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Oskar
Gänsefüßchen


Beiträge: 17



BeitragVerfasst am: 21.05.2022 11:46    Titel: Das Wir in dir eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Warum sollte es in einer vollkommen säkularisierten Welt, in der jede Gemeinschaft, sei sie auch noch so klein, dazu übergegangen ist, sich selbst anzubeten, mit dem Verweis auf etwas, das so hochtrabend klingt wie etwa Kunst- bzw. Redefreiheit, nicht legitim sein, sich über alles und jeden lustig zu machen? Etwa, weil ein paar alte weiße Männer in einer Art literarischen Selbstermächtigungsakt vor einigen Jahrzehnten geschrieben haben, bzw. von einer Sekretärin haben tippen lassen, die Würde sei unantastbar?

Wenn der argumentative Trick eines Ausweichens in eine höhere Dimension für den auf sein bloßes Selbst sich eigenmächtig geworfenen Menschen verpönt geworden ist, es also keinen Gott mehr geben soll, dann lässt sich dem Absurdesten, dem Tod, nur durch einen Vergleich mit dem Zurückliegenden, dem Zustand des vor dem eigenen Dasein Gewesene also, noch irgendwie habhaft werden. Und selbst diese Annäherung durch das Einfangen wollen mittels einer Begrifflichkeit wie etwa dem des Zustandes trägt hochgradig schon das Absurde in sich. Diejenigen, die kokett damit spielen, dass Moral und Ethik, sofern sie unterm Strich nicht nur das eigene Interesse im Blickfeld haben bzw. Ausdruck irgendwelcher Zufallsartefakte aus der Evolutionsgeschichte sein sollen, ohne die Vorstellung eines Gottes möglich sind, mögen sich erklären. Ihre Erklärungen dürften aber darauf hinauslaufen, dass sie dieses Dilemma mit dem Dilemma vergleichen, dass sich der Mensch auch keinen Raum von höherer Dimension als drei vorstellen kann, oder aber keine Krümmung ohne Außenraum. Noch nicht, so würden sie vielleicht hinzufügen. Vom Anthropozän sprechen sie mitunter, um neben Anderem unterschwellig aufzuzeigen, dass der Mensch nicht mehr länger in Gottesferne lebt, sondern nun selbst Gott geworden ist. In dieser kulturgeschichtlichen Epoche spult sich unsere kleine Daseinswirklichkeit ab. Die Wirklichkeit des Daseins von Menschen, die jedem als progressiv ausgerufenem Trend hinterherrennen wie einstmals Achilles in einem mythenumwobenen Rennen einer Schildkröte hinterher gelaufen sein soll. Das Weltliche dürfte aber dazu führen, dass sie in diesem Rennen nicht nur die Schildkröte bald schon überholt haben werden, sondern auch sie ihrerseits von der Zeit eingeholt werden. Wenn sie sich dann die Erde von unten anschauen, wird der Wettbewerb um ihr emanzipatorisches Dasein wohl von Würmern entschieden.

Bis dahin aber bleibt noch Zeit. Vor allem bleibt es der Freude des Spottgeistes überlassen, die Hypermoral des Zivilisationsmenschen gehörig aufs Korn zu nehmen, und dessen Glaubhaftigkeit mit der Glaubhaftigkeit eines Modells aus den 80er Jahren in einen Zusammenhang zu stellen, die mit blond gefärbten Haaren im Bikini auf irgendeiner Schönheitswettbewerbsbühne in Wanne-Eickel stand, dem Publikum ihre Solarium Bräune präsentierte und auf die Frage, was sie sich denn wünsche, lispelnd antwortete: „Gesundheit für alle Menschen und Weltfrieden.“ Aber letztlich ist auch der Spottgeist ein anständiger Geist. Denn genau wie der sprachphilosophisch aufgeklärte Zivilisationsmensch mit seiner Hypermoral, dessen Erscheinen auf der Weltbühne für den Griesgram nur ein weiteres Indiz dafür ist, dass die europäische Kulturgeschichte auserzählt ist, so hofft auch der Spottgeist auf Versöhnung im hohen Alter mit dem Weltgeschehen. Auch er träumt davon eines schönen Tages vor einem Lagerfeuer zu sitzen, und seinen Enkelkindern mit Stolz erzählen zu können, dass der Großvater seinerzeit tatkräftig für die gute Sache in den Kampf gezogen ist. Ja, auch der Spottgeist will seinen Mut unter Beweis gestellt haben, indem er mit seinem moralischen Finger auf andere gezeigt haben wird, und diesen anderen zugerufen haben wird: „Ziehet ihr in den Kampf für unsere Werte. Tötet für unsere Werte, sterbt für unsere Werte, während ich bei schönem Wetter mit meinem Laptop in einem Straßencafe sitze, von dort aus via meiner Posts auf den sozialen Netzwerken die moralische Gesinnung an der Heimatfront stärke, und nach dem Genuss eines Laktose freien Latte Macchiatos dann wie immer zu meinem Yogakurs gehe, und mir im Anschluss im Kino die neue Gandhi Verfilmung bei Popcorn und Pepsi Cola ansehe, in der Gandhi von einer Frau gespielt wird. Kurz: Ich unsere Werte lebe.“

P.S. Der Verfasser dieses Textes gibt zu bedenken, dass er ein glühender Verehrer von Richard David Precht ist. Vor allem seine schön geföhnten Haare haben es ihm angetan, da sie die Gedankenwelt des Fernsehphilosophen sichtbar werden lassen. Desweiteren ist der Verfasser dieser Zeilen ein Unterstützer des "Zentrums für politische Schönheit", weil der Name so herrlich schön klingt. Die unfreiwillige Komik, die in diesem Namen liegt, kann den Verfasser immer wieder amüsieren.

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HansGlogger
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 63
Beiträge: 167
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 22.05.2022 10:58    Titel: Antworten mit Zitat

Inhaltlich finde ich den Text super. Nur der Stil scheint mir streckenweise etwas manieristisch.
Der Autor scheint auch zu schwanken zwischen durchaus tiefsinnigen philosophischen Betrachtungen und genialem und berechtigtem Spott über die Zumutungen unserer Zeit für Menschen, die betreutes Denken nicht brauchen.

Unklar bleibt, ob der Autor sich nicht mehr an den genauen Inhalt  des Paradoxons
https://de.wikipedia.org/wiki/Achilles_und_die_Schildkr%C3%B6te
erinnert oder es als bekannt voraussetzt. Mythenumwobenen ist dieses Rennen nicht, es formuliert als Gedankenexperiment ein mathematisches Problem der Antike. Die Fabel vom Hase und Igel würde hier besser passen, IMHO

Noch ein Vorschlag zum besseren Spotte:
"Zentralkomitee für politische Schönheit"
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Oskar
Gänsefüßchen


Beiträge: 17



BeitragVerfasst am: 22.05.2022 13:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke Hans. Und ja, Zenons Gedankenexperiment ist mir bekannt. Bin übrigens Diplom Mathematiker, aber das nur nebenbei Smile Gruß, Tim
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