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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Die Augen des Tyrannen - Prolog: Die Augen öffnen sich


 
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Vivaria
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 43
Wohnort: Heidenau, Sachsen


BeitragVerfasst am: 18.05.2010 17:34    Titel: Antworten mit Zitat

So, hier noch einmal ein neuer Versuch des ganzen ersten Abschnitts. Ich habe noch einen kurzen Absatz am Anfang des Kapitels eingefügt, der erst einmal nicht dazuzugehören scheint. Die Geschichte soll aber über die Kapitel sozusagen zweigleisig laufen. Immer am Anfang kommt ein Abschnitt aus dem Tagebuch der Wache von Ehrstedt und diese Abschnitte werden, genau wie die richtige Geschichte rund um Lares Vorath immer mehr an Intensität zunehmen. Mal sehen, was ihr davon haltet.


Nimm dich in Acht mit jedem Wort,
Er hört dich jetzt und immerfort.
Sollst an nichts Böses jemals denken,
Sonst wirst sein Auge auf dich lenken.
Es öffnet sich in tiefster Nacht,
Hat er ’nen Frevel ausgemacht.
Sein scharfer Blick fällt auf das Reich
Und jede Untat sieht er gleich.
Den Frevler packt der kalte Graus,
Die Augen kriegen alles raus.
Wähn niemals dich in Sicherheit,
So manchen hat dies schon gereut.

Hast einen falschen Scherz gemacht
Schon schallt dein Schreien durch die Nacht.
Schmähst ihn im Traum ganz insgeheim,
Fällst schnell dem Wahnsinn du anheim.
Hältst deine Zunge nicht im Zaum,
Hängt morgens deine Frau am Baum.
Hast dich gar gegen ihn verschworen
Geht in der Nacht dein Kopf verloren.
Für Sünder gibt es kein Verstecken,
Die Augen werden sie entdecken.

(ein vivarianisches Kindergedicht)

Prolog: "Die Augen öffnen sich"

28. Freudenmond:
Haben heute Zuwachs in der Wache bekommen. Der junge Gefreite Kormus aus Wildbach ist zum ersten Mal zum Dienst angetreten, ein schneidiger Bursche, noch so unverbraucht und voller Elan. Ich denke, dass er es weit bringen kann. Aber ich will ihn nicht zu früh loben. Mal sehen, wie er sich schlägt, wenn es hart auf hart kommt. Ich habe ihn bei seiner ersten Patrouille begleitet und ihn sozusagen auf die „Brennpunkte“ von Ehrstedt aufmerksam gemacht.
Es ist ruhig in der Stadt, viel zu ruhig für die heiße Jahreszeit. Auch auf unserem Nachtrundgang gab es keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden, keine Kneipenschlägereien, keine Diebstähle, keine zudringlichen Verehrer, nicht einmal Pöbeleien oder Radau. Ich frage mich, ob dies noch eine verspätete Nachwirkung des Freudenfestes ist oder nur die Ruhe vor dem Sturm. Merkwürdigerweise juckte es mir nämlich ständig zwischen den Schulterblättern, so als würde mich irgendwer aus der Dunkelheit heraus beobachten. Ich werde Seiner Exzellenz, Vogt Waltram, davon Bericht erstatten müssen, ich kann mir jedoch schon vorstellen, was er dazu zu sagen hat. Aber soll er mich doch einen alten Schwarzseher und Miesepeter nennen, ich habe jedenfalls das ungute Gefühl, als würde sich irgendetwas Gewaltiges über unseren Köpfen zusammenbrauen.


*

Lares Vorath fuhr im Sattel hoch. Schlagartig war er wieder hellwach. Hatte er etwa geträumt oder war er eben wahrhaftig an einem Skelett vorbeigeritten, das gelangweilt mit seinem Kopf jonglierte? Er bremste seinen treuen Rappen, den er ob seiner mageren, knochigen Statur Schnitter getauft hatte, und schaute vorsichtig über die Schulter zurück Natürlich war da nichts außer der alles verschlingende Finsternis um ihn herum, die dem Wald den Namen Finsterforst eingebracht hatte.
Lares bewunderte die wackeren Leute, die dieser lichtlosen Wildnis zu Ehren Kaiser Radorgroths in jahrelanger Arbeit eine einigermaßen gangbare Straße abgetrotzt hatten. Er konnte sich nicht vorstellen, wie man es über einen so langen Zeitraum ohne die wärmenden Sonnenstrahlen aushalten konnte. Wie lange ritt er nun schon durch diese unwirtliche Umgebung? Tage? Wochen? Vielleicht auch nur ein paar Stunden? Ohne die Sonne am Firmament hatte er schnell jegliche Orientierung und jegliches Zeitgefühl verloren. Die Worte des schmierigen Händlers in Lichtgruß – was für ein treffender Name, wobei für Lares Lichtabschied besser gepasst hätte – klangen ihm hingegen noch in den Ohren:
Ihr habt es eilig? Dann reitet doch durch den Finsterforst, edler Herr, und nutzt die Straße unseres Kaisers. Ihr spart ganze drei Tage gegenüber der Südstraße, die um den ganzen Wald herumführt. Ihr könntet morgen schon in Radorgropolis sein. Einen Mann von echtem Schrot und Korn wie Euch werden doch ein paar alberne Spukgeschichten nicht abschrecken können. Gegen die Dunkelheit kann ich Euch eine meiner bewährten Sonnenlaternen anbieten. Entzündet sie, und es wird taghell um Euch herum. Ist allerdings nicht gerade billig, denn für die Herstellung musste ich viele seltene Materialien besorgen: mitternächtlichen Mondstahl und feinstes Glas für den Korpus, die Feder eines Sonnengreifen für den Docht und nicht zu vergessen jede Menge Riesenhornissenwachs. Die Biester hätten mich fast umgebracht. Und der Magier, der alles verzaubert hat, wollte auch bezahlt werden, und zwar nicht zu knapp. Ich kann Euch eine für 200 Gulden überlassen, das ist ein wahrer Freundschaftspreis, mein Herr!
Lares trug wichtige Nachrichten für den Kaiser mit sich, die das Schicksal des ganzen Reichs entscheiden konnten. Jede weitere Verzögerung konnte und würde weitere Menschenleben fordern. Geblendet von der Aussicht auf einen schnellen Ritt zur Hauptstadt hatte er, Sohn eines mit allen Wassern gewaschenen Kaufmanns, nicht bemerkt, dass das edle Glas stumpf und trübe wirkte und der angepriesene Mondstahl mehr nach billigstem Eisen aussah. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass diese angeblich so schwer herzustellenden Sonnenlaternen ganze drei Regalbretter füllten. Nun jetzt war er um 200 Gulden ärmer und um einiges an Erfahrung reicher, und einen alten knorrigen Baumstumpf im Finsterforst schmückte jetzt eine nutzlose Laterne, deren Schein keinen Meter weit reichte und deren Kerze mit einem derart beißenden Qualm verbrannte, dass man schon nach ein paar Minuten Kopfschmerzen davon bekam.
Na bestens! Die unheimliche Stille und die ewige Dunkelheit machten ihm ja noch nicht genug zu schaffen. Warum musste sein Geist dazu ständig diese unsägliche Geschichte hochkochen? Er hatte sich in den letzten Stunden (oder Tagen?) schon oft genug einen Toren gescholten. Hätte er doch nur den Umweg in Kauf genommen, dann würde er jetzt vielleicht schon in einer gemütlichen Taverne sitzen, einen Humpen Bier schlürfen und mit einer netten Schankmaid anbandeln.
Ein eisiger Wind fegte zwischen den Bäumen hindurch und versuchte, ihn mit aller Kraft aus dem Sattel zu pusten. Er begann, wie Espenlaub zu zittern, denn seine Kleidung war nicht auf eine derartige Kälte ausgerichtet. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, dass im restlichen Almergon gerade Hochsommer herrschte. Hier, wo kaum ein Sonnenstrahl jemals den Erdboden erreichte, fühlte es sich eher nach tiefstem Winter an.
Viel schlimmer als der niederhöllische Frost waren allerdings die Stimmen, die mit dem Wind kamen. Arme verlorene Seelen, die in diesem düsteren Wald den Tod gefunden hatten, heulten lauthals ihr Leid und ihren Hass heraus oder versuchten, ihn mit süßen Versprechungen von der relativ sicheren Straße tief in die Dunkelheit hineinzulocken, an einen Ort, von dem es höchstwahrscheinlich kein Zurück mehr gab. Er presste verzweifelt seine Hände auf die Ohren, obwohl er wusste, dass dies nichts helfen würde.
„Mein starker Recke komm zu mir. Ich bin allein und vollkommen hilflos. Lass mich nicht hier zurück.“
„AAAAAAH! ES BRENNT SO, ES SCHMERZT! SIE SOLLEN DAMIT AUFHÖREN.“
„Komm schon, es soll dein Schaden nicht sein. Ich sehne mich so nach deinen starken Armen.“
„Dies ist die Hölle, feiner Bube. Hier wird dir all dein Geld nichts nützen, wenn wir dir das Fleisch von den Knochen reißen. Muhahahaha!“
„Die Elfen und ihre verdammten Bastarde sind schuld. TOD ALLEN ELFEN!“
Lares ertrug es einfach nicht länger. Er musste hier weg, bevor er den Verstand verlor. Wie von Sinnen gab er Schnitter die Sporen und jagte ihn im Trab die Straße hinunter, bei der Dunkelheit ringsum ein wahres Hasardspiel.
„Bring mich nach Chanirra, treuer Freund!“ brüllte er und schaute sich fast im selben Moment um, ob ihn jemand bemerkt hatte. Kaiser Radorgroth würde es nicht erfreuen zu hören, dass er die Hauptstadt immer noch ab und an beim alten Namen nannte. Es steckte allerdings keine böse Absicht dahinter, es war nur die Macht der Gewohnheit.
Ein dicker Ast traf seinen Kopf und hätte ihn beinahe aus dem Sattel geworfen. Nur mit Mühe konnte er sich auf Schnitter halten. Diesen Moment der Schwäche nutzten die rastlosen Geister der Toten. Von allen Seiten stürzten sie sich mit einem markdurchdringenden Gekreische auf ihn. Er roch ihren fauligen Atem und spürte ihre spitzen Zähne, die sich überall in seine Haut bohrten. Doch noch ehe ein Schrei über seine Lippen kam, verlor er gnädigerweise das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, war die Welt um ihn herum in gleißendes Licht getaucht. Geblendet musste er seine Augen schließen. Aber selbst durch die geschlossenen Lider malträtierte ihn die Sonne weiter, die von einem wolkenlosen Himmel auf Almergon herniederbrannte. Brennen war der richtige Ausdruck, denn es war so brütend heiß, dass ihm der Schweiß aus allen Poren lief.
Nach einem Moment der vollkommenen Orientierungslosigkeit zeigten die Götter mit ihm Erbarmen. Die Hitze und das grelle Licht rührten wohl daher, dass Schnitter ihn in der Zwischenzeit tatsächlich ohnmächtig aus dem Finsterforst getragen hatte. Guter Junge! Aber auch sein treues Streitpferd schien sich noch nicht an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt zu haben, denn es begann wild auf der Stelle zu tänzeln und sich aufzubäumen. Lares krallte sich regelrecht fest, denn es stand zu befürchten, dass Schnitter trotz seiner guten Ausbildung durchgehen würde. Dann jedoch schnaubte er den glühenden Feuerball am Himmel trotzig an und beruhigte sich schlagartig wieder.
So konnte Lares es endlich wagen, eine Hand von den Zügeln zu nehmen, um sie schützend vor seine Augen zu halten. Er öffnete sie zunächst nur einen Spaltbreit, aber schon das war für ihn die reinste Qual. Zum Glück kannte das Pferd seine empfindliche Nase, so dass es nicht erschrak, als er die Sonne mit einer wahren Niessalve begrüßte. Zum Glück befanden sie sich hier auf den friedlichen Ebenen des Sarillom und nicht am Rande eines Lagers voller schlafender Orken. Damals hatte er seinen Niesanfall nur mit knapper Not überlebt.
Als sich der Tränenschleier vor seinen Augen aufgelöst hatte und er wieder klar sehen konnte, bot sich ihm ein sagenhafter Anblick. Die Felder und Wiesen im fruchtbaren Tal von Chanirra standen mit ihrer Farbenpracht in einen wundervollen Kontrast zu dem deprimierenden Einheitsgrau des Finsterforsts. Wie ein Verdurstender sog er all die Eindrücke in sich auf. Vom dicken, blauen Band des Flusses Sarillom, der die Hauptstadt des Reiches mit dem lebensnotwendigem Wasser versorgte, bis zu den gewaltigen, schroffen Titanenbergen ließ er langsam und genüsslich seinen Blick schweifen. Nie hatte seine Heimat für ihn schöner und einladender ausgesehen als heute, ja selbst die armseligen Bauern vermochten diesmal nicht das Bild zu trüben.
Wie gern wäre Lares aus dem Sattel gestiegen und hätte sich niedergelassen, um wie ein Müßiggänger den sonnigen Nachmittag zu genießen. Doch wenn er sich richtig erinnerte, hatte er einen wichtigen Auftrag zu erledigen und konnte nicht länger an Ort und Stelle verweilen. Also gab er Schnitter die Sporen und trieb ihn über die weite Ebene den Mauern der Stadt entgegen, zu deren stolzen Bürgern er sich seit einigen Jahren zählen durfte. Obwohl Radorgropolis eigentlich zum Greifen nah war, lag noch ein ganzes Stück Wegstrecke vor ihm, denn die Kaiserstraße wand sich wie eine endlose Schlange um die unzähligen Getreidefelder und Viehweiden vor der Stadt dahin. Deshalb nutzte Lares die Zeit, um sich die richtigen Worte für seine Audienz bei Kaiser Radorgroth zurechtzulegen. Die Etikette bereitete ihm immer noch Schwierigkeiten, aber er durfte sich diesmal keine Fehler erlauben. So schnell wie er in die Gunst des Herrschers gelangt war, konnte er auch in Ungnade fallen, und nach einem Leben als einfacher Bauer stand ihm nun wirklich nicht mehr der Sinn.
Ein ohrenbetäubender Knall riss ihn aus seinen Gedanken. Lares fuhr so abrupt herum, dass für einen Moment die Welt vor seinen Augen verschwamm. Er hatte schon einen deftigen Fluch für den armen Narren auf den Lippen, der ihm solch einen Schrecken einjagen musste, aber zu seinem Erstaunen befand er sich ganz allein auf der Straße und konnte beim besten Willen nicht entdecken, was diesen Lärm verursacht haben könnte. Auf das warnende Wiehern seines Rosses hin richtete Lares seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße vor sich und wäre fast zu Tode erschrocken. Er befand sich nämlich mit einem Mal nicht mehr zwischen den Feldern, sondern schon am Ufer des Sarillom, das er frühestens in einer Viertelstunde hätte erreichen dürfen. Nur mit viel Glück gelang es ihm, Schnitter rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Es fehlte nicht viel, und er wäre über den Kopf des Pferdes hinweg in hohem Bogen ins Wasser geflogen.
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Vivaria
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BeitragVerfasst am: 08.06.2010 09:05    Titel: Antworten mit Zitat

So, die Überarbeitung hat etwas länger gedauert, aber hier ist der nächste Abschnitt des Prologs. Viel Spaß beim Lesen!

Verwirrt schaute sich Lares um und begann langsam wirklich, an sich zu zweifeln, denn auf der anderen Seite des Flusses wuchsen schon die Mauern der Stadt in den Himmel. Es war ihm unbegreiflich, wie er 3 Meilen Wegstrecke innerhalb von ein paar Lidschlägen zurücklegen und dabei auch noch weit von der Reichsstraße abkommen und die prächtige Heldenbrücke um mehr als 100 Schritt verfehlen konnte. Welche düsteren Mächte wirkten hier? Da Kaiser Radorgroth Magie strengstens verboten und er dieses Mal um Alkohol einen weiten Bogen gemacht hatte, um einen weiteren peinlichen Filmriss zu vermeiden, blieb eigentlich nur noch eine mögliche Erklärung übrig. Jene gepeinigten Seelen im Finsterforst mussten seinen Geist verwirrt haben. Er würde später wohl Hilfe bei den Seelenheilern im Tempel suchen müssen.
Stoisch starrten die in Stein gehauenen Helden vergangener Zeiten zu ihm herüber. Er träumte seit seiner Kindheit davon, irgendwann einmal in einem Atemzug mit diesen tapferen Männern und Frauen genannt zu werden und für seine Taten mit einer eigenen Statue auf der Heldenbrücke geehrt zu werden. Doch davon war er noch weit entfernt. Im Moment kam es ihm gar so vor, als würden sich die Statuen über ihn und seine Bestrebungen lustig machen. Wie zur Bekräftigung schallte plötzlich lautes Gelächter zu ihm herüber, das ihm eiskalte Schauer über den Rücken jagte.
Bei allen Dämonen der Niederhöllen! Die Brückenwächter hatten seinen Fehlritt bestimmt schon aus der Ferne beobachtet und sich dabei köstlich amüsiert. Auf den weiten Ebenen des Sarillom blieb halt kein Reiter lange unbemerkt. Damit verringerten sich seine Chancen, schadlos aus dieser Nummer herauszukommen. Er kannte die Stadtwache leider nur zu gut. Noch bevor er die Stadt überhaupt betreten hätte, würde sich sein Fauxpas schon bis zum Palast herumgesprochen haben. Was für ein perfekter Auftakt für eine Audienz! Kaiser Radorgroth würde zu Recht an seinem Geisteszustand zweifeln, und unter den Adligen durfte Lares sich auch eine ganze Weile nicht mehr blicken lassen. Wenn sich irgendwann noch ein Barde traute, ein Epos über ihn zu dichten, dann würde es wohl zu einer Lachnummer werden: Der siegreiche Ritter reitet in seine Heimatstadt zurück, um frohe Kunde von seinem Sieg zu bringen. Doch dann verfehlt er die riesige Brücke, stürzt vor den Augen der größten Helden des Reichs in den Fluss und muss von der tapferen Stadtwache gerettet werden. Ein Hoch auf die Stadtwache! Nein, kein Tempel, heute nicht mehr, vielleicht nie. Auch die Götter vermochten seinen guten Ruf nicht wiederherstellen, den er sich gerade hoffnungslos ruiniert hatte. Diese Blamage konnte er nur noch in der schlimmsten Kaschemme der Unterstadt im Bier ertränken.
„Die Brücke befindet sich hier drüben, werter Herr!“ erschallte ein Ruf von oben. „Ich weiß, sie ist klein und unscheinbar. Manchmal übersehen die Leute sie einfach.“ Brüllendes Gelächter prasselte auf ihn hernieder. Inzwischen stand die gesamte Wachmannschaft oben an der Brüstung. Jeder wollte den Trottel sehen, der mit seinem Pferd übers Wasser gehen wollte. Am liebsten wäre er vor Scham im Boden versunken. Warum hatte er seine Gulden nur für diese unnütze Laterne vergeudet? In Unsichtbarkeitstränken wäre das Geld wesentlich besser angelegt gewesen.
„Oh, Ihr seid es, Herr Vorath“, sprach ihn einer der Wächter an, als er nahe genug herangekommen war. „Irgendwann zieht es den verlorenen Sohn doch nach Hause, oder?“
„Immer auf dem geraden Weg zum Ziel, so lob ich mir das!“ meinte der Weibel und seine Untergebenen mussten sich beherrschen, um Lares nicht direkt ins Gesicht zu lachen. „Nun, an Eurer Stelle wäre ich auch bestrebt, möglichst schnell zu Seiner Allergöttlichsten Majestät zu gelangen, aber deswegen müsst Ihr doch nicht den kleinen Umweg über unsere bescheidene Brücke scheuen.“
„Vielleicht will er dem Kaiser ja berichten, dass eines unserer glorreichen Heere baden gegangen ist?“
„Haben die Orks etwa wieder Oberwasser bekommen?“
„Oder hat sich der große General vor Angst gar nass gemacht?“
Raues Gelächter folgte auf jeden dieser Sprüche, und er musste auch noch einige mehr erdulden, bis er endlich die Brücke überquert hatte. Er hörte nicht hin und ignorierte ihren beißenden Spott, aber er prägte sich jedes der Gesichter genau ein. Wie weit war es mit diesem Reich gekommen, wenn einfache Bürgerliche sich ungestraft über einen Mann des Hochadels, einen der tapfersten Ritter von Vivaria, einen der größten Helden, die dieses Land jemals hervorgebracht hatte, lustig machen konnten. Die Augen des Tyrannen schienen in letzter Zeit wahrlich erblindet zu sein. Aber wenn er erst beim Kaiser vorgesprochen hatte, würde jeder dieser Wächter bereuen, dass er seine Zunge nicht im Zaum gehalten hatte.
„Jetzt lasst den Herrn Vorath doch endlich passieren“, herrschte der Weibel seine Leute an, die ihn zu allem Überfluss auch noch kontrollieren wollten. „So eilig, wie er es hat, springt er sonst womöglich noch direkt über das Brückengeländer in den Fluss.“
„Achtet auf Eure Worte, Grobschmied!“ grummelte Lares viel lauter, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Die düstere Miene des Mannes verhieß nichts Gutes, also gab er Schnitter lieber schnell die Sporen. Dieser überhebliche Gardist hätte ihn womöglich aus reiner Schikane noch stundenlang im Wachgebäude festgehalten und inzwischen sein gesamtes Gepäck durchwühlt, wobei sicher der ein oder andere Taler an seinen gierigen Fingern hängengeblieben wäre. Diese leidvolle Erfahrung hatten einige seiner Freunde schon machen müssen. Leider waren den Stadtwachen durch die neuen Gesetze viel zu viele Rechte zuerkannt wurden, die sie sogar gegenüber dem Adel durchzusetzen wussten.
„Ich hoffe, dass Euch unser aller Kaiser wegen Eurer Verspätung gründlich den Kopf wäscht, Herr Vorath!“ brüllte ihm der Weibel noch hinterher, bevor er endlich im Trubel von Flussaue untertauchen konnte. Obwohl die quirlige Vorstadt sogar noch außerhalb der schützenden Stadtmauern von Radorgropolis lag, herrschte hier jeden Tag ein unglaublicher Betrieb. Die Straßen waren auch heute völlig verstopft und ein Summen von tausend verschiedenen Stimmen erfüllte die Luft.
Zwischen all den fahrenden Händlern, die hier dem einfachen Volk ihre Waren feilboten, kam Lares endlich wieder richtig zu Sinnen. Aber ein Wort kreiste ständig in seinem Kopf herum: Verspätung! War dies nur ein weiterer grausamer Scherz der Wachen? Wie konnte er sich denn verspätet haben? Er war doch auf direktem Wege vom Schlachtfeld am Schattenwald hierher geritten, hatte sein Pferd nicht geschont und wirklich nur gerastet, wenn es gar nicht mehr anders ging. Selbst die unheimlichen, dunklen Tiefen des Finsterforstes hatte er für die schnelle Reise auf sich genommen. Er musste sich eigentlich keinerlei Vorwürfe machen, aber die Zweifel begannen trotzdem an ihm zu nagen.
Lares fing an, die Leute auszufragen, aber von den meisten Flussauern konnte er maximal den Wochentag in Erfahrung bringen, da die einfachen Menschen hier mit Kalendern nichts anfangen konnten. Sie wussten, wann sie zu arbeiten hatten, und an welchem Tag sie beim Tempeldienst zumindest etwas Ablenkung vom grauen Alltag bekamen. Alles andere ging über ihren Horizont hinaus. Von einem alten Mann, der gerade um etwas Pfeifenkraut gefeilscht hatte, erfuhr er aber zumindest, dass das Sonnenfest etwa vor einer Woche stattgefunden hatte. Als er das vernahm, wäre er beinahe vor Schreck in Ohmacht gefallen. Wenn der Greis die Wahrheit sagte, dann waren ihm auf der Reise tatsächlich drei Wochen verloren gegangen. Aber wo sollte er diese Unmenge an Zeit denn nur eingebüßt haben? Er war sich vollkommen sicher, diesmal um Tavernen einen weiten Bogen gemacht zu haben. Es lief letzten Endes immer wieder auf seinen Ritt durch den Finsterforst hinaus. Seit er diesen vermaledeiten Wald verlassen hatte, war nichts mehr so, wie es sein sollte. Er musste später unbedingt herausbekommen, was da drinnen mit ihm geschehen war, nachdem er bei Kaiser Radorgroth vorgesprochen hatte. Lares durfte den Zorn des strengen Herrschers nicht durch zusätzliche Verzögerungen noch weiter schüren, wenn er nicht in den „Erziehungskammern“ landen wollte.
Er kämpfte sich, so gut es eben ging, durch die Flussauer Menschenmassen, wobei er des Öfteren seine Peitsche gebrauchen musste, um sich Platz zu schaffen. Dann hatte er die überfüllten Marktstraßen endlich hinter sich gelassen und konnte seinem treuen Rappen die Sporen geben. Ohne weitere Unterbrechungen erreichte er kurz darauf das Stadttor, an dem er sich von den Wächtern allerdings nicht erneut aufhalten ließ. Bevor sie ihre Hellebarden senken konnten, war er schon zwischen ihnen hindurchgeprescht. Einer der beiden Torposten verlor vor Schreck das Gleichgewicht und setzte sich hart auf den Boden. Als Lares sich noch einmal umschaute und sah, wie die Kameraden verzweifelt versuchten, ihn wieder auf die Beine zu bekommen, konnte er sich ein schadenfrohes Lachen nicht verkneifen. Manchmal war so eine schwere Rüstung doch extrem hinderlich. Die Stadtwachen drohten ihm mit den behandschuhten Fäusten, aber das störte ihn reichlich wenig. Sollten sie ihm doch eine Patrouille hinterherschicken, Kaiser Radorgroth würde seine Handlungsweise in diesem Notfall sicherlich billigen.
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Vivaria
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BeitragVerfasst am: 04.11.2010 14:52    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hatte leider in letzter Zeit arbeitsmäßig und auch privat sehr viel um die Ohren, weshalb ich erst jetzt wieder einen neuen Teil meiner Geschichte einstellen kann.

Lares hielt nun geradewegs auf den Palast Seiner Allergöttlichsten Majestät zu. Zum Glück kannte er sich in Radorgropolis aus und konnte so auch den einen oder anderen Schleichweg nehmen, wenn die Straßen so verstopft waren, dass es mit dem Pferd kein Durchkommen mehr gab. Um schneller voran zu kommen und trotzdem niemanden über den Haufen zu reiten, ließ er immer wieder die Peitsche zur Warnung knallen, wenn ein Passant in seinen Weg lief. Die meisten Bürger erkannten die Gefahr und verdrückten sich schleunigst. Aber dann kam dieser renitente Karrenschieber, der sich und seine Früchte für den Mittelpunkt der Welt und der Straße hielt. Über den Haufen reiten wollte er ihn nicht, Vezögerungen durfte er sich aber auch nicht leisten. Der Kerl ließ Lares einfach keine andere Wahl. Ein gezielter Peitschenhieb ans linke Ohr ließ ihn schreiend zur Seite taumeln, wobei er durch die heftige Bewegung auch gleich noch seinen Karren umkippte. Jetzt konnte er das Obst aus dem Straßendreck aufklauben und dabei gleich die richtige Demut gegenüber Höhergestellten üben.
Während die Straße langsam aber beständig anstieg, lichteten sich die Menschenmassen immer weiter. Nach und nach ließ er Lärm und Gestank hinter sich und als betörender Blütenduft in seine Nase stieg, wusste er auch ohne hinzuschauen, dass er das Goldstaubviertel erreicht hatte, sein Gelobtes Land. Hier, wo alle hohen Bürger der Stadt und jeder Almergoner, der etwas auf sich hielt und der es sich leisten konnte, ihre Wohnsitze hatten, wollte auch er eines Tages ein hübsches Anwesen erwerben, wenn er sich erst einen Namen im Reich gemacht hatte. Dann würde der Pöbel lernen müssen, ihn mit dem gebührenden Respekt zu behandeln.
Schon passierte er die erste prunkvolle Villa, die laut Wappen dem Haus Bagorlan gehörte, das sich in den Schlachten des Orkenkrieges mit heldenhafter Tapferkeit hervorgetan hatte. Wie jede der Residenzen hier oben war sie von hohen Mauern umgeben, die neidische Blicke fernhalten sollten. Lediglich durch das gusseiserne Tor konnte Lares ein paar Eindrücke von der Idylle dahinter erhaschen. Während in der Unterstadt, in der er sich die meiste Zeit herumtreiben musste, schmutzige Grau- und Brauntöne vorherrschten, erstrahlte hier alles in den leuchtendsten Farben. Überall blühten die fremdartigsten Gewächse aus den entlegensten Ecken des Reiches. Er selbst war im Auftrag des Patriarchen der Familie Bagorlan in den Dschungel gezogen und hatte dort einen Gelehrten bei der Suche nach einer seltenen Flammenrose unterstützt, die jetzt hinter diesen Mauern wuchs und gedieh. Sanfte Lautenklänge drangen an sein Ohr, die sein Herz in Entzückung versetzten, und dann tanzten zwei junge Mädchen in prächtigen Kleidern vorbei. Sie schienen ihn bemerkt zu haben, denn sie begannen plötzlich zu tuscheln und zu kichern. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er Schnitter abgebremst hatte, um besser auf die Pracht des Bagorlanischen Anwesens starren zu können. Lares ließ die Zügel knallen und preschte mit hochrotem Kopf die Straße hinunter, wobei er fast noch mit einer Prachtkutsche zusammengestoßen wäre, die wie aus dem Nichts hinter ihm aufgetaucht war. Er konnte nur inständig hoffen, dass weder die edlen Damen noch der fluchende Kutscher den Gaffer am Zaun erkannt hatten.
Er kam jetzt gut voran, denn die Straße war nahezu menschenleer. Nur selten huschten Bedienstete auf Besorgungsgängen an ihm vorbei, die ihn aber als schmutzigen Landsknecht ansahen und deshalb geflissentlich ignorierten. Selbst wenn er so dicht an ihnen vorbeiritt, dass ihre Rockschöße hochgewirbelt wurden, hasteten sie einfach weiter, ohne ihn auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Eine gelangweilte Patrouille der Stadtwache lief ihm über den Weg. Seit drakonische Strafen für Gemeine verhängt worden, die sich ohne triftigen Grund hier herumtrieben – wobei es für Pöbel eigentlich keinerlei triftige Gründe gab, sich im Goldstaubviertel aufzuhalten – traute sich kaum noch Bettler- und Diebespack hierher, so dass die Wächter einen einzelnen gerüsteten Reiter schon als willkommene Abwechslung betrachteten. Sie erkannten ihn zum Glück gleich und winkten ihn weiter, er hätte Schnitter aber auch nicht angehalten, wenn sie aus lauter Langeweile auf die Idee gekommen wären, ihn zu kontrollieren. Ihre konsternierten Blicke machten ihn aber darauf aufmerksam, dass er seine Peitsche immer noch in der Hand hatte. Schnell ließ er sie in die Schlaufe am Gürtel zurückgleiten. Wo war er heute nur mit seinen Gedanken? Er konnte von Glück reden, dass ihn diese Burschen nicht gleich an Ort und Stelle festgenommen hatten, weil er mit einer gezogenen Waffe im Goldstaubviertel erwischt worden war. Er musste wieder an die Ladys von vorhin denken. Sie mussten ihn für einen perversen Lüstling gehalten haben, so wie er sich mit der Peitsche in der Hand am Tor herumgedrückt hatte.
‚Mann, Lares!’ schalt er sich selber. ‚Du kannst dich wirklich hervorragend in den feinen Kreisen bewegen. Wenn du so weitermachst, landest du wieder beim Abschaum in der Gosse.’
Er überlegte einen Augenblick, ob er sein Pferd abbremsen sollte, als er das Anwesen von Olwin Seresan erreichte. Sein edler Gönner, der seinen ganzen Einfluss am Hofe geltend gemacht hatte, um einem einfachen Kaufmannssohn namens Lares Musker einen einträglichen Posten in der Armee des Kaisers zu verschaffen, konnte ihm vielleicht auch heute aus der Patsche helfen. Bei den ihm zur Last gelegten Verfehlungen, egal ob sie den Tatsachen entsprachen oder nicht, war er auf jeden angesehenen Fürsprecher angewiesen. Zu allem Unglück stand ausgerechnet heute der bärbeißige Ragdolf am Tor Wache, der noch nie etwas für ihn übrig gehabt hatte. Und da Lares keine Zeit für stundenlange Streitgespräche mit dem breitschultrigen Kerl hatte und es sich auch nicht leisten konnte, mit einem blauen Auge beim Kaiser vorzusprechen, trieb er Schnitter mit einem unguten Gefühl im Bauch weiter die Straße hinauf. Irgendwie klebte das Pech schon an seinen Hacken, seit er von Seiner Allergöttlichsten Majestät zu dieser Mission ausgesandt worden war. Wenn das so weiter ging, würde dieser Tag wohl damit enden, dass sein Kopf auf dem gefürchteten „Tugendzaun“ landete.
Lares erreichte die prächtige Lindenallee, die zum Tempel von Hirr’akanon führte, der wie ein Herrscher in goldener Rüstung über der Stadt thronte. Er war zwar kleiner als der Palast von Kaiser Radorgroth, aber durch den idealen Bauplatz überragte seine riesige Kuppel selbst diesen noch. Er selbst war noch nie im Tempel der hohen Herrschaften gewesen, aber Herr Seresan hatte ihm einmal erzählt, dass sie von keinerlei Säule gestützt und wohl nur vom Schöpfer persönlich an Ort und Stelle gehalten wurde. Heute herrschte wieder reger Andrang an Hirr’akanons höchstem Heiligtum. Nicht nur der Eingangsbereich, die Arkadengänge und die Treppen, selbst der ganze Vorplatz stand voller Menschen. Wahrscheinlich war gerade eine Horde Pilger auf Wallfahrt angekommen, die sich vom großen Hirr’akanon Heilung von Krankheiten, Lösungen für dringliche Probleme oder Absolution für begangene Sünden erhofften. Viele streng gläubige Einwohner aus allen Ecken des Reiches nahmen einmal im Jahr eine wochen- oder gar monatelange gefahrvolle Reise zu Fuß auf sich, nur um ihrem Gott näher zu kommen, und es sah tatsächlich so aus, als würde er über seine Schäfchen wachen. Wie sonst konnten sie die Strapazen einer solchen Wallfahrt vollkommen ungeschützt überstehen? Na gut, wenn der Schöpfer alle Hände voll zu tun hatte, würde er seinen Geist heute Abend doch nicht von Weihrauchdämpfen, sondern von billigem Alkohol in der nächstbesten Kneipe betäuben lassen, wenn er denn noch die Möglichkeit dazu bekam. Wenigstens konnte er nach einer durchzechten Nacht mit absoluter Sicherheit sagen, wo seine Erinnerungslücken herkamen.
„Lares!“ Die Stimme war zwar nicht mehr als ein Flüstern, aber er zuckte trotzdem zusammen, weil er sich allein auf der Straße wähnte. Sie kam ihm merkwürdig bekannt vor, aber er konnte sie nicht richtig zuordnen. Olwin Seresan war es jedenfalls nicht und jeder andere konnte momentan warten. Zum Glück war es nicht mehr weit bis zum Palast, wer wusste schon, was…
„Verdammt, Lares!“ Die Welt zitterte vor seinen Augen, so als würde sie im nächsten Augenblick aus den Angeln gehoben. Gleichzeitig wurde der wunderbare Blütenduft von einem ekelhaften Gestank nach Fäulnis, Krankheit und seit Jahren nicht mehr geleerten Latrinen überlagert. Die glänzende Fassade des Goldstaubviertels begann zu bröckeln, so als würden die Gebäude innerhalb von Sekunden verfallen, und plötzlich ritt er zwischen engstehenden windschiefen Hütten und Bergen aus Abfall und Dreck auf einer Straße dahin, die diese Bezeichnung wirklich nicht verdient hatte. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er gesagt, dass er sich in Pariota, dem Armenviertel von Radorgropolis befand, um das jeder vernünftige vermögende Mensch einen weiten Bogen machte. Tatsächlich war auch kein annähernd humanoides Geschöpf zu sehen. Nur ein alter, blinder Köter kroch lethargisch durch den Schlamm und ein paar räudige Kater bissen sich um eine schmächtige Maus, die sie erbeutet hatten. Was bei allen Göttern ging hier vor? Wie kam er innerhalb eines einzigen Augenblicks ans andere Ende der Stadt? War hier irgendwelche dunkle Magie am Werke oder hatte er wieder einen Aussetzer gehabt?
Von Panik getrieben, hieb Lares seinem Pferd die Sporen in die Flanken. Er wollte diese Gosse so schnell wie möglich hinter sich lassen. Zu spät bemerkte er den blinden Bettler mit den bittend geöffneten Händen, der hinter den nächsten Kurve über die Straße wankte. Er dachte nicht im Traum daran, Schnitter zu bremsen, denn der Hengst wäre sowieso nicht mehr rechtzeitig zum Stehen gekommen. Lares durfte das Risiko nicht eingehen, dass er, sein Pferd oder seine wertvolle Fracht hier in die Hände von Banditen oder Halsabschneidern gerieten. Wenn erst jemand seine prallgefüllten Taschen bemerkte, würde er wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben haben. Der Alte schrie nicht einmal auf, als er unter Schnitters Hufen verschwand. Doch den anklagenden Blick und das Geräusch berstender Knochen würde Lares wohl nur mit sehr viel Alkohol aus seinem Gedächtnis verbannen können. Er nahm sich noch vor, für die Seele des Bettlers im Tempel zu beten – immer vorausgesetzt, er fände jemals wieder seinen Weg dorthin – aber als das blutige Bündel hinter der nächsten Biegung aus seinem Blickfeld verschwunden war, verdrängte er den Vorfall ganz schnell wieder. Letzten Endes handelte es sich nur um einen schäbigen Bettler. Besaß denn Abschaum überhaupt eine Seele, für die man beten konnte? Wahrscheinlich hatte er der Stadt sogar einen guten Dienst erwiesen, vermissen würde den Kerl sicher niemand. Die Schreie einer verzweifelten Frau straften seine Rechtfertigungen Lügen, aber er bekam sie nur noch unterschwellig mit, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt nun der Suche nach einem Ausweg aus diesem Gassengewirr.

Viel Spaß beim Lesen, und bitte schreibt mir eure Meinung, auch zum vorherigen Abschnitt. Ohne die konstruktive Kritik der Leser lässt sich die Geschichte nur schwer verbessern. Wink

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Ralphie
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BeitragVerfasst am: 04.11.2010 15:02    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe nur den letzten Teil gelesen, aber der ist sehr gut.
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