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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Mein Roman: jetzt gaaanz anders!


 

 
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schmurr
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Alter: 63
Beiträge: 27
Wohnort: Udine


BeitragVerfasst am: 30.12.2021 18:14    Titel: Mein Roman: jetzt gaaanz anders! eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es muss auch solche Käuze geben. (Goethe )


Denken Sie vielleicht: ‚Igitt, die Lebensgeschichte eines Unbekannten! Die kaufe ich um nichts in der Welt!‘? Da muss ich etwas zurechtrücken. Dieses Buch behandelt nur wenige Probleme eines Menschen und dafür etliche Probleme der Menschheit, die Ihre Neugier wecken könnten: Wie kann man eine glückliche Ehe führen? Wie kann man ewig jung bleiben, und welche Nachteile bringt das mit sich? Gibt es Gott? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es übernatürliche Phänomene? Gibt es Wunder? Entwickelt sich die Menschheit, und hat die Entwicklung ein Ziel?
Aber auch die Probleme dieses unbekannten Menschen könnten Sie ansprechen: Wie schafft man es, nicht erwachsen zu werden und trotzdem Gymnasiallehrer zu sein? Wie schafft man es, achtundvierzig Jahre lang nach Liebe zu suchen und sie nie zu finden? Wie kann man jahrzehntelange Einsamkeit ertragen, ohne zu Alkohol oder Drogen Zuflucht zu nehmen? Weshalb wird man aus der Gesellschaft ausgeschlossen?
Trotz allem ist der Hauptbestandteil dieses Buches der Humor. Also dann: Viel Spaß beim Lesen!

Alle hier erzählten Begebenheiten sind wahr, so unglaublich einige auch erscheinen mögen.  Da ich vor ewig langen Zeiten nach Italien auswanderte, kann es vorkommen, dass mir manchmal vorsintflutliches Deutsch durchrutscht; dafür bitte ich um Verzeihung.


Prolog

Wenden wir uns auf unserem wunderschönen, weinenden Planeten (einen lachenden werden wir später kennenlernen) nach Europa, in den Südostzipfel Deutschlands, dann nach Salzburg und von dort Richtung Süden: Villach, Tarvisio und noch weiter, bei Chiusaforte links ab bis nach Sella Nevea hinauf und von dort zum Pian di Montasio mit der Brazzà-Hütte vor imposanter Bergkulisse an dem bei Familien beliebten Weg zur Cima di Terra Rossa,

dann sehen wir zwei Menschen, einen Pianisten und einen Eulenspiegel, vom Hauptweg abweichen und einen einsamen, steileren einschlagen. Kein Heer von Literaturwissenschaftlern wird uns die Lust am Spekulieren vermiesen, ob dahinter eine tiefere Bedeutung steckt, wie sie es bei Robert Frost getan haben: In seinem berühmten Gedicht  steht ein Wanderer an einem Scheideweg und wählt den weniger begangenen, aber die Anglisten schreien: „Das hat nichts zu sagen, es ist ihm wurscht!“ Uns dagegen steht es frei, den beiden Alpinisten Antikonformismus zu attestieren. Aber da zuviel Umstürzlerisches Ihnen vielleicht nicht geheuer ist, einigen wir uns auf einen Kompromiss: Dem Pianisten ist es egal, wie begangen sein Weg ist, und nur der Eulenspiegel ist Nonkonformist. Hören wir, was die beiden, d. h. wir, denn der Eulenspiegel bin ich, einander zu erzählen haben:
„Da, schau, Roberto, der Wegweiser ist völlig verblichen!“ „Vielleicht kann man ihn doch noch entziffern... ja, Forca dei Disteis, wir sind richtig!“ „Einen Monat später, und die Schrift wäre ganz weg gewesen...“ Wenig später liegt auf dem Boden ein weiterer Wegweiser, noch unlesbarer als der erste. Da aber im Internet stand, man solle sich rechts halten, tun wir das – nur um schließlich festzustellen, dass wir umkehren müssen. Den Rest der Wanderung geht es dann immer bergauf, von 1400 auf 2200 Meter. Roberto ist jünger, seine Familie verlangt ihm viel Geduld ab, hier aber prescht er voran. Ein paar Mal wartet er auf mich, auf dem Rückweg nicht mehr, was fatal sein wird. Da ich in Udine als der einzige bekannt bin, der mit dem Rad zur Schule fährt , hat er sich mich vielleicht rüstiger vorgestellt und nicht als tapernden Eulenspiegel. Ich bin froh, endlich einmal einen Weggefährten zu haben, aber ich verliere ihn zusehends aus den Augen... Aus den Augen, aus dem Sinn, was ein Übersetzungsprogramm (aber nicht unseres) angeblich mit “blind idiot“ wiedergab. Es gibt auch keinerlei Schatten, aber dafür herrliche Aussichten auf das waagerecht gerillte Montasio-Massiv und den fast diagonalen Steilhang davor, den wir hinauf müssen.
Endlich sind wir oben, mit dem Abgrund vor den Füßen und dem Blick auf Bergketten in der Ferne. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Steinböcke! Die possierlichen Paarhufer kommen bis auf wenige Meter an uns heran. Auf dem Rückweg entdecke ich erstmals ein Murmeltier! Mein Herz hüpft, oft habe ich diese noch possierlicheren Nager pfeifen hören, aber nie einen gesehen. Ich erkenne ihn zwar kaum da unten in der Ferne, aber mit dem Zoom... Da meldet die Kamera wieder Speicherkartenfehler. Foto vertagt bis nächstes Jahr.
Aufstieg drei Stunden, Abstieg vier Stunden: meine großen Zehen werden von der Schwerkraft mit Macht gegen die Schuhspitze gedrückt; der linke sieht noch heute, ein Jahr danach, nicht schön aus. Erst als ich Roberto nahe der Talsohle wiedersehe, sagt er mir, dass man mit der Hacke auftreten muss. Gekrönt wird dieses schönste und schmerzhafteste Erlebnis des Jahres von einer prächtigen Orchidee am Wegesrand, einer Braunroten  Stendelwurz; Roberto fotografiert sie nicht.
Wie diese Einleitung zart angedeutet hat, und weit weniger zart der erdolchte Eulenspiegel auf dem Buchumschlag, haben Sie es hier mit einer merkwürdigen Lebensgeschichte zu tun: Mit merkwürdigen Menschen (und Tieren und Pflanzen), merkwürdigen Vorkommnissen und merkwürdigen Tätigkeiten, sowohl beruflich als auch privat. Meine Frau hat zwar als Krankenschwester  einen normalen Beruf, arbeitet aber in der Abteilung für unheilbare und mysteriöse Krankheiten. Dort sind Todesfälle an der Tagesordnung, und Elefantenmenschen  entlocken keiner Schwester ein Wimperzucken. Es liegen dort Berühmte und auch Berüchtigte: einer rief, als er auf der Titelseite der Tageszeitung ein Fahndungsfoto sah: „Das bin ja ich!“ Und keiner wunderte sich, denn alle wussten, dass er Dreck am Stecken hatte. Manchmal sitzen Tag und Nacht zwei Carabinieri am Bett eines Kranken, auf dass er nicht entweiche. (Natürlich sitzen sie jeweils “nur“ acht Stunden dort herum und werden dann abgelöst.)
Für den Fall, dass mein Verleger kein Liebhaber von erdolchten Eulenspiegeln ist und ein anderes Titelbild gewählt hat, hier die Erklärung: Mir schwebte vor, dass ein solcher (Eulenspiegel, nicht Verleger) mitten im Lehrerzimmer liegt und Menschen mit Aktentaschen taktvoll über ihn hinwegsteigen, die meine Lehrerkollegen symbolisieren. Dabei hat es nur einmal einen Mordanschlag auf mich gegeben, und dahinter steckte wahrscheinlich kein Lehrer.


1. Am Arsch der Welt

Falls Sie wissen wollen, wo ich zur Welt gekommen bin, müssen Sie auf der Deutschlandkarte ganz nach oben schauen – hoffentlich verrenken Sie sich nicht den Hals. In Schleswig an der Schlei geboren zu sein, wie ich, bedeutet, zweifach missverstanden zu werden, falls man, wie ich, nach Süddeutschland zieht: Schleswig hält man für den Landesteil, weil es als Stadt ziemlich unbekannt ist, und die Schlei wird als ein Fluss angesehen, obwohl eine solche merkwürdige Form wohl kein Fluss in Europa hat; es ist ein Meeresarm der Ostsee.
Meine Schwester widerspricht mir, ihre Heidelberger Freunde seien alle über Schlei und Schleswig informiert gewesen. Aber als ich 1977 in die Neckarstadt kam, machten noch die meisten Süddeutschen in Italien oder Österreich Urlaub. Norddeutschland wurde erst in den 80er Jahren zum Reiseziel, dank des Aufkommens der Grünen und des Trends zu ursprünglichen Naturerlebnissen, sprich: auch mal Wind und Regen statt ewiger Mittelmeersonne.
Wie Sie sehen, liegt Schleswig auch nicht weit von der Nordsee entfernt. Während das stolze Hamburg sich tief ins Landesinnere verkriecht, brechen die Weststürme ungebremst über Schleswig herein, sieben Monate im Jahr; auch größere Äste krachen zu Boden; das Fenster meines Kinderzimmers, das nach Westen ging, war immer von einer Salzkruste bedeckt. Wegen des ständigen starken Windes fällt der Regen fast nie senkrecht; so hörte ich ihn nächtelang gegen mein Fenster prasseln. Aber ich war es gewohnt und fühlte mich in meinem Zimmer wohl. Auch schlechtes Wetter im Sommer machte mir nicht viel aus, denn zum Baden gab es doch nur die trübe Schlei.
Der Winter ist nicht sehr kalt, aber sehr lang. Der Frühling müsste in Schleswig Spätling heißen: Wenn das Fernsehen die ersten Bilder von der blühenden Bergstraße zeigt, müssen die Schleswiger noch 23 Tage warten . Einmal aß mein Vater im April in Bad Rappenau im Freien zu Abend; gleich danach sah er in der “Tagesschau“ Bilder von einem Schneesturm in Schleswig-Holstein.
Trotzdem kann ich Theodor Storm zustimmen, der seinen Heimatort Husum (30 km von Schleswig entfernt) zwar zunächst als „graue Stadt am Meer“ nach Strich und Faden verunglimpft, schließlich aber doch „der Jugend Zauber“ an ihm rühmt. Zauberhaft war bei uns vor allem die Vorweihnachtszeit, von der ich später mehr erzählen werde, aber auch die Zeiten, in denen die Schlei zugefroren war, so dass man auf dem Eis kilometerweit zu Fuß gehen konnte, auch auf die Möweninsel, die im Sommer tabu war, als Vogelschutzgebiet.
In Schleswig zu leben, bedeutete damals auch, so ziemlich von der Welt abgeschnitten zu sein. Mit 18 Jahren hörte ich im Zug nach Hamburg zum ersten Mal südwestdeutsche Mädchen reden und war entgeistert: nicht nur wegen ihres Akzents, den ich noch nie gehört hatte, sondern auch, weil es Mädchen waren. Denn einheimische Exemplare dieser Spezies bekam ich als Gymnasiast kaum je zu sehen. In der “Volksschule“ hatte ich – aber nur nachmittags, damit kein Junge es sah – oft mit Mitschülerinnen gespielt, vor allem mit der Nachbarstochter Silke, aber auch mit meinen Schwestern und einer Klassenkameradin, die schräg gegenüber wohnte, neben einer Buche, deren Eckern wir genüsslich aßen.
Am Gymnasium dagegen gab es kaum Mädchen (das “kaum“ wird später erklärt), denn die Koedukation wurde erst vier Jahre später eingeführt, ein Grund mehr, um Schleswig-Holstein zu verfluchen. Auf Partys sah man nur die festen Freundinnen von Mitschülern. An Volksfesten gab es nur eines, und dort trieben sich hauptsächlich alte Knacker und Familien mit Kleinkindern herum. Dass ich, als ich voller Hoffnung in Heidelberg mein Studentenleben begann, von Geselligkeitsgebräuchen (z. B. Geschenk für den Gastgeber) und von Frauen keinerlei Ahnung hatte, ist nicht zuletzt auf meinen fatalen Geburtsort zurückzuführen. Auch meine beiden besten Freunde hatten in Schleswig keine Beziehungen zu Frauen, soweit ich weiß.  Der Name des größten dortigen Sportvereins konnte als Motto für die Stadt gelten: Schleswig 06, d. h.: Schleswig: null Sex.
Zu alledem waren wir vom Schleswiger Akzent gezeichnet: Als Kinder spielten wir einmal ein Spiel, bei dem man für jede Silbe eines Wortes einen Schritt vorwärts ging. Meine jüngste Schwester hatte “Maulwurf“  und ging vier Schritte vor: Mau – el – wo – ääf. Unser Deutschlehrer erntete mit seiner Mitteilung, es bestehe ein Unterschied in der Aussprache von “Ehre“ und “Ähre“, nur Kopfschütteln. Dabei sahen wir jeden Abend die “Tagesschau“, die auf korrektes Deutsch großen Wert legt - aber über die vielen “ä“s hörten wir einfach hinweg. Die norddeutsche Aussprache erschien mir die einzig richtige... bis ich Norddeutschland verließ. Als ich dann nach meinen ersten drei Monaten in Heidelberg nach Hause kam, war ich entsetzt, wie komisch alle Leute sprachen, selbst meine Eltern und Geschwister!



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Deutscher in Italien, Autor von lustigen oder tragikomischen Werken: schmurr.webs.com/dpl.htm Ich mag Wandern, wilde Orchideen, Lesen, Katzen und klassische Musik.
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HansGlogger
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BeitragVerfasst am: 30.12.2021 21:25    Titel: Antworten mit Zitat

Der Stil mutet etwas mäandernd an, aber das passt zum Inhalt. Das Leben verläuft auch nicht immer geradeaus. Die subtile Selbstironie gefällt mir. Der Verweis auf den erdolchten Eulenspiegel, also auf das Buch dessen Cover er wohl ist, mutet etwas seltsam an. Gibt es eine Vorgeschichte, die man kennen müsste? Den Titel des englischen Gedichtes von Frost über den Wanderer hättest Du nennen können, ich kenne es nicht und kann es auch nicht im Internet suchen.  
Ich nehme an, es kommen weitere Kapitel.
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Immergrün
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BeitragVerfasst am: 30.12.2021 23:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo schmurr,

wenn ich den Text lese, habe ich eine Erzählstimme im Kopf, die mich durch deinen Text führt und das ist es doch, was wir alle wollen. Eine authentische Autorenstimme.

Einen Plot erkenne ich zwar nur rudimentär, aber falls dein Text eher autobiographisch ist, ist das vielleicht nicht nötig.

Außerdem kann ich den Kulturschock von einem Nordling im Süden allerbestens nachvollziehen Very Happy
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 31.12.2021 13:07    Titel: Hallo ihr beiden, pdf-Datei Antworten mit Zitat

vielen Dank für eure Kommentare! Hans, das Gedicht von Robert Frost heißt The road not taken; von den deutschen Übersetzungen im Netz ziehe ich Der unbegangene Weg vor: sie ist zwar sehr frei, entspricht aber der Stelle im Prolog und auch dem ganzen Buch. Hier das Gedicht auf deutsch, in mehreren Versionen:
https://denkzeiten.com/2021/04/19/kleine-deutungen-robert-frost-the-road-not-taken/
Ja, es folgen noch mehr Kapitel: hundertvier! Drei Lösungen: a) ich veröffentliche hier das Inhaltsverzeichnis und jeder sucht sich die vielversprechendsten Kapitel aus, b) ich wähle selbst die besten aus, c) ich veröffentliche nur meine Sammlung "Beste Sätze". Ihr habt die Wahl!
LG, Martin


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Ralphie
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BeitragVerfasst am: 31.12.2021 14:16    Titel: Antworten mit Zitat

Die Geschichte trifft genau meinen Geschmack!

 Daumen hoch
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 31.12.2021 15:51    Titel: Zum erdolchten Eulenspiegel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

"Da ich in Udine als der einzige bekannt bin, der mit dem Rad zur Schule fährt" läßt schon erahnen, dass ich in der Schule eine Sonderrolle einnehme, milde ausgedrückt, was im extremen Fall zur Erdolchung führen könnte. Ich bin allerdings noch nie erdolcht worden, noch habe ich Derartiges vor. Es ist nur symbolisch gemeint.
Im Buch heißt es später: "Alle Kollegen taten, als sähen sie nichts... Dabei war die Kappe nicht nur unübersehbar, sondern dank der dreizehn Glöcklein auch akustisch auffallend. Bräche ich im Lehrerzimmer tot zusammen, würde keiner sich etwas anmerken lassen; taktvoll würden sie über den unnütz herumliegenden Eulenspiegel hinwegsteigen. Sie finden das übertrieben? Ich kenne mehrere Friauler, die es nie wagen würden, ihre nächsten Verwandten zu fragen, wie es ihnen geht."


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John McCrea
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BeitragVerfasst am: 31.12.2021 16:10    Titel: Liest sich gut! Antworten mit Zitat

Hi schmurr,

Hans Glogger und immergrün haben schon viel zu Deinem Text gesagt, welches ich tatsächlich auch so empfinde.

Ich mag Deine Erzählstimme, ich mag als Leser auch gefordert werden durch kleine Gedankensprünge.
Du bewegst Dich zudem als Autor, das ist mein Eindruck, auf einem sicheren Terrain, weil Du weißt worüber Du erzählst und ich würde Dich als "Experten für ein regionales Wissen" akzeptieren. Damit hast Du schon gewonnen.


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wohe
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BeitragVerfasst am: 31.12.2021 21:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hi schmurr,

auch wenn ich uhrzeit- und datumsbedingt nur noch beschränkt kommentarfähig bin, muss ich doch noch schnell ein Lob loswerden.
Dein Text gefällt mir sehr gut und bei
Zitat:
Schleswig 06, d. h.: Schleswig: null Sex
bekam ich richtig guten Lachanfall.
Ich bin gespannt auf weitere Folgen.

MfG Wohe
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HansGlogger
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BeitragVerfasst am: 01.01.2022 17:20    Titel: Re: Hallo ihr beiden, Antworten mit Zitat

schmurr hat Folgendes geschrieben:

Ja, es folgen noch mehr Kapitel: hundertvier! Drei Lösungen: a) ich veröffentliche hier das Inhaltsverzeichnis und jeder sucht sich die vielversprechendsten Kapitel aus, b) ich wähle selbst die besten aus, c) ich veröffentliche nur meine Sammlung "Beste Sätze". Ihr habt die Wahl!
LG, Martin

 Lösung c bringt wohl dem Leser am wenigstens. Falls die Sätze nicht richtig gut sind, erscheinen Sie aus dem Zusammenhang gerissen.

a: Anhand der Überschriften wäre die Wahl ziemlich willkürlich.
b: Falls die einzelnen Kapitel als Episoden für sich allein stehen können, OK. Sonst fehlt der Zusammenhang. Gibt es einen durchgehenden Erzählbogen, dann von Anfang und abhängig von den Rückmeldungen weitermachen.
104 Kapitel sind schwierig zu präsentieren. Bei zwei in der Woche bleiben wenig  Leser dabei.
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 01.01.2022 19:10    Titel: Also dann pdf-Datei Antworten mit Zitat

dem Zusammenhang zuliebe hier Kapitel 2, seit heute in vier kürzere unterteilt, d. h. ein langes und drei kurze. Für die restlichen habe ich schon eine Auswahl im Auge. Zusammenhang gibt es immer, denn es kehren oft dieselben Motive wieder.
Auf geht's:
2. Meine Familie: Mein Vater: Rechtsanwalt und Unrechts-Anwalt

Mein Vater war als Rechtsanwalt und Notar von Montag früh bis Samstagmittag beschäftigt; allerdings war mit Kaufverträgen über Kühe und ähnlichen ländlichen Lappalien nicht viel Geld zu machen. Zuhause erholte er sich, indem er jedes Grübeln über Gerechtigkeit vermied: Fingen meine beiden Schwestern plötzlich gleichzeitig zu weinen an, was sie öfters taten, war für ihn automatisch ich der Schuldige, obwohl sie in ihrem Zimmer saßen und ich nie in meinem Leben jemandem Schmerzen zugefügt habe und auch seltener Beleidigungen aussprach als sie. Sofort hörte ich ihn die Treppe zu uns heraufstampfen, und wenn er dann um die Ecke bog und ich sein wutverzerrtes Gesicht erblickte, war es höchste Zeit, unters Bett zu kriechen. Er hätte mir wohl nicht sehr wehgetan, denn seine Wut hielt sich in Grenzen, was man auch daran erkennt, dass er wieder umkehrte, wenn er mich nicht in meinem Zimmer sehen konnte. Er sagte dann etwas wie: „Tu so was bloß nicht wieder!“.
Als ich viele Jahre später am Telefon die Stimme meiner Mutter sagen hörte, dass Papa gestorben war, kam in mir sofort das Bild hoch, wie er mit wutverzerrtem Gesicht die Treppe heraufstampfte. So konnte ich seinen Tod besser verkraften.
In unserer alten Wohnung, also bis ich acht war, griff er bei angeblichen Untaten meinerseits zum Teppichklopfer. Der schmerzte wenig. In der Tat litt ich nicht unter den physischen, sondern den psychischen Folgen dieser “Anwaltstätigkeiten“: ich hatte kein Vertrauen zu meinem Vater und fühlte keine Zuneigung zu ihm, außer in späteren Jahren Mitleid, wenn meine Schwestern über ihn meckerten. Die Tragik seines Lebens sollte ich erst nach seinem Tod erfahren.
Am Vorabend meines Starts ins Studentenleben sagte er zu mir, es sei nun an der Zeit, mit mir ein Wort von Mann zu Mann zu reden. Von der durch diese Redewendung unterstellten Gleichheit konnte freilich keine Rede sein: er, stiernackig und muskulös, angesehener Anwalt, ich, dünner pickeliger Fast-noch-Schüler, der unter Minderwertigkeitskomplexen litt und sich doch gleichzeitig für etwas Besseres hielt als die anderen. Es war dumm und unvernünftig, dass ich sein Angebot zurückwies: Das einzige Mal, dass einer unserer Eltern einem von uns Kindern einen guten Rat fürs Leben erteilen wollte, hätte ich zugreifen sollen. Ich tröstete mich später damit, dass er mir wohl nur sagen wollte, ich solle bei Frauen aufpassen, keiner ein Kind zu machen. Eine solche Situation war für mich völlig utopisch, und mit diesem Argument begründete ich auch meine Ablehnung seines Vorschlags.
Wenn er mir dagegen hatte sagen wollen, ich solle nicht auf das Mädchen meiner Träume warten, sondern jede Gelegenheit beim Schopf ergreifen, um dann, wenn es soweit war, bereits ein erfahrener Liebhaber zu sein – ja, dann müsste ich meine Weigerung bitter bereuen, denn mit diesem Wissen wäre mein Leben viel glücklicher verlaufen. Aber ich glaube nicht, dass er mir das sagen wollte. Alles, was Sex betraf und nicht mit Kinderkriegen zu tun hatte, war damals tabu, zumindest in Schleswig. „Carpe diem“, „Genieße den Tag“, bedeutete, zumindest in meiner Familie, dass man bei schönem Wetter im Garten arbeitete.
In Süddeutschland wird oft und gern gefeiert.  Eine Sexualforscherin, die ich persönlich kennenlernte, postuliert, in den Alpen sei es der Kirche nicht gelungen, den natürlichen Sexualdrang auszutreiben, und zitiert dazu (obwohl sie nicht auf deutsch schreibt): „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd‘“. In Schleswig dagegen: Karneval - Fehlanzeige, Halloween und die Wikingertage waren damals noch nicht erfunden; es gab nur das dreitägige Schützenfest, dessen Bässe von der Schützenkoppel zu uns herüberwummerten.
Es mag mit der Religion zusammenhängen: auch die katholischen Rheinländer sind ja für Fröhlichkeit bekannt. Im evangelischen Hamburg dagegen blaffte mich ein Bürger an, als ich bei Rot über die Straße ging. Immerhin: an Silvester erlebte ich dort Ausgelassenheit auf den Straßen.
Manche Väter sollen ja mit ihrem Sohn in einen Puff gehen, oder ihm einen Geldschein in die Hand drücken mit der Empfehlung, einen solchen Ort aufzusuchen. Aber selbst dort hätte ich etwas zu meckern gehabt, denn die Damen sollen ja stark geschminkt und parfümiert sein, und beides mag ich nicht. Außerdem suchte ich vor allem Zärtlichkeit und wäre damit schlecht angekommen. Entweder hätte es in einer Enttäuschung geendet und damit meine Mutlosigkeit noch verschlimmert, oder, wenn ich eine Ekstase erlebt hätte, wäre ich in all den folgenden Jahren umso enttäuschter gewesen, weil mir keine weitere beschieden war. Andererseits hätte ein Erfolg bei einer Frau mir auch zum ersten Mal Selbstvertrauen geben können, und mein Leben wäre viel schöner verlaufen. Da müsste ich meinem Vater dafür böse sein. dass er mir das vorenthielt. Aber, wie gesagt, damals sprach niemand über Sex, geschweige denn über so was, auch privat nicht, zumindest in Schleswig-Holstein.
Papa sagte immer, er sei viersprachig aufgewachsen: hochdeutsch, plattdeutsch, hochdänisch und plattdänisch, hielt sein Talent aber verborgen, wohl weil die Mädchen jedes Mal etwas zu meckern gehabt hätten. Er war Sohn des Dorfschullehrers in einem Nest an der Grenze mit Namen Gottrupel, der merkwürdigerweise à la française auf der letzten Silbe betont wird.  Die Liebe zum Lande liegt auch mir im Blut, und ebenso das grenznahe Leben: vom Dorf meiner Frau fährt man nur eine Viertelstunde bis Slowenien.
Einmal, nur einmal, ich stand kurz vorm Abitur, erzählte er, wie es war im Krieg: An der Westfront hatte er Kameraden das Leben gerettet. In Russland ging er auf einen Botengang, und als er zurückkam, waren alle seine Kameraden tot. Später musste ihm wegen eines Granatsplitters ein Unterschenkel amputiert werden, und der Krieg war für ihn zu Ende.
Er kam immer mittags zum Essen nach Hause, legte sich dann aufs Sofa und las den SPIEGEL oder ein Buch und fuhr gegen 15 Uhr ins Büro zurück. Es waren zwar nur fünf Minuten zu Fuß, durch die schöne Allee mit Blick auf die Schlei, aber das Gehen vermied er; er brauchte ja auch den Wagen für seine Fahrten zu den Bauern.
Wegen der Prothese kam er auch nie auf die Idee, mit seinem Sohn Fußball zu spielen. Auf den Sonntagsspaziergängen redeten höchstens Papa und Mutti miteinander. Diese Benennungen hatte ich durchgesetzt: nicht “Mutti und Vati“ und auch nicht “Mama und Papa“, sondern eine Mischung aus beiden, um die ungleichen Rollen der beiden aufzuzeigen: Mutti war der Mittelpunkt unseres Lebens, Papa eher ein Möbelstück: sieht gut aus, bleibt aber stumm.
Mit meinem Vater zu zweit eine Runde zu drehen, gab es kaum Gelegenheit. Nur eine fällt mir ein: Als Student besuchte ich in jedem Herbst meine Eltern, die irgendwo in Süddeutschland Urlaub machten. Einmal waren sie in Bad Urach, und meine Mutter hatte an einem Tag Migräne (sie hatte oft Migräne). Da fuhren mein Vater und ich zur Bärenhöhle. Aber wir kamen uns dabei nicht näher. Meine Schwester sagt, er sei enttäuscht von mir gewesen, weil ich nicht ein Junge war, wie er ihn sich wünschte. Aber um das zu erreichen, hätte er sich in meine Erziehung einmischen müssen, ggf. unter Einbeziehung eines Puffes...
Auch unsere vielen Fahrten zu Verwandten nach Flensburg verliefen meist wortlos. Wenigstens beim Mittagessen erzählten wir Vorfälle aus der Schule. Manchmal berichtete Papa etwas über einen Fall aus seiner Arbeit, aber er fasste sich kurz, denn es war ja immer Vertrauliches. Am Kollegenstammtisch wurden sicher viele Witze erzählt, aber die behielt er für sich, wohl weil die Mädchen jedes Mal gemeckert hätten, weil sie sie nicht witzig fanden. Im Laufe der Jahre wurde es immer stiller am Mittagstisch, denn mit Beginn der Pubertät hatten meine Schwestern beschlossen, ihren Vater scheiße zu finden. Vielleicht hatten sie bei Freundinnen gesehen oder gehört, dass es auch Väter gab, deren Witze lustig waren und die etwas mit ihren Kindern unternahmen, z. B. Eis essen gehen.
Dieser Beschluss wurde jedoch nicht öffentlich bekanntgemacht, sondern blieb ihr Geheimnis. Da sie schon vorher oft über Papa gemeckert hatten, bemerkten Mutti und ich keine Veränderung in ihrem Verhalten. Unter Freunden waren sie gesprächig, nur ich weder unter Freunden noch unter Verwandten. In der Studienzeit besuchte ich meine Eltern am öftesten von uns dreien, viermal pro Jahr, allerdings nicht zuletzt wegen Muttis leckerer Küche und der ruhigen Nächte.
Im Gegensatz zu den Mädchen saß ich nicht jeden Abend in meinem Kämmerlein, sondern sah Quiz- und Tiersendungen und Krimis im Wohnzimmer. Bei “Was bin ich?“ u. Ä. waren mein Vater und ich (in den letzten zwölf Jahren) zu zweit, weil Mutti dienstags Chor hatte, aber es fielen wenige Worte zwischen uns. Dass Mutti und ich an einem Abend unter uns waren, kam nur dann vor, wenn Papa zur Kur war.
Neben Einladungen zum Skatspiel, die samt und sonders daran scheiterten, dass niemand der „dritte Mann“ sein wollte (außer im Urlaub), richtete er an mich praktisch nur Aufforderungen, ihm bei der Gartenarbeit zu helfen, die ich meist ablehnte. Das ärgerte ihn, aber ich hatte einen guten Grund dafür, denn ich musste dann immer umgraben, und der Vorbesitzer hatte tonnenweise Lehm aufschütten lassen, damit sein Haus höher lag als die Anwesen der Nachbarn. Das bedeutete: Entweder war der Boden steinhart, oder er war zäh wie Leim und an jedem Schuh klebte kiloweise Lehm. Außerdem fand ich es unfair, so etwas tun zu müssen, nur weil ich ein Junge war, während meine Schwestern fast nie im Haus halfen. Dass das Mann-Sein auch Vorteile haben kann, entdeckte ich erst, als ich im Laufe der Studentenzeit anfing, per Anhalter zu fahren, und Mädchen mir erzählten, sie wagten nie, allein zu trampen... In unserer Familie verschaffte mein Geschlecht mir immerhin das Privileg, dass Papa und ich beim Hähnchenessen jeder ein Bein bekamen, während die „drei Frauen“ sich um den Rest balgen mussten.
Er werkelte auch oft im selbstgebauten Hobbyraum. Da hätte ich vieles lernen können, womit ich als Student einem Mädchen einen Dienst hätte erweisen können. Aber, wie gesagt, ich war nicht gern mit ihm zusammen, und er hielt mich auch für unfähig. Selbst als ich für den Werkunterricht eine “Spielmaschine“ entwarf, aussägte, zusammenleimte und lackierte, brachte ihn dies nicht von seiner Meinung ab. Gelobt wurde selten bei uns, gemeckert umso mehr. Dabei wäre eine freundliche Bemerkung von ihm ein Ansatzpunkt gewesen, um meine Panzerung aufzubrechen.
Er aß und trank gern, betrank sich aber nie, auch wenn ich jeden Abend in meinem Zimmer mehrmals hörte, wie er die Kellertreppe hinunterstieg, um sich noch eine Flasche Bier zu holen. Zu seinem Geburtstag am 2. Juli gab es Erbsen und Wurzeln (Karotten), das auch mein Lieblingsessen war, mit Schinken, und zum Nachtisch die ersten Erdbeeren aus dem Garten mit Milch. Wenn meine Mutter Heringe briet oder Pfannkuchen (zu denen es Stachelbeerkompott gab, eine Köstlichkeit, die nie ein Italiener wird genießen können), durften wir so viele essen, wie wir wollten, und mein Vater aß viele.
Als Kriegsversehrtem stand ihm jedes Jahr ein kostenloser Kuraufenthalt zu. Den Ort konnte er frei wählen, und er wählte fast immer die am weitesten entfernten, wie Bad Wörishofen im Allgäu, und fuhr die ganze lange Strecke allein im Auto. Wenn er zurückkam, brachte er uns immer etwas mit: jedem eine Tafel Kinderschokolade, ein Luxus für uns, weil sie 1,30 DM kostete (0,65 Euro), doppelt so viel wie andere gute Marken. Mir brachte er außerdem Kiloware mit. Das war ein Sack voll Briefmarken, die noch am Papier hafteten. Man sagte, dass auch wertvolle darunter sein konnten, bei mir aber nie.


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BeitragVerfasst am: 02.01.2022 23:07    Titel: Antworten mit Zitat

Dein Vater war ja offenbar Kriegsteilnehmer, wie meiner auch. Hat er nie davon erzählt?
Meiner war an der Ostfront, Warschau, Königsberg, Oderbruch, Schlacht um Berlin. Sieben Kameraden seiner Kompanie überlebten und desertierten vor dem Fall Berlin. Er schlug sich zu den Amis durch.
Er war nicht so hart und unnahbar, geschlagen hat er mich nur einmal und das zu Recht. Ich warf bei einer Bergtour einen Stein hinunter, unten liegen andere Wanderer.
Zurück zum Thema, Du solltest die Kriegserfahrungen deines Vater in den Text einbauen, das würde ihn psychologisch interessanter machen.
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 03.01.2022 10:25    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Leider verschwinden beim Hochladen auf DSFO die Einrückungen der Absätze. Dadurch wird alles unübersichtlich, und so hast du den Absatz "Einmal, nur einmal..." übersehen. Mein Vater nennt nur drei  kurze Episoden aus dem Krieg; ab 3 Sätzen gilt der Schleswig-Holsteiner ja als geschwätzig Smile Mir hat Sabine Bodes Buch "Kriegsenkel" gefallen, Alex (kommt auch im Buch vor) dagegen nicht. Wie gesagt, Schmerzen fügte er mir nicht zu; in der italienischen Version spreche ich von "Klaps". Schönen Tag trotz Gräue !

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Pickman
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BeitragVerfasst am: 03.01.2022 10:29    Titel: Antworten mit Zitat

Nicht mein Genre.

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Tempus fugit.
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 03.01.2022 14:36    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke: Jetzt habe ich immerhin 5 Antworter!

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Deutscher in Italien, Autor von lustigen oder tragikomischen Werken: schmurr.webs.com/dpl.htm Ich mag Wandern, wilde Orchideen, Lesen, Katzen und klassische Musik.
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lia88
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BeitragVerfasst am: 03.01.2022 17:49    Titel: Re: Mein Roman: jetzt gaaanz anders! Antworten mit Zitat

schmurr hat Folgendes geschrieben:
Es muss auch solche Käuze geben. (Goethe )


Denken Sie vielleicht: ‚Igitt, die Lebensgeschichte eines Unbekannten! Die kaufe ich um nichts in der Welt!‘? Da muss ich etwas zurechtrücken. Dieses Buch behandelt nur wenige Probleme eines Menschen und dafür etliche Probleme der Menschheit, die Ihre Neugier wecken könnten: Wie kann man eine glückliche Ehe führen? Wie kann man ewig jung bleiben, und welche Nachteile bringt das mit sich? Gibt es Gott? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es übernatürliche Phänomene? Gibt es Wunder? Entwickelt sich die Menschheit, und hat die Entwicklung ein Ziel?
Behandelt das dein Buch wirklich? Ich weiß nicht ._. Vll wärs etwas sinnvoller, wenn es ein etwas konkreteres Thema geben würde, um das es bei dir geht.

Aber auch die Probleme dieses unbekannten Menschen könnten Sie ansprechen: Wie schafft man es, nicht erwachsen zu werden und trotzdem Gymnasiallehrer zu sein? Wie schafft man es, achtundvierzig Jahre lang nach Liebe zu suchen und sie nie zu finden? Wie kann man jahrzehntelange Einsamkeit ertragen, ohne zu Alkohol oder Drogen Zuflucht zu nehmen? Weshalb wird man aus der Gesellschaft ausgeschlossen?
Ok, das klingt deutlich vielversprechender smile

Trotz allem ist der Hauptbestandteil dieses Buches der Humor. Also dann: Viel Spaß beim Lesen!

Alle hier erzählten Begebenheiten sind wahr, so unglaublich einige auch erscheinen mögen.  Da ich vor ewig langen Zeiten nach Italien auswanderte, kann es vorkommen, dass mir manchmal vorsintflutliches Deutsch durchrutscht; dafür bitte ich um Verzeihung.
(den Absatz würde ich streichen)


Prolog

Wenden wir uns auf unserem wunderschönen, weinenden Planeten (einen lachenden werden wir später kennenlernen) nach Europa, in den Südostzipfel Deutschlands, dann nach Salzburg und von dort Richtung Süden: Villach, Tarvisio und noch weiter, bei Chiusaforte links ab bis nach Sella Nevea hinauf und von dort zum Pian di Montasio mit der Brazzà-Hütte vor imposanter Bergkulisse an dem bei Familien beliebten Weg zur Cima di Terra Rossa,

dann sehen wir zwei Menschen, einen Pianisten und einen Eulenspiegel, vom Hauptweg abweichen und einen einsamen, steileren einschlagen.
(obwohl der Satz super lang ist, passt das irgendwie smile )

Kein Heer von Literaturwissenschaftlern wird uns die Lust am Spekulieren vermiesen, ob dahinter eine tiefere Bedeutung steckt, wie sie es bei Robert Frost getan haben: In seinem berühmten Gedicht  steht ein Wanderer an einem Scheideweg und wählt den weniger begangenen, aber die Anglisten schreien: „Das hat nichts zu sagen, es ist ihm wurscht!“ Uns dagegen steht es frei, den beiden Alpinisten Antikonformismus zu attestieren. Aber da zuviel Umstürzlerisches Ihnen vielleicht nicht geheuer ist, einigen wir uns auf einen Kompromiss: Dem Pianisten ist es egal, wie begangen sein Weg ist, und nur der Eulenspiegel ist Nonkonformist. Hören wir, was die beiden, d. h. wir, denn der Eulenspiegel bin ich, einander zu erzählen haben:
(ok, das find ich jetzt ehrlich gesagt etwas zu ausführlich ^^)

„Da, schau, Roberto, der Wegweiser ist völlig verblichen!“ „Vielleicht kann man ihn doch noch entziffern... ja, Forca dei Disteis, wir sind richtig!“ „Einen Monat später, und die Schrift wäre ganz weg gewesen...“ Wenig später liegt auf dem Boden ein weiterer Wegweiser, noch unlesbarer als der erste. Da aber im Internet stand, man solle sich rechts halten, tun wir das – nur um schließlich festzustellen, dass wir umkehren müssen. Den Rest der Wanderung geht es dann immer bergauf, von 1400 auf 2200 Meter. Roberto ist jünger, seine Familie verlangt ihm viel Geduld ab, hier aber prescht er voran. Ein paar Mal wartet er auf mich, auf dem Rückweg nicht mehr, was fatal sein wird. Da ich in Udine als der einzige bekannt bin, der mit dem Rad zur Schule fährt , hat er sich mich vielleicht rüstiger vorgestellt und nicht als tapernden Eulenspiegel. Ich bin froh, endlich einmal einen Weggefährten zu haben, aber ich verliere ihn zusehends aus den Augen...

Aus den Augen, aus dem Sinn, was ein Übersetzungsprogramm (aber nicht unseres) angeblich mit “blind idiot“ wiedergab. Es gibt auch keinerlei Schatten, aber dafür herrliche Aussichten auf das waagerecht gerillte Montasio-Massiv und den fast diagonalen Steilhang davor, den wir hinauf müssen.
(ich würde den Abschnitt streichen)

Endlich sind wir oben, mit dem Abgrund vor den Füßen und dem Blick auf Bergketten in der Ferne. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Steinböcke! Die possierlichen Paarhufer kommen bis auf wenige Meter an uns heran. Auf dem Rückweg entdecke ich erstmals ein Murmeltier! Mein Herz hüpft, oft habe ich diese noch possierlicheren Nager pfeifen hören, aber nie einen gesehen. Ich erkenne ihn zwar kaum da unten in der Ferne, aber mit dem Zoom... Da meldet die Kamera wieder Speicherkartenfehler. Foto vertagt bis nächstes Jahr.
Hier könntest du dafür ein klein wenig ausführlicher sein. Er könnt sich ringsrum drehen, stolz sein, den Aufstieg geschafft zu haben, vll reden die beiden auch noch miteinander?

Aufstieg drei Stunden, Abstieg vier Stunden: meine großen Zehen werden von der Schwerkraft mit Macht gegen die Schuhspitze gedrückt; der linke sieht noch heute, ein Jahr danach, nicht schön aus. Erst als ich Roberto nahe der Talsohle wiedersehe, sagt er mir, dass man mit der Hacke auftreten muss. Gekrönt wird dieses schönste und schmerzhafteste Erlebnis des Jahres von einer prächtigen Orchidee am Wegesrand, einer Braunroten  Stendelwurz; Roberto fotografiert sie nicht.
Mhh. Du hattest oben angedeutet: Fatale Folgen, also denkt man, auf dem Abstieg geht irgendwas schief. Aber in Wahrheit tun ihm nur die Zehen weh? Oder hat er sich tatsächlich verletzt? Ich finde das ein bisschen zu 'spaßig', man merkt, dass du das humorvoll rüberbringen magst, aber meiner Meinung nach bleiben hier zu viele Fragezeichen zurück.

Wie diese Einleitung zart angedeutet hat, und weit weniger zart der erdolchte Eulenspiegel auf dem Buchumschlag, haben Sie es hier mit einer merkwürdigen Lebensgeschichte zu tun: Mit merkwürdigen Menschen (und Tieren und Pflanzen), merkwürdigen Vorkommnissen und merkwürdigen Tätigkeiten, sowohl beruflich als auch privat. Meine Frau hat zwar als Krankenschwester  einen normalen Beruf, arbeitet aber in der Abteilung für unheilbare und mysteriöse Krankheiten. Dort sind Todesfälle an der Tagesordnung, und Elefantenmenschen  entlocken keiner Schwester ein Wimperzucken. Es liegen dort Berühmte und auch Berüchtigte: einer rief, als er auf der Titelseite der Tageszeitung ein Fahndungsfoto sah: „Das bin ja ich!“ Und keiner wunderte sich, denn alle wussten, dass er Dreck am Stecken hatte. Manchmal sitzen Tag und Nacht zwei Carabinieri am Bett eines Kranken, auf dass er nicht entweiche. (Natürlich sitzen sie jeweils “nur“ acht Stunden dort herum und werden dann abgelöst.)
Für den Fall, dass mein Verleger kein Liebhaber von erdolchten Eulenspiegeln ist und ein anderes Titelbild gewählt hat, hier die Erklärung: Mir schwebte vor, dass ein solcher (Eulenspiegel, nicht Verleger) mitten im Lehrerzimmer liegt und Menschen mit Aktentaschen taktvoll über ihn hinwegsteigen, die meine Lehrerkollegen symbolisieren. Dabei hat es nur einmal einen Mordanschlag auf mich gegeben, und dahinter steckte wahrscheinlich kein Lehrer.

Den Abschnitt würde ich weglassen - ggf einen kürzeren und geschickteren Übergang.


Weiß net, ob du damit was anfangen kannst smile

Weiter hab ich vorerst nicht gelesen.
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 03.01.2022 19:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Lia,
vielen Dank für deine einleuchtenden Vorschläge! Das ist daraus geworden:

"Gibt es Gott?..." Ja, diese Themen behandelt das Buch wirklich!

"Alle hier erzählten Begebenheiten sind wahr...": gestrichen, auch wenn die Wahrheit das Wichtigste an diesem Buch ist. Das mit dem vorsintflutlichen Deutsch streiche ich gern.

gekürzt:  "Uns dagegen steht es frei, den beiden Alpinisten Antikonformismus zu attestieren, zumindest dem Eulenspiegel. Hören wir, was die beiden, d. h. wir, denn der Eulenspiegel bin ich, einander zu erzählen haben:"

"Aus den Augen, aus dem Sinn, was ein Übersetzungsprogramm (aber nicht unseres) angeblich mit “blind idiot“ wiedergab. Es gibt auch keinerlei Schatten, aber dafür herrliche Aussichten auf das waagerecht gerillte Montasio-Massiv und den fast diagonalen Steilhang davor, den wir hinauf müssen.":
nicht gestrichen, denn Beschreibungen gibt es bei mir sowieso so wenige, und unser Übersetzungsprogramm gibt es wirklich. Dieser Prolog erwähnt einige der wichtigen Themen des Buches, wie die Ouvertüre einer Oper.

"Endlich sind wir oben, mit dem Abgrund vor den Füßen und dem Blick auf Bergketten in der Ferne. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Steinböcke!..."
Ja, man könnte hier ausführlicher sein. Aber sich ringsrum zu drehen und stolz zu sein, den Aufstieg geschafft zu haben, finde ich nicht sehr interessant. Er war auch sehr nüchtern da oben, und ich auch.

vll reden die beiden auch noch miteinander?
Das ist eines der großen Themen dieses Buches: die spärliche Kommunikation, und sie tritt auch im Prolog zutage anhand der Dialoge über Wegweiser. In einem späteren Kapitel heißt es: "Tiere kommunizieren öfter mit mir als Menschen, sogar Maulwürfe, die ja nicht in dem Ruf stehen, besonders gesprächig zu sein."

"Aufstieg drei Stunden, Abstieg vier Stunden: meine großen Zehen..."
Ich gebe zu, "fatal" kann übertrieben scheinen. Aber vier Stunden lang bei jedem Schritt Schmerzen zu haben, ist schon nicht ohne. Zumal ja ein Wort von Roberto, der aber nicht in der Nähe war, mir diese vier Stunden Schmerzen erspart hätte.

"Wie diese Einleitung zart angedeutet hat..." Hier ist wieder die Ouvertüre mit ihrer Rundschau, die den Leser neugierig machen soll: merkwürdige Tiere und Pflanzen... Die Abteilung für unheilbare und mysteriöse Krankheiten kommt mehrmals in dem Buch vor, und sogar der Elefantenmensch noch einmal gegen Ende des Buches. "Es liegen dort Berühmte...": wer z. B., wird im vorletzten Kapitel gesagt.
"Dabei hat es nur einmal einen Mordanschlag auf mich gegeben..." Soll den Leser neugierig machen.
Ich hoffe, du bist mit meiner Antwort zufrieden!
Schönen Abend!


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lia88
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BeitragVerfasst am: 03.01.2022 21:53    Titel: Antworten mit Zitat

Huhu smile Danke für deine Erklärungen, ja ich bin mit deinen Antworten zufrieden. Keine weiteren Rückfragen mehr zum ersten Teil.
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 06.01.2022 18:33    Titel: Achtung, an alle: Es gibt was Neues! pdf-Datei Antworten mit Zitat

Als letzte (?) Leseprobe biete ich euch das 2. Nordfrankreichkapitel (das 1. hieß: "Armentières: Englandaufenthalt in Frankreich und: Der Panther in der Kathedrale"). Es enthält die Zeit meines größten Selbstvertrauens in meinem Leben (außer der Hochzeit) sowie von all den Beispielen sexueller Ignoranz in diesem Buch das wohl frappierendste.
Hier ist es:

40. Und auch hier: Ungewöhnliche Freundschaften

Zu Anfang des Schuljahrs luden die Konsulate in Lille die Assistenten ihres jeweiligen Landes zu einem Fest ein. Auch das deutsche Konsulat gab ein solches Fest, aber nur für in Lille selbst Stationierte, nicht für Dorftrottel wie mich. Als ich meinen englischen Kollegen mein Leid klagte, sagten sie: „Wir sind im britischen Konsulat in Lille eingeladen. Komm doch mit uns!“ Meinen Einwand, dass ich kein Brite sei, wischten sie weg. So fuhr ich mit ihnen hin. Während der Fahrt hätte ich sie mit Fragen amüsieren können, wie man einen Konsul anredet: „Your Excellence“? und wie man sich möglichst eindrucksvoll vorstellt, z. B. „My name is Mr Martin Schmurr Esquire, O.B.E.“ . Aber ich war so schüchtern, dass ich nicht einmal auf die Idee kam. Wir betraten den edlen Bau, und ich nahm mir vor, möglichst wenig aufzufallen.
Aber dann geschah es: Der Vizekonsul persönlich, in Anzug und Krawatte, steuerte auf mich zu. „Hello“, sagte er leutselig, „aus welcher Region unseres schönen Königreiches kommst du denn?“ (Natürlich duzte er mich nicht, sondern youzte mich.) Puterrot im Gesicht stotterte ich: „I-i-ich b-b-bin D-d-deutscher...“ Doch statt mich wutentbrannt in hohem Bogen hinauszuwerfen oder alle Anwesenden aufzufordern, mich gemeinsam zu verprügeln, freute er sich, einen Bundesbürger ausfindig gemacht zu haben, denn er wollte Deutsch lernen. Er sah ein bisschen wie ein großer Junge aus.

So trafen wir uns fortan jede Woche, die ersten Male im Konsulat, dann bei ihm zuhause. Berappen wollte er allerdings nichts für meine Dienste; dafür lehrte er mich ein bisschen Pascal. Ich hielt Computer damals, anno 1984, für überflüssig. Auch wenn ich in diesem Punkt irrte, habe ich doch Pascal nie im Leben gebraucht. Warum ich dieses dürftige Entgelt akzeptierte, ist nicht leicht zu erklären: Sonnte ich mich in seinem Ruhme? War ich der Großmannssucht anheimgefallen? Oder freute ich mich, wenigstens einmal pro Woche nicht immer in der Schule oder in meinem Zimmer zu sein, sondern zu Gast in einer richtigen Wohnung, ein Glück, das mir in Heidelberg selten vergönnt war und in Italien noch seltener vergönnt sein würde? Wichtiger war wohl, dass ich die Stunden mit ihm, da er gern Englisches einstreute, als Englisch-Konversationsübung nutzte, zumal ich mit Rick & Co. nicht viel gemeinsam hatte. Und einen Freund zu haben, mit dem ich über fast alles reden konnte, jede Woche, gab mir Selbstvertrauen, z. B. als ich den Schüler brüllend hinauswarf [wird im vorigen Kapitel geschildert]. Ich habe zwar später als Referendar auch mal einen vor die Tür gesetzt, aber ohne Gebrüll. Und nicht einmal in Italien habe ich Schüler angebrüllt, obwohl es in all den Jahren schon mal Anlass dazu gegeben hätte.

Jahre später schmiss er seinen Konsul-Job, weil er es leid war, bei jungen Frauen zu klingeln, um ihnen zu sagen, dass ihr Mann im Krieg gefallen war.  Mit britischem und französischem Jura-Abschluss hatte er es nicht schwer, bei einer renommierten Anwaltskanzlei mit Sitz in London und Paris aufgenommen zu werden, für die er immer durch den Eurotunnel jettete. Als ich in Udine wohnte, besuchte er mich einmal.

Nathalie lernte ich über einen Anschlag in der Uni Lille kennen, auf dem sie Englischunterricht suchte. Ihr Vater war Schlachter, wie man in Norddeutschland sagt, also Metzger/Fleischermeister. Sie hatten eine große Familie. Einmal machten wir alle zusammen einen Ausflug. Eine Schwester von ihr hatte Schuppenflechte, aber ich fand sie attraktiv. Nathalies Verlobter war Perser, aber er durfte nicht nach Frankreich einreisen. Er ließ sich dann in England nieder. Mindestens einmal schlief sie bei Uncle Poul. Später heirateten sie, und sie führte einen persisch-französischen Doppelnamen.

Auch mit Sophie machte ich über einen Uni-Anschlag Bekanntschaft; sie suchte Deutschstunden. Sie war sehr schön. Ihr Vater war Generalarzt, und so wie ich auf dem Foto aussah, das Papa später von ihr und mir machte, kam es nicht in Frage, uns bei ihr zu treffen. Ich gab ihr Unterricht, wo immer wir an der Uni einen freien Tisch fanden und es nicht zu laut war. Als sie aber ein Praktikum bei einer Firma in Hamburg machte, durfte ich in ihrem Studierendenwohnheimzimmer schlafen. [wird in einem früheren Kapitel beschrieben.] Und sie kam sogar nach Schleswig und aß bei uns zu Mittag. Nachmittags zeigten wir (mein Vater und ich) ihr die Störche in Bergenhusen. Zum Glück fiel sie nicht in einen Graben, wie Bernd, als er mal bei uns war... Den Beruf ihres Vaters ersehe ich aus ihrer Hochzeitseinladung, die sie mir netterweise Jahre später schickte. Natürlich fuhr ich nicht hin; es liefen wahrscheinlich alle im Frack bzw. Abendkleid herum.
An einem der letzten Tage in Armentières kam ich an dem Haus vorbei, in dem die Englischassistentinnen wohnten. Alison war schon abgereist, Judy guckte aus dem Fenster. Es war unverkennbar, dass sie sich langweilte, so allein. Das war die Gelegenheit, zu ihr hinaufzugehen und... wer weiß... Aber ich wollte nicht ständig die unbequeme Reise mit der Fähre auf mich nehmen, um unseren Sohn zu besuchen. Dass eine Frau einem Mann ein großes Lustgefühl bereiten kann – und umgekehrt – , ohne dass es zur Vereinigung kommt, habe ich erst viel später erfahren, durch den Film „Alba Chiara“, den ich nicht empfehle. Judy sah auch nicht so aus, als ob sie es wüsste.
Seit wann ich ein Kondom mit mir herumtrug, weiß ich nicht mehr; spätestens seitdem ich ein Auto hatte und damit jeden Sommer bis nach Flensburg fuhr: auf der Rückfahrt mit Stopp in Heidelberg, auf der Hinfahrt mit Übernachtung in irgendeinem Gasthof, wobei ich jedes Mal hoffte, die Wirtin, oder ihre Tochter, möge verstehen, dass dieser Mann, der allein durch ganz Deutschland fuhr, etwas Zuwendung verdiente; natürlich hoffte ich immer vergebens. Es war jedes Mal deprimierend, das Ding nach zwei Jahren oder wann auch immer das Haltbarkeitsdatum ablief, unbenutzt wegzuwerfen und ein neues zu kaufen, nur um es weitere zwei Jahre später wieder unbenutzt wegzuwerfen. Ich bekam keine Frau, weil ich verkrampft war, und ich war verkrampft, weil ich keine Frau bekam. Der Eul [meine Frau] erzählt mir gerade, dass ein potthässlicher Patient nach seinem Tod ein schönes Gesicht hatte, weil jede Anspannung von ihm gewichen war. So kann jeder attraktiv werden, wenn er in seinem Leben einen Menschen findet, der ihn beruhigt.


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