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Engelchen – Keine Kleingartenidylle


 

 
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Federfuchser
Gänsefüßchen


Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 19.07.2021 09:28    Titel: Engelchen – Keine Kleingartenidylle eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Schauplatz
 
   Mit einem Kasten Bier fing alles an, mit einer Tüte Trinkschokolade hörte es auf...
   Um es klar zu sagen: Die Kleingartenanlage „Am Kalkbruchsee e. V.“ gehört nicht zu den Örtlichkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss.   Es würde nur der Trübsal die Schleusen öffnen. Sie steht auch in keinem Stadtführer.
   An langen Zäunen vorbei, vorbei an Scheinzypressen, Taxodien und anderen dunklen Gestalten der Pflanzenwelt (gegen die ein mickrig blühender Pflaumenbaum wie eine mai-fröhlich geschmückte Festwiese erscheint), gelangt man in das Mietskasernen-Viertel der Oberstadt, zu dem die Kleingartenkolonie gehört. Beide, Oberstadt und Kleingartenanlage, verströmen – auch dies soll gesagt sein – den Geruch gutbürgerlicher Wohlanständigkeit, umweht von einem Hauch Küchendunst. Alles erscheint wie aus dem Ei gepellt – die Autos gewaschen, die Wege gefegt, die Grünflächen gemäht, die Mülleimer geleert. An späten Sommerabenden, wenn der sterbende Sonnengott sein Blut über die Stadt ausgießt, wirkt das Viertel, als wären seine Gärten nicht nur mit Blaukorn, sondern auch mit dem Schweiß der Rechtschaffenheit gedüngt.   
   Also eine Kleingartenanlage wie alle anderen auch?
   Jein. Zumindest nicht, was ihren vorderen, seewärtigen Teil betrifft. Auch Besucher, die dem Gedankengut des Daniel Gottlieb Moritz Schreber, ehemals Professor der Medizin zu Leipzig, nicht nahestehen, müssen zugeben: Das hat was! Zum See hin bricht der Grund nämlich fast dreißig Meter tief ab, wodurch sich ein herrliches Weitblick ergibt: Unten die gekräuselte Frohnatur des Sees, oben nachdenklich zerwühlte Wolkenkissen, dazwischen wie eine köstliche Fata Morgana das Panorama der alten Stadt mit ihren Mauern, Türmen und Zinnen, ein Highlihgt über trostloser Vorstadt-Einöde. Die Spitztürme der beiden Hauptkirchen ragen wie die Masten einer riesigen Kogge himmelwärts, Erinnerung an stolze Hanseaten-Herrlichkeit. Die Rundbögen ihrer Mauern – –
   Ich weiß. Der Kasten Bier!       
   Schon rollt er an, auf sandig-kiesigem Weg – dem Bubiweg – oben drauf die Hauptperson der Geschichte, Engelchen, davor der Vater, strirnenschweißbeperlt: Es ist nicht nur warm, sondern der Weg auch ziemlich anhöhig, die Schubkarre unwillig und anscheinend vom Drang beseelt, es dem Schieber möglichst schwer zu machen. Doch nun ist das Ziel erreicht, die Parzelle Nr. 26, nicht unbedingte das gelobte, aber doch das erstrebte Land, das Kleingartenparadies, jener eng bemessene Teil der Erdoberfläche, in oder auf dem nicht nur der elende Wurm Wurm, sondern auch der elende Wurm Mensch sich lang oder kurz machen, Verlierer oder Sieger sein kann, je nachdem, wo er sich gerade aufhält. Denn dieses Paradies, dieses Idyll, dieses schweißgetränkte Stückchen Erde, ist wie alle Paradiese und Idylle bedroht, doch diesmal nicht vom Menschen, sondern von Mutter Natur höchstpersönlich. Die Abbruchkante bröckelt, löst sich auf, besonders nach Starkregen und Hagelschlag, rutscht dann sang- und klanglos in die Tiefe, an legalem Brombeergebüsch und illegalen Gartenabfällen vorbei. Alles nur, weil der Abhang aus weichem Kalkmergel besteht, früher als Baumaterial hochgeschätzt, heute ein Albtraum derer, die an der Kante werkeln: Ein gefühlloser Wettergott stiehlt ihnen Jahr für Jahr bis zu einem halben Meter Paradies. Oder, um es geografisch auszudrücken: Die negative Kleingartenverschiebung landeinwärts schreitet unaufhaltsam voran.      
   Weil dem so ist und sich daran auch nichts ändern lässt, hat Heinz – wir bleiben zunächst bei Vornamen (erstens, weil sich hier oben alle duzen, zweiten, weil keineswegs alle Nachnamen bekannt sind, drittens, weil ich Heinz und Kai absolut passend finde, viertens, weil es so gemütlicher klingt) – aus diesem Grunde hat Heinz schon vor zehn Jahren eine Hecke in sicherem Abstand vom Abgrund gepflanzt. Damals waren es zwei Meter, mittlerweile sind es noch kümmerliche fünfzig Zentimeter. Immerhin, Heinz kann nun durch ein Loch in der Hecke bequem seinen Grünabfall den Hang hinunterkippen – was er nicht darf, denn er verfüllt damit das darunter liegende Naturschutzgebiet. Was soll´s! Auch Gras und Laub sind Natur!
    Normalerweise steht die Karre, mit dampfender Rasenmahd oder dergleichen gefüllt, aus Sicherheitsgründen vor der Heckenlücke. Doch nun fehlt sie, da zu höherer Verwendung berufen; der Blick geht frei auf lockeres Pappellaub, das in der starken Sonne wie Lametta glänzt, und dahinter –
   Heinz, der Gartenpächter und Kais Freud noch aus Schultagen, ist gerade dabei, den Grillkohlen glühende Augen einzuhauchen; seine Frau Martha, in der winzigen Küche der winzigen Laube, wickelt das üppig bemessene Grillgut aus. Kai hebt Engelchen vom Bierkasten und stellt es auf die Füße, dann folgt das Laufrädchen.
   „Fahr nicht zu nah an die Hecke heran, Engelchen, hörst du?“, mahnt der Vater. „Da unten lauert ein großer böser Wolf!“ Er nimmt den Bierkasten an den langen Arm und bringt ihn ins „Kabuff“.
   Als er wieder zurückkommt, ist Engelchen verschwunden.

Forts. folgt

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Elisa
Schmierfink


Beiträge: 81



BeitragVerfasst am: 19.07.2021 10:38    Titel: Re: Engelchen – Keine Kleingartenidylle Antworten mit Zitat

Hallo Federfuchser,

das arme Engelchen! Ich habe Deine Geschichte gern gelesen, kann mir diese Kleingartenidylle gut vorstellen.
Ich würde sie noch ein bisschen straffen, dann steigt die Spannung.
Anbei ein paar kleine Anmerkungen. Ich habe sie ganz gelesen, muss jetzt aber leider los, deshalb mein Kommentar nur bis zur Textmitte.

Lg Elisa

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Mit einem Kasten Bier fing alles an, mit einer Tüte Trinkschokolade hörte es auf...

... hörte es auf ... (Leerzeichen fehlt)
Ich nehme an, Engelchen wird in der Fortsetzung gerettet, und dann gibt es zur Beruhigung Trinkschokolade, oder?

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Um es klar zu sagen: Die Kleingartenanlage „Am Kalkbruchsee e. V.“ gehört nicht zu den Örtlichkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss.   Es würde nur der Trübsal die Schleusen öffnen. Sie steht auch in keinem Stadtführer.
(Blau: Leerzeichen zuviel)
   An langen Zäunen vorbei, vorbei an Scheinzypressen, Taxodien und anderen dunklen Gestalten der Pflanzenwelt (gegen die ein mickrig blühender Pflaumenbaum wie eine mai-fröhlich geschmückte Festwiese erscheint), gelangt man in das Mietskasernen-Viertel der Oberstadt, zu dem die Kleingartenkolonie gehört.

Ist der Begriff "Taxodien" geläufig? Ich kenne ihn nicht, würde einen leicht verständlichen Namen nehmen.
Klammer finde ich überflüssig.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Beide, Oberstadt und Kleingartenanlage, verströmen – auch dies soll gesagt sein – den Geruch gutbürgerlicher Wohlanständigkeit, umweht von einem Hauch Küchendunst. Alles erscheint wie aus dem Ei gepellt – die Autos gewaschen, die Wege gefegt, die Grünflächen gemäht, die Mülleimer geleert.
An späten Sommerabenden, wenn der sterbende Sonnengott sein Blut über die Stadt ausgießt, wirkt das Viertel, als wären seine Gärten nicht nur mit Blaukorn, sondern auch mit dem Schweiß der Rechtschaffenheit gedüngt.

Blau: ich finde dieser Ausdruck passt nicht zum gewollten Schreibstil
Grün: gefällt mir gut!

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Jein. (Vielleicht besser: Ja und Nein.)
Zumindest nicht, was ihren vorderen, seewärtigen Teil betrifft. Auch Besucher, die dem Gedankengut des Daniel Gottlieb Moritz Schreber, ehemals Professor der Medizin zu Leipzig, nicht nahestehen, müssen zugeben: Das hat was! Zum See hin bricht der Grund nämlich fast dreißig Meter tief ab, wodurch sich ein herrliches (herrlicher) Weitblick ergibt: Unten die gekräuselte Frohnatur des Sees, oben nachdenklich zerwühlte Wolkenkissen, dazwischen wie eine köstliche Fata Morgana das Panorama der alten Stadt mit ihren Mauern, Türmen und Zinnen, ein Highlihgt (Highlight) über trostloser Vorstadt-Einöde. Die Spitztürme der beiden Hauptkirchen ragen wie die Masten einer riesigen Kogge himmelwärts, Erinnerung an stolze Hanseaten-Herrlichkeit. Die Rundbögen ihrer Mauern – – (Pünktchen ...)


Ich bin auf die Fortsetzung gespannt!
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Federfuchser
Gänsefüßchen


Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 19.07.2021 14:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Lisa,
vielen Dank für dein Feedback! Habe nicht damit gerechnet, dass es so promt kommt!

Das Leerzeichen! Da habe ich doch tatsächlich wieder etwas dazu gelernt! Danke!

Zitat:
Ich nehme an, Engelchen wird in der Fortsetzung gerettet, und dann gibt es zur Beruhigung Trinkschokolade, oder?

Nein, ganz falsch. Zugrunde liegt ein realer Kriminalfall, den ich in eine andere Dimension transponiert habe. Denn was in der Zeitung oder sonstwo steht ist die Oberfläche, ich will sehen, was darunter ist.

Zitat:
Ist der Begriff "Taxodien" geläufig? Ich kenne ihn nicht, würde einen leicht verständlichen Namen nehmen.

Taxodium=Sumpfzypresse.

Zitat:
Blau: Klammer finde ich überflüssig ... ich finde dieser Ausdruck passt nicht zum gewollten Schreibstil

Ich finde es poetisch. Ich sehe, wie die Häuser im Abendlicht erstrahlen. Ich hoffe nicht, dass der Schreibstil "gewollt" wirkt. Außerdem kennst du ihn noch gar nicht. Die Geschichte umfasst 22 ManuSeiten (huch!), zustandegekommen mit Lust am Fabulieren (lat. narrare). Ja, ich bin ein Narr, der die Götter anruft, seltene Wörter und bizarre Redewendungen liebt, Tiere reden lässt, manchmal die Tinte nicht halten kann wie andere das Wasser nicht. Es ist Poesie, keine "nüchterne" Kriminalgeschichte, von der ich hoffe, dass sie der einen oder dem anderen ein paar nachdenklich-vergnügte Minuten beschert.

Zitat:
Die Rundbögen ihrer Mauern – – (Pünktchen ...)

Die Pünktchen lassen den Satz unvollendet, obwohl der Erz. genau weiß, was er sagen will. Er reicht ihn an die Lesenden weiter damit sie sich eigene Gedanken machen ... Die Striche unterbrechen den Satz (so hab ich es irgendwo gelesen). In diesem Fall weiß der Berichterstatter sehr wohl, wie es weitergeht, er unterbricht sich aus verständlichen Gründen.

Zitat:
Ich bin auf die Fortsetzung gespannt!

O welches Lob aus anscheinend kompetentem Munde!

LG

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Federfuchser
Gänsefüßchen


Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 25.07.2021 10:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Unglück                                                                          

   Brandauer ruft vergeblich nach Engelchen, schreit: „Heinz, hast du Engelchen gesehen?“, wartet die Antwort nicht ab – schaut hinter die Hütte, schaut in den Garten, ins Kabuff, hastet zu Martha in die „Küche“, doch es nützt nichts, mit unerbittlicher Härte ruft die Wahrheit – er läuft zur Lücke und blickt nach unten. Das Laufrad liegt auf dem Grünabfall, darunter leuchtet etwas Buntes. Sein Bauch zieht sich zusammen wie ein Braten, den man in heißem Fett wälzt. Er rennt aus dem Garten, hetzt den Bubiweg hinunter zum See, setzt über den Zaun, arbeitet sich, an Herz und Händen blutend, durch Berge von Brombeergestrüpp. Da sieht er Engelchen inmitten einer Schar halbwüchsiger Pappeln, „Engelchen!“, ruft er befreit, „was machst du denn –“ Armseliges Trugbild, eine Lichterscheinung hat ihn genarrt. Verzweifelt wirft er sich durch hinhaltendes Gestrüpp, stolpert über modernde Baumstümpfe, dringt weiter in den Uferbereich vor, in der irren Hoffnung, Engelchen spiele dort friedlich am Wasser. Mit gierigen Blicken sucht er die Seefläche ab – nichts, zumindest kein Engelchen. Er watet in den See hinein und steht schon nach wenigen Schritten bis zum Hals im Wasser. Dass Engelchen schon längst ertrunken sein müsste, kommt ihm nicht in den Sinn. „Ein Kind kann sich doch nicht in Luft auflösen!“ brüllt er wütend und stößt einen lästerlichen Fluch aus, den wiederzugeben ich mich weigere. Aber es scheint tatsächlich, als habe sich Engelchen tatsächlich in Luft aufgelöst. Nirgends auch nur die kleinste Spur, weder auf noch unter der Wasseroberfläche. Brandauer ist dem Wahnsinn nah. Auch Heinz ist mittlerweile vor Ort.„Die Kleine kann sich doch nicht weit gekommen sein, auch wenn sie wie durch ein Wunder unverletzt geblieben ist“, grummelt er. Das Gestrüpp ist dicht, ihre Beinchen sind schwach. Doch alles Suchen bleibt erfolglos, alles Rufen hilft nichts. Es ist unerklärlich. Zerkratzt und blutend geben sie schließlich auf.

   Ach, Engelchen!  Was war es aber auch ein hübsches Kind! Kaum fünf Jahre, und schon eine solche Schönheit. Die großen blauen Augen, das süße Schnütchen, das allerliebste Näschen, die rosigen Pausbäckchen, diese herrlichen blonden Locken . . . und . . . und . . . und . . . Die Großeltern können sich nicht satt sehen. Und die Eltern erst! „Sieht sie nicht goldig aus?“ ruft der Vater ein übers andere Mal und bis über beide Ohren verliebt, „das reinste Engelchen! Mein ein und alles! Mein Augenstern!“
   Ja, das reinste Engelchen. Dass es Monika hieß, geriet allmählich in Vergessenheit.
   Als Engelchen dann verschwunden war, ging für seine Eltern die Sonne nicht mehr auf.

                                                          Schwarze Nacht.

   Ich verzichte auf alle unnötigen erzählerischen Intermezzi. Inzwischen sind ähnliche Fälle spurlos verschwundener Kinder bekannt geworden; so verschwand vor etlichen Jahren die dreijährige Madeleine "Maddie" McCann in Portugal, nach der immer noch gesucht wird. Die kriminalpolizeilichen Maßnahmen, die in solchen Fällen ergriffen werden, wie in unserem Fall von der SOKO „Engelchen“, sind bekannt.
   Zunächst: Monika Brandauer war und blieb verschwunden, obwohl Kripo und Suchdienst Himmel und Hölle in Bewegung setzten, wie man so sagt.
   Als Brandauer, zerkratzt und zu Tode erschöpft, zusammen mit Heinz den Bubiweg hoch stieg, rief er einem zufällig vorbeikommenden Spaziergänger zu: „Engelchen ist verschwunden!“ Eine verständliche Reaktion, oder schon das erste Anzeichen einer seelischen Trübung?
  Verständlich wäre es.
   Da sind die grauenhaften Abende vor dem Fernseher.
  Dann, in gespenstischer Nacht: Brandauer, ein Wanderer in endlosen Trauerhallen, schreckt hoch. Mit schweißnasser Stirn durchleidet er wieder jenen Moment, in dem er auf das Loch in der Hecke starrt und nicht glauben will, was geschehen ist. Die Szene ist eigenartig klar, wie in Kristall geschliffen. Er sieht sich, wie er voller Verzweiflung den Weg hinunter rennt, einen Pfad durch das dichte Ufergebüsch sucht und keinen findet – Engelchen kommt auf ihn zu, ruft: „Papi, Aam!“ Beglückt will er das Kind  hochnehmen – doch seine Hände greifen ins Leere, Engelchen zerfließt ins Unfassbare – –  
    Mit jeder Minute, die der Zeiger der Uhr vorrückt, wächst das Ungeheuer in seinem Kopf, schreit, flüstert, säuselt, raunt, brüllt, bäumt sich auf, greift nach ihm, verfolgt ihn . . . Das Ungeheuer der Selbstvorwürfe . . . Gewissensbisse stürzen sich auf ihn wie eisige Bergbäche . . . Wie konntest du nur . . . du hättest zuerst . . . Das Loch, das Loch, das verfluchte Loch . . . Dann die Drohung mit dem bösen Wolf! Ganz falsch, ganz falsch, ganz falsch . . . Das hat sie erst neugierig gemacht . . . Das Untier tanzt, tobt, hechelt, keucht, schnürt ihm ihm die Kehle zu, nimmt ihm den Atem, hämmert in seinen Schläfen . . .   
   Die furchtbarste Vorstellung: Dass Engelchen gerade ein Leid geschieht . . .
   Er springt aus dem Bett, rennt aus dem Zimmer, aus der Wohnung, aus dem Haus, hört nicht die verstörten Rufe seiner Frau, rennt zum See, rennt zum Zaun, hinter dem Engelchen verschwunden ist, rüttelt verzweifelt am Drahtgeflecht, schreit: „Engelchen, hörst du mich?“ Doch Engelchen antwortet nicht, da ist nur das seichte Plätschern fauligen Wassers, und zwischen den Bäumen schwarze Nacht.
   Brandauer zuckt zusammen. Ein Nachtvogel streicht mit unhörbarem Flügelschlag an seinem Ohr vorbei. „Engelchen!“, ruft er, „so warte doch!“

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BeitragVerfasst am: 31.07.2021 10:20    Titel: Re: Engelchen – Keine Kleingartenidylle Antworten mit Zitat

Hallo Federfuchser 😄

mir hat der Text wirklich sehr gut gefallen, ich mag die Metaphern und Bilder, den ausholenden Erzähler und den Shift im zweiten Text, wo vor allen Dingen aus Brandauers Perspektive erzählt wird und die innere Zerrüttung von ihm durch diese Stakkato-Sätze treffend dargestellt wird.

Den "sterbenden Sonnengott" fand ich auch zu pathetisch, um ehrlich zu sein.
Ansonsten war die Geschichte rund und hat mich auch bis zum letzten Satz gefangen genommen. Sehr schön!

Danke fürs Reinstellen und schönes Wochenende!
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