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Damals in Barcelona


 

 
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percaperca
Schneckenpost


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Wohnort: Weilheim


BeitragVerfasst am: 13.01.2022 12:17    Titel: Damals in Barcelona eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Er schätzte das Mädchen auf Anfang zwanzig, das von der gut 300 Meter entfernten Felsküste bis zu dem flachen, glatten Riff geschwommen kam, auf dem er mit seinem Handtuch in der Spätnachmittagssonne lag und in seinen Notizen blätterte.

Er schob die Sonnenbrille auf seinen blonden Schopf und sah zu, wie sie sich die schräge Felsplatte hinaufstemmte, sich dann aufrichtete und die Nässe aus den halblangen, brünetten Haaren schüttelte, groß, schlank, ein ebenmäßiges Gesicht mit einem schönen Mund und hohen Wangenknochen darüber.

„Hello“, sagte sie.

Er legte den Bleistift weg, an dem er gekaut hatte, und stand auf. „Hallo!“, gab er mit seiner tiefen Stimme zurück. Als das Mädchen sah, wie groß und wie athletisch gebaut er war, blieb es erschrocken auf der Stelle stehen und schien gleich wieder umkehren zu wollen. „Don’t be afraid“, sagte er rasch. „I’m nothing but a friendly sort of pitecanthropus erectus. Nobody will harm you on this peaceful island.”

Das Mädchen lachte, setzte sich vor ihn hin, nahm ihr Haar nach vorn und drückte das Wasser heraus. „I didn’t realize you were such a big one when I saw you from the distance“, sagte sie mit einem schwachen, slawischen Akzent in der Altstimme.
 
“You are searching for little boys only?”

„No!“ Sie lachte wieder und zeige dabei ein perlweißes, ebenmäßige Gebiss. „No, I just wanted to get the same view back to Spain as you.”  Sie deutete auf sein Heft und auf den Stift. “Are you a writer?“ Sie musterte ungeniert seine Aufzeichnungen. “Sind Sie Deutscher?”

“Ja. Und Sie? Tschechin?”

“Nein. Ich komme aus Leipzig, bin aber in Russland geboren.“
 „Woher können Sie so gut Deutsch?“

„Meine Mama ist Deutsche; mein Papa ist Russe. Aus St. Petersburg. Ich studiere in Berlin. Und was machen Sie hier?“

„Ich stamme aus Bern und bin Unterwassermann. Was studieren Sie denn?“

„Biologie. Eigentlich möchte ich Meeresbiologin werden, aber es ist wohl schwierig, damit später so viel Geld zu verdienen, dass man am Leben bleiben kann. Was ist das, ein ‚Unterwassermann‘?“

„Das ist einer, den es schon als Kind immer unter Wasser gezogen hat und der da nicht mehr herausgekommen ist. Der Tierarzt wurde und sich eingebildet hat, kranke Walfische wieder gesund machen zu können, jetzt aber herauskriegen soll, warum die Renken in den Oberbayerischen Seen plötzlich nicht mehr wachsen wollen.“

Das Mächen sah ihn mit großen, blauen Augen an. „Was machen Sie dann hier in Barcelona? Urlaub?“
        
„Ich war mit einem Paper bei einem Kongress in Madrid. Jetzt bleib ich hier noch einen Tag in der Sonne sitzen, bei den Thun- und Tintenfischen, bis ich nach Haus zurückfahre, in den Herbst und in das Eiswasser des Eibsees hinein.“ Er hielt ihr eine große Hand hin. „Ich heiße Christian. Und Du?“   
Sie gab ihm eine schmale, kühle Mädchenhand. „Ich bin Elena und verdiene hier während der Semesterferien ein bisschen Geld.“

„Geld verdienen? Hier? Als Deutsche oder als Russin? Womit denn?“ Er hatte die langen Beine angezogen und seine muskulösen Arme auf den Knien verschränkt.

Das Mädchen zögerte einen Augenblick. „Hier halten mich alle für eine Russin. Zusammen mit vier anderen, wirklich russischen Mädchen bieten wir zahlenden Gästen Events an.“

„Events? Was denn für Events?“

„Luftballonevents.“

„Luftballonevents? Was ist das? Fliegt ihr damit zusammen mit Euren Gästen über die Stadt und über das Meer?“

Elena lachte. „Nein. Wir blasen Luftballons auf, bis sie explodieren, zertreten, zerdrücken oder zerstechen sie, reiten auf ihnen, bis sie zerplatzen, zerknallen sie mit der Glut einer Zigarette. Dazu gibt es Musik, erst langsam, dann immer schneller und wilder. Es ist wie ein Tanz, wie ein choreografiertes Ballett.“

„Und dann?“

„Das ist alles. Die Gäste dürfen uns dabei nicht berühren, nicht fotografieren oder filmen, sondern nur zugucken. Wir sind bei den Aktionen nicht nackt, sondern tragen Bikinis, Badeanzüge, Kostüme, Latexkleider oder Latexhosen.“
„Und es gibt ein Publikum, das dafür bezahlt?“

Elena lachte wieder. „Es scheint kaum glaublich, aber es sind jedes Mal gut drei Dutzend Kunden, die sich das ansehen und mit erigiertem Penis in der Hose darauf glotzen, was wir machen. Offenbar stimuliert sie das so sehr, was wir mit den Luftballons anstellen, dass man meint, sie müssten am Ende auch zerplatzen. Es sind nur Männer, die dafür bezahlen, dass wir pro Abend ein paar hundert Luftballons knallen lassen, ohne mit der Wimper zucken und so tun, als ob wir dabei die gleiche Wollust empfinden würden wie sie. An uns Mädchen sind sie aber gar nicht interessiert; jedenfalls hat mich noch nie jemand persönlich angesprochen.“

„Hält man das noch für normal?“

„Piotr, der das ganze veranstaltet, sagt, es sei ein Fetisch wie alle anderen; er selbst fahre auch darauf ab. Er geht kameradschaftlich mit uns um und hat noch nie eins von uns Mädchen angefasst. Ich glaube, diese Typen sind gar keine significant others, sondern befriedigen ihre Fantasien mit diesem Gummifetisch. Wir sind nur ein hilfreicher Vektor bei dieser Sache, sonst nichts.“

„Was denkst du und was denken die anderen Mädchen, wenn ihr vor diesem Publikum einen solchen Zirkus aufführt?“

„Am Anfang kommt man sich schon doof vor und stört sich an der Knallerei, aber dann merkt man, dass sich Spannung aufbauen lässt zwischen dem Publikum und uns, mit dem, was wir da machen. Im Endeffekt läuft es nicht viel anders ab als bei jeder Modenschau – die Models ziehen die unmöglichsten Sachen an, bewegen sich elegant und spreizen sich, bis sie fast genauso platzen wie die Ballons.“

„Wie bist du denn zu diesem Zirkus gekommen?“

„Durch eine Freundin. Sie hat mit ihrem Bruder Piotr Miniaturfilmchen für diese Szene gedreht, minutenlange Sequenzen, die man gegen Geld aus dem Internet herunterladen kann. Ich hab auch solche Clips gemacht und Geld dafür bekommen.“
 
„Erotisches Zeug?“

Elena lachte. „Das würde ich nicht so sehen. Es ging dabei immer und ausschließlich um die Luftballons. Du siehst auf den Filmchen nur, wie wir sie, allein oder zu mehreren, gnadenlos so lange quälen, bis auch der letzte zerplatzt ist.“ Sie suchte in Christians Augen nach Zeichen, ob er sie noch ernst nähme, aber er lachte unbekümmert.

„Könnt ihr denn keinen Mann bei diesen Vorstellungen brauchen? Oder kennen Frauen diese  Neigungen nicht?“

„Ich kenne keine. Eine ganze Reihe von Männern aus dem Publikum ist schwul. Sie sagen, sie litten nicht unter ihrer Neigung, sondern zögen sie einer personellen, intimen Beziehung vor. Sie fänden dabei ihre Befriedigung besser und direkter; sie würden dabei, anders als im zwischenmenschlichen Bereich, nie enttäuscht. Ein Luftballon ist wehrlos und lässt fast alles mit sich machen. Bis er mit lautem Knall aufgibt. Dann bläst man sich einen neuen auf.“

„Und Paare? Gibt es Ehepaare, die sich diese Gefühle teilen?“

„Ich glaub nicht. Es sind nur ganz, ganz selten Ehefrauen oder Freundinnen bei den Vorstellungen unter dem Publikum. Sie lachen mit, wenn ihre Männer lachen, aber sexuell stimuliert werden sie ganz bestimmt nicht, da bin ich mir sicher. Sie sind, so sehe ich das, nur mit dabei, weil ihr Partner das möchte. Glasige Augen und eine dicke Hose bekommen während unserer Vorstellungen nur die Männer. Alle, ohne Ausnahme.“

„Wie erträgt ein hübsches, intelligentes Mädchen wie Du diese Augen? Was machen sie aus Dir?“

Elena blickte ihn ein paar Sekunden lang schweigend an.
„Du bist der erste Mann, der mich nach so etwas fragt. Am Anfang hab ich mich geniert und bin mir vorgekommen, als ob ich etwas Unrechtes tue, etwas vorspiegle, was ich gar nicht bin. Aber jetzt sage ich mir, dass ich mich ja nur verstelle wie jede andere auch. Ob als Model oder Schauspielerin, Politiker, Sängerin, Lehrerin oder als Priester: Wir spielen eine Rolle und dürfen nie wir selbst sein. Bezahlt wirst Du vom Publikum nur, wenn es nicht merkt, dass du es täuschst; wenn es dein Spiel mit der Wirklichkeit verwechseln kann. So war es, so ist es, und so wird es auch immer bleiben.“

Christian sah, wie dem Mädchen Tränen in die Augen stiegen. Er rückte an ihre Seite und legte seinen Arm ganz leicht über ihre geraden Schultern. "Stimmt. Das war so, ist so und wird auch so bleiben. Aber mit ein bisschen Glück kannst Du doch mal an jemanden kommen, der gleichzeitig bereit ist, Dich als das wahrzunehmen und zu akzeptieren, was du wirklich bist. Aber das braucht Zeit, Einfühlungsvermögen und, vor allem, die Bereitschaft, Unterschiede nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Bereicherung. Unterschiede können das Schwarzweiß Deines Innenlebens farbig machen, wenn Du es nur zulässt. Aber das ist mühsam. Manchmal glaubst Du, durch die Brandung gekommen zu sein und gerätst doch noch an die Klippe, die unter Wasser deinen Schiffsboden von vorn bis hinten aufreißt.“

„Aber so muss es doch nicht immer sein, oder?“

„Die Frage kannst du erst am jüngsten Tag stellen, Elena. Am besten fragst Du das die abgesoffenen Passagiere der ‚Titanic‘, die wissen am besten Bescheid.“

Er wollte seinen Arm wieder von dem Mädchen nehmen, aber sie hielt seine Hand fest. „Was müsste ich tun oder sein, dass Du mich noch ein bisschen länger im Arm hältst?
 
„Dafür gibt’s keinen Preis, Elena. Wenn überhaupt, bekommst du echte Zuwendung immer umsonst. Wenn du etwas dafür bezahlen musst, wird aus der Zuwendung ein Geschäft, und Du fängst an mit der Schummelei. Erst bescheißt du nur die anderen, dann auch dich selbst. Am Ende gehst Du daran kaputt.“

Elena blickte ihn wieder lange an. „Ich weiß, dass ich das nicht sagen sollte, aber wenn Du jetzt aufstehst und gehst, für immer verschwindest, werde ich nie wieder so glücklich sein können wie jetzt gerade, in diesem Augenblick.“

„Unsinn!“ Christian stand auf und bückte sich nach seinen Sachen. „Wie kann man so etwas zu jemandem sagen, den man erst vor einem Augenblick begegnet ist und von dem man so gut wie nichts weiß?“

Elena stand mit auf. „Ich kann das. Und ich würde alles tun, was in meiner Macht steht, damit Du mir noch ein bisschen Zeit schenkst.“

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percaperca
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Beiträge: 8
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BeitragVerfasst am: 14.01.2022 13:31    Titel: Damals in Barcelona 2 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Elena sah ihn auf seine Uhr blicken. Die Omega Seamaster erschien ihr am Handgelenk seines muskulösen Arms wie eine zierliche Damenarmbanduhr. „Hat dich noch nie ein Mädchen um Zeit gebettelt?“, fragte sie.

Sie setzten sich beide auf den harten Fels zurück; er legte wieder sanft seinen Arm auf ihre Schultern. „Das kam schon mal vor.“

„Und wie hast du darauf reagiert?“

„Als ich noch jünger war, ging mir das auf die Nerven und ich hab immer gemacht, dass ich wegkomme. Heute nehme ich solche Bitten ernster und überlege, warum man ausgerechnet mich um Zeit bittet, bevor ich dann doch wieder davonrenne. Manchmal, so wie jetzt, wird mir aber klar, dass so etwas keine unverbindliche Bitte ist, die nur so dahingesagt wird, sondern ein Hilferuf, den man ernst nehmen sollte.“

Er blickte wieder auf die Uhr. „Ein bisschen Zeit hab ich noch.“ Er breitete sein Handtuch wieder auf den Felsen und streckte sich bäuchlings darauf aus. „Leg Dich auf meinen Rücken. Trau dich und leg dich auf meinen Rücken.“ Er sah sich nicht um nach ihr, sondern legte den Kopf auf seine verschränkten Arme und sprach in den Felsen hinein, auf dem er lag.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann spürte er sie über sich kommen - ihre Wange zwischen seine Schultern, ihren Schoß auf seinem Hintern, ihre Beine zwischen den seinen. Die beiden passten so gut zusammen, als wären sie füreinander gemacht. Fast wollte sie es schon sagen, biss sich dann aber auf die Lippen; es wäre ihr doch zu plump gewesen.

Sie schien ihm leicht wie eine Feder. „Es ist dies die sicherste und bequemste Art für Mädchen, mit einem Jungen nah beisammen zu sein. Ich kann dir keine Gewalt antun oder dich an Stellen berühren, wo Du es nicht möchtest. Du bist safe, kannst gefahrlos einschlafen oder wach bleiben und mir ungeniert ins Ohr flüstern, wonach du dich so sehnst, dass du einem wie mir so schnell auf dem Rücken kletterst.“

Elena schob sich auf ihm zurecht und fühlte sich einen Moment lang frei und so glücklich wie nie zuvor. Sein breiter, braungebrannter Rücken schien ihr wie ein Wall, hinter dem sie in Deckung gehen konnte, ein Fundament, von dem aus sie Übersicht bekam über alles, was hinter ihr lag.

Sie begann zu erzählen von einer Zeit in St. Petersburg und in Leipzig, von einer schwierigen Kindheit, von der Scheidung der Eltern und von dem Riss, den sie in sich trug, seit sie nach Berlin gezogen war, um zu studieren. Dass sie dort anfangs Geldsorgen gehabt hätte und als au pair, als Bedienung, als Zeitungsausträgerin und als Model für Versandkataloge gejobbt hätte, um sich und ihr Studium zu finanzieren, bis eine gute Bekannte mit Piotr angekommen sei und die Sache mit den Luftballons angeboten habe. „Kein Sex, keine Nacktfotos, nichts wirklich Erotisches. Kein rubber girl, sondern ein looner girl. Seitdem bin ich zwar die schlimmsten Geldsorgen los, aber gleichzeitig bin ich nichts mehr. Nichts. Nicht mal ein Mensch. Nur eine Fata Morgana, eine Imagination, eine mechanische Chimäre, die dafür bezahlt wird, dass sie sich auf Knopfdruck quietschend zu drehen und zu knallen beginnt. Ich fühle mich unmenschlich!“ Sie ließ sich von ihm herabrollen und blickt mit schwimmenden Augen in sein Gesicht.

„Hast Du denn keine Freundinnen oder Freunde, mit denen Du darüber reden könntest?“

„Niemanden, dem ich das hätte sagen können wie eben gerade dir. Vor allem meiner Mutter nicht. Dass ich mich so allein fühle, ausgestoßen, wertlos, missbraucht, obwohl mich niemand berührt.“

„Warum erzählst du das ausgerechnet einem wie mir? Einem Wildfremden? Mitten in Spanien, auf einer vom Meer umgebenen, kahlen, winzigen Felsklippe? Allein mit einem, den du vielleicht besser nie getroffen hättest?“

Elena konnte wieder lächeln. „Seit heute weiß ich, dass es dich gibt. Du hast mich angeblickt, hast den ersten Satz gesagt und ich war auf einen Schlag ganz allein mit dir auf der Welt. Es hat „zoom!“ gemacht; es wird nie mehr so sein wie zuvor. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass man noch nie mit einem significant other auf einer winzigen Insel mitten im Meer so eng zusammengekommen ist. Ich lebe plötzlich wieder ein Menschenleben; das irrwitzige Karussell, das sich immer schneller um mich gedreht hat, steht still. Ich kann Fragen stellen, Fragen, die mir noch nie jemand beantwortet hat.“

„Ja“, sagte er, „es gibt diese Situationen, wo man, auf sich selbst zurückgeworfen, klarer sieht als sonst und Antworten auf Fragen findet, die man sich sonst gar nicht stellen möchte. Ich kenn das vom Schwimmtraining, den Kopf unter Wasser, allein mit sich selbst und mit seinen Gedanken. Oder wenn du in ein unbekanntes Gewässer eintauchst, ohne zu wissen, was dich auf seinem Grund erwartet. Die lange Zeit, bevor du in dieser düsteren Welt einen Weg erkennen kannst. Wenn du Glück hast, führt er dich zu einem Ziel. Wenn du Pech hast, kommst du ins Dickicht des Kelpwaldes, dann frißt dich der Hai. Oder du wirst im Alltag ertrinken.“

Er machte sich los von ihr, packte seine paar Sachen in die Neopren-Umhängetasche, die er dabei hatte, und zog den wasserdichten Reißverschluss sorgfältig zu. Dann hielt er ihr seine Pranke hin. „Ich wünsch dir viele glückliche Momente in deinem Leben, Elena. Halt die Augen offen und lass dir nichts erzählen, sondern finde selber zu deiner Geschichte. Es gibt sie immer, diese Geschichten; du musst nur den Mut haben, sie anzufangen. Dann erzählen sie sich ganz von selbst.“

Er sprang mit der Umhängetasche an der Seite ins Meer, kam erst nach einer halben Minute weit draußen wieder hoch und kraulte so zügig und gradlinig ans Ufer zurück, dass sie ihm nie hätte folgen können. Sie blieb sitzen und sah ihm nach. Dann stand sie auf, um mit ihren Gefühlen besser zurechtzukommen. Die Sonne war schon fast hinter dem hügeligen Horizont verschwunden. In einer Stunde würde es dunkel sein;  sie musste sich für das Abendspektakel zurechtmachen.

Sie sah sich zur Wollust der Zuschauer durch einen Regen großer, bunter Luftballons tanzen, sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen zum Platzen zu bringen und wusste, dass es anders sein würde als zuvor. Kein das Publikum und sich selbst verachtendes Gehopse und Geknalle mehr, sondern etwas Befreiendes. Etwas wie ein lautes Gewitter, hinter dem ein klarer Himmel und klare Gedanken auf sie warteten.

Sie würde als Andere nach Berlin zurückkehren und in ihrem Studium das suchen, was er offenbar schon gefunden hatte. Sie kannte nur seinen Vornamen, hatte keine Adresse und keine Telefonnummer, sondern wusste nur, dass er in Süddeutschland zu Hause sein musste. Sie würde ihn finden. Sie würde nach ihm suchen und ihn wiederfinden. Sie würde Tausende von Luftballons knallen oder steigen lassen – irgendwann würde er sie hören oder sehen und wieder auf den Rücken nehmen wie gerade eben. Sie blickte angestrengt über das Meer, aber von ihm war nichts mehr zu sehen.

Sie sprang ins Wasser und schwamm langsam zurück, nicht mehr irgendwo im Nirgendwo, sondern sie hatte ein Ziel. Sie hielt einen Moment inne, um die Wärme und das Glücksgefühl auszukosten, die mitten im dunklen Wasser in ihr aufstiegen. Dann machte sie weiter, bis es hell um sie wurde und sie über den Sandgrund ins Trockene waten konnte. „Angekommen!“, sagte sie zu sich. „Du bist endlich angekommen, du Knallschote!“

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Bananenfischin
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BeitragVerfasst am: 14.01.2022 14:27    Titel: Antworten mit Zitat

Zusammengeführt und als Fortsetzung markiert. Zusammenhängende Texte bitte immer in nur einem Thread posten.
Liebe Grüße
Bananenfischin
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