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Trilogie vom Ratgeber-Buch


 
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 109
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 14.03.2022 11:27    Titel: Trilogie vom Ratgeber-Buch eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Vollständigkeit halber hier der erste und zweite Teil der (satirischen) Trilogie über (schlechte) Ratgeber-Literatur, den dritten Teil, "Reinkarnation leicht gemacht" habe ich ja bereits vorgestellt. Vielleicht kann man die drei Satiren so besser einordnen:









1. Mach niemals eine Therapie!


Es ist nie zu spät, anderen Menschen die Schuld an eigenen Lebensproblemen zu geben. Mit ein wenig gutem Willen lässt sich immer jemand ausfindig machen, der es ursächlich nicht gut mit dir gemeint hat.
Dieser attraktive Mann zum Beispiel, der zu dir gesagt hat: „Du bist eine außergewöhnliche Frau.“
Wie konntest du ahnen, dass er „außergewöhnlich blöd“ gemeint hat?
Für sein Verhalten gibt es einen psychologischen Fachbegriff: Arschloch.
Komplimente solcher Typen sind wie Treibsand. Sei einfach froh, dem entkommen zu sein – mit dieser Einstellung musst du dir nicht auf irgendeiner Couch den Wolf reflektieren.
Man findet überall Gesprächsstoff, um sein defizitäres Sozialverhalten aufzumotzen. Nur Männer werden mit dir nicht so gerne reden wollen, wenn du ihnen mit dieser Alle-Männer-sind-Schweine-Attitüde kommst. Aus unerfindlichen Gründen wehren die sich standhaft, in der Schweineabteilung zu landen. Einer wird immer das Kinn heraus recken, Brustkorb und Bizeps straffen und rufen: „Ich bin aber ganz anders!“
Ignoriere solche Typen einfach.
Falls du ein Mann und Frauenhasser bist, kannst du dir die teure Psychoanalyse, die bei Mutti anfängt und bei Merkel aufhört, sparen. Werde stattdessen Schönheitschirurg. Da wirst du sogar von Frauen dafür bezahlt, dass du an ihnen herumschnippelst und sie in prallbrüstige Plastikfrauen mit echsenhaftigen Gesichtszügen verwandelst.
Ob Mann oder Frau, denk bitte daran: Lieber gut aufgehängt als schlecht verheiratet. Man heiratet immer seine unerledigten Probleme. Der größte Irrtum aller Paare: Verliebte Frauen glauben, dass sich die Männer noch ändern und verliebte Männer glauben, dass Frauen immer so bleiben.

Kommen wir zu deinen einschränkenden Lebensumständen. Wichtig ist: Du kannst nichts dafür. Ein Loft in Paris kann jeder. Eine Single-Wohnung in Duisburg-Hochfeld muss man können.
Keine Minderwertigkeitskomplexe: Du bist völlig in Ordnung, nur deine Wohnverhältnisse sind es nicht. Du hättest was Besseres verdient. Das Leben ist dir also noch was schuldig.
Geh bloß nicht den Umweg über eine ehrliche Bilanz im Stuhlkreis eines psychologischen Beraters: Da wird nichts unter den Teppich gekehrt (wie du es gewohnt bist) – und am Ende wirst du trotzdem irre. Denn etwas zu wollen oder sich zu wünschen, fühlt sich nur dann gut an, wenn du glaubst, es auch bekommen zu können. Ich rate, dich damit abzufinden: Du gehörst einfach zu den Verlierern des Systems. Übe dich in Sarkasmus, der letzten Zuflucht der Verlierer.
Denk immer daran: Du möchtest alle überleben, die du nicht leiden kannst. Was spielt es da für eine Rolle, in welchem sozialen Abseits du lebst? Hüte dich vor den Scharmützeln sozial Deprivierter in Internet-Foren. Mach es lieber wie die alten Chinesen: Setz dich an einen Fluss und warte, bis deine toten Feinde im Wasser vorüber treiben.
Achte auf deine psychische Gesundheit. Also: Hör auf, Pferdescheiße zu analysieren, reite das Pony! Verschwende deine Zeit nicht mit Sport, gesunder Ernährung und Detoxen. Zu viel Vollkommenheit ärgert den lieben Gott. Stell dir bloß mal vor, du würdest gesund sterben: Mit Idealgewicht und Verzicht auf Weizen, Alkohol und Zucker!
Sei mutig und lach deinem Hausarzt frech ins Gesicht: “Ich bin nicht zu dick, nur untergroß!“
Und steh der Idee deines Therapeuten, deine Lebensgewohnheiten machten dich depressiv, unterschwellig aggressiv und abgestumpft, nicht immer so aufgeschlossen gegenüber. Sieh dir mal ganz genau an, wer da zu dir spricht: Machen dein Arzt und dein Therapeut den Eindruck, happy, horny and hungry zu sein? Falls nicht: Lass sie labern. Statt dessen: Kauf! Mein! Buch!









2. Dein inneres Kind ist nicht hochbegabt – was tun?



Es ist nie zu spät, sich kindisch zu benehmen. Wie jene Ratgeber-Autoren, die LeserInnen suggerieren, jedes innere Kind müsse wahnsinnig kreativ, befreit sein und verstanden, an die Hand genommen werden, damit es sein Potenzial entwickeln und unbedingt mit ihm Frieden geschlossen werden könne …Alles Unsinn.
Ich nehme dich jetzt mit auf eine Reise zu dir selbst, in Gefilde, die du bis jetzt niemals erahnt, geschweige denn für möglich gehalten hättest: Du hast ein reicheres Innenleben, als mit nur einem schwer erziehbaren Kind, glaube mir. Frohlocke, tanze deinen Namen und hüpfe mit mir in eine Inneres-Kind-gerechte Zukunft: Du bist viele. Der kleine Narzisst, das kleine Arschloch, die kleine Dumpfbacke, das kleine Monster, der kleine Honk, die kleine Hexe ... und andere.
Zunächst müssen wir uns jenen Schatten und der verborgenen Dynamik in uns nähern, die  dein inneres Kind bis jetzt eingemauert und gefangen gehalten haben: Deine Eltern.
Ich weiß, das ist hart. Es ist sicher schwer, sein Leben zu meistern, wenn man so gar keine Idee davon hat, wer man ist. Aber sind die inneren Muster erst einmal verstanden, können sie leichter erbrechen. Pardon: ... durchbrechen.
Du hattest eine anstrengende Kindheit. Verstehe.
Deine Eltern waren schwer erziehbar … und zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse haben sie dich sonntags auf endlose Wanderungen durch die öden Weiten Südniedersachsens oder mit in die Kirche geschleppt, wo du deinen kleinen Kinderpopo auf harten Holzbänken mürbe gesessen hast. Und von Tante Käthe bekamst du immer diese selbstgestrickten, kratzigen Wollpullover. Ganz zu schweigen von der Folter, im elterlichen Wohnzimmer mit Roland Kaiser, Uriah Heep oder Vivaldi beschallt zu werden, bis dir fast die Ohren abgefallen sind. Da war so viel Wut, so viel Hass und Verzweiflung in deiner kleinen Kinderseele. Am Liebsten wolltest du sie achtsam morden. Oder bewusst lynchen. Doch das wagtest du nicht. Du warst einfach noch zu jung, zu abhängig und du brauchtest das Taschengeld ...
Viele Menschen haben durch eine restriktive Erziehung erfahren müssen: An dir ist irgendwas grundsätzlich nicht in Ordnung. Und das stimmt. Ich meine, das stimmt: Eine Scheiß-Erziehung, sowas!
Besser für deine Entwicklung wäre ein umgekehrtes Fürsorgeverhältnis gewesen: Kinder erziehen ihre Eltern. Wir alle zahlen einen hohen Preis für unser Abhängigkeitsverhältnis zu unseren Eltern und Respektspersonen: Wir unterwerfen uns, vermeiden oder überkompensieren. Und wenn wir uns als Erwachsene mal ehrlich im Spiegel betrachten, sehen wir nur den biederen Bürohengst, die vorgealterte, untervögelte Hausfrau oder den Hulk im Fitness-Studio, der nicht die hellste Kerze am Kronleuchter ist.
Doch das muss nicht so sein. Bis zu einem gewissen Grad ist es normal und gesund, unliebsamen Persönlichkeitsanteilen besser aus dem Weg zu gehen. Und sich trotzdem für den/die Größten zu halten. Widmen wir uns lieber den unreiferen, unangemesseneren, inneren Anteilen, wie dem inneren Kind.
Die Koordinaten der Landkarte unserer Seele sind gar nicht so kompliziert, wie andere, noch miesere, Ratgeberliteratur dich bisher glauben machen wollten. Vertrau mir: Gestern hast du noch tief in den Abgrund deiner Seele geschaut. Mit mir bist du bereits einen Schritt weiter:
Du brauchst keine Menschen wie deine Eltern mehr, die dir unentwegt erzählen, was du alles falsch machst und wie es besser geht. Die dich gezwungen haben, Hausaufgaben zu machen und Rostbraten mit Klößen zu essen.
Um dein inneres Kind hochleben zu lassen, rate ich zu ungebremster Bedürfnisbefriedigung. Tu  hemmungslos alles, was objektiv unklug ist und was du später mit Sicherheit bereuen wirst. Wenn  du es richtig machst, führt dich dein Weg schnurstracks in einen Stuhlkreis irgendeiner Selbsthilfegruppe, wo du dir diese Fragen stellen darfst: Wie konnte ich nur? Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Hab kindlich anmutende Wutausbrüche. Das wird dir den Respekt und die Wertschätzung deiner engsten Freunde einbringen, die du dir immer erhofft hast. Mäkle im Restaurant oder bei Einladungen am Essen herum, finde im Urlaub alles doof oder gähne laut in der Oper, bis deine Kieferknochen knacken. Mach deiner Freundin eine unberechtigte, eifersüchtige Szene, dass selbst Rumpelstilzchen vor Neid erblassen würde. Lass deinen Hasstiraden am besten im Büro freien Lauf und nenne deinen Chef einen reaktionären Arsch, deine Chefin eine Milf mit Menstruationshintergrund. Trotzige Kündigungen sind eine vielbefahrene Sackgasse, die du nicht auslassen solltest. Aber geh nicht, bevor du nicht: „Dafür räche ich mich!“ an die Hauswand deiner Ex-Firma gepinselt hast.
Ärger, Wut und Trotz sind wunderbar unreife Zustände deines inneren Kindes, die dich auch im Winter warm und durchblutet halten.
Falls du zu Bluthochdruck neigst: Werde lieber depressiv. Aber Öffentlichkeitswirksam: „Kevin allein mit einer Familienpackung Prozac zu Haus“ wird sich niemand anschauen. Geh raus, geh unter Leute: Dein verletztes, inneres Kind braucht Publikum. Leide öffentlich. In Talkshows, Arztpraxen, Social Media, beim Friseur ... generiere Aufmerksamkeit. Heule Rotz und Wasser vor deiner Webcam, mach Selfies bei halbherzigen Suizidversuchen, beweise der Welt, wozu du fähig bist, wenn du keine Likes erhältst!
Wenn dein inneres Kind ganz groß rauskommen will: Erfinde eine traurige Geschichte vom Mobbing-Opfer. Mit ein wenig Mühe wird sich schon jemand finden, der dich in der Kindergartenzeit „fette Kuh“ genannt oder: „Geh weg, du stinkst!“, gerufen hat.
Falls du besonders cool rüber kommst, kannst du damit sogar Geld verdienen: Nenn dich „Comedian“ und mobbe öffentlich jene, die über dich gelacht haben, als du mit deinen Eltern und dem Wachtturm in der Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick gestanden hast. Jetzt machst du mal die anderen gnadenlos fertig, Tschakka!
Hab den Mut, dich lächerlich zu machen. Hopse volltrunken im kurzen Röckchen und ohne Höschen über die Schinkenstraße am Ballermann. Mit Mitte sechzig.
Geh mal aus dir heraus, mach dich locker und stöckele auf High Heels, mit Strapsen und Latexklamotten ins Büro. Wenn du der Chef bist.
Oute dich als Menschenfresser, Ziegenliebhaber oder Schlagerfan. Hauptsache, du schockierst. Dein inneres Kind wird jubeln und sich endlich mal beachtet fühlen. Denke stets daran: Deine Gefühle, Bedürfnisse, Obsessionen sind nichts Peinliches. Wenn man sie zur pompösen oder pornorösen Kunstfigur macht.
Apropos Kohle: Nun hast du ein ungefähres Gefühl dafür, was in dir schlummert. Dank dieses wunderbaren, universell anwendbaren Ratgebers: Kauf! Mein! Buch!

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PaulaSam
Geschlecht:weiblichKlammeraffe


Beiträge: 567



BeitragVerfasst am: 14.03.2022 12:42    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, wie habe ich es genossen, diesen Text zu lesen!
Zitat:
Vertrau mir: Gestern hast du noch tief in den Abgrund deiner Seele geschaut. Mit mir bist du bereits einen Schritt weiter:

Einfach göttlich!

Das ist genau die richtige Medizin, wenn dir das Leben mal wieder so richtig ans Bein gepisst hat. Kann man auch gut in kleinen Schlucken dosiert einnehmen, falls die Geduld mal nicht für das volle Maß reicht.

Aber okay, zurück zum erwachsenen Ich. Was mir auffiel:

Zitat:
Nur Männer werden mit dir nicht so gerne reden wollen, wenn du ihnen mit dieser Alle-Männer-sind-Schweine-Attitüde kommst. Aus unerfindlichen Gründen wehren die sich standhaft, in der Schweineabteilung zu landen. Einer wird immer das Kinn heraus recken, Brustkorb und Bizeps straffen und rufen: „Ich bin aber ganz anders!“

"Zu landen" scheint mir hier nicht ganz treffend. Eher "schieben zu lassen" oder ähnliches. Also mehr aktiv als passiv seitens des Gegenübers von Männern.
Dann hat mich irritiert, dass die (Männer) sich wehren, aber immer nur einer das Kinn recken etc. wird.

Zitat:
Es ist nie zu spät, sich kindisch zu benehmen. Wie jene Ratgeber-Autoren, die LeserInnen suggerieren, jedes innere Kind müsse wahnsinnig kreativ, befreit sein und verstanden, an die Hand genommen werden, damit es sein Potenzial entwickeln und unbedingt mit ihm Frieden geschlossen werden könne …Alles Unsinn.

Dieser Satz ist zu lang und im Sinn zu verschachtelt. Um den Sarkasmus nicht zu schmälern, würde ich eher auf einfache und leicht verständliche Sprache setzen.

Zitat:
Frohlocke, tanze deinen Namen und hüpfe mit mir in eine Inneres-Kind-gerechte Zukunft

Ich verstehe nicht, wie ich mit meinem Namen tanzen und frohlocken soll. Ist mein Name ein Wesen oder ein Gegenstand? Für was steht hier "Namen"?

Zitat:
Zunächst müssen wir uns jenen Schatten und der verborgenen Dynamik in uns nähern, die dein inneres Kind bis jetzt eingemauert und gefangen gehalten haben: Deine Eltern.

Davor ist von Dumpfbacken, Monster und Hexen die Rede. Worauf bezieht sich dann "jenen Schatten"? Auch scheint mir der sehr lange Satz den Paukenschlag mit "Deine Eltern" etwas abzumildern, weil ich da noch dabei bin, den Sinn des davor gelesenen zu begreifen.

Zitat:
Ganz zu schweigen von der Folter, im elterlichen Wohnzimmer mit Roland Kaiser, Uriah Heep oder Vivaldi beschallt zu werden, bis dir fast die Ohren abgefallen sind.

Der Infinitiv macht den Satz für mich etwas schwer verständlich. Könnte man den nicht in leichter verdauliche Sätze ohne Infinitiv stückeln?

Trotzdem, ich habe den Text sehr genossen und er hatte auch die genau die Wirkung, die er wohl haben sollte: "Ach, ihr könnt mich alle mal, heute bin ich Kaiser, Kind und Arschloch wie es mir passt! Das hab ich mir verdient!" (Aber natürlich tue ich das nur, wenn keiner da ist. Feigheit gehört halt auch zu meinem ... äh, Kind-Ich.)

LG Sam
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 14.03.2022 14:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zit.:"Oh, wie habe ich es genossen, diesen Text zu lesen!"

Oh, wie genieße ich Dein Frohlocken, PaulaSam, @!
Es sind harte Zeiten. Da möchte ich einfach ein wenig Spaß haben beim Schreiben Embarassed

Zu Deinen Anmerkungen:
"... Nur Männer werden mit dir nicht so gerne reden wollen, wenn du ihnen mit dieser Alle-Männer-sind-Schweine-Attitüde kommst. Aus unerfindlichen Gründen wehren sich manche standhaft, in der Schweineabteilung zu landen. Einer wird immer das Kinn heraus recken, Brustkorb und Bizeps straffen und rufen: „Ich bin aber ganz anders!“"
Besser?

"... Es ist nie zu spät, sich kindisch zu benehmen. Wie Autoren, die LeserInnen suggerieren, das innere Kind sei so wahnsinnig kreativ, daher müsse man es an die Hand nehmen, damit es sein Potenzial entwickeln kann … Alles Unsinn..."
Besser?

Zit.: Ich verstehe nicht, wie ich mit meinem Namen tanzen und frohlocken soll. Ist mein Name ein Wesen oder ein Gegenstand? Für was steht hier "Namen"?

Dem Hörensagen nach ist "seinen Namen tanzen" ein Synonym für einen, in Waldorf-Schulen praktizierten Ausdruckstanz, wo jedem Buchstaben des Namens eine Gebärde zugeordnet wird. Ich war nie auf einer Waldorf-Schule, kenne aber jede Menge Rüttel-und Schütteltänze aus der Humanistischen Psychotherapie. Razz

"Zunächst müssen wir uns jenen Schatten und der verborgenen Dynamik in uns nähern, die dein inneres Kind bis jetzt eingemauert und gefangen gehalten haben: Deine Eltern."
"Jenen Schatten", denen wir uns zuwenden müssen, bezieht sich auf "deine Eltern"
Vielleicht so besser:

Zunächst müssen wir uns jenen zuwenden, die ihre dunklen Schatten auf die Dynamik deines inneren Kindes werfen: Deine Eltern.

Klingt für mich so dramatischer. Was meinst Du?


Zit.: "Ach, ihr könnt mich alle mal, heute bin ich Kaiser, Kind und Arschloch wie es mir passt! Das hab ich mir verdient!"

Jou. Trifft bei mir stimmungsmäßig gerade zu: Die momentane, politische Lage hat jede noch so bitterböse Satire längst überholt ...
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PaulaSam
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Beiträge: 567



BeitragVerfasst am: 14.03.2022 14:45    Titel: Antworten mit Zitat

Miss Purple hat Folgendes geschrieben:
Zit.:"Oh, wie habe ich es genossen, diesen Text zu lesen!"

Oh, wie genieße ich Dein Frohlocken, PaulaSam, @!
Es sind harte Zeiten. Da möchte ich einfach ein wenig Spaß haben beim Schreiben Embarassed


Zu den Anmerkungen:
Zitat:
... Nur Männer werden mit dir nicht so gerne reden wollen, wenn du ihnen mit dieser Alle-Männer-sind-Schweine-Attitüde kommst. Aus unerfindlichen Gründen wehren sich manche standhaft, in der Schweineabteilung zu landen. Einer wird immer das Kinn heraus recken, Brustkorb und Bizeps straffen und rufen: „Ich bin aber ganz anders!“

Schon besser, ja. Würde aber gar keine Einschränkungen machen, sondern die Übertreibung auf die Spitze treiben. Also statt "wehren sich manche standhaft" lieber "wehren die sich standhaft"

Zitat:
Es ist nie zu spät, sich kindisch zu benehmen. Wie Autoren, die LeserInnen suggerieren, das innere Kind sei so wahnsinnig kreativ, daher müsse man es an die Hand nehmen, damit es sein Potenzial entwickeln kann … Alles Unsinn..."

Schon viel besser. Aber warum nicht: "Auch wenn Therapeuten ständig postolieren, das innere Kind sei wahnsinnsig kreativ und müsse daher an die Hand genommen werden, damit es sein Potenzial entfalten kann"?

Zitat:
Dem Hörensagen nach ist "seinen Namen tanzen" ein Synonym für einen, in Waldorf-Schulen praktizierten Ausdruckstanz, wo jedem Buchstaben des Namens eine Gebärde zugeordnet wird. Ich war nie auf einer Waldorf-Schule, kenne aber jede Menge Rüttel-und Schütteltänze aus der Humanistischen Psychotherapie. Razz

Okay, aber das wissen wahrscheinlich, genauso wie ich, nur wenige Leser. Kann man das nicht in etwas mehr Verständliches verpacken?

Zitat:
Zunächst müssen wir uns jenen Schatten und der verborgenen Dynamik in uns nähern, die dein inneres Kind bis jetzt eingemauert und gefangen gehalten haben: Deine Eltern.[/i]"
"Jenen Schatten", denen wir uns zuwenden müssen, bezieht sich auf "deine Eltern"
Vielleicht so besser:

Zunächst müssen wir uns jenen zuwenden, die ihre dunklen Schatten auf die Dynamik deines inneren Kindes werfen: Deine Eltern.

Klingt für mich so dramatischer. Was meinst Du?

Ja super! Genau das meinte ich. Die Dramatik kommt durch die leichter verständliche Sprache viel besser rüber.


Zitat:
Zit.: "Ach, ihr könnt mich alle mal, heute bin ich Kaiser, Kind und Arschloch wie es mir passt! Das hab ich mir verdient!"

Jou. Trifft bei mir stimmungsmäßig gerade zu: Die momentane, politische Lage hat jede noch so bitterböse Satire längst überholt ...

Das geht eindeutig nicht nur dir so. Ich würde aber sagen, die Satire hat nicht die politische Lage, sondern gewisse Politiker überholt. Da macht Putin sogar Trump und Kim Jong-un noch  Konkurrenz. Und in Anbetracht der Hilflosigkeit bleibt uns aber leider nur beißender Sarkasmus, um uns abzureagieren.
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 14.03.2022 15:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

"Auch wenn Therapeuten ständig postulieren, das innere Kind sei wahnsinnig kreativ und müsse daher an die Hand genommen werden, damit es sein Potenzial entfalten kann"?"

Verstehe. Was hältst Du von dieser Steigerung:

... auch wenn Therapeuten postulieren, das innere Kind sei kreativ, man müsse es anleiten und erzieherisch an die Hand nehmen, damit es sein Potenzial entfalten kann ...alles Unsinn: Dein inneres Kind gehört nicht in den Kindersitz auf der Rückbank deines Lebensgefährtes, sondern ans Steuer!


Zu den Männern im Text:
Zit.: "Würde aber gar keine Einschränkungen machen, sondern die Übertreibung auf die Spitze treiben. Also statt "wehren sich manche standhaft" lieber "wehren die sich standhaft""

In diesem Fall möchte ich bei "manchen" bleiben, da es ja auch liebenswerte Zeitgenossen gibt, die sich zu gutem Recht standhaft wehren, nicht in die Alles-Schweine-Abteilung einsortiert zu werden Rolling Eyes

Danke für Deinen Kommentar, hilft mir echt weiter!


Wie sagt man so schön: Sarkasmus ist der Humor der Unterdrückten. Confused
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PaulaSam
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Beiträge: 567



BeitragVerfasst am: 14.03.2022 15:32    Titel: Antworten mit Zitat

Miss Purple hat Folgendes geschrieben:
"Auch wenn Therapeuten ständig postulieren, das innere Kind sei wahnsinnig kreativ und müsse daher an die Hand genommen werden, damit es sein Potenzial entfalten kann"?"

Verstehe. Was hältst Du von dieser Steigerung:

... auch wenn Therapeuten postulieren, das innere Kind sei kreativ, man müsse es anleiten und erzieherisch an die Hand nehmen, damit es sein Potenzial entfalten kann ...alles Unsinn: Dein inneres Kind gehört nicht in den Kindersitz auf der Rückbank deines Lebensgefährtes, sondern ans Steuer!

Tolle Methapher! Machs noch besser indem du kürzt: ... gehört nicht in den Kindersitz auf der Rückbank deines Lebensgefährtes, sondern ans Steuer!

Miss Purple hat Folgendes geschrieben:
Zu den Männern im Text:
Zit.: "Würde aber gar keine Einschränkungen machen, sondern die Übertreibung auf die Spitze treiben. Also statt "wehren sich manche standhaft" lieber "wehren die sich standhaft""

In diesem Fall möchte ich bei "manchen" bleiben, da es ja auch liebenswerte Zeitgenossen gibt, die sich zu gutem Recht standhaft wehren, nicht in die Alles-Schweine-Abteilung einsortiert zu werden Rolling Eyes

Das kannst du natürlich auch, obwohl mich die Verallgemeinerung auf alle Männer im Zuge des sarakastischen Tons der ganzen Geschichte nicht stört. Allerdings muss dann auch vorher diferenziert werden. Also nicht "Nur Männer werden mit dir nicht so gerne reden wollen" sondern "Nur einige Männer werden mit dir nicht so gerne reden wollen". Das aber schwächt den Sarkasmus erheblich, gerade weil er nicht mehr verallgemeinert. M. M. n. ist Rücksicht auf Einzelne im Sarkasmus nicht unbedingt förderlich, wenn der Leser sie möglichst bissig wahrnehmen soll. Also sei nicht so feige wie ich und trau dich.

Miss Purple hat Folgendes geschrieben:
Danke für Deinen Kommentar, hilft mir echt weiter!
Wie sagt man so schön: Sarkasmus ist der Humor der Unterdrückten. Confused

Das freut mich. Zum Sarkasmus sagt man auch, er sei die gemeinste Form des Witzes. Woher diese Weisheit auch kommen mag angesichts der Ernsthaftigkeit der Thematik, die häufig im Sarkusmus ihren Ausdruck findet. (... oder ihre Waffe, wenn man so will.)
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 14.03.2022 16:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Also, wenn Du recht hast, haste recht:
"... Nur Männer werden mit dir nicht so gerne reden wollen, wenn du ihnen mit dieser Alle-Männer-sind-Schweine-Attitüde kommst. Aus unerfindlichen Gründen wehren sich manche standhaft, in der Schweineabteilung zu landen. Einer wird immer das Kinn heraus recken, Brustkorb und Bizeps straffen und rufen: „Ich bin aber ganz anders!“

...Einige Männer werden mit dir nicht mehr so gerne reden wollen, wenn du ihnen mit dieser alle-Männer-sind-Schweine-Attitüde kommst. Aus unerfindlichen Gründen wehren die sich standhaft, in der Schweineabteilung zu landen. Einer wird immer das Kinn heraus recken, Brustkorb und Bizeps straffen und rufen: "Aber ich bin ganz anders!"

So scheint es für mich stimmig. Ich hoffe, für Dich auch @PaulaSam

Was den Sarkasmus betrifft: Very British. Ich mag`s - möchte die drei Texte eher ironisch und mit einem Augenzwinkern halten, intentional geht es mir um die skurrilen, selbsternannten "Küchentherapeuten" und Gurus in der Szene - bei deren Büchern man nicht weiß, ob die tatsächlich ernst gemeint sind oder nur der Kohle wegen schnell zusammengefrickelt werden.
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PaulaSam
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BeitragVerfasst am: 15.03.2022 18:36    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Ich mag`s - möchte die drei Texte eher ironisch und mit einem Augenzwinkern halten, intentional geht es mir um die skurrilen, selbsternannten "Küchentherapeuten" und Gurus in der Szene - bei deren Büchern man nicht weiß, ob die tatsächlich ernst gemeint sind oder nur der Kohle wegen schnell zusammengefrickelt werden.

Ich denke, Ironie hat auch immer eine Spur Sarkasmus in sich, gerade weil man in der Literatur übertreiben muss, um die Hürde vom schwarz-weißen Papier ins Hirn und Herz des Lesers zu schaffen.

Dass es dir nur um die Pseudotherapeuten ging, war mir gar nicht klar. Wohl weil ich echte kenne, die ähnlichen Mist erzählen. Aber warum sagst du dann nicht konkret "Küchentherapeut" und "Gänseblümchengurus"? Sonst fühlen sich noch echte Therapeuten angesprochen. Laughing

Zitat:
Einige Männer werden mit dir nicht mehr so gerne reden wollen, wenn du ihnen mit dieser alle-Männer-sind-Schweine-Attitüde kommst. Aus unerfindlichen Gründen wehren die sich standhaft, in der Schweineabteilung zu landen. Einer wird immer das Kinn heraus recken, Brustkorb und Bizeps straffen und rufen: "Aber ich bin ganz anders!"

Ja so klingt es stimmiger. (Auch wenn mir die Einschränkung immer noch etwas ungewohnt erscheint. Aber wenn es für dich so sein muss ... Ich bin nur ein Sandkorn im Universum.)
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 16.03.2022 11:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So @PaulaSam, ich habe also Nägel mit Köppen gemacht - und den einen oder anderen Nagel von Dir gleich mit reingekloppt.
Was nicht heißen soll, dass ich jetzt mit dem Text "fertig" wäre: Weitere Bearbeitung nicht ausgeschlossen, hier ist nichts in Stein gemeißelt ...
In diesem Sinne gebe ich Dir  recht: Es geht grundsätzlich um schlecht gemachte Ratgeber-Bücher. Ob von "ausgebildeten" Therapeuten oder von Gänseblümchen-Gurus ...







Bearbeitete Fassung



2. Dein inneres Kind ist nicht hochbegabt – was tun?



Es ist nie zu spät, sich kindisch zu benehmen. Wie jene Autoren, die dir suggerieren wollen, dein inneres Kind sei zwar kreativ, aber unvernünftig. Daher solltest du es liebevoll führen, leiten und an die Hand nehmen, um sein Potenzial zu entwickeln … Alles Unsinn: Dein inneres Kind gehört nicht in den Kindersitz auf die Rückbank deines Lebensgefährts, lass es endlich nach vorne, ans Steuer!
Ich nehme dich jetzt mit auf eine Reise zu dir selbst, in Gefilde, die du bis jetzt weder erahnt, geschweige denn für möglich gehalten hättest: Du hast ein reicheres Innenleben, als mit nur einem schwer erziehbaren Kind, glaube mir. Frohlocke, tanze deinen Namen und hüpfe in deine Inneres-Kind-gerechte Zukunft, denn du bist viele: Der kleine Narzisst, das kleine Arschloch, die kleine Dumpfbacke, das kleine Monster, der kleine Honk, die kleine Hexe ... und andere.
Zunächst müssen wir uns jenen nähern, die mit ihrer verborgenen Dynamik dunkle Schatten werfen auf ein, bis jetzt eingemauertes und gefangen gehaltenes, inneres Kind: Deine Eltern.
Ich weiß, das klingt hart. Es ist sicher schwer, sein Leben zu meistern, wenn man so gar keine Idee davon hat, wer man ist. Aber sind die inneren Muster erst einmal verstanden, kann man sie leichter erbrechen. Pardon: durchbrechen.
Du hattest eine anstrengende Kindheit. Deine Eltern waren schwer erziehbar - und zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse haben sie dich sonntags auf endlose Wanderungen durch die öden Weiten Südniedersachsens und anschließend mit in die Kirche geschleppt, wo du deinen kleinen Kinderpopo auf harten Holzbänken mürbe sitzen musstest. Und von Tante Käthe bekamst du immer diese selbstgestrickten, kratzigen Wollpullover. Ganz zu schweigen von der Folter, im elterlichen Wohnzimmer mit Roland Kaiser, Uriah Heep oder Vivaldi beschallt zu werden, bis dir fast die Ohren abgefallen sind. Da war so viel Wut, so viel Hass und Verzweiflung in deiner kleinen Kinderseele. Am Liebsten wolltest du sie achtsam morden. Oder bewusst lynchen. Doch das wagtest du nicht. Du warst einfach zu jung, zu abhängig und du brauchtest das Taschengeld ...
Durch deine restriktive Erziehung hast du erfahren: An dir ist irgendwas grundsätzlich nicht in Ordnung. Und das stimmt. Ich meine, das stimmt: Scheiß-Erziehung, sowas!
Weit besser für deine Entwicklung wäre ein umgekehrtes Fürsorgeverhältnis gewesen: Kinder erziehen ihre Eltern. Wir alle zahlen einen hohen Preis für unser Abhängigkeitsverhältnis zu unseren Eltern und Respektspersonen: Wir unterwerfen uns, vermeiden oder überkompensieren.
Und wenn wir uns als Erwachsene mal ehrlich im Spiegel betrachten, sehen wir nur den biederen Bürohengst, eine vorgealterte, untervögelte Hausfrau oder den Hulk im Fitness-Studio, der nicht die hellste Kerze am Kronleuchter ist. Da widmet man sich doch lieber den unreiferen inneren Anteilen, wie seinem inneren Kind. Bis zu einem gewissen Grad ist es normal und gesund, unliebsamen Persönlichkeitsanteilen aus dem Weg zu gehen. Und sich trotzdem für den/die Größten zu halten.
Die Koordinaten der Landkarte unserer Seele sind gar nicht so kompliziert, wie psychologisch ausgebildete Autoren dich glauben machen wollen. Vertrau mir: Gestern hast du noch tief in den Abgrund deiner Seele geschaut. Mit mir bist du bereits einen Schritt weiter:
Du brauchst keine Menschen wie deine Eltern mehr, die dich gezwungen haben, Sonntags Rostbraten mit Klößen zu essen – oder Fachleute, die dir unentwegt erzählen, was du alles falsch machst und wie es besser geht.
Um dein inneres Kind hochleben zu lassen, rate ich zu ungebremster Bedürfnisbefriedigung: Tu  hemmungslos alles, was objektiv unklug ist und was du später mit Sicherheit bereuen wirst. Wenn  du es richtig machst, führt dich dein Weg schnurstracks in den Stuhlkreis einer Selbsthilfegruppe, wo du dir solche Fragen stellen darfst: Wie konnte ich nur? Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Hab kindlich anmutende Wutausbrüche. Das wird dir den Respekt und die Wertschätzung deiner Freunde einbringen. Mäkle im Restaurant oder bei Einladungen penetrant am Essen herum, finde im Urlaub prinzipiell alles doof oder gähne laut in der Oper, bis deine Kieferknochen knacken. Mach deiner Freundin eine unberechtigte, eifersüchtige Szene, dass selbst Rumpelstilzchen vor Neid erblassen würde. Lass deinen Hasstiraden auch im Büro freien Lauf, nenne deinen Chef einen reaktionären Arsch, deine Chefin eine Milf mit Menstruationshintergrund. Auch trotzige Kündigungen sind eine vielbefahrene Sackgasse, die du nicht auslassen solltest. Aber geh nicht, bevor du nicht: „Dafür räche ich mich!“ an die Hauswand deiner Ex-Firma gepinselt hast.
Ärger, Wut und Trotz sind wunderbar unreife Zustände deines inneren Kindes, die dich auch im Winter warm und durchblutet halten. Solltest du jedoch zu Bluthochdruck neigen: Mach aus jeder narzisstischen Kränkung gleich eine Depression. Und das möglichst Öffentlichkeitswirksam: „Kevin allein mit einer Familienpackung Prozac zu Haus“ wird sich niemand ansehen. Geh lieber raus und unter Leute: Dein verletztes, inneres Kind braucht Publikum. Leide öffentlich. In Talkshows, Arztpraxen, Social Media, beim Friseur ... generiere Aufmerksamkeit. Heule Rotz und Wasser vor deiner Webcam, mach Selfies von halbherzigen Suizidversuchen, beweise der Welt, wozu du fähig bist, wenn du keine Likes erhältst!
Wenn dein inneres Kind ganz groß rauskommen will: Erfinde eine traurige Geschichte, zum Beispiel vom Mobbing-Opfer. Mit ein wenig Mühe wird sich schon jemand finden, der dich in der Kindergartenzeit „fette Kuh“ genannt oder: „Geh weg, du stinkst!“, gerufen hat.
Falls du besonders cool rüber kommst, kannst du damit sogar Geld verdienen: Nenn dich „Comedian“ und mobbe öffentlich jene, die früher über dich gelacht haben, als du mit deinen Eltern und dem Wachtturm in der Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick gestanden hast. Jetzt machst du andere gnadenlos im TV und Internet fertig, Tschakka!
Hab endlich den Mut, dich lächerlich zu machen. Hopse volltrunken im kurzen Röckchen und ohne Höschen über die Schinkenstraße am Ballermann. Mit Mitte sechzig.
Geh mal aus dir heraus, mach dich locker und stöckele auf High Heels, mit hautenger Latexklamotte und Strapsen ins Büro. Wenn du der Chef bist.
Oute dich als Menschenfresser, Ziegenliebhaber oder Schlagerfan. Hauptsache, du schockierst. Dein inneres Kind wird jubeln und sich endlich beachtet fühlen. Denke stets daran: Deine Gefühle, Bedürfnisse, Obsessionen sind nichts Peinliches. Wenn man sich selbst zur pompösen oder pornorösen Kunstfigur macht.
Apropos Kohle: Du hast nun ein ungefähres Gefühl dafür, was in dir schlummert. Dank meiner wunderbaren, universell anwendbaren Tipps: Kauf! Mein! Buch!
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PaulaSam
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BeitragVerfasst am: 19.03.2022 13:00    Titel: Antworten mit Zitat

Okay, dann schau ich mal, ob ich dir helfen kann, den Diamanten noch etwas zu polieren. Ganz besonderen Wert lege ich darauf, möglichst alles Überflüssige zu streichen, um die Wirkung zu erhöhen. Meine Vorschläge sind aber nur das - Vorschläge. Du musst sie also nicht übernehmen, aber manchmal erkennt man auch neue Fade, wenn man sie andere beschreiten sieht.
(Ich habe der Einfachheit halber meine Anmerkungen in Grün in deinen Originaltext eingefügt.)

Miss Purple hat Folgendes geschrieben:

Bearbeitete Fassung

2. Dein inneres Kind ist nicht hochbegabt – was tun?

Es ist nie zu spät, sich kindisch zu benehmen. Höre nicht auf Wie jene Autoren, die dir suggerieren wollen, dein inneres Kind sei zwar kreativ, aber unvernünftig. Daher solltest du es liebevoll führen, leiten und an die Hand nehmen, um sein Potenzial zu entwickeln … Alles Unsinn: Dein inneres Kind gehört nicht in den Kindersitz auf die Rückbank deines Lebensgefährts (Ich denke, "Kindersitz" sagt schon genug, damit man weiß, was gemeint ist.), lass es endlich nach vorne, ans Steuer! (besser wäre: ... nach vorn ans Steuer!")Hier Absatz mit Leerzeile?

Ich nehme dich jetzt mit auf eine Reise zu dir selbst, in Gefilde, die du bis jetzt weder erahnt, geschweige denn für möglich gehalten hättest hast: Du hast ein reicheres Innenleben, als mit nur einem schwer erziehbaren Kind, glaube mir. (Dieser Satz erscheint unlogisch. Vielleicht so: Dein Innenleben ist weit mehr, als nur ein schwer erziehbares Kind, glaube mir.) Frohlocke, tanze deinen Namen und hüpfe in deine Inneres-Kind-gerechte Zukunft, denn du bist viele: Der kleine Narzisst, das kleine Arschloch, die kleine Dumpfbacke, das kleine Monster, der kleine Honk, die kleine Hexe ... und andere. (hier vielleicht einfach: und, und, und.
Zunächst müssen wir uns jenen nähern, die mit ihrer verborgenen Dynamik den dunklen Schatten werfen der Gefangenschaft auf dein,   bis jetzt eingemauertes und gefangen gehaltenes inneres Kind werfen: Deine Eltern.
Ich weiß, das klingt hart. Es ist sicher schwer, sein Leben zu meistern, wenn man so gar keine Idee davon hat, wer man wirklich ist. Aber sind die inneren Muster erst einmal verstanden, kann man sie leichter leicht erbrechen. Pardon: durchbrechen. Absatz mit Leerzeile?

Du hattest eine anstrengende Kindheit. Deine Eltern waren schwer erziehbar - und zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse haben sie dich sonntags auf endlose Wanderungen durch die öden Weiten Südniedersachsens und anschließend mit in die Kirche geschleppt, wo du deinen kleinen Kinderpopo auf harten Holzbänken mürbe sitzen musstest. Und von Sie zwangen dich, Tante Käthes bekamst du immer diese selbstgestrickten, kratzigen Wollpullover zu tragen. Ganz zu schweigen von der Folter, im elterlichen Wohnzimmer mit Roland Kaiser, Uriah Heep oder Vivaldi beschallt zu werden, bis dir fast die Ohren abgefallen sind. Da war so viel Wut, so viel Hass und Verzweiflung in deiner kleinen Kinderseele. Am Liebsten wolltest du sie achtsam morden. Oder bewusst lynchen. Doch das wagtest du nicht. Du warst einfach zu jung, zu abhängig - und du brauchtest das Taschengeld ... (Hier dann einfach Punkt.)
Durch deine restriktive Erziehung hast du erfahren: An dir ist irgendwas grundsätzlich nicht in Ordnung. Und das stimmt. Ich meine, das stimmt: Scheiß-Erziehung, sowas! (Hier erschließt sich der Sinn für mich nicht. Es stimmt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist, oder dass grundsätzlich etwas nicht in Ordnung ist, nämlich meine Erziehung? Vielleicht so: Es stimmt, es ist etwas nicht in Ordnung. Deine Scheiß-Erziehung!)
Weit besser für deine Entwicklung wäre ein umgekehrtes Fürsorgeverhältnis gewesen: Kinder erziehen ihre Eltern. Wir alle zahlen einen hohen Preis für unsere Abhängigkeitsverhältnis zu unseren von Eltern und Respektspersonen: (Einfach Punkt. Doppelpunkt kommt zu häufig.) Wir unterwerfen uns, vermeiden oder überkompensieren. (Kein Zeilenumbruch.) Und wenn wir uns als Erwachsene mal ehrlich im Spiegel betrachten, sehen wir nur den biederen Bürohengst, eine vorgealterte, untervögelte Hausfrau oder den Hulk im Fitness-Studio, der nicht die hellsten Kerzen am Kronleuchter isthat. Da widmet man sich doch lieber seinem den unreiferen unreifen, inneren Anteilen, wie seinem inneren Kind. Bis zu einem gewissen Grad ist es normal und gesund, unliebsamen Persönlichkeitsanteilen aus dem Weg zu gehen zu ignorieren. (Kein neuer Satzanfang.) Und sich trotzdem für den/die Größten zu halten. (Absatz mit Leerzeile?)

Die Koordinaten der Landkarte unserer Seele sind gar nicht so kompliziert, wie psychologisch ausgebildete (geschulte?) Autoren dich glauben machen wollen. Vertrau mir: (Kein Doppelpunkt nötig, einfach mit Komma anfügen und mit neuem Satz "Gestern hast ..." weiter.) Gestern hast du noch tief in den Abgrund deiner Seele geschaut. Mit mir bist du bereits einen Schritt weiter: (Einfach Punkt.)
Du brauchst keine Menschen wie deine Eltern mehr, die dich gezwungen haben, Sonntags Rostbraten mit Klößen zu essen – (Hier vielleicht eher "..." oder neuen Satzanfang, denn es soll ein Pause suggeriert werden, die den nachfolgenden Satz heraushebt.) oder Fachleute, die dir unentwegt erzählen, was du alles falsch machst und wie es besser geht du es machen musst.
Nein, um dein inneres Kind hochleben zu lassen, rate ich zu ungebremster Bedürfnisbefriedigung: (Einfach Punkt.) Tu  hemmungslos alles, was objektiv unklug ist und was du später mit Sicherheit bereuen wirst. Wenn  du es richtig machst, führt dich dein Weg schnurstracks in den Stuhlkreis einer Selbsthilfegruppe, wo du dir solche Fragen stellen darfst wie: Wie konnte ich nur? Was habe ich mir nur dabei gedacht? (Kein Zeilenumbruch, es ist ja ein Aufzählung.) Hab kindlich anmutende Wutausbrüche. Das wird dir den Respekt und die Wertschätzung deiner Freunde einbringen. (..., die dir den Respekt ... einbringen.) Mäkle im Restaurant oder bei Einladungen in der Öffetnlichkeit penetrant am Essen herum, finde im Urlaub prinzipiell alles doof oder gähne laut in der Oper, bis deine Kieferknochen knacken. Mach deiner Freundin (..., deinem Freund) eine  unberechtigte,eifersüchtige Szene, dass selbst Rumpelstilzchen vor Neid erblassen würde. Lass deinen Hasstiraden auch im Büro freien Lauf, nenne deinen Chef einen reaktionären Arsch, deine Chefin eine Milf mit Menstruationshintergrund. Auch trotzige Kündigungen sind eine vielbefahrene Sackgasse, die du nicht auslassen solltest. Aber geh nicht, bevor du nicht: (Kein Doppelpunkt oder Punkt. Es folgt nur ein in Anführungszeichen gefasstes Zitat.) „Dafür räche ich mich!“ (Anderer Vorschlag: "Ihr könnt mich alle. Rache ist Blutwurst!") an die Hauswand deiner Ex-Firma gepinselt hast. (Absatz mit Leerzeile?)

Ärger, Wut und Trotz sind wunderbar unreife Zustände deines inneren Kindes, die dich auch im Winter warm und durchblutet halten. Solltest du jedoch zu Bluthochdruck neigen: (Komma statt Doppelpunkt.) Mach aus jeder narzisstischen Kränkung gleich einfach eine Depression. (Komma statt Punkt) Und das möglichst Öffentlichkeitswirksam: (Punkt statt Doppelpunkt.) „Kevin allein mit einer Familienpackung Prozac zu Haus“ wird sich niemand ansehen. (Was würden sich die Leute stattdessen ansehen? Biete ein entgegensetztes Beispiel.) Geh lieber raus und unter Leute: (Hier Komma oder Punkt statt Doppelpunkt.) Dein verletztes, inneres Kind braucht Publikum. (Ausrufezeichen?)Leide öffentlich. In Talkshows, Arztpraxen, Social Media, beim Friseur ... generiere Aufmerksamkeit. Heule Rotz und Wasser vor deiner Webcam, mach Selfies von halbherzigen Suizidversuchen, ("und" statt Komma?) beweise der Welt, wozu du fähig bist, wenn du keine Likes erhältst! (Hier braucht es kein Ausrufezeichen, da das andere dann auch mit Ausrufezeichen hätte stehen müssen, was aber unschön aussähe. Deshalb lieber zur Einleitung vor der Aufzählung ein Ausrufetzeichen.) (Kein Zeilenumbruch.) Wenn dein inneres Kind ganz groß rauskommen will: Erfinde soll, erfinde eine traurige Geschichte, (Hier dann kein Komma, sondern neuer Satz.) zum Beispiel vom Mobbing-Opfer. Mit ein wenig Mühe wird sich schon jemand finden, der dich in der Kindergartenzeit „fette Kuh“ genannt oder: (Kein Doppelpunkt, denn es folgt wiederum ein Zitat.) „Geh weg, du stinkst!“ (da "gerufen" schon genug sagt, braucht es kein Extra-Ausrufezeichen.), gerufen hat.
Falls du besonders cool rüber kommst, kannst du damit sogar Geld verdienen: (Punkt statt Doppelpunkt.) Nenn dich „Comedian“ und mobbe öffentlich jene, die früher über dich gelacht haben, als du Passanten mit zusammen mit deinen Eltern und dem den Wachtturm in der Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick gestanden aufgedrängt hast. Jetzt machst du andere gnadenlos im in TV und Internet fertig, Tschakka! (Absatz mit Leerzeile?)

Hab endlich den Mut, dich lächerlich zu machen. Hopse volltrunken im kurzen Röckchen und ohne Höschen über die Schinkenstraße am Ballermann. Mit Mitte sechzig. (Den in Klammern setzen oder als Nebensatz anfügen mit "wenn du"/"erst recht wenn du"?)(Kein Zeilenumbruch.) Geh mal aus dir heraus, mach dich locker und stöckele auf High Heels, mit (kein Komma und "in".) hautenger Latexklamotte und Strapsen ins Büro. Wenn du der Chef bist. (kein Zeilenumbruch)Oute dich als Menschenfresser, Ziegenliebhaber oder Schlagerfan. Hauptsache, du schockierst. Dein inneres Kind wird jubeln und sich endlich beachtet fühlen. Denke stets daran: Deine Gefühle, Bedürfnisse, Obsessionen sind nichts Peinliches. Wenn man sich selbst zur pompösen oder pornorösen Kunstfigur machtgemacht hat.
Ach, apropos Kohle: (Punkt oder besser noch Komma statt Doppelpunkt.) Du hast nun ein ungefähres Gefühl dafür, was in dir schlummert. Dank meiner wunderbaren, universell anwendbaren Tipps: (Punkt  statt Doppelunkt. Oder Komma und dann weiter wie folgt.) Also ... (Absatz mit Leerzeile)

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LG Sam
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 19.03.2022 14:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ah, @PaulaSam, wie schön: Bin gerade im Überarbeits-Modus, das passt ausgezeichnet, hebe schon einige sehr hilfreiche Streichungen gefunden ...
gib mir ein paar Tassen Kaffee Zeit, ich mache mich gleich ans Werk Cool
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 19.03.2022 15:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So. Habe fertich. Und bedanke mich ganz, ganz herzlich bei der reizenden, kongenialen Lektorin @PaulaSam für Ihre Anregungen, Tipps und kleine Ellenbogenkicks. Laughing
Dafür gibt`s von mir hundert Punkte und einen Gutschein für gleiche Mühen und Textarbeit bei einem Deiner Texte, falls gewünscht oder erforderlich. Einfach per PN Bescheid sagen ... und ich haue sofort in die Tasten.
I am proudly present: Eine Co-Überarbeitung von @PaulaSam&Miss Purple (Trommelwirbel):


Zweite Überarbeitung


2. Dein inneres Kind ist nicht hochbegabt – was tun?



Es ist nie zu spät, sich kindisch zu benehmen. Höre nicht auf jene Autoren, die LeserInnen suggerieren, ihr inneres Kind sei wahnsinnig kreativ, aber unvernünftig. Daher solltest du es liebevoll führen, um sein Potenzial zu entwickeln … Alles Unsinn: Dein inneres Kind gehört nicht in den Kindersitz, lass es endlich ans Steuer!
Ich nehme dich jetzt mit auf eine Reise zu dir selbst, in Gefilde, die du bis jetzt weder erahnt, geschweige denn für möglich gehalten hast: Du hast ein reicheres Innenleben, als nur ein schwer erziehbares Kind, glaube mir. Frohlocke, tanze deinen Namen und hüpfe in deine Inneres-Kind-gerechte Zukunft, denn du bist viele: Der kleine Narzisst, das kleine Arschloch, die kleine Dumpfbacke, das kleine Monster, der kleine Honk, die kleine Hexe ... und, und und.

Zunächst wollen wir uns jenen zuwenden, die bis heute mit ihrer verborgenen Dynamik dunkle Schatten der Gefangenschaft auf dein, bis jetzt eingemauertes, inneres Kind geworfen haben: Deine Eltern.
Ich weiß, das klingt hart. Es ist sicher schwer, sein Leben zu meistern, wenn man so gar keine Idee davon hat, wer man wirklich ist. Aber sind die inneren Muster erst einmal verstanden, kann man sie leicht erbrechen. Pardon: ... durchbrechen.

Du hattest also eine anstrengende Kindheit. Deine Eltern waren schwer erziehbar … und zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zwangen sie dich, sonntags auf endlose Wanderungen durch die öden Weiten Südniedersachsens und anschließend schleppten sie dich mit in die Kirche, wo du deinen kleinen Kinderpopo auf harten Holzbänken mürbe sitzen musstest. Und von Tante Käthe bekamst du immer diese selbstgestrickten, kratzigen Wollpullover. Ganz zu schweigen von der Folter, im elterlichen Wohnzimmer mit Roland Kaiser, Uriah Heep oder Vivaldi beschallt zu werden, bis dir fast die Ohren abgefallen sind. Da war so viel Wut, so viel Hass und Verzweiflung in deiner kleinen Kinderseele. Am Liebsten wolltest du sie achtsam morden. Oder bewusst lynchen. Doch das wagtest du nicht. Du warst einfach zu jung, zu abhängig - und du brauchtest das Taschengeld ...
Durch deine restriktive Erziehung hast du erfahren müssen, dass irgendwas an dir grundsätzlich nicht in Ordnung ist. Und das stimmt. Ich meine, das stimmt: Scheiß-Erziehung, sowas!
Weit besser für deine Entwicklung wäre ein umgekehrtes Fürsorgeverhältnis gewesen: Kinder erziehen ihre Eltern. Wir alle zahlen einen hohen Preis für unsere Abhängigkeitsverhältnisse zu Eltern und Respektspersonen: Wir unterwerfen uns, vermeiden oder überkompensieren.

Wenn wir uns später als Erwachsene ehrlich im Spiegel betrachten, sehen wir nur den biederen Bürohengst, eine vorgealterte, untervögelte Hausfrau oder den Hulk im Fitness-Studio, der nicht die hellste Kerze am Kronleuchter ist. Da widmet man sich lieber unreiferen, inneren Anteilen, wie seinem inneren Kind.
Bis zu einem gewissen Grad ist es normal und gesund, unliebsamen Persönlichkeitsanteilen aus dem Weg zu gehen und sich trotzdem für den/die Größten zu halten.
Die Koordinaten der Landkarte unserer Seele sind gar nicht so kompliziert, wie psychologisch  geschulte Autoren dich glauben machen wollen. Vertrau mir, gestern hast du noch tief in den Abgrund deiner Seele geschaut. Mit mir bist du bereits einen Schritt weiter.

Du brauchst keine Menschen wie deine Eltern mehr, die dich gezwungen haben, Sonntags Rostbraten mit Klößen zu essen – oder Fachleute, die dir unentwegt erzählen, was du alles falsch machst und wie du es besser machen sollst.

Um dein inneres Kind hochleben zu lassen, rate ich zu ungebremster Bedürfnisbefriedigung. Tu  hemmungslos alles, was objektiv unklug ist und was du später mit Sicherheit bereuen wirst. Wenn  du es richtig machst, führt dich dein Weg schnurstracks in den Stuhlkreis einer Selbsthilfegruppe, wo du dir solche Fragen stellen darfst: Wie konnte ich nur? Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Hab kindlich anmutende Wutausbrüche. Die werden dir den Respekt und die Wertschätzung deiner Freunde einbringen. Mäkle im Restaurant oder bei Einladungen penetrant am Essen herum, finde im Urlaub prinzipiell alles doof oder gähne laut in der Oper, bis deine Kieferknochen knacken. Mach deinen liebsten Menschen unberechtigte, eifersüchtige Szene, dass selbst Rumpelstilzchen vor Neid erblassen würde. Lass deinen Hasstiraden auch im Büro freien Lauf, nenne deinen Chef einen reaktionären Arsch, deine Chefin eine Milf mit Menstruationshintergrund. Auch trotzige Kündigungen sind eine vielbefahrene Sackgasse, die du nicht auslassen solltest. Aber geh nicht, bevor du nicht „Dafür räche ich mich!“ an die Hauswand deiner Ex-Firma gepinselt hast.

Ärger, Wut und Trotz sind wunderbar unreife Zustände deines inneren Kindes, die dich auch im Winter warm und durchblutet halten. Solltest du jedoch zu Bluthochdruck neigen: Mach aus jeder narzisstischen Kränkung gleich eine Depression, und das möglichst Öffentlichkeitswirksam.
 „Kevin allein mit einer Familienpackung Prozac zu Haus“ wird sich niemand ansehen wollen. Geh lieber raus und unter Leute: Dein verletztes, inneres Kind braucht Publikum. Leide öffentlich. In Talkshows, Arztpraxen, Social Media, beim Friseur ... generiere Aufmerksamkeit. Heule Rotz und Wasser vor deiner Webcam, mach Selfies von halbherzigen Suizidversuchen und beweise der Welt, wozu du fähig bist, wenn du keine Likes erhältst.
Wenn dein inneres Kind ganz groß rauskommen soll: Erfinde eine traurige Geschichte. Beispielsweise vom Mobbing-Opfer. Mit ein wenig Mühe wird sich schon jemand finden, der dich in der Kindergartenzeit „fette Kuh“ genannt oder „Geh weg, du stinkst!“, gerufen hat.

Falls du besonders cool rüber kommst, kannst du damit sogar Geld verdienen. Nenn dich „Comedian“ und mobbe öffentlich jene, die früher über dich gelacht haben, als du zusammen mit deinen Eltern und dem Wachtturm in der Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick gestanden hast. Jetzt machst du andere gnadenlos in TV und Internet fertig, Tschakka!

Hab endlich den Mut, dich lächerlich zu machen. Hopse volltrunken im kurzen Röckchen und ohne Höschen über die Schinkenstraße am Ballermann (mit Mitte sechzig).
Geh mal aus dir heraus, mach dich locker und stöckele auf High Heels, mit hautenger Latexklamotte und Strapsen ins Büro (wenn du der Chef bist).
Oute dich als Menschenfresser, Ziegenliebhaber oder Schlagerfan. Hauptsache, du schockierst. Dein inneres Kind wird jubeln und sich endlich beachtet fühlen. Denke stets daran: Deine Gefühle, Bedürfnisse, Obsessionen sind nichts Peinliches. Wenn man sich selbst zur pompösen oder pornorösen Kunstfigur und Kohle damit machen kann.
Apropos Kohle, nun hast du ein ungefähres Gefühl dafür, was in dir schlummert. Dank  dieser wunderbaren, universell anwendbaren Tipps. Also …
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PaulaSam
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BeitragVerfasst am: 20.03.2022 15:40    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für dein überaus überschwängliches Lob, Miss Purple. Laughing Tatsächlich könntest du mir mit deiner Art zu schreiben bei einem meiner Projekte helfen. Da kann ich mir deine "Tonlage" sehr gut vorstellen. Im Augenblick ruht das Projekt aber. Ich melde mich, wenn ich daran weiterarbeite, okay?

Ich habe die neue Version gelesen. An einigen Stellen wolltest du lieber nicht streichen, was ich schade finde, da ich finde, dass an manchen die Wirkung dadurch geschmälert wird. Doch solange es für dich passt, ist es gut. Ich bin schließlich nicht der Maßstab für die Allgemeinheit.

An einer Stelle stolpere ich aber immer noch heftig.
Zitat:
Durch deine restriktive Erziehung hast du erfahren müssen, dass irgendwas an dir grundsätzlich nicht in Ordnung ist. Und das stimmt. Ich meine, das stimmt: Scheiß-Erziehung, sowas!

Ich kann mir einfach den Ton bzw. die sarkastische Bedeutung nicht ganz vorstellen. Vielleicht bin ich dafür aber auch schon zu alt und der Jugendslang hat mich inzwischen abgehängt. Meintest du sowas wie:

"Durch deine restriktive Erziehung hast du erfahren müssen, dass irgendwas an dir grundsätzlich nicht in Ordnung ist. Und das stimmt leider auch. Nämlich deine Scheiß-Erziehung!"

LG Sam
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 20.03.2022 17:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

"Durch deine restriktive Erziehung hast du erfahren müssen, dass irgendwas an dir grundsätzlich nicht in Ordnung ist. Und das stimmt. Ich meine, das stimmt: Scheiß-Erziehung, sowas!"

Einfach ein ironisch gemeinter Einschub, der wie ein Freudscher Versprecher klingt.


Zit.: @PaulaSamAn einigen Stellen wolltest du lieber nicht streichen, was ich schade finde, da ich finde, dass an manchen die Wirkung dadurch geschmälert wird.

Das ist seltsam, da in der neuen Version nur die Stellen gekürzt wurden, die Du mir vorgeschlagen hast. Klingt blöd, ist aber so Crying or Very sad

Für mich ist es jetzt so stimmig.
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PaulaSam
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BeitragVerfasst am: 22.03.2022 12:34    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, da habe ich mich wohl etwas missverständlich ausgedrück. Ich meinte Streichungen von Duppelpunkten und von ein zwei Adjektiven, wie z. Bsp. "eingemauertes". Genau kann ich jetzt nicht alles aufzeigen, da du die Änderungen nicht markiert hast und ich erst alles Satz für Satz absuchen müsste, wofür mir momentan die Zeit fehlt.

Aber wie gesagt, wenn es für dich passt ... Und das tut es ja.

LG Sam
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 22.03.2022 12:46    Titel: Die Kerze Antworten mit Zitat

Das hat mir nun ausgesprochen gut gefallen, ein Text, der in Bewegung ist.
Man möchte immer weiterlesen, Langeweile kommt keine auf. Nun aber doch eine Frage: Hältst du es für möglich, dass ein Mensch an sich selbst feststellt, dass er nicht die hellste Kerze am Christbaum ist? Schließlich weiß doch der Dumme nie, dass er dumm ist. Oder habe ich das nicht richtig kapiert? Rolling Eyes
Viele Grüße von CLS


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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 22.03.2022 13:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Wenn wir uns später als Erwachsene ehrlich im Spiegel betrachten, sehen wir nur den biederen Bürohengst, eine vorgealterte, untervögelte Hausfrau oder den Hulk im Fitness-Studio, der nicht die hellste Kerze am Kronleuchter ist.


@Christoph Lais Sperl: Niemand sieht im Spiegel wie bieder, untervögelt oder blöd er/sie ist ... äh ... ohne ehrliche, therapeutische [/b] Unterstützung Laughing

Danke für Deinen wohlmeinen Kommentar, den lege ich mir heute Abend unters Kopfkissen und schnuffele daran ...
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John McCrea
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BeitragVerfasst am: 23.03.2022 11:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Miss Purple,

deine zwei Abhandlungen über Persönlichkeitsentwicklung - Ratgeber, den gesellschaftlichen Wahnsinn der statt findet und die patriarchale Gesellschaft liest sich wie ein Aufschrei.
Du entlarvst mit vehementer Sprache den gesellschaftlichen Druck, welcher zur Normierung des Individuums ausgeübt wird und Du rebellierst dagegen.

Du schmeißt alles rein was Du hast, Deine Vitalität, Deine Libido, Deine Bitterkeit, welche in puren Zynismus gipfelt. Du spukst dem Spiegel der Gesellschaft frech in das Gesicht.

Ich möchte daher auch keine Verbesserungsvorschläge zu den Texten machen, sie sollten für sich im Ausdruck stehen bleiben.

Was sind Deine Einflüsse?
Ich frage mich, ob Du Deine Gags oder gar den Text wirklich selber geschrieben hast oder ob Du sie Dir von einer feministischen Gagautorin oder gar einem Autor geliehen hast oder abgeschrieben hast.

Das würde dann allerdings unter das Copyright fallen, sowie unter das Gagschutzgesetz und wäre nicht erlaubt.


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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 23.03.2022 11:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo @John McCrea, ich bedanke mich artig für die Blumen.
Freut mich sehr, dass Dir der (zweimal überarbeitete) Text gefällt.
Die zweite Überarbeitete Version ist die Endversion, weiß leider nicht, wie man die nach oben zieht ... egal, Hauptsache, der Text ist jetzt bearbeitet und kann so bleiben.


Zitat:
Was sind Deine Einflüsse?
Ich frage mich, ob Du Deine Gags oder gar den Text wirklich selber geschrieben hast oder ob Du sie Dir von einer feministischen Gagautorin oder gar einem Autor geliehen hast oder abgeschrieben hast.


Für diese Frechheit des Plagiats-Vorwurf bedanke ich mich nicht.
Im günstigsten Fall möchte ich zu Deinen Gunsten einmal annehmen, dass dies nur ein misslungener Versuch eines Kompliments sein sollte.
Auch wenn`s weh tut: Ich bin wirklich so gut - ganz ohne abschreiben. Wink
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PaulaSam
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BeitragVerfasst am: 23.03.2022 12:55    Titel: Antworten mit Zitat

Mir fürchte,  John McCrea, ich muss Miss Purple rechtgeben. Plagiatsbetrug ist so ziemlich das Schlimmste, was man einem Autor vorwerfen kann. Und das nur, weil er so gut schreibt? Oder gibt es irgendwelche handfesten Indizien/Beweise, die deine Schuldvermutung stützen? Wenn nicht, war deine Anschuldigung höchst unpassend. Warum hast du nicht einfach gefragt, woher sie ihre Ideen und ihr technisches Können für einen solch gelungen Text herhat?

LG Sam
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Miss Purple
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BeitragVerfasst am: 23.03.2022 13:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke @PaulaSam - öffentliche Unterstellungen dieser Art zielen mitten ins Eingemachte, ihre ganze, schäbige Macht liegt nur darin, unliebsame Konkurrenz zu diskreditieren und fernzuhalten. Ich kenne diesen User nicht, habe keine Ahnung, was ihn anficht. Solche Unverschämtheiten möchte ich nicht unkommentiert lassen:
Hier wurde ein Türmchenzerstörer ungezogen.


Ich hätte auf meine Oma hören sollen:
Nicht zu perfekt sein, sonst wird der liebe Gott böse.

Ich verabschiede mich mit einem Zitat von @JohnMcCrea
Zitat:
Du spukst dem Spiegel der Gesellschaft frech in das Gesicht.


Jaou. Laughing
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John McCrea
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BeitragVerfasst am: 23.03.2022 13:20    Titel: Antworten mit Zitat

@PaulaSam
Das war nur eine Frage, keine Unterstellung.


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