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Warten auf Godot


 
 
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 180
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


Beitrag29.06.2022 15:56
Warten auf Godot
von Miss Purple
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Am nicht näher definierten Ort im Internet überwältigt Schreibende oft ein existenzialistisches Dilemma: Sie haben viel Zeit damit verbracht, Tagesgedanken, Lyrik und Prosatexte zu schreiben – und dann verbringen sie viel Zeit damit, sie an nicht näher definierten Orten im Netz zu posten und abzuwarten, ob der, den man nicht näher kennt, der sich Godot nennt, von dem nichts genaues bekannt ist, nicht einmal, wer genau er ist, ob dieser Unbekannte jemals kommen und ob er sich äußern wird.
Falls es ihn doch geben sollte, wird ein originelles Profil erstellt, mit dem Nicknamen Estragona oder Wladimir, dazu ein weichgezeichnetes Foto, das die Gewissheit des eigenen Verfalls um erhebliche Jahre senkt. Jugendlichkeit ist gefragt - wer schon älter ist, bemüht sich wenigstens um einen juvenilen Ausdruck. Obwohl man sich am nicht näher definierten Ort weder sehen noch anfassen kann, wird gemunkelt, Godot liebe nur die junge, wilde Kunst.
Festzuhalten ist: Es gibt einige solcher nicht näher definierten Orte im Internet. Dort sind unter der großen Anzahl Schreibenden immer solche, die vorgeben, Godot genau zu kennen, ihm sogar schon mal begegnet zu sein. Deshalb versammeln sich am nicht näher definierten Ort im Netz Hunderte, die auf ihn warten. Was von denen zu halten ist, die glaubwürdig versichern, sie seien ihm tatsächlich schon begegnet, weiß keiner. Man hat schon oft gedacht, er sei es gewesen und dann war er es doch wieder nicht. Bis jetzt ist er jedenfalls an keinem dieser nicht näher definierten Orte in Erscheinung getreten: Weder bei den passiv zu Entdeckenden noch bei den aktiv Werbenden. Weder bei den Textsicheren noch bei den Schreib- oder Kommentierfaulen. Da aber so viele am nicht näher definierten Ort zusammentreffen, die sich langweilen, werden die Texte gegenseitig rezensiert – damit sie perfekt sind für Godot.
Um die unheimliche Stille auf Abstand zu halten, wird viel diskutiert, zuweilen über belangloses vehement gestritten und sich hernach wieder versöhnt. Manchmal wirft man sich gegenseitig vor, in Texten wenig gesagt und zu viel angedeutet zu haben oder willentlich mit bedeutungsschwangeren Metaphern eine Spur gestreut zu haben, die sich im Nichts verliert. Minimalistisches wird hochgelobt, weil im Subtext gigantisch Gemeintes vermutet wird. Andächtige Stille herrscht über wirren, hastig abgespulten Monologen von bizarrer Hilflosigkeit und in Wortmüll zerfledderten Logorrhöen. Und manchmal, eher selten, reine Glücksmomente flüssiger Sprache.
Zuweilen wird sich auch ärgerlich das Haar gerauft, weil Satzbau und Syntax, Metrik, Rhythmus und Reim quick and dirty daherkommen. Mancher lässt seine Grammatikpeitsche knallen, degradiert Erwachsene zu seinen Schülern, denen er das Schreiben schwer macht, indem er jeden klitzekleinen Kommafehler wie ein Schwerverbrechen ahndet. Fehlbare sollen vor Angst und Ehrfurcht erstarren und zu dem Schluss kommen, sie seien des Schreibens nicht mächtig und unwürdig, dieselbe Luft zu veratmen wie die Unfehlbaren, die Tadellöser&Wölfe der deutschen Sprache und Literatur. Auf diese Art sind alle ausreichend damit beschäftigt, sich gegenseitig zu beweisen, dass man in der Lage ist, saubere, perfekte, kleine Textbausteine zu erstellen. Ob das große Kunst ist, darüber wird ausgiebig gestritten: Kunst ist nicht, was der Künstler sagt, sondern das Publikum. Manchmal werden auch diverse Möglichkeiten, unglücklich zu sein oder am Leben zu verzweifeln erörtert, falls dieser Godot sich niemals blicken lässt.
An den nicht näher definierten Orten im Netz gibt es immer einen Webmaster, der die Regeln macht. Für das Warten auf Godot darf er Geld einnehmen, um seine Unkosten zu decken. Mitgliedschaften unterschiedlicher Stufen werden erdacht und es wird gemunkelt, dass zahlende Mitglieder zum „erlauchten Kreis“ aufrücken, wo gewisse Vergünstigungen wie uneingeschränkte Schreib- und Redefreiheit gewährt würden. So ganz genau weiß das keiner – bis man selber zahlendes Mitglied wird. Die Community der Wartenden wird meist zusätzlich noch von netten Administratoren und Moderatoren begleitet, die eine Führungsposition unter den Wartenden einnehmen. Die weniger Netten überwachen, kontrollieren und maßregeln, was, worüber und wie geschrieben und diskutiert werden darf. Wer den falschen, nicht näher definierte Ort im Netz gewählt hat, findet sich in hierarchischen, patriarchalen, autoritären Strukturen wieder, die ihn das Fürchten lehren können.
Manche nicht näher definierte Orte im Netz muten wie riesige Amphitheater mit johlendem Publikum an: Ganz oben, in der Loge der Webmaster, der den Daumen hoch oder runter hält, ganz unten, in der Arena die Dichter*innen, die dem „Volk“ ihre Texte vortragen, akustisch begleitet von einer entfesselten, anonymisierten Menge, die dies mit lautstarken Unmutsbekundungen oder Applaus, sogenannten „Likes“ oder „Kommentaren“ goutiert. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, treten zuweilen Advokati Diaboli in den Ring, um einen kreativen, frechen Text nach Strich und Faden auf Mittelmaß zu verschlimmbessern oder auf ein grammatisch perfektes, todlangweiliges Text- oder Versmaß runterzuknüppeln. Solche Anwälte sehen sich als selbst ernannte „Literaturkritiker“ oder „Meister des Fachs“, weil sie bereits im Selbstdruck ein oder zwei, in handgeschröpftes Linnen eingebundene Lyrik-Büchlein unters Volk gebracht haben. Sie lieben es, Aufmerksamkeit zu genieren, indem sie der Community die ganz große Show abliefern: Der öffentliche Verriss des Tages, die Demütigung des Monats, die Abwertung des Jahres, der heißeste Literaturstuhl: “Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Wer soll deine Zielgruppe sein: Senioren? Schreib lieber für die Apothekenrundschau! Hier wird nichts erzählt. Dieser Humor ist niveaulos. Kolpotagen-Schicksal. Alles irgendwie … unglaubhaft. Viel zu viel a,b,c ... und zu wenig ...x,y,z. Alles Mist, schreib neu/anders/wie ich es mag!“
Für Unterhaltung beim Warten auf Godot ist gesorgt: Kleine oder größere Stürme im Wasserglas, Rituale, Demutsgesten der Neuankömmlinge, Rauswürfe ... manchmal entsteht auch so etwas wie echte Kommunikation. Blöd nur, dass man deswegen nicht gekommen ist.
In trotziger Restwürde beharrt man auf der ewig enttäuschten Illusion des Wartens auf Godot. Ob er kommen wird, dafür gibt es - trotz Mitgliedsbeitrag - keine Garantie.
Manchmal gesellt sich ein Diener, der sich Lucky nennt, zu den Wartenden. Dieser bringt keine Klärung, sondern sorgt für zusätzliche Verwirrung: Wie kann einer „lucky“ sein, wenn er auf Godot wartet? Und es gibt da noch diesen reichen Tyrann Pozzo, der den armen Lucky mit knallender Peitsche auffordert, „laut zu denken“:

„Ich bin Lucky und ich habe mehr Angst davor, Talent zu haben, als es nicht zu haben. Meine größte Angst ist es nicht, unzulänglich zu sein, sondern mächtig talentiert. Ich brauche die Erlaubnis anderer, mein Licht zu zeigen. Falls sie es mir erlauben, gerate ich in Panik. Was, wenn da eine kreative Karriere auf mich wartet, auf die ich nicht gefasst bin? Wer bin ich denn schon, dass ich brillant sein soll? Da mache mich doch lieber selber klein und nenne das „Bescheidenheit“ oder lasse mich kleinmachen, damit andere um mich herum sich nicht unsicher fühlen.
Wie im Leben. Also auch im Internet. Amen.
Ich gebe lieber anderen die Erlaubnis, mich zu bewerten, als mir die Freiheit, zu leben und mich auszudrücken, wie es mir gefällt. Statt Kunst zu machen, lerne ich die Kunst, mich zu verbiegen, faule Kompromisse zu machen und mein wahres Ich zu verstecken. Hauptsache, ich bekomme Likes und positive Kommentare. Ich bin abhängig vom Feedback und Bestätigung anderer. Ich bin zutiefst verunsichert, ob das, was ich bin und kann „gut genug“ ist - gut genug für andere. Lieber höre ich auf das Geschwätz und Geschnatter fremder Leute, als auf meine innere Stimme. Ich stelle nie in Frage, ob andere wirklich mehr über das wissen, was ich da tue. Ich kann unmöglich Ja zu mir selbst und zu meinem Können sagen, weil ich nicht gelernt habe, Nein zu gnadenlosen Kommentator*innen zu sagen. Lieber nehme die zerstörerische Wirkung toxischer Kommentare und öffentliche Demütigungen in Kauf, schlucke Abwertungen und Unterstellungen, als mich dagegen abzuschotten oder zur Wehr zu setzen. Weil ich es gewohnt bin, mich zu ducken. Zu kuschen.
Wie im Leben. Also auch im Netz. Amen.
Kritik ist wichtig. Sagen die Kritiker. Ich bin Lucky, ich schreibe um des Schreibens willen, weil ich es einfach tun muss. Aber etwas um seiner selbst willen zu tun, gehört sich nicht. Ich sollte lieber „was draus machen“ und „erfolgreich“ damit sein. Das heißt, ich soll nicht sein, was ich bereits bin, sondern so werden, wie andere mich haben wollen. Rigide Kritik beschäftigt sich damit, dass ich „besser“ werde, statt damit, was ich bereits kann. Sie setzt mich stets einer Konkurrenz aus, der ich niemals standhalten kann: Es wird immer einen geben, der besser schreibt als ich. Große Künstler sind oft großartige Amateure, aber Kritiker tun so, als könne man Großartigkeit lernen, wenn man sich nur genug anstrengt. Ich soll nicht expressiv sein, was sich in meinem Innen befindet ist sicher hässlich, entsetzlich mangelhaft und schämenswert. Das ist es, was harsche Kritik mir bestätigt: Du bist unwürdig, deine Träume zu verwirklichen. Versuch es also gar nicht erst. Gnadenlose Kommentatoren konzentrieren sich auf meine Schwächen, statt auf meinen inneren Reichtum. Kreativität ist in ihrem Grund rebellisch, doch Kritik und Häme führen zu Fügsamkeit und hindern mich daran, hervorzutreten und Tacheles zu reden, mich zu zeigen. Und das ist gut so: Wer bin ich schon, dass ich verlangen kann, wertgeschätzt und anständig behandelt zu werden? Womöglich habe ich doch nicht genug  Talent.
Wie im Leben, also auch im Netz. Amen.
Es sind die Peitschen meiner inneren und äußeren Kritiker, die mich antreiben. Ich verdaue Abwertungen, das verächtlich machen meiner Texte, Infragestellung meines Könnens wie eine Geiß rostige Nägel. Ich nehme negative Meinungen als unumstößliche Tatsache hin. Ich öffne sämtliche Türen im Internet, damit jeder hereinspazieren und in arroganter Großherrenmanier vor mir verlangen kann, ich müsse mich vor ihm und Welt erst einmal beweisen. Von Kindheit an muss ich mich vor Autoritätspersonen beweisen. Die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen ist sträflich. Kritik ist wichtig. Sagen die Kritiker. Das Leben ist eine Prüfung. Man muss ständig Leistung bringen. Andauernd. Täglich. Überall. Im Job. Zuhause. Im Internet. Mit jedem Text muss ich mich immer wieder neu beweisen. Wer Texte produziert, die für nicht gut befunden werden, ist ein Versager. Ein dummes Huhn. Ein Textschwein. Ich will nicht jemand sein, der nicht gelesen wird. Wer nicht gelesen wird, existiert nicht. Wer nicht existiert, kann nicht warten. Wer nicht warten kann, den bestraft das Leben. Oder Godot. Oder der Webmaster. Oder Pozzo … manchmal denke ich, es wäre besser, nicht auf Godot zu warten.
Wie im Leben. Also auch im Internet. Amen.

Pozzo: Knallt höhnisch lachend mit der Peitsche. Lucky zuckt zusammen und krümmt in hilfloser Attitüde verängstigt seine Schultern, während Pozzo beginnt, auf den armen Lucky einzudreschen, bis der sich winselnd am Boden krümmt.


Estragona: Und, was machen wir jetzt?
Wladimir: Noch einen Text posten?
Estragona: Nö.
Wladimir: Ins Forum?
Estragona: Seufz. Manchmal denk ich darüber nach, zu gehen.
Wladimir: Wir können nicht.
Estragona: Warum nicht?
Wladimir: Wir müssen warten. Auf Godot …

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wohe
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Beitrag29.06.2022 20:00

von wohe
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Hi Miss Purple,

Eine Satire auf den Schreibbetrieb, aber etwas lang geraten.
Was die Aussage betrifft: ich fürchte, so ist das wohl.
Allerdings überfordert mich der Text (wegen der Länge?) aktuell ein bisschen. Ich schaue mir das demnächst nochmal an.

Ein wirklich guter Satz muss hervorgehoben werden (geht er ev. auch als eine Art Resümee durch?):
"Kunst ist nicht, was der Künstler sagt, sondern das Publikum".

MfG Wohe
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Miss Purple
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Beitrag29.06.2022 21:04

von Miss Purple
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Hallo @wohe, allein der Versuch, dich einem Text zu anzunähern, der den Ast in Frage stellt, auf dem man sitzt, der ebenso absurd erscheint wie das Warten auf Godot, ist bemerkenswert. Ich weiß nicht, ob ich die gleiche Bereitschaft und Geduld bei Texten andrer User habe. Danke. Für den Mut eines Kommentars, der sagt: Muss ich erstmal sacken lassen.
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Ralphie
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Beitrag30.06.2022 11:20

von Ralphie
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Ich denke, der Titel ist rechtlich geschützt.
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Miss Purple
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Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


Beitrag30.06.2022 12:53

von Miss Purple
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@Ralphie: Der Titel "Warten auf Godot" ist längst zu einem geflügelten Wort für die Banalität des modernen Lebens geworden und wird in meiner Überschrift so verwendet. Zudem ist mein Text als eine Hommage an das Theaterstück "Warten auf Godot" zu sehen und stellt inhaltlich Bezüge zum Theaterstück dar.
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Kojote
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Beitrag30.06.2022 12:58

von Kojote
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Was haltet ihr davon:

Von da an hieß es nur noch warten.
Warten auf das Leben.
Warten auf den Tod.
Warten auf die Vergebung, die nie erteilt werden sollte.


 Laughing


_________________
Trust ██ ██. ██ your ███ government!

Achtung Ungarn! Ein humorvolles Benutzerhandbuch (Verlag Angelika Gontadse, ET 11/2022)
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wohe
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Alter: 70
Beiträge: 436
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Beitrag30.06.2022 14:06

von wohe
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Hi Miss Purple,

ich habe Deinen Text noch einmal gelesen.
Ein schöner Text mit feinen Formulierungen, der uns (wir armen, armen Forum-Schreiberlinge) gut aufs Korn nimmt.
Die Annäherung an Godot zeigt halt auch die (Vergeblichkeit trifft es nicht so richtig, nennen wir es besser mal) Problematik unseres Tuns auf.
Das Einzige, das ich weniger toll finde, ist die Länge, womit ich nicht die absolute Textlänge meine, sondern das zu häufige Aneinanderreihen von Wortspielen. Etwas knapper wäre besser gewesen, so ist der zweite (Lucky-)Teil m.E. eingentlich verzichtbar, ohne das dies ein inhaltlicher Verlust wäre. Auch ist z.B. so etwas wie die Wiederholung von "nicht näher definierten Ort im Internet" ein durchaus übliches Stilmittel, um einen Punkt nicht nur zu betonen, sondern ihn durch Übertreibung auch ein bisschen ins Lächerliche zu ziehen. Nur sind es vllt. zwei oder drei Wiederholungen zu viel.
 
Achtung: das ist mein Empfinden. Andere denken da wahrscheinlich anders drüber und es schmälert auch nicht die positive Gesamtwirkung des Textes. Ich habe mich nämlich amüsiert und kann nur hoffen, dass dies auch Deine Ansicht war.
Resümee: ern gelesen.


@Ralphie,

guter Hinweis.
Kann man da nicht so eine Abmahnungssache draus machen? Wieviel könnten wir denn von M.P kassieren (reicht das fürn neues Auto?)?


@Kojote,

wir hier im Forum sind doch gutmütig. Falls Du es also mal wagen solltest, mich zu kritisieren (Achtung: meine Rechte ist gefürchtet!), vegebe ich dir im Voraus.

MfG Wohe
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 180
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


Beitrag30.06.2022 14:08

von Miss Purple
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@Kojote, worauf bezieht sich Dein "von da an"?



Hallo @wohe, Danke dafür, dass Du den Text noch einmal gelesen hast - worauf er sich bezieht, diese Interpretation belasse ich bei den Leser*innen Wink
Wohe schrieb:
Zitat:
Das Einzige, das ich weniger toll finde, ist die Länge, womit ich nicht die absolute Textlänge meine, sondern das zu häufige Aneinanderreihen von Wortspielen.

Ja, die Länge des Textes macht mir ebenso Kopfzerbrechen wie das Genre. Im Augenblick sehe ich den "Lucky"-Teil als den für mich Wichtigeren an und möchte ihn nur ungern abkoppeln, da er zwei Figuren des Theaterstück "Warten auf Godot" direkt sprechen bzw. handeln lässt - auf unsere aktuelle Zeit und das Internet bezogen, das es zu Beketts Zeit ja noch nicht gab.  Während der erste Teil satirisch-überzeichnet ist, habe ich mir den Lucky-Monolog gesprochen vorgestellt, immer hastiger und verzweifelter ...
Im Gegensatz dazu die zwei Figuren am Schluss, gelangweilt, frustriert, resigniert ...


An alle: Was haltet Ihr von der Überschrift: "Warten auf Godot 2.0" ?
Damit wäre klarer, dass der Text sich auf einen Klassiker bezieht, jedoch eine persönliche Form und Umsetzung, eine Auseinandersetzung mit dem Thema des Theaterstücks darstellt.
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fabian
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Beiträge: 319



Beitrag03.07.2022 09:46

von fabian
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Miss Purple hat Folgendes geschrieben:

An alle: Was haltet Ihr von der Überschrift: "Warten auf Godot 2.0" ?
Damit wäre klarer, dass der Text sich auf einen Klassiker bezieht, jedoch eine persönliche Form und Umsetzung, eine Auseinandersetzung mit dem Thema des Theaterstücks darstellt.


Davon halte ich gar nichts. Wenn am Titel rummurkseln, dann richtig und nicht so anbiedernd.
Vielleicht in diese Richtung: "Hat Beckett auf Godot gewartet?".
Aber nein, lass den Titel wie er ist, die Leser wollen selber denken.
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Miss Purple
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Beiträge: 180
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


Beitrag03.07.2022 11:30

von Miss Purple
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Zitat:

Davon halte ich gar nichts. Wenn am Titel rummurkseln, dann richtig und nicht so anbiedernd.


Menno @fabian, jetzt wollte ich mal so richtig nett sein - und dann ist das auch wieder nicht recht *schnüff*
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BlueNote
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Beiträge: 7436
Wohnort: NBY



Beitrag03.07.2022 20:53

von BlueNote
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Witzig, gut gemacht! Hier scheint eine seinen Beckett und die Absurdität dieses "Lebensgefühls" (der 50-er Jahre) gut zu kennen.
Der Text verselbstständigt sich manchmal etwas in seiner "Anklage", vor allem, wenn es um die angebliche Sinnlosigkeit von Textkritik geht, wie sie auch in diesem Forum stattfindet. Aber wer oder was ist Godot (die ewige Frage)? Der Erfolg, der Buchvertrag, der Geldregen (=Bestseller).
Den Kursivtext habe ich noch nicht gelesen, da ist mein Handy auf 5 % gegangen und die Helligkeit ist dramatisch runtergegangen, so dass ich ihn  während des Sonnenuntergangs nicht mehr entziffern konnte.

Hmmm ... ich lese gerade den Schluss ... Estragona.
OK! Miss Purple sieht keinen Sinn (im Schreiben), außer vermutlich beim Gendern. Na immerhin etwas!
Allerdings stehe ich wenig auf Literaturverfälschung (der Negerkönig bei Pipi Langstrumpf etwa). Zeitgeist zerstört Literatur. Absurdes Theater! Aber vielleicht bleibt die Literatur und der Zeitgeist geht wieder vorbei. Oder es kommt ein anderer, ein besserer. Denn die Literatur sollten wir besser lassen wie sie ist.
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Miss Purple
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Beitrag04.07.2022 08:46

von Miss Purple
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Zitat:
OK! Miss Purple sieht keinen Sinn (im Schreiben),


Hallo @BlueNote, da kann ich Dir versichern: Miss Purple sieht jede Menge Sinn im Schreiben Laughing
Und nur, weil uns etwas absurd erscheint, ist ja noch nicht Hopfen&Malz ... ähm, vielleicht fehlt es nur an besseren Alternativen, als sich den Literaturbetrieb von Zeit zu Zeit schönzusaufen.
Ob Zeitgeist Literatur verfälscht, da möchte ich einwenden: Kommt darauf an, wie man`s macht. Wenn Du es mal so siehst: Egal, was wir schreiben, es läuft auf die Klassiker heraus. ALLES schon mal so oder ähnlich geschrieben, bearbeitet. Kein Grund, um es ganz zu lassen. Denn keiner sieht die Welt (und ihre ewigen Themen) eben so wie Du.
 Fazit: Miss Purple ver-zweifelt immer wieder mal sehr enthusiastisch an diesem oder jenem. Und dann greift sie zu Stift&Papier ... und postet es im Schreibforum ihres Vertrauens Wink
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Kurzerede
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Beitrag05.07.2022 21:45

von Kurzerede
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Für mich war die Lektüre deines Textes eine kleine Achterbahnfahrt. Anfangs war mir nicht klar, wohin es gehen soll. Dann habe ich es (für mich) erkannt und war interessiert. Eine Weile später wiederum bekam der Text eine etwas zähe Länge. So ein wenig wie "Puh, ist es noch weit?" Aber spätestens bei 'Lucky' hattest du mich wieder.
Kein neues Thema zwar, (aber was ist auch schon neu?) die Verbindung zu Godot ist, wie ich finde, jedoch eine schöne Idee.
Ich mag den Stil und die Wortwahl. Das war, glaube ich, sogar ein nicht unerhebliches Kriterium, dass mich über die "zähe Länge" getragen hat.
Gerne gelesen und mich an der einen oder anderen Stelle selbst wiedergefunden. Außerdem mag ich Texte, die dem Leser einen gewissen individuellen Interpretationsspielraum gewähren.


_________________
Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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Miss Purple
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Beitrag06.07.2022 08:20

von Miss Purple
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Hallo @Kurzrede, über die "zähe Länge" werde ich nachdenken, das ist etwas, was mich selber beim Lesen kribbelig macht, wenn man das Gefühl hat, ein Erzähler*in kommt nicht zu Potte - so etwas will ich natürlich selber keinem Leser*in antun. Das Blöde ist nur: Bei den eigenen Texten solche Überlängen zu erkennen, ist schwieriger, als bei Texten anderer.
Falls also jemand hier darin eine besondere Begabung hat, Unwesentliches zu erkennen und zu streichen: Her damit! Very Happy
Danke für Deinen Leseeindruck - und fürs "Dranbleiben"!
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Miss Purple
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Beitrag11.07.2022 10:39

von Miss Purple
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Bearbeitung - noch keine neue Version. Ich habe die Dopplungen rausgenommen, hier und da etwas gestrichen, umformuliert. Aber die "zähe Länge" ist geblieben, da ich unschlüssig bin, wo und was da rausgekürzt werden sollte. Falls jemand diesbezüglich Anregungen zur Kürzung hat, nehme ich die sehr gerne entgegen. Ich klicke daher auf "Neue Version", um das Werk der Textwerkstatt zu übergeben. Richtig?


Warten auf Godot



An einem nicht näher definierten Ort im Internet überwältigt Schreibende oft ein existenzialistisches Dilemma: Sie haben viel Zeit damit verbracht, Tagesgedanken, Lyrik und Prosatexte zu schreiben – und anschließend verbringen sie viel Zeit damit, sie im Netz zu posten und abzuwarten, ob der, den man nicht näher kennt, der sich Godot nennt, von dem nichts genaues bekannt ist, nicht einmal, wer genau er ist, ob dieser Unbekannte jemals kommen und ob er sich äußern wird.
Falls es ihn doch geben sollte, wird ein originelles Profil mit dem Nicknamen Estragona oder Wladimir erstellt, dazu ein weichgezeichnetes Photo, das die Gewissheit des eigenen Verfalls um erhebliche Jahre senkt. Jugendlichkeit ist gefragt, obwohl man sich im Internet weder sehen noch anfassen kann. Wer älter ist, bemüht sich wenigstens um einen juvenilen Ausdruck; es wird gemunkelt, Godot liebe die junge, wilde Kunst.
Festzuhalten ist: Unter der großen Anzahl Schreibenden sind solche, die vorgeben, Godot genau zu kennen, ihm sogar schon mal begegnet zu sein. So folgen ihnen Hunderte, die nun ebenfalls auf ihn warten wollen. Was von denen zu halten ist, die glaubwürdig versichern, sie seien Godot tatsächlich schon begegnet, weiß keiner. Man hat schon oft gedacht, er sei es gewesen und dann war er es doch wieder nicht. Bis jetzt ist er jedenfalls noch nicht in Erscheinung getreten: Weder bei den passiv zu Entdeckenden noch bei den aktiv Werbenden. Weder bei den Textsicheren noch bei den Schreib- oder Kommentierfaulen. Da aber schon so viele am nicht näher definierten Ort im Netz zusammentreffen, die sich langweilen, rezensiert man seine Texte gegenseitig – damit sie perfekt sind für Godot.
Um die unheimliche Stille auf Abstand zu halten, wird viel diskutiert, zuweilen über belangloses vehement gestritten und sich hernach wieder versöhnt. Manchmal wirft man sich gegenseitig vor, in Texten wenig gesagt und zu viel angedeutet zu haben oder willentlich mit bedeutungsschwangeren Metaphern eine Spur gestreut zu haben, die sich im Nichts verlieren. Minimalistisches wird hochgelobt, weil im Subtext gigantisch Gemeintes vermutet wird. Andächtige Stille herrscht über wirren, hastig abgespulten Monologen von bizarrer Hilflosigkeit und in Wortmüll zerfledderten Logorrhoen. Und manchmal, eher selten, reine Glücksmomente flüssiger Sprache.
Zuweilen wird sich auch ärgerlich das Haar gerauft, weil Satzbau und Syntax, Metrik, Rhythmus und Reim quick and dirty daherkommen. Da lässt mancher seine Grammatikpeitsche knallen und degradiert Erwachsene zu Schülern. Jeder klitzekleine Kommafehler wird wie ein Schwerverbrechen geahndet, damit Fehlbare vor Angst und Ehrfurcht erstarren und zu dem Schluss kommen, sie seien des Schreibens nicht mächtig und unwürdig, dieselbe Luft zu veratmen wie die Unfehlbaren, die Tadellöser&Wölfe der deutschen Sprache und Literatur.
Auf diese Art sind alle ausreichend damit beschäftigt, sich gegenseitig zu beweisen, dass man in der Lage ist, saubere, perfekte, kleine Textbausteine zu erstellen. Ob das große Kunst ist, darüber wird ausgiebig gestritten: Kunst ist nicht, was der Künstler sagt, sondern das Publikum.
Manchmal werden auch diverse Möglichkeiten, unglücklich zu sein oder am Leben zu verzweifeln erörtert, falls dieser Godot sich niemals blicken lässt.
Am nicht näher definierten Ort im Netz gibt es einen Webmaster, der die Regeln macht und Mitgliedschaften unterschiedlicher Stufen erdenkt. Es wird gemunkelt, dass zahlende Mitglieder zum „erlauchten Kreis“ aufrücken, wo gewisse Vergünstigungen wie uneingeschränkte Schreib- und Redefreiheit gewährt würden. So ganz genau weiß das niemand – bis er selbst zahlendes Mitglied wird. Die Community der Wartenden wird zusätzlich noch von Administratoren und Moderatoren begleitet, die eine Führungsposition unter den Wartenden einnehmen. Die nicht Netten überwachen, kontrollieren und maßregeln, was, worüber und wie geschrieben und diskutiert werden darf. Zuweilen findet man sich in hierarchischen, patriarchalen, autoritären Strukturen wieder, die das Fürchten lehren können.
Man kann sich den nicht näher definierten Ort auch wie riesiges Amphitheater mit johlendem Publikum vorstellen: Ganz oben, in der Loge der Webmaster, der den Daumen hoch oder runter hält, ganz unten, in der Arena die Matador*innen, die dem „Volk“ ihre Texte vortragen, akustisch begleitet von einer entfesselten, anonymisierten Menge, die dies mit lautstarken Unmutsbekundungen oder Applaus, den sogenannten „Likes“ oder „Kommentaren“ goutiert. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, tritt zuweilen ein Anwalt Diabolus in den Ring, um einen kreativen, frechen Text nach Strich und Faden auf Mittelmaß zu verschlimmbessern und auf einen grammatisch perfekten, aber todlangweiligen Textes runterzuknüppeln. Diese Anwälte Diaboli sehen sich als selbst ernannte „Literaturkritiker“ oder „Meister ihres Fachs“, da sie bereits im Selbstdruck ein oder zwei, in handgeschröpftes Linnen eingebundene Lyrik-Büchlein unters Volk gebracht haben. Sie lieben es, Aufmerksamkeit zu genieren, indem sie der Community die ganz große Show abliefern: Der öffentliche Verriss des Tages, die Demütigung des Monats, die Abwertung des Jahres, der heißeste Literaturstuhl:“Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Wer soll deine Zielgruppe sein: Senioren? Schreib lieber für die Apothekenrundschau! Hier wird nichts erzählt. Dieser Humor ist niveaulos. Kolpotagenschicksal. Alles irgendwie … unglaubhaft. Viel zu viel a,b,c ... und zu wenig ...x,y,z. Alles Mist, schreib neu/anders/wie ich es mag! ...“
Für Unterhaltung beim Warten auf Godot ist gesorgt: Kleine oder größere Stürme im Wasserglas, Rituale, Demutsgesten der Neuankömmlinge, Rauswürfe ... manchmal entsteht auch so etwas wie echte Kommunikation. Blöd nur, dass man deswegen nicht gekommen ist.
In trotziger Restwürde beharrt man auf der ewig enttäuschten Illusion des Wartens auf Godot.
Ob er kommen wird, dafür gibt es - trotz Mitgliedsbeitrag - keine Garantie.

Manchmal gesellt sich ein Diener, der sich Lucky nennt, zu den Wartenden. Dieser bringt keine Klärung, sondern sorgt für zusätzliche Verwirrung: Wie kann einer „lucky“ sein, wenn er auf Godot wartet? Und es gibt da noch diesen reichen Tyrann Pozzo, der den armen Lucky mit knallender Peitsche auffordert, „laut zu denken“:
„Ich bin Lucky und habe mehr Angst davor, Talent zu haben, als es nicht zu haben. Meine größte Angst ist es nicht, unzulänglich zu sein, sondern mächtig talentiert. Ich brauche die Erlaubnis anderer, mein Licht zu zeigen. Falls sie es mir erlauben, gerate ich in Panik. Was, wenn da eine kreative Karriere auf mich wartet, auf die ich nicht gefasst bin? Wer bin ich schon, dass ich brillant sein soll? Da mache mich doch lieber selber klein und nenne das „Bescheidenheit“ oder lasse mich kleinmachen, damit andere um mich herum sich nicht unsicher fühlen. Wie im Leben. Also auch im Internet. Amen.
Ich gebe lieber anderen die Erlaubnis, mich zu bewerten, als mir die Freiheit, zu leben und mich auszudrücken, wie es mir gefällt. Statt Kunst zu machen, lerne ich die Kunst, mich zu verbiegen, faule Kompromisse zu machen und mein wahres Ich zu verstecken. Hauptsache, ich bekomme Likes und positive Kommentare. Ich bin abhängig vom Feedback und der Bestätigung durch andere. Ich bin zutiefst verunsichert, ob das, was ich bin und kann „gut genug“ ist - gut genug für andere. Lieber höre ich auf das Geschwätz und Geschnatter fremder Leute, als auf meine innere Stimme. Ich stelle nie in Frage, ob andere wirklich mehr über das wissen, was ich da tue. Ich kann unmöglich Ja zu mir selbst und zu meinem Können sagen, weil ich nicht gelernt habe, Nein zu gnadenlosen Kommentator*innen zu sagen. Lieber nehme die zerstörerische Wirkung toxischer Kommentare und öffentliche Demütigungen in Kauf, schlucke Abwertungen und Unterstellungen, als mich dagegen abzuschotten oder zur Wehr zu setzen. Weil ich es gewohnt bin, mich zu ducken. Wie im Leben. Also auch im Netz. Amen.
Kritik ist wichtig. Sagen die Kritiker. Ich bin Lucky, ich schreibe um des Schreibens willen, weil ich es einfach tun muss. Aber etwas um seiner selbst willen zu tun, gehört sich nicht. Ich sollte lieber „was draus machen“ und „erfolgreich“ damit sein. Das heißt, ich soll nicht sein, was ich bereits bin, sondern so werden, wie andere mich haben wollen. Rigide Kritik beschäftigt sich damit, dass ich „besser“ werde, statt damit, was ich bereits kann. Sie setzt mich stets einer Konkurrenz aus, der ich niemals standhalten kann: Es wird immer einen geben, der besser schreibt als ich. Große Künstler sind oft großartige Amateure, aber Kritiker tun so, als könne man Großartigkeit lernen, wenn man sich nur genug anstrengt. Ich soll nicht expressiv sein, was sich in meinem Innen befindet, ist sicher hässlich, entsetzlich mangelhaft und schämenswert. Das ist es, was harsche Kritik mir bestätigt: Du bist unwürdig, deine Träume zu verwirklichen. Versuch es also gar nicht erst. Gnadenlose Kommentatoren konzentrieren sich auf meine Schwächen, statt auf meinen inneren Reichtum. Kreativität ist in ihrem Grund rebellisch, doch Kritik und Häme führen zu Fügsamkeit und hindern mich daran, hervorzutreten und Tacheles zu reden, mich zu zeigen. Und das ist gut so: Wer bin ich schon, dass ich verlangen kann, wertgeschätzt und anständig behandelt zu werden? Womöglich habe ich doch nicht genug  Talent. Im Leben, also auch im Netz. Amen.
Es sind die Peitschen meiner inneren und äußeren Kritiker, die mich antreiben. Ich verdaue Abwertungen, das verächtlich machen meiner Texte, Infragestellen meines Könnens durch andere wie eine Geiß rostige Nägel. Ich nehme negative Meinungen meines Könnens als unumstößliche Tatsache hin. Ich öffne sämtliche Türen im Internet, damit jeder hereinspazieren und in arroganter Großherrenmanier vor mir verlangen kann, ich solle mich vor ihm erst einmal beweisen. Von Kindheit an musste ich mich vor Autoritätspersonen beweisen. Die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen, ist sträflich. Kritik ist wichtig. Sagen die Kritiker. Das Leben ist eine Prüfung. Man muss ständig Leistung bringen. Andauernd. Täglich. Überall. Im Job. Zuhause. Im Internet. Mit jedem Text muss ich mich immer wieder neu beweisen. Wer Texte produziert, die für nicht gut befunden werden, ist ein Versager. Ein dummes Huhn. Ein Textschwein. Ich will nicht jemand sein, der nicht gelesen wird. Wer nicht gelesen wird, existiert nicht. Wer nicht existiert, kann nicht warten. Wer nicht warten kann, den bestraft das Leben. Oder Godot. Oder der Webmaster. Oder Pozzo … manchmal denke ich, es wäre besser, nicht auf Godot zu warten. Wie im Leben. Also auch im Internet. Amen.
Pozzo: Knallt höhnisch lachend mit der Peitsche. Lucky zuckt zusammen und krümmt in hilfloser Attitüde verängstigt seine Schultern, als Pozzo beginnt, auf den armen Lucky einzudreschen, bis der sich winselnd am Boden krümmt.


Epilog:

Estragona: Und, was machen wir jetzt?
Wladimir: Noch einen Text posten?
Estragona: Nö.
Wladimir: Ins Forum?
Estragona: Seufz. Manchmal denk ich darüber nach, zu gehen.
Wladimir: Wir können nicht.
Estragona: Warum nicht?
Wladimir: Wir müssen warten. Auf Godot …
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Kurzerede
Geschlecht:männlichWortedrechsler

Alter: 55
Beiträge: 63
Wohnort: Irgendwo am schönen Teutoburger Wald


Beitrag11.07.2022 21:20

von Kurzerede
Antworten mit Zitat

Nach nun weiteren zwei Lesedurchgängen kann ich schonmal eines sagen: Deine Bearbeitung war auf jeden Fall eine Verbesserung.
Dieser Eindruck der "Länge" erfasst mich da, wo der Teil mit dem Webmaster beginnt. Zugegebenermaßen bin ich auch nicht gerade eine Spezialist für "Kurz und Knackig". Ich schweife so manches Mal auch gerne zu sehr in die Ferne. Für den genannten Teil könnte ich mir aber vielleicht vorstellen, ihn zu beginnen mit:
Am nicht näher definierten Ort im Netz findet man sich zuweilen in hierarchischen, patriarchalen, autoritären Strukturen wieder, die das Fürchten lehren können.
Dann: Den Webmaster mit seinen, zur Linken und Rechten sitzenden, Administratoren und Moderatoren erwähnen und die jeweiligen "Funktionen" kurz umreißen. Den Teil mit den zahlenden Mitgliedern würde ich vielleicht ganz streichen. Für mich hat dieses Detail zu wenig Bedeutung, um den Kern des Textes zu unterstreichen.
Schließlich fiele mir nur noch ein, den Auftritt des Anwalt Diabolus auf einige wenige, aber richtig fiese Eigenschaften zu verkürzen. Vielleicht kann er dadurch sogar noch ein wenig an Schrecken gewinnen.
Das sind natürlich nur meine persönlichen Eindrücke und Ideen.


_________________
Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 180
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


Beitrag12.07.2022 09:05

von Miss Purple
pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo @kurzrede, das war auch mein Eindruck, dass es ab dem Teil, der mit Dem Webmaster beginnt, zäh wird. Deine Idee, diesen Satz voranzustellen, finde ich schlüssig:
Zitat:
Am nicht näher definierten Ort im Netz findet man sich zuweilen in hierarchischen, patriarchalen, autoritären Strukturen wieder, die das Fürchten lehren können.

Und ja, die zahlenden Mitglieder können weg - ähm ... aus dem Text, nicht aus den Schreibforen Smile
Danke, dass Du den Text nach der Bearbeitung noch einmal gelesen und kommentiert hast.
So richtig zufrieden bin ich wegen der Länge noch immer nicht.
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