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Oma Luise


 

 
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 109
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 24.06.2022 10:28    Titel: Oma Luise eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Meine ersten Spaziergänge fanden an Omi Lieschens Hand statt, dabei lernte ich von ihr meine ersten Worte. Gut, dass in Südniedersachsen so astreines Hochdeutsch gesprochen wurde: Schlachanfall, Rolladen, Bollerwagen, Naseweis, Schlachteessen, Schwartemagen, Balkong, Schäselong, Kartong, Ragu Fäng mit Pilze in Worschestersoße …
Mit meiner Oma gemeinsam in die Stadt zu gehen und auf dem Markt einzukaufen oder Verwandte zu besuchen, stellte mir stets zahlreiche kulinarische Vergnügen in Aussicht. Für uns Kinder gab es auf dem Wochenmarkt, beim Fleischer, im Milch-und Käseladen, im Reformhaus oder beim Kolonialwarenhändler immer Gratis-Kostproben. Falls nicht, wurden geizige Verkäufer von meiner Oma dazu genötigt:
„Was sollen denn die Kohlraben kosten?“
„Zwanzig Pfennige das Stück, Frau Wille.“
„Was, zwanzig? Groß sind die ja –  aber bestimmt holzich, nä?“
„Wo denkense hin, Frau Wille: Alles frisch vom Acker und garantiert zart!“
„Dann lassense doch die Kleine mal `n Stück probieren, das Kind freut sich.“
„Ja, wen haben wir denn da? Ihre kleine Nachzüglerin?“
„Um Gottes Willen! Das ist meine Tochter Inge ihre Jüngste.“
„Und schon so groß!? Wie die Zeit vergeht ...“
„Da sagense was!“

Vom Wochenmarkt ging' s weiter, quer durch die Stadt, eine von Omis sieben Schwestern besuchen. Aber vorher musste meine Oma unbedingt noch ins Bratwurst-Glöckl: „Du hast sicher Hunger, Kind. Komm, ich kauf dir`ne Bratwurst!“ Eigentlich hätte ich lieber ein Eis gehabt. Aber ich war gerne ihr Alibi.
„Nachher gehen wir nach Tante Alwine. Aber nich' übern Bäckerwall, wo die Enten sind, das ist „um“ – wir machen 'ne Abkürzung übern Schulhof. Ja, ich weiß: Eigentlich ist das verboten. Aber die Kinder sind ja jetzt drinnen … „

Wenn wir Pech hatten, war die erste Schwester, die wir ansteuerten, nicht Zuhause: “Da ganz oben ist Tante Alwine ihr Küchenfenster! Ruf mal ganz laut: Alwiiineee! Komisch. Kuckt keiner. Dann is die wohl mal kurz wech … Macht nix, dann gehen wir jetzt anne Häger Mauer lang, nach Tante Anna: Heute ist Markt, da backt Anna immer ..."
Tante Anna war die, die noch im Elternhaus wohnte, einem alten Fachwerkhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert, mit Plumpsklo auf dem Hof. Vor dem fürchtete ich mich wie vor nichts anderem. Lieber ließ ich es über mich ergehen, von meiner Oma über Brennnesseln am Gebüsch abgehalten zu werden, als meinen nackten Kinderpopo über das stinkende Loch des Grauens auf Tante Annas Plumpsklo zu halten.
Tante Anna war ganz in Ordnung. Sie kochte und backte gerne - wie meine Oma. Aber nur fast so gut. Auch die anderen Schwestern: Alwine, Emma, Minna, Lina, Johanne, Auguste waren lebenspraktische und kinderliebe, lebensfrohe Frauen. Wenn sie nicht gerade untereinander zerstritten waren. Und das kam häufig vor. Aber Blut war immer dicker als Wasser, irgendwann vertrugen sich die Streithennen wieder – spätestens bei der nächsten Beerdigung …  

Wenn es nach meiner Oma Luise gegangen wäre, hätte unsere kleine, heile Welt nur aus Familie bestanden: „Was musste immer durchs Haus streunen, Kind? Nachbarn sagt man guten Tach und guten Wech - und klingelt die nich außer Küche, vonne Arbeit wech.“
„Och Omi, ich will aber Frau Engelhard besuchen!“
„Warum das denn?“
„Weil`s da anders aussieht - und anders riecht als bei uns. Bei Frau Hahnelt duftet es in der Küche immer nach Muckefuck und Kasslerbraten, bei Wassmanns riecht es nach Himbeermarmelade und Bohnerwachs und Frau Engelhard hat immer diese leckeren Äpfel ausm Garten …  
„Paperlapapp! Du hast so' n schönes Kinderzimmer - und ganz für dich alleine. Wir hatten so was früher nich. Ich musste früher als Kind mit Tante Alwine zusammen schlafen: In ein Bett! Und Morgens, vor der Schule, musste ich Schuhe putzen gehen und Eier und Milch in die Stukenbrok-Villa bringen … Geh` anne frische Luft, aufn Spielplatz!“
„Ich hab aber Angst über die Straße.“
„Quatsch: Omi kuckt aus`m Fenster, ob kein Auto kommt.“

Für meine Oma gab es Parallel-Welten, die nebeneinander existierten: Die der Erwachsenen. Die der Kinder. Die der eigenen Familie, des Clans – zu der auch sämtliche Schwippschwager und angeheiratete Kusinen gehörten. Die der Nachbarn und „Bekannten“, die man aus Vereinen oder von gemeinsamen Unternehmungen her kannte. Die der „Autoritätspersonen“: Ärzte, Pfarrer, Polizisten und Beamte ... Und in jeder dieser Welten galten Regeln, denen man sich anzupassen und entsprechend zu benehmen hatten.
Meine Mutter pflegte neben familiären Verpflichtungen auch noch umfangreiche Kontakte mit zahlreichen „Freunden und Freundinnen des Hauses“, die sie regelmäßig traf und mit denen sie gerne feierte. Ein Umstand, der Oma Luise missfiel, den sie aber tolerieren musste, da sie bei ihrer Tochter wohnte. Mit "fremden Leuten" Freundschaften zu knüpfen, sich ohne triftigen Grund gegenseitig zu besuchen, war Omas Sache nicht: Reine Zeitverschwendung und unnötiges Palaver. Wenn sie schon gesellig sein musste, dann nur bei gegebenen Anlässen: Geburtstage, Feiertage, Konfirmationen, Hochzeiten oder Beerdigungen.
Dann lief Luise zu Höchstform auf, marschierte bereits in der Frühe, zwischen Tag und Tau los, um der jeweiligen, vom festlichen Anlass betroffenen Hausfrau in der Küche beizustehen. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie das Küchenkommando übernommen und wuppte souverän die Beköstigung der Gäste – wobei sie die Hausfrau aus ihrer eigenen Küche heraus komplimentierte, damit die beim Familienfest auch ein wenig mitfeiern konnte. Wenn meine Oma dann spätabends, nach vielen verschwitzten Stunden am Herd, in ihrer Kochschürze von den Gästen ins Wohnzimmer genötigt und mit Applaus und Schnäpschen bedacht wurde, war ihr das Lohn genug.

Bei uns Zuhause war Lieschen – auch wenn sie an der Nähmaschine saß, häkelte oder mit Gobelinstich den Stramin für Kissenbezüge bestickte – gedanklich überwiegend mit Nahrungsbeschaffung und der Menüplanung beschäftigt. Samstag Abends, wenn die Familienmitglieder sich vor dem Fernseher versammelten, um gemeinsam den Edgar-Wallace-Krimi zu gucken und wir alle den Atem anhielten, weil Elisabeth Flickenschild hinterrücks vom Halstuchmörder gemeuchelt wurde, konnte meine Oma, mitten hinein in den spannendsten Momente fragen:
„Soll ich morgen mal Schnippelbohnen machen? Oder lieber Kohlrouladen?“
„Omi!“, riefen wir im Chor, „das ist doch egal jetzt!“
Dann zuckte Luise mit den Schultern und stickte schweigend weiter. Um eine halbe Stunde später, gerade, als der Halstuchmörder Margot Trooger meucheln wollte und nicht klar war, ob Joachim Fuchsberger den Mörder - vielleicht war es Klaus Kinsky - dingfest machen würde, in die spannungsgeladene Stille hinein, laut weiterzudenken:
„… ich könnte auch mal wieder Heringsstipp mit Bratkartoffel machen, da hätte ich mal `n Jipper drauf …!“
„Omi!“, stöhnten wir laut auf ,„sei bitte still, sonst kriegen wir nicht mit, wer der Mörder ist!“
Meist packte sie dann beleidigt ihre Handarbeit zusammen und guckte mit verschränkten Armen und völligem Desinteresse mit – und war innerhalb der nächsten zehn Minuten eingeschlafen. Omi sah beim Einnicken immer so unvorteilhaft verstorben aus: Mit weit geöffnetem Mund, den Kopf nach hinten überstreckt, hing sie dann wie erschossen in ihrem Sessel.
Meine Schwester und ich stießen uns gegenseitig an, kicherten und machten uns darüber lustig, wie unsere Omi, vom Schlaf übermannt, vor sich hin schnarchte und dabei die seltsamsten Geräusche machte.
Bei immer lauter werdendem Geräuschpegel zupfte meine Mutter entnervt an der Strickjacke meiner Oma: „Geh doch ins Bett, Mutter, wenn du müde bist!“
Luise schreckte auf und starrte erschrocken in unsere feixenden Gesichter, dann knurrte sie verschlafen: „Man wird ja wohl noch seine Augen entspannen dürfen … ICH habe nicht geschnarcht – das wäre ja noch schöner!“
Mit eisigem Schweigen räumte sie ihre Sachen zusammen und verschwand im Bad. Doch bevor sie in ihr Zimmer ging, platzte sie, bereits im Nachthemd, noch einmal ins Wohnzimmer:„… und den Vanillepudding hat auch keiner in den Kühlschrank gestellt ! Bei dem Wetter wird der doch schlecht bis morgen! Muss ich mich hier eigentlich um alles kümmern? Wo  ich den ganzen Tag im Garten geschuftet habe und mir niemand geholfen hat, bei den Erdbeeren?“
Und beim Rausgehen hat sie ordentlich mit der Tür geknallt.

Unser gemütlicher Fernsehabend war dahin. Meine Mutter, meine Schwester und ich saßen wie vom Donner gerührt da und wir Kinder wussten bereits, was nun kam: Wir hatten mal wieder Schuld. Meine Mutter gab ihr schlechtes Gewissen gleich an uns weiter. Und so waren wir am Ende alle irgendwie miteinander verkracht. Oma Luise war eine Drama-Queen vor dem Herrn, wenn sie beleidigt war. Sie beherrschte in Perfektion das Spiel auf der Klaviatur unserer Schuldgefühle. Apropos: Perfekt. Das war ihr Maßstab, den sie an sich, an ihre Umwelt und alles andere legte. Entweder man bekam etwas perfekt hin oder eben nicht. Dazwischen gab es keinerlei Abstufungen. Wenn sie nichts sagte, hatte man alles richtig gemacht – wenn nicht, mäkelte sie an allem herum und spürte stets das Haar in der Suppe auf, den Fehler im Muster des selbstgestrickten Pullovers, das fehlende Gewürz im Essen.
An guten Tagen war sie die lebenspraktische, patente Frau, die alle liebten: Kein Schwimmbadbesuch mit der Familie ohne ihre stets prall gefüllten Proviant-Taschen, keine Wanderung ohne dass Omi nicht Kartoffelsalat und Würstchen, Himbeerbrause und Klopapier mitgeschleppt hat. Kein Schulausflug ohne ihre Stullenpakete mit luftgetrockneter Mettwurst und Harzer Roller … und kein Weihnachtsfest ohne Bratenduft aus dem Backofen.
Kein Fest der Liebe ohne dass meine Oma genüsslich Wochen - bis monatelang zuvor im Geiste Beschaffung und Zubereitung der Lebensmittel für das Weihnachtsmenü geplant hatte. Heiligabend gab es immer „Puter mit Klöße und Rotkohl“. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Die sie nur selten von innen gesehen hatte. Denn sonntags, zur Gottesdienstzeit – und bei allen christlichen Fest - und Feiertagen stand Omi Lieschen in der Küche, um den Sonntagsbraten oder Konfirmations-Hochzeits-Geburtstags-Oster-Pfingst-Beerdigungs-Weihnachtsessen zuzubereiten.
Dafür verdient sie den besten Platz im Himmel und in meinem Herzen.
Wenn in meinem Leben mal Einiges aus dem Ruder läuft und ich mich unglücklich, ungeliebt, hilflos, erfolglos - oder ganz großartig, in Feierlaune, überschwänglich glücklich fühle, dann koche ich etwas Gutes. So, wie ich es von ihr gelernt habe.
Aber nie schmeckt es auch nur annähernd so gut, wie es mir bei Omi Lieschen geschmeckt hat.

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wohe
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 69
Beiträge: 400
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 24.06.2022 18:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Miss Purple,

vllt. liegt es daran, dass ich aus Südost-Niedersachsen komme: das weckt Erinnerungen - an Situationen / Stimmungen in der Jugendzeit (muss ähnlich weit zurück liegen wie bei Dir wg. des TV-Programms).
Besonders die Familienfeste mit Oma und Tante in der Küche sehe ich 1 zu 1 vor mir. Wichtig: Oma und Tante immer (auch außerhalb der Küche) mit bunter Schürze.
Ein amüsanter Text, der Dein Empfinden nachvollziehbar macht. Stilistisch sauber und Fehler habe ich auch nicht gefunden.
Gern gelesen.

MfG Wohe
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 109
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 24.06.2022 18:25    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo @wohe, seit ich in meine Geburtsstadt in Südniedersachsen zurückgekehrt bin, übermannt mich überall die Erinnerung ... die an Oma Lieschen und ihre zwölf Geschwister sind meist amüsant. Sie trug übrigens nie eine Baumwoll-Schürze wie meine Mutter bei der Hausarbeit, sondern die pflegeleichten, gerade neu in Mode gekommenen, bunten Kittel. Gut dass sie nicht geraucht hat, denn diese Kittel waren aus Nylon, knisterten beim Ausziehen und waren leicht entflammbar.
Schön, dass diese Hommage an meine Oma auch bei Dir Erinnerungen zwischen Solling und Harz geweckt haben Wink
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Kurzerede
Geschlecht:männlichWortedrechsler

Alter: 54
Beiträge: 59
Wohnort: Irgendwo am schönen Teutoburger Wald


BeitragVerfasst am: 24.06.2022 21:41    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Miss Purple,
was für eine schöne Geschichte! Toll und lebendig erzählt. Auch bei mir werden da Erinnerungen an Kindheitstage wach. Mein Vater stammte aus "Sehr-Süd-Niedersachsen" und meine Mutter aus "Sehr-Nord-Nordrheinwestfalen" - kein Witz.
Hier:
"Omi sah beim Einnicken immer so unvorteilhaft verstorben aus: Mit weit geöffnetem Mund, den Kopf nach hinten überstreckt, hing sie dann wie erschossen in ihrem Sessel. "
habe ich sehr gelacht.
Ein einziges, winziges Fehlerchen ist mir aufgefallen:
"und bei allen christlichen Fest"
Hier muss es wohl sicher "Festen" heißen.
Den Stil mag ich sehr, die Geschichte ist schön flüssig zu lesen, hat mir viel Spaß gemacht!


_________________
Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 109
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 24.06.2022 23:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ah @Kurzrede, für mich bildet Südniedersachsen die beiden Sandwichseiten um NRW, wo ich zwanzig Jahre gelebt habe. Ich mochte die Ruhris, habe mitten im Pott gelebt, später am Niederrhein. Und jetzt also wieder Niedersachsen - und ich muss gestehen: Außer in Kindheitserinnerungen schwelge ich hier nur in der mir so vertrauten Natur - aber der Niedersachse an sich macht mich jetzt nicht so unbedingt fröhlich *hust*
Ja, ein paar Flüchtigkeitsfehlerchen habe ich auch entdeckt, aber hier darf ich die ja nicht korrigieren - warum eigentlich nicht? Wegen ein, zwei Buchstaben den kompletten Text nochmal korrigiert zu posten, macht für mich wenig Sinn oder wie haltet Ihr das?
Jedenfalls freut es mich sehr, dass Dich dieser Text unterhalten hat.
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Ralphie
Geschlecht:männlichForenonkel

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Beiträge: 6333
Wohnort: 50189 Elsdorf
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BeitragVerfasst am: 25.06.2022 07:55    Titel: Antworten mit Zitat

Handelt das im Oldenburger Münsterland?
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 109
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 25.06.2022 09:46    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Ralphie
Zitat:
Gut, dass in Südniedersachsen so astreines Hochdeutsch gesprochen wurde



Wer`s genau wissen will, muss googeln:


" ... Ostfälisch ist ein Dialektverband des Niederdeutschen, der in Niedersachsen ungefähr südöstlich einer Linie Uelzen – Celle – Hannover – Stadthagen – Bückeburg (einschließlich dieser Städte), also in der südlichen Lüneburger Heide und im Raum Hannover, Hildesheim, Braunschweig und Göttingen sowie in Sachsen-Anhalt in der Magdeburger Börde und im nordöstlichen bzw. nördlichen Harz und Harzvorland gesprochen wird (bzw. wurde). Auch kleine Gebiete nördlich von Kassel in Hessen und im thüringischen Teil des Eichsfeldes gehören zum ostfälischen Sprachgebiet, das einen Großteil des historischen Ostfalens ausmacht ..."


Wenn ich meine Oma im Text das fette, brate Platt Südniersachsens so im Originalton hätte sprechen lassen: "Bade Bane met anem Bal auf anmal wechamputiert" ... hätte sie niemand verstanden. Laughing
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 109
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 25.06.2022 10:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Bearbeitete Version:





Meine ersten Spaziergänge fanden oft an der Hand von Omi  Lieschen statt, wobei ich von ihr meine ersten Worte lernte. Gut, dass in Südniedersachsen so astreines Hochdeutsch gesprochen wurde: Schlachanfall, Kohlrolladen, Bollerwagen, Naseweis, Schlachteessen, Schwattemagen, Balkong, Schäselong, Kartong, Ragu Fäng mit Pilze in Worschestersoße …
Mit meiner Oma gemeinsam in die Stadt zu gehen, auf dem Markt einzukaufen oder Verwandte zu besuchen, stellte mir stets zahlreiche kulinarische Vergnügen in Aussicht. Für Kinder gab es auf dem Wochenmarkt meistens beim Fleischer, im Milch-und Käseladen, im Reformhaus oder beim Kolonialwarenhändler Gratis-Kostproben. Falls nicht, wurden geizige Verkäufer von meiner Oma dazu genötigt:
„Was sollen die Kohlraben kosten?“
„Zwanzig Pfennige das Stück, Frau Wille.“
„Was, zwanzig? Groß sind die ja – aber bestimmt holzich.“
„Wo denkense hin, Frau Wille: Alles frisch vom Acker und garantiert zart!“
„Dann lassense doch die Kleine mal `n Stück probieren, das Kind freut sich.“
„Ja, wen haben wir denn da? Ihre kleine Nachzüglerin?“
„Um Gottes Willen! Das ist meine Tochter Inge ihre Jüngste.“
„Und schon so groß!? Wie die Zeit vergeht ...“
„Da sagense was!“

Vom Wochenmarkt gings weiter, quer durch die Stadt, mindestens eine von Omis sieben Schwestern besuchen. Aber vorher musste meine Oma unbedingt noch ins Bratwurst-Glöckl: „Du hast sicher Hunger, Kind. Komm, ich kauf dir `ne Bratwurst!“ Eigentlich hätte ich lieber ein Eis gehabt. Aber ich war gerne ihr Alibi. Währen wir aßen, erfuhr ich, was meine Oma für den weiteren Verlauf des Vormittags geplant hatte:
„Nachher gehen wir nach Tante Alwine. Aber nich' übern Bäckerwall, wo die Enten sind, das ist „um“ – wir machen 'ne Abkürzung übern Schulhof. Ja, ich weiß: Eigentlich ist das verboten. Aber die Kinder sind ja jetzt drinnen … „

Wenn wir Pech hatten, war die erste Schwester, die wir ansteuerten, nicht Zuhause: “Da ganz oben ist Tante Alwine ihr Küchenfenster! Ruf mal ganz laut: Alwiiineee! Komisch. Kuckt keiner. Dann is die wohl mal kurz wech … Macht nix, dann gehen wir jetzt nach Tante Anna, anne Häger Mauer lang. Heute ist Markt, da backt die Anna immer ..."
Tante Anna war die, die noch im Elternhaus wohnte, einem alten Fachwerkhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert, mit Plumpsklo auf dem Hof. Vor dem fürchtete ich mich wie vor nichts anderem. Lieber ließ ich es über mich ergehen, von meiner Oma über Brennnesseln am Gebüsch abgehalten zu werden, als meinen nackten Kinderpopo über das stinkende Loch des Grauens auf Tante Annas Plumpsklo zu halten.
Tante Anna war ganz in Ordnung. Sie kochte und backte gerne - wie meine Oma. Aber nur fast so gut. Auch die anderen Schwestern: Alwine, Emma, Minna, Lina, Johanne und Auguste waren lebenspraktische, kinderliebe und lebensfrohe Frauen. Wenn sie nicht gerade untereinander zerstritten waren. Und das kam häufig vor. Aber Blut war immer dicker als Wasser, irgendwann vertrugen sich die Streithennen wieder – spätestens bei der nächsten Beerdigung …  

Wenn es nach meiner Oma Luise gegangen wäre, hätte unsere kleine, heile Welt nur aus Familie bestanden: „Was musste immer durchs Haus streunen, Kind? Nachbarn sacht man guten Tach und guten Wech - und klingelt die nich außer Küche, vonne Arbeit wech.“
„Och Omi, ich will aber Frau Engelhard besuchen!“
„Warum das denn?“
„Weil`s da anders aussieht und anders riecht als bei uns. Bei Frau Hahnelt duftet es in der Küche immer nach Muckefuck und Kasslerbraten, bei Wassmanns riecht es nach Himbeermarmelade und Bohnerwachs und bei Frau Engelhard im Wohnzimmer immer nach diesen grünen Äpfeln ausm Garten …  “
„Paperlapapp! Du hast son schönes Kinderzimmer - und ganz für dich alleine. Wir hatten so was früher nich. Ich musste als Kind mit Tante Alwine zusammen schlafen: In ein Bett! Und Morgens, vor der Schule, musste ich Schuhe putzen gehen und Eier und Milch in die Stukenbrok-Villa bringen … Geh` lieber anne frische Luft, aufn Spielplatz!“
„Ich hab aber Angst über die Straße.“
„Quatsch: Omi kuckt aus`m Fenster, ob kein Auto kommt.“

Für meine Oma gab es Parallel-Welten, die nebeneinander existierten: Die der Erwachsenen. Die der Kinder. Die der eigenen Familie, des Clans – zu der auch sämtliche Schwippschwager und angeheiratete Kusinen gehörten. Die der Nachbarn und „Bekannten“, die man aus Vereinen oder von gemeinsamen Unternehmungen her kannte. Die der „Autoritätspersonen“: Ärzte, Pfarrer, Polizisten und Beamte ... Und in jeder dieser Welten galten Regeln, denen man sich anzupassen und entsprechend zu benehmen hatte.
Meine Mutter pflegte neben familiären Verpflichtungen auch noch umfangreiche Kontakte mit zahlreichen „Freunden und Freundinnen des Hauses“, die sie regelmäßig traf und mit denen sie gerne feierte. Ein Umstand, der Oma Luise missfiel, den sie aber tolerieren musste, da sie bei ihrer Tochter wohnte. Mit "fremden Leuten" Freundschaften zu knüpfen oder sich ohne triftigen Grund gegenseitig zu besuchen, war Omas Sache nicht: Reine Zeitverschwendung. Wenn sie schon gesellig sein musste, dann nur bei gegebenen Anlässen innerhalb der Familie: Geburtstage, Feiertage, Konfirmationen, Hochzeiten oder Beerdigungen.
Dann lief Luise zu Höchstform auf, marschierte bereits in der Frühe, zwischen Tag und Tau los, um der jeweiligen, vom festlichen Anlass betroffenen Hausfrau in der Küche beizustehen. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie das Küchenkommando übernommen und wuppte souverän die Beköstigung der Gäste – wobei sie die Hausfrau aus ihrer eigenen Küche heraus komplimentierte, damit die beim Familienfest auch ein wenig mitfeiern konnte. Wenn meine Oma dann spätabends, nach vielen verschwitzten Stunden am Herd, in ihrer Kochschürze von den Gästen ins Wohnzimmer genötigt und mit Applaus und Schnäpschen bedacht wurde, war ihr das Lohn genug.

Bei uns Zuhause war Lieschen – auch wenn sie an der Nähmaschine saß, häkelte oder mit Gobelinstich den Stramin für Kissenbezüge bestickte – gedanklich überwiegend mit Nahrungsbeschaffung und der Menüplanung beschäftigt. Samstag Abends, wenn alle Familienmitglieder sich vor dem Fernseher versammelten, um gemeinsam den Edgar-Wallace-Krimi zu gucken und alle den Atem anhielten, weil Elisabeth Flickenschild hinterrücks vom Halstuchmörder gemeuchelt wurde, konnte meine Oma, mitten hinein in den spannendsten Moment fragen:
„Soll ich morgen mal Schnippelbohnen machen? Oder lieber Kohlrolladen?“
„Still, Omi“, riefen wir im Chor, „das ist doch jetzt egal!“
Dann zuckte Luise mit den Schultern und stickte schweigend weiter. Um eine halbe Stunde später, gerade, als der Halstuchmörder Margot Trooger meuchelte und nicht klar war, ob Joachim Fuchsberger den Mörder - vielleicht war es Klaus Kinsky - dingfest machen würde, in die spannungsgeladene Stille hinein, laut weiterzudenken:
„… oder ich mache mal wieder Heringsstipp mit Bratkartoffeln, da hab ich `n Jipper drauf …!“
„Omi!“, stöhnten wir laut auf ,„wir kriegen gleich nicht mit, wer der Mörder ist!“
Dann packte sie beleidigt ihre Handarbeit zusammen und starrte mit verschränkten Armen und völligem Desinteresse in den Fernseher - und war spätestens zehn Minuten später eingeschlafen. Omi sah beim Einnicken immer so unvorteilhaft verstorben aus: Mit weit geöffnetem Mund, den Kopf nach hinten überstreckt, hing sie wie erschossen in ihrem Sessel.
Meine Schwester und ich stießen uns gegenseitig an, kicherten und machten uns darüber lustig, wie unsere Oma, vom Schlaf übermannt, vor sich hin schnarchte und dabei seltsame Geräusche machte. Wenn ihr Geräuschpegel zu laut wurde, zupfte meine Mutter entnervt an der Strickjacke meiner Oma: „Geh ins Bett, Mutter, wenn du müde bist!“
Luise schreckte auf und starrte in unsere feixenden Gesichter, dann knurrte sie verschlafen: „Man wird ja wohl noch seine Augen entspannen dürfen … Ich habe NICHT geschnarcht, das wäre ja noch schöner!“
Mit eisigem Schweigen räumte sie ihre Sachen zusammen und verschwand im Bad. Doch bevor sie in ihr Zimmer ging, platzte sie, bereits im Nachthemd, noch einmal ins Wohnzimmer:„… und den Vanillepudding hat auch keiner in den Kühlschrank gestellt ! Bei dem Wetter wird der doch schlecht bis morgen! Muss ich mich hier eigentlich um alles kümmern? Wo ich den ganzen Tag im Garten geschuftet habe und mir niemand geholfen hat, bei den Erdbeeren?“
Und beim Rausgehen hat sie ordentlich mit der Tür geknallt.
Spätestens dann war unser gemütlicher Fernsehabend dahin. Meine Mutter, meine Schwester und ich saßen wie vom Donner gerührt da und wir Kinder wussten bereits, was nun kam: Wir hatten mal wieder Schuld. Meine Mutter gab ihr schlechtes Gewissen umgehend an uns weiter. Und so waren wir am Ende alle irgendwie miteinander verkracht. Oma Luise war eine Drama-Queen vor dem Herrn, wenn sie beleidigt war. Sie beherrschte in Perfektion das Spiel auf der Klaviatur unserer Schuldgefühle.
Apropos: Perfekt. Das war Luises Maßstab, den sie an sich, an ihre Umwelt und alles andere legte. Entweder man bekam etwas perfekt hin oder eben nicht. Dazwischen gab es keinerlei Abstufungen. Wenn sie nichts sagte, hatte man alles richtig gemacht – wenn nicht, konnte sie an allem herummäkeln. Sie entdeckte stets das Haar in der Suppe, den Fehler im Muster des selbstgestrickten Pullovers, das fehlende Gewürz im Essen.
Aber an guten Tagen war sie die lebenspraktische, patente Frau, die alle mochten: Kein Schwimmbadbesuch mit der Familie ohne ihre stets prall gefüllten Proviant-Taschen, keine Wanderung ohne dass Omi nicht Kartoffelsalat und Würstchen, Himbeerbrause und Klopapier mitgeschleppt hätte. Kein Schulausflug ohne ihre Stullenpakete mit luftgetrockneter Mettwurst und Harzer Roller … und kein Weihnachtsfest ohne Bratenduft aus dem Backofen.
Kein Fest der Liebe fand statt, ohne dass meine Oma genüsslich Wochen- und monatelang zuvor im Geiste Beschaffung und Zubereitung der Lebensmittel für das Weihnachtsmenü geplant hatte. Heiligabend gab es immer „Puter mit Klöße und Rotkohl“. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Die sie nur selten von innen gesehen hatte. Denn sonntags, zur Gottesdienstzeit und bei allen christlichen Fest- und Feiertagen stand Omi Lieschen in der Küche, um den Sonntagsbraten oder Konfirmations-Hochzeits-Geburtstags-Oster-Pfingst-Beerdigungs-Weihnachtsessen zuzubereiten.
Dafür verdient sie den besten Platz im Himmel und in meinem Herzen.
Wenn in meinem Leben mal etwas aus dem Ruder läuft und ich mich unglücklich, ungeliebt, hilflos, erfolglos - oder ganz großartig, in Feierlaune, überschwänglich glücklich fühle, dann koche ich etwas Gutes. So, wie ich es von ihr gelernt habe.
Aber nie schmeckt es auch nur annähernd so gut, wie es mir bei Omi Lieschen geschmeckt hat.
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Tula
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 862
Wohnort: die alte Stadt


BeitragVerfasst am: 03.07.2022 01:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Miss Purple
authentisch und unterhaltsam; beim Plumpsklo musste ich an Opa's Garten denken, während bei der zweiten Oma in der Mietskaserne zwei ganze Etagen (also vier Familien!) sich ein Klo teilen mussten Embarassed
Auf jeden Fall Erinnerungen geweckt, die hat sicher jeder.

LG
Tula


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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 109
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 03.07.2022 12:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, mein bester @Tula aller Zeiten, lass Dich umärmeln Laughing
Heute denke ich gerne an diese Plumpsklo-Zeiten, auch an meiner erste Zechenwohnung, mit dem Klo auf dem Flur und eigebauter Dusche in der Küche. Muss nur aufpassen, nicht in diesen Omiton einzufallen: "Früher war irgendwie mehr Lametta ..." Very Happy
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