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manchmal überlege ich


 

 
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Perry
Geschlecht:männlichExposéadler

Alter: 69
Beiträge: 2206



BeitragVerfasst am: 13.11.2021 17:49    Titel: manchmal überlege ich eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

manchmal überlege ich

über das angebot an frischen salatgurken zu schreiben
jene die auf spanischem wüstenboden angebaut werden
dunkelgrün lockend bei uns im supermarktregal liegen

verspüre wie damals als kind am schlachttag der hasen
einen bitteren geschmack im mund und finde mich am
strand von mar menor zwischen fischkadavern wieder

schnell texte ich mich zurück in den sommer als wir auf
dem stillgelegten bahndamm träumend im gras lagen
und ohne eine miene zu verziehen sauerampfer kauten

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schó
Geschlecht:männlichGänsefüßchen


Beiträge: 46



BeitragVerfasst am: 15.11.2021 18:00    Titel: Antworten mit Zitat

form:
feste formen, die ein autor immer verwendet, um sich innerhalb dieser
festen form frei zu entfalten, habe ich erst neulich in fülle anzuerkennen
und wertzuschätzen gelernt. wie ich bei dir, perry, schon bemerkt habe,
schreibst du deine gedichte (fast?) immer in 3 strophen á 3 verse.
es gibt sicherlich eine schöne sicherheit, wenn diese form schon so
festgemeißelt ist und alle verzierungen, jeder inhalt dem untergeordnet
sind. ich könnte eine kleine ode singen an die feste form, die in vielen
traditionen, kulturen, gesellschaften oder religionen das maßgebende
sind für den rausch, der sich innerhalb dessen verstecken kann.
wenn etwa ein mönch oder eine nonne im kloster formal wiederholt
und wiederholt, was sich schon als fruchtbar erwiesen hat, dann kann
sich innerhalb dieser festen form wahre entfaltung finden lassen.

inhalt:
in diesem gedicht lese ich eine selbstreferentielle, (über)reflektierte, im
sinne von (zu sehr) auf sich selbst bezogene überlegung eines lyrikers,
der fast frei assoziierend über das schreiben und essen sinniert. von
salatgurken, die im "supermarktregal" sich als schmackhaft verkaufen wollen,
doch in wahrheit (wie ich es lese) aufgrund ihres kaptialistischen kontextes
einen "bitteren [bei]geschmack" hinterlassen. verglichen wird diese wirkung
der salatgurken mit der schlachtung von hasen, wo im gegensatz zu den
salatgurken eine gewisse vegetarische ethik ins spiel kommt, nicht minder
mit einem politischen status, nach meinem gefühl. letztendlich überlegt
das lyrische ich weiter, ein plötzlicher sprung in der fantasie des ichs, zu
den "fischkadavern" an einem gewissen ort namens "mar menor", den ich
nicht kenne aber sicher im netz finden könnte. nun wird in der letzten strophe,
vielleicht als eine art synthese, der titel wieder ins spiel gerückt, der übrigens
auch mit dem ersten vers verbunden ist, syntaktisch, und somit zentral von
bedeutung zu sein scheint für diesen text. im der letzten strophe wird nämlich
noch einmal deutlich: der rahmen, der charakter dieses textes, dass das ich
überlegt und schreibt, nämlich in der letzten strophe fort von scheinbar ihm
unangenehmen träumereien, wie der spanischen wüste, der als kultivierungsboden
für die salatgurken dient, fort von den geschlachteten hasen und fort von
den fischkadavern (alles wohlbemerkt metaphorisch, allegorisch für den tod
stehende symbole, für die vergänglichkeit, das vergehen, das aussterben usw.)
und hin zu einem gedanken-, erinnerungs-idyll. dem gewissen "sommer", als
das ich sich mit einem oder mehreren individuen, sich zu einem "wir" vereinigt,
"auf dem stillgelegten bahndamm", vielleicht ähnlich wie auch jetzt umherträumte,
"im gras lag und ohne eine miene zu verziehen sauerampfer kaute". der sauer-
ampfer gibt dem "bitteren geschmack" von vorhin eine sinnliche gegennote,
einen kontrast, wodurch das gedicht hier beinahe einen geschmack zu bekommen
scheint, wenn man sich hineinfühlt entdeckt man die kälte des gekühlten
supermarktes und die hitze der spanischen wüste, man spürt den ekel des kindes
am "schlachttag der hasen", das durch den ekel schon fast kotzen muss, so erkläre
ich den "bitteren geschmack im mund" und man riecht auch die toten fische am meer.

kritik:
ich mag üblicherweise lyrik über lyrik nicht und ich mag auch üblicherweise diese
haltung von einer selbstreferentiellen lyrik nicht, die über das schreiben geht, ich
finde das schwach, ich unterstelle dem autor eine gewisse schwäche für die lyrik
und unterstelle dem autor auch, dass er keine dringlichkeit hat überhaupt irgendwas
zu schreiben, wenn er so banal einfach über das schreiben schreibt. gleichzeitig
mag ich aber auch die ästhetik und ich finde den inhalt einfach schon stilistisch gut
erfasst, das ding scheint mir ein produkt reichlicher übung und ist keineswegs
langweilig oder klischiert oder ähnliches. ich würde aber darauf achten, wenn ich
der autor wäre, dass ich mich nicht so sehr verflüssige im schreiben und vielleicht,
das ist wieder bloß eine unterstellung, über mich selbst schreibe, wie ich nachdenke.
das ist langweilig und ich sehe das als problematisch an. ich sage damit:

konklusion:
ein bisschen aufpassen, dass man sich nicht zu wohl fühlt mit der ganzen lyrik, damit
sie nicht nur wohlfühllyrik ist, wie auch in der letzten strophe als schreibbewegung
klar wird. aber an sich schön und ästhetisch. meine meinung.
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Perry
Geschlecht:männlichExposéadler

Alter: 69
Beiträge: 2206



BeitragVerfasst am: 15.11.2021 21:05    Titel: Hallo scho', pdf-Datei Antworten mit Zitat

ich habe deine Rezension mit Interesse gelesen.
Mag sein das vieles davon zutrifft, es ist nur so, dass ich früher viel verdichteter und hetermetischer geschrieben habe. Jetzt bin ich wohl "altermild" geworden und ich erzähle meine Texte zumindest inhaltlich verständlicher, auch um vielleicht lyrisch weniger Interessierte anzusprechen.
Was das Formale angeht, hat es einerseits den Grund die prosaische Struktur "Einleitung, Haupteil und Schluss" einer Geschichte darzustellen und anderseits
die Wortbilder zu verdichten. Stilistisch streue ich, soweit es sich ergibt, hin und wieder Enjambements, Alliterationen oder Binnenreime mit ein.
Die "Neunzeiler" passen auch gut, um das Gedicht mit einem Bild zu kombinieren (Postkartenformat), das ich in den letzten Jahren öfter verwende um damit Bildgedichtbände (Fotobücher) zu gestalten.
Danke fürs konstruktive Feedback und LG
Perry
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