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Schmetterlinge


 
 
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holg
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Bronzenes Licht Der bronzene Roboter


Beitrag11.08.2022 18:00
Schmetterlinge
von holg
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Schmetterlinge

Vergliche man Kinder mit Schmetterlingen, müsste man sich eingestehen, jahrelang zerstörerisch gefräßige Monsterchen mit diversen Sorten Gemüse versorgt zu haben, nur damit eines Tages nichts als eine leere Puppenhülle an sie erinnert. Das Kinderzimmer steht verlassen da, wahrscheinlich liegt hinter dem Bett ein gebrauchtes T-Shirt, das Jahre später, wenn es beim Renovieren entdeckt wird, kaum noch von den Wollmäusen zu unterscheiden ist, die es einhüllen.
Einmal davongeflattert fallen sie unregelmäßig wieder ein, meist im Sommer, wenn die vorlesungsfreie Zeit ein bisschen elterliche Rundumversorgung möglich macht. Wenigstens hinterlassen die Kinder in der Regel keine Eier unter den Tischplatten, aus denen schon nach Tagen neue Monsterchen schlüpfen, die sich durch den Gemüsegarten fressen.
Es sei denn, sie lassen die eigene Brut für ein langes Pärchenwochenende in der Obhut der Großeltern, die bereits Tage im Voraus altes Spielzeug und Bilderbücher aus den Untiefen des Kellers emporschaffen.

Soweit sind wir noch nicht. Wir sitzen auf der Bank vor unserem Ferienhaus und erwarten den Anruf, den Jungen bitte am Bahnhof abzuholen. Die Große hat gerade Klausurzeit und hofft, in ein paar Tagen auch kommen zu können, je nachdem wie es mit dem Lernen klappt. Hier vor dem Haus ist es noch schattig, auf der Terrasse wird es erst in den Abendstunden erträglich. Mal schauen, ob es heute mit dem Abendessen draußen klappen wird, mit Blick aufs Wasser und die letzten Segelboote, oder ob wir wieder unsere Teller schnappen und nach drinnen flüchten, wenn die Wespen, die sich am Dachfirst eingenistet haben, das Essen riechen und sich ein Häppchen stibitzen wollen.
Zuhause hatten wir vor ein paar Jahren ein Nest im Rollladenkasten. Im Herbst, als alle Wespen irgendwohin verschwunden waren, habe ich das Nest heraus geporkelt und gemeinsam mit den Kindern untersucht. Wir konnten uns gar nicht sattsehen an dieser filigranen Papierblume, die wie so vieles in der Natur gerade mal eine Saison Bestand hatte.

Einer der Nachbarn, er wohnt ein paar Häuser weiter, radelt vorbei. Er ruft uns etwas zu. Es ist niederländisch und ich verstehe nichts davon. Er winkt dabei. Wir winken zurück.

Am Bahnhof steht die Hitze. Alles hier ist gepflastert oder aus Beton. Grünflächen und Bäume fehlen ganz. Nur die Gebäude spenden schmalen Schatten.
Ich freue mich darauf, morgen mit der Jolle rauszufahren, falls Wind geht. Noch einen Tag im Schatten sitzen, zwischen der Bank vor dem Haus, der großen Schaukel im Garten und dem Wohnzimmer hin und her zu pendeln und auf eine kühlende Brise zu warten, will ich mir gar nicht ausmahlen. Der Junge hat sicher viel zu erzählen und wir sind auf Regentage eingerichtet, haben Bücher und ein paar Spiele mitgebracht, aber diese hitzebedingte Tatenlosigkeit macht mürbe.
Da kommt er, hüpfenden Schrittes und sich umschauend. Er umarmt mich wieder feste. Das war ein paar Jahre lang ganz anders. Da wollte er lieber gar keinen Körperkontakt. Wir werden ein Softeis essen, bevor wir fahren. Das gehört dazu. Dann ins Feriendorf, wo wir uns dieses Jahr zwei ganze Monate eingemietet haben, die Frau begrüßen, grillen. Es wird Auberginen geben, Zucchini, Paprika, Tomaten, Hummus und Brot. Wir werden Pläne machen für die nächsten Tage, wer wann das Boot nehmen wird, Ausflüge, Möglichkeiten. Doch zuerst ruft die Frau an. Ob wir uns zwei Stündchen die Zeit vertreiben könnten und noch ein bisschen einkaufen. Die Große habe sich gerade gemeldet. Sie sei unterwegs.

Es werden schöne Tage werden. Eine Kaltfront wird Schauer und kühlere Luft bringen. Wir werden als Familie zusammen sitzen, Spaziergänge unternehmen, gemeinsam Essen, Boot fahren, endlose Runden Doppelkopf spielen, ohne ein einziges Solo. Ich werde die Schaukel für mich entdecken. Das beständige Vor und Zurück, die Beschleunigung, das kurze Innehalten.
Die Kinder werden lesen, lernen, an ihren jeweiligen Studienarbeiten schreiben und stundenlang quatschen, bevor sie in ihrem Schlafzimmer Ruhe finden. Wir werden mit den Nachbarn ins Gespräch kommen, wenn ihre Kleinen sich nicht trauen, den Ball von unserem Stück Rasen zurückzuholen, und schließlich von ihnen surinamisch-kreolisch bekocht werden. Wir werden nachts Perseiden zählen, ich so tun, als würde ich den Augenprüfer im Großen Wagen noch erkennen. In früheren Sommernächten hatten sich die Kinder eng an mich gekuschelt, weil irgendwo im Gebüsch irgendwas geraschelt hatte. Nun werden sie noch ein wenig auf der Wiese liegen bleiben, wenn die Frau und ich ins Bett gehen.
Der Nachbar mit dem Fahrrad wird etwas Unfreundliches rufen und uns mit der Faust drohen. Wir werden zurück winken. Der Junge wird mit den Nachbarskindern kicken und mit dem Nachbarn zum Fußball fahren. Wir werden wie jedes Jahr viele Käsesorten ausprobieren, Honigwaffeln und Schokostreusel vergleichen und neue Favoriten entdecken. Ich werde einiges über Anatomie lernen, vor allem über Hände. Es wird einen Beinaheunfall gegeben haben, weil irgend so ein Typ die Vorfahrtsregeln auf dem Wasser nicht kennt und auf keinen Fall ausweichen will. Wenn der Junge das Wochenende bei Freunden verbringt, die in der Nähe campen, werden wir mit der Großen über ihre Pläne sprechen, das Auslandsjahr. Ich werde fragen, ob es in Ordnung wäre, in der Zeit Geflüchtete in ihrem Zimmer unterzubringen, und sie wird lachen und sagen, dass das eh nicht ginge, Zuteilungskriterien und so. Die Frau wird ein wenig weinen, weil sie fürchtet, die Große ein ganzes Jahr lang nicht zu sehen, und ich werde versprechen, dass wir sie besuchen fahren und nicht heimlich in der Nähe Urlaub machen, wie damals beim Zeltlager. Es wird wieder sonnig und heiß werden.
Die Frau und ich werden mit der Jolle rausfahren und überlegen, ob wir nächstes Jahr eine Jacht mieten und richtigen Segelurlaub machen wollen. Die Große wird mal eben für eine Klausur weg sein, wir werden in Mückenspray eingehüllt mit den Nachbarn Sonnenuntergänge schauen und sie werden das Gefühl haben, für den Kratzer in unserer Autotür verantwortlich zu sein. Die Nachbarin, die zu Hause die Pflanzen gießt, wird texten, dass kleine grüne Raupen unseren Brokkoli anfressen und ob sie etwas unternehmen solle, spritzen oder so. Die Große wird anmerken, der Typ im Boot könne auch gut der Fahrradnachbar gewesen sein, beim Ausweichmanöver seien seine Sonnenbrille und der Hut über Bord gegangen und er sei ihr irgendwie bekannt vorgekommen, aber ich werde zu beschäftigt gewesen sein, um auf ihn zu achten. So ein Segelboot steuert sich nicht gerade von allein.
Ich werde diesen Roman zu ende lesen und mich fragen, ob ich meinen nicht auch endlich abschließen könnte; dazu hatten wir uns ursprünglich so lange hier eingemietet. Aber irgendetwas wird immer sein, und sei es auch nur der tägliche Weg zum Einkaufen, die Textnachricht eines der Kinder, ob wir einen Schlüssel gefunden hätten oder eine Socke, oder der zufällige Blick aus dem Fenster auf den Fahrradnachbarn, der sich an unserem Auto zu schaffen macht, der Sprint vor die Haustür und das Handgemenge, die Fahrten vom und zum Bahnhof.
Die Frau wird immer noch besser segeln können als ich, härter an den Wind gehen, höher schaukeln und die Blumenbeete des Ferienhauses auf Vordermann bringen, auch wenn sie von einem von der Agentur beauftragten Gärtner gepflegt werden. Sie wird die Nachrichten nicht gut aufnehmen und drei Alternativen für Segeltörns für das nächste Jahr ausgearbeitet haben: Adria, griechische Inseln oder norwegische Schären. Ich werde überrascht sein, wie viel doch von einem Selbstverteidigungskurs hängen bleibt und wie filigran Handknochen eigentlich sind, wenn sie auf ein Jochbein prallen.
Auf dem Sommerflieder werden sich unzählige Schmetterlinge tummeln, Tagpfauenaugen, Füchschen, Admirale, die einfach so umherflattern, als lauere da keine Krabbenspinne zwischen den Blüten. Der Bootsverleih wird anrufen, man habe unsere Jolle am Morgen ein gutes Stück weit draußen treiben sehen und zu ihm geschleppt; kein Problem, wir könnten sie gerne jederzeit wieder abholen, nur sollten wir doch bitte darauf achten, sie sicher festzumachen. Ich werde so hoch schaukeln, dass die Seile kurz schlaff werden, lachen wie der Junge, als ich ihn noch anstoßen musste und er bis in dem Himmel rief, und mich einen Moment lang schwerelos fühlen. Die Frau wird den Kopf schütteln und ein paar Unkräter zupfen. Die Nachbarn werden zurück nach Amsterdam gefahren sein, nicht ohne uns ihre Adresse da zu lassen, für alle Fälle. Beim Reinemachen werden wir eine Socke der Großen hinter dem Sofa finden. Schreiben werde ich kein Wort.

Die Kinder werden viel länger bleiben als angekündigt, aber am Ende wird jedes an den Ort gefahren sein, den es jetzt meint, wenn es „nach hause“ sagt. Das Ferienhaus wird sich größer anfühlen, ein seltsam unheimliches Zimmer haben, dessen Tür entweder zu weit offen oder zu fest geschlossen ist. Wir werden viel schweigen, wenn wir abends, ihre Beine auf meine gelegt, auf den See hinaus schauen bis die Sonne untergegangen ist, die Gläser austrinken und ins Bett gehen. Die Große wird uns eine Postkarte in die Ferien schicken und dabei ihre Kleinmädchenschrift imitieren.

Zuhause wartet ein noch größeres, noch leereres Haus auf uns. Mit Betten, die fertig bezogen langsam verstauben, Regalen voller Schulbücher und Jugendromane, Postern mit aufgerollten Kanten und ausgefransten Ecken, Schubladen, in denen Muscheln und einzelne Legosteine hin und her rutschen. Unter den wenigen verbliebenen Brokkoliblättern im Garten knallgelbe Gelege.
Zeit zu renovieren, ein paar Kisten zu packen und in den Keller zu bringen.

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V.K.B.
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Beitrag22.08.2022 17:05

von V.K.B.
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Hallo Inky,

Geschichte über einen Urlaub, in der Zukunft/Vorstellung erzählt. Das wahre Leben scheint es nicht mehr zu geben, also nichts Neues, dann alles ist so gewohnt geworden, dass man sich schon vorher im Detail ausmalen kann, wie es sein wird. Vielleicht plottet aber auch nur jemand seinen Urlaub statt seinen Roman, weil, irgendwas ist ja immer, weshalb man nicht zum Schreiben kommt.

E-Lit: Ich denke ja. Jedenfalls nicht standardmäßig geschrieben und mit vielen Überlegungen, und Futur 1 und sogar 2 als Erzählzeit.
Sperrig: ja, schon allein durch die Zeitform
Thema Sommergäste: definitiv
Begegnungen/Abschiede: in vielen Formen, hauptsächlich Begegnungen unterschiedlichster Natur, von freundlich bis aggressiv
ungehörter Schuss: vielleicht der letzte Satz? Zeit, zu renovieren, auch das eigene Leben, das sich nur noch in genau voraussehbaren Bahnen bewegt?
Hintergrund Veränderung: Im/als Hintergrund sehe ich diese nicht. Eher vom Erzähler erwünscht, aber er wird wohl nicht dazu kommen, wie zum Schreiben, weil das Leben doch immer wieder ablenkt.
Persönliches Gefallen: So wirklich warm werde ich mit der Geschichte nicht. Ist zwar schon irgendwie interessant, wie er sich das alles im Urlaub so detailliert vorstellt, aber Futur als Erzählzeit liest sich auf Dauer doch sehr ermüdend. Ist zwar mal was Besonderes, aber ich finde trotzdem, die Geschichte tut sich keinen Gefallen damit, das so konsequent durchzuziehen. Und die philosophischen Betrachtungen des Lebens wie Schmetterlingsvergleiche bleiben dabei für mich in ihren Ansätzen stecken. Tut mir leid, aber ich werde nicht so richtig warm mit dem Text, obwohl ich ihn keinesfalls uninteressant fand.


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Warning: Cthulhu may occasionally jumpscare people …
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sleepless_lives
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Beitrag22.08.2022 22:30

von sleepless_lives
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Oh, Schreck, jemand hat es gewagt und schreibt über Schmetterlinge. Da ist der Sieg ja eigentlich garantiert. Wink

Ich hab das gerne gelesen, auch wenn oder gerade weil nicht viel passiert. Sprachlich ist es souverän, ohne übertriebene Metaphern oder Vergleiche, fließend, so wie es für die Art der Schilderung und des Erzählens unabdingbar ist. Besonders die zweite Hälfte im Futur hat seinen ganz eigenen Charme und außerdem erzählerische Konsequenz: Wenn so viel unaufgeregt vorausgedacht werden kann, dann bedeutet das Sicherheit und Berechenbarkeit im Leben, etwas das oft vordergründig geschmäht wird und doch unter der Oberfläche ersehnt wird, zumindest sobald einem (üblicherweise ab einem bestimmten Lebensalter) klar wird, dass negative und zerstörerische Überraschungen im Leben keineswegs unwahrscheinlicher sind als positive und den Horizont erweiternde. OK, ein wenig Drama gibt es schon: Einen eskalierenden Streit mit einem der Nachbarn und sogar einen Handkantenschlag in einer physischen Auseinandersetzung (der die Hand offensichtlich in Mitleidenschaft zieht, but you should see the other guy). Davor ein Kratzer am Auto, danach eine mutwillig von ihrer Anlegestelle gelöste Jolle. Wir sind nicht im Paradies und dies ist keine bonbonfarbene Idylle.

Letztendlich aber bleibt der Text ein wenig im C'est la vie stehen, geht nicht so viel über ein zustimmendes Nicken und ein „Ja, wie die Zeit vergeht, die Kinder sind auch schon wieder aus dem Haus“ hinaus. Er tut nicht weh, muss er auch wirklich nicht (sonst wird ja dauernd gestorben im 10k), aber man entwickelt sich auch nicht mit dem Text, während man ihn liest. Das ist schade, denn irgendetwas hätte ich schon erwartet, keine Pointe natürlich, Gott bewahre, aber doch etwas, das vielleicht meine Sicht noch einmal erweitert oder noch irgendeinen anderen Aspekt anschneidet und ein wenig mehr Tiefe bereitet. No, this time there is snow all over Ireland (= seltsame, unpassende, weil Äpfel und Birnen vergleichende Referenz zu James Joyces Kurzgeschichte „The Dead“).

Trotzdem ist der Text überzeugend, weil das Konkrete hier in allem greifbar wird und deshalb so lebendig. Der Text biedert sich nicht an, weist nicht auf seine sprachliche Kunstfertigkeit mit unsichtbaren Ausrufezeichen hin, obwohl er durchaus in dieser Hinsicht einiges zu bieten hat. Auch ist die 'Handlung' komplexer, als der oberflächliche Eindruck einem weismachen will. Vieles wird nur kurz angeschnitten, dann scheinbar weggeworfen bis es später als ein Einsprengsel irgendwo anders wieder zurückkommt. Der Text ist eine Wiese und die Erzählung flattert von einer Pflanze zur nächsten (doch noch ein Schmetterlingsvergleich). Normalerweise mag ich es nicht so, wenn keine Namen vergeben werden. Hier allerdings erfüllt es seine Funktion perfekt, denn obwohl sonst eine Einzelheit nach der anderen sehr konkret beschrieben wird, generieren Bezeichnungen wie "die Große" einen Bezug zu einer weiteren Allgemeinheit: Dies ist nicht nur individuelle Erfahrung, sondern wird mutatis mutandis von vielen in der gleichen sozio-ökonomischen Schicht geteilt.

Für mich persönlich kommt noch hinzu, dass ich immer auf eine bestimmte Sorte Texte im Zehntausender gewartet habe. Früher haben wir das in der Ankündigung so formuliert:
Zitat:
Bei diesem Wettbewerb zählt, was nicht in die üblichen Schnittmuster passt. Schief gebaut darf es sein, quer stehend, sperrig oder auch einfach nur ruhig, action- und pointenlos.

Der letzte Teil davon, die ruhigen Geschichten, blieben selten. Es bedarf einer gewissen Portion Mut, bei einem Wettbewerb etwas Verhaltenes einzureichen und nicht zu versuchen, mit eher extremen Themen und Darstellungen zu punkten oder zumindest Aufmerksamkeit zu erhalten. Selbst im Zehntausender leider. Insofern freut mich der Text besonders.   


Mein zweiter Platz und dir sind 10 Punkte entgangen.


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Es sollte endlich Klarheit darüber bestehen, dass es uns nicht zukommt, Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann. (Jean-François Lyotard)

If you had a million Shakespeares, could they write like a monkey? (Steven Wright)
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silke-k-weiler
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Alter: 47
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Das goldene Schiff Der goldene Eisbecher mit Sahne


Beitrag23.08.2022 11:30

von silke-k-weiler
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Lieber Text,

irgendwie hast Du bei mir die richtigen Knöpfe gedrückt, mich zum Schmunzeln, Wiedererkennen und - ja, ich Heulsuse gebe es zu - Tränchen verdrücken gebracht.
Im Mittelteil wird es mir ein wenig zu kleinteilig und abschweifend, mit der Vielzahl an Urlaubsszenen. "Ich werde überrascht sein, wie viel doch von einem Selbstverteidigungskurs hängen bleibt und wie filigran Handknochen eigentlich sind, wenn sie auf ein Jochbein prallen." z.B., liest sich lustig, driftet aber für mich irgendwie von der Essenz des Textes ab.

Trotz dieser Kritikpunkte hast Du mich aber gepackt, es bleibt ein wehmütig-versöhnliches Gefühl zurück, ungeachtet all der großen und kleinen Katastrophen, die passieren können, wenn alle nochmal zusammen sind, und angesichts der leeren Puppenhülle, die zurückbleibt.

Meine Lieblinsstelle: Die Kinder werden viel länger bleiben als angekündigt, aber am Ende wird jedes an den Ort gefahren sein, den es jetzt meint, wenn es „nach hause“ sagt. Das Ferienhaus wird sich größer anfühlen, ein seltsam unheimliches Zimmer haben, dessen Tür entweder zu weit offen oder zu fest geschlossen ist.


VG
Silke
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dürüm
Wolf im Negligé

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Das bronzene Eis am Stiel Das Bronzene Pfand
Der bronzene Spiegel - Lyrik Podcast-Sonderpreis
Vorlesbar I


Beitrag23.08.2022 14:13

von dürüm
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Hallo Inco,

gerne gelesen (Geschichte ohne Drama, zur Abwechslung echt erholsam!!)

Sauber geschrieben, Plot nicht so wahnsinnig spannend (siehe oben), aber in seiner Alltäglichkeit gut. E-Literatur muss ja nicht spannend sein.

Vermisst habe ich etwas das Thema Veränderung, die kam nur sehr zaghaft durch mit dem Auszug der Kinder und dem leeren Haus.

Kleinigkeit:

 
Zitat:
will ich mir gar nicht ausmahlen.


Das ist schon auch eine Kunst, einen Rechtschreibfehler so unauffällig einzubauen, dass er erst beim fünften Durchgang auffällt.

Aber trotzdem, richtig das Gefühl von Urlaub!
Passt.

4 Punkte

Gruß
Kerem


_________________
Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen.
(Oscar Wilde)
Der Willige wird vom Schicksal geführt. Der Störrische geschleift.
(Seneca)
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Constantine
Geschlecht:männlichBücherwurm


Beiträge: 3429

Goldener Sturmschaden Weltrettung in Bronze


Beitrag25.08.2022 08:58

von Constantine
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Bonjour Señora Incógnita

Ein wenig interessanter Beitrag des Wettbewerbs über einen Vater, der mit seiner Frau und erwachsen-studentischen Kindern für 2 Monate in einem Ferienhaus Urlaub macht und zwischen kochen, segeln, lesen und Blabla seine Kinder als kleine, gefräßige Schmetterlings-Monster-Raupen ansieht, die sich verpuppen und ihr Elternhaus verlassen, eine leere Puppe/ ein leeres Kinderzimmer zurücklassen und sich ab und zu mit den Eltern zwecks Familienurlaub treffen. Well.
Der Text bleibt dabei leider ziemlich oberflächlich und es entsteht eine entspannte Langeweile, die ins leerere Elternhaus führt. Der Vater könnte die Zeit für sein literarisches Werk daheim nutzen, genug Zeit hat er ja in der kinderlosen Zeit eher dort, als sich dies in den 2 Monaten Urlaub vorzunehmen, wissend, dass da stets was anderes dazwischen kommt. So ganz gegriffen bekomme ich den Protagonisten nicht. Mag sein, dass es am unpassend erscheinenden ersten Abschnitt liegt, den der Protagonist eher in der dritten Person allgemeingültig vorbetet, als dass man ihn dahinter spürt, oder insgesamt an der Aneinanderreihung von Aufzählungen, unter der der Protagonist verschüttet wird, anstatt ihn und das zwischenmenschliche der Familie frei zu legen.

Im Vergleich mit allen Wettbewerbstexten und da zehn Texte bepunktet werden müssen, bekommt dieser hier: un point.

Merci beaucoup
Constantine
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Babella
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 59
Beiträge: 860

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


Beitrag26.08.2022 16:24

von Babella
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Eine Umbruchsituation: Die Kinder sind flügge. Sie kommen noch manchmal vorbei, aber es ist absehbar, dass sie davonflattern. Schön das Bild von den Schmetterlingen, die sich als Raupe vollfressen und sich dann davonmachen.

Wobei sie ja immer wieder gern kommen, um noch mal ein bisschen Nestwärme zu tanken. Was schön ist, denn das ginge ja auch anders. Man ist noch Familie, und trotzdem genießt man es, dass es nicht mehr ganz so trubelig ist.

Schön eingefangen, sommerlich, leise sentimental, ohne kitschig zu sein. Gern gelesen.
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d.frank
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D

Alter: 43
Beiträge: 1189
Wohnort: berlin


D
Beitrag28.08.2022 09:54

von d.frank
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Eigentlich ist das ganz schön und sanft erzählt und es lohnt sich auch, dass das mal jemand tut, aber in Anbetracht der großen Themen (auch und gerade bezogen auf die aktuelle Weltlage) stellt es sich dann auch wieder selbst ins Abseits. Es fehlt ein eigentlicher Konflikt. Man könnte den darin sehen, dass das eine gut situierte Familie ist, die sich auf das, was sie spiegelt, konzentrieren kann, aber da gibt es dann auch keinen Gegenentwurf.

_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Heidi
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Beiträge: 1435
Wohnort: Hamburg
Der goldene Durchblick


Beitrag28.08.2022 19:24

von Heidi
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Das Thema

Die Wehmut eines Vaters, dessen erwachsenen Kinder nun ihren eigenen Weg gehen.
Dieses Erwachsenwerden und Loslösen wird anfänglich und gegen Ende anhand des Bildes eines Schmetterlings dargestellt, der nach dem Schlüpfen erst die Laufbahn eines kleinen gefräßiges Monsters durchlebt und später nach gelungener Metamorphose davonfliegen will und muss. Die Wehmut wird im Verlauf des Textes deutlich, indem ein Zukunftsszenario dargestellt wird, das sich (vermutlich) in einem Ferienhaus mit den großen Kindern abspielen wird.
Die erzählende Person malt sich aus, wie alles werden wird und kommt am Ende zum Schluss, dass auch das Haus, indem es nach wie vor lebt, viel zu groß sein wird, wenn sie vom Urlaub zurückkehrt.

Der Titel

Im Grunde ein schöner Titel, der auch gut in die Story eingearbeitet wurde und damit verbunden ist. Dummerweise ist er seit Jahren in den Wettbewerbs-Smalltalk-Threads des DSFo immer wieder als eine Art Maskottchen im Umlauf und in meinem Lesen irgendwie abgegriffen; insofern fällt es mir schwer, mir eine Meinung zu bilden, ob ich den Titel gelungen finde, oder nicht. Zum Text passt er aber allemal.

Der Anspruch / Die Ungefügigkeit / Die Eigenständigkeit

Alles soweit erfüllt. Es ist jedenfalls ein Text, der Stimmung erzeugt und nicht einfach ‚nur‘ erzählt und eine Handlung wiedergibt.

Die Sprache

Das ist eine schöne Sprache, die gut eine Balance zwischen Leichte und Schwere halten kann. Ich mag die langen Sätze, die einen richtig reinziehen in den Trott der erzählenden Figur. Dadurch wird eine gewisse Melancholie frei, die sich durch den gesamten Text zieht. Anfangs fand ich die Tatsache, dass der Text sich in die Zukunft hinein erzählt gut und ansprechend, ab der Mitte wurde es mir aber etwas zu viel damit. Klar kann es ein Ausdrucksmittel sein, um die Melancholie und den Verlust deutlicher zu machen. Ich werde als Leserin sozusagen herausgefordert mich all dem hinzugeben. Aber irgendwann ist es dann auch zu viel für meinen Geschmack; da hätte ich mir zwischenzeitlich mehr Abwechslung oder einen anderen Ausdruck gewünscht.

Der Gesamteindruck

Durch das Ausmalen dessen, was passieren wird, erlebe ich einen eher pessimistischen Grundton in der Geschichte, was sicher auch daran liegt, dass der Erzähler zum Schluss auf das zu große Haus hindeutet. Die Leere, die durch das Nicht-mehr-vorhandensein der Kinder in den elterlichen Gemäuern entstanden ist.
Es wirkt so, als wäre es ein großes Unglück für den Ich-Erzähler, die Kinder nicht mehr im Haus zu haben und all das, was in der Ferienzeit gemeinsam stattfinden wird, nicht genug, um den Verlust auszugleichen. Es wirkt so, als würde der Erzähler sein eigenes Leben nicht mehr in dem Maße ausfüllen können, wie er es sollte, nachdem er die flügge gewordenen Kinder in ihr eigenes Leben entlassen hat. Das erzeugt in mir das Gefühl, diesem Erzähler am liebsten einen Arschtritt verpassen zu wollen. Schließlich sind die Kinder nicht verloren, sie gehen nur ihren eigenen Weg.

Dieses Gefühl wird verstärkt durch die distanzierende Haltung zu der Ehefrau, die die erzählende Person als ‚die Frau‘ bezeichnet, anstatt etwa als Annette, Clara oder meine Liebste. Das wirkt so, als wäre da nicht mehr viel Liebe zwischen den beiden. Als wäre die vielleicht mit den Kindern aus dem Haus geflogen.
Wenn es das Ansinnen war, die Figur in diese Richtung zu zeichnen und die erwähnten Gefühle beim Leser zu erzeugen, dann ist das gut gelungen, für meinen Geschmack aber doch etwas zu viel der Melancholie, Stagnation und vor allem ein gewisses Stecken-geblieben-Sein in der Vergangenheit. Eine Mischung aus Melancholie und Zuversicht hätte mir besser gefallen.

Und dennoch bekommt der Texte viele Punkte, weil er doch vom Ausdruck her sehr viel zu bieten hat, die Figur deutlich erlebbar wird und das Thema Allgemeinmenschliches transportiert. Genau genommen bekommt der Text acht davon.
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Globo85
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Beitrag29.08.2022 08:24

von Globo85
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"Urlaub wie damals" oder The German Dream

Vorgaben:
  • Begegnungen und/oder Abschiede: Vater und Mutter mit Sohn und Tochter und Nachbarn und Bootsfahren und Radlern und …
  • Anbahnende Veränderung: Tja, was ist denn die Veränderung, die sich anbahnt? Oder hat die sich nicht längst schon angebahnt und ist eigentlich schon voll da? Da kann man sicherlich drüber streiten.
  • Sommergäste/Nichtbeachteter Schuss: Die Sommergäste sind klar, der Schuss? Hm, vielleicht dass das "alte" Leben vorbei ist? Bzw. viel schneller vorbei ging, als Vater und Mutter zunächst geglaubt hatten?
  • Ist das E? Stilistisch eher nicht (auch wenn der Text gut geschrieben ist), aber thematisch (für mich) auf jeden Fall.

Eindrücke:
Ein Vater und seine Ehefrau machen Urlaub und die (erwachsenen) Kinder kommen zu Besuch. Da wird in Nostalgie gebadet, was das Zeug hält und das ein oder andere Klischee bedient, ohne jedoch ins klischeehafte abzudriften. Am Ende wirkt das einfach eindringlich und ehrlich. Irgendwie melancholisch und für mich auch völlig offen, ob positiv oder negativ melancholisch, wenn auch für mich eher mit Tendenz zu Letzterem. Der Tempuswechsel lässt natürlich auch Interpretationsspielraum zu. Eine Geschichte die nachwirkt. Gefällt mir.

Lieblingsstelle:
Zitat:
Einer der Nachbarn, er wohnt ein paar Häuser weiter, radelt vorbei. Er ruft uns etwas zu. Es ist niederländisch und ich verstehe nichts davon. Er winkt dabei. Wir winken zurück.


Fazit:
Mein vierter Platz und damit 7 Punkte.
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Kojote
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Beiträge: 1404
Wohnort: Wurde erfragt


Beitrag30.08.2022 16:54

von Kojote
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Liebes verfassendes Wesen,

dein Text liest sich flüssig und melodisch. Leider machen einige Partien für mich einen eher zusammenhanglosen Eindruck.

Trotzdem reicht es für gute 4 Punkte.

Ciao
Kojote


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nicolailevin
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Wohnort: Süddeutschland


Beitrag01.09.2022 16:41

von nicolailevin
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Ein Sommer im Ferienhaus in den Niederlanden. Man ist nicht mehr jung, die studierenden Kinder kommen zu Besuch, in hübschen Worten wird der Sommer beschrieben. Ich finde mich da in vielem wieder, hey, das könnten wir sein!, und das könnte auch meinetwegen so weiterplätschern, bis ich selbst hier raus muss aus unserem Ferienhaus am äußersten Ende der Bretagne und wieder heim in den Alltag nach Deutschland.

Was mich beim ersten Lesen stört, ist „die Frau“, ich kenne das, aber es erscheint mir so fremd und lieblos, dass ich erwartet habe, hier bahnt sich ein Konflikt an. Tut er aber nicht. Konflikt gibt es nämlich keinen. Schuss auch nicht, das Leben ist ein ruhiger langer Fluss und die Kinder werden allmählich flügge.

Ich finde das alles kolossal sympathisch. Ein Bullerbü für Um-die-Fünfziger. Aber es fehlt an jeder Spannung, jedem (auch inneren, auch sublimen) Konflikt. Auch wenn der bissige Vergleich mit dem Großziehen von Schmetterlingen es anders vermuten lässt: Alle haben sich so lieb, wie man sich in Familien eben liebhat, es ist alles hochfein beobachtet und großartig beschrieben, und der Sommer ist wunderbar, und nur am Ende steht ein wenig Melancholie. So süß wie Softeis mit Schokostreuseln. „Kill your darlings!“, möchte man dem/der Verfasser_in des Textes zubrüllen.

Weil es sich so nett gelesen hat, am Ende doch noch ein Punkt von mir.
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Schlomo
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Beiträge: 211
Wohnort: Waldperlach


Beitrag01.09.2022 21:58

von Schlomo
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Stark. Eine geplante, sich abzeichnende Veränderung.

_________________
#no13
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Nachtvogel
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Alter: 31
Beiträge: 85
Wohnort: Münster


Beitrag03.09.2022 01:29

von Nachtvogel
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Der Text ist sprachlich gut, inhaltlich überzeugt er mich leider nicht. Mir kommt das Ganze recht belanglos vor.

Für Punkte hat es leider nicht gereicht.
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Minerva
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Beiträge: 936

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Beitrag03.09.2022 17:54

von Minerva
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Adolf Sommerauer hat Folgendes geschrieben:
Das sicherste Mittel, Kinder zu verlieren, ist, sie immer behalten zu wollen.

Inhalt:
Elternpaar mit flügge gewordenen Kindern sitzt vor dem Ferienhaus und lässt das Leben mit den Kindern, die Urlaube und Erlebnisse Revue passieren, während sie auf die Ankunft der studierenden Brut warten, und malen sich sogleich die bevorstehenden Ferientage mit den Kindern aus. Am Ende kommt die Überlegung, langsam einmal das Haus an die neue Situation anzupassen, nicht mehr Gebrauchtes einzupacken und in den Keller zu bringen.

Wertung

Der Übersichtlichkeit halber habe ich die Details zu den Kategorien in den Fußnoten ausführlich aufgeführt. Die Wertung dient dazu, die Geschichte für den Wettbewerb ranken zu können, deswegen wird alles im Detail betrachtet, bitte nimm es nicht als zerpflückende Kritik wahr, sondern als eine intensive Auseinandersetzung.

1 Die Geschichte an sich 3/5
Also, ich bin da so durchgerauscht durch den Text, die Bilder sind deutlich geworden, dass ich fast schon glaube, es beschreibt dein tatsächliches Leben. Der Autor kommt nicht zum schreiben …
Sehr viele Details, hübsch zu lesen.
Was nicht funktioniert hat, war das:
Erst der Beinahe-Unfall, später will die Tochter den Verantwortlichen erkannt haben. Dann fummelt der am Auto rum und es kommt zum Handgemenge und dann das Jochbein.
Das kommt relativ dicht und fühlt sich so beiläufig weggeredet an, dass ich nur darauf warte, dass es weitergeht oder zu einer Katastrophe kommt, aber die bleibt aus. Das hast du so wohl nicht beabsichtigt, aber mir kamen diese Störungen des Friedens wie der dahinterliegende rote Faden vor und ich erwartete den Knaller am Ende. Das hat mich leider zu sehr irritiert.

2 Umsetzung der Themen 6/7
Sommergäste sind auf jeden Fall tragend, sie selbst sind im Ferienhaus und die Kinder kommen (auch zwingend, weil Sommersemester), Begegnungen gibt es, vor allem mit der Unfall-Thematik, und Abschied ist das Thema. Am Ende auch noch mal deutlich gemacht, dass die Eltern jetzt beginnen, das Haus an das neue Leben anzupassen. Die Veränderung ist das Loslassen der Kinder, was am Ende mit Plänen zum Umräumen des Hauses endet. Finde aber nicht, dass man diese Veränderung im Text als anbahnend verspürt. Ansonsten sind alle Vorgaben auch als »durchdringend« wahrnehmbar.

3 E-Faktor 3/5
Bei diesem Text tue ich mich irgendwie sehr schwer, zu entscheiden, wie e-ig der ist (nicht der einzige Text, wo es mir so geht), trotz meiner schrecklichen Abhakliste …
Ich versuche es einmal.
Es ist definitiv kein Genretext, so wie er im Gesamten aufgemacht ist. Er erzielt seine Wirkung durch die große Menge an Erlebnissen mit der Familie auf kleinen Raum komprimiert. Ich denke, das form follows function ist hier mal sehr sichtbar umgesetzt. Man rauscht so durch die Erinnerungen und Erlebnisse der Eltern. Der neue Lebensabschnitt der Eltern, auch das Altern und die Konsequenzen an sich sind als ernsthafte Themen hier präsent.
Hier ganz nebenbei sehr hübsch erzählt.
Zitat:
Wir werden nachts Perseiden zählen, ich so tun, als würde ich den Augenprüfer im Großen Wagen noch erkennen.

Mehrschichtig oder ungefügig finde ich aber nichts. Vielleicht hab ich den mich irritierenden Teil mit dem Unfall/Vorfall etc. auch nicht kapiert.

4 Lesbarkeit und Handwerk 4/5
Sehr gut lesbar gewesen, ich bin nicht gestolpert. Die Strukturierung der Erlebnisse (damals/jetzt/morgen) und die Reihenfolge, was was passiert, war mir nicht organisiert genug. Deswegen ziehe ich einen Punkt ab.

5 Logik 2/3
Irgendwie erschließt sich mir die detaillierte Ausgestaltung der Erlebnisse im Futur nicht. In solchen Details denkt man doch nicht, wenn man an die Zukunft denkt.

6 Sorgfalt 1/2
Hier waren doch ein paar Fehler drin (Kommas, Klein-Großschreibung, Vertipper). Muss leider einen Punkt abziehen.

7 Sommerfrischequotient 3/5

Gesamtpunkte: 22/32

PUNKTESPOILER * trommelwirbel *
2 Punkte

Meine liebsten Textstellen:
Zitat:
Wenigstens hinterlassen die Kinder in der Regel keine Eier unter den Tischplatten, aus denen schon nach Tagen neue Monsterchen schlüpfen, die sich durch den Gemüsegarten fressen.
Zitat:
Wir konnten uns gar nicht sattsehen an dieser filigranen Papierblume, die wie so vieles in der Natur gerade mal eine Saison Bestand hatte.
Zitat:
Er winkt dabei. Wir winken zurück.
[…] Der Nachbar mit dem Fahrrad wird etwas Unfreundliches rufen und uns mit der Faust drohen. Wir werden zurück winken.


-----------------------
Bewertung – ein Versuch. Ein bisschen Neutralität einbringen, jenseits von: mag ich - nicht mein Ding. Hab ich eigentlich „Ahnung“ von E-Lit? Nee, deswegen brauch ich diese Krücke zum Bewerten. Bei Offenheit der Interpretation einzelner Aspekte, lege ich immer alles zu euren Gunsten aus. Tut mir leid, dass das so ausführlich geworden ist. Jegliche Kritik ist meine persönliche Sichtweise, wenn ihr davon etwas gebrauchen könnt, greift zu, ansonsten lasst euch nicht den Tag vermiesen.

1 Ich will einfach eine gute Geschichte lesen und etwas herauslesen. 5 Punkte

2 a) Sind Sommergäste tatsächlich oder symbolisch vorhanden?
b) Dreht sich die Geschichte um eine oder mehrere Begegnungen und/oder Abschiede?
c) und d) Ist eine Veränderung thematisiert, und ist diese anbahnend, d.h. nicht schon im gesamten Text vollzogen und zudem „spürbar“ über den Textverlauf?
e) Wie relevant ist das zentrale Thema für die Geschichte?
f) Können es nur „Sommergäste“ sein oder könnte die Geschichte auch anderswie spielen?
g) Wie sehr durchdringen diese Themen insgesamt den Text als Ganzes? 7 Punkte

3 a) Künstlerischer Anspruch und Kreativität allgemein, also alles, was sich sinnhaft von einem Genretext abhebt. Hier „reicht“ es nicht, einfach die 2. Person Futur Präsens zu wählen oder möglichst lange und komplizierte Sätze oder Wörter zu verwenden – im Gegenteil, das gibt Abzüge bei Stil und Lesbarkeit, Handwerk muss beherrscht werden. Auch ist eine komplizierte Wortwahl nicht ausschlaggebend, kann auch vollkommen simpel sein. Es kommt immer darauf an … auch auf das, was vielleicht nicht gesagt wird, aber durch den Textaufbau durchwirkt. Die Form, das Gesagte und das Ungesagte müssen Hand-in-Hand gehen, eine Wirkung bewusst erzielt werden (oder zufällig-intuitiv … wer weiß das schon?). [Form und Inhalt oder form follows function] 2 Teilpunkte hier.
b) Ernsthaftigkeit der Themen, wobei Humor dazuzählt, wenn er mir bspw. „die Absurdität“ (des Lebens oder wovon auch immer vermittelt) darstellt; und/oder Sozialkritik und/oder regt mich das zum Nachdenken an? Hat das eine Relevanz? Ein gewisses Maß an Realismus, aber kein absoluter. Bizarr und surreal sind erlaubt. Auch das kann ich nur subjektiv abwägen: ist das Phantastik oder  E-tastik?
c) Mehrschichtigkeit und Ungefügigkeit. Auch hier ist Augenmaß gefordert, ich möchte mir den Inhalt oder die Bedeutung/Interpretation ein wenig erarbeiten müssen (nicht alles erklärt bekommen), aber nicht wie die Sau ins Uhrwerk glotzen. Ob ein Text mich bewusst verwirren will oder ob Thema, Sprache, Aufbau etc. mich nicht richtig erreichen, muss ich subjektiv abwägen.
d) Verwendung einer besonderen Sprache oder Spielerei damit, Verwendung besonderer Bilder oder einer Wirkung durch die gewählte, durchaus auch einfache, Sprache (Intensität).
5 Punkte

4 Kann ich den Text, rein vom Formalen her, gut weglesen, ungeachtet von Pausen zum Nachdenken oder des Anspruchs der Sprache? Wie sieht es mit dem Handwerklichen des Schreibens aus? Wird es beherrscht, wird es gar bewusst gebrochen? 5 Punkte

5 Soweit nachvollziehbar:
a) Logik inhaltlicher Art (in sich logische Geschichte, Reihenfolge),
b) Logik der Details (das namensbestickte Taschentuch von Onkel Günther lag aber vorhin nicht auf dem Liegestuhl sondern auf der Tiefkühltruhe im Keller) – auch: recherchierte Details
c) Logik des menschlichen Handelns (also wie plausibel ist das Verhalten, ungeachtet künstlerischer oder storytechnischer Abweichungen) 3 Punkte

6 Sorgfalt muss sein, bitte nicht mit den Augen rollen, es sind ja nur 2 Punkte. Es gibt immer eine Möglichkeit, die man vorm Absenden wahrnehmen kann: einen Testleser, ausdrucken, sehr langsam lesen, laut vorlesen, mit (kostenloser) Software vorlesen lassen, in ein E-Book umwandeln, um es auf einem anderen Medium zu lesen, Rechtschreibkorrektur der Schreibsoftware, zur Not Gerold (obwohl der nicht der Hellste ist, sorry Gerold). Bei zu vielen Rechtschreib- oder Grammatikfehlern wird etwas abgezogen. Wie gesagt, es sind nur wenige Punkte, aber auch Sorgfalt spielt eine Rolle. Das ist eine Frage der Fairness gegenüber anderen. Ich weiß, du hast viel zu tun und die Muße kam recht spät oder du hast Legasthenie oder ... Nicht bös gemeint. 2 Punkte

7 Onkel Günther würfelt mit seinem 5-seitigen Würfel und dividiert das Ergebnis durch 1… (Nach meinem ersten Bewertungssystem tummelten sich auf einmal mehrere Texte auf den gleichen Rängen, auch mehr Punkte in den Kategorien schafften keine Abhilfe … Leute, das geht nicht, ich muss irgendwie ein Ranking hineinbringen. Onkel Günthers Würfel ist quantenverschränkt mit dem Text und weiß, was richtig ist.) 5 Punkte


_________________
... will alles ganz genau wissen ...
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Reimeschreiberin
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Beitrag04.09.2022 10:55

von Reimeschreiberin
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Bei dem Wettbewerb wurden sehr vielseitige Texte eingereicht. Es sind so viele gute Geschichten dabei, dass mir die Bewertung nicht leicht fiel. Letztlich hat es Dein Text, liebe/r Inko, leider nicht in meine Top Ten geschafft.
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MoL
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Das bronzene Stundenglas


Beitrag04.09.2022 15:16

von MoL
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Lieber Inko!

Leider bekommt dieser Text keine Punkte von mir. Ich hoffe, Du nimmst das nicht allzu schwer, die Konkurrenz war dieses Jahr einfach mörderisch gut!

Diesen Satz hier habe ich nicht verstanden; was möchtest Du damit sagen?
"Ich werde überrascht sein, wie viel doch von einem Selbstverteidigungskurs hängen bleibt und wie filigran Handknochen eigentlich sind, wenn sie auf ein Jochbein prallen."

Insgesamt war mit der Text - sorry - schlichtweg zu langweilig. Ansonsten schreibst Du wirklich gut. Smile


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nebenfluss
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Beitrag04.09.2022 17:26

von nebenfluss
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Leider noch kein Kommentar.

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fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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d.frank
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Beitrag07.09.2022 13:18

von d.frank
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Freue mich, dass dieser Text für den Aufbruchspreis nominiert ist!
Das ist so ein Text, der muss für sich wirken und das konnte er nicht inmitten des ihn umgebenden und Posaune blasenden Dramas.
Er nimmt eine klare und behutsame Gegenposition ein und spricht in seinem Kern doch von den selben Dingen, es tut mir leid dass ich das nicht auf Anhieb gesehen habe.


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Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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nebenfluss
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Beitrag12.09.2022 23:46

von nebenfluss
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Ruhiger Text über das moderne Verhältnis zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern, die vielleicht noch nicht wirklich flügge sind, sondern nach wie vor die sommerlichen Semesterferien mit den Eltern verbringen, ohne freilich nennenswerte Verbindlichkeiten damit einzugehen. Der Rückzug zu den Erzeugern wird vor allem aus bequemen und ökonomischen Gründen vollzogen, weshalb der Erzähler sie (statt mit Vögeln) mit Schmetterlingen vergleicht. Mitgeteilt wird uns das bereits vorher, als Prognose, denn dem Vater erscheint der Verlauf der Dinge so unabänderlich (wer wollte schon Streit mit dem Nachwuchs beginnen, wenn er einen mal wieder mit seiner Anwesenheit beehrt), dass wir Leser die vorauseilende Erzählung sofort als gegeben annehmen können, nach dem Motto „So ist es nun mal“ - eine unspektakuläre, aber „wahre“ Geschichte.
Vielleicht nur, um dem lähmenden, auf Charakterebene wenig ergiebigen Fatalismus an der richtigen Stelle doch ein bisschen Würze zu verleihen, kommt es noch zu einem Konflikt mit einem niederländisch sprechenden Nachbarn, der – wenn ich das richtig verstanden habe – sogar in Handgreiflichkeiten mündet. Vielleicht soll auch ein tiefsitzender Frust des Erzählers beleuchtet werden, dem er für ebenso unbeeinflussbar hält wie das Verhalten seiner Sprösslinge. Vielleicht ist dies auch der unbeachtete „Schuss“ aus dem Gorki-Zitat. Für mich führte dieser Aspekt des Geschichte jedenfalls nirgendwo hin. Die Vorgaben sind in meinen Augen alle deutlich umgesetzt; und weil das dann doch konsistent, konsequent und ein wenig anrührend erzählt wird, hat es immerhin noch für meine Punkteränge, genauer gesagt: den neunten Platz gereicht.

******

Hallo holg,

ich fand es am ehrlichsten, den obigen Kommentar so zu posten, wie ich ihn während der Bewertungsphase verfasst habe ... insbesondere auch, weil mir bewusst ist, dass ich dem Text - hätte ich dich als Autor erahnt - wahrscheinlich einen weiteren Blick gegönnt hätte. Natürlich habe ich mittlerweile die Laudatio anlässlich des "Aufbruchspreises" gelesen. Immer wieder faszinierend, wiedie persönlichen Haltungen und Erfahrungen ins Lesen hineinspielen. Für mich zementierte bereits der erste Satz einen solch resignierten Tonfall, dass ich von einer Idylle (die ich persönlich ohnehin nicht wirklich kenne) und einer "bitteren Sehnsucht" (wie es anderswolf und hobbes formulierten) kaum etwas spürte, stattdessen sprichwörtlich den Kopf darüber schüttelte, dass diesem Erzähler keine Alternative zum Verbringen seiner Sommerferien einfällt. Ein Prosastück über die unvollendete und latent unerwünschte Abnabelung der Kinder von den Eltern (und umgekehrt), die Unentschiedenheit, die enervierende Verweigerung einer Reflektion - joah, kann man machen, aber wozu?
Aber natürlich könnte ich als Leser reflektieren, nach den Gründen fragen bzw. im Text suchen: Warum dieses Familiespielen mit veralteten Rollen, weshalb dieser vergebliche Versuch, die Zeit anzuhalten? Es freut mich sehr, dass hobbes und anderswolf dem weitaus intensiver nachspürten als ich, und das, was sie fanden, mit ihrer Prämierung gewertschätzt haben.
Herzlichen Glückwunsch!


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holg
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Beitrag16.09.2022 13:38

von holg
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Danke erstmal für eure mehr oder weniger ausführlichen, netten, aber stets wertschätzenden Kommentare.
Ab und zu gabs ja durchaus auch Punkte. Und einen  Jurypreis, mit dem ich nie gerechent hätte, angesichts der Konkurrenz und meiner eigenen Bedenken mit meinem Text.

Ich kann da Sleepless_Lives sehr treffendem Kommentar und anderswolfs wunderbarer Laudatio wenig entgegen stellen. Warum auch. Sie haben den Text bestens analysiert.

Vielleicht ein, zwei Anmerkungen.

Ja, er soll vom Verlust der Welt, wie sie war erzählen, vom Großen Ganzen heruntergebrochen auf eine individuelle Geschichte, anders geht es ja auch gar nicht in der Kürze der Zeit und der Form. Und so sind die Verweise auf die größeren Themen nur hier und da so angedeutet und immer die Frage im Hinterkopf, ob das ausreicht (teilweise ja, teilweise gar nicht, aber es ist immer eine Gratwanderung wann etwas ganz untergeht und wann es zu sehr ins Gesicht gedrückt ist - die Geschichte mit dem Wespennest steht genau so wenig zufällig wie die Art der Küche), zur Geschichte gehört oder nur Beiwerk darstellt. Das wurde ja auch ganz unterschiedlich aufgenommen.

Dann das Setting. Natürlich ist das eine privilegierte Mittelstandsfamilie, Jedermann, ohne großartige familiäre Konflikte. Natürlich ist das ein heile Welt Setting.
Das Ungemach, das der Familie, das dieser heilen Welt droht, lauert im Hintergrund in Nuancen, dort wo nicht hingesehen wird, wo schnell abgelenkt und übergangen wird. Und antürlkich ist das in einem Wettbewerb mit vielen anderen Texten, die zum Teil ebenso erkundet werden wollen eine arge Zumutung für die Leser (und es erging mir mit anderen Texten genau so, dass ich vieles nicht erkannt habe).

sleepless_lives hat Folgendes geschrieben:
Der Text ist eine Wiese und die Erzählung flattert von einer Pflanze zur nächsten (doch noch ein Schmetterlingsvergleich).
Und deshalb muss auch für das oberflächliche Lesen eine kleine feine Geschichte da stehen. Eine vom vielleicht letzten gemeinsamen Familienurlaub, der unerwartet schön und angenehm wird, wenn man von der Eskalation mit dem Fahrradnachbarn absieht.
Eine, die das Thema der Schmetterlinge als Sommergäste nicht nur wörtlich immer wieder aufgreift, sondern auch leicht von Ereignis zu Ereignis flattert, leicht, ungerade und womöglich auch nicht unbedingt chronologisch.

Was direkt zum Futur führt. Daran ist die Schaukel schuld. Anderswolf hat das sehr schön beschrieben:
Zitat:
Die goldene Mitte zwischen Vor- und Rückschwung, der Moment größter Geschwindigkeit, die unhaltbare Gegenwart rast an uns vorbei

Wobei die Gegenwart so schnell vorbei flitzt, dass sie nicht zu erfassen, nicht in Worte zu gießen ist. Und so der Erzähler nur an den Endpunkten der Bewegung kurz zur Ruhe kommt. In der Rückschau, in der Vorausschau.
Und da wollte ich deutlich mehr. Die Rückschauen sind im Verhältnis viel zu kurz, zu klein, zu sehr von der sehr dominanten Vorausschau verdeckt, die für sich gesehen aber eigentlich schon der Punkt nach dem schwerelosen Teil ist. Der Rausch der Vorwärtsbewegung hält noch an, aber der Rücksturz hat schon längst begonnen und erst in den letzten beiden Abschnitten wird das dem Erzähler bewusst.

Hab ich aber nicht besser hinbekommen. Vielleicht lags an der knappen Frist und ich rede den Text kaputt.
Aber das steht hinter alldem:
anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Der hohe Sommer ist sowas von vorbei, der Herbst des Lebens ist längst eingezogen


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