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VENTRILOQUIZ (Aus: ATROCIDAD DIE STADT DES TORMENTORS)


 

 
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Ralfchen
Geschlecht:männlichEselsohr

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Beiträge: 340



BeitragVerfasst am: 09.05.2022 13:27    Titel: VENTRILOQUIZ (Aus: ATROCIDAD DIE STADT DES TORMENTORS) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

VENTRILOQUIZ
(Aus: ATROCIDAD DIE STADT DES TORMENTORS)

Als Fraktal eines eingedrückten Kreises zausen sich verstobene Salzkristalle um den Teller auf dem nur die knusprigen Teigränder einer zernagten Pizza den Attacken deiner hinfälligen Zahnimplantate entgingen. Wie ein Rehbock im Winter leckst du die Natriumchloridreste begierig von der rauen Holzplatte des Tisches. Ich hab kaum Zeit mich für dein Benehmen zu genieren

Du führst deine langen Fingernägel querseits zwischen die paradontal abgewrackten Zahnzwischenräume eins und zwei links unten. Deine erstmals lautlose Sprechöffnung dunkelt mir dabei mit hängender Unterlippe unter behaarter Knollennase entgegen.


Mir wird übel. Es ist lediglich meine Untergebenheit dem guten Benehmen gegenüber, dass ich mich bei deinem Anblick nicht übergebe. Deine gichtknolligen Schmutzfinger gleiten im Mund von links nach rechts und nach abgeschlossenem Säubern schmierst du sie mit Pizzaresten verklebt, auf der Tischplatte ab. Ich schließe meine Augen. Vielleicht wirke ich dadurch ruhiger und entkomme zugleich dem Zwang nach links oder rechts zu blicken. Du fixierst mich ganz sicher bei all dem kontinuös und es dringen gleich wieder Worte aus deinem gärenden Schlund.

Während du sinnlos vor mich hin lallst, zwinge ich mich zu Erinnerungen, etwa an unsere erste Begegnung. es war im Depot der Firma. Du bist einfach die Stufen zum langezogenen Kellerraum herabgeschwirrt. Blicktest rundum und bevor wir noch „hallo“ sagen konnten, informiertest du uns darüber, dass du an Morbus Meulengracht leidest. Wir reagierten mit gelangweilt Blicken an die 180 Zentimeter hohen Gewölbe-Plafonds. Was sonst? Wer wusste schon über derart seltene Krankheiten Bescheid. Wir waren einfache Lagerarbeiterinnen.

Leichtzüngig übertönt dein Lallgeplärre das surrondierende Publiksabbern. Wie verwunderbar wäre entgleisendes Schweigen. Ich spucke in deinen überzuckerten doppelten Espresso, um dich konfrontativ zu entsetzen. Blase heftig in die Crema, die winzige Flecken wie von Dünnschiss auf deiner dummen Visage hinterlässt. Fraugott, du bist eine wahre Hinterlassenschaft. Unbeirrt faselst du weiter: von den kürzlich entfernten Hodenstöcken deines Großvaters. Er hatte sie an einer zwölfjährigen Konkubine überhitzt. Ihr richtiges Alter erfuhr er erst nach seiner Demaskulinisierung im Gefängnishospiz. Du bewahrst seine spirituellen Eier in einem Glas der Hausbar deines Einzelzimmers auf. Eine enkelhafte Geste. Ich ziehe den Schleier des schwarzen Modistenmodelles, das ich seit dem Tode meiner Mutter vor sieben Jahren ständig über meine tranhaarige Rübe stülpe, über mein Gesicht.

Eine Glocke lädt zu beklemmendem Zuhören ein. Wären wir in einem Laden, würde ich sagen eine Ladenglocke. Aber ihr dunkler Ton erinnert mich an die Glocke der Leitkuh vor den Pforten zur bovinaen Hölle. Es ist nur die Küchenbimmel der Pizzeria. Am Nebentisch beißt eine vornehm gekleidete Frau ein Stück von einer brennenden Kerze ab. Es ist wie im Zirkus wo der Geek dem lebenden Huhn den Kopf abbeißt. Allgemeines Gegacker von den Seitenrängen. Die noble Nutte erhebt ihren Arsch aus dem Thonet und wabbert übergewichtig stöhnend an uns vorbei. Sie erinnert mich an einen mit Wasser gefüllten Nylonsack. Sie wirft dir en passant einen schrägen Scharfblick zu und hebt ihren linken Zeigefinger kopfschüttelnd an grellblau geschminkten Lippen. Ein Fruchtloses Ermahnen zum Schweigen. Du entwürdigst sie mit einem blutigen Lächeln und behorchst dich dabei unvereist weiter.

Ich erinnere es nicht präzisiell, aber irgendwann bist du aufgetaucht in unserer lieben Metropolis Atrocidad. In den ersten Wochen nach deinem Erscheinen wurdest du flink zum Billeteur meines Vertrauens. Ich beschloss, mein Karte ins Jenseits nur von dir entwerten zu lassen. Binnen Halblangem aber entkeimte zwischen uns eine Beziehung, die man anstelle von Freundschaft vielleicht Märtyrerschaft nennen würde. Nicht viel nachher fielen mir Schuppen von der Kopfhaut, als ich erkennen musste wie erschütternd du deine Dummheit in einer Sänfte trugst. Immer wieder versuchtest du mir Salz in die Augen zu streuen, um damit auf deine dürftige Art meine mehr und mehr eiskalten Blicke der Ablehnung zum Schmelzen zu bringen. Deine Spätlese waren aber nur mehr salzige Lachtränen.


Wir alle waren Mädchen „auf Bewährung“, vereint zu 20 Zyklen Zwangsarbeit in diesem 180cm hohen Kellergrüftchen, Huren, Maskulantinnen und Totschlägerinnen. Geraume Zeit nach deinem wortigen Eindringen in unsere Schäfteschaft, erkannten wir, dass du ein Buckelrutscher warst, kein Fotzengleitmittel oder Frostschützer wie wir ihn uns wünschten. Du hattest eine übergroße Kauquappe anstelle einer audiellen Grotte. Was die Frage meines Glückes betraf, wusste ich schon seit mich mein Opa im Juvenat tagtäglich gefingerte hatte, zweierlei: Entweder man log sich selbst an, oder man arithschmierte den allernächsten Volltrottel damit an. Deine Volltrotteleuse war transferierter weise leider: ich.

Der Raum unserer Trauung ist angenehm in seinen Nichtfarben – wenn du willst in seiner Summe aller Farben: weiß. Die Kacheln sind an manchen Stellen blutverschmiert und es ist faszinierend wie lange Blut auf keramischen Materialien sein schönes Rot behält. Vor vier Tagen war es, als ich hier unten deine Perforation über mich ergehen ließ – begleitet von einem Schwall sinnlosen Gestammels: Deine Mutter, eine Pferdebahnkondukteurin war im Streit mit einem Schwarzfahrer, von diesem geschlagen und missbraucht worden. Der gesamte Waggon – ermuntert vom Violontéur – hatte sich danach über deine Alte hergemacht und sie zu Fetzen gefickt sodomiert und finalisiert. Die Geschichte schien dich munter zu machen. Deine Wangen hatten die richtige Plauderfarbe angenommen. Als deine Lenden beim alten Rein-Raus-Spiel zu vibrieren begannen und dein Schwanz nach einer prematuren Spermerei stochernd in mir verweichlichte, schob ich dir - dein Rektum mit Speichel sanft massierend - das Zäpfchen mit dem lähmenden Soporifique in den unteren Mastdarm.

Beim Abtrennen deiner Zunge überkam mich ein konvulsivisches Lachen. Du wolltest deinen Kopf zu einem „Nein“ schütteln. Das Stanley-Knife drang wie in warmer Butter durch die weichen Geschmacksknötchen. Es war ein schöpferisch blutvoller Akt. Die Düse der Pressluftflasche zischte leiste als ich sie mit unzitternder Hand erst in dein rechtes und dann in dein linkes Ohr steckte. Deine Augen hatten beinahe die Größe von Sateliten-Tellern als ich den Druck je Öhrchen flugs auf 1 Atout erhöhte. Dein Blick spiegelte Horror pur wieder. Du warst so süß anzuschauen. Ein lächerlicher Staubdummer, ein unsinniger Hörquatscher. Ich schubste dich auf den Bauch wie einen Säugling beim Einwindeln. Du hattest alles von dir gelassen, vollgepisst und ausgeschissen. Na ja, das war erträglicher als dein Gequatsche. Vor dem Durchtrennen der Nervenbahnen deiner Wirbelsäule überlegte ich ein wenig: je höher oben, umso mehr Disfunktion. Paraplegial wäre nett, aber dann würde man dich in dieser Stadt schnell entsorgen. Und ich hatte ein längeres Martriachat vorgesehen. Ich sehnte mich nach deinem jahrelangen tauben Schweigen unter meiner fürsorglichen Obwut. Also machte ich den winzigen Schnitt über dem L4.

Ohne Mitleid blicke ich „Status quo“ auf dein Überbleibsel: eine nackte Karkasse. Du bist jetzt so wie dich immer haben wollte - nein - dich ersehnte: taubstumm und Kreuz- Querschnitt gelähmt. Meine wehrlose Spielpuppe.



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Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen. (L. Wittgenstein)
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