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Ein verpfuschtes Leben

 

 
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Rheinsberg
Geschlecht:weiblichécrivaine émigrée

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Bronzenes Messer


BeitragVerfasst am: 10.02.2008 15:45    Titel: Ein verpfuschtes Leben eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

An diesem Morgen wurde ihm klar, daß er sein Leben verpfuscht hatte.

Er hatte die Sonne aufgehen sehen, nach einer durchwachten Nacht. Das helle Licht füllte nun sein Zimmer, spiegelte sich in Glas und Metall der modernen Einrichtung. Alles sprach von Geld, viel Geld. Sein zerknitterter Armani-Anzug, seine goldene Armbanduhr, die Batterie von Pflegemitteln auf der Spiegelkommode, der weiße, flauschige Teppich auf dem Parkettboden. Durch die Glaswand sah man die ganze Stadt in einem wundervollen Panorama ausgebreitet.

Er hatte alles. Und doch nichts mehr. Sie war fort. Er hatte es nicht bemerkt, wie sie sich langsam innerlich von ihm zurückzog. Zu beschäftigt damit, mehr und mehr Geld zu scheffeln, hatte er sich damit begnügt, ihr teure Dinge zu kaufen, sie in einen kunstvollen Rahmen zu stellen, sie als Schmuckstück vorzuführen.

Da lag ihr Brief – eine Abrechnung, die in der Bilanz nur rote Zahlen ergab. Die vielen Stunden, die sie alleine gewesen war, die vielen Male, wo er sie wie ein Beutestück vorgeführt hatte, angemalt und verkleidet, bis sie sich selbst nicht mehr erkannt hatte. Die Stunden, die er mit Telefonieren verbracht hatte, ohne auf ihre Worte zu achten, die Abende, wo er zwischen Arbeit und Schlaf sie doch wieder alleingelassen hatte in seinem Bestreben, schnell noch etwas Leben in diese kurze Zeit hereinzupressen – oder doch das, was er unter Leben verstand.

Sie schrieb auch, was ihm noch gar nicht aufgefallen war. Die Tage, die sie alleine im Krankenhaus bei seiner Mutter gesessen hatte, bis zu deren Tod. Die Geschwister, denen er oft mit Geld half, von denen er kaum wusste, wo sie waren und was sie taten – nach der Beerdigung hatte er sie nicht mehr gesprochen.

Freunde? Er grub in seiner Erinnerung. Thomas – auch den hatte er seit Jahren nicht gesehen. Sebastian, den rief er doch manchmal an, wann war nur das letzte mal gewesen?

Sie hatte versucht, ihn zu warnen, in seinem Gedächtnis fanden sich kurze Sätze, Bitten um Aufmerksamkeit, die er alle ignoriert hatte. Ungeduldig war er geworden, wenn sie insistierte, sich gegen seine Planungen wehrte, noch gröber, wenn sie von einer Auszeit für ihn von seinen Geschäften sprach, oder von dem Kind, das sie sich wünschte. Später, hatte er gedacht, dafür habe ich jetzt keine Zeit, das kann ich mir nicht leisten.

Und nun? Sie hatte dies alles aufgelistet, den Brief auf den Glastisch gelegt, mit ihren Wohnungsschlüsseln beschwert. Ordentlich daneben lagen Fahrzeugpapiere und Schlüssel des neuen Sportwagens, den er ihr zum letzten Geburtstag gekauft hatte.

„Du hast nie wissen wollen, wer ich wirklich bin, was ich denke, fühle. Ich hätte denken können, dass ich vielleicht nur die falsche Frau für dich sei, aber du hast das gleiche mit deiner Mutter gemacht, mit deiner Familie, mit deinen Freunden. Du bist kein Mensch, nur eine Maschine.“

Er war wütend geworden, als er das las, hatte das Papier zerknüllt, an die Wand geworfen – dann wieder geholt, glatt gestrichen, wieder und wieder gelesen. Es duftete nach Rosenöl – ihrem Lieblingsparfüm, was er so gar nicht mochte. Immer wieder hatte er versucht, es durch eine der teuren Marken zu ersetzen. Da aber war er bei ihr gescheitert, diesen winzigen Punkt hatte sie für sich behalten wollen. Der leichte Duft zog noch durch den Raum – als wäre sie nur kurz hinausgegangen, als bräuchte er nur zu warten, dass sie wieder käme.

Doch das war vorbei. Sie war fort gegangen, dorthin, von wo noch niemand wiedergekommen ist.
Er hatte ihr nie gesagt, wie sehr er sie liebte.


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"Write what should not be forgotten…" Isabel Allende

"Books are written with blood, tears, laughter and kisses. " - Isabel Allende

"Die größte Gefahr ist die Selbstzensur. Dass ich Texte zu bestimmten Themen gar nicht schreibe, weil ich ahnen kann, welche Reaktionen sie hervorrufen." - Ingrid Brodnig
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Gabi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

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Wohnort: Köln


BeitragVerfasst am: 10.02.2008 16:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rheinsberg!
Dieses Stück gefällt mir am besten, von dem was ich bisher von dir gelesen habe. Von meiner Seite aus gibt es nichts zu meckern.

L.G.
Gabi


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Gast







BeitragVerfasst am: 10.02.2008 16:36    Titel: Antworten mit Zitat

He, das funktioniert ja mit den Schreibübungen! Ich bin begeistert.  Very Happy

Jetzt müßten außer Deinem Text und meinem noch mehr kommen, damit man vergleichen kann. Wer zum Schluß dann das Bienchen kriegt. Wink Da ich die Übung vorgegeben habe, laufe ich natürlich nicht mit. Es wäre dann Aufgabe des Gewinners, die nächste Übung vorzugeben, usw.

Deine Geschichte ist prima!

Liebe Grüße
Angela
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Rheinsberg
Geschlecht:weiblichécrivaine émigrée

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Bronzenes Messer


BeitragVerfasst am: 10.02.2008 16:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke euch beiden. Ihr seht mich verblüfft, weil ich das eigentlich für den zweitschwächsten Text halte, den ich je hier eingestellt habe. Der schwächste hat, zu meinem Entsetzen, sogar eine Wertung bekommen. Bin ich bei mir selbst so voreingenommen?

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Gast







BeitragVerfasst am: 10.02.2008 16:45    Titel: Antworten mit Zitat

Das bist Du ganz bestimmt. Geht mir auch so. Abgesehen davon, daß man seine eigenen Texte nie für wirklich gut hält, geht man eben nicht aus der reinen Leserposition an die Texte heran. Man ist seinen eigenen Texten gegenüber immer voreingenommen. Manche halten alles, was sie schreiben, für genial, die meisten aber sind sich selbst gegenüber überkritisch. Man muß das Urteil wirklich den Lesern überlassen, auch wenn man es manchmal nicht versteht. Smile

Liebe Grüße
Angela
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Brynhilda
Felix Aestheticus

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Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) - Zum 200. Geburtstag
BeitragVerfasst am: 10.02.2008 16:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rheinsberg!

Dein Text gefält mir sehr, und abgesehen von deiner Selbstbeurteilung finde ich, daß er sehr gut geschrieben ist.

Er erinnert mich stilistisch sogar ein wenig - aber nur ein wenig - an Elke Heidenreich.
Das ist der Fluß der Reflexion, der diese Assoziationen bei mir auslöst.

Und abschließend will ich noch erwähnen, daß ich keinen Rechtschreibfehler entdecken kann.
Das ist exzellent.

Viele Grüße,
Ilka/Brynhilda
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Rheinsberg
Geschlecht:weiblichécrivaine émigrée

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Bronzenes Messer


BeitragVerfasst am: 10.02.2008 17:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ilka, danke. Du siehst mich sprachlos.

Fehler: das wäre mir auch echt peinlich, ich habe einfach schon zuviele Korrekturen gelesen, als dass mir sowas passieren dürfte - na ja, vom Tippfehler mal abgesehen.


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"Write what should not be forgotten…" Isabel Allende

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Gast







BeitragVerfasst am: 10.02.2008 17:10    Titel: Antworten mit Zitat

Jetzt würde ich mir wünschen, daß die Schreibübungen zusammengefaßt würde, also erst einmal meine Vorgabe und Dein Text ... und dann die anderen Texte, die hoffentlich noch kommen.

Liebe Grüße
Angela
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Elvis Brucelee
Autor

Alter: 48
Beiträge: 768



BeitragVerfasst am: 10.02.2008 17:11    Titel: Antworten mit Zitat

Angela hat Folgendes geschrieben:
Jetzt würde ich mir wünschen, daß die Schreibübungen zusammengefaßt würde, also erst einmal meine Vorgabe und Dein Text ... und dann die anderen Texte, die hoffentlich noch kommen.

Liebe Grüße
Angela


Ja bitte, das verwirrt nämlich.
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Gabi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

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Wohnort: Köln


BeitragVerfasst am: 10.02.2008 17:37    Titel: Antworten mit Zitat

Schreibübungen? Wo sind die denn zu finden? Rolling Eyes

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Enfant Terrible
Geschlecht:weiblichalte Motzbirne

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Beiträge: 10334
Wohnort: München


Ein Fingerhut voller Tränen - Ein Gedichtband
BeitragVerfasst am: 10.02.2008 17:39    Titel: Antworten mit Zitat

In der Rubrik "Verbesserungsvorschläge", da hat Angela zuvorkommend einen Fred gestartet.

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"...und ich bringe dir das Feuer
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ASP

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"Deine Sprache ist so saftig, fast möchte man reinbeißen." © Hallogallo
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