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Rike
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 41
Beiträge: 260



BeitragVerfasst am: 17.04.2008 17:02    Titel: Getroffen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Getroffen

Im Innersten schwer getroffen irrte ich umher. Schnellen Schrittes stolperte ich auf unwegsamen, waldigen Wegen. Wollte weg, weg von mir selbst, raus aus meinem eigenen Labyrinth.  
Ich wusste nicht wohin es mich trieb, hörte meinen gehetzten Atem und wollte ihm entfliehen. Doch er lief mir voraus, vernebelte mir die Sicht.
 
Dann roch ich es. Ich roch es bevor ich’s sehen konnte. Der schwere, schlammig, süßsalzige Duft, kroch in meine Nase und zog mich zu sich hin. Nun kannte ich mein Ziel.
Ich folgte wehrlos und hielt erst inne, als das Wasser schon an meinen Zehen leckte. Die Kühle stach in meinen Beinen, stach hinein in meinen Kopf und raubte mir die letzte Kraft.

Ich sank hinab auf einen Stamm, der nackt und leblos da verweilte, als warte er schon lange hier auf mich. Die Äste fielen ihm ins Wasser, wie wenn sie hofften, dem Unvermeidlichen gierig trinkend zu entgehen. Staunend fuhren meine Hände über seinen toten Stamm, spürten seinen gestockten Lebenssaft und strichen über das weiche Moos.
Trauer erschütterte mich und ich begann zu weinen.  
Meine Tränen brachen in endlosen Quellen aus mir heraus, ließen meinen Körper erbeben, ergossen sich auf meine Haut, rannen über den Stamm und würzten den erdigen Boden mit ihrem Salze.
Ich legte meine Wangen auf seine raue Rinde.
Da schmeckte ich das feine Gemisch aus salzigen Tränen und modriger Süße und ich atmete den fremd-vertrauten Duft - es roch nach Ende, nach Verwesung, nach Vergänglichkeit.

Ich spürte meine Sinne taumeln und bettete meinen Körper ergeben auf den Stamm. Ausgestreckt lag ich da und ließ die Arme zu beiden Seiten baumeln. Meine Hände berührten Laub und Kies und Erde. Ab und zu streifte mit sanftem Plätschern eine leichte Woge die Spitzen meiner Finger. Alles um mich drehte sich.
Meine offnen Augen starrten rot und leer hinauf zum Firmament und suchten einen Halt. In seiner morgendlichen Blässe ließ der Himmel mich in sein Weiten schweifen. Kein Wölkchen, kein vergessner Stern, an den ich meinen Blick hängen konnte.  

Schwindelnd schloss ich meine Augen und stürzte sogleich hinab. Hinab in meine eigenen Tiefen.
Da träumte mir, ich hätt mich in mir selbst verfangen. Meine Haare verwuchsen mit den Ästen des Baumes, auf dem ich lag und wir wurden eins.

Dann traf ich dich.

Du fandest mich auf dem Stamme liegend und knietest dich vor mich hin. Du strichst in ehrfürchtiger Scheu über meinen Leib. Du löstest meine Haare sacht aus ihren Fängen, dann ludst du mich auf deine Arme und trugst mich hinein in den Fluss. Du wuschest mich rein von meinen Tränen, kühltest mir die wunden Stellen, entferntest den Schmutz von meiner Haut.

In der Luft lag ein Hauch von frischem Blut. Ich spürte es warm an meinen Fingern und leckte mich daran satt.
Mein Kopf legte sich müde auf deine Brust, erwartete Stärke zu spüren.
Doch du wichst jäh zurück.

Verwundert öffnete ich die Augen, zum ersten Mal traf sich unser Blick.
Ich sah in dir meinen eigenen Schmerz.

Da erst erkannte ich, dass das Blut aus deinen Wunden tropfte.



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Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit (R. M. Rilke)
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Gast







BeitragVerfasst am: 17.04.2008 18:50    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe gerade Deine Vorstellung auf dem Roten Teppich gelesen, und dieser Text paßt perfekt dazu. Wink Ist nicht böse gemeint, aber ehrlich – das ist mir alles etwas zuviel. Dieser kurze Text ist so vollgestopft, daß ich nicht lange darin verweilen mag.

Vor dem einen oder anderen Nebensatz fehlt noch ein Komma, aber das hast Du sicher in der Eile übersehen, Du bist ja Lehrerin und kennst die Kommaregeln.

Ich würde sagen, der Text wäre gut, wenn Du ihn etwas auflockern würdest, wenn es nicht alles so massiv daherkäme, so endgültig und zum Teil auch unverständlich. Warum sind es zum Schluß dann seine Wunden? Hat die Protagonistin – die in der Tat ziemlich übergeschnappt erscheint – ihn in einem Anfall geistiger Umnachtung versucht zu ermorden? Oder ist sie ein Vampir, weil sie so gern sein Blut leckt, und er das Opfer, das ihr gerade noch entkommen ist? Oder ist sie einfach nur eine Verrückte, die aus einer psychiatrischen Anstalt entflohen ist, und er ist der Wächter, der sie daran hindern wollte?

Man weiß es nicht. Mir erscheint das alles sehr verworren. Ich kann nicht viel damit anfangen.

Nichts für ungut, aber ich bin wohl nicht das Zielpublikum. Wink

Liebe Grüße
Angela
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Rike
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 41
Beiträge: 260



BeitragVerfasst am: 17.04.2008 21:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Angela,

 mit der Kommasetztung muss ich dir recht geben. Hab sie gleich gefunden, die fehlenden. Gleich in den ersten Sätzen auch noch. Autsch!

Danke auch für deine Meinung zum Inhalt.
Vielleicht hätte ich diesen Text eher unter Lyrik stellen sollen, denn der Sprachstil ist eher lyrisch, episch.
Dieses Werk wollte ich bewusst von der Sprache und der Atmosphäre tragen lassen. Es braucht keine große Geschichte drumherum.

Ich als Autor stelle mir vor, dass der Leser sich darauf einlässt, in diese - vielleicht befremdliche - Atmosphäre eintaucht und sieht was mit ihm oder in ihm passiert. Wenn da nichts passiert ist es ok! Wenn man sich aber einlassen kann, dann versteht man auch, was damit gemeint ist, dass das Blut aus seinen Wunden tropft. Glaube ich zumindest  Rolling Eyes !

Gruß und danke nochmal für deinen Kommentar

 Very Happy Rike


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Merlinor
Geschlecht:männlichArt & Brain

Alter: 67
Beiträge: 7987
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BeitragVerfasst am: 17.04.2008 22:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rike

Ich mag es. Punkt.
Ich verstehe es nicht, aber ich mag es. Es ist wunderschön ...

Ich habe es ja schon drüben gelesen, aber es war mir nichts Passendes eingefallen zu sagen.

Beim erstenmal dachte ich: „Wurbelschwurbel“, so etwas mag ich nicht lesen ... Dann las ich es wieder und wieder. Dann wollte einer 'ne Fortsetzung schreiben und ich dachte: „Wie unnötig“.

Ja, es ist wohl Lyrik. Trotzdem ist es hier gut aufgehoben. Und der Tag wird kommen, an dem ich es verstehe ...

Herzlich  Very Happy  Very Happy  Very Happy

Merlinor
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Rike
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 41
Beiträge: 260



BeitragVerfasst am: 08.05.2008 19:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Und auch hier mit Stimme! Vielleicht findet man so eher Zugang dazu - trotz geschwollener Sprache!  Wink

Dieses Werk liegt mir selbst irgendwie schwer am Herzen.


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Maria
Geschlecht:weiblichEvolutionsbremse

Alter: 47
Beiträge: 7729

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BeitragVerfasst am: 09.05.2008 22:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rike,

Du hast eine sehr angenehme Stimme.
Ich hab den Text schon vor zwei Wochen gelesen, konnte aber für mich  keinen Ansatzpunkt finden, mit dem ich - und sei es für mich allein - weiterspinnen könnte.

Sie wirkt tatsächlich wie 'im innersten schwer getroffen', nimmt nichts mehr so wahr, wie es ist.  'staunt über tote Stämme'.. hatte gerade jetzt wo ichs schreibe sogar den Gedanken an magic mushrooms. Die Natur, oh ein Gänseblüm, schau es spricht. (edit: das ist natürlich nicht ernst gemeint, ich erwähns lieber mal) Wie gesagt, ich werde nicht schlauer, je öfter ich den TExt lese.

Jetzt, beim Zuhören, hatte ich wieder die Idee, dass sie sich das Leben nehmen wollte, also im Sterben liegt. Oder sich eine Trennung so anfühlt, als würde sie ihm Sterben liegen. Und letztlich doch ER derjenige ist, der zu bedauern wäre?
Nein. Ach.

Jedenfalls hast Du einen wunderbaren Sprachgebrauch. Und dieser Text erdrückt mich geradezu, vor allem wenn man ihn öfter liest.

Ein Ausreisser:
Zitat:

ließ der Himmel mich in seine Weiten schweifen

oder bin ich ahnungslos und sein Weiten ist gängig? dann vergiss wieder.


und
Zitat:
Du löstest meine Haare sacht


löstest klingt in meinen Augen verquer. befreien, trennen. befreitest, trenntest klingt aber auch nicht geschmeidig. Entfesseln. Möglicherweise verfremdet das auch deine Absichten?
Beim HÖren allerdings fiel es mir nicht auf^^
Was allerdings aufgefallen ist, und zwar beim Lesen und beim Zuhören:
Zitat:
Staunend fuhren meine Hände über seinen toten Stamm, spürten seinen gestockten Lebenssaft und strichen über das weiche Moos.


gestockt löst bei mir sofort den Gedanken an Milch aus. Gestockte Milch. Gelesen hast Du auch getrocknet oder vertrocknet. Hab ich mich verhört? Passt für meine Ohren jedenfalls besser wink

Ich lese es gerne - wieder, es sorgt für eine sehr sonderbare Stimmung. Aber es stinkt mir, dass ich keinen Hebel finde wink
Gibts einen Hintergrund?

LG
maria


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Tyrion Lannister
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yt
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Alter: 45
Beiträge: 720
Wohnort: Sittensen
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BeitragVerfasst am: 10.05.2008 06:20    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Dann roch ich es. Ich roch es bevor ich’s sehen konnte. Der schwere, schlammig, süßsalzige Duft, kroch in meine Nase und zog mich zu sich hin. Nun kannte ich mein Ziel.
Ich folgte wehrlos und hielt erst inne, als das Wasser schon an meinen Zehen leckte. Die Kühle stach in meinen Beinen, stach hinein in meinen Kopf und raubte mir die letzte Kraft.

Ich sank hinab auf einen Stamm, der nackt und leblos da verweilte, als warte er schon lange hier auf mich. Die Äste fielen ihm ins Wasser, wie wenn sie hofften, dem Unvermeidlichen gierig trinkend zu entgehen. Staunend fuhren meine Hände über seinen toten Stamm, spürten seinen gestockten Lebenssaft und strichen über das weiche Moos.
Trauer erschütterte mich und ich begann zu weinen.
Meine Tränen brachen in endlosen Quellen aus mir heraus, ließen meinen Körper erbeben, ergossen sich auf meine Haut, rannen über den Stamm und würzten den erdigen Boden mit ihrem Salze.
Ich legte meine Wangen auf seine raue Rinde.
Da schmeckte ich das feine Gemisch aus salzigen Tränen und modriger Süße und ich atmete den fremd-vertrauten Duft - es roch nach Ende, nach Verwesung, nach Vergänglichkeit.


Rot:
Entweder da ist welcher oder keiner. In letzterem Fall kannst du ihn vermissen aber nicht spüren wink Vielleicht is das ist ein gutes Beipspiel was den Text so "Gefühlsschwanger" macht. Manche Metaphern sind nicht stimmig.

Blau:
Ich denke ich weiss genau was gemeint ist, doch fremd-vertraute ist für mich eine Wortschöpfung/aneinanderreihung die nicht funktioniert, und mehrerer Worte bedarf.

Grün:
Diesen Satz würde ich umstellen, Vorschlag:
... es roch nach Verwesung, Vergänglichkeit, nach einem Ende.

Ich bin der Meinung der Text hat alles wichtige, er muss nur fester auf dem Boden stehen, vielleicht nach einer Kritikrunde wieder nen Moment ruhen lassen, wie schon gesagt wurde, der ist sehr dicht und geballt an Umschreibungen.

Mit liebem Gruß,
yt
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