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Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 09.09.2021 17:33    Titel: Genug gedacht eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Fragmente seiner Werke hingen noch in den Gedanken der Menschen. Doch wie es bei antiken Pergamenten der Fall ist, zerfallen sie zu schnell und werden von den stärker werdenden Winden der Zeit davongetragen. Er hat die Gesellschaft aufgeweckt, mitunter auch mit eisig kaltem Wasser überschwemmt und wütend aus ihrem Schlaf gerissen, geradezu angeschrien endlich wach zu werden, bevor es zu spät ist.

„Bevor was zu spät ist?“ pflegte sie zu fragen.
„Alles!“ pflegte er zu antworten.

Viele Menschen mochten ihn nicht. Doch wer wird schon gerne aufgeweckt? Es mag ja auch niemand den Wecker, niemand mag den Hahn, der morgens kräht. Selbst die Sonne wird zum Feind, wenn man schlaf- und alkoholtrunken Sonntag morgens verschwitzt der Sonne ins Antlitz blinzelt. Nein, Schlaf und Träumereien sind angenehm. Bewusstlos wird man nicht mit Problemen konfrontiert, höchstens in Alpträumen, aber die sind bekanntlich nur Hirngespinste.
Er ist schon fast vergessen. Mit ihm sein Vermächtnis. Wenn heute jemand versucht sein Erbe anzutreten, in diese übergroßen Schuhe zu steigen und die Gesellschaft aufruft zu erwachen wird er bestenfalls ausgelacht. Schlimmstenfalls gesteinigt.
Dieses Jahrhundert hat der Mensch den letzten Funken Nomadentum in sich ausgelöscht. Er baut sich nicht mehr nur sein Nest in den Vorstädten dieser Länder, mit nettem Garten und einer geräumigen Garage, nein, nun baut er sich sein Nest in seinem Kopf. Er wickelt sich gemütlich, behäbig in Selbstgefälligkeit und geistiger Verarmung ein. Hauptsache die Hypothek wird abbezahlt und alles bleibt wie es ist. Er fährt noch in den Urlaub, doch sein Nest verlässt er dabei nie. Er hat dabei gar nicht verlernt zu fliegen. Der Mensch hat nur verlernt es zu wollen.
Es wurde sich schon oft voller Schrecken, manchmal auch böser Vorahnung, oder aus reiner Lust an der Kritik, ausgemalt wie Regierungen, böswillige Unternehmen oder andere Institutionen den Menschen die Freiheit rauben, gewissermaßen die Flügel stutzen. Wieviel mehr Schrecken es dann auslösen muss zu realisieren, dass es dazu niemanden gebraucht hat. Wie ohnmächtig man sich fühlen muss zu realisieren, dass ein jeder mit großer Freude in der engen Zelle seines geistigen Schrebergartens bleibt und nicht einmal über den Zaun zum Nachbarn schaut. Es braucht für eine Dystopie kein einwirkendes, äußeres Element, ja nicht einmal Fantasie. Es reicht einen Tag lang Augen und Ohren zu öffnen. Es reicht zu sehen und zuzuhören.

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nebenfluss
Geschlecht:männlichPapiertiger


Beiträge: 4722
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
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BeitragVerfasst am: 11.09.2021 17:19    Titel: Re: Genug gedacht Antworten mit Zitat

Hallo Janus,

gefällt mir vom Sprachgebrauch her recht gut. Ein paar Stellen, auf die ich noch draufschauen würde:
Janus hat Folgendes geschrieben:
Fragmente seiner Werke hingen noch in den Gedanken der Menschen. Doch wie es bei antiken Pergamenten der Fall ist, zerfallen sie zu schnell und werden von den stärker werdenden Winden der Zeit davongetragen.

Die Gedanken sind im Kopf, Winde dagegen "draußen", oder wehen die Winde der Zeit durch die Hirne der Menschen? Vielleicht gibt es ein besseres Bild für das Gemeinte.

In diesem Satz
Janus hat Folgendes geschrieben:
Selbst die Sonne wird zum Feind, wenn man schlaf- und alkoholtrunken Sonntag morgens verschwitzt der Sonne ins Antlitz blinzelt.

finde ich die Dopplung von "Sonne" unschön und den Satz zu voll und unrund. Würde ein Adjektiv (wahrscheinlich "verschwitzt") rauswerfen. Also so etwas wie
Selbst die Sonne wird zum Feind, wenn man ihr Sonntag morgens schlaf- und alkoholtrunken ins Antlitz blinzelt.

Janus hat Folgendes geschrieben:
Wie ohnmächtig man sich fühlen muss zu realisieren, dass ein jeder mit großer Freude in der engen Zelle seines geistigen Schrebergartens bleibt und nicht einmal über den Zaun zum Nachbarn schaut.[...] Es reicht zu sehen und zuzuhören.

(Hervorhebung von mir)

Hier frage ich mich, was es da noch zu hören gibt - den Rasenmäher vielleicht. Aber dem hört man ja nicht zu im Wortsinn. Vielleicht durch "hinzuhören" oder nur "zu hören" ersetzen?

Inhaltlich kann ich dem als Sozialanalyse etwas abgewinnen, was den Rückzug ins Private angeht, das frühe Sesshaftwerden als Lebensziel, das Einrichten in der eigenen Blase.
Nur erfährt man leider wenig über den Vergessenen, über den der Erzähler ja noch einiges zu wissen scheint, aber gar nicht den Versuch unternimmt, für dessen Vision (wie immer die aussieht) zu werben. Dadurch entsteht bei mir der Eindruck, hier wird nur kritisiert, aber keine Alternative vorgeschlagen.


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Pickman
Geschlecht:männlichReißwolf


Beiträge: 1110



BeitragVerfasst am: 12.09.2021 19:22    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Janus,

nicht schlecht! Gelegentlich mehr. Heute will ich nur noch lesen.

Cheers

Pickman


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Tempus fugit.
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Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 13.09.2021 15:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Ihr beiden!

Vielen Dank erstmal fürs lesen und kommentieren.

Danke Dir, Nebenfluss, für deine Ratschläge und Bemerkungen. Sie sind durchaus stichhaltig und ich nehme sie auf, um den Text zu verbessern.
Man erfährt nicht mehr über den (beinahe) "Vergessenen", weil er eben schon so gut wie vergessen ist, bzw. Ist der "Vergessene" hier vielleicht auch nur ein Symbol für selbstständiges Denken. Ich würde nur ungerne näher auf diesen "Vergessenen" eingehen wollen!

Beste Grüße
Janus

EDIT: Ich bin auf dein Feedback gespannt, Pickman!
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Pickman
Geschlecht:männlichReißwolf


Beiträge: 1110



BeitragVerfasst am: 17.09.2021 21:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Janus,

dann wollen wir mal.

"... von den stärker werdenden Winden der Zeit ..." - Zu geschwätzig. "... von den Winden der Zeit ..." reicht vollauf.

"Er hat die Gesellschaft aufgeweckt ..." - Zu geschwätzig. Die Tempora passen nicht. Ich würde schreiben: "Rau riss er die Gesellschaft aus dem Schlaf, bevor es zu spät war."

"Doch wer wird schon gerne aufgeweckt?" - "Doch" verweist auf einen Gegensatz, den ich hier nicht sehe. Streichen.

Realisieren - Ich fürchte, Du verwendest das Wort in anglisierender Bedeutung.

Je weiter und je länger ich lese, desto weniger Substanz kann ich unter dem Wortgeklingel finden. Behauptung auf Behauptung, keine Illustration, keine Argumentation. Ich fürchte, ich muss mein vorschnelles Urteil vom 12.09. revidieren.

Cheers

Pickman


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Tempus fugit.
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agto
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 62
Beiträge: 258
Wohnort: Utvik


BeitragVerfasst am: 21.09.2021 14:10    Titel: Re: Genug gedacht Antworten mit Zitat

Janus hat Folgendes geschrieben:
Fragmente seiner Werke hingen noch in den Gedanken der Menschen. Doch wie es bei antiken Pergamenten der Fall ist, zerfallen sie zu schnell und werden von den stärker werdenden Winden der Zeit davongetragen.


Pergament hält 5000 Jahre.

Länger sind Informationen wohl nur lesbar, wenn sie in Stein gemeißelt wurden.

Vielleicht willst du aber etwas ausdrücken, was mir entgangen ist.
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Roman Ramon
Schneckenpost

Alter: 36
Beiträge: 11
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 21.09.2021 14:38    Titel: Re: Genug gedacht Antworten mit Zitat

Tonfall und Schreibfluss finde ich stimmig. Auch das kurze: pflegte sie/pflegte er passt da rein.
Man fragt sich halt wer der Weckrufer aus vergangenen Zeiten sein mag. Der eine mag das Mysterium, ein anderer hätte gerne mehr Information

Hab noch nicht geschnallt wie das mit dem zitieren funktioniert, jedenfalls hier:

 Er wickelt sich gemütlich, behäbig in Selbstgefälligkeit und geistiger Verarmung ein.

finde ich es wäre stärker wenn Selbstgefälligkeit und geistige Verarmung durch nicht so extrem negative Varianten ersetzt würden.
geistige Komfortzone, alltägliche Belanglosigkeiten.....so in die Richtung vielleicht

so wirkt es wie eine Hetzkampange. Mit weniger eindeutig besetzten Begriffen könnte die Aussage an Kraft gewinnen, weil nachvollziehbar ist das man sich dort einwickeln will, man aber trotzdem versteht, dass es unwürdig ist.

Das Prinzip kann auch auf andere Textstellen angewandt werden.
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nebenfluss
Geschlecht:männlichPapiertiger


Beiträge: 4722
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.09.2021 14:55    Titel: Re: Genug gedacht Antworten mit Zitat

Hi Roman,

Roman Ramon hat Folgendes geschrieben:

Hab noch nicht geschnallt wie das mit dem zitieren funktioniert, jedenfalls hier:

statt auf "antwort erstellen" rechts über dem betreffenden Beitrag auf die "zitat"-Schaltfläche klicken. Innerhalb der "quote"-Tags (in eckigen Klammern) kannst du dann rauslöschen, worauf sich deine Antwort nicht bezieht.
Die Antwort dann unter den das Zitat abschließenden "/quote"-Tag.


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Heribert
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 49
Beiträge: 200
Wohnort: Landshut


BeitragVerfasst am: 21.09.2021 20:06    Titel: Antworten mit Zitat

Toller Text. Schöne Sprache.
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