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schmurr
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 63
Beiträge: 27
Wohnort: Udine


BeitragVerfasst am: 09.01.2022 17:47    Titel: Tabuthema Sexuelle Ignoranz eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Da ich nicht wissen kann, ob jemand meinen Einstand-Thread bis zum Ende gelesen hat, hier mein 2. Nordfrankreichkapitel (das 1. hieß: "Armentières: Englandaufenthalt in Frankreich und: Der Panther in der Kathedrale"):

40. Und auch hier: Ungewöhnliche Freundschaften

Zu Anfang des Schuljahrs luden die Konsulate in Lille die Assistenten ihres jeweiligen Landes zu einem Fest ein. Auch das deutsche Konsulat gab ein solches Fest, aber nur für in Lille selbst Stationierte, nicht für Dorftrottel wie mich. Als ich meinen englischen Kollegen mein Leid klagte, sagten sie: „Wir sind im britischen Konsulat in Lille eingeladen. Komm doch mit uns!“ Meinen Einwand, dass ich kein Brite sei, wischten sie weg. So fuhr ich mit ihnen hin. Während der Fahrt hätte ich sie mit Fragen amüsieren können, wie man einen Konsul anredet: „Your Excellence“? und wie man sich möglichst eindrucksvoll vorstellt, z. B. „My name is Mr Martin Schmurr Esquire, O.B.E.“ . Aber ich war so schüchtern, dass ich nicht einmal auf die Idee kam. Wir betraten den edlen Bau, und ich nahm mir vor, möglichst wenig aufzufallen.
Aber dann geschah es: Der Vizekonsul persönlich, in Anzug und Krawatte, steuerte auf mich zu. „Hello“, sagte er leutselig, „aus welcher Region unseres schönen Königreiches kommst du denn?“ (Natürlich duzte er mich nicht, sondern youzte mich.) Puterrot im Gesicht stotterte ich: „I-i-ich b-b-bin D-d-deutscher...“ Doch statt mich wutentbrannt in hohem Bogen hinauszuwerfen oder alle Anwesenden aufzufordern, mich gemeinsam zu verprügeln, freute er sich, einen Bundesbürger ausfindig gemacht zu haben, denn er wollte Deutsch lernen. Er sah ein bisschen wie ein großer Junge aus.

So trafen wir uns fortan jede Woche, die ersten Male im Konsulat, dann bei ihm zuhause. Berappen wollte er allerdings nichts für meine Dienste; dafür lehrte er mich ein bisschen Pascal. Ich hielt Computer damals, anno 1984, für überflüssig. Auch wenn ich in diesem Punkt irrte, habe ich doch Pascal nie im Leben gebraucht. Warum ich dieses dürftige Entgelt akzeptierte, ist nicht leicht zu erklären: Sonnte ich mich in seinem Ruhme? War ich der Großmannssucht anheimgefallen? Oder freute ich mich, wenigstens einmal pro Woche nicht immer in der Schule oder in meinem Zimmer zu sein, sondern zu Gast in einer richtigen Wohnung, ein Glück, das mir in Heidelberg selten vergönnt war und in Italien noch seltener vergönnt sein würde? Wichtiger war wohl, dass ich die Stunden mit ihm, da er gern Englisches einstreute, als Englisch-Konversationsübung nutzte, zumal ich mit Rick & Co. nicht viel gemeinsam hatte. Und einen Freund zu haben, mit dem ich über fast alles reden konnte, jede Woche, gab mir Selbstvertrauen, z. B. als ich den Schüler brüllend hinauswarf [wird im vorigen Kapitel geschildert]. Ich habe zwar später als Referendar auch mal einen vor die Tür gesetzt, aber ohne Gebrüll. Und nicht einmal in Italien habe ich Schüler angebrüllt, obwohl es in all den Jahren schon mal Anlass dazu gegeben hätte.

Jahre später schmiss er seinen Konsul-Job, weil er es leid war, bei jungen Frauen zu klingeln, um ihnen zu sagen, dass ihr Mann im Krieg gefallen war.  Mit britischem und französischem Jura-Abschluss hatte er es nicht schwer, bei einer renommierten Anwaltskanzlei mit Sitz in London und Paris aufgenommen zu werden, für die er immer durch den Eurotunnel jettete. Als ich in Udine wohnte, besuchte er mich einmal.

Nathalie lernte ich über einen Anschlag in der Uni Lille kennen, auf dem sie Englischunterricht suchte. Ihr Vater war Schlachter, wie man in Norddeutschland sagt, also Metzger/Fleischermeister. Sie hatten eine große Familie. Einmal machten wir alle zusammen einen Ausflug. Eine Schwester von ihr hatte Schuppenflechte, aber ich fand sie attraktiv. Nathalies Verlobter war Perser, aber er durfte nicht nach Frankreich einreisen. Er ließ sich dann in England nieder. Mindestens einmal schlief sie bei Uncle Poul. Später heirateten sie, und sie führte einen persisch-französischen Doppelnamen.

Auch mit Sophie machte ich über einen Uni-Anschlag Bekanntschaft; sie suchte Deutschstunden. Sie war sehr schön. Ihr Vater war Generalarzt, und so wie ich auf dem Foto aussah, das Papa später von ihr und mir machte, kam es nicht in Frage, uns bei ihr zu treffen. Ich gab ihr Unterricht, wo immer wir an der Uni einen freien Tisch fanden und es nicht zu laut war. Als sie aber ein Praktikum bei einer Firma in Hamburg machte, durfte ich in ihrem Studierendenwohnheimzimmer schlafen. [wird in einem früheren Kapitel beschrieben.] Und sie kam sogar nach Schleswig und aß bei uns zu Mittag. Nachmittags zeigten wir (mein Vater und ich) ihr die Störche in Bergenhusen. Zum Glück fiel sie nicht in einen Graben, wie Bernd, als er mal bei uns war... Den Beruf ihres Vaters ersehe ich aus ihrer Hochzeitseinladung, die sie mir netterweise Jahre später schickte. Natürlich fuhr ich nicht hin; es liefen wahrscheinlich alle im Frack bzw. Abendkleid herum.
An einem der letzten Tage in Armentières kam ich an dem Haus vorbei, in dem die Englischassistentinnen wohnten. Alison war schon abgereist, Judy guckte aus dem Fenster. Es war unverkennbar, dass sie sich langweilte, so allein. Das war die Gelegenheit, zu ihr hinaufzugehen und... wer weiß... Aber ich wollte nicht ständig die unbequeme Reise mit Zug, Fähre und Zug auf mich nehmen, um unseren Sohn zu besuchen. Dass eine Frau einem Mann ein großes Lustgefühl bereiten kann – und umgekehrt – , ohne dass es zur Vereinigung kommt, habe ich erst viel später erfahren, durch den Film „Alba Chiara“, den ich nicht empfehle. Judy sah auch nicht so aus, als ob sie es wüsste.
Seit wann ich ein Kondom mit mir herumtrug, weiß ich nicht mehr; spätestens seitdem ich ein Auto hatte und damit jeden Sommer von Udine bis nach Flensburg zu meiner Mutter fuhr: auf der Rückfahrt mit Stopp in Heidelberg, auf der Hinfahrt mit Übernachtung in irgendeinem Gasthof, wobei ich jedes Mal hoffte, die Wirtin, oder ihre Tochter, möge verstehen, dass dieser Mann, der allein durch ganz Deutschland fuhr, etwas Zuwendung verdiente; natürlich hoffte ich immer vergebens. Es war jedes Mal deprimierend, das Ding nach zwei Jahren oder wann auch immer das Haltbarkeitsdatum ablief, unbenutzt wegzuwerfen und ein neues zu kaufen, nur um es weitere zwei Jahre später wieder unbenutzt wegzuwerfen. Ich bekam keine Frau, weil ich verkrampft war, und ich war verkrampft, weil ich keine Frau bekam. Der Eul [= meine Frau, von "Eulenspiegel"] erzählt mir gerade, dass ein potthässlicher Patient nach seinem Tod ein schönes Gesicht hatte, weil jede Anspannung von ihm gewichen war. So kann jeder attraktiv werden, wenn er in seinem Leben einen Menschen findet, der ihn beruhigt.



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Deutscher in Italien, Autor von lustigen oder tragikomischen Werken: schmurr.webs.com/dpl.htm Ich mag Wandern, wilde Orchideen, Lesen, Katzen und klassische Musik.
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HansGlogger
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BeitragVerfasst am: 09.01.2022 20:03    Titel: Antworten mit Zitat

Der erste Leseeindruck ist sehr gut, musste mich, was hier selten vorkommt, nicht zum weiter lesen zwingen.
Insgesamt etwas zu viel Beschreibung, zu wenig Handlung. (show dont tell, um den abgegriffenen Begriff zu benutzen).
Zitat:
Ich bekam keine Frau, weil ich verkrampft war, und ich war verkrampft, weil ich keine Frau bekam.

Dieser Satz, der ja viel über den Protagonisten aussagt und auch interessant klingt, muss an herausgehobene Stellung Kapitelanfang falls machbar, oder wenigstens an den Anfang des Abschnitts.
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schmurr
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Alter: 63
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BeitragVerfasst am: 10.01.2022 21:17    Titel: Hallo Hans, pdf-Datei Antworten mit Zitat

vielen Dank für deinen Kommentar! Mehr Handlung geht hier schlecht; ich war mal beim Vizekonsul zum Abendessen, aber so interessant ist das ja nicht. Mit "show" meinst du vielleicht auch mehr wörtliche Rede, aber in meinem Buch geht es um Sprachlosigkeit (vgl. Prolog). Beschreibung gibt es bei mir nie viel; was du meinst, sind Überlegungen: daran ist dieses Kapitel besonders reich. Und die sind in Romanen beliebt: gerade habe ich "Mating" von Norman Rush gelesen: von 600 Seiten sind 400 voll mit Überlegungen. Der Satz, den du zu Recht hervorhebst, kann nicht einfach so stehen bleiben; er muss verarbeitet werden. Aber ich werde einfach davor und danach eine Zeile freilassen! Smile

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Deutscher in Italien, Autor von lustigen oder tragikomischen Werken: schmurr.webs.com/dpl.htm Ich mag Wandern, wilde Orchideen, Lesen, Katzen und klassische Musik.
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