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Worüber wir reden


 

 
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Autor Nachricht
anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 711
Wohnort: Bad Nauheim


BeitragVerfasst am: 23.09.2021 09:08    Titel: Worüber wir reden eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kondens

Nebel drückt sich an
die Scheibe auch von innen
dunstbeschlagen die Synapsen
im Kopf zertasten sich
die Worte fehlen mir und

Im Wannenbad schwimme ich
aus meiner Haut löst sich
mein Schweiß schmeckt
nach Mitternacht esse ich
meine Wut hält mich, nicht

Aus den Feldern steigt
der Mond verliert sich zwischen
den Sternen ist unser Streit
gleich sind wir

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Lorraine
Geschlecht:weiblichKlammeraffe


Beiträge: 727
Wohnort: France
Das goldene Stundenglas Ei 10
Pokapro 2016


BeitragVerfasst am: 25.09.2021 10:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo anderswolf

Es geht um Streit und wie er endet, oder auch nicht endet. Kondens heißt das Gedicht, also einerseits denke ich natürlich an „Kondensation“: der Nebel, der sich an die Scheibe drückt, die wiederum auch von innen beschlagen ist. Da ist die Sicht schlecht, auch die auf sich selbst, wie die sich zertastenden Synapsen und die fehlenden Worte mir sagen. LI fährt aber nicht aus der Haut, es schwimmt aus ihr, später, als es versucht, zu ent-spannen. Dann, spät, kommt ein Bewusstsein, ich denke mal, vielleicht über die Kleinheit des Ganzen, wie es oft beim Anblick eines Sternenhimmels passiert. „Gleich sind wir“ … schließt für mich zum Titel auf: „Kondens“, also auch so etwas wie Nebel oder winzige Flüssigkeitsteilchen. Was aber auffällt, ist die Assonanz des Wortes „Kondens“ zu „Konsens“. Ersteres führt für mich zur Niedergeschlagenheit, die sich im Text ausdrückt, das zweite wäre das Zusammenkommen, „…  zwischen
den Sternen ist unser Streit …“, oder vielleicht ein Gefühl des Friedens oder sogar des Einsseins.

Auffällig ist das Komma:

„…  meine Wut hält mich, nicht

Aus den Feldern steigt
der Mond …“ - es ist das einzige im Gedicht, es trennt klar. Man kann hier keinen Übergang lesen, es gehört das „nicht“ dadurch zum Mond, der nicht aus den Feldern steigt und die Wut bleibt beim LI, was irgendwie widersprüchlich scheint, vielleicht darauf hinweist, wie LI allein mit der Wut bleibt.
Ein durchgängiges Versmaß erkenne ich nicht, aber ein gewisser Rhythmus entsteht, je nachdem, wie ich lese.
Mir gefällt dieses (erste?) Gedicht, das du unter „Worüber wir reden“ geteilt hast, hier kondensiert das Ungesagte, oder eine Auseinandersetzung hat schon vorher und woanders stattgefunden, jedenfalls: es hat was.

Gruß von
Lorraine
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anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 711
Wohnort: Bad Nauheim


BeitragVerfasst am: 27.09.2021 09:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Lorraine,

vielen Dank für deine Auseinandersetzung mit meinem Gedicht. Ich kann deiner Interpretation wenig hinzufügen, da sie recht umfassend und vollständig erfasst, was ich ausdrücken wollte: dass da ein Streit ist oder war, und dass dieser Streit sich auf alles andere legt und und damit aus der Sicht nimmt; und dass dieser Streit letztlich (also vor dem Hintergrund von allem anderen) klein ist und vielleicht kleinlich.

Die "Niedergeschlagenheit", die du erwähnst, finde ich gleichzeitig passend und amüsant, denn auch Kondenswasser schlägt sich ja auch nieder, ein Wortspiel, das ich vielleicht auch hätte einflechten können, wenn ich daran gedacht hätte. Wenn es sich aber auch so im Text wiederfindet, ist es vielleicht umso besser.

Dieses Alleinbleiben mit der Wut, das du siehst, ist tatsächlich beabsichtigt; und dass ich es erkläre, liegt vielleicht daran, dass ich neben den ineinanderfließen Zeilen auch einen anderen "Kniff" (in Ermangelung eines besseren Wortes) verwendet habe: die Auslassung des Du. Der Text endet mit einem "wir", aber der Widerpart im Streit fehlt, und so ist es zwar eine Auseinandersetzung mit jemandem, dieses Gegenüber aber ist nicht greifbar. Das Du ist das zweimal fehlende Wort am Ende der ersten beiden Strophen. Oder eben auch nicht fehlend, weil seine Abwesenheit ja erst die widersprüchlich scheinende Spannung von Übergängen ermöglicht.

Ein richtiges Versmaß ist in der Tat nicht gegeben, war aber auch nicht beabsichtigt; sein Fehlen unterstreicht vielleicht auch das Ungleichmäßige eines Streites.

Und letztlich, ja, geplant ist ein längerer Faden mit Verdichtetem, "Kondens" soll da nicht der einzige Eintrag bleiben, auch wenn die folgenden Gedichte noch nicht existieren. Aber irgendwo muss ich ja anfangen.

Vielen Dank nochmals für deinen Kommentar, der meine Intention nicht nur erkannt und erklärt hat, sondern auch unbewusst intendiertes bestätigt.

Gruß zurück!
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