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Bühnenevent "Die Literaturwelt ist scheiße" - Eine Kritik


 
 
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Lyro
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 30
Beiträge: 128
Wohnort: Deutschland


Beitrag10.01.2024 22:32
Bühnenevent "Die Literaturwelt ist scheiße" - Eine Kritik
von Lyro
eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Speaker:
Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie Jeff Hillstone!

Tosender Applaus.


Ein schlicht gekleideter Mann mit Headset betritt die riesige Bühne der Writer's Ship Veranstaltungshalle in Kalifornien. Auf einer Anzeigetafel steht in großen Buchstaben: Die Literaturwelt ist scheiße!
Das Publikum - 800 ausverkaufte Sitzplätze - klatscht euphorisch.


Guten Abend, angehende Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Bitte sparen Sie sich die Energie, die Sie fürs Klatschen aufbringen auf den Schluss dieser Veranstaltung, denn Sie werden es bitter nötig haben.
Bevor wir beginnen, stelle ich klar, dass ich im Folgenden nur das Maskulinum verwende. Ich möchte diese Veranstaltung nicht unnötig in die Länge ziehen. Außerdem – wie Sie vielleicht bereits mitbekommen haben – ist es der Verlagswelt sowieso lieber, wenn Sie ein Mann sind.

Nun. Sie alle haben sich offenbar dazu entschieden, sich der Schriftstellerei zu widmen und Ihr Geld idealerweise mit dem Schreiben von Büchern – hauptsächlich Romanen – zu verdienen. Liege ich richtig? Deshalb sind Sie heute zu meinem Seminar mit dem Titel „Die Literaturwelt ist scheiße“ gekommen und hoffen auf spannende, lehrreiche und interessante Tipps und Tricks zu den Themen Verlagswelt, Schreibkunst und Literatur. Stimmt’s? Tja. Was Sie in der nächsten Stunde von mir hören werden, wird Sie allerdings nicht so sehr erfreuen, denn hier werden ernste Töne angeschlagen. Ich werde nicht dafür bezahlt, Ihnen internetblogmäßig Honig um den Mund zu schmieren und Ihre Illusionen vom Schriftstellerdasein füttern.

Wenn ich hier so in die Runde schaue, sehe ich frische, junge und dynamische Gesichter. Motivierte Menschen, die bereit sind, von der Literaturindustrie gebrochen zu werden. Dabei kann ich Ihnen jetzt schon versichern, dass 80 % von Ihnen nicht schreiben können. Oder glauben Sie ernsthaft, dass sich alle 800 Menschen hier in diesem Saal als supertolle Autoren entpuppen, die einen Bestseller nach dem anderen schreiben werden? Nein, ganz sicher nicht. Diese 80 % können jetzt eigentlich bereits wieder nach Hause gehen und sich anderen Handwerkstätigkeiten widmen. Lassen Sie das mit dem Schreiben einfach. Nur einen Bruchteil von Ihnen wird diese Veranstaltung weiterbringen, und dieser Teil sollte nun genau zuhören.

Haben wir hier eigentlich Juristen im Raum? Wenn ja, dann bitte ich Sie, diesen Raum schnellstmöglich zu verlassen. Juristen können nicht schreiben. Die sollen sich in ihren langweiligen Gerichtsurteilen austoben und ihr Geschreibe mit fehlender Spannung aufpeppen. Juristen, die kreativ schreiben wollen, verschwenden nur Regalplätze.

Ein paar Gäste – offenbar Juristen – stehen lautstark auf und sind im Begriff, den Saal zu verlassen.
„Das ist ja eine Frechheit!“
„Ich habe für dieses Seminar bezahlt!“


Huch, das ging aber schnell bergab mit der Motivation, Schriftsteller zu werden. Sie haben schon die ersten Zweifel gezeigt. Sie haben sich enttarnt.

Die Gäste setzen sich verdutzt wieder auf ihre Plätze.


Entscheiden Sie sich doch bitte, was Sie wollen. Haben Sie das Zeug zum Schriftsteller oder nicht? Übrigens werden Sie sehr häufig in Ihrer Laufbahn hören, dass Sie etwas auf keinen Fall können, ohne, dass Ihnen jemand genau sagt, weshalb. Sie können es einfach nicht, weil das jemand so entscheidet. Es ist auch vollkommen gleichgültig, ob Sie für irgendetwas bezahlt haben oder nicht. Ein bezahltes Ticket und das Breittreten von Schreibkursstühlen macht Sie noch lange nicht zu einem ernstzunehmenden Autor.
Aber, glauben Sie mir, wir werden im Laufe dieser Veranstaltung noch aufdecken, ob Sie ein wahrer Schriftsteller sind oder nur ein Möchtegern.

Was schreiben Sie denn gerade so? Na los, seien Sie nicht schüchtern.

Einer aus dem Publikum ruft „Fan-Fictions“


Fan-Fictions? Warum? Haben Sie keine eigenen Ideen? Sie wollen Schriftsteller werden und bedienen sich an Ideen anderer Leute, um dann daraus irgendwie Ihr eigenes Ding zu machen, oder? Und nachher wird dieser zusammenkopierte Schrott als Hommage oder Inspiration bezeichnet. Tut mir leid, aber der Buchmarkt ist davon schon übersättigt. Wie Sie vielleicht sicher mitbekommen haben, werden Fan-Fictions eigentlich von der Literaturwelt belächelt, weil sie als primitiv gelten. Man kennt sie aus diversen Internetplattformen. Kann man nicht ernstnehmen. Dabei lese ich ständig Fan-Fictions, wenn ich mir ein Buch aus den Bestsellerlisten mitnehme. Eine Fan-Fiction von einer Fan-Fiction von einer Fan-Fiction. Es gibt so viele Schriftsteller, die sich an bereits vorhandenen, etablierten Geschichten bedienen, sie als Vorlage nehmen, ein paar Namen und Orte abwandeln und die Geschichte dann zu ihrer eigenen machen. Und wenn sich das Werk tatsächlich gut verkauft, reden die sich auch noch ein, dass es ihr eigenes Schaffen war. Schreiben Sie gefälligst Ihre eigene Geschichte oder suchen Sie sich einen anderen Job!

Sie sollten sich tatsächlich nach anderen Interessensfeldern umschauen, denn Sie steigen auf das sinkende Schiff der Literatur. Aber das werden Sie nicht tun, was? Nein, Sie nicht. Sie bleiben haften an Ihren Träumen. Sie sind alle viel zu wichtigtuerisch, zu eingebildet, zu realitätsfremd dafür. Sie denken, dass Sie alles besser können. Sie haben daheim auf Ihrem Laptop irgendeinen Mist zusammengetippt, von dem Sie wirklich denken, das müsse die ganze Welt erfahren. Sie haben wirklich keine Ahnung, auf was Sie sich da einlassen.

Ich sage Ihnen etwas: die Literatur ist tot. Ja, sie ist tot. Verlebt, verheizt, zu Tode getrampelt, kaputtinspiriert, eines unnatürlichen Todes gestorben. Die Literatur ist an dem Zeitpunkt gestorben, an dem Verlage angefangen haben, sie wie eine Ware zu behandeln. Verlage sind die Henker der Literatur. Viele andere Akteure auch, aber vor allem die Verlage.

Wer von Ihnen hat bereits einen Verlag?

20 Gäste strecken zögerlich die Hand


Oh, das sind aber einige. Ich merke schon, dass die Verlage langsam Torschlusspanik bekommen. Bei Ihnen hat man sich schon dazu herabgelassen, Sie unter Vertrag zu nehmen. Und? Haben Sie sich bereits erfolgreich über den Tisch ziehen lassen? Denn, merken Sie sich eins: es geht den Verlagsleuten nur um das Geld, das man mit Ihnen verdienen könnte. Machen Sie sich keine falschen Illusionen. Niemand von denen interessiert sich für Sie als Person. Nein, man interessiert sich nicht einmal für das Manuskript, das Sie geschrieben haben. Es zählt allein der Betrag auf der Jahresabschlussbilanz. Sie sind eine Kostenstelle und Sie wissen ja, wie das mit Kostenstellen ist: man möchte sie am liebsten weghaben und den Gewinn behalten. Den Verlagen ist es am liebsten, wenn Sie sich einfach so lange melken lassen, bis man Ihren Namen nicht mehr hören kann. Wenn Sie denken, in der Verlagswelt ginge es um echte Schriftstellerei, dann bitte ich Sie augenblicklich, den Raum zu verlassen und nicht mehr zurückzukommen.
Die Literaturwelt ist wie eine Schlangeninsel, deren Zischen Sie jetzt noch nicht hören. Erst, wenn Sie auf dieser Insel angekommen sind, merken Sie, wo Sie sich befinden, aber dann ist es schon zu spät. Sie haben nun drei Möglichkeiten: Sie lassen sich zu Tode beißen, Sie achten auf jeden Schritt und leben, als ob jeder Tag Ihr letzter wäre oder Sie werden einer von denen.

Ich bin seit 20 Jahren in der Literaturbranche tätig. Eigentlich heiße ich gar nicht Jeff Hillstone, sondern Robert Towerman. Glauben Sie wirklich, ich lasse mich absichtlich mit einem nichtssagenden Pseudonym ansprechen, weil ich etwas Besonderes sein will? Nein. Ich wurde von meinem Verleger so genannt und das zeigt, wie lächerlich diese Branche ist.
Als ich mein erstes Manuskript an verschiedene Verlagshäuser versendet hatte, bekam ich von einem tatsächlich eine Zusage. Man traute meiner Geschichte offenbar etwas zu, aber das hat man mir natürlich so nicht gesagt. Kein großer Verlag würde sich dazu herablassen, Sie zu loben, ohne, dass Sie Geld eingebracht haben. Erst einmal werden Sie so behandelt, als würde man es bereuen, Sie ins Boot geholt zu haben. Mein damaliger Verleger hatte mich zu sich zitiert und mir einen unverständlichen Literaturvertrag vor die Nase geknallt, der hauptsächlich darauf abzielte, am wenigsten von dem ganzen Geschäft zu profitieren. Damals, wie Sie wissen, war ich noch nicht so erfahren wie heute, aber ich war – wie Sie – ebenfalls sehr von mir überzeugt. Diese Selbstüberschätzung machen sich die Verlage natürlich zunutze.
Dann passierten merkwürdige Dinge. Man war offenbar mit meinem Namen Robert Towerman nicht zufrieden. Es hieß, ich müsse einen Namen haben, der literarischer klingt. Der Vorschlag, mich „Jeff Hillstone“ zu nennen, war da quasi schon beschlossen, ohne, dass ich Einfluss darauf hatte. Dabei heißt fast jeder dritte Schriftsteller so.
Es wurde eigentlich alles abgeändert, was noch im Rahmen des Möglichen war. Bedenken Sie bitte: wenn Sie diesen Knebelungsvertrag einmal unterschrieben haben, haben Sie quasi gar nichts mehr zu melden. Der Verlag nimmt Ihr Manuskript und macht daraus sein eigenes.

Wissen Sie, alle, die an Ihrer Geschichte beteiligt sind, denken, dass sie es besser können als Sie. Der Verleger, der Lektor, Ihre Schriftstellerkollegen und auch Ihre Leser. Verlage haben schon lange vergessen, dass es bei Büchern eigentlich um eine vom Autor authentisch erzählte Geschichte geht und immer individuell ist. Aber das muss hintangestellt werden. Erst geht der Lektor über Ihr Werk drüber und schaut, wie man aus einem individuellen Werk eine Durchschnittsware machen kann, damit der Konsument nicht überfordert wird. Kreativität ja, aber nur mit Hundeleine. Glauben Sie, Stephen King wäre so erfolgreich geworden, wenn er immer nur nach einem Regelsystem geschrieben hätte? Wissen Sie, die Verlage suchen händeringend nach literarischen Zugpferden, die sie über viele Jahre gewinnbringend ausschöpfen können, aber sie trauen sich auch nicht, ihren Nachwuchsautoren zu viel Spielraum zu geben. Mit Einheitsbrei schläft es sich eben besser.
Dann gibt es mehrere Verlagsmeetings für das Buchcover, bei denen Sie natürlich nicht anwesend sind, denn Sie haben jetzt nichts mehr zu sagen. Sie müssen einfach abwarten und hoffen, dass das fertige Cover im Entferntesten etwas mit der Geschichte zu tun hat, von der Sie auch hoffen müssen, dass es noch etwas mit Ihnen zu tun hat. Wenn Sie Glück haben, behält man den von Ihnen gewählten Buchtitel, aber das ist mittlerweile auch selten. Auch hier trifft man sich, um einen geeigneteren Titel zu finden, weil der Autor der Geschichte das scheinbar nicht selbst am besten beurteilen kann. Nein, jemand anderes, der bei der Entstehung des Manuskripts nicht anwesend war und Sie von oben herab behandelt, entscheidet das. Mein Manuskript hieß ursprünglich „Der Abschied der Wellen“. Dem Verlag war das zu kompliziert, zu markant, zu viel vom Urheber, und es wurde in das kreativlose Wort „Wellen“ umgeändert, damit es auch ja jeder wieder vergisst.
Dazu gibt es wieder Meetings, Händeschütteln und Vertragsunterzeichnungen, damit auch wirklich jedes verwertbare Recht von Ihnen entzogen wird und dann geht es in den Druck. Wird es ein Bestseller, den man nach dem Lesen schon wieder vergessen hat oder vergisst man es direkt nach dem Druck? Das liegt dann in Gottes Hand. Sie sehen, Verlage ziehen immer dieselbe Nummer durch und wundern sich, dass der Buchmarkt schwächer und schwächer wird.
Selbst der Regisseur, der Ihr Buch verfilmen möchte, denkt, er würde die Story besser verstehen als Sie. Auch hier haben Sie nichts zu melden. Hoffen Sie bitte einfach, dass es kein komplettes Desaster wird. Haben Sie die Oscar-Preisverleihung vor ein paar Tagen geschaut? Der Regisseur von „Hinter der Front“ hat seinen ersten Oscar für die beste Regie bekommen. Der Drehbuchautor hat den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch bekommen. Ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um eine originale Idee handelt, sondern um eine filmische Umsetzung. Beide sind dann nach vorne auf die Bühne getreten und haben theatralisch allen Beteiligten gedankt. Die haben die ganze Welt namentlich genannt, nur einen haben sie vergessen: den Autor. Erstaunlich, oder? Als hätte der Urheber des Ganzen gar nichts damit zu tun gehabt. Wenn der Film erfolgreich wird, dann wird der Regisseur so tun, als wäre er maßgeblich für den Bucherfolg verantwortlich – also, falls er sich noch daran erinnern kann, dass es eine Buchverfilmung war.

Publikum lacht.


Sie lachen, aber es ist eine Tragödie. Dabei war der Film nicht mal gelungen. Der Regisseur hat aus einer zunächst recht kreativen Erzählstruktur irgendein 0815-Kriegsdrama gemacht, das der Zuschauer schon hunderte Male gesehen hat. Man sieht dem Film an, dass keine Kommunikation zwischen Filmleuten und Schriftsteller stattgefunden hat. Es ist Geld geflossen, es sind ein paar Leute ein bisschen berühmt geworden und in ein paar Wochen wird dieser langweilige Kinofilm als Streaming-Leiche enden. Und wissen Sie was? Das wird letztendlich alles auf Sie zurückfallen, denn wenn der Zuschauer sieht, dass es eine Buchadaption ist, wird er denken, Sie seien ebenfalls ein langweiliger Schriftsteller, der nur anderen nachmacht.
Verabschieden Sie sich von der Schriftstellerei am besten sofort, bevor Sie öffentlich gedemütigt werden.

Wo wir schon bei Filmpreisen sind: welche Buchpreise kennen Sie eigentlich so? Hm. Da wird es schon schwierig, oder? Es ist so, als hätte man sich immer noch nicht darauf einigen können, welcher von den unendlichen, gleichklingenden Buchpreisen jetzt eigentlich wichtiger ist.
Die Frage, die Sie sich stellen sollten ist: wollen Sie überhaupt einen Preis gewinnen? Ja? Nein?

Einige aus dem Publikum nicken.


Wenn Sie nur für Preise schreiben, schreiben Sie vollkommen umsonst. Preise sind zwar schön, sie schmeicheln unserem Ego, von dem Schriftsteller aber wirklich schon genug haben. Warum will ich einen Buchpreis gewinnen? Damit ich mir in die Vitrine einen Beweis stellen kann, dass ich auch wirklich ein ganz toller Schriftsteller bin? Dass irgendwelche Leute denken, dass ich schreiben kann?
Wenn Sie einen Literaturpreis gewinnen und Sie das euphorisiert und bei Ihnen die Sektkorken knallen, dann sollten Sie sich ernsthaft fragen, ob Sie bis dahin überhaupt wirklich an Ihr Handwerk geglaubt haben. Nein? Wirklich? Dann ist und war die Schriftstellerei nichts für Sie. Sie haben umsonst gewonnen. Der Preis hat keine Bedeutung. Wenn der Preis dazu führt, dass Sie Ihr Geschreibe gut oder besser als zuvor finden, dann war das, was sie geschrieben haben, von Anfang an bedeutungslos.
Schauen Sie, Preise bewirken irgendwas Merkwürdiges. Man weiß nicht so genau, wie man Sie nun behandeln soll. Sind Sie es nun wert, abgefeiert zu werden oder soll man Sie erst recht kritisieren, weil Sie sich jetzt etwas darauf einbilden können? Wissen Sie, was der schlimmste Buchpreis ist, den man bekommen kann? Es ist der Nobelpreis für Literatur. Wer den gewinnt, kann sich direkt von seiner Karriere verabschieden. Egal, was Sie danach auf Papier bringen werden, es wird nie gut genug sein. Ihre Kollegen werden anfangen, Sie zu hassen und denken, sie hätten es eher verdient. Die Kritiken werden sich über Sie auslassen und Ihre Rezensionen mit „Also, für einen Nobelpreisträger …“ beginnen. Bei einer Preisverleihung gibt es nur Verlierer. Die Literaturwelt vergibt Ihnen Preise, um Sie dann dafür fertigzumachen, dass Sie sie gewonnen haben. Am meisten freut sich Ihr Verlag über die Preisverleihung, den der hat jetzt einen nachvollziehbaren Grund, Ihre Bücher unnötig zu überteuern, Preise aufzuschlagen und Ihr Cover mit hässlichen Bannern und Sticker zu verschandeln, weil Sie nun etwas Besonderes sind.
Also, üben Sie sich am besten nicht in Bescheidenheit und geben Sie nicht viel auf Preisverleihungen, denn das ist gewiss der Anfang Ihres Abstiegs.

Das Handwerk der Schriftstellerei ist in den letzten Jahren von ihren Ausübenden wahrlich ins Lächerliche abgetan worden. Vor langer Zeit war das Schreiben ein angesehener Beruf – wie etwa der Beruf eines Anwalts oder eines Mediziners. Heute sieht das alles ein wenig anders aus. Schreiben ist jetzt nur noch ein Image, das vermarktet wird. Auch Juristen und Ärzte haben ihr Fett wegbekommen. Aus Ihnen wurden Rechtsverdreher und Mörder. Der Schriftsteller ist zu einem Träumer degradiert worden, der sich lieber etwas Vernünftiges suchen sollte. Das sagt man auch zu Sängern und Schauspielern, als würde unser kompletter Alltag nicht von Ihnen beherrscht werden. Ich höre überall Musik, das von irgendwelchen Leuten hergestellt werden musste. Haben Sie schon einmal versucht, selbst Musik zu machen? Also, so richtig professionell mit echten Instrumenten, oder hat es nur für ein bisschen Klimpern auf einer Smartphone-App gereicht? Wenn ich den Fernseher einschalte, sehe ich Menschen, die sich die Mühe machen, mir etwas vorzuspielen, damit ich unterhalten werde. Ich wette, Sie würden es nicht einmal schaffen, für zwei Sekunden eine Miene zu spielen. Die Theaterschauspieler, die mit halbem Bein unter der Brücke leben, sorgen dafür, dass Sie sich kultiviert fühlen, wenn Sie in ein Theater gehen, von dem Sie nichts verstehen. Auch der Schriftsteller wird behandelt, als könne ihn jeder ersetzen. Heute arbeite ich als Lektor und ich sehe täglich aufs Neue, dass das nicht funktioniert.
All diese Berufe haben eins gemeinsam: sie bedienen sich an einem Handwerk, das nicht ernstgenommen wird. Man wird belächelt, wenn man Schriftsteller werden will und daran sind Sie selbst schuld.

Was ist ein Schriftsteller eigentlich?
Glauben Sie, wenn Sie sich mit ihrem schicken Laptop und einem überteuerten Kaffee in ein Café setzen, sind Sie nun ein echter Autor? Dann sind Sie wirklich primitiv und das Schreiben wird bei Ihnen höchstwahrscheinlich nur das bleiben, was es ist: ein Image. Bezahlen Sie Ihren versüßten Kaffee und gehen Sie nach Hause. Sie müssen wirklich nicht weiter dieses überaus abgedroschene Klischee eines Möchtegern-Schriftstellers bestätigen und sich damit lächerlich machen.
Wissen Sie, Schreiben ist unter diesen ganzen unnötigen Accessoires und diesem ablenkenden Schnickschnack tatsächlich harte Arbeit. Wenn Sie schriftstellerisch tätig sein wollen – und zwar ernsthaft und nicht nur für ein paar Minuten –, dann müssen Sie das Handwerk erlernen und arbeiten. Sie müssen viel schreiben und viel lesen. Sie müssen sich selbst beim Schreiben kennenlernen. Sie müssen wissen, was und wie Sie schreiben. Bedenken Sie bitte, dass Ihnen niemand wirklich sagen kann, ob Sie gut oder schlecht schreiben. Das ist die Tücke der Schreibkunst. Es gibt nur Menschen, die ausdrücken können, ob ihnen eine Geschichte gefallen hat oder nicht. Und beachten Sie bitte vor allem eins: Schreiben ist eine Arbeit.
Tja, hier hört die Motivation bei vielen schon auf, was? Denn das sind die unangenehmen Dinge der Schriftstellerei, die man einem nicht sagt. Schreiben soll Arbeit sein? Wer will schon arbeiten? Sie wollen doch in Fantasiewelten schwelgen und Figuren Leben einhauchen. Sie wollen Namen erfinden, Orte beschreiben und spannungsreiche Kapitel ausarbeiten – und das soll alles am besten in ein paar Tagen erledigt sein, ansonsten hat man keine Lust mehr.
Wenn ich Blogartikel über das Schreiben lese, stehen mir die Haare zu Berge. Da tut man so, als sei das Schreiben eines Romans irgendeine Tätigkeit, die man mal so nebenbei mit ein bisschen Google hinbekommt. Das Schlimmste daran ist, dass einem immer und immer wieder der Eindruck vermittelt wird, jeder könne schreiben, wenn er nur wöllte. Basierend auf Talent, von dem man ausgeht, man sei ausgerechnet derjenige, der das tiefverborgen in sich trägt. Und das merke ich dann an den Manuskripten, die mir zugesandt werden. Wissen Sie, wieso Lottospielen so erfolgreich funktioniert? Weil es immer Menschen gibt, die denken, gerade Sie hätten das gewisse Etwas, sie seien die Auserwählten. In der Schriftstellerei denken auch viele, die Welt hätte nur auf sie gewartet. Wenn Ihnen mit Mitte 30 plötzlich auffällt, dass Sie angeblich schreiben können und Schriftsteller werden wollen, aber es nicht einmal hinbekommen, eine Normseite Ihres Manuskripts fehlerfrei abzutippen oder nach zwei Seiten vergessen, wie Ihr Protagonist heißt, sollten Sie es einfach lassen und nicht mein Postfach unnötig vollstopfen.

Da wir gerade bei Protagonisten sind: welche Namen geben Sie Ihren Figuren? Suchen Sie sich Figurennamen bewusst aus oder wählen Sie zufällig? Wo würden Sie suchen? Einfach, damit ich sehe, wie Sie denken:

Antworten aus dem Publikum:
„Namensgeneratoren“
„Nach dem Charakter“
„Künstliche Intelligenz“


Das sind Dinge, die Ihnen als erstes einfallen? Namensgeneratoren? Künstliche Intelligenzen? Fantasie aus dem Internet? Wenn Sie einen Computer entscheiden lassen, wie Ihre Figuren heißen sollen, dann suchen Sie sich bitte ein anderes Hobby, denn damit zeigen Sie mir, dass Sie wirklich gar keinen Plan haben. Ein Gast hat „Nach dem Charakter“ gesagt. Können Sie auch in vollständigen Sätzen sprechen oder muss ich mir Ihre Antwort jetzt zusammenreimen? Sie meinen vermutlich, dass man den Namen einer Figur nach ihrem Verhalten und Ihren Charaktereigenschaften wählen soll. Diese Antwort hört sich schon besser an. Namen wirken in der Literatur vielleicht redundant und eine Person, die vom Schreiben keine Ahnung hat, wird das nicht nachvollziehen können, was denn daran so wichtig sei – so wie einer, der keine Ahnung von Design hat, die Wichtigkeit von Farben und Formen nie kapieren wird – aber bedenken Sie bitte, dass beim Schreiben einer Geschichte nichts dem Zufall überlassen werden sollte. Sie sollten immer wissen, was Sie schreiben und warum Sie etwas schreiben. Nehmen Sie das Schreiben verdammt nochmal ernst!

Auch etablierte Schriftsteller bedienen sich an Klischees, die dazu beitragen, dass man das Schreiben eines Romans nicht ganz für voll nehmen kann. Große Autoren, die viele erfolgreiche Bücher verkauft haben, fangen irgendwann an, sich fürchterlich wichtig zu nehmen. Kann man es Ihnen denn verdenken? Schriftstellerei ist ohnehin ein unglaublich wichtigtuerischer Beruf, weil es mittlerweile nur noch vom Image lebt. Wer sich selbst als Autor wichtiger nimmt als sein Werk, fängt unweigerlich an, nur noch Müll zu schreiben, sich keine Mühe mehr zu geben, das Schreiben als Handwerksarbeit den Hunden zum Fraß vorzuwerfen und ihre Faulheit dann als große Kunst zu verkaufen. Wissen Sie, wenn man eine bestimmte Position in der Literaturwelt erreicht hat, achtet niemand mehr so richtig darauf, was Sie tun. Nicht selten fangen verheizte Autoren an, nur noch melodramatische Scheiße von sich zu geben.
Letzte Woche las ich in einem Literaturmagazin, wie ein namhafter Schriftsteller meinte, Schreiben sei eine Qual. Bei solchen Phrasen muss ich wirklich lachen. Wenn man nach vielen Jahren merkt, dass man eigentlich gar nicht schreiben kann und sich bisher nur der Name verkauft hat, ist Schreiben vielleicht tatsächlich eine Qual. Sie kennen sicher auch die Phrase, als Künstler müsse man leiden. Wie pathetisch. Dann gehen Sie in Therapie und ziehen Sie nicht Menschen, die ihre Kunst beherrschen in den Sog Ihrer Unfähigkeit hinein.

Komme wir zum Ende dieser Veranstaltung. Vielleicht ist es auch das Ende Ihrer bescheidenen Karriere als Schriftsteller, wenn Sie diesen Raum verlassen. Sie stehen noch ganz am Anfang und entscheiden, was Sie tun möchten. Ich würde mich freuen, wenn Sie die Kunst des Schreibens verstehen. Ich drücke mich bewusst schwammig aus, weil es keinen Sinn ergibt, Ihnen alles haargenau zu erklären. Sie sollen gefälligst selbst nachdenken, ansonsten sollten Sie es nur beim Lesen belassen.

Bitte vergessen Sie niemals, dass Ihnen niemand Ihre Geschichte wegnehmen kann, wenn Sie verantwortungsvoll damit umgehen. Lassen Sie sich nicht wie Dreck behandeln. Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten – auch, wenn Sie das vielleicht nicht glauben können? Sie fühlen sich vielleicht schlecht oder nicht gut genug, weil kein Verlag sich für Sie interessiert. Aber, die Wahrheit ist: Verlage brauchen Sie viel dringender als andersrum. Ohne Sie verdienen diese Wichtigtuer nämlich nichts und wie Sie sich denken können lebt ein Stephen King oder eine J. K. Rowling nicht ewig. Die haben sich übrigens auch nicht diesen Geldfressern hergegeben, sondern standen felsenfest hinter ihren Welten, die sie erschaffen haben.

Damit verabschiede ich mich. Ich verzichte auf eine Verbeugung, denn das ist nun wirklich kitschig.

Speaker:
Meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Tosender Applaus.

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Arminius
Geschlecht:männlichReißwolf

Alter: 65
Beiträge: 1241
Wohnort: An der Elbe


Beitrag20.01.2024 18:26

von Arminius
Antworten mit Zitat

Warum steht das im Trash? ohh
Liest sich wie die Zusammenfassung zahlreicher, kreuz und quer durch das Forum gesponnener Fäden. Ich weiß nicht, was die KollegInnen bisher vom Lesen bzw. vom Kommentieren abgehalten hat: die Länge des Textes oder die Aussage, die er vermittelt (andere formale Gründe kann ich nicht erkennen). Wer möchte schon gern in den Spiegel schauen, der einem vorgehalten wird?
Die Thematik mal auf diese Weise zu kondensieren ist nicht unoriginell. Die meisten werden es bereits geahnt, aber wie einen bösen Traum verdrängt haben Aua . Trösten wir uns damit, dass es Musikern, Malern und anderen Künstlern auch nicht besser ergeht. Wir sind nicht allein - und gemeinsam sind wir unerträglich.


_________________
A mind is like a parachute. It doesn´t work if it is not open (Frank Zappa)
There is more stupidity than hydrogen in the universe, and it has a longer shelf life (Frank Zappa)
Information is not knowledge. Knowledge is not wisdom. Wisdom is not truth. Truth is not beauty. Beauty is not love. Love is not music. Music is the best (Frank Zappa)
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Lyro
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 30
Beiträge: 128
Wohnort: Deutschland


Beitrag21.01.2024 18:04

von Lyro
pdf-Datei Antworten mit Zitat

Arminius hat Folgendes geschrieben:
Warum steht das im Trash? ohh
Liest sich wie die Zusammenfassung zahlreicher, kreuz und quer durch das Forum gesponnener Fäden. Ich weiß nicht, was die KollegInnen bisher vom Lesen bzw. vom Kommentieren abgehalten hat: die Länge des Textes oder die Aussage, die er vermittelt (andere formale Gründe kann ich nicht erkennen). Wer möchte schon gern in den Spiegel schauen, der einem vorgehalten wird?
Die Thematik mal auf diese Weise zu kondensieren ist nicht unoriginell. Die meisten werden es bereits geahnt, aber wie einen bösen Traum verdrängt haben Aua . Trösten wir uns damit, dass es Musikern, Malern und anderen Künstlern auch nicht besser ergeht. Wir sind nicht allein - und gemeinsam sind wir unerträglich.


Lieben Dank Smile

Es ist im Trash-Teil drin, weil es sich um eine überspitzte Parodie handelt. Das darf man keinesfalls zu ernst nehmen, auch, wenn natürlich manche Dinge nicht ganz falsch sind.
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