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Bier („Erstkontakt“ - kein Beitrag zur Ausschreibung)


 

 
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wohe
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 69
Beiträge: 303
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 28.10.2021 08:32    Titel: Bier („Erstkontakt“ - kein Beitrag zur Ausschreibung) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,

einige von Euch hatten hier im Forum ihre Beiträge zu einem Schreibwettbewerb „Erstkontakt“ vorgestellt. Beim Lesen fiel mir ein, dass ich (ohne Zusammenhang mit einer Ausschreibung) einmal etwas Ähnliches geschrieben habe.
Ich habe mir das jetzt wieder angeschaut und mich darüber amüsiert.
Wie findet Ihr das, wie wäre es noch besser und: wenn die Kriterien (Umfang, Thema usw.) eines Wettbewerbs abgedeckt wären, könnte man so etwas einsenden oder wäre das zu blamabel?

MfG Wohe



BIER

Ein herrlicher Tag. In der Ferne zogen dunkle Wolken auf, aber noch schien die Sonne, es war warm und weit und breit war kein Mensch in Sicht.
Wohe lag unter einem Baum und träumte seinen ersten Roman zu Ende. Zwar fehlten ihm noch ein paar Feinheiten wie Anfang und Mittelteil und so, aber den glücklichen Schluss hatte er bereits im Kopf. Was wollte er mehr?
Ein Knarren und Quietschen kündete vom Ende der Einsamkeit. Jemand zog einen schwer bepackten Handwagen durchs Unterholz auf ihn zu.
Es war ein großer Mann mit beeindruckendem Bauch, der ihn jetzt mit zusammen gezogenen Brauen ansah. „Was machen Sie denn hier?“
„Nix“, sagte Wohe.
„Und? brauchen Sie dazu noch lange?“
„Keine Ahnung. Störe ich Sie?“
„Ja.“
„Nun, Sie mich auch. Insofern sind wir dann wohl quitt.“
Der Mann wischte sich den Schweiß von der Stirn und streckte die Hand aus. „Fred.“
„Wohe.“ Wohe schüttelte die Hand zum Friedensgruß.
„Bier?“ Fred griff in den Handwagen und holte zwei Flaschen hervor.
“Aber gern doch.“ Wohe nahm ihm eine ab und sie prosteten sich zu.
„Fürchten Sie das Ende des Reinheitsgebots?“
„Nee, wieso?“
Wohe deutete auf den Handwagen, der voller Bierkästen war. „Wegen der Vorratshaltung.“
„Vorratshaltung trifft es schon irgendwie.“ Fred zeigte auf das Etikett. „Schadt‘s Pilsener. Gibt‘s nur hier und schmeckt klasse.“
Auch Wohe kannte die Sorte. „Stimmt, aber was ist los? Machen die etwa Pleite?“
„Da weiß ich nichts von, aber ich muss verreisen und möchte noch möglichst viel vom Original für unterwegs bunkern.“
Sie tranken ihre Flaschen aus und Fred holte noch ein paar Mal Nachschub.
So langsam verdunkelte sich der HImmel und ab und zu vernahm man auch schon ein näher kommendes Grollen.
„Wenn Sie nicht langsam losgehen, werden Sie noch nass.“ Fred zeigte auf die Wolken
“Das macht nichts. Ich liebe Regen.“
„Gewitter im Wald sind aber auch gefährlich. Blitze schlagen da gern mal in einem Baum ein.“
„Das ist allerdings wahr. Aber jetzt übers offene Feld nach Hause zu gehen wäre noch viel gefährlicher.“
Fred überlegte. Dann fasste er einen Entschluss. Er ging zu dem Baum, an dem Wohe lehnte, schüttelte einige Äste und der Baum öffnete sich. Innen war er hohl. Fred stieg in den Baum und wandte sich an Wohe. „Würden Sie mir bitte die Kästen reichen?“
Wohe kniff sich in den Arm. Es tat weh, also war er wohl wach. Er schleppte die Bierkästen herbei und half Fred beim Verstauen.
„Wird natürlich ein bisschen eng hier drinnen“, sagte Fred. „War ja auch ursprünglich nur für Fred gedacht. Na, macht nichts, der merkt eh nicht viel.“
Dritte Person Singular? War der von den paar Bieren schon voll?
„Sie merken nicht viel?“
Fred kam aus dem Baum und betrachtete den Himmel. “Bald geht‘s los. Und doch, ich merke sogar sehr viel, aber Fred nicht.“
„Ah ja.“
„Wir haben noch ein paar Minuten, da kann ich Ihnen das auch erläutern.“ Er zeigte auf sich. „Das hier ist Fred. Und hier drinnen“, er zeigte auf seinen Bauch, „bin ich.“
„Das Bier.“
Fred lachte. „Sehr gut. Sie haben Humor.“ Er knöpfte sein Hemd auf und zog seine Bauchdecke an einer Stelle auseinander. Statt Blut schimmerte eine silbrige Kugel zwischen den Muskelfasern hindurch. „Das bin ich. ich stelle mich vor:“ Eine Folge von Pieplauten ertönte. Er schob alles wieder zusammen, sah sich die Wolken an und holte zwei weitere Bier aus dem Baum. „Die Zeit reicht noch für ein Schlückchen. Prost.“
Wohe kniff sich noch einmal, aber wieder tat es weh. „Sapit ergo sum. Es schmeckt, also bin ich. Prost“.
Dann siegte die Neugierde. „Und Fred?“, fragte Wohe.
„Fred ist ein Transport- und Kommunikationsmedium. Er dient als Raumanzug und Sprachrohr. Für mich wäre es hier etwas sehr ungemütlich.“
„Ah ja. Und was sagt Fred dazu?“
„Nichts. Er ist nur eine Züchtung. Ich kam, sah und sammelte einige DNA-Proben. Daraus habe ich dann Fred wachsen lassen, also bis auf das Hirn. Davon hat er nur das, was für die Vitalfunktionen nötig ist. Das Denken übernehme ich lieber selbst.“
Junge, Junge, was für eine Technologie. Wohe bestaunte den Baum.
„Das ist nur der Lander“, erklärte Fred. „Mein Schiff parkt hinter dem Mond. Gut verborgen, da kommt von Ihnen so schnell keiner hin.“
„Wo kommen Sie denn her?“
Wieder eine Reihe von Pieptönen.
„Äh?“
„Bei Ihnen heißt er Ross128 B.“
„Wieso 128 B?“
„Weiß ich nicht. Wir nennen ihn ja auch nicht so, sondern ...“ Pieptöne.
„Ist das weit?“
„Ungefähr elf Lichtjahre. Da wird das Bier wohl knapp werden.“ Fred sah traurig aus.
„Und was machen Sie hier?“
„Gucken. Mal schauen, was hier auf der Erde so los ist. Sie würden das wohl als Ausflug bezeichnen.“
„Ausflug? Ich hätte gedacht, man macht da so etwas wie eine Forschungsexpedition.“
„Nee, nee. Ich habe nur keine Lust zu arbeiten und da dachte ich mir, sieh doch mal nach, wie die auf der Erde so leben. Jetzt habe ich es gesehen und ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, aber außer Schadt‘s Pilsener gibt es hier nichts, was mich noch halten könnte“
„Nichts?“
„Nichts.“
So in seiner Funktion als Erdenbewohner war Wohe unangenehm berührt „Das klingt nicht begeistert.“
„Ist es auch nicht.“
Die ersten dicken Tropfen fielen und Blitz und Donner kamen näher und wurden häufiger.
„Es ist soweit“, sagte Fred. „Ich brauche dieses Wetter. Es erschwert die Ortung. Wir wollen doch nicht als nächste UFO-Sichtung registriert werden, nicht wahr? Aber um es Ihnen zu verdeutlichen: Was hier am meisten stört, sind die Menschen. Anwesende natürlich ausgenommen, schließlich haben Sie wenigstens Geschmack.“ Er zeigte auf die leeren Bierflaschen. „Aber Ihre Mitmenschen! Dumm wie Bohnenstroh, keine Ahnung von Physik und Technologie. Da wissen ja noch nicht einmal die Wissenschaftler, wie man die Gravitation abschirmt.“
„Das weiß ich auch nicht.“
„Sind Sie Physiker oder Techniker?“
„Nein.“
„Dann sind Sie entschuldigt. Was machen Ihre Leute noch? Sie bringen sich gegenseitig um, morden ihre eigene Lebensgrundlage, ich sage nur Klimawandel, essen andere Lebewesen und wissen Sie, wie die sich fortpflanzen?“
„Ja.“
„Na dann prost Mahlzeit. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass die Fortpflanzungsorgane in die Ausscheidungsorgane münden? Üäh!“
Wohe runzelt die Stirn. Ausscheidungsorgane. Bisher hatte ihm Sex eigentlich immer viel Spaß gemacht.
„Wie auch immer“, sagte Fred. „Ich muss jetzt los. Alles Gute noch.“
„Eins noch“, sagte Wohe. „Wenn Sie spurlos verschwinden wollen, wieso erzählen Sie mir das alles?“
„Warum nicht? Sie können das ruhig weiter erzählen, das glaubt Ihnen sowieso niemand.“
Fred kletterte in den Baum und klemmte sich zwischen die Bierkästen. Von irgendwo holte er eine verkabelte Haube hervor und zog sie sich über den Kopf.
Er winkte Wohe noch einmal zu, der Baum schloss sich und begann, sich von seinen Wurzeln zu trennen und erst langsam und dann immer schneller in die Wolken zu entschweben.


Aus der Autobiographie des Wohe (unveröffentlicht) vom 24.09.2017 mit dem Zusatz:
So geschehen um 15:30 auf einer Lichtung im Elm / Niedersachsen bei 52°08'58.5"N 10°55'25.9"E.

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RAc
Klammeraffe


Beiträge: 592



BeitragVerfasst am: 28.10.2021 12:21    Titel: Re: Bier („Erstkontakt“ - kein Beitrag zur Ausschreibung) Antworten mit Zitat

wohe hat Folgendes geschrieben:
Hallo Freunde,

Ich habe mir das jetzt wieder angeschaut und mich darüber amüsiert.
Wie findet Ihr das, wie wäre es noch besser und: wenn die Kriterien (Umfang, Thema usw.) eines Wettbewerbs abgedeckt wären, könnte man so etwas einsenden oder wäre das zu blamabel?



Hallo Wohe,

Handwerklich finde ich an dem Text nichts auszusetzen.

"Amüsant" ist vermutlich das, was den Text komplett charakterisiert. Ich würde ihn ähnlich wie den von Seth Gecko einstufen. In einer SF Anthology würde ich so etwas nicht vermuten oder erwarten; da ist mir zu wenig von der Bedeutungsschwere der Thematik drin. Außerdem zu sehr holzhammermäßig die "Ihr Dummen Menschen verdient es eh nicht besser" Litanei. Das ist für mich ziemlich ausgelutscht.

Ansonsten aber gerne gelesen.
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wohe
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 69
Beiträge: 303
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 29.10.2021 10:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo RAc,
Zitat:
In einer SF Anthology würde ich so etwas nicht vermuten oder erwarten; da ist mir zu wenig von der Bedeutungsschwere der Thematik drin
Das hatte ich vermutet. Meine geliebten "netten, kleinen Geschichtchen" dürften auch bei den Ausschreibern mangels Bedeutungsschwere und/oder Wortgewalt und/oder Intellektualität kaum auf Begeisterung stoßen.
Schreibe ich also weiter für mich selbst.

MfG Wohe
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RAc
Klammeraffe


Beiträge: 592



BeitragVerfasst am: 29.10.2021 20:15    Titel: Antworten mit Zitat

wohe hat Folgendes geschrieben:
Hallo RAc,
Zitat:
In einer SF Anthology würde ich so etwas nicht vermuten oder erwarten; da ist mir zu wenig von der Bedeutungsschwere der Thematik drin
Das hatte ich vermutet. Meine geliebten "netten, kleinen Geschichtchen" dürften auch bei den Ausschreibern mangels Bedeutungsschwere und/oder Wortgewalt und/oder Intellektualität kaum auf Begeisterung stoßen.
Schreibe ich also weiter für mich selbst.

MfG Wohe


Würde ich so nicht stehen lassen. Dein Text qualifiziert eher nicht als "seriöse SF", aber es gibt sicherlich irgendwo einen Platz dafür. "Mieses Karma" is ja ein Standardbeispiel für einen seichten flachen Text mit Anlehnung an Mystery ohne jeden "literarischen Anspruch," der es aber bis sehr weit oben in die Verkaufsränge geschafft hat. Du musst also "nur" das passende Ökosystem finden, in dem sich Du und dein Text mit der passenden Leserschaft zusammen finden... Wink

P.S. Das ist keinesfalls abwertend gemeint. Wie schon geschrieben, sind deine Texte vom handwerklichen her nicht zu beanstanden. Nicht jeder veröffentlichte Text muss mit Joyce oder Böll (oder um in diesem Genre zu bleiben mit Arthur C. Clarke, Lem oder Vonnegut) mithalten können - außer natürlich das ist dein eigener Anspruch...
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traumLos
Eselsohr


Beiträge: 391



BeitragVerfasst am: 29.10.2021 20:47    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe nur beizutragen, dass mich dein Text gut unterhalten hat.

_________________
Meine Beiträge geben nur meine Meinung wieder. Jede Einbeziehung realer oder fiktiver Personen wäre nur ein Angebot. Zwinkersmiley
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wohe
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 69
Beiträge: 303
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 30.10.2021 09:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo RAc, traumLos,

freut mich, dass Euch der Text amüsiert / gut unterhalten hat. Das war auch die Intention beim Schreiben.
Bez, Schreibwettbewerbe: bisher habe ich auf sowas nicht geachtet, aber jetzt würde mich das doch interessieren. Ich muss mich mal auf die Suche machen, ob irgendwann irgendwo irgendwas in meinem bevorzugten Genre angeboten wird.

MfG Wohe
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