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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Schatten der Freiheit - Erstes Kapitel


 

 
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BeitragVerfasst am: 04.12.2019 18:16    Titel: Schatten der Freiheit - Erstes Kapitel eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

1. Kapitel – Hölle

„Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie“ – Erich Kästner



Sam blickte starr vor Angst in die milchig weiße Leere vor ihm. Sein ganzer Körper war von Gänsehaut bedeckt und sein Herz hämmerte in seiner Brust, als wollte es die Rippen in tausend Stücke sprengen. Hölle, blitzte es durch seinen Verstand, mehr war es nicht, das sein Kopf ausspuckte. Er war hier gerade aufgewacht und hatte keinen blassen Schimmer, wieso.

Konnte das überhaupt real sein? Er wollte seine Augen reiben, sah er doch noch die bunten Schlieren vom Schlaf und spürte das Jucken der Sandkörner unter den Lidern. Doch als er seine Arme bewegen wollte, ging nur ein Ruck durch seinen Körper, begleitet von einem blassen Schmerz. Als er nach oben sah, flutete die zweite Panikwelle seinen Körper. Er war gefesselt.

Warum war er gefesselt?
Hektisch riss er an dem schwarzen Gürtel, der ihn an diesen schwarzgrauen Stamm eines toten Baumes fesselte. Scheiße, schrie er innerlich. Komm schon! BITTE! Er zerrte an dem Leder, versuchte das morsche Holz zu durchbrechen, er zappelte, kämpfte mit allem Körpereinsatz. Das Holz knarzte, das schwarze Geröll unter ihm knirschte, als er mit den Schuhsohlen abrutschte, aber es tat sich nichts. Sams Hände blieben über seinem Kopf an den Baum gefesselt, er schob sich mit dem Rücken am Stamm hoch, stemmte sich mit seinem ganzen Körpergewicht dagegen, presste sich nach vorne und versuchte sich mit aller Gewalt loszureißen. Das Leder rieb an den Handgelenken, sein ganzes Gewicht lag auf ihnen, aber sein Instinkt, angetrieben von dieser panischen Angst, wollte sich um jeden Preis in Freiheit quälen. Er schrie innerlich, vor Schmerz, vor Angst, vor Anstrengung. Mit einem Bein stützte er sich nun am Baum ab, sodass er beinahe nur noch an dem Gürtel hing, es fühlte sich an, als würden seine Sehnen reißen, doch er gab noch nicht auf.
Erst, als er glaubte seine eigenen Handgelenke zu brechen, stellte er sich wieder hin und ließ davon ab. Er musste die Zähne aufeinanderpressen, um nicht zu schreien, kniff die Augen zusammen und hielt inne. Mit geschlossenen Lidern atmete er durch. Langsam und tief, schnaufend. Nach einigen Momenten fing er plötzlich an zu zittern. Der Schmerz ließ nach, auch das Adrenalin, stattdessen war da nur noch die Angst. Sie war wie eine Droge, die ihre Wirkung durch seinen gesamten Körper pumpte.
Nein, bitte, bitte nicht. Scheiße. Bitte nicht.
Sein Körper bebte und nicht nur die Kontrolle über die Motorik ging ihm verloren, er war kaum mehr fähig einen willentlichen Gedanken zu konstruieren. Und so stand er da in der Stille dieser Hölle, gefesselt, verwirrt, die Augen geschlossen, und bewegte sich nicht.
Nur langsam, ganz langsam, ließen ihn die Instinkte los und seinen Verstand klarer werden. Doch jeder Gedanke, jede Empfindung fühlte sich so träge an, so vernebelt wie nach einer völlig durchzechten Nacht. Sam versuchte durchzuatmen. Er versuchte zunächst überhaupt einmal zu verstehen, was hier los war. Er war hier eben aufgewacht. Gefühlt vor fünf Minuten war er noch in der Stadt gewesen, nun plötzlich hier. Gefesselt. Irgendwo, wo es aussah wie in der Hölle.

Nein, sagte er zu sich. Nein, das ist nicht real. Und obwohl er diesen Gedanken dachte, war da noch eine zweite Stimme in seinem Kopf, die ihm das Gegenteil einredete. Er wollte sie kleinhalten, eines Besseren belehren, doch mit jeder fortschreitenden Sekunde wurde sie lauter.
Das ist ein Traum, sagte er sich. Ich träume, verdammte Scheiße!
Ist es nicht, erwiderte die zweite Stimme. Er spürte den kühlen Wind auf der Haut, roch den Schwefel in der Luft, spürte das Pochen seines Herzens in der Brust, hörte das Rauschen seines Blutes im Ohr, fühlte den Schmerz in den Handgelenken. Es ist zu real für einen Traum. Und verdammt, diese zweite Stimme hatte Recht. Dennoch weigerte er sich, es als real anzuerkennen. Wie auch? Es ergab keinen Sinn. Er musste einfach träumen. Wieso sonst könnte er an so einem Ort sein?

Es war wie ein kleiner Stromschlag, der ihn durchfuhr. Vor seinem inneren Auge sah er wieder das, was er eben noch gesehen hatte, bevor er die Lider geschlossen hatte.
Eine Hölle.
Ein Land aus einem Horrorfilm. Der Boden bestand nur aus schwarzem Gestein und Geröll, jeder Baum, jeder Busch, alles hier war abgestorben und verdorrt, war leichenhaft blass. Die Äste waren kaum mehr als morsche Krallen, die in eine nebelgetränkte, nach faulem Ei stinkende Luft stachen. Und diese gräulichen Schwaden, die zwischen den toten Bäumen und Steinen wie ein geisterhafter Atemhauch hinweg zogen und dicht und kalt über Sams Haut strichen, tauchten alles weiter als zehn Meter entfernt in milchig weiße Silhouetten. Hier lebte nichts mehr. Kein Sonnenstrahl, nirgendwo ein Blatt, ein Moosteppich, ein Vogelzwitschern oder nur gar ein Insektensurren. Es war ein Totenreich. Ein Hades. Vom Boden bis zum Himmel, alles war tot.

Bis auf Sam.

Er stand dort am gräulichen Baumstamm mit noch immer geschlossenen Augen und zitternden Beinen. Er zerrte nochmal an den Fesseln und bewirkte wieder nichts, außer sich die Handgelenke aufzureiben. Mit einem Seufzen akzeptierte er zumindest eine Sache: Er konnte sich hier nicht befreien. Langsam ließ er sich wieder auf den Boden nieder und setzte sich auf den kalten Stein. Trotz der Angst ratterte sein Kopf auf der Suche nach einer Lösung. Hatte er etwas Scharfkantiges dabei? Nein. Er konnte höchstens nach einem spitzen Stein Ausschau halten. Aber dafür musste er wieder die Augen öffnen und das bedeutete, dass die Situation wieder realer werden würde.
Er war schon immer ein guter Verdränger gewesen. Er mochte diese Eigenschaft an sich nicht, weil sie ihn schon sein ganzes Leben lang aufgehalten hatte, aber wie das eben so war mit solchen Problemen – er verdrängte sie.
Diesmal war es jedoch etwas anderes. Da war diese andere Stimme in ihm, die sich nicht an endlosen Gedankenspiralen auffraß, da war der Instinkt. Und der trichterte ihm ein, dass er nun gefälligst diese verfluchten Augen aufmachen musste, um einen spitzen Stein zu suchen. Sam biss wieder die Zähne zusammen, sammelte seine dreieinhalb Brotkrumen Mut ein und schlug die Augen auf.

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Hölle, hallte es durch seinen Kopf. Und dabei glaubte er nicht einmal an dieses Zeug.  Doch diese tote, finstere Landschaft jagte ihm einen neuen Schwall Panik durch den Körper, er konnte sich nicht dagegen wehren, sondern verfiel ihr. Hektisch sah er von links nach rechts. In Gedanken spukten schon hundert mögliche Szenarien durch den Kopf, die zu erklären versuchten, was hier passierte. Ein Serienkiller? Ein Psychopath? Ein völlig schiefgelaufener Drogentrip? Vielleicht tatsächlich die Hölle? Scheiße. Sams Gedanken verkamen zu einem verworrenen Konzert aus Flüchen und paranoiden Filmen.

Er brauchte einige Minuten, ehe er sich wieder zu seiner Aufgabe zurückbesann: Scharfer Stein. Nun glitten seine Blicke über den dunklen Geröllboden. Hier waren viele Steine, manche größer, manche kleiner. Alle schwarz und kantig. Aber scharf? Keiner so wirklich. Und selbst wenn, wie sollte er ihn in die Hände bekommen?
Es war aussichtslos. Das Gefühl von Verlorenheit und Hilflosigkeit überschwemmte ihn. Er war entführt, gefesselt und hierhergebracht worden und tief in sich spürte er eine so tiefe Todesangst, dass er hinter jedem geisterhaften Nebelhauch etwas erwartete, das diesen Horrorfilm weiterspann. Seine Blicke glitten in die Leere.
Was machte er sich eigentlich vor?
Sein Leben war vermutlich vorbei.
Im ersten Augenblick entfachte ihm der Gedanke eine dumpfe Übelkeit im Magen. Nach ein paar Sekunden wandelte sich das Gefühl in Trostlosigkeit. Er hatte den Tod nie besonders gefürchtet, Sam sah ihm offen entgegen, schließlich würde niemals jemand vorher erfahren, wie es nachher sein würde, es war einfach nur ein Weg, den wir alle gehen mussten. Doch nun, wo er hier an diesem toten Baumstamm saß und wartete, spürte er nur noch Angst. Jede Zelle in ihm wehrte sich dagegen, wollte nicht aufgeben. Nur sein Verstand resignierte. Der sah keinen Ausweg, keine Chance, sah nur die Zusammenhänge und die vielen Ungewissheiten.

Wie war er nur hierhin geraten? Und was bedeutete das? Wer hatte etwas gegen ihn, dass er ihn an so einen Ort brachte und fesselte? Einerseits hatte Sam den Drang nach Hilfe zu rufen, andererseits fürchtete er, wer oder was ihn womöglich hören konnte. Stattdessen spielte er in seinem Kopf bereits seinen Tod durch. Er sah seine Familie an seinem Grab stehen, sah seine Mutter weinen, seine Schwester. Und Ellie, das Mädchen das er vor zwei Wochen kennengelernt und die ihn völlig verzaubert hatte. Gut, womöglich würde sie nicht auf seiner Beerdigung sein, sie hatten sich erst zweimal gesehen, aber bei diesem Thema gingen seine Gedanken immer mit ihm durch. Introvertierte Menschen, wie er einer war, hatten ohnehin oft eine blühende Phantasie. Da sah er schon nach fünf Minuten sein zukünftiges Leben mit zwei Kindern und dem Haus am See an sich vorbeiziehen.
Seine Gedanken wurden von einem kleinen Schatten an seiner Hose abgelenkt. Im Augenwinkel sah er dort etwas. Sein Smartphone. Es war eines dieser großen, unhandlichen Dinger, seine Schwester zog ihn schon immer mit seinem ‚tragbaren Fernseher‘ auf. Groß genug war es jedenfalls, dass es kaum in Sams Hosentasche passte und schon beim Autofahren beinahe herausrutschte. So wie jetzt. Das erste Drittel des Bildschirmes lugte schon aus der Tasche hervor.

Einen Augenblick starrte er es an. Hatten seine Entführer wirklich vergessen, ihm sein Handy abzunehmen? Irgendetwas fühlte sich falsch daran an. Sie hatten es fertiggebracht ihn zu betäuben und unbemerkt hierher zu verfrachten, hatten aber nicht an sein Smartphone gedacht?
Völlig egal, beschloss er, winkelte das rechte Bein an und bewegte seine Hüfte hin und her, um es weiter aus der Hosentasche herauszuschieben. Es dauerte nicht lang, bis es den letzten Halt verlor und auf dem dunklen Stein landete. Sam hielt kurz inne und sah sich um.
Niemand da. Nichts zu hören. Nur tote Bäume, weiße Nebelschwaden, begleitet vom modrigen Atem dieser Hölle.
Er drückte seinen Rücken an den Baumstamm und nahm das Smartphone zwischen seine Füße. Mit dem rechten hielt er es an Ort und Stelle, mit dem linken drehte er es um. Zuerst wollte er versuchen, es in seine Hände zu bekommen, doch schon beim ersten Versuch musste er sich eingestehen, dass es unmöglich war – er war eben kein Athlet ohne Gelenke, der mit seinen Gliedmaßen das McDonald’s-Logo formen konnte.
Er hatte noch eine Idee. Und dafür brauchte er womöglich nicht mal die Hände. Vielleicht könnte er es schaffen einen Notruf abzusetzen und selbst wenn nicht, in ein paar Stunden würde man sein Verschwinden bemerken und die Polizei könnte sein Handy orten, dafür musste er nur das GPS aktivieren. Vorsichtig drückte er mit dem rechten Schuh gegen den kleinen Homebutton. Der Bildschirm begann aufzuleuchten. Er zeigte Sam Zeit, Datum und die widerlichsten drei Worte an, die er sich gerade vorstellen konnte:

23.12.2017
17:12
No services available


Für einen Moment lang herrschte in seinem Kopf nur Leere. Denn jetzt war auch seine allerletzte Hoffnung dahin. Kein Signal. Kein Notruf. Keine Rettung. Er war hier gefangen. Jeder gute Gedanke zersprang wie eine brüchige Eisdecke. Darunter die kalte, erdrückende Gewissheit, dass er was auch immer ihn hierhergebracht hatte, absolut wehrlos ausgeliefert war.
Ein warmer Windhauch lüftete die Nebel um ihn herum ein wenig. Es war das erste Mal, dass er weiter als zehn Meter sehen konnte. Er versuchte irgendetwas zu erkennen, ob da jemand war – oder etwas – und, ob es nicht vielleicht irgendwo eine Tür gab und das hier alles nur eine Show war.
Es war nur eine weitere Enttäuschung; noch mehr tote Bäume, noch mehr schwarzer Stein, noch mehr totes Land.

Ich will hier weg, wisperte die Stimme seiner Gedanken leise. Der Fakt, dass er hilflos gefangen war, fraß ihn immer weiter auf. Und obwohl eigentlich nichts weiter geschah, obwohl er nur dasaß und wartete, fühlte es sich an als würde sich die Lage zuspitzen. Als würde der Weg, den sein Erwachen hier eingeschlagen hatte, stürmisch auf sein Ende zugehen.
Er wusste auch gar nicht, was er noch tun sollte. Er könnte höchstens um Hilfe schreien. Nur ob das so eine gute Idee war? Wer wusste schon, wer oder was da in diesem toten Wald noch lauerte? Klar, vielleicht war das paranoid, aber er war hier gefesselt aufgewacht, war wie der verängstigte Protagonist eines Stephen King Romans. Was sollte an so einem Ort auch schon Gutes sein? Hier war alles abgestorben, es war ein riesiges Grab. In die blassen Vorhänge der Nebelschwaden gehüllt, still, nur hin und wieder durch ein dumpfes Grummeln aus dem Boden unterbrochen. Es war ein Geisterwald. Ein Horrorfilm. Sam war der Hauptdarsteller, der ahnungslos in diese Situation geworden worden war.

Mit jeder vergangenen Minute der Stille und Regungslosigkeit, wuchs die Paranoia. Die Bilder und Filme, die seine Angst in Sams Kopf projizierte, schienen lebendig zu werden. Er begann Schatten zu sehen, wo keine waren. Er begann Stimmen zu hören, wo nur der Wind säuselte und einen Atemhauch in seinem Nacken zu spüren, wo nur ein Lüftchen über seine Haut strich. Er wusste, dass das alles nicht real war, aber er wusste nicht, ob überhaupt irgendetwas real war. Diese Ungewissheit machte ihn wahnsinnig und die voranschreitende Zeit machte nur immer wahrscheinlicher, dass er nicht träumte. Zu allem Verdruss wurde auch der Nebel wieder dichter. Die wabernd weißen Wände engten ihn ein, kamen näher und näher. Unruhig rutschte er hin und her, zerrte zwischenzeitlich immer wieder am Gürtel, doch das Ergebnis war immer dasselbe – nichts.
Plötzlich hörte er Schritte, direkt hinter sich. Er riss seinen Kopf zur Seite, starrte dorthin, doch da war nichts. Die aufkochende Panik ließ ihn wieder erzittern, ließ jeden Muskel verkrampfen. Scheiße, halluzinierte er nun schon? Er war sich sicher die Schritte gehört zu haben und doch war er hier allein.  Oder bewegte sich da etwas in den Nebeln?
Nein.
Nichts.

Erstarrt klammerte er sich jetzt am Gürtel fest, dem Teil, das ihn gefangen hielt. Nun war er wie ein Anker, der ihn an die Realität band. Da waren keine Schritte, keine Stimmen. Sam wusste, dass er panisch war, dass er sich selbst verrückt machte, doch er war nicht fähig etwas dagegen zu tun.  Er schloss die Augen. Sein Herz schlug hämmernd in der Brust, er spürte die Schläge bis in den Kopf. Bummbumm. Bummbumm. Bummbumm.
Jeder Atemzug glich einem Marathon, alles in ihm verkrampfte, sein ganzer Kehlkopf schmerze wie unter einem Druck als würde er zerreißen. Er war völlig paralysiert. Und in seinem Kopf waren nur dieser eine Gedanke an die völlige Ungewissheit, an dieses Totenreich, das ihn umgab und an die Hilflosigkeit.

Scheiße, Scheiße, Scheiße, fluchte er in sich hinein. Er rang mit aller Kraft um seine Selbstkontrolle, doch ständig war da dieser Satz „du wirst hier eh draufgehen“, der ihn wieder zurückwarf in diese Rolle der Hilflosigkeit und Panik. Doch irgendwann schaffte er es. Er biss die Zähne auf die Lippe, konzentrierte sich auf diesen kleinen Schmerz und atmete kontrolliert dreimal tief ein und aus. Ein und aus. Ein und aus.
Er hielt es nicht mehr aus. Es gab nur noch eine Sache zu tun: Um Hilfe rufen.
Sam holte tief Luft …

Sein Schrei ging unter einem wummernden Donnerschlag unter, der den ganzen Boden erzittern ließ. Morsche Äste krachten zu Boden, einer davon traf ihn an der Schulter. Sam kauerte sich instinktiv zusammen, rollte sich am Baumstamm ein wie eine Schildkröte in ihrem Panzer. Er kniff die Augen zusammen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Es war ein brutaler, lauter Knall wie bei einer Explosion gewesen. Doch keine Druckwelle, keine Feuerwalze, nur dieser dumpfe Schlag.
Nachdem der Schall verhallt war, kehrte wieder Stille über den kleinen Abschnitt des toten Waldes ein, den Sam sehen konnte. Er suchte die Umgebung nach einem Anhaltspunkt ab, nach irgendetwas, das diesen Knall erklärte, doch es war wie schon die ganze Zeit seit dem Erwachen: Nebel, totes Land. Der Schock ließ ihn zittern wie bei einem Erdbeben und in seiner Panik schienen nun auch seine Sinne konfus. Das Weiß der Schwaden war weiß. Und doch irgendwie flimmerte sein Sichtfeld. Er spürte, wenn er jetzt nicht irgendwas tat, dann drehte er restlos durch. Dann würde die Angst ihn verrückt werden lassen.
Er biss die Zähne zusammen und riss an dem Gürtel. Das Leder drückte sich so gegen die aufgeriebenen Handgelenke, dass der Schmerz Sam kurz die Luft anhalten ließ. Er biss die Zähne zusammen und schloss die Augen, atmete wieder tief durch. Er spürte, wie das Adrenalin durch seine Adern strömte, spürte, wie er langsam die Kontrolle zurückgewann. Er hielt die Augen so lange geschlossen, bis das Zittern nachließ und nicht mehr dem Stadium von fortgeschrittenem Parkinson glich.
Als er die Augen wieder aufschlug, spürte er schon die Veränderung. Es fühlte sich beängstigend und unheilvoll an, doch die Trugbilder waren fort. Keine Schatten mehr, keine Geisterberührungen. Weniger Flimmern. Auf der rechten Seite lichtete sich der Nebel wieder etwas, sodass Sam bis zum nächsten Baum sehen konnte. Dort sah er einen kleinen Felsen, löchrig und schwarz. Lavagestein. Es musste ein Vulkan in der Nähe sein, das erklärte auch den widerlichen Schwefelgeruch und den dunklen Boden sowie das Beben, das dann und wann die Erde erzittern ließ. Die Erkenntnis war eine bittere – daheim, in Portland, war kein Vulkan, da war keine Gegend wie dieses. Das bedeutete …

Ich bin verdammt weit weg von daheim.

Sam ließ den Kopf hängen, überfallen von einem Gefühl der Verlorenheit. Herrgott, was konnte nur passiert sein? Er war hier einfach so erwacht, in einer dystopischen Fallout-Landschaft, er hatte keine Chancen Hilfe zu holen oder sich zu befreien. Er konnte hier nur dasitzen, warten und zusehen, wie seine Furcht die Ungewissheiten mit düsteren Vorstellungen ausfüllte. Und jeder weitere Gedanke, jede Sekunde zehrte noch mehr Mut und Zuversicht auf. Erwacht an so einem Ort, dazu noch gefesselt, was konnte das denn schon bedeuten? Sam sah in die Leere. Jedes Mal, wenn er sich seine Situation vor Augen führte, fühlte es sich an wie ein Todesurteil.

Das schrille Kreischen einer Frau zerriss plötzlich die Stille, hallend über dem toten Wald ließ es Sam erschrocken zusammenzucken. Er konnte nicht zuordnen, woher es gekommen war. Es konnte von überall gewesen sein. Und es war nah gewesen. Keine hundert Meter entfernt. Sam spürte bereits wieder das Kribbeln der Panik, dieses unangenehme Gefühl, das ihm seine Selbstkontrolle wieder entreißen wollte. Er war kein Draufgänger, kein mutiger Typ. Und hier, in diesem Horrorfilm konnte sich seine ängstliche Seite ausleben. Wäre sie ein Kind, so war das ihr Disney World.
Doch Sam wehrte sich. Der Überlebensinstinkt in ihm wehrte sich. Er verdrängte den Schrecken und stattdessen ließ er Sam beruhigen. Er redete mit sich, um sich daran zu erinnern, dass er derjenige war, der die Kontrolle hatte.
„Okay Sam“, flüsterte er kaum hörbar. Es war beruhigend, seine eigene Stimme zu hören. Es zeigte ihm auch, dass er noch da war. Noch lebte. Das war doch immerhin etwas, oder nicht?
„Alles ist gut“, sagte er weiter. Dann blickte er sein inneres Selbst skeptisch an. „Scheiße, nein, nichts ist gut.“
Er seufzte. Mist. „Okay“, wisperte er wieder. „Okay. Das wird schon.“
Da hörte er was. Noch eine Stimme. Nicht seine, auch nicht die seiner Gedanken. Eine menschliche Stimme, kaum hörbar, fast wie seine. Es war ein vorsichtiges Hallo gewesen. Zumindest glaubte er das. Oder war es nur wieder ein Streich seines Verstandes? Er sah sich um, versuchte durch die Nebel etwas zu erspähen, aber da war nichts.
„HALLO?“, rief er plötzlich, ohne groß darüber nachgedacht zu haben. Sofort hielt Sam wieder die Luft an. Augenblicklich dachte er an all die Horrorstreifen, die er schon gesehen hatte, in denen er sich jedes Mal über die Protagonisten aufregte, die in einen dunklen Raum voller Ungewissheiten spazierten und auch immer schön „Hallo“ riefen, damit das Böse sie auch ganz gewiss hören konnte. Und nun war er selbst in so einer Situation und hatte es getan. Innerlich schimpfte er sich für diese Dummheit und hoffte, dass sein Ruf einfach in den Nebeln untergegangen war. Doch die Hoffnung währte nur kurz – eine Stimme antwortete.

„Wer ist da?“, rief sie. Es war ein Mann. Keine sonderlich tiefe Stimme, ein wenig gepresst, verunsichert. Sam überlegte, was er sagen sollte. Ob er überhaupt etwas sagen sollte. Einerseits könnte es seine Rettung sein, andererseits könnte vielleicht auch sein Mörder dort lauern und nach ihm suchen, um seine Gedärme an den Stamm zu nageln.
Sam seufzte. Richtig, falsch, er war noch nie ein guter Entscheider gewesen, zumal in dieser Situation auch noch sein Leben daran hing und seine Phantasie mit ihm durchging. Doch letztlich hatte er auch keinerlei Fakten, an die er sich klammern konnte.
„Hey, wer ist da?“, rief die Stimme wieder. „Antworten Sie!“
Sam seufzte. Aller Paranoia und Vorsicht zum Trotz war ihm klar, dass es doch ohnehin egal war. Würde er sich nicht melden, würde er hier immer noch gefesselt ausgeliefert sein und irgendwann draufgehen. So hatte er wenigstens den Hauch einer Chance, Hilfe zu bekommen.
„Ich bin hier“, antwortete Sam. Eigentlich eine blöde Antwort, konnte man im Nebel doch ohnehin nichts sehen, aber er war einfach zu zittrig und nervös, als dass er geradeaus denken konnte.
„Sind Sie …“, ertönte die Stimme wieder. „Sind Sie auch gefesselt?“
Sam fiel gleichzeitig ein Stein vom Herzen und ein Fels auf den Kopf. Der andere war nicht sein Mörder, kein böses Etwas oder ein Psychopath, aber Hilfe war wieder in weiter Ferne. Noch ein Gefangener, noch ein Opfer. Aber was bedeutete das? Die Hölle könnte es schon mal nicht mehr sein, sonst wäre hier gewiss kein anderer außer ihm. Oder vielleicht doch? Zumindest bedeutete es, dass es hier nicht nur um Sam ging. War das nun gut oder schlecht?
„Ja“, rief Sam. „Wissen Sie, wo wir sind? Oder was passiert ist?“
„Nein. Ich weiß gar nichts. Nicht einmal, wie ich hierhergekommen bin. Sie?“

Sam versuchte die Stimme des Mannes zu analysieren. Er war definitiv älter als Sam. Womöglich zwischen Mitte vierzig, Anfang fünfzig. Trotz der Angst hörte man ihm eine gewisse Grundsicherheit an, eine Strenge. Sam dachte an einen erfolgreichen Investmentbanker, im feinen Maßanzug mit roter Seidenkrawatte und Manschettenköpfen.
„Nein, keine Ahnung“, antwortete Sam nach einem kurzen Moment. „Ich … ich bin hier einfach aufgewacht.“
„Was können Sie sehen?“, fragte der Andere. „Irgendetwas außer Bäumen? Hier ist es zu neblig.“
„Hier auch“, seufzte Sam. Die neugewonnene Zuversicht, nicht allein zu sein, schwand. Stattdessen drängten sich die Fragen in den Vordergrund. Warum, wieso, wo, wer? Er versuchte sich irgendwelche Erklärungen zusammen zu reimen, aber sein Gehirn spuckte nur flache Verschwörungstheorien aus. Und wenn Sam ehrlich zu sich war, dann gab es doch nur eine einzige Möglichkeit, wie so etwas enden konnte.
Ende … auf dieses Stichwort kam ihm noch ein Gedanke:
Was, wenn er gar nicht so weit von daheim weg war? Vielleicht gab es einen guten Grund, dass er nie weiter als zehn Meter sehen konnte. Die einzige wirklich sinnvolle Erklärung war schlicht und ergreifend: Es war eine Show. Der Nebel war dazu da, dass er die Wände des Studios nicht sehen konnte, die Geräusche, das Beben, der Knall, alles nur Lautsprecher. So eine tote Landschaft war doch nicht natürlich. Eine Kulisse. Je länger Sam darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab diese Theorie.
„Darf ich fragen, wie Sie heißen und woher Sie kommen?“, rief er zu dem Mann. Der antwortete prompt.
„Joshua Conelly, ich komme aus Portland, Oregon.“
Sam stutze. „Der Joe Conelly?“, fragte er. „Von den Conelly Spielwerken?“
„Du kennst mich also? Wie heißt du?“
Sam vergaß die Antwort, er war verwirrt und irgendwie erleichtert zugleich. Joe Conelly war der Inhaber der größten Spielwaren- und Modellbaukette in Oregon. Er hatte über achtzehn große Filialen, zwei Produktionsstandorte und besaß ein riesiges Miniaturwunderland, das jedes Jahr hunderttausende Besucher anzog, Sam war selbst schon mehrmals dort gewesen. Besonders gut kannte er die Hauptfiliale im Stadtkern Portlands. Jeder kannte sie. Allein die aufwendig gestalteten Schaufenster mit ihren riesigen Modellen sorgten immer wieder für Erstaunen. Und auch Joe Conelly selbst war kein unbekanntes Gesicht, man sah es zur Weihnachtszeit an jeder Straßenecke, auf Plakatwänden und Bussen. Angeblich mischte er auch recht offensiv in der Lokalpolitik mit, so mancher Schmiergeldvorwurf hatte schon für Schlagzeilen gesorgt.
Sams Erleichterung rührte vor allem daher, dass Joe Conelly wie er selbst aus Portland kam. Es verstärkte seine Showtheorie, schließlich gab es gewiss gute Quoten einer Lokalberühmtheit einen solchen Streich zu spielen. Sam war dabei vermutlich nur Statist, Nebendarsteller, der sich nebenbei ein wenig lächerlich machte. Sollte ihm recht sein, wenn er hier nur heil rauskam.

Innerhalb von Sekunden fühlte er sich wesentlich entspannter. Die Angst fiel etwas ab, Sam glaubte immer fester an diese Show.
„Hallo? Bist du noch da?“
„Ja, natürlich, Entschuldigung. Ich bin Samuel Williams.“
„In Ordnung, Sam. Du kennst mich also?“
„Ich bin auch aus Portland.“
„Kann das ein Zufall sein?“, erwiderte Joe Conelly. Sam musste beinahe grinsen, so falsch hatte er mit seiner Einschätzung gelegen. Conelly war kein Investmentbanker, kein nüchterner Finanzgeier, er war ein großer, korpulenter Mann mit einer sehr sanften Ausstrahlung. Auf seinen Plakaten wirkte er immer vielmehr wie der freundliche Süßwarenverkäufer mit seinem rundlichen Gesicht und den wuscheligen, braunen Haaren. Einzig das Alter stimmte. Soweit Sam wusste, war Conelly um die fünfzig.
Sam atmete einmal tief durch und setzte sich etwas lockerer auf. Seine Schultern schmerzten bereits von dem starren gefesselt sein, als er sie ein wenig auf und ab bewegte, um seine Muskeln zu entspannen. Dann hörte er Schritt im Nebel.

Er schreckte auf. Seine innere Alarmsirene schrillte: Nun ist es soweit, blitzte es durch seinen Kopf. Doch dann erinnerte er sich an seine Theorie, die all das als Spuk und Schauspiel enttarnte. Die Schritte waren tatsächlich real, diesmal nicht nur eingebildet, und sie kamen von etwas weiter rechts vor ihm. Er hörte einige morsche Äste unter ihrem Gewicht knacken und sah die blassen Umrissen einer menschlichen Silhouette im weißgrauen Nichts. Drei weitere kamen dahinter, sie liefen geradewegs direkt auf ihn zu. In diesem Moment spürte Sam in sich das als Sicherheit geglaubte Wissen um das, was nun kam. Er wusste alles. In welcher Show er steckte und wer da gerade auf ihn zukam.
Es war nichts Geringeres als The Twist, die wohl erfolgreichste und verrückteste TV-Show in ganz Amerika. Jeden ersten Sonntag im Monat, von acht bis zehn Uhr abends, wurden ahnungslose Opfer in eine gruselige, dramatische oder völlig aberwitzige Story versetzt. Das Budget der Sendung lag in Millionenhöhe und die Köpfe hinter der Show hatten die wahnwitzigsten Ideen, die sie dann noch wahnsinniger umsetzten. Erst in der vergangenen Episode hatte es ein junges Paar erwischt. Am Ende der Folge hatten sie tatsächlich geglaubt in der Zeit zurück gereist zu sein. Die Macher der Show hatten dafür ein ganzes Viertel in Blackstervill, ebenfalls Oregon, ins Jahr 1917 zurückverwandelt. Über zweihundert Statisten, tausende Requisiten und absolut perfekt inszenierte Plots hatten dazu geführt, dass die beiden die Zeitreise irgendwann wirklich geglaubt hatten. Und es war noch weitergegangen: Er hatte zur Musterung gemusst, um nach Europa in den Great War zu ziehen. Unter Tränen hatte sie, Charlotte, sich gerade von ihm vor dem Musterungsbüro verabschiedet, als dieses markante Lachen des Moderators erklungen war und das Schauspiel beendet hatte.
Tommy Rogers, ein Mann, dessen Stimmorgan so laut und einprägsam war, dass er sogar schon als der nächste Jimmy Kimmel gefeiert wurde, klärte die Opfer am Ende der Episode immer auf – und als „Trostpflaster“ für diese Strapazen gab es fünfzigtausend Dollar. Für jeden.
Sam fragte sich bereits, was er mit dem Geld machen würde, als sein Lächeln erstarb.

Keine Kameras. Keine Mikrofone. Kein Lachen von Tommy Rogers.
Stattdessen ein düsterer Kerl und drei völlig verängstigte Begleiter – vermutlich ebenso „Opfer“ wie auch Sam und Joe Conelly. Der schattenhafte Mann trug als einziger keine normalen Klamotten, im Gegenteil. Es war ein lederner Harnisch an der Brust, dunkle Stiefel und Stoffhosen. Er hatte einen langen Mantel um sich geschlungen, die Kapuze war tief in sein Gesicht gezogen, sodass es von einem dunklen Schatten verdeckt wurde. Am linken Bein schlängelte sich ein Gürtel mit silbrigen Messern um Wade und Oberschenkel, an der Hüfte baumelten einige Beutel, ein Schwert auf der linken Seite und rechts ein Köcher mit Metallbolzen für eine Armbrust, deren Bogen hinter der Schulter hervorlinste.

Die anderen drei waren im Gegensatz zu ihm verängstigt. Sie sahen auf Sam herab, der angespannt an seinem Baum saß und jeden abwechselnd musterte. Eine Frau, vielleicht Ende fünfzig, mit gefärbten roten Locken, etwas kräftiger gebaut und mit glasigen Augen, hatte ein Kreuz, das an einer Silberkette um den Hals hing, fest umklammert. Sie stand vor einer jungen Blondine, die sich im Hintergrund hielt und eher beobachtend verbarg. Dann war da noch dieser schwarzhaarige, etwas heruntergekommene Typ mit tiefen Augenringen, der eine recht abgewetzte Polizeijacke trug. Er war etwas älter als Sam, vermutlich Mitte dreißig.
„Fürchte dich nicht“, sagte der schattenhafte Mann mit der Armbrust. Es war mehr ein eisiges Flüstern als ein Sprechen, so kalt und durchdringlich, dass es Sam fast erschauern ließ.
„Habe ich nicht“, erwiderte er so nüchtern wie möglich. Er glaubte immer noch an die Show. Die Maskerade, der Aufzug dieses Schattenmannes, wie er sprach. Das war viel zu klischeehaft, viel zu durchsichtig. Sam liebte Geschichten, er liebte Serien, Filme, Comics, er wusste, wie solche Stories aufgebaut waren. Hier hätten sie sich etwas mehr Mühe geben können.
Der schattenhafte Mann sah ihn etwas überrascht an. Er verengte die Augen, einprägsame Augen, deren eisblaue Farbe etwas Mystisches ausstrahlte. Guter Cast, dachte sich Sam, als der Fremde die Schnalle des Gürtels hinter dem Baum löste und ihn von den Fesseln befreite. Den Gurt legte er sich selbst wieder um den Bauch, wo bereits zwei weitere waren.

Die Freiheit war für Sam wie ein euphorischer Rausch. Nicht nur, dass er wieder mehr Blut durch seine Adern in Händen und Armen strömen spürte, er konnte endlich aufstehen, sich strecken und die verkrampften Muskeln dehnen. Seine Schultern knackten, als er die Arme zur Seite streckte. Danach schloss er die Augen, legte den Kopf in den Nacken und verharrte einen Augenblick im Stehen. Er ging nochmal alles durch – er war hier aufgewacht, er hatte noch nie besonders weit gesehen, dieser tote, modrige Wald und der düstere Boden, dieser Kerl mit Schwert und Armbrust, Joshua Conelly, das konnte alles nur eine Show sein. Eine andere logische Erklärung gab es nicht. Als Sam die Augen wieder öffnete, sah er sich die anderen genauer an. Die beiden Frauen wirkten verängstigt, der Polizist hingegen hatte eine ausdruckslose Mimik; und strömte einen recht penetranten Geruch von Alkohol aus.
Die Blondine und er waren offenbar auch gefesselt gewesen, auch ihre Handgelenke waren aufgerieben wie Sams.
„Nun lasst uns den Fünften im Bunde aufsuchen“, wisperte der Schattenmann. „Und seid leise. Verhaltet euch ruhig.“
„Wieso?“, fragte Sam flüsternd.
Der Polizist zuckte mit den Schultern, die beiden Frauen reagierten nicht, ihnen stand der Schock noch ins Gesicht geschrieben. Der Fremde führte sie in die Nebel hinein, etwa zwanzig Meter weiter erspähte man eine Person an einem Baum. Das rundliche Gesicht kristallisierte sich langsam aus dem blassen Weiß hervor – Joshua Conelly. Das sonst so freundliche lächelnde Mann von den Plakaten wirkte nun alles andere als nett; der Kiefer war angespannt, die Augenbrauen verengt, fast schon drohend sah er den fünf Fremden entgegen.
„Wer zur Hölle seid ihr? Was soll das Ganze?“, zischte er mit aggressiver Stimme.
„Mr. Conelly, ich bin’s, Sam“, erwiderte er und ging einen Schritt auf ihn zu. „Warten Sie, ich mache Sie erstmal los.“
Seine Miene entspannte sich, beruhigt wirkte er jedoch nicht. Sam löste den Gurt, reichte Joe Conelly eine Hand, um ihm aufzuhelfen, der sie jedoch ignorierte und von allein wieder auf den Beinen stand. Nun kam auch seine Größe mehr zur Geltung, über Einsneunzig, kräftig gebaut, man fühlte sich ihm sofort körperlich unterlegen. Und mit dieser gefühlten Überlegenheit, sah er auf die anderen herab – seine Blicke blieben bei dem schattenhaften Mann hängen.
„Was wird hier gespielt?“, knurrte er.
Der Fremde sah ohne die Regung einer Mimik zu ihm auf, nur ein blasses Lächeln zierte seine Lippen, fast schon amüsiert über Joe Conellys Aufregung. Der wiederum sah zu den anderen. „Und wer seid ihr alle eigentlich?“
„Sie sind Joe Conelly, oder nicht?“, sagte die junge Blondine. Sie war um die Mitte zwanzig, hatte wache, blaue Augen und etwas sehr Klares in ihrer Mimik. Kein Püppchen, sie hatte etwas sehr Selbstbewusstes an sich, allerdings auch etwas Kühles.
„Auch aus Portland?“, brummte dieser. Sie nickte. „Wie heißt du?“
„Sara. Sara Leeve. Und du bist?“, fragte sie mit Blick auf Sam.
„Samuel Williams. Auch Portland.“
„Ihr auch?“, fragte Joe Conelly mit Blick auf den Polizisten und die Rothaarige. Er nickte nur, sie ließ nun zum ersten Mal das Kreuz los.
„West Linn“, hauchte sie kaum hörbar. Ein Vorort von Portland.
„Na, wenn das mal kein Zufall ist“, murmelte Conelly. Seine grimmigen Blicke suchten wieder den Fremden mit der Armbrust. Er zeigte keinerlei Angst vor den Waffen, vielmehr schien er drauf und dran ihm eine reinzuhauen. „Und du Spaßvogel?“, sagte er rauchig. „Wer bist du? Was soll die dumme Montur? Und warum grinst du so?“
Der Schattenmann ließ sich von Joes Tonfall nicht beunruhigen, vielmehr weitete sich das Lächeln ein Stück. „Verzeiht“, wisperte er mit dieser kalten Stimme. Er nahm die Kapuze vom Kopf und sah Joe tief in die Augen. Er hatte einen glasklaren Blick, ein ernstes Gesicht mit einer Narbe am rechten Auge, die beinahe wie ein Adlerkopf aussah. Sam schätzte ihn nicht sehr viel älter ein als er selbst war, Ende zwanzig. Doch von der Reife und Ausstrahlung dieses Fremden war er weit entfernt. Dieser Schattenmann war wie ein Fels, keine Miene regte sich, da waren nur dieser klare Blick mit den eisblauen Augen, dieser ernste Gesichtsausdruck wie der eines Marine im Feldeinsatz. Sams bester Freund hatte gedient, war in Afghanistan gefallen. Er hatte ein Bild von ihm gesehen, das ein Frontfotografen kurz nach einem Schussgefecht gemacht hatte.
Konnte man diesen Blick spielen?
„Ich selbst bin etwas verwirrt“, fuhr er mit kühler Stimme fort. „Bis vor Kurzem wart ihr nur Träume in einer fantasievollen Vorstellung. Nun stehe ich hier, vor euch, und ihr scheint … scheint nur Verlorene zu sein. Angsterfüllt und gar ahnungslos.“ Er schüttelte den Kopf. „Gebt mir einen Augenblick, mich zu sammeln. Unsere Begegnung erwartete ich anders. Doch ich bitte euch, gleichwenn ich die Furcht in euren Augen zu sehen vermag, verhaltet euch leise.“
Er drehte sich um und ging einige Schritte beiseite. Er lief gedankenversunken zu einem Baum, an den er sich mit verschränkten Armen lehnte und uns analysierend beobachtete.
„Hat …“, sagte die rothaarige Frau, „hat auch nur irgendjemand von Euch eine Vorstellung, was hier los ist?“ Sie war durch und durch verängstigt, sie hatte wieder ihr Kreuz in der Hand und wenn sie nicht sprach, sah man ihre Lippen stille Gebete sprechend. Sie trug einen dicken, beigen Mantel, war generell eher stilvoll gekleidet, ganz im Gegensatz zu Sam selbst, der in seinem dicken Kapuzenpullover und den Sneakers eher lässig daherkam. Ganz anders Joe Conelly mit dicker Jack Wolfskin Allwetterjacke, Lacoste Schuhen und dieser aufdringlich goldglänzenden Rolex am Arm.
„Ich habe nur eine Idee“, sagte Sam flüsternd. Er war nicht unbedingt der Mensch, der gerne im Mittelpunkt stand, aber noch unangenehmer als das war ihm, wie sehr sich die Frau fürchtete. „Kennt ihr The Twist? Ich glaube … wir sind in der Show.“ Er wartete einen Augenblick und ließ seine Worte bei den anderen sacken. „Schaut euch doch mal um: total übertriebene Kulisse, dieser eigenartige Kerl, dieser plötzliche Ortswechsel. Keine Ahnung, wie die das gemacht haben, aber anders kann es gar nicht sein. Wir werden hier verarscht.“
Sams Theorie ließ die Mienen dreier Conellys und der Frauen erhellen. Sara und Joe schienen den Gedanken erst selbst noch einmal nachzuprüfen, die Rothaarige hingegen ließ wieder von ihrem Kreuz ab und nickte. Einzig der Polizist verzog keine Miene.
„Das klingt wirklich logisch“, sagte sie. „Ich bin übrigens Grace. Grace McNamarra.“
„Das ist eine Erklärung, ja“, murmelte Joe Conelly. „Oh, die können sich was von mir anhören. Ich verklage den Laden bis auf die Grundmauern. Verfluchter Scheißdreck, es ist Weihnachten! Ich habe keine Zeit für sowas.“
„Du, Sam, richtig?“, sagte der Polizist nun leise. Er stand ihm gegenüber und selbst gegen den Wind roch Sam den Gestank von Alkohol und Zigaretten. Sam nickte. „Was ist das letzte, an das du dich erinnerst?“
Jedes Wort blies Sam eine Dunstwolke aus Alkohol entgegen. Es fiel ihm schwer, ihn wirklich ernst zu nehmen, dennoch ließ er sich darauf ein und dachte nach.
„Ich war in der Stadt. Geschenke kaufen. In der Nähe von Joes Filiale.“
„Wie viel Uhr war es da?“, fragte der Polizist weiter.
„Kurz nach Fünf“, sagte Sam nun ohne Stimme. In diesem Augenblick war es wie ein Eisennagel, der ihm ins Genick geschossen wurde. Denn plötzlich war Sams Theorie nicht mehr so fehlerfrei, nicht mehr so alleserklärend. Im Gegenteil, er begriff den Logikfehler.
„Wann bist du hier aufgewacht?“, bohrte der Polizist weiter. Brauchte er gar nicht, Sam hatte es bereits kapiert, die anderen vermutlich ebenso.
„Kurz nach Fünf“, wisperte er dennoch heiser. Sie mussten ihn innerhalb von kaum einer Minute irgendwie betäubt und an diesen Ort verfrachtet haben. Und Sam kannte in der Innenstadt kein Studiogelände, das groß genug für so eine Show war. Kurz gesagt: Das war nicht möglich.


Für einen Moment stand für ihn die Zeit still. Auf ein Mal war es nicht mehr aufregend, nicht mehr lustig oder abstrus, nun war es ein Albtraum. Kein Tommy Rogers, keine Kameras, keine vernünftige Erklärung. Nun war Sam nur wieder in diesem toten, dunklen Wald mit schwarzem Fels und wallenden Nebeln. Nun war er plötzlich wieder weit, weit weg von daheim, von einer Sekunde auf die andere. Nun war er wieder der Protagonist eines Horrorfilms. Ihm war klar, dass es irgendeinen Zusammenhang zu alledem geben musst, es konnte kein Zufall sein, dass sie alles aus Portland kamen – aber was in aller Welt konnte dafür sorgen, dass man plötzlich hier erwachte?

Sam blickte sich um.

Tote, morsche Bäume, abgestorbene Baumstümpfe mit Krallen als Ästen, eingebettet in diese gräulichen, alles verdeckenden Vorhänge, wabernd über felsigen Boden, aus dem es finster grummelte.
Hölle, wisperte die Stimme in seinem Kopf. Ich bin in der Hölle.




Ich freue mich über konstruktive Kritik, gerne auch konkret oder gesamtheitlich. Desweiteren bin ich auf der Suche nach einem Betaleser, der mir hilft, durch Feedback besser zu werden.


Beste Grüße,
Euer Frederic

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Stefanie
Dichter und Denker


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BeitragVerfasst am: 04.12.2019 22:19    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist wirklich mal eine originelle Idee. smile extra
Ich habe schon länger keinen Text mehr gesehen, wo ich so gar nicht wusste, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln würde.

Den ersten Teil würde ich stark kürzen. Irgendwann hat es wirklich jeder verstanden, dass es da gruselig ist und Sam Angst hat.

Ansonsten ist mir nur ein kleiner Fehler aufgefallen. Der Schattenmann hat die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, trotzdem kann Sam die Augenfarbe erkennen.

Bin gespannt, wie es weitergeht.
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Waage
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BeitragVerfasst am: 05.12.2019 09:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Stefanie hat Folgendes geschrieben:
Das ist wirklich mal eine originelle Idee. smile extra
Ich habe schon länger keinen Text mehr gesehen, wo ich so gar nicht wusste, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln würde.

Den ersten Teil würde ich stark kürzen. Irgendwann hat es wirklich jeder verstanden, dass es da gruselig ist und Sam Angst hat.

Ansonsten ist mir nur ein kleiner Fehler aufgefallen. Der Schattenmann hat die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, trotzdem kann Sam die Augenfarbe erkennen.

Bin gespannt, wie es weitergeht.



Vielen lieben Dank für das positive Feedback! smile

Könntest du vielleicht konkretisieren, bis wohin der "erste Teil" für dich geht?

Beste Grüße! smile
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Stefanie
Dichter und Denker


Beiträge: 1151



BeitragVerfasst am: 05.12.2019 09:43    Titel: Antworten mit Zitat

Nicht wirklich. Je weiter die Geschichte geht, desto mehr Handlung und weniger Wiederholung, wie gruselig alles sei, ist da.
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Leseprobe
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BeitragVerfasst am: 05.12.2019 09:49    Titel: Antworten mit Zitat

hallo Frederic,
nicht schlecht. Spannend, und gut, dass man nicht weiß, wohin es geht. Dass auch die schattenafte Figur noch nicht einzuordnen ist, indifferent bleibt.
Da ich wie immer Zeitmangel habe, kann ich nicht auf Details eingehen.
Ich denke nicht, dass es "der Anfang" ist, etwas zu kürzen, sondern insgesamt hier und da einzelne Sätze zu streichen wären, weil sie nichts neues beitragen, man den Inhalt schon kennt.
Lies es doch laut für dich, mir hilfts, solch überflüssige Sätze aufzuspüren.


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... diese gläserne Gegenwart ...
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Waage
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BeitragVerfasst am: 05.12.2019 10:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Nicht wirklich. Je weiter die Geschichte geht, desto mehr Handlung und weniger Wiederholung, wie gruselig alles sei, ist da.


Okay, danke für den Hinweis!


Zitat:
Ich denke nicht, dass es "der Anfang" ist, etwas zu kürzen, sondern insgesamt hier und da einzelne Sätze zu streichen wären, weil sie nichts neues beitragen, man den Inhalt schon kennt.


Super, danke für die Anmerkung! Ich werde es mal so probieren. Vielen Dank für das Feedback!
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Erinnerung&Sehnsucht
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BeitragVerfasst am: 06.12.2019 15:38    Titel: Antworten mit Zitat

Ich bin nicht gut im kritisieren, also versuche ich es erst gar nicht. Das macht meine Resonanz natürlich weniger wertig. Aber mir fehlt das Talent zum Kritiker. Jedoch weiß ich was mir gefällt. Den Text finde ich wirklich gut. Weil es keine sterilen Buchstaben bleiben, sondern einer lebendige Geschichte daraus wird. So einen inneren Film, der sich von selbst erzeugt, habe ich nicht immer vor Augen. Aber diese Geschichte hat einen in mir ausgelöst. Bei einem Buch dessen erste Seiten ich lese, wäre mein Interesse geweckt. Wirklich gut gemacht.

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Was mich am meisten stört, ist die eigene Dummheit.
Die Dummheit anderer ist Unterhaltung.
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BeitragVerfasst am: 06.12.2019 15:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Erinnerung&Sehnsucht hat Folgendes geschrieben:
Ich bin nicht gut im kritisieren, also versuche ich es erst gar nicht. Das macht meine Resonanz natürlich weniger wertig. Aber mir fehlt das Talent zum Kritiker. Jedoch weiß ich was mir gefällt. Den Text finde ich wirklich gut. Weil es keine sterilen Buchstaben bleiben, sondern einer lebendige Geschichte daraus wird. So einen inneren Film, der sich von selbst erzeugt, habe ich nicht immer vor Augen. Aber diese Geschichte hat einen in mir ausgelöst. Bei einem Buch dessen erste Seiten ich lese, wäre mein Interesse geweckt. Wirklich gut gemacht.


Oh, na das ist ein wirklich schönes Feedback! Vielen lieben Dank für die netten und motivierenden Worte, da wandern die Mundwinkel direkt nach oben. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast, deine Meinung zu teilen! smile
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