Kerzenlicht (und heißes Wachs), BDSM-Romantik (jenseits von 50 Shades Lackaffenkram), Kathedralen, Burgruinen, expressionistische Lyrik, ausschließlich schwarz tragen, Ecki Stiegs Radiosendung "Grenzwellen" (lief glaub ich Mittwochs und ist (neben einer Metal-Sendung, deren Namen ich nicht mehr weiß) glaub ich das einzige, wofür ich je in meinem Leben ein Radio eingeschaltet habe), endloses Stöbern in Underground-Plattenläden, atheistischer Satanismus (nicht negativ gemeint oder was Spießer damit verbinden, sondern philosophisch), usw.
Richtig Gruft bin ich aber nie gewesen, sondern (zumindest musikalisch) mehr Thrash/Death/Black-Metal zugewand, aber Gothic mochte ich auch. War dann hauptsächlich wegen einer damaligen Freundin und Partnerin auch bei Gothic gelandet.


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Warning: Cthulhu may occasionally jumpscare people …
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 18.04.2021 17:00    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, da hab ich auch ein ellenlanges Manuskript auf dem Rechner, hoffentlich stellst Du mal ein paar Ausschnitte daraus ein, ich würd mich drauf stürzen Buch
Was mir spontan dazu einfällt: Nein, Gothic wollte man nicht genannt werden, man gehörte zur Schwarzen Szene und war ein(e) Schwarze(r). Höchstens noch Goth. Gothic war die Generation davor Laughing (Aber vllt war das auch regional verschieden)


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Mogmeier
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Alter: 48
Beiträge: 2504
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BeitragVerfasst am: 20.04.2021 00:49    Titel: Antworten mit Zitat

Taranisa hat Folgendes geschrieben:
Ich kenne niemanden, der auf einem Friedhof übernachtet oder "düstere Rituale" durchgeführt hat.


Gläserrücken war damals in den 90ern bei uns total angesagt. Wir hatten dazu eigens einen Raum im Jugendklub hergerichtet. Das Hexenbrett war Marke Eigenbau und mit der Zeit dann nicht nur mit Kerzenwachs und Pizzaresten besprenkelt. Aber egal.
Wie wir da in stiller Runde, umgeben vom Licht teilnahmslos vor sich hin brennender Kerzen, um das Hexenbrett herum saßen – jeder von uns war mit ’nem Finger am Glas –, ging es dann auch schon los. Ab und an kamen dann immer mal so Zwischenrufe, wie zum Beispiel: »Hey, wer schiebt’n hier? Hier schiebt doch jemand.«

Was für ein Heidenspaß!

Ich habe immer noch gut dieses Geräusch in Erinnerung, wenn sich das umgestülpte Glas über das nicht mehr ganz so saubere Brett bewegte …


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Nina C
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BeitragVerfasst am: 20.04.2021 07:08    Titel: Antworten mit Zitat

2008 war ich zwar schon kein Teen mehr, sondern Student, aber noch nicht sehr lange. *g*
Bin da aber bei meiner Namensvetterin: Was genau willst du denn wissen? Smile

Liebe Grüße

Nina


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Wenn ihr nicht die gequälten Sklaven der Zeit sein wollt, macht euch trunken, ohn’ Unterlass! Mit Wein, mit Poesie mit Tugend, wie es euch gefällt. (Charles Baudelaire)
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Lisbeth Eulenauge
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 16
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 20.04.2021 19:55    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für die vielen Antworten und ich möchte mich für die lange Antwortzeit entschuldigen. Jetzt will ich mal ein bisschen mehr ins Detail gehen:

Bis zu einem gewissen Grad kann ich bei meinen Themen aus eigenen Erinnerungen schöpfen, mir geht es vor allem darum, die Geschichte nicht nur mit persönlichen Memoiren zu ertränken, sondern ein weiteres Spektrum an Erfahrungen zu sammeln und so vielleicht ein akurateres, weniger subjektives Bild der "Epoche" zu zeigen, auch wenn dieser Aspekt natürlich trotzdem größtenteils durch die Wahrnehmung der Charaktere erzählt wird.

Vor allem interessieren mich allgemeine Erinnerungen an die Zeit selbst, also gern auch von NICHT-Mitgliedern von Schwarzer Szene und co!

Mogmeier hat Folgendes geschrieben:
Hallo Lisbeth,

ich fürchte – ich so als Grufti a.D. –, ich bin dir dabei wahrscheinlich keine große Hilfe, da ich mich von dieser Gothic-Entwicklung hin zu Fetisch und Emo schnell distanzierte.

Viele Grüße
Mog


Der Konflikt zwischen "richtigen Gruftis" und den danach kommenden Subkulturen wie "Emo" spielt eine Rolle in der Geschichte, deshalb wäre das sogar höchst hilfreich für mich! Was war an Emo und Fetisch so abstoßend? Beziehungsweise gab es auch einen Konflikt mit Metalheads, Punks und der "Zwischenwelt" aus allen genannten Kulturen?

Diese "Zwischenwelt" habe ich zum Beispiel damals erlebt, kann aber keinen Namen oder eine Definition dafür finden. Alles was nicht Mainstream oder Hiphop war und mindestens ein bisschen schwarz getragen hat wurde hier versammelt. Es trafen sich Fans von Rammstein, Nightwish, Metallica, Subway To Sally, Slipknot, My Chemical Romance etc in scheinbarer Eintracht, man trug Irokesenschnitt, Emopony, Brokat-Korsetts und karierte Hosen mit Springerstiefeln. Scheinbar so unterschiedliche Teile düsterer Jugendkulturen trafen sich in einer Art Schmelztiegel.
Ist sonst jemandem dieses Phänomen bekannt, oder waren die Subkulturen in eurer Region klarer voneinander getrennt?

Selanna hat Folgendes geschrieben:
Oh, da hab ich auch ein ellenlanges Manuskript auf dem Rechner, hoffentlich stellst Du mal ein paar Ausschnitte daraus ein, ich würd mich drauf stürzen Buch
Was mir spontan dazu einfällt: Nein, Gothic wollte man nicht genannt werden, man gehörte zur Schwarzen Szene und war ein(e) Schwarze(r). Höchstens noch Goth. Gothic war die Generation davor Laughing (Aber vllt war das auch regional verschieden)


Wenn ich etwas Präsentables vorweisen kann, werde ich das bestimmt tun!
Was waren die Gründe für das Problem mit dem Begriff? Bei uns wurde der Begriff Goth/Grufti verwendet (teilweise aber auch von unseren Eltern, was wahrscheinlich neckend gemeint war, aber ich habe es nie abwertend aufgenommen und mich selbst mit dem Begriff definiert). Das kann aber natürlich auch daran liegen, dass ich selbst leider erst eher spät mit anderen Gruftis in Berührung kam und lange Zeit quasi ein Misfit unter Metalheads war. Vielleicht hatte der Begriff bis dahin dann schon sein Revival  und war wieder akzeptiert. Und da gibt es wahrscheinlich auch nochmal die genannten Unterschiede zur englischsprachigen Welt, mit der wir natürlich heute viel enger verwoben sind. ("Schwarz sein" ist da ja auch etwas gravierend anderes)

Mogmeier hat Folgendes geschrieben:


Gläserrücken war damals in den 90ern bei uns total angesagt. Wir hatten dazu eigens einen Raum im Jugendklub hergerichtet. Das Hexenbrett war Marke Eigenbau und mit der Zeit dann nicht nur mit Kerzenwachs und Pizzaresten besprenkelt. Aber egal.
Wie wir da in stiller Runde, umgeben vom Licht teilnahmslos vor sich hin brennender Kerzen, um das Hexenbrett herum saßen – jeder von uns war mit ’nem Finger am Glas –, ging es dann auch schon los. Ab und an kamen dann immer mal so Zwischenrufe, wie zum Beispiel: »Hey, wer schiebt’n hier? Hier schiebt doch jemand.«

Was für ein Heidenspaß!

Ich habe immer noch gut dieses Geräusch in Erinnerung, wenn sich das umgestülpte Glas über das nicht mehr ganz so saubere Brett bewegte …


Hehehe das klingt superlustig, genau nach meinem Geschmack! Nach Corona sollte ich das mit meinem Freundeskreis wieder zum Leben erwecken. (<- Brilliantes Wortspiel, weil Geister.)
Zu weit kann ich mich wohl leider nicht auf diese Schiene begeben, da es bereits Mystery-Horror-Elemente in der Geschichte geben soll. Gläserrücken könnte da vielleicht auf eine zu kitschige Art und Weise auf die falsche Fährte führen.
Grundsätzlich würde mich aber die Faszination an Tod, Friedhöfen und Vergänglichkeit interessieren.
Das wäre z.B. so ein Part, wo ich meine eigene Philosophie und Gedanken zu Rate ziehen kann, aber interessiert bin am Senf anderer Leute!

Außerdem interessiert mich das Thema Jugendklub! Wie kann man sich das vorstellen? War das mehr ein Versammlungsort oder eher ein Veranstaltungsort?


Soweit mal zu euren Antworten! Danke dafür!

Was mich noch grundsätzlich interessiert
:

Wie war z.B. der Schulalltag bzw der grundsätzliche Alltag für Teenager in der Zeit? Es muss ja nicht zwingend das genaue Jahr 2008 sein. Soweit ich mich erinnere hat sich das Leben zwei Jahre davor und danach nicht so krass verändert, dass das für mein Schreibprojekt ein Problem darstellen würde.

Hat jemand Erinnerungen, die besonders hervorstehen? Was hat sich seither verändert? Was löst Nostalgie aus?

Ich erinnere mich zum Beispiel an Handys mit Tasten, mit denen man Freunden bis spät in die Nacht SMS schrieb, weil es ja noch keine MessengerApps gab. Beziehungsweise irgendwelche Apps, wenn wir schon dabei sind. Dann gab es natürlich die Anfänge des Konzepts Socialmedia wie SchülerVZ oder MySpace, die aber noch nicht so einen großen Teil des Alltags bestimmt haben.

Ich erinnere mich auch, dass diese Zeit mitunter die Hochphase von "Coldmirror" war und wir in unserer Freizeit viel Zeit verschwendet haben, die Videos zu zitieren und uns über den heute nicht mehr zeitgemäßen Humor zu bekringeln. Ich glaube heute würde man als Coldmirror mit dieser Art von Content keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken, aber vielleicht irre ich mich auch?

Wie war der Umgang mit Depression und Trauer? Ich habe das Gefühl, dass das Thema heute wesentlich präsenter und salonfähiger ist,  als es um 2008 war. War die mangelnde Unterstützung bezüglich dieser Themen nicht mit ein Hauptgrund, warum sich Leute wie ich zu Subkulturen zusammen fanden? Weil Pädagogen und Eltern nicht liefern konnten?

Zuletzt hoffe ich natürlich, dass sich vielleicht doch noch ein Emo oder Ex-Emo findet, damit die Perspektive für den Konflikt nicht zu einseitig ist Razz

Vielen Dank für eure bisherigen Antworten!!
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Lisbeth Eulenauge
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BeitragVerfasst am: 20.04.2021 20:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ach ja: Grundsätzlich rätsele ich auch noch ein bisschen, wie ich aus den Informationen ein nostalgisches Gefühl einfangen und in Textform wiedergeben kann.
In den letzten Jahren war mein kreatives Ventil fast ausschließlich bildlicher Natur in Form von Gemälden und Zeichnungen. Wenn ich an diese Zeit denke und Nostalgie empfinde sehe ich vor allem Bilder vor meinem inneren Auge. Wie meine Schule aussah, wie die Leute auf der Straße rumliefen.
Die Herausforderung ist für mich also unter anderem etwas schriftlich zu verdeutlichen, das ich bisher immer eher in Bildern ausgedrückt habe. Ich kann ja nicht paragraphenweise im Detail die Klamotten von Passanten oder die Inneneinrichtung vom Wohnzimmer beschreiben lol2

Vielleicht ist das aber eher ein Thema für einen anderen Thread, hier gehts ja vorwiegend um die Recherche und nicht um die Umsetzung.
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Mogmeier
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BeitragVerfasst am: 21.04.2021 08:39    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Liesbeth,

der Hang hin zu Gruft entwickelte sich bei mir bereits in meinen frühen Kindheitsjahren. Ich war damals schon sehr musikbegeistert und zog dabei Songs etc. vor, die in Moll geschrieben waren, also all das Zeug, das in Richtung Melancholie ging, wobei ich hierfür den Ausdruck ‹Schwermut› bevorzuge. Und obwohl ich eigentlich mehr auf der damaligen Synth-Welle schwamm, faszinierte mich dieser gewisse Sound der eigentlichen Gruft-Mucke ungemein, zum Beispiel diese durchgängig oft nur in Achtelnoten gespielte Bassgitarre und eben das ganze Drumherum, bestehend aus leicht verstimmten Cleanguitar-Einspielungen, untermalt mit Syth-Strings und Klavier, das alles natürlich betont mit dominierender Kick- und Snaredrum.

Hineinleben in das Ganze tat ich mich dann während meiner pubertären Teenager-Jahre, also eine Zeit, in der man unweigerlich nach Anarchie schreit, um eben zu zeigen, dass man nicht zum Spießertum usw. gehören möchte. Wobei das ja generell eine schwierige Zeit ist, geprägt von Daseinssuche und damit verbundener Aufmüpfigkeit. Und diese Musik hörte ich nicht aus Niedergeschlagenheit oder Resignation, so nach dem Motto, »Alles scheiße. Lasst mich doch alle einfach nur in Ruhe!«, sondern, weil ich dem Ganzen etwas Positives abgewinnen konnte. Diese Mucke entfachte in mir dabei nicht nur eine positive Stimmung, sondern ein lebensbejahendes Lebensgefühl, das ich dabei auch aus den Songtexten heraus gewinnen konnte, bei denen es mehr um unglückliches Verliebtsein, Verlassensängste, Tod und Ruin ging (dieser ganze depressive Kram halt). Daraus entwickelte sich für mich die „Faszination“ für den Tod – aber jetzt nicht in ’nem suizidgefährdenden Sinne. Für mich war der Tod schon immer etwas Endgültiges, ohne Fortbestehen in anderer Daseinsform danach, oder so. Im Umkehrschluss hieß das für mich, dass das Leben nur im Hier und Jetzt besteht. Und damals war das echt eine enorme Erkenntnis. Dennoch, diese Endgültigkeit, die durch den Tod gegeben ist, birgt in sich viel Anreiz, darüber hinaus zu philosophieren bzw. daraus Abstraktionen zu bilden, und das war schon immer die ganze Faszination daran (zumindest für mich).
Die Sache mit dem Gläserrücken usw. war dabei einfach nur eine Modeerscheinung, oder bessergesagt, ein Zeitvertreib, dem man dabei als Teenager nachging; ein Zeitvertreib, der hinsichtlich meiner sich damals entwickelnden objektiven Einstellung zum Thema Tod zwar recht widersprüchlich daherkommt, aber … Was ist bei ’nem Teenager eigentlich nicht widersprüchlich?

Dieses ganze Feeling hat sich bis in meine nun gegenwärtige Zeit hinein erhalten. Ich färbe mir zwar nicht mehr die Haare schwarz, kleide mich auch nicht mehr [nur] in Schwarz, aber dennoch fühle ich mich dem zugehörig.

In meinem jetzigen Schreibprojekt widme ich mich dieser Thematik, schlage dabei aber der Endgültigkeit des Todes ein Schippchen. Und meine Hauptprotagonistin ist dabei natürlich wie auch ich selbst, Grufti a.D. (außer Dienst).

Viele Grüße
Mog


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Selanna
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BeitragVerfasst am: 22.04.2021 15:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Lisbeth,
Zitat:
Was waren die Gründe für das Problem mit dem Begriff? Bei uns wurde der Begriff Goth/Grufti verwendet

Nicht, dass da ein Missverständnis aufkam: Ich war und bin eher Metaler und war nur mit "Schwarzen" befreundet.
Eine fundierte Antwort kann ich Dir auf die Frage nicht liefern. Grufti war, denke ich, einfach die Generation davor. Wenn ich an "Grufti" denke, denke ich an eine Schilderung von Markus Kavka bei den Mtv News (in etwa wiedergegeben in https://www.focus.de/familie/erziehung/jungs-pruegeln-maedchen-schwaermen-pubertaet_id_1729697.html ), also das blass Schminken, Verbindung zu Okkultismus, aber irgendwie auch noch mehr "punk". Gruftis stelle ich mir - das ist nicht negativ gemeint - "dreckiger", "abgerissener" vor: Da ist die schwarze Jacke auch mal richtig abgewetzt, da halten Sicherheitsnadeln was zusammen (aber das ist alles nur, was ich mit "Grufti" assoziiere und ich will das nicht negativ aufgefasst wissen).
Die "Schwarze Szene", die ich zwischen 2000-2010 meine, war a) eine viel durchmischtere Szene, wo sich viele Richtungen sammelten, die als gemeinsamen Nenner "schwarze Kleidung" hatten. Von Metal bis zu Electro Wave (was für mich ja eher "Techno" ist), von Dunkelromantikern über Esoteriker/Mystiker, Philosophieinteressierte bis hin zu Leuten, die eben irgendwie mitliefen und sich schwarz anzogen, weil das hübsch aussah. b) War mE der Kleidungsstil anders als in der Grufti-Szene, sehr "adrett", sehr elegant, oft eher historistisch angehaucht. Und die Kernfiguren, die ich da im Kopf habe, die waren neben Musik und Film vor allem an Literatur interessiert. Und sie hatten nichts Anarchisches an sich, nichts Rebellisches, das Hauptaugenmerk lag eher auf "biedermeierlichem" Glücksstreben.
Und warum nicht "Gothic"? Vielleicht weil das so ein verbrauchtes Etikett war, ein Stempel, den man nicht aufgedrückt bekommen wollte? Nicht über einen Kamm geschoren werden wollte? Weil damals bei "Gothic" die Allgemeinheit an Ville Valo dachte und das nicht das Klischee war, mit dem man sich identifiziert hat?

Entschuldige, dass ich Dir da nicht weiterhelfen kann. Für mein Manuskript wollte ich übrigens mal fundierter recherchieren (bevor mir tausend andere Sachen dazwischen kamen Rolling Eyes ). Roman Rutkowski habe ich tatsächlich gelesen, aber da war für meinen Plot kaum etwas Brauchbares dabei. Wichtig wären auch noch Tobias Seeliger und Klaus Farin, aber zu denen bin ich gar nicht mehr gekommen.

Liebe Grüße
Selanna


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Lisbeth Eulenauge
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BeitragVerfasst am: 23.04.2021 11:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Mog

Ich erkenne mich da selbst sehr stark wieder! Danke vielmals für den Einblick!

@Selanna

Die Definition von "Schwarzer Szene" klingt hier tatsächlich sehr nach dem, was ich zuvor als subkulturelle "Zwischenwelt" bezeichnet habe. Vielen Dank für den Einblick!
Und auch für die Literaturtipps!
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Mogmeier
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BeitragVerfasst am: 23.04.2021 23:34    Titel: Antworten mit Zitat

Das Anbringen von Werbung, so im kommerziellen Sinne, ist hier im DSFo freilich nicht erlaubt (§ 8 unserer AGB), aber hier fühlte ich mich im Folgenden geradezu genötigt, eine Ausnahme zu machen. smile extra (... zwecks Anschauungsmaterial)

Das Ganze im Spot Dargebotene ist ein sicherlich total überzogenes Klischeebild – aber gerade deshalb schon wieder schön. love

https://www.youtube.com/watch?v=SH0AYSBZafU

 Laughing


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Rainer Prem
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BeitragVerfasst am: 24.04.2021 15:05    Titel: Antworten mit Zitat

Mogmeier hat Folgendes geschrieben:
Das Anbringen von Werbung, so im kommerziellen Sinne, ist hier im DSFo freilich nicht erlaubt (§ 8 unserer AGB), aber hier fühlte ich mich im Folgenden geradezu genötigt, eine Ausnahme zu machen. smile extra (... zwecks Anschauungsmaterial)

Das Ganze im Spot Dargebotene ist ein sicherlich total überzogenes Klischeebild – aber gerade deshalb schon wieder schön. love

https://www.youtube.com/watch?v=SH0AYSBZafU

 Laughing


Is' ja cool. Ich kannte den Spot, wusste weder, dass es H***bach auf Englisch gibt, noch dass bei denen der Spot doppelt so lang ist...
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Lisbeth Eulenauge
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BeitragVerfasst am: 24.04.2021 17:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hehehehe den Spot kenn ich. Fand ich sehr niedlich damals lol2
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Mogmeier
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BeitragVerfasst am: 25.04.2021 22:23    Titel: Antworten mit Zitat

Lisbeth Eulenauge hat Folgendes geschrieben:
Was mich noch grundsätzlich interessiert:

Wie war z.B. der Schulalltag bzw der grundsätzliche Alltag für Teenager in der Zeit? Es muss ja nicht zwingend das genaue Jahr 2008 sein. Soweit ich mich erinnere hat sich das Leben zwei Jahre davor und danach nicht so krass verändert, dass das für mein Schreibprojekt ein Problem darstellen würde.

Hat jemand Erinnerungen, die besonders hervorstehen? Was hat sich seither verändert? Was löst Nostalgie aus?


Wenn du das bzgl. einer Entwicklung des Hanges hin zu Gothic meinst, kannst du wahrscheinlich alles Mögliche aufgreifen, solang du dabei nicht allzu sehr ins Klischee abrutschst, weil man dadurch unweigerlich stereotype Charakterbilder erzeugt. Wichtig ist nur, dass es plausibel rüberkommt. Beziehungsweise so ein bisschen Klischee darf und muss sogar sein, weil so ein Grufti gewissermaßen ja schon einem verallgemeinernden Bild entsprechen muss/soll, aber eben mit berechnendem Abstand zum eigentlichen Klischeebild.
Ich meine, in meinem Manuskript habe ich die Entwicklung meiner Hauptprotagonistin hin zum Gothic-Girl folgendermaßen gelöst: Auslöser war dabei (Achtung! Klischeealarm) der Tod eines Mitschülers, den sie im Alter von neun Jahren miterleben musste. Der Mitschüler war ihre große Liebe (sofern man in dem Alter von Liebe sprechen kann). Zum Zeitpunkt seines Todes – das war irgendwann in der Früh im Krankenhaus – konnte sie nicht an seinem Bett wachen, um dem Jungen beizustehen, und sie sich deshalb Vorwürfe machte, die dann soweit gingen, dass sie sich nicht einmal zu seinem Begräbnis traute. Sie zog sich dann mehr und mehr in ihre eigene „Winterwelt“ (<-- Klischee) zurück und machte dicht. Und dann nach ca. 30 Jahren lasse ich sie zurückkommen und am Grab ihrer großen Liebe stehen. Aber hallo!

Wenn ich allerdings auf meine eigene Kindheit zurückblicke, habe ich keine Ahnung, was genau diesen ganzen Prozess in die Gänge gebracht haben dürfte. Ich war eigentlich ein ganz normales Kind. – Eigentlich.
In der Schule war ich in dem Sinne kein Außenseiter, von dem man hätte erwarten müssen, dass er irgendwann mal Amok läuft. Ich war richtig gut in die Klasse integriert, aber dennoch gab es Dinge, da bewegte ich mich mehr am Rand der Klasse. Ich war stets einer, der ständig über alles Mögliche nachdachte. Meine Aufsätze im Deutschunterricht waren denen der Mitschüler fast immer ziemlich um Längen voraus, was manch einen Mitschüler dann dazu veranlasst hatte, Gedanken, die er nicht zu Papier bringen konnte, mir in der großen Pause fausttechnisch vorzutragen.
Auch bezüglich Mathematik war ich so etwas wie ein Freestyler. Die ganzen Erläuterungen zu den Rechenwegen interessierten mich nicht die Bohne, da ich die Zusammenhänge zwischen Zahlen bzw. zwischen den Termen schnell erfasste und ich mir diese – drei Gedankengänge weiter – vereinfacht darstellte und in meinen Rechenwegen dann auch so vereinfacht anbrachte. Meiner Mathelehrerin missfiel das Ganze sehr. Anstatt, dass sie zum Direktor ging, um in etwa zu sagen, »Das müssen Sie sich ansehen! Wir haben hier wohl einen hochbegabten Schüler an unserer Schule«, legte sie meine Rechenkünste als Blasphemie gegenüber ihrer heiligen Mathematik aus, woraufhin ich dann schnell das Interesse an der Mathematik verlor.
Im Sportunterricht war ich eine Niete. Natürlich brachte auch mich der Sport zum Schwitzen, dies allerdings nicht aufgrund der körperlichen Ertüchtigung, sondern, weil ich panische Angst vor Geräte- wie auch Bodenturnen etc. hatte, was natürlich meine Mitschüler dazu veranlasste, mich zu hänseln.
(Ja, damals habe ich mir nicht einmal getraut, beim Schwimmunterricht in das Nichtschwimmerbecken zu springen.)

Viele Grüße
Mog


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Kojote
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Alter: 31
Beiträge: 1009
Wohnort: Wurde erfragt


BeitragVerfasst am: 25.04.2021 22:46    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Lisbeth Eulenauge!

Ich befinde mich vom Jahrgang her genau zwischen Luke Mockridge und Chris Tall. Soll heißen, im Jahr 2000 began mein zweites Lebensjahrzehnt, das mich außerordentlich geprägt hat.

Ich versuche, dir ein paar Erinnerungen zu schildern, die sich in dem, was ich mein Gehirn nenne, festgesetzt haben. Nimm einfach mit was du gebrauchen kannst. Smile

Lisbeth Eulenauge hat Folgendes geschrieben:
Wie war z.B. der Schulalltag bzw der grundsätzliche Alltag für Teenager in der Zeit? Es muss ja nicht zwingend das genaue Jahr 2008 sein. Soweit ich mich erinnere hat sich das Leben zwei Jahre davor und danach nicht so krass verändert, dass das für mein Schreibprojekt ein Problem darstellen würde.

Hat jemand Erinnerungen, die besonders hervorstehen? Was hat sich seither verändert? Was löst Nostalgie aus?

Ich erinnere mich zum Beispiel an Handys mit Tasten, mit denen man Freunden bis spät in die Nacht SMS schrieb, weil es ja noch keine MessengerApps gab. Beziehungsweise irgendwelche Apps, wenn wir schon dabei sind. Dann gab es natürlich die Anfänge des Konzepts Socialmedia wie SchülerVZ oder MySpace, die aber noch nicht so einen großen Teil des Alltags bestimmt haben.

Ich erinnere mich auch, dass diese Zeit mitunter die Hochphase von "Coldmirror" war und wir in unserer Freizeit viel Zeit verschwendet haben, die Videos zu zitieren und uns über den heute nicht mehr zeitgemäßen Humor zu bekringeln. Ich glaube heute würde man als Coldmirror mit dieser Art von Content keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken, aber vielleicht irre ich mich auch?

Wie war der Umgang mit Depression und Trauer? Ich habe das Gefühl, dass das Thema heute wesentlich präsenter und salonfähiger ist,  als es um 2008 war. War die mangelnde Unterstützung bezüglich dieser Themen nicht mit ein Hauptgrund, warum sich Leute wie ich zu Subkulturen zusammen fanden? Weil Pädagogen und Eltern nicht liefern konnten?


Zum Thema Schule kann ich nix sagen. Ich wurde im Alter von 8 Jahren von der Schule genommen und schlug mich von dem Tag an als Homeschooler durch.

Die Nullerjahre sind eine für mich sehr nostalgische Zeit.

Die Bundestagswahl von 1998 war die erste wichtige Meldung, die ich vollbewusst wahrgenommen habe, aber erst 9/11 und der folgende Krieg gegen die "Achse des Bösen" erreichten mich in einer Reife, die mir eine Mitsprache ermöglichte.

Meine Eltern hatten schon 1994 einen Internetzugang via 56k-Modem, aber nicht fürs World Wide Web, sondern zum Onlinebanking mit Quicken. Nach unserem Umzug nach Ungarn erhielten sie nach ein paarmal Banking eine astronomische Telefonrechnung; und ihrer Meinung nach hätten sich Telekom-Mitarbeiter in die Leitung geklinkt und auf ihre Kosten nach Australien telefoniert. Egal ob das wirklich stimmt oder nicht, so änderte dies nichts daran, dass alles, was mit "Internet" begann, von da an rausgeschmissen wurde; Internet galt seitdem als "Spielzeug der Reichen". Das änderte sich erst mit unserem ersten "richtigen" Breitbandzugang 2007, der durch UPC ermöglicht wurde; wir mussten mit der Zustimmung unserer Eltern für einen Online-Zugang warten, bis das Telekom-Monopol von UPC/Chello gebrochen wurde. (Die Monteure von UPC mussten übrigens zweimal anreisen, beim ersten Versuch hatten sie die Datenleitung an unsere Regenrinne genagelt.)

Als "Nostalgie" empfinde ich die Erinnerung an Windows 98. Es dauerte bis ca. 2004, als mein Vater basserstaunt und höchst fasziniert aus einem Computerladen kam und erstmals ein mesmerisierendes Erlebnis mit einem Computer hatte, der mehr als 16 Farben anzeigen konnte (die Rede ist von Windows XP).

Unser Fernseher war bis ins gleiche Jahr, 2004, eine Grundig-Röhre aus Zeiten, in denen Deutschland noch vierstellige Postleitzahlen hatte. Ergänzt von einem Videorekorder, ebenso Grundig. Meine Eltern legten eine gigantische Privat-Videothek an. Ca. 1.500 VHS-Kassetten, selbst aufgenommen. Seit Jahren sind sie beschäftigt, eine von mir angelegte Computer-Datenbank einzupflegen, ich muss ihnen aber stets und ständig auf die Füße treten, regelmäßig Backups zu machen, am besten in mehreren Formaten wie XLS, das auch in aktuelle Database-Software importiert werden kann, denn ihre Datenbanksoftware (Bento für Mac) wird nicht mehr unterstützt und wenn der Computer mal die Hufe hochreißt, ist das Geschrei groß … und die Disziplin, die Datenbankmasken korrekt auszufüllen? Schwamm drüber …

Im Jahr 2003 wurden schmale Querstreifen und die Farbe Apfelgrün topmodern, daran erinnere ich mich noch gut, und 2004 kam der nervigste Sommerhit aller Zeiten -- Dragostea din Tei.

Meine Lieblings-Automodelle damals waren der BMW X5 und der Toyota Avensis Verso.

Mit Gothic-Leuten hatte ich entfernt zu tun, über die Musikschule. Ich kann dazu aber nicht viel Substantielles beitragen, außer dass mir das immer unheimlich war und ich um solche Jugendlichen gern einen großen Bogen machte.

Die Rechtschreibreform war damals ein großes Thema und wenn ich mich recht entsinne, fällt mir selbst auf, dass ich heutzutage kaum noch auf Texte stoße, die nach Prä-1997er-Rechtschreibung verfasst sind, was früher nicht der Fall war.

Noch Fragen? Fragen!

LG
der Kojote


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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 26.04.2021 00:32    Titel: Antworten mit Zitat

Ca. 2008 war ich zum ersten Mal über Pfingsten in Leipzig. Das war reiner Zufall, weil ich wegen der Arbeit da einen Tag frei hatte. Ich hatte mich schon gewundert, dass bei der Anreise das Flugzeug so voll war und alle schwarze Klamotten anhatten und viele Lila oder blaue Haarsträhnen. Da waren trotz innerdeutschem Flug auch viele Ausländer an Bord. Ich dachte, da wäre ein Konzert oder Festival und ich hab nach Ankunft im Hotel an der Rezeption gefragt: WGT
Nicht nur, dass neben mir eine sehr hoch gewachsene Frau, komplett in Latex eingeschweißt, eingecheckt hat, die ganze Stadt war voll mit Schwarzen.
„Die sind aber total nett und friedlich“, versicherte mir die Rezeptionistin, „wir haben die sehr gerne hier.“
Das einzige schwarze, das ich dabei hatte, waren meine Docs, die ich immer als Uniformschuhe getragen habe, aber sonst war mein freier Tag dort sehr interessant und ich habe viel über die Wave und Gothic Szene erfahren, aber leider wieder vergessen.

Selbst bin ich zu alt für Emo, obwohl …

Bin ja aus der No Future Generation. In den Achtzigern tauchten selbst in der saarländischen Provinz diese Leute mit den spitzen Stiefeln, schwarzen Mänteln, Nietenarmbändern, blass geschminkten Gesichtern und schwarzem Lippenstift in den Discos auf und wedelten über die Tanzflächen. Wir haben die Schlüsselsucher genannt und uns ein bisschen über die lustig gemacht. ABER die Musik fand ich sehr cool. The Cure höre ich heute noch, Siouxie and the Banshees eher selten, Sisters of Mercy immer gerne und viel Metal. There is a light that never goes out krieg ich fast noch auswendig hin (und ja, Morrissey hat sich zu nem Arsch entwickelt)
Damals war uns klar, dass das Leben ab 30 keinen Sinn mehr hat, weil dann der schleichende Tod eintritt und alles nur noch erstarrt ist, warum es also nicht vorher selbst in die Hand nehmen. Aber bis dahin noch paar schöne Sachen machen, klar, auch wenn alles schon den Keim des Todes in sich trägt. Nächtelang auf der Wiese gesessen, in den Himmel gestarrt und so rum gesponnen, französische Arthousefilme nacherzählt und, dann wenn feine Nebelschwaden aus dem Flussbett aufsteigen und die ersten Sonnenstrahlen das Tal zum glühen bringen … Wow.
Vielleicht waren wir damals mehr Emo als wir dachten. Gut, meine Schwester fand mich voll depri.

Dann kam natürlich Glasnost und Perestroika, deutsche Vereinigung und erster Job und Liebe und Kinder und die sind jetzt schon (zum Teil) aus dem Haus und irgendwie ging es doch immer weiter und fühlt sich noch ganz gut an.

Den Ritualkram, von dem ein Kumpel aus dem Basketballverein manchmal so Andeutungen fallen ließ (er hatte fast weiße Haare, jede Menge Piercings, schwarzlackierte Fingernägel, Undercut, an allen Klamotten immer Schnallen und lernte Krankenpfleger), fand ich unheimlich. Zwanzig Jahre später dann, als mich die Putzfrau einlud, mir mal die Gruftidisco (Darkflower???) in Leipzig anzugucken (ich studierte Morgens nach dem Frühstück die WGT-Eventtliste an der Eingansgtür), erzählt mir das Mütterchen (wie sich rausstellt vom Chef „och Mama, du kannst doch nich einfach Leute mit rein bringen“) wer auf welchen Floors zu welcher Musik so tanzt, und in den Nischen da hinten sitzen se dann und trinken Blut und so.
Ich: Echt? Richtiges Blut oder nen Drink, der so heißt?
Mama: Jo. So rote Drinks. Oder echtes Blut. Machen die auch. Grüne ham wa auch. Alle möglichen Farben.
Ich wollte dann doch lieber wieder gehen. Der Sohn hat auch bisschen gedrängelt.


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Longo
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BeitragVerfasst am: 26.04.2021 19:52    Titel: Antworten mit Zitat

Bin 89'er Jahrgang und war damals an einem städtischen Gymnasium in der 12. Klasse (2008).
Man hat die "Emos" in der hiesigen Stadt immer am Hauptbahnhof getroffen. Für mich waren die Emo-Jungs immer die mit den längeren, gegelten Haaren, die regelmäßig in die Augen gefallen sind und die sie mit schnellen seitlichen Kopfbewegungen immer wieder über die Augenbrauen bugsiert haben. Das war bei den "Skatern" aber auch ähnlich (die gab es auch noch). Musik haben sie vor allem Bullet For My Valentine und My Chemical Romance gehört. Und was auch Trend war, das Ritzen inkl. Trauer und depressive Gedanken. Die Mädels waren meist deutlich jünger (der Typ 18, das Mädel 14) und sie haben zu den älteren Typen hochgeschaut. Kleidungsstil war an sich dunkel, aber auch etwas punkig angehaucht, dunkles Make-Up, Piercings trugen sie auch gerne.
"Gruftis" waren komplett schwarz gekleidete Zeitgenossen, die sich meistens auch am Bahnhof aufgehalten haben. Die Typen hatten lange Haare (Pferdeschwanz) und liefen bedächtigen Schrittes umher. Die waren unscheinbarer und wollten von der Gesellschaft eher in Ruhe gelassen werden; im Gegensatz zu den Emos, die mehr Aufmerksamkeit suchten. Auch da waren die Mädels meist jünger, ähnliches Prinzip wie oben. Meistens haben sie Metal gehört. Die meisten Gruftis sind im Laufe der Zeit Normalos geworden; lediglich der Musikgeschmack ist geblieben. Die Emos sind teilweise in die Technonische gewandert, heutzutage ist keiner mehr Emo von damals.

Soweit meine Erinnerungen.

MFG Longo
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Lisbeth Eulenauge
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BeitragVerfasst am: 27.04.2021 13:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich bedanke mich vielmals für die rege Teilnahme und die vielen interessanten und tiefgehenden Beiträge! Eure detailreichen Beschreibungen wecken bei mir alte Erinnerungen und ich erfahre auch viel Neues, was ich damals nicht wusste, oder nicht registriert habe. Allein schon die bisherigen Beiträge waren bisher unglaublich hilfreich und lehrreich! Vielen Dank!

Nicht nur die spannenden Erinnerungen von Gruftis und außenstehenden Beobachtern sich wirklich nützlich, auch die Infos über die damals moderne Technik und das Internet sind sehr interessant! Die Technik hat ja auch damals schon den Alltag sehr geprägt und teilweise bestimmt und ich würde sehr gerne noch mehr darüber erfahren!

____

Ich denke es ist bestimmt auch hilfreich, wenn ich meine eigenen Gedanken hier ein bisschen ordne und schriftlich festhalte. So kann ich vielleicht auch bei euch noch mehr Erinnerungen herauskitzeln.

Für mich war zum Beispiel ein großes Erkennungsmerkmal für Emos die Farben und Muster ihrer Kleidung. Selbst diejenigen, die auf die klassische Emofrisur mit toupiertem Schopf und schrägem, tiefem Pony verzichteten (oder deren Eltern es nicht erlaubten) war sofort erkennbar durch fünfzackige Sterne (keine Pentagramme), breite Querstreifen und natürlich das berüchtigte Schachbrettmuster, das sich nicht nur auf Schals, Haarspangen und Turnschuhen sondern natürlich auch auf den lose umgehängten Nietengürteln befand. Da die Subkulturen bei uns wie bereits geschrieben zu einer "Schwarzen Szene" zusammengewachsen waren, breiteten sich einige visuelle Merkmale (und natürlich auch musikalische Einflüsse) über die Emoszene hinaus aus, Nietengürtel trugen auch viele andere, aber das Schachbrettmuster war irgendwie doch immer so ein spezielles Ding.
An den großen Altersunterschied zwischen Jungs und Mädels erinnere ich mich gut. Heute ist einem klar wie eklig das teilweise war, aber damals gehörte zu einem größeren Kreis oft der ein oder andere Typ der schon weit über zwanzig war und von 14/15jährigen angehimmelt wurde. Ich erinnere mich noch gut, wie stolz und erhaben die bereits entjungferten Mädchen waren und wie sie sich den unerfahrenen gegenüber als lebenserfahrene große Schwestern gaben. Ob die Jungs auch so drauf waren? Das weiß ich natürlich nicht. Aber einen älteren Freund zu haben, war auf jeden Fall eine Garantie für Coolness-Punkte. Ob sich das heute geändert hat? Aber gut, auch Dinge die gleich geblieben sind, dürfen natürlich in meinem Schreibprojekt erwähnt werden, falls es die Geschichte hergibt.

Erinnert ihr euch noch an das Internet? Ich habe als Teen sehr viel Zeit dort verbracht und hatte mehrere Brieffreunde (so richtig mit auf Papier schreiben und Sticker kleben). So hatte ich damals schon das Gefühl, den Alltag meiner Freunde aus der Schwarzen Szene nur von außen und aus der Ferne zu beobachten, weil ich bei mir in der Klasse keine Gleichgesinnten hatte.
Damals vor Tumblr und Twitter trieb ich mich unter anderem in Fanfiktionforen herum und natürlich SchülerVZ. Leider erfuhr ich erst lange nach seiner besten Zeit von MySpace (oder zum Glück? Naja schlimmer als Twitter kann es nicht gewesen sein...). Dort spielte sich Szenetechnisch wohl viel ab.

Aber ich will nicht nur auf die Schwarze Szene eingehen. Hatten eure Eltern damals auch die komplette Wohnung in diversen Tönen von Orange und Creme gestrichen? Hattet ihr auch diese komischen Hexenpuppen, die von der Decke hingen, als würden sie auf einem Besen reiten? Gab es bei euch auch einen extra Raum (gern im Keller) für den Computer? Hatten alle eure Freunde auch irgendwie die gleichen, alten Kiefernholzmöbel und alte Window-Colour-Pokemon am Badezimmerspiegel? Habt ihr euch auch über Coldmirror-Synchros bekringelt, lange bevor das ganze "unlustige, voll untrue moderne Zeug kam"? Ich meine zu dieser Zeit müsste gerade die Hälfte von "Harry Potter und der geheime Pornokeller" auf Youtube gewesen sein.
Man konnte damals in Foren selbstgemachte Gifs hochladen und ich habe da sehr gerne selbst welche gemacht. Extrem viel mit Glitzereffekten und dem ganzen Schrott. Das war ne richtige Kunst.
Man hatte auch einen CD-Tower und PC-Spiele aus der Müslipackung...

Es fällt mir schwer die Erinnerungen richtig zu ordnen. Ich weiß nicht, ob mein Gedächtnis all diese kleinen Details in die richtige Zeit einordnet oder ob ich Dinge aus den frühen 2000ern oder den 2010ern mit reinmische...
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Mogmeier
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Beiträge: 2504
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BeitragVerfasst am: 29.04.2021 00:50    Titel: Antworten mit Zitat

holg hat Folgendes geschrieben:
Ca. 2008 war ich zum ersten Mal über Pfingsten in Leipzig. Das war reiner Zufall, weil ich wegen der Arbeit da einen Tag frei hatte. Ich hatte mich schon gewundert, dass bei der Anreise das Flugzeug so voll war und alle schwarze Klamotten anhatten und viele Lila oder blaue Haarsträhnen. Da waren trotz innerdeutschem Flug auch viele Ausländer an Bord. Ich dachte, da wäre ein Konzert oder Festival und ich hab nach Ankunft im Hotel an der Rezeption gefragt: WGT


Joa mei, das Wave-Gothic-Treffen in Leipzig – eins der angesagtesten überhaupt. Ich wohnte damals – das ist auch schon über 20 Jahre her – nur ca. 35 km von Leipzig entfernt. Ich hatte zu der Zeit eine Freundin, sie war meine Freundin und Reporterin für so ’n Online-Musikmagazin. Ich wäre also auch ohne VIP-Referenz und/oder Backstage-Pass in die Bereiche gekommen, die eben nur den Auserwählten zustanden; ich mochte allerdings schon damals keine Massenaufläufe, und könnte heutzutage meinem Vergangenheits-Ich dafür verdammt noch mal in den Allerwertesten treten. hmm


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