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Motion Sickness


 

 
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FaithinClouds
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 150
Wohnort: Südlich vom Norden


BeitragVerfasst am: 01.03.2022 20:23    Titel: Motion Sickness eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Motion Sickness

Du hörst die Wellen eher, als dass du sie siehst. Irgendwo in der Dunkelheit krachen sie gegeneinander.
Wenn du dich unbeobachtet fühlst, hältst du den Atem an.

Jemand sagt etwas zu dir. Du bittest darum, dass er es wiederholt.
„Es ist schön hier oben.“
Du nickst und trinkst von dem Gin. Er lächelt. Du versuchst, zurückzulächeln, aber deine Wangen zittern, als du die Mundwinkel hebst.
„Was hat dich hierher gebracht?“
„Ein dunkles Auto.“
Er lacht. „Woher kennst du Mark?“
„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht.“
„Warum bist du dann hier?“
„Ich hatte keinen Ort, wo ich sonst hingehen konnte.“

Später stehst du in der Küche. Die Panoramafenster spiegeln das Innere des Wohnzimmers. Im Licht der Designerlampen vergisst man beinahe das Meer. Du hörst die englischen Stimmen und fragst dich, wann du zum letzten Mal mit jemandem Swahili gesprochen hast. Eigentlich sprichst du generell wenig mit Leuten, egal in welcher Sprache.
Manchmal kommt es dir vor, als könntest du manche Sachen in einer anderen Sprache nicht so sagen, wie du sie sagen möchtest. Manchmal fragst du dich, ob die Leute glauben, dass du etwas vor ihnen verheimlichst.
Das Kleid, das du trägst, hast du dir nicht selbst gekauft. Du weißt nicht, ob es jemandem auffällt: Die Art, wie du dich in einem Kleid bewegst, das nicht ganz dir gehört. Du fragst dich, ob Dinge dir nur dann gehören, wenn du sie selbst ausgesucht hast.
Ein Schauspieler erzählt dir von seiner neuen Serie. Du tust so, als hättest du sie gesehen, fragst, ob ihm die Sexszenen unangenehm waren (Es gibt immer Sexszenen).
Er lacht. „Nein, am Set ist alles ein bisschen lockerer. Eigentlich sind die Sexszenen die entspannteren.“
„Was ist am anstrengendsten?“
Er denkt nach. „Ohne Wut zu weinen.“
„Das klingt gar nicht so schwer.“

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FaithinClouds
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 150
Wohnort: Südlich vom Norden


BeitragVerfasst am: 05.03.2022 19:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Du verlässt die Palisades in einem Cabrio, dessen Fahrer du bis vor wenigen Stunden noch nicht kanntest. Die Straße ist wie dafür gemacht, um ohne Verdeck zu fahren. Du hebst die Arme halbhoch über deinen Kopf, spürst den Fahrtwind in deinen Haaren. Es fühlt sich an, wie wenn man den Kopf unter Wasser taucht.
Ihr haltet an einer Ampel an. Im Auto neben euch küsst ein grober Kerl seine Beifahrerin und du hoffst, dass der Anblick in deinem Fahrer keine Sehnsucht weckt.
„Wie spät ist es?“, fragst du den Mann, der dich fährt.
Er begegnet deinem Blick. „Bist du müde?“
„Nein, du?“
Er schüttelt den Kopf.
„Wo wohnst du?“, fragst du.
„Fairfax. Und du?“
„Pasadena.“
Er nickt. „Wir können noch zu mir rauf. Es ist nicht weit von hier.“
„Ja“, sagst du. „In Ordnung.“

Seine Wohnung liegt in einer Seitenstraße an der Melrose Avenue. Sie ist klein, aber gut geschnitten. Du sagst es ihm, als er euch zwei Gin Fizz auf der Granitplatte seiner Küchenzeile macht.
Er lacht. „Mit so einer Wohnung bleibt man ewig single.“
Er streckt dir das Glas entgegen. Als du es nimmst, hoffst du, dass er dein Zögern nicht bemerkt hat.
„Seit wann bist du schon hier?“, fragt er.
Du überlegst. „Ein Jahr, anderthalb vielleicht.“
„Ich hab mich immer gefragt, wie es ist, wenn man woanders ganz neu anfängt.“
„Bist du von hier?“
„Ja, geboren und aufgewachsen.“
„Es wirkt nicht so wie ein Ort, wo man gut aufwachsen kann.“
Er lacht. „Ja, ich weiß, was du meinst.“
„Du lachst viel.“
Er sieht dich an. „Zu viel?“
„Ich weiß nicht. Manche Sachen sind für euch anders.“
Er schaut zu Boden. „Ich bin einfach nervös.“
„Warum?“
„Ich hab nicht oft Besuch. Gerade von Frauen - das heißt von Frauen außer meiner Mutter.“
Etwas entgleitet dir, es ist kein Gefühl, sondern eher dessen Auflösung.
Er fragt dich, welche Musik du gerne hörst. Du zuckst mit den Schultern. „Welche, wo man drauf tanzen kann.“

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John McCrea
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 48
Beiträge: 164
Wohnort: OWL


BeitragVerfasst am: 05.03.2022 20:19    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde die Du-Perspektive mal ganz interessant, weiß allerdings nicht, ob ich sie, insbesondere als Frau, viele Seiten durchhalten würde.

Das Szenario, klar, erinnert mich ein wenig an David Lynchs "Mulholland Drive".

Es ist ziemlich sauber geschrieben soweit. Fragt sich, ob Du das auch eine ganze Erzählung durchhalten würdest.

Ganz gute Eingangssituation.


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FaithinClouds
Geschlecht:weiblichLeseratte


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Wohnort: Südlich vom Norden


BeitragVerfasst am: 06.03.2022 15:50    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hey,
 
danke fürs Lesen und das Teilen deiner Meinung. Den Film kannte ich noch gar nicht. Auf dem cineastischen David-Lynch-Auge bin ich auch noch blind, ehrlich gesagt xD

Bezüglich deiner Sorge wegen der Perspektive will ich aber widersprechen. Ich glaube nicht, dass Texte iwie in der dritten oder ersten Person erzählt werden müssen, damit man ihnen folgen kann.
Ich hatte bei einigen Büchern und Kurzgeschichten auch ähnliche Einstellungen, aber die haben sich relativ schnell aufgelöst. Nach ein paar Seiten kommt man schon ganz gut in den Flow.

Die Geschichte wird auch noch fortgesetzt, ich würde mich freuen, wenn du nochmal reinschaust.

Danke fürs Kommentieren und schönen (Rest)Sonntag!
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kioto
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BeitragVerfasst am: 06.03.2022 22:08    Titel: Antworten mit Zitat

Diese Perspektive kenne ich eigentlich nur aus kurzen Retrospektiven.
Generell verwendet wirkt sie auf mich wie eine Larve, die dem Leser übergezogen wird, ob sie passt oder nicht.  Nicht jeder wird das mögen, ich auch nicht.


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Stanislav Lem: Literatur versucht, gewöhnliche Dinge ungewöhnlich zu beschreiben, man erfährt fast alles über fast nichts.
Phantastik beschreibt ungewöhnliche Dinge (leider m.M.) meist gewöhnlich, man erfährt fast nicht über fast alles.

Gruß, Werner am NO-Kanal
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Michel
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BeitragVerfasst am: 07.03.2022 12:46    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe mal ein komplettes Buch in dieser Perspektive gelesen. War anstrengend, aber durchaus interessant. Bräuchte ich nicht immer, aber hier liest sich das für mich stimmig.
Die Ortsbezeichnungen müsste ich googeln, lese das aber als Hollywood: Neue im Zirkel der Stars, evtl. zugewandert (Swahili-Hinweise), ein Gefühl der Fremde und des Nicht-ganz-aber-eben-doch-ausgeschlossen-Seins.
Gefällt mir als knappe Skizze gut.


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FaithinClouds
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BeitragVerfasst am: 07.03.2022 19:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

kioto hat Folgendes geschrieben:
  Nicht jeder wird das mögen, ich auch nicht.


Ist ja auch okay
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FaithinClouds
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BeitragVerfasst am: 07.03.2022 19:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Michel hat Folgendes geschrieben:
Ich habe mal ein komplettes Buch in dieser Perspektive gelesen. War anstrengend, aber durchaus interessant. Bräuchte ich nicht immer, aber hier liest sich das für mich stimmig.


Ja, ich wollte mal was anderes versuchen. Ich finde das auch interessant und habe mich halt auch gefragt, warum man eigentlich immer in erster oder dritten Person schreibt. Ich hab auch versucht, trotzdem eine Distanz zum Leser/zur Leserin aufzubauen, damit er/sie sich nicht voll mit der Hauptfigur identifiziert. Die Hauptfigur soll ja trotzdem zumindest ein bisschen skizziert sein und nicht nur die Gefühle/Deutungen vom Lesenden kanalisieren.

Michel hat Folgendes geschrieben:
Gefällt mir als knappe Skizze gut.


Danke! :D
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kioto
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BeitragVerfasst am: 07.03.2022 21:29    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe lange überlegt, warum mich diese DU Perspektive so abstößt.

Sie klingt nach Befehl.

Der Unterschied wird deutlich beim Vergleich.

"Ich esse den Spinat" - "Du isst den Spinat"


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Michel
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BeitragVerfasst am: 07.03.2022 22:40    Titel: Antworten mit Zitat

Spannend! Mir geht es eher so wie bei Rollenspielen, wenn der Spielleiter erzählt: "Ihr kommt gerade den Weg entlang, als …"
Da fühle ich mich nicht befohlen, sondern jemand übernimmt das Filmen für mich.


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BeitragVerfasst am: 10.03.2022 17:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Tonabnehmer kitzelt den Sound aus dem Schwarz. Wenn du dich konzentrierst, kannst du vergessen, wo du bist. Als du die Augen schließt, bist du irgendwo, wo du nicht sein solltest.
„Was ist?“
„Nichts.“
„Du warst gerade weg.“
„Nein, Quatsch. Ich bin hier. Ich war die ganze Zeit hier.“ Du schlägst die Beine übereinander. Es ist eine Geste, die die Worte beenden soll.
„Ich schwöre, du warst gerade weg.“
„Das bildest du dir ein.“
„Doch wirklich. Es war richtig-“ Er schaut sich im Raum um, als könne er dort das Wort finden, das er sucht. „komisch.“
Du schaust auf deine Füße. Die Schuhe, die du trägst, haben silberne Riemen. Du fragst dich, für wen du sie angezogen hast.
„Du musst nicht hier sein“, sagt er nach einer Weile.
„Was?“
„Du musst das hier nicht aushalten. Ich will nicht, dass du Angst davor hast, was zu sagen. Ich will nicht jemand sein, der andere zum Schweigen bringt.“
Du schaust ihm in die Augen, so lange, dass es peinlich wird, den Blick abzuwenden. „Sorry“, sagst du.
„Wofür?“
„Ich bin nicht gut mit Leuten.“
“Ich auch nicht.”
“Warum hast du mich dann raufgebeten?“
„Ich wollte – na ja, ich wollte einfach nicht allein sein.“ Er schaut zur Wand. „Sorry, ich meine – Es ist spät.“
„Ja.“
„Ich hab gedacht, der Gin würde irgendwas verändern. Ich hab gedacht, ich hätte irgendwann irgendeinen Plan. Dass die Dinge sich von selbst ergeben.“
In deinem Schoß winden sich deine Hände wie ein Tier, das nicht einschlafen kann. Eine feuchte Wärme überzieht deine Schultern mit einem unangenehmen Jucken. Du fragst dich, ob es schon immer so schwer war.

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