16 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Aussteigen


 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Prosa -> Feedback
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 130
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 20.06.2022 15:24    Titel: Aussteigen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Männer sind wie Treibsand. Erst ziehen sie dich in ihre Welt, ihre Wichtigkeiten, ihre Bedürfnisse, ihre Karriere … und irgendwann sitzt du in einer perfekten Vorstadtvilla, einem perfekten Leben und starrst schmallippig in einen perfekt gepflegten Vorgarten und presst verbittert heraus: „ Ich hab' auch meine Bedürfnisse … !“
Nein, lieber nicht so ein Anfang. Das sähe aus, als wäre ich verzweifelt. Ach, was solls: Ich bin verzweifelt! Das ist jetzt meine letzte Chance, noch einen abzukriegen, wieder sichtbar zu sein. Und ich will`s nicht schon wieder damit vermasseln, dass Männer mich für eine Emanze halten.
„So etwas muss doch irgendwie wegzutherapieren sein!“, hab ich neulich, während meines Emanzipations- Entzugs aufgestöhnt. Doch meine Selbsthilfegruppe hat mich nur mitleidig schweigend angesehen. Wie eine, die noch eine Menge Reflektionsarbeit vor sich hat.
Was ich sagen will, ist: Am Liebsten würde ich das Rad zurückdrehen. Hätte ich bloß nicht damit angefangen, damals. Als ich jung war, galt das noch als besonders schick ... doch irgendwann kam es mir so vor, als nähme ich an einer Show über jemanden teil, der fast so war wie ich, nur eben sehr viel cooler.
Das ganze Emanzipations-Dings war einfach unfassbar anstrengend. Weil es so viel länger dauerte, als wir alle vermutet hatten. Es wäre irgendwie leichter gewesen, wenn es sich um einen überschaubaren Zeitraum gehandelt hätte, aber so …
Ich schätze, das Ding ist in hundert Jahren noch nicht durch.
Und ich will einfach nicht mein ganzes Leben damit verschwenden, gegen irgendwelche Typen anzukämpfen. Es ist leichter, ein oder zwei Patriarchen zu stürzen, als das Patriarchat. Die wachsen irgendwie nach. Oder wandern aus fremden Ländern ein, um uns mutlos zu machen. Mit Absicht.
Also, ich hab jetzt, ich sag nicht wie viele Jahre, jedenfalls unendlich viel Zeit damit verbracht, mich zu emanzipieren – dass ich beschlossen habe: Ich mach das nicht mehr mit. Ich steige einfach aus und springe vom Emanzipations-Zug. Ich will mal Ferien machen vom emanzipiert sein. Mit Mann. Und wenn er das schlichte Gemüt von zehn Meter Feldweg hat, egal. Ich möchte wieder sichtbar sein. Mit Goldsandälchen, Schminke und Federboa.
Als emanzipierte Frau ist man ja ständig unsichtbar. Oder wütend. Ich will wieder zurück ins Weibchenwunderland. Wo ich einen habe, der für mich zur Bank geht und schon mal im Vorfeld abklärt, wie`s für mich mit `nem Kredit aussieht.
Meine Kontoführerin ist immer so unentspannt. Wenn die mich sieht, begrüßt sie mich mit Rasierklingenlächeln:“Frau S. Was kann ich für Sie tun: Wieder das Konto im Minus, die Kreditkarte gesperrt …?“
Wahrscheinlich ist die auch Emanzipiert. Und muss zur Strafe selber für ihren Lebensunterhalt arbeiten. So etwas zermürbt. Ich weiß, wovon ich rede. Was hätte beruflich aus mir alles werden können – wenn ich nur ein bisschen weniger ich gewesen wäre.
Männliche Vorgesetzte mögen Frauen - einfach lieber in untergeordneten Positionen sehen. Nur ich Dämel habe auch das netteste Arbeitsklima damit versaut, dass ich prinzipiell auf Augenhöhe sein wollte. Also auf Augenhöhe von unten nach oben. Und was einvernehmlichen Sex mit Vorgesetzten anging, habe ich mich immer so blöde geziert, mich für eine ordentliche Gehaltserhöhung unter seinem Schreibtisch kniend zu bedanken.
Heute bin ich an jenem Punkt meines Lebens angelangt, wo ich überlege, an welcher Abfahrt meiner Lebensautobahn ich falsch abgebogen sein muss. In meinem Alter macht man sich auch so seine Gedanken über ein Leben nach dem Tod. Stell dir vor, du kommst in den Himmel und Gott ist ein Mann. Der dich die ganze Zeit dabei beobachtet hat, wie du Männern die Hölle heiß gemacht hast. Da wirst du doch sofort ausgewiesen. Und ich möchte nicht zusammen mit Alice Schwarzer in den Orkus fahren - zu all den bösen Jungs, die immer behauptet haben, Emanzen seien einfach nur hässlich und untervögelt.

In Zeiten wie diesen, wo pandemiese Umgangsformen überhand nehmen und das Virus bei manchen Mannsbildern den letzten Anstandsrest kleinprügelt, möchte ich mich in meinem Alter nicht mehr ins Getümmel stürzen und um die letzte Klorolle kämpfen müssen. Ich will jetzt auch mal einen haben, den ich in den täglichen Kampf ums Überleben Morgens um Sieben in den Supermarkt schicken kann. Und nachher darüber meckern, was er wieder alles vergessen hat. Überhaupt ist Unzufriedenheit nur erträglich, wenn frau jemanden hat, dem sie diese in die Schuhe schieben kann: „Wenn du nicht wärst, dann könnte ich jetzt ... xyz machen! Maohhh, du schon wieder, mit deinem ewigen ...! Warum musst du immer … und warum kannst du nie …!“
Man muss doch auch mal träumen dürfen. Vom märchenhaften Traumprinzen, vom Mann als Dienstleister in Sachen Glück & sexuelle Befriedung; dem Sperminator, der auf Kommando jeden Kinderwunsch erfüllt, das Sozialprestige einer Frau erhöht, ein Alleskönner fürs Grobe & Feine. Ein Mr. Propper mit wahnsinnig viel Feingefühl, ein Popey mit Bachelor-Qualitäten ...

Mit dem Schreiben komme ich auch irgendwie nicht weiter. Worüber soll ich noch schreiben, mit der ubiquitären Männerschuld bin ich jetzt durch. Meine letzte Entpaarung ist schon eine Weile her – ich erinnere mich kaum mehr daran, was ich dem armen Kerl damals alles vorgeworfen habe. Das ist doch furchtbar, so ganz ohne Feindbild durch die Welt zu laufen, emanzipiert bis ins Mark – worüber soll ich da schreiben, über Solo-Sex oder das Abenteuer, Single-Urlaub zu machen und in fremden Ländern abends allein im Restaurant zu sitzen?
Ich will das alles nicht mehr. Mee too war gestern. Heute sehne mich nach dem Frohsinn des Gemeinschaftsgefühls, das aus der gemeinsam erlittenen Demütigung besteht, als Frau „im besten Alter“ in einer Partnerbörse wie „Elitäre Partner“ oder „Fuffzich Plus“ meine Haut auf dem Internetmarkt feilzubieten. Ich will mich jetzt endlich wieder etwas zugänglicher zeigen, denn meine Libido befindet sich bald im Zustand der Mumifizierung. Emanzipation ist ein Scheiß dagegen, mich ohne Not einem smarten Handlungsreisenden mit Sado-Maso-Fantasien auszuliefern, der zwischen Berlin und Hamburg auf einen „Fuck-to-go“ bei mir vorbeischaut und mir am mitgebrachten Flipchart einen Überblick verschafft, wie er sich den Ablauf  unseres Treffens so vorstellt: Dreißig Minuten präkoitales Lechzen beim Italiener. Danach Minnetanz in einem der angesagtesten Clubs der Stadt, dann Fellatio im Taxi … und final fifty shades of Krachelmann, wobei er mich in meinem Appartement an den Heizkörper tackert.
Geh aus mein Herz und suche Freund: Eine verhängnisvolle Liebschaft hier, ein kleiner Verlegenheits-Geschlechtsverkehr da … als emanzipierte Frau wird man ja wohl noch träumen dürfen!

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
wohe
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 70
Beiträge: 414
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 20.06.2022 16:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Miss Purple,

einge gelungene Persiflage, die viele bis so ziemlich alle Aspekte des Themas angeht.
Der Text enthält feine Wortspielereien wie "schlichte Gemüt von zehn Meter Feldweg" oder "pandemiese Umgangsformen" und auch Lachsalvenauslöser wie "Stell dir vor, du kommst in den Himmel und Gott ist ein Mann. Der dich die ganze Zeit dabei beobachtet hat, wie du Männern die Hölle heiß gemacht hast. Da wirst du doch sofort ausgewiesen".
Sehr gern gelesen.

MfG Wohe
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 130
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 20.06.2022 16:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Freut mich sehr @wohe, dass Du Dich amüsiert hast. Du warst so schnell, ich wollte gerade noch den Fehler "morgens um sieben" korrigieren ...
Ich hatte heute mal Lust auf einen humorvollen, inneren Dialog einer älteren Frau, die zugibt, dass das "ganze Emanzipations-Gedöns" auf Dauer ganz schön anstrengend sein kann.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Prosa -> Feedback Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Seite 1 von 1



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du keine Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge Aus dem Agenturvertrag aussteigen ode... Corydoras Agenten, Verlage und Verleger 60 23.09.2019 14:06 Letzten Beitrag anzeigen

EmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuch

von Enfant Terrible

von JJBidell

von Literättin

von Schmierfink

von DasProjekt

von Alien78

von Traumfänger

von Klemens_Fitte

von WhereIsGoth

von fancy

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!