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Ich bin ein alter, weißer Mann


 
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 15.08.2021 10:19    Titel: Ich bin ein alter, weißer Mann eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

»Herzlich willkommen! Ich bin Helmut. Es freut mich, euch zur ersten Sitzung der anonymen, alten, weißen Männer, kurz AAWM, begrüßen zu dürfen! Das ist hier wahrscheinlich eine Weltpremiere, ihr dürft euch also ein wenig wie Pioniere fühlen!«
Helmut blickte in die Runde der drei Männer, die im Halbrund vor ihm saßen. Er war enttäuscht, hatte auf mehr Teilnehmer gehofft. Egal, du stehst ganz am Anfang und jeder Einzelne zählt, tröstete er sich. Er wollte mit seiner Einleitung fortfahren, als die Titelmelodie von Spiel mir das Lied vom Tod erklang, zunächst leise, dann immer lauter. Einer der Teilnehmer, ein hagerer und braungebrannter Mann mit Glatze, kramte in der Tasche seines Sakkos, entnahm ihr ein Smartphone und drückte den eingehenden Anruf weg.
»Tschuldigung. Mein Orthopäde. Der kann warten. Doktert schon lange genug an mir rum. Arthrose.«
Sein Sitznachbar, ein korpulenter Bärtiger im schwarz-rot karierten Flanellhemd winkte ab.
»Ich auch. Knie. Viertes Stadium. Läuft wohl bald auf eine Prothese raus.«
»Sind Sie dafür nicht noch ein bisschen zu jung?«, fragte der Glatzköpfige. »Die Dinger halten nicht ewig. Und ich habe vor, mindestens hundert zu werden.«
Der Bärtige faltete die Hände vor seinem Kugelbauch und grinste.
»Hundert? Alle Achtung! Ich trete deutlich vorher ab, dafür sorgt schon meine Alte.«
Der Dritte in der Runde, der eine schwarze Hornbrille trug, deren dicke Gläser seine Augen unnatürlich groß wirken ließen, hob zaghaft die Hand.
»Pardon«, sagte er. »Wo sind hier die Toiletten?«
Helmut erklärte ihm den Weg, der Mann erhob sich und verschwand.
»Prostata. Jede Wette«, sagte der Bärtige zu dem Glatzköpfigen.
Das fängt gut an, dachte Helmut. Diese Alterswehwehchen-Diskussionen musste er unterbinden, sonst würden sie heute nicht weit kommen. Als der Glubschäugige zurückgekehrt war, ergriff Helmut direkt das Wort:
»Bitte stellt eure Smartphones für die nächste Stunde auf lautlos. Ich schlage vor, dass wir uns duzen. Alles, was in diesem Raum gesagt wird, bleibt bitte unter uns. Soweit einverstanden?«
Bejahendes Nicken in der Runde.
»Dann beginnen wir mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Vorname, beruflicher Hintergrund, wenn ihr wollt, und eure Erwartungen an diese Gruppe. Wer möchte den Anfang machen?«
Ausweichende Blicke, eine halbe Minute zähes Schweigen, schließlich meldete sich der Glatzköpfige.
»Ich bin Joachim. Leitender Angestellter in einer Bank, seit einem Jahr im Ruhestand. Meine bessere Hälfte hat mich auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht. Es kriselt zwischen uns, seit ich ständig zu Hause bin. Sie meckert nur noch an mir rum, meint, ich müsse endlich raus aus meiner Gentleman-Patriarchen-Blase. Ich weiß nicht recht, was sie damit sagen will. Aber vielleicht klärt sich das ja hier.«
Er lehnte sich zurück und rieb sich die Ohrläppchen.
»Danke, Joachim. Ich bin sicher, dass wir dir helfen können«, sagte Helmut.
»Ich heiße Kurt«, hob der Bärtige an. »Landwirt mit eigenem Hof. Wie Joachim hab ich in letzter Zeit Zoff mit meiner Frau. Und mit der ältesten Tochter, die den Hof mal übernehmen wird. Sie hat mir diese Veranstaltung empfohlen. Meine tägliche Machonummer sei unerträglich, behaupten die Beiden. Keine Ahnung, was plötzlich in die gefahren ist. Ich meine, jemand muss doch sagen, wo der Hammer hängt auf so einem Hof. Meine Alte hat gar damit gedroht, die Flatter zu machen, wenn ich mich nicht ändere. Und irgendwie hänge ich ja doch an ihr.«
»Danke für deine Ehrlichkeit, Kurt«, sagte Helmut und blickte in Richtung des Mannes mit der Hornbrille.
»Ich bin Gregor«, begann dieser. »Ich arbeite als Lektor in einem kleinen Verlag. Als einziger Mann. Da ist Einiges im Umbruch im Verlagswesen: diversity, sensivity reading, political correctness, gendern, aber das führt hier wahrscheinlich zu weit. Jedenfalls waren meine Kolleginnen der Meinung, dass ich den neueren Entwicklungen etwas hinterher hinke. Dass ich mir ein wenig selbst im Weg stehe.«
Helmut dankte auch Kurt. Aus eigenem Antrieb, so dachte er, saß keiner der drei hier. Aber das hatte er gar nicht erwartet. Vermutlich säße auch er nicht hier, wäre er nicht vor zwei Jahren Susanne begegnet.

»Dann erzähle ich jetzt etwas über mich und diese Veranstaltung«, begann Helmut. »Ich bin ehemaliger Deutschlehrer, im Vorruhestand. Und ich bin ein… ein alter, weißer Mann
Er legte eine kurze Pause ein, um seinen letzten Satz wirken zu lassen, bevor er fortfuhr.
»Das sieht man doch, warum erwähnt er es überhaupt, werdet ihr denken. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn in ihrer überwiegenden Mehrzahl sind alte, weiße Männer eben leider viel mehr als nur alt, weiß und männlichen Geschlechts. Sie sind krank
»Stimmt«, sagte der Bärtige und fasste sich ans Knie.
Helmut schüttelte den Kopf.
«Ich meine nicht die körperlichen Gebrechen, die uns im Alter zunehmend plagen. Nein: Der alte, weiße Mann, nennen wir ihn der Einfachheit halber AWM, ist mental krank. Ohne sich dessen bewusst zu sein. In vielerlei Hinsicht ist seine Krankheit mit einer Sucht vergleichbar. Und wir haben uns hier versammelt, um uns in einem ersten Schritt dieser Sucht bewusst zu werden und dann gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie wir, um im Bilde zu bleiben, clean werden und bleiben können. Den ersten Schritt habt ihr getan, sonst säßet ihr nicht hier! Dazu möchte ich euch ich beglückwünschen!«
Helmut atmete durch und blickte in drei verdutzte Mienen.
Kurt hob die Hand. »Moment mal. Ich komme nicht ganz mit. Wonach sind wir denn süchtig, bitteschön?«
»Die Droge des AWM ist die Macht«, sagte Helmut. »Die Macht und die Selbstherrlichkeit.«
»Da gibt es aber auch noch ein paar andere Machtgeile auf diesem Planeten«, wandte Joachim ein.
Helmut winkte ab.
»Das sind eher Nebendarsteller. Seit der Kolonialzeit knechtet vor allem der AWM die Welt. Er ist der Hauptschuldige an der globalen Ausbeutung von Mensch und Natur, an Rassismus, Diskriminierung von Minderheiten, an der Unterdrückung der Frau. Machen wir uns nichts vor! Selbst dort, wo die AWMs nicht die Mehrheit stellen, ziehen sie meist im Hintergrund die Fäden. Kurz: Der AWM – also wir! - sind das größte Problem.«
Joachim schüttelte energisch den Kopf.
»Das ist mir zu einfach. Und außerdem ist das Rassismus pur! Eine ganze Gruppe von Menschen pauschal wegen ihres Alters, ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts an den Pranger zu stellen.«
Diesen Einwand hatte Helmut erwartet. Die typische Verteidigungsstrategie, die er nur zu gut aus seiner eigenen AWM-Vergangenheit kannte.
»Wir müssen die Hauptverantwortlichen für die globale Misere kompromisslos beim Namen nennen«, erwiderte er. »Auch auf die Gefahr hin, dass es ein paar weniger Schuldige trifft. Sollen die AWMs ruhig auch mal in der Schusslinie stehen. Dann spüren sie endlich, wie Diskriminierung sich anfühlt!«
Gregor räusperte sich.
»Klingt mir ein bisschen so, als solle der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben werden. Führt das nicht nur zu einer weiteren Verhärtung der Fronten?«
»Da kann sich nichts verhärten«, entgegnete Helmut kämpferisch. »Denn es ist die Front zwischen Gut und Böse. Wir müssen sie aufbrechen, die ungebrochene Kumpanei der alten, weißen Männer zum Zweck der Aufrechterhaltung ihres weltweiten Herrschaftsanspruches. Aufbrechen - auch von innen. Es wird alles so einfach, wenn man das einmal begriffen hat.«
Kurt erhob sich, zog den Bauch ein und stopfte einen Zipfel seines Flanellhemdes, der herunterhing, in die Hose.
»Ich weiß nicht, wer dir das Gehirn gewaschen hat, lieber Helmut. Nichts für ungut, aber für mich hast du ganz schön einen an der Klatsche! Ich bin dann mal weg.«
Bevor Helmut reagieren konnte, war Joachim ebenfalls aufgestanden und grinste Helmut an.
»Ich klinke mich auch aus. Bin wahrscheinlich schon zu lange AWM, um noch geläutert zu werden. Tschüss!«
Die Beiden drehten sich um und gingen Richtung Ausgang.
»Und was erzählt ihr euren Frauen?«, rief Helmut.
»Dass ich nicht auf Sekte stehe. Das wird sie verstehen«, sagte Joachim.
»Ich kauf meiner Alten jetzt erst mal nen großen Strauß Blumen«, meinte Kurt und Joachim nickte zustimmend.

Helmut sah ihnen fassungslos hinterher.
»Du solltest die Sache in Zukunft behutsamer angehen«, sagte Gregor leise. Helmut schluckte, er war den Tränen nahe.
»Meinst du?«
»Ja. Du musst deine Botschaft viel feiner dosieren. Du hast sie völlig überfordert.«
Rede nicht lange um den heißen Brei rum, komm direkt zum Kern, hatte Susanne ihm im Vorfeld empfohlen. Eine fatale Fehleinschätzung, so dachte Helmut nun.   
»Was ist mit dir, Gregor? Willst du auch gehen?«
»Nein, ich bleibe erst mal. Ich bin ein gutes Stück weiter als Joachim und Kurt. Weniger empfindlich, weil mir deine Argumente nicht neu sind. Meine Kolleginnen im Verlag, du verstehst.«
»Aber macht eine Teilnahme dann überhaupt Sinn für dich?«
»So weit bin ich auch noch nicht. Es gibt Rückfälle, wie das eben so ist bei einer Sucht. Und ganz freiwillig sitze ich nicht hier. Man hat mir mit Kündigung gedroht, wenn ich nicht glaubhaft meinen Willen zur Besserung nachweise. Du stellst mir doch sicher eine Teilnahmebescheinigung aus?«
»Klar doch! Und… wie machen wir jetzt weiter?«
»Für heute könnten wir Schluss machen und einen trinken gehen.«

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Pickman
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BeitragVerfasst am: 15.08.2021 16:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hi DLurie,

das liest sich flüssig und schlüssig. Du schreibst nicht erst seit gestern.

Und doch ist der Text so langweilig, dass ich nach der ersten Hälfte ausgestiegen bin. Die Worte plätschern viel zu harmlos daher. Einiges ließe sich streichen, anderes paraphrasieren - aber vor Allem fehlt etwas, nämlich: Konflikt, Konflikt, Konflikt. Ersatzweise Ironie, Humor etc. Der Banker könnte z. B. auf einen Altkommunisten treffen, der Viehzüchter auf einen Vegetarier.

Das Setting ist originell, aber Du könntest mehr daraus machen.

Cheers

Pickman


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Tempus fugit.
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 15.08.2021 20:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Pickman,

danke für dein Feedback.

Ich bin der Meinung, dass es schon genug Konfliktstoff gibt und ich nicht noch den Kommunisten mit dem Banker konfrontieren muss.

Ich warte noch mal auf weitere Rückmeldungen.

LG
DLurie
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Kojote
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Beiträge: 989
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BeitragVerfasst am: 15.08.2021 20:47    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber DLurie,

wie ich vielleicht schon an anderer Stelle schrieb, bin ich ein sehr anspruchsvoller Leser, bei dem ein Text schon sehr gut sein muss, um zu gefallen.

Ich hoffe, dass dich erleichtert, wenn ich dir nun feierlich mitteile:

Gut geschrieben und gern gelesen! Very Happy

Ein kleines Bisschen mehr Konflikt könnte in der Tat nicht schaden, aber ich möchte darin jetzt kein großes Manko sehen.

Das Einzige, was ich negativ einzuwenden habe:
Die innere Botschaft des Textes:

1) beruht hauptsächlich auf Dialogen. Vielleicht ließe sich z. B. die Meinung des einen oder anderen Charakters, oder was du auch immer rüberbringen willst, mittels einer Charakterbeschreibung rüberbringen? Die Charaktere, die du schilderst, sind sehr differenziert und es ergibt sich ein Bild im Kopfkino. Doch die Beschreibungen stehen nicht in Relation zum "Charakter des Charakters".

2) ist etwas zu direkt angeprangert. Vertrau ein bisschen auf die Interpretatiosfähigkeit des Lesers. Man muss da nicht mit dem Holzhammer kommen.

Außerdem finde ich die Dialoge ein bisschen zu aufgesetzt.

Im Großen und Ganzen:
sehr gern gelesen und gut unterhalten!

Liebe Grüße und eine gute Woche
der Kojote


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Trust ██ ██. ██ your ███ government!

"To be, or not to be." (William Shakespeare)
"Doobedoobedoo." (Frank Sinatra)
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RAc
Klammeraffe


Beiträge: 584



BeitragVerfasst am: 15.08.2021 21:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

ist mir ehrlich gesagt zu unschlüssig und zu Erklärbär.

Jede/r, der/die auf eine Fortbildung irgendeiner Natur geht (geschäftlich oder persönlich, aber aus finanziellen Gründen ganz besonders das Zweitere) wird sich schon um Vorfeld sehr intensiv mit dem Kursinhalt auseinandersetzen, bevor er/sie da hin geht.

In deinem Text liest es sich so, als seien die Teilnehmer auf Grund sehr diffuser Kriterien alle mit einem "Blankoscheck" auf eine Veranstaltung geschickt worden, die sehr vage etwas adressieren soll, was Drittpersonen (also nicht die Betroffenen selber) kritisieren. Haben diese Drittpersonen (also die jeweiligen Frauen) die Kursbeschreibungen im Vorfeld genau durchgearbeitet und entschieden, dass das die richtige Kur für die "Probleme" der Drei Männer sein soll? Haben sie darüber nicht mit den Betroffenen geredet? Scheinbar nicht, sonst wäre die Überraschung der Drei nach der Einführung nicht erklärlich. Aber das heißt, sie sind dann von den Frauen auf einen Kurs geschickt worden, von dem Niemand genau wußte, worum es da geht? Und dann tatsächlich treudoof da hingelaufen, ohne sich vorher dafür zu interessieren, worum es dabei geht? Scheint mir nicht schlüssig, liest sich vom plot her eher konstruiert.
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FaithinClouds
Geschlecht:weiblichSchmierfink


Beiträge: 97
Wohnort: Südlich vom Norden


BeitragVerfasst am: 15.08.2021 21:45    Titel: Re: Ich bin ein alter, weißer Mann Antworten mit Zitat

Hey DLurie,😺

ich habe deinen Text gelesen und fand ihn kurzweilig und verständlich. Allerdings fand ich die Pointe zu vorhersehbar, beziehungsweise zu breit auserzählt. Vielleicht wäre es besser, wenn der Grund des Besuchs der Teilnehmer später käme. Also wenn der Leser lange mutmaßen müsste, warum diese "bunte" Truppe sich zusammengefunden hat (und vielleicht wenn einige Doppeldeutigkeiten gestreut würden, wo man erst denkt, die wären Teil eines anderen Meetings). Auch die abschließende Belehrung war vielleicht ein bisschen zu "Tell" und nicht "show".
Obigem Kommentar würde ich aber nicht zustimmen, dass es total logisch sein muss, weil dein Text ja eher eine Satire ist und da finde ich das nicht so wichtig.
Bei der Sprache ist mir jetzt nichts wirklich negativ aufgefallen.

Den Witz fand ich teilweise ganz gut. Zum Beispiel, als der eine nickend auf sein Knie zeigt, als Helmut den Teilnehmenden sagt, sie seien krank.

Danke fürs Teilen deines Textes!😄
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Natalie2210
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 35
Beiträge: 553



BeitragVerfasst am: 16.08.2021 08:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

ich mag deinen Stil und deine Sprache, und deine Texte sind immer sehr durchdacht, so auch dieser hier. Hier einmal, was mir beim ersten Lesen aufgefallen ist:

Bleibt der Text so? Ich finde ihn an mehreren Stellen zu kurz:


Zitat:
Vermutlich säße auch er nicht hier, wäre er nicht vor zwei Jahren Susanne begegnet.


Das macht neugierig auf Helmuts Geschichte. Leider folgt dann nichts mehr.

Zitat:
Kurt erhob sich, zog den Bauch ein und stopfte einen Zipfel seines Flanellhemdes, der herunterhing, in die Hose.
»Ich weiß nicht, wer dir das Gehirn gewaschen hat, lieber Helmut. Nichts für ungut, aber für mich hast du ganz schön einen an der Klatsche! Ich bin dann mal weg.«
Bevor Helmut reagieren konnte, war Joachim ebenfalls aufgestanden und grinste Helmut an.
»Ich klinke mich auch aus. Bin wahrscheinlich schon zu lange AWM, um noch geläutert zu werden. Tschüss!«
Die Beiden drehten sich um und gingen Richtung Ausgang.


Das geht mir auch zu schnell. Vielleicht können die beiden untereinander noch diskutieren, was für einen Unsinn Helmut ihrer Meinung nach erzählt? Und sich sozusagen gemeinsam überlegen, was sie ihren Frauen sagen?

und

Zitat:
Helmut schluckte, er war den Tränen nahe.


Das ist mir zuviel. Eine so heftige Reaktion wird meines Erachtens im TExt auch nicht vorbereitet. Er ist ja auch ein alter, weißer Mann, wenn auch geläutert. Er ist den Tränen nahe weil zwei Leute, die er nicht mal gut kannte, gehen? Er wusste doch, dass das Thema schwierig ist. Enttäuschung - ja. Tränen - nein.

lg,
Natalie
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 12:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Kojote,

danke für dein Feedback!


Kojote hat Folgendes geschrieben:

Gut geschrieben und gern gelesen! Very Happy

Freut mich!

Kojote hat Folgendes geschrieben:

Das Einzige, was ich negativ einzuwenden habe:
Die innere Botschaft des Textes:

1) beruht hauptsächlich auf Dialogen. Vielleicht ließe sich z. B. die Meinung des einen oder anderen Charakters, oder was du auch immer rüberbringen willst, mittels einer Charakterbeschreibung rüberbringen? Die Charaktere, die du schilderst, sind sehr differenziert und es ergibt sich ein Bild im Kopfkino. Doch die Beschreibungen stehen nicht in Relation zum "Charakter des Charakters".

2) ist etwas zu direkt angeprangert. Vertrau ein bisschen auf die Interpretatiosfähigkeit des Lesers. Man muss da nicht mit dem Holzhammer kommen.

Außerdem finde ich die Dialoge ein bisschen zu aufgesetzt.


Ich finde gar nicht, dass der Text eine klare innere Botschaft hat. Ich finde, man kann da allerhand rein- oder rauslesen - je nach eigener Weltsicht.
zu 1) Du findest die Charaktere differenziert ? Im Ernst? Ich finde, ich habe einen Haufen Klischees verbraten - hat richtig Spaß gemacht. Laughing
An den Dialogen feile ich noch ein wenig, aber hier spricht ja ein ehemaliger Deutschlehrer, der bekehren möchte. Insofern scheint mir zumindest bei Helmut ein etwas schwülstiger Sprachduktus durchaus angemessen.


Eine überarbeitete Version folgt demnächst

LG
DLurie
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 14:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

wie bei vielen deiner Texte, habe ich einerseits stilistisch nichts groß auszusetzen, finde aber, dass die Geschichte zu kurz und zu wenig mutig ist, um das dramaturgische Potenzial des Themas auszuschöpfen.

Konkret ist mir aufgefallen, dass die Männer offenbar alle auf Anraten von Frauen auf diesem Treffen auftauchen. Das bildet m. E. nicht die Realität ab. Wie das Feindbild "alter, weißer Mann" schon sagt, verläuft der Graben hier nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen jung und alt. Für die Wokeness-Idee sind auch viele junge Männer empfänglich.
Von daher fände ich bereichernd für den Text, wenn etwa der Lektor mit einem neunmalklugen männlichen Praktikanten konfrontiert wäre, der sich solcher Art bei den Kolleginnen anbiedert und am Stuhlbein (und den Nerven) des Lektors sägt.
DLurie hat Folgendes geschrieben:

Ich finde gar nicht, dass der Text eine klare innere Botschaft hat. Ich finde, man kann da allerhand rein- oder rauslesen - je nach eigener Weltsicht.

Im Ernst?
Für mich ist das Ganze ein Witz, der schon damit beginnt (wie RAc im Grunde schon sagte), dass sich angeblich machtgeile Machos von ihren Frauen einfach mal brav auf so eine Veranstaltung schicken lassen. Wer hat denn da die Hosen an ... als ob ernsthaft anzunehmen wäre, dass sich eine alte, weiße Ehefrau aus heiterem Himmel von ihrem Mann scheiden lässt, bloß weil sie irgendeinen "woken" Artikel in der Brigitte gelesen hat oder so. Da haut man als Patriarch mal mit der Faust auf den Tisch, verbittet sich solchen Quatsch und fertig.
Stattdessen:
Zitat:
Helmut dankte auch Kurt. Aus eigenem Antrieb, so dachte er, saß keiner der drei hier. Aber das hatte er gar nicht erwartet. Vermutlich säße auch er nicht hier, wäre er nicht vor zwei Jahren Susanne begegnet.

Eben. An dieser Stelle wird es auch mit der Analogie zu den Anonymen Alkoholikern schwierig: Wer sich dort anschließt, hat ein Bewusstsein für sein Suchtproblem und dass er sich selbst schadet. Da geht man nicht aus Neugier hin oder einfach nur, weil einem das mal nahegelegt wurde. Da kann man Leidensgeschichten erzählen, wie schwer es ist, von der Sucht wegzukommen. Nichts dergleichen erfährt der Leser hier, weil zwei der drei frühzeitig gehen, und Helmut mit dem letzten verbliebenen Teilnehmer nichts mehr anzufangen weiß und ihn offenbar auch noch loswerden will:
Zitat:
»Aber macht eine Teilnahme dann überhaupt Sinn für dich?«

Nichts weiter als heiße Luft um nichts.

Ich gebe Natalie recht, dass es interessant gewesen wäre, die Geschichte zwischen Helmut und Susanne zu lesen. So wenig, wie ich anhand des Textes davon erfahre, kann ich mir die nur als liebesverblendete Gehirnwäsche vorstellen, aber wer weiß?


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 17:36    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Rac

danke für dein Feedback!

RAc hat Folgendes geschrieben:


Jede/r, der/die auf eine Fortbildung irgendeiner Natur geht (geschäftlich oder persönlich, aber aus finanziellen Gründen ganz besonders das Zweitere) wird sich schon um Vorfeld sehr intensiv mit dem Kursinhalt auseinandersetzen, bevor er/sie da hin geht.

Scheint mir nicht schlüssig, liest sich vom plot her eher konstruiert.


Ich sehe das genauso und deswegen wird dieser Punkt in einer neuen Version enthalten sein.

LG
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 17:44    Titel: Re: Ich bin ein alter, weißer Mann pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo FaihinClouds,

danke für dein Feedback!

FaithinClouds hat Folgendes geschrieben:

ich habe deinen Text gelesen und fand ihn kurzweilig und verständlich. Allerdings fand ich die Pointe zu vorhersehbar, beziehungsweise zu breit auserzählt. Vielleicht wäre es besser, wenn der Grund des Besuchs der Teilnehmer später käme.

Gute Idee! Wenn der genaue Grund des Treffens dem Leser nicht von Anfang an bekannt wäre, brächte dies ein Spannungselement.

LG
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 18:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Natalie,

danke für dein Feedback!

Natalie2210 hat Folgendes geschrieben:

Bleibt der Text so? Ich finde ihn an mehreren Stellen zu kurz:

Zitat:
Vermutlich säße auch er nicht hier, wäre er nicht vor zwei Jahren Susanne begegnet.


Das macht neugierig auf Helmuts Geschichte. Leider folgt dann nichts mehr.

Stimmt - erst gackern und dann nicht legen - das geht so nicht . Bin noch unschlüssig, ob ich in der neuen Version eine Susanne Episode bringe oder die Erwähnung von Susanne  ganz weglasse. In jedem Fall wird die neue Version länger.

Natalie2210 hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Kurt erhob sich, zog den Bauch ein und stopfte einen Zipfel seines Flanellhemdes, der herunterhing, in die Hose.
»Ich weiß nicht, wer dir das Gehirn gewaschen hat, lieber Helmut. Nichts für ungut, aber für mich hast du ganz schön einen an der Klatsche! Ich bin dann mal weg.«
Bevor Helmut reagieren konnte, war Joachim ebenfalls aufgestanden und grinste Helmut an.
»Ich klinke mich auch aus. Bin wahrscheinlich schon zu lange AWM, um noch geläutert zu werden. Tschüss!«
Die Beiden drehten sich um und gingen Richtung Ausgang.


Das geht mir auch zu schnell.

Ja, da hast du auch Recht. Das ist zu flott.


Natalie2210 hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Helmut schluckte, er war den Tränen nahe.


Das ist mir zuviel. Eine so heftige Reaktion wird meines Erachtens im TExt auch nicht vorbereitet. Er ist ja auch ein alter, weißer Mann, wenn auch geläutert. Er ist den Tränen nahe weil zwei Leute, die er nicht mal gut kannte, gehen? Er wusste doch, dass das Thema schwierig ist. Enttäuschung - ja. Tränen - nein.

Das finde ich jetzt wieder Geschmacksache. Er ist sensibel , mein Helmut, hat große Hoffnung in seinen Kurs gesetzt...



LG
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Natalie2210
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 20:23    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Er ist sensibel , mein Helmut, hat große Hoffnung in seinen Kurs gesetzt...


Ok? Ich hab die Stelle nochmal gelesen. Er redet viel, er ist offenbar begeistert, das stimmt schon. Da reichen vielleicht ein oder zwei Sätze - vielleicht hat er das Intro zu Hause geübt? Oder du ziehst den Gedanken weiter nach oben:

Zitat:
Rede nicht lange um den heißen Brei rum, komm direkt zum Kern, hatte Susanne ihm im Vorfeld empfohlen.


Dann kommt seine Vorbereitung und damit auch die für ihn bestehende Dringlichkeit des Anliegens besser durch.

Sind aber natürlich nur Ideen.

lg,
Natalie
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 20:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo nebenfluss

danke für dein Feedback!

nebenfluss hat Folgendes geschrieben:

wie bei vielen deiner Texte, habe ich einerseits stilistisch nichts groß auszusetzen, finde aber, dass die Geschichte zu kurz und zu wenig mutig ist, um das dramaturgische Potenzial des Themas auszuschöpfen.

Es wäre schön, wenn sich dein Kommentar nur auf den vorliegenden Text bezöge und nicht so pauschal auf viele meiner Texte.

nebenfluss hat Folgendes geschrieben:

Konkret ist mir aufgefallen, dass die Männer offenbar alle auf Anraten von Frauen auf diesem Treffen auftauchen. Das bildet m. E. nicht die Realität ab. Wie das Feindbild "alter, weißer Mann" schon sagt, verläuft der Graben hier nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen jung und alt. Für die Wokeness-Idee sind auch viele junge Männer empfänglich.
Von daher fände ich bereichernd für den Text, wenn etwa der Lektor mit einem neunmalklugen männlichen Praktikanten konfrontiert wäre, der sich solcher Art bei den Kolleginnen anbiedert und am Stuhlbein (und den Nerven) des Lektors sägt.

Also ich habe mich überhaupt nicht weiter mit der Wokeness-Idee beschäftigt. Auslöser waren zwei Zeit-Artikel, die sich kritisch mit Aussagen aus der Ecke des Postkolonialismus zur Singularität des Holocaust und zum Rassismus beschäftigten. Meine Kurzgeschichte hat auch nicht den Anspruch, die ganze Komplexität des Feindbildes alter weißer Mann abzubilden. Ich bin viel mehr an dramaturgischen Aspekten interessiert.

nebenfluss hat Folgendes geschrieben:

Für mich ist das Ganze ein Witz, der schon damit beginnt (wie RAc im Grunde schon sagte), dass sich angeblich machtgeile Machos von ihren Frauen einfach mal brav auf so eine Veranstaltung schicken lassen.

Ja die Motivation ist zu unklar. Ich hatte RAc bereits geantwortet, dass ich hier nachbessere .  

nebenfluss hat Folgendes geschrieben:

An dieser Stelle wird es auch mit der Analogie zu den Anonymen Alkoholikern schwierig: Wer sich dort anschließt, hat ein Bewusstsein für sein Suchtproblem und dass er sich selbst schadet. Da geht man nicht aus Neugier hin oder einfach nur, weil einem das mal nahegelegt wurde. Da kann man Leidensgeschichten erzählen, wie schwer es ist, von der Sucht wegzukommen.

Sehe ich inzwischen auch so, weshalb die Analogie zu den AA in der neuen Version nicht mehr vorkommen wird.

nebenfluss hat Folgendes geschrieben:

Ich gebe Natalie recht, dass es interessant gewesen wäre, die Geschichte zwischen Helmut und Susanne zu lesen. So wenig, wie ich anhand des Textes davon erfahre, kann ich mir die nur als liebesverblendete Gehirnwäsche vorstellen, aber wer weiß?

Hatte Natalie bereits geantwortet: entweder Susanne wird gar nicht mehr erwähnt, oder sie kriegt ein eigenes Kapitel. Bin noch unschlüssig .

In jedem Fall wird der Text deutlich länger.

LG
DLurie
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 17.08.2021 23:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo zurück,
DLurie hat Folgendes geschrieben:

Es wäre schön, wenn sich dein Kommentar nur auf den vorliegenden Text bezöge und nicht so pauschal auf viele meiner Texte.

Alles klar, so war es beim Rest des Kommentars ja auch.
Ich habe das nur geschrieben, weil ich deine Texteinstellungen eigentlich immer mit Sympathie lese, aber kaum jemals etwas dazu sage, und mich bei der Gelegenheit fragte, warum das so ist.
Bin gespannt auf die überarbeitete Version.


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 19.08.2021 17:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier nun eine überarbeitete und längere Version. Denkbar ist auch noch ein drittes Kapitel mit einer Manöverkritik zwischen Susanne und Helmut . Das wird dann aber bald eine ganz neue Geschichte.
LG Dlurie


1

»Ich habe die Kurzbeschreibung für meinen Kurs fertig. Könntest du bitte mal drüber schauen?«, fragte Helmut seine Freundin Susanne. Sie nickte, nahm das Blatt aus seiner Hand und las laut vor:

Alter, weißer Mann – was nun?
Er ist unter Beschuss geraten, der alte, weiße Mann.
Er muss sich rechtfertigen, muss Stellung beziehen – im politischen und sozialen Umfeld, im Beruf und nicht zuletzt im Privaten. Die Fundamente seiner patriarchalischen Herrschaft beginnen zu erodieren.
Meine Veranstaltung richtet sich gezielt an den alten, weißen Mann, der verunsichert oder zumindest ratlos ist, dessen Selbstbild vielleicht bereits erste Kratzer, wenn nicht gar Risse aufweist, der aber den Willen und den Mut zur Selbstkorrektur mitbringt.
Nach ehrlicher und kritischer Selbstanalyse wollen wir in der Gruppe ein Bewusstsein erarbeiten, für das, was der bessere alte, weiße Mann sein könnte.
   

Susanne nickte anerkennend.
»Ist ok so. Bin gespannt, wer darauf anspringt.« Dann hob sie die geballte Faust in die Luft und schmunzelte. »Ich würde das natürlich deutlich schärfer formulieren. Zieht eure runzligen Schwänze ein und tretet endlich ab, ihr Säcke!«
Helmut lachte. So liebte er sie, seine Susanne. Kämpferisch, direkt, unglaublich vital. Er war seit zwei Jahren mit ihr zusammen, seit seiner Scheidung von Marianne, die er, so Susannes scharfsinnige Analyse, zwanzig Jahre in den Ehekäfig gesperrt, bis sie sich daraus befreit und einem (deutlich jüngeren) Mann zugewandt hatte.
Warum Susanne sich ausgerechnet für ihn, den einstigen Spießer, der obendrein einiges älter war, interessierte, war ihm ein Rätsel. Jedenfalls hatte sie sein Leben umgekrempelt.
Eine Sache bereitete ihm immer noch Schwierigkeiten. Susanne war polyamouröse Beziehungsanarchistin, lehnte traditionelle Rollenmuster, in denen irgendwelche Besitz- oder Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck kamen, kategorisch ab.
Er wäre gerne ganz altmodisch ihr one and only gewesen, war aber faktisch nur einer von mehreren Liebhabern. Und so schluckte er seine reaktionäre Eifersucht regelmäßig herunter und gab sich alle Mühe, in ihrer Gunst nicht zu sinken. Mit der Idee zu seinem Kurs hatte er jedenfalls bereits ordentlich Punkte bei ihr gesammelt. Und wenn die Sache ein Erfolg wurde…


2

Helmut blickte zu den drei Männern, die im Halbrund vor ihm saßen. Er war enttäuscht, hatte auf mehr Teilnehmer gehofft. Egal, du stehst am Anfang und jeder Einzelne zählt, tröstete er sich.
»Herzlich willkommen! Ich bin Helmut. Es freut mich, euch zur ersten Sitzung unseres Kurses Alter, weißer Mann – was nun? begrüßen zu dürfen. Ich…«
Die Titelmelodie von Spiel mir das Lied vom Tod unterbrach ihn, einer der Teilnehmer, ein hagerer, braungebrannter Mann  mit Glatze, kramte in der Tasche seines Sakkos, entnahm ihr ein Smartphone und drückte den eingehenden Anruf weg.
»Tschuldigung. Mein Orthopäde. Der kann warten. Doktert schon lange genug an mir rum. Arthrose.«
Sein Sitznachbar, ein korpulenter Bärtiger im schwarz-rot karierten Flanellhemd winkte ab.
»Ich auch. Knie. Läuft wohl bald auf eine Prothese raus.«
»Sind Sie dafür nicht noch ein bisschen zu jung?«, fragte der Glatzköpfige. »Die Dinger halten nicht ewig. Und ich habe vor, mindestens hundert zu werden.«
Der Bärtige faltete die Hände vor seinem Kugelbauch.
»Hundert? Alle Achtung! Ich trete deutlich vorher ab, dafür sorgt schon meine Alte.«
Der Dritte in der Runde, der eine Hornbrille trug, deren dicke Gläser seine Augen unnatürlich groß wirken ließen, hob zaghaft die Hand.
»Pardon«, sagte er. »Wo sind die Toiletten?«
Helmut erklärte ihm den Weg, der Mann erhob sich und verschwand.
»Prostata. Jede Wette«, meinte der Bärtige.
Diese Alterswehwehchen-Gespräche musst du unterbinden, sonst kommen wir nicht weit, dachte Helmut. Als der Glubschäugige zurückgekehrt war, ergriff Helmut direkt das Wort:
»Bitte stellt eure Smartphones für die nächste Stunde auf lautlos. Ich schlage vor, dass wir uns duzen. Und Vertraulichkeit ist sehr wichtig, alles, was in diesem Raum geäußert wird, muss unter uns bleiben. Einverstanden?«
Bejahendes Nicken in der Runde.
»Dann beginnen wir mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Mich interessieren natürlich besonders eure Erwartungen an diese Gruppe. Wer möchte den Anfang machen?«
Ausweichende Blicke, eine halbe Minute zähes Schweigen, schließlich meldete sich der Glatzköpfige.
»Ich bin Joachim. Leitender Angestellter in einer Bank, seit einem Jahr im Ruhestand. In meiner Ehe kriselt es, seit ich ständig zu Hause bin. Meine bessere Hälfte meckert den ganzen Tag an mir rum. Ich würde jetzt auch noch zuhause den Chef rauskehren, mein ganzes Gentleman-Patriarchen-Gehabe gehe ihr schon seit langem auf die Nerven, aber jetzt, wo sie mich dauernd ertragen müsse… Sie schläft neuerdings im Gästezimmer. Und vor ein paar Tagen hat sie mir dann die Beschreibung dieses Kurses unter die Nase gehalten. Aber mein Selbstbild hat doch gar keine Risse, hab ich eingewendet. Das sei genau das Problem, meinte sie. Was soll ich sagen? Ich bin lernfähig.«
Er lehnte sich zurück und rieb sich die Ohrläppchen.
»Danke, Joachim. Ich bin sicher, dass wir dir helfen können«, sagte Helmut und blickte zu dem Bärtigen.
»Ich heiße Kurt«, hob dieser an. »Landwirt mit eigenem Hof. Hab auch Zoff mit meiner Frau. Und mit der ältesten Tochter, die den Hof mal übernehmen wird. Sie hat mir diese Veranstaltung empfohlen, und ich bin sicher, dass sie auch meine Alte aufgestachelt hat. Die Beiden machen echt Front gegen mich! Meine tägliche Machonummer sei unerträglich, behaupten sie. Keine Ahnung, was plötzlich in die gefahren ist. Jemand muss doch sagen, wo der Hammer hängt. Meine Alte hat gar damit gedroht, die Flatter zu machen, wenn ich mich nicht ändere. Und irgendwie hänge ich ja doch an ihr.«
»Danke für deine Ehrlichkeit, Kurt«, sagte Helmut.
 
Der Mann mit der Hornbrille räusperte sich.
»Ich bin Gregor«, begann er. »Ich arbeite als Lektor in einem kleinen Verlag. Als einziger Mann. Da ist Einiges im Umbruch im Verlagswesen: diversity, sensivity reading, political correctness, gendern, aber das führt hier wahrscheinlich zu weit. Jedenfalls waren meine Kolleginnen der Meinung, dass ich den neueren Entwicklungen etwas hinterher hinke. Dass ich mir ein wenig selbst im Weg stehe. Ich hoffe, dass mir der Kurs an dieser Stelle weiterhilft.«

Helmut dankte auch Gregor. Aus eigenem Antrieb, dachte er, saß keiner der drei hier. Kurt und Joachim waren harte Brocken. Wie sollte er vorgehen? Wahrscheinlich war Konfrontation die beste Strategie: Kein Vorgeplänkel, nicht lange um den heißen Brei rumreden, direkt zum Kern des Problems vorstoßen.

»Ich bin ehemaliger Deutschlehrer, im Vorruhestand,« begann er. »Und ich bin ein… ein alter, weißer Mann
Er legte eine kurze Pause ein, um seinen letzten Satz wirken zu lassen. »Warum erwähnt er das überhaupt, werdet ihr denken. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn in ihrer überwiegenden Mehrzahl sind alte, weiße Männer eben leider mehr als nur alt, weiß und männlichen Geschlechts. Sie sind krank
»Stimmt«, sagte der Bärtige und fasste sich ans Knie.
Helmut schüttelte den Kopf.
«Ich meine nicht die körperlichen Gebrechen. Nein: Der alte, weiße Mann, nennen wir ihn der Einfachheit halber AWM, ist mental krank. Ohne sich dessen bewusst zu sein. In vielerlei Hinsicht ist seine Krankheit mit einer Sucht vergleichbar.«
Helmut atmete durch und blickte in drei verdutzte Mienen.
Kurt hob die Hand. »Moment mal. Ich komme nicht ganz mit. Wonach sind wir denn süchtig, bitteschön?«
»Die Droge des AWM ist die Macht«, sagte Helmut. »Die Macht und die Selbstherrlichkeit.«
»Da gibt es aber auch noch ein paar andere Machtgierige auf diesem Planeten«, wandte Joachim ein.
Helmut winkte ab.
»Das sind eher Nebendarsteller. Seit der Kolonialzeit knechtet vor allem der AWM die Welt. Er ist der Hauptschuldige an der globalen Ausbeutung von Mensch und Natur, an Rassismus, Diskriminierung von Minderheiten, an der Unterdrückung der Frau. Machen wir uns nichts vor! Selbst dort, wo die AWMs nicht die Mehrheit stellen, ziehen sie meist im Hintergrund die Fäden. Kurz: Der AWM – also wir! - sind das größte Problem.«
Joachim schüttelte energisch den Kopf.
»Das ist mir zu simpel. Und außerdem ist das Rassismus pur! Eine ganze Gruppe von Menschen wegen ihres Alters, ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts an den Pranger zu stellen.«
Diesen Einwand hatte Helmut erwartet. Die typische Verteidigungsstrategie, die er nur zu gut aus seiner eigenen AWM-Vergangenheit kannte.
»Wir müssen die Hauptverantwortlichen für die globale Misere kompromisslos beim Namen nennen«, erwiderte er. »Auch auf die Gefahr hin, dass es ein paar weniger Schuldige trifft. Sollen die AWMs ruhig auch mal in der Schusslinie stehen. Dann spüren sie endlich, wie Diskriminierung sich anfühlt!«
Gregor räusperte sich.
»Klingt so, als solle der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben werden. Führt das nicht nur zu einer weiteren Verhärtung der Fronten?«
»Da kann sich nichts mehr verhärten«, entgegnete Helmut kämpferisch. »Es ist die Front zwischen Gut und Böse. Wir müssen die Kumpanei der alten, weißen Männer aufbrechen - auch von innen. Es wird alles so einfach, wenn man das einmal begriffen hat.«
Joachim trommelte mit den Fingerspitzen auf der Armlehne seines Stuhls herum. »Du hast dich wirklich auf die alten, weißen Männer eingeschossen! Brauchst wohl ein klares Feindbild im Leben.«
Helmut schluckte.
»Ich verstehe, dass dir das gegen den Strich geht, Joachim. Es ist nie leicht, die eigene, liebgewordene Identität in Frage zu stellen.«
»Nichts für ungut, Helmut«, erwiderte Joachim. »Aber was du da von dir gibst, klingt mir ein wenig nach Gehirnwäsche.«
»Sehe ich auch so«, pflichtete Kurt ihm bei. »Nimm es nicht persönlich, Helmut. Aber für mich hast du ganz schön einen an der Klatsche!«
»Bleib bitte sachlich, Kurt!«, sagte Helmut. »Denk an deine Frau und deine Tochter. Die scheinen nicht sonderlich glücklich mit deinem Dominanzverhalten. Mich erinnert das an den Silberrücken bei den Gorillas.«
Kurt lief rot an, erhob sich, zog den Bauch ein und stopfte einen Zipfel seines Flanellhemdes, der herunterhing, in die Hose. »Das habe ich nicht nötig, mich mit Affen vergleichen zu lassen! Mir reichts!«
Bevor Helmut reagieren konnte, war Joachim ebenfalls aufgestanden.
»Ich klinke mich auch aus. Bin wahrscheinlich schon zu lange AWM, um noch geläutert zu werden. Tschüss!«
»Und was erzählt ihr euren Frauen?«, fragte Helmut.
»Dass wir nicht auf Sekte stehen«, sagte Joachim.
»Ich kauf meiner Alten jetzt erst mal nen großen Strauß Blumen«, meinte Kurt und Joachim nickte zustimmend.

Helmut sah ihnen fassungslos hinterher.
»Du solltest die Sache in Zukunft behutsamer angehen«, sagte Gregor leise.
»Meinst du?«
»Ganz sicher. Du musst deine Botschaft viel feiner dosieren. Du hast die Beiden völlig überfordert.«
»Was ist mit dir, Gregor? Willst du auch gehen?«
»Nein, ich bleibe. Ich bin ein gutes Stück weiter als Joachim und Kurt. Weniger empfindlich, weil mir deine Argumente nicht neu sind. Meine Kolleginnen im Verlag, du verstehst.«
»Aber macht eine Teilnahme dann überhaupt Sinn für dich?«
»So weit bin ich nun auch noch nicht. Es gibt Rückfälle, wie das so ist bei einer Sucht. Und ganz freiwillig sitze ich nicht hier. Man hat mir mit Kündigung gedroht, wenn ich nicht glaubhaft meinen Willen zur Besserung nachweise. Du stellst mir doch sicher eine Teilnahmebescheinigung aus?«
»Klar doch! Und… wie machen wir jetzt weiter?«
»Für heute könnten wir Schluss machen und einen trinken gehen.«
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FaithinClouds
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BeitragVerfasst am: 20.08.2021 17:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie, 😃

ich fand die neue (erweiterte) Form dahingehend gut, dass der Beweggrund von Helmut näher beleuchtet wurde (und dass dieser gar nicht mehr so edel vor dem Hintergrund scheint, dass er es eigentlich macht, um Susanne zu imponieren). Auch Susanne kriegt jetzt mehr Farbe und man findet sie auch ein bisschen unsympathisch ("Ich würde das natürlich deutlich schärfer formulieren. Zieht eure runzligen Schwänze ein und tretet endlich ab, ihr Säcke!"), was gut ist, da man als Leser*in dann ein bisschen differenzierter in seiner Meinung gegenüber der Runde ist!

Allerdings - finde ich - bleibt die Vorschlaghammerhaftigkeit der zentralen Botschaft bestehen. Es wäre vielleicht noch gut, wenn ein Konflikt innerhalb der Runde aufkäme, bei dem die Leser*innen beide Seite nachvollziehen können.
Zum Beispiel ist es für einen Arbeiter, der weiß ist und an der Armutsgrenze lebt, sicherlich schwieriger zu verstehen, wenn er in womöglich prekären Wohnverhältnissen lebt und sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, um seine Familie zu ernähren (vielleicht auch noch in einer der sterbenden Industrien), dass er auf einmal privilegiert sein soll (auch wenn er es aus soziokultureller Sicht ist), wo er doch von dieser Privilegiertheit nie etwas zu spüren scheint (Natürlich ist es für ihn leichter, mit deutschem Namen einen Mietvertrag zu bekommen oder so, aber sein Problem fängt ja vorher an: wie soll er sich die Miete leisten?). Sahra Wagenknecht hat ja vor einiger Zeit dieses Buch geschrieben, wo sie gemeint hat, die sozialen Parteien hätten sich von der Forderung: Wohlstand für alle zu identitätspolitischen Grabenkämpfer*innen gewandelt. Eine Aussage vielleicht, die auch die Frustration weißer, alter Arbeitermänner beschreiben kann (auch wenn man besagter Politikerin sicherlich nicht in allem recht geben kann - ich will auch nicht irgendwie politisch oder so werden 🙈, ich verstehe davon auch nicht so viel).

Generell ist es eben schwierig abzuwägen, welche Meinungen Raum in einem Text finden sollen, und ich verstehe es, wenn du ihn nicht "verwässern" willst. Das waren eben nur meine ersten Gedanken zum Text (vielleicht werden sie sich in den nächsten Stunden auch ein bisschen ordnen und einen ganz anderen Wendepunkt nehmen)

Alles Gute dir!
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 22.08.2021 16:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo FaithinClouds

danke für dein Feedback! Smile

FaithinClouds hat Folgendes geschrieben:

Allerdings - finde ich - bleibt die Vorschlaghammerhaftigkeit der zentralen Botschaft bestehen. Es wäre vielleicht noch gut, wenn ein Konflikt innerhalb der Runde aufkäme, bei dem die Leser*innen beide Seite nachvollziehen können.


Vorschlaghammerhaftigkeit: Das ist Lautmalerei pur -  so ein Wort gibt es wahrscheinlich nur in der deutschen Sprache. Laughing
Ich weiß nicht, was du mit zentraler Botschaft meinst. Ich hatte gar keine beabsichtigt. Ich habe versucht, zwei Weltsichten möglichst unvermittelt aufeinanderprallen zu lassen: alter, weißer Patriarch wird konfrontiert mit einem identitätspolitischen (nennt man das so?) Ansatz, der dem alten, weißen Mann die Schuld an so ziemlich allem Übel gibt. That’s it. Damit ist das Thema natürlich keinesfalls erschöpfend behandelt. Dafür bräuchte es wahrscheinlich einen Roman.

Davon abgesehen finde ich die von dir erwähnte These von Sarah Wagenknecht sehr interessant.   Wie war der Titel? Das Buch werde ich mir mal besorgen.

LG
DLurie
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BeitragVerfasst am: 22.08.2021 17:42    Titel: Antworten mit Zitat

@DLurie

Ich wollte dir einfach mal eine Anregung geben, weil ja zuvor schon gesagt wurde, du könntest irgendwie einen Banker und einen Kommunisten einbauen, um einen Konflikt zu haben. Das fand ich aber auch ein bisschen arg wegführend von dem eigentlichen Grundthema.
Trotzdem fand ich eben den Konflikt zu schwach und wollte dir deswegen die Idee dalassen, aber das ist ja auch nur meine Meinung 😅


DLurie hat Folgendes geschrieben:
alter, weißer Patriarch wird konfrontiert mit einem identitätspolitischen (nennt man das so?) Ansatz, der dem alten, weißen Mann die Schuld an so ziemlich allem Übel gibt


Also von Wikipedia:
"Identitätspolitik (englisch identity politics) bezeichnet eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei der Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses. Um die Mitglieder einer solchen Gruppe zu identifizieren, werden kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale verwendet. Menschen, die diese Eigenschaften haben, werden zu der Gruppe gezählt und häufig als homogen betrachtet."

Identitätspolitik wurde zum Beispiel von der Black Lives Matter-Bewegung gemacht, um ein Beispiel zu nennen.

Oft geht es bei solchem Handeln eben darum, dass einer marginalisierte Gruppe Gehör verschafft wird, beziehungsweise dass deren Benachteiligung in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Viele Leute der Mehrheitsgesellschaft sehen darin dann eben einen Anstoß, weil sie glauben, die Leute würden sich irgendwie wichtig machen. Vor allen Dingen Leuten, die eben selbst benachteiligt sind (dann aber nicht aufgrund ihrer Identität als Randgruppe, sondern aufgrund finanzieller Situation o.Ä.), empfinden das dann als "ungerecht", weil sie ja irgendwie "außen vor" bleiben.
Im Fall von "Black Lives Matter" haben dann viele der frustrierten, amerikanischen Mehrheitsgesellschaft auf einmal was von "all lives matter" gefaselt - ein Begriff, der auch von Rechtsextremen benutzt wurde - und der das Augenmerk eben von der strukturellen Benachteiligung einer einzelnen Gruppe weglenken sollte.

DLurie hat Folgendes geschrieben:
Davon abgesehen finde ich die von dir erwähnte These von Sarah Wagenknecht sehr interessant.   Wie war der Titel? Das Buch werde ich mir mal besorgen.


Also das Buch heißt "Die Selbstgerechten". Aber wie gesagt: Ich fand zwar, dass darin gut die Erklärung geliefert wird, warum viele die Identitätspolitik der neuen Linken kritisieren, allerdings wird diese da eben sehr einseitig von Sahra Wagenknecht selbst kritisiert, ohne die Sicht strukturell benachteiligter Gruppen so richtig darzustellen.

Mittlerweile wird Frau Wagenknecht auch von vielen Populisten vereinnahmt, was es dann extra schwer macht, das Ganze sinnvoll zu diskutieren.
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BeitragVerfasst am: 22.08.2021 18:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo FaithinClouds,

danke für den Buchtitel und die Nachhilfe in Bezug auf Identitätspolitik. Ich hatte mich gar nicht weiter damit befasst.

Wobei mir dieses (vermeintlich) homogene Gruppenbilden irgendwie prinzipiell widerstrebt:
Um die Mitglieder einer solchen Gruppe zu identifizieren, werden kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale verwendet. Menschen, die diese Eigenschaften haben, werden zu der Gruppe gezählt und häufig als homogen betrachtet.

Mich interessiert immer erst mal das Individuum. Aber darauf antwortet der identitätspolitische Ansatz wahrscheinlich:  Als alter weißer Mann bist ja auch privilegiert, sprich: deine Gruppe kann sich den Individualismus leisten. Da kommen wir dann auch nicht recht weiter .
Ich glaube, ich lass die Finger von dem Thema.

LG

DLurie
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BeitragVerfasst am: 23.08.2021 14:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

mir gefällt die zweite Version besser als die erste, zum Einen, weil man jetzt Susanne kennt - und das Helmut ihr imponieren will und dafür den Kurs macht, ist ja wirklich eine geniale Pointe, finde ich. Von wegen Idealismus oder politische Überzeugung Wink verliebt ist er, der Gute! Das macht ihn mir viel sympathischer als vorher. Und leid tut er mir auch.

Zitat:
Mich interessiert immer erst mal das Individuum. ... Ich glaube, ich lass die Finger von dem Thema.


Ich hab nicht ganz verstanden, was dich jetzt frustriert hat? Natürlich kann man in einem Text, in dem Einzelpersonen agieren, nicht die Gesamtheit erfassen. Das ist aber auch gar nicht nötig! In der Hinsicht vergleiche ich die Schriftstellerei gerne mit der Fotografie: auch bei Bildern ist es nicht möglich, die Gesamtsituation zu erfassen. Aber durch Einzelschicksale wird die Situation greifbarer, verständlicher, die Darstellung von Einzelmeinungen führt dazu, dass der Leser die eigene Meinung überdenkt. Das ist doch schon viel wert?!

lg,
Natalie
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BeitragVerfasst am: 23.08.2021 17:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Natalie,

danke für dein Feedback!

Natalie2210 hat Folgendes geschrieben:

mir gefällt die zweite Version besser als die erste,

Danke, das freut mich.

Natalie2210 hat Folgendes geschrieben:

Ich hab nicht ganz verstanden, was dich jetzt frustriert hat?

Frustriert ist zu viel.  Im Unterschied zu anderen Geschichten klebt an dieser kein Herzblut. Mein Gefühl beim Arbeiten an der Geschichte:  Mein Personal  neigt dazu,  immer mehr nur noch Verkörperung von bestimmten Thesen zu sein. Und das ist etwas, was mich ziemlich anödet.
LG
DLurie
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