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Glühwürmchengewitter


 

 
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Inkognito
Eselsohr


Beiträge: 471



BeitragVerfasst am: 17.07.2021 13:43    Titel: Glühwürmchengewitter eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dieser Beitrag wurde auf Wunsch des Autors inkognito eingestellt.

Die Kiesel unter unseren Schuhen knirschen, in der Ferne bellt ein Hund und ein paar Spaziergänger unterhalten sich in der Nähe. All das bekomme ich nur am Rande mit, denn Yannis und ich unterhalten uns über Gott und die Welt. Die kriminelle Welt vor allem.
“Und dann blieb uns nichts anderes übrig als ihm den Kopf mit dem abgebrochenen Spaten einzuschlagen.”
“Das ist grausam.” Trotzdem muss ich - völlig unangebracht - lachen.
“Hallo, das war nötig! Er war sterbenskrank und gefährlich.”
“Der arme Waschbär!” Yannis schaut gespielt ernst in die Ferne. “Wenn wir es nicht getan hätten, hätte er noch andere Tiere angesteckt und dann hätten wir die ganze Nacht durch den Wald laufen und alle erschlagen müssen.” Er schlägt mehrmals mit einem imaginären Schlagstock durch die Luft. Ich lache. Er hat eine Art Geschichten zu erzählen, bei der ich einfach schmunzeln muss. “Ok, ok. Du bist ein Held.”
“Genau.” Zufrieden lächelt er und lehnt sich zurück. Irgendwann haben wir uns auf eine Bank am Ufer des Sees gesetzt. Obwohl es schwül und warm ist trägt er eine Trainingsjacke. Man soll ihn nicht als Polizisten erkennen und er trägt noch immer das T-Shirt vom Dienst. Ich hatte Glück, dass er zufällig Zeit hatte. Die letzten Tage hatte er immer absagen und mich vertrösten müssen. Diesmal hatte ich ihn erwischt, als er gerade vom Dienst kam und noch nicht vollkommen fertig aufs Sofa gefallen war.
Wir schweigen einen Moment. Mein Kopf sinkt nach hinten auf die Lehne. Ich liebe den Sommer, selbst wenn er so schwül ist wie heute.
“Woran denkst du”, frage ich ihn. Yan zuckt mit den Achseln. “An nichts.”
“Das ist so eine typische Männerantwort.”
“Woran denkst du denn?”
“Daran, dass diese Wolke da mich irgendwie an Großbritannien erinnert.” Er betrachtet sie nicht sehr überzeugt.
“Wie kommst du denn darauf?”
“Naja, wegen der Form irgendwie… Es könnte aber auch ein dickes Karnickel sein.”
“Also mich erinnert sie eher an ein Pferd mit Flügeln das hochspringt. Da links sind die Flügel.” Ich sehe es auch, aber lasse ihn mir trotzdem die Stelle zeigen. Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein. Die Luft ist schwer und spannungsgeladen. Ob es gewittern wird? “Jetzt sieht die Wolke aus wie ein Einhorn das jemandem den Mittelfinger zeigt.” Ich öffne meine Augen.
“Wa-, oh! Stimmt! Könnte aber auch ein richtig großer Kopf mit riesiger Nase sein, der den Mittelfinger zeigt.”
“Und was ist dann das da oben?”
“Na eine hässliche Frisur.” Wir lachen. “Es gefällt mir, dass du Fantasie hast.”
“Na sicher, ich bin doch kein gefühlloser, leerer Holzblock.”
“Nein?” Ich tue überrascht und kassiere einen spielerischen Schlag auf die Schulter. Wir lehnen uns zurück und schauen weiter in den Himmel. Einige Mücken fliegen um uns herum.
“Wusstest du, dass intelligente Eintagsfliegen früher sterben als dumme? Sie verbrauchen zu viel Energie beim Denken.”
“Ist das jetzt echt oder verarschst du mich?”
“Ist echt so”, antworte ich lächelnd. Zwar bin ich mir nicht mehr sicher, ob es Eintagsfliegen waren oder eine andere Art Drosophila, aber Fliege ist Fliege und außerdem würde das nichts an diesem Fun Fact ändern.
“Sollte es laut Evolution nicht eher so sein, dass weiterentwickelte, also schlauere Tiere sich durchsetzen?”
“Schon. Bestimmt paaren sie sich auch eher, aber sterben tun sie eben trotzdem zuerst.” Er legt seinen Arm um mich und instinktiv rücke ich näher zu ihm heran um meinen Kopf auf seine Schulter zu legen. Er riecht gut, bemerke ich.
“Wärst du lieber dumm und würdest dafür lange leben oder…?”
“Nene, das würde ich glaube ich nicht aushalten. Obwohl…” Ich beobachte ihn während er überlegt. “Das Gute an Dummheit ist ja, dass man davon gar nichts mitkriegt. Stell dir mal vor, du bist super intelligent und rennst die ganze Zeit nur rum um alles zu retten und hast Stress.” Ich nicke. So hatte ich darüber noch nicht nachgedacht.
“Dumm und glücklich also?” Man entzieht sich damit zwar auch irgendwie der Verantwortung, aber das lasse ich mal hintenüber fallen.
“Ich glaube schon.” Mein Kopf ist währenddessen bis auf seine Brust gesunken und sanft streichen seine Finger über meinen Oberarm. Einige Glühwürmchen schwirren über den Grünstreifen vor uns. Ich habe mal gelesen, dass sie das nur tun, wenn sie auf Partnersuche sind. Ich weise Yannis darauf hin. “Das ist quasi Insektenvorspiel. Und wir schauen ihnen gerne dabei zu, Perverslinge.”
Der See liegt ruhig und dunkel vor uns. Auf seiner Oberfläche spiegeln sich die aufziehenden Wolken und in der Ferne zucken bereits die ersten Blitze über den Himmel. Ich genieße es die Naturgewalten um mich herum zu spüren und wünsche mir fast, dass die Himmelstore sich öffnen mögen und es endlich anfängt zu regnen. Ich schaue hoch und lächle ihn an. Yan hebt die Hand und fährt sanft mit seinen Fingern über meine Wange. Mein Herz reagiert völlig unerwartet auf seine Berührung und flattert wild in meiner Brust. Wer hätte gedacht, dass Polizistenhände so weich sind? Ich schließe die Augen und genieße den Moment. Ich halte ganz still. Seine Finger wandern zu meinem Hals und zurück zu meiner Wange, bevor sie dort schließlich zum Stillstand kommen. Ich atme tief durch und hebe den Kopf. Yan lässt seine Hand sinken. Weil ich nicht weiß, wo ich hinsehen soll drehe ich mich zum See und betrachte seine dunkle Oberfläche. Sein Arm liegt immer noch um meine Schultern. Es donnert; die Luft knistert förmlich.
“Isst du eigentlich Fleisch?”, frage ich in die Stille hinein.
“Natürlich!” Er klingt fast beleidigt. “Ich esse fast nur Fleisch und dazu gibt’s Fleisch mit einem Fleischshake.” Igitt, denke ich und schaue ihn kurz mit meinem hast-du-nicht-gesagt-Blick an.
“Hättest du denn gedacht, dass ich keins esse?” Ich überlege.
“Ich hätte es nicht erwartet, aber auch nicht ausgeschlossen.”
“Nein danke, mir geht’s gut.” Empört drehe ich mich ihm zu. Als wenn es Vegetariern oder Veganern nicht gut ginge!
“Du bist so blöd manchmal.”
“Sorry.” Mich ihm zuzudrehen war ein Fehler, denn nun sehen wir uns in die Augen und es fällt mir schwer den Ausdruck, den ich in den seinen sehe, zu deuten. Er sieht mich lange an ohne ein Wort zu sagen. Schließlich hebt er wieder die Hand und legt sie um meine Wange. Langsam neigt er den Kopf zu mir und noch während ich denke, dass ich mich wegdrehen oder zumindest nein sagen sollte, schließe ich die Augen und gebe auf. Seine Lippen sind weich und leicht wie eine Feder. Er küsst mich ohne sich zu bewegen. Schließlich erwidere ich den Kuss und bin ebenso sanft. Seine Finger gleiten währenddessen über meine Beine. Noch ist ihm nur mein Gesicht zugewandt und ich verkrampfe meine Finger auf meinen Knien um sie daran zu hindern ihn näher zu mir heranzuziehen oder sonst etwas Dummes zu tun. Mein Mund öffnet sich ihm unwillkürlich und der Kuss, obwohl federleicht, wird plötzlich intensiver. Er küsst gut. Zufrieden seufze ich. Als wir uns lösen droht mein Gehirn alles zu ruinieren.
“Können wir noch dreißig Sekunden warten bis wir die Realität durchlassen?”, frage ich ihn und öffne die Augen um ihm kurz in die Augen zu schauen.
“Okay.” Er schaut auf seine Armbanduhr und grinst. Ich schüttle den Kopf über ihn und frage mich was nun passiert. Er küsst meine Stirn und lehnt seinen Kopf an meinen. Als ich mein Gesicht zu ihm hochdrehe treffen seine Lippen erneut weich und drängend auf meine. Meine Hände umfassen jetzt sein Gesicht. Wie von selbst liebkose ich seine Haut während er mich küsst. Mit klopfendem Herzen rücke ich ein Stück von ihm ab.
“Sind unsere dreißig Sekunden um?” Er konsultiert seine Armbanduhr.
“Ja. Schon seit einer Minute.” Ich schließe die Augen und verstecke mein Gesicht an seiner Brust. Er zieht mich näher zu sich heran. Was jetzt? Nach einigen Momenten ergreife ich das Wort. “Das hätte vermutlich nicht passieren sollen.”
“Vermutlich nicht.”
“Und was jetzt?” Er hat auch keine Antwort. Wir sitzen noch einen kurzen Moment in unserer kleinen Blase aus jetzt-ist-es-eh-egal, doch wenig später wird es Zeit zu gehen. Die ersten Regentropfen fallen und klatschen auf die Erde. Mein Gewissen schreit mich an, doch ich ignoriere es so gut ich kann. Auf dem Weg zum Auto legt er den Arm um mich. Ich schaffe es nicht, ihn zu bitten Abstand zu halten. Kurz schüttele ich den Kopf. Ich schaue auf die Glühwürmchen am Wegesrand und verdränge den Gedanken an seine Frau und das Kind, die Zuhause auf ihn warten. Manchmal fühlen sich die falschen Dinge zu gut an um umzukehren.

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silke-k-weiler
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 46
Beiträge: 580



BeitragVerfasst am: 18.07.2021 11:13    Titel: Re: Glühwürmchengewitter Antworten mit Zitat

Liebe/r Inkognito,

der Titel hat mir gefallen, deswegen habe ich einen Blick auf Deinen Text geworfen. Aus diesem Grund möchte ich Dir einen kurzen Eindruck hinterlassen.

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Die Kiesel unter unseren Schuhen knirschen, in der Ferne bellt ein Hund und ein paar Spaziergänger unterhalten sich in der Nähe. All das bekomme ich nur am Rande mit, denn Yannis und ich unterhalten uns über Gott und die Welt. Die kriminelle Welt vor allem.
“Und dann blieb uns nichts anderes übrig als ihm den Kopf mit dem abgebrochenen Spaten einzuschlagen.”
“Das ist grausam.” Trotzdem muss ich - völlig unangebracht - lachen.
“Hallo, das war nötig! Er war sterbenskrank und gefährlich.”
“Der arme Waschbär!” Yannis schaut gespielt ernst in die Ferne. “Wenn wir es nicht getan hätten, hätte er noch andere Tiere angesteckt und dann hätten wir die ganze Nacht durch den Wald laufen und alle erschlagen müssen.”


Der Anfang ist schon etwas schräg. Der arme Waschbär! Was auch immer das Tier hatte (Tollwut, nehme ich an?), es durch Spatenhiebe zu töten, ist eben ein Akt des Tötens, ein brutaler noch dazu, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das als Anekdote auspacken würde. Das Lachen ist tatsächlich völlig unangebracht. Außerdem, wenn Yannis Polizist ist (was sich später herausstellt), warum wurde das Tier nicht erschossen?

Ohne das einige Zeilen später aufgedeckte Wissen, dass Yannis Polizist ist, bekomme ich im ersten Moment ein sehr jugendliches Bild von den Figuren. Irgendwie muss ich an "Halbstarke" denken, nicht an Erwachsene, die bereits berufstätig sind.

Ah, noch etwas: Die Absätze sind auf eine Art gesetzt, dass es mir aufgrund fehlender Inquits manchmal schwerfällt, wörtliche Rede einer Person zuzuordnen. Wie hier:

“Das ist grausam.” Trotzdem muss ich - völlig unangebracht - lachen.
“Hallo, das war nötig! Er war sterbenskrank und gefährlich.”
“Der arme Waschbär!” Yannis schaut gespielt ernst in die Ferne. “Wenn wir es nicht getan hätten, hätte er noch andere Tiere angesteckt und dann hätten wir die ganze Nacht durch den Wald laufen und alle erschlagen müssen.”

Wer sagt: Der arme Waschbär? Fällt mir im Text immer mal wieder auf.

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Er schlägt mehrmals mit einem imaginären Schlagstock durch die Luft. Ich lache. Er hat eine Art Geschichten zu erzählen, bei der ich einfach schmunzeln muss. “Ok, ok. Du bist ein Held.”


Wow, kranken Waschbär erschlagen. Hut ab! *ironie off*

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
“Daran, dass diese Wolke da mich irgendwie an Großbritannien erinnert.” Er betrachtet sie nicht sehr überzeugt.
“Wie kommst du denn darauf?”
“Naja, wegen der Form irgendwie… Es könnte aber auch ein dickes Karnickel sein.”
“Also mich erinnert sie eher an ein Pferd mit Flügeln das hochspringt. Da links sind die Flügel.” Ich sehe es auch, aber lasse ihn mir trotzdem die Stelle zeigen. Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein. Die Luft ist schwer und spannungsgeladen. Ob es gewittern wird? “Jetzt sieht die Wolke aus wie ein Einhorn das jemandem den Mittelfinger zeigt.” Ich öffne meine Augen.
“Wa-, oh! Stimmt! Könnte aber auch ein richtig großer Kopf mit riesiger Nase sein, der den Mittelfinger zeigt.”
“Und was ist dann das da oben?”
“Na eine hässliche Frisur.” Wir lachen. “Es gefällt mir, dass du Fantasie hast.”
“Na sicher, ich bin doch kein gefühlloser, leerer Holzblock.”
“Nein?” Ich tue überrascht und kassiere einen spielerischen Schlag auf die Schulter. Wir lehnen uns zurück und schauen weiter in den Himmel. Einige Mücken fliegen um uns herum.


Im Gegensatz zu dem Einstieg mit dem Waschbären gefällt mir dieses locker-leicht vertraute Wolkengucken, bei dem aber so etwas mitschwelt.

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
“Er legt seinen Arm um mich und instinktiv rücke ich näher zu ihm heran um meinen Kopf auf seine Schulter zu legen. Er riecht gut, bemerke ich.


"bemerke ich" könntest Du streichen, da Du in der Ich-Perspektive bist.

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Der See liegt ruhig und dunkel vor uns. Auf seiner Oberfläche spiegeln sich die aufziehenden Wolken und in der Ferne zucken bereits die ersten Blitze über den Himmel. Ich genieße es die Naturgewalten um mich herum zu spüren und wünsche mir fast, dass die Himmelstore sich öffnen mögen und es endlich anfängt zu regnen.


Schön, wie das Gewitter die Spannung zwischen den beiden spiegelt.

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Wer hätte gedacht, dass Polizistenhände so weich sind?


Du meinst Waschbärmörder. Evil or Very Mad

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
“Isst du eigentlich Fleisch?”, frage ich in die Stille hinein.


 Laughing  Ja, hätte ich an der Stelle auch gefragt.

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
“Natürlich!” Er klingt fast beleidigt. “Ich esse fast nur Fleisch und dazu gibt’s Fleisch mit einem Fleischshake.” Igitt, denke ich und schaue ihn kurz mit meinem hast-du-nicht-gesagt-Blick an.
“Hättest du denn gedacht, dass ich keins esse?” Ich überlege.
“Ich hätte es nicht erwartet, aber auch nicht ausgeschlossen.”
“Nein danke, mir geht’s gut.” Empört drehe ich mich ihm zu. Als wenn es Vegetariern oder Veganern nicht gut ginge!


Hier geht es dialogmäßig ganz schön durcheinander. Wer sagt was und warum sagt der/die eine plötzlich: “Nein danke, mir geht’s gut.”, obwohl keine passende Frage gestellt wurde?

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Wir sitzen noch einen kurzen Moment in unserer kleinen Blase aus jetzt-ist-es-eh-egal,


Die Stelle finde ich soooooo schön. Die kleine Blase aus jetzt-ist-es-eh-egal, Klasse!

Ansonsten noch paar Fehler in der Zeichensetzung. Musst Du nochmal drübergehen.

***

Fazit: Interessant fand ich, dass ich das Geschlecht der "Ich-Figur" nicht eindeutig zuordnen kann. Spielt für mich mich aber auch keine Rolle.
Der Einstieg mit dem Waschbären sagt mir nicht zu, die unsensible Art und Weise, wie die beiden darüber reden macht die Figuren hochgradig unsympathisch und unreif.
Das Wolkengespräch reißt es ein wenig raus, kommt lockerleicht rüber, dennoch scheint sich da etwas zu entwickeln, was das herannahende Gewitter schön aufgreift.

Auf jeden Fall müssen die Dialoge transparenter werden, es erschwert das Lesen ungemein, wenn ich Zeile für Zeile darüber nachdenken muss, wer diesen oder jenen Satz geäußert haben könnte.

LG
Silke
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Grendel
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 57
Beiträge: 244



BeitragVerfasst am: 18.07.2021 11:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

Deine kleine Geschichte liest sich flüssig, die Dialoge sind stimmig und die Gefühle vermitteln sich gut, insbesondere das Zögerliche, Unsichere. Was mir nicht so behagt, ist der Anfang. Besonders der bellende Hund, der immer in der Ferne bellt, lässt mich nicht in den Lesefluss kommen. [url]https://taz.de/!5159650/[/url]

Mit dem Lachen über den erschlagenen Waschbär habe ich auch so meine Probleme. Das macht mir beide Protagonisten erstmal unsympathisch. Vielleicht wolltest Du damit einen Kontrast zu der Liebesszene herstellen, bei mir hat das nicht funktioniert. Gut funktionert haben hingegen die Eintagsfliegen und die Glühwürmchen. Die Wiederholung von "leicht wie eine Feder" und "federleicht" hat mich nochmal kurz rausgerissen. Die zweite Erwähnung wirkte auf mich zu erklärend, fast analytisch.

Alles in allem: Gern gelesen!

Lieben Gruß
Sabine
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Inkognito
Eselsohr


Beiträge: 471



BeitragVerfasst am: 20.07.2021 16:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich danke euch für die ausführlichen Kommentare und Gedanken! Einiges ist mir, jetzt da ich es von euch gehört habe, plötzlich auch unangenehm aufgefallen. Ich werde die Geschichte die nächsten Tage mal überarbeiten (vielleicht habe ich bis dahin ja noch ein paar mehr Kritiken :P).

Zur Erklärung: Die Protagonisten sind Mitte zwanzig - also gerade "frisch" im Berufsleben und noch übermütig-jugendlich. Daher wohl der unreife Eindruck...

Das "Mir geht's gut" bezieht sich darauf, dass Yannis andeutet, Vegetarier/Veganern wäre etwas falsch bzw. nicht normal. Daher ärgert sich die Protagonistin auch so darüber und merkt an, dass es auch nicht-Fleischessern gut geht. Ich nehme hier gerne Hilfe an, wie man das besser verständlich ausdrücken könnte...

Liebe Grüße und gerne mehr Kritik! Ich freue mich über jeden Kommentar :)
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Tribalis
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 121



BeitragVerfasst am: 21.07.2021 14:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inkognito,

der Dialog ab "Isst du eigentlich Fleisch?" (Warumwarum nur fragt sie das in dieser Situation?) hat mich genauso gestört wie der Waschbärenmord.
Den Waschbärenmord würde ich eventuell ersetzen und die Fleischszene ggf. weglassen, sofern sie nicht doch einen Sinn hat, der sich mir jetzt nicht erschließt.
Sollte das Waschbärending dazu dienen, Slang/Alter/Wesen der Protas einzuführen, tut es bestimmt auch etwas anderes.
Ansonsten finde ich ist es dir ganz gut gelungen, die Stimmung einzufangen und zu transportieren. Ich hatte ein Bild vor Augen.

Liebe Grüße
Tribalis
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FaithinClouds
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 32



BeitragVerfasst am: 22.07.2021 10:42    Titel: Re: Glühwürmchengewitter Antworten mit Zitat

Hallo Icognito,

mir hat die Geschichte gefallen😀. Ich fand die Dialoge ziemlich nah am echten Leben und nicht so künstlich. Außerdem mochte ich die Auflösung am Ende, dass er eigentlich eine Frau hat, und die kleinen Andeutungen zuvor, die erst dann richtig Sinn ergeben, wenn man das Ende kennt.😅

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Die Kiesel unter unseren Schuhen knirschen, in der Ferne bellt ein Hund und ein paar Spaziergänger unterhalten sich in der Nähe. All das bekomme ich nur am Rande mit, denn Yannis und ich unterhalten uns über Gott und die Welt. Die kriminelle Welt vor allem.
“Und dann blieb uns nichts anderes übrig als ihm den Kopf mit dem abgebrochenen Spaten einzuschlagen.”
“Das ist grausam.” Trotzdem muss ich - völlig unangebracht - lachen.
“Hallo, das war nötig! Er war sterbenskrank und gefährlich.”
“Der arme Waschbär!” Yannis schaut gespielt ernst in die Ferne. “Wenn wir es nicht getan hätten, hätte er noch andere Tiere angesteckt und dann hätten wir die ganze Nacht durch den Wald laufen und alle erschlagen müssen.” Er schlägt mehrmals mit einem imaginären Schlagstock durch die Luft. Ich lache. Er hat eine Art Geschichten zu erzählen, bei der ich einfach schmunzeln muss. “Ok, ok. Du bist ein Held.”
“Genau.” Zufrieden lächelt er und lehnt sich zurück. Irgendwann haben wir uns auf eine Bank am Ufer des Sees gesetzt. Obwohl es schwül und warm (schwül und warm ist eine Tautologie, glaube ich. Wenn es schwül ist, ist es eigentlich immer warm. Ich würde "warm" weglassen) ist trägt er eine Trainingsjacke. Man soll ihn nicht als Polizisten erkennen und er trägt noch immer das T-Shirt vom Dienst. Ich hatte Glück, dass er zufällig Zeit hatte. Die letzten Tage hatte er immer absagen und mich vertrösten müssen. Diesmal hatte ich ihn erwischt, als er gerade vom Dienst kam und noch nicht vollkommen fertig aufs Sofa gefallen war.
Wir schweigen einen Moment. Mein Kopf sinkt nach hinten auf die Lehne. Ich liebe den Sommer, selbst wenn er so schwül ist wie heute.
“Woran denkst du”, frage ich ihn. Yan zuckt mit den Achseln. “An nichts.”
“Das ist so eine typische Männerantwort.”
“Woran denkst du denn?”
“Daran, dass diese Wolke da mich irgendwie an Großbritannien erinnert.” Er betrachtet sie nicht sehr überzeugt.
“Wie kommst du denn darauf?”
“Naja, wegen der Form irgendwie… Es könnte aber auch ein dickes Karnickel sein.”
“Also mich erinnert sie eher an ein Pferd mit Flügeln das hochspringt. Da links sind die Flügel.” Ich sehe es auch, aber lasse ihn mir trotzdem die Stelle zeigen. Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein. Die Luft ist schwer und spannungsgeladen. Ob es gewittern wird? “Jetzt sieht die Wolke aus wie ein Einhorn das jemandem den Mittelfinger zeigt.” Ich öffne meine Augen.
“Wa-, oh! Stimmt! Könnte aber auch ein richtig großer Kopf mit riesiger Nase sein, der den Mittelfinger zeigt.”
“Und was ist dann das da oben?”
“Na eine hässliche Frisur.” Wir lachen. “Es gefällt mir, dass du Fantasie hast.”
“Na sicher, ich bin doch kein gefühlloser, leerer Holzblock.”
“Nein?” Ich tue überrascht und kassiere einen spielerischen Schlag auf die Schulter. Wir lehnen uns zurück und schauen weiter in den Himmel. Einige Mücken fliegen um uns herum.
“Wusstest du, dass intelligente Eintagsfliegen früher sterben als dumme? Sie verbrauchen zu viel Energie beim Denken.”
“Ist das jetzt echt oder verarschst du mich?”
“Ist echt so”, antworte ich lächelnd. Zwar bin ich mir nicht mehr sicher, ob es Eintagsfliegen waren oder eine andere Art Drosophila, aber Fliege ist Fliege und außerdem würde das nichts an diesem Fun Fact ändern.
“Sollte es laut Evolution nicht eher so sein, dass weiterentwickelte, also schlauere Tiere sich durchsetzen?”
“Schon. Bestimmt paaren sie sich auch eher, aber sterben tun sie eben trotzdem zuerst.” Er legt seinen Arm um mich und instinktiv rücke ich näher zu ihm heran um meinen Kopf auf seine Schulter zu legen. Er riecht gut, bemerke ich.   (das kannst du eigentlich auch weglassen. Der Text ist ja aus der Ich-Perspektive geschrieben. Alles, was da steht, bemerkt der/die Ich-Erzähler*in ja)
“Wärst du lieber dumm und würdest dafür lange leben oder…?”
“Nene, das würde ich glaube ich nicht aushalten. Obwohl…” Ich beobachte ihn während er überlegt. “Das Gute an Dummheit ist ja, dass man davon gar nichts mitkriegt. Stell dir mal vor, du bist super intelligent und rennst die ganze Zeit nur rum um alles zu retten und hast Stress.” Ich nicke. So hatte ich darüber noch nicht nachgedacht.
“Dumm und glücklich also?” Man entzieht sich damit zwar auch irgendwie der Verantwortung, aber das lasse ich mal hintenüber fallen.
“Ich glaube schon.” Mein Kopf ist währenddessen bis auf seine Brust gesunken und sanft streichen seine Finger über meinen Oberarm. Einige Glühwürmchen schwirren über den Grünstreifen vor uns. Ich habe mal gelesen, dass sie das nur tun, wenn sie auf Partnersuche sind. Ich weise Yannis darauf hin. “Das ist quasi Insektenvorspiel. Und wir schauen ihnen gerne dabei zu, Perverslinge.”
Der See liegt ruhig und dunkel vor uns. Auf seiner Oberfläche spiegeln sich die aufziehenden Wolken und in der Ferne zucken bereits die ersten Blitze über den Himmel. Ich genieße es die Naturgewalten um mich herum zu spüren und wünsche mir fast, dass die Himmelstore sich öffnen mögen und es endlich anfängt zu regnen. (das klingt ein bisschen arg elegisch, vielleicht das "Gewalten" weglassen. Auch die Himmelstore sind irgendwie fehl am Platz.) Ich schaue hoch und lächle ihn an. Yan hebt die Hand und fährt sanft mit seinen Fingern über meine Wange. Mein Herz reagiert völlig unerwartet auf seine Berührung und flattert wild in meiner Brust. Wer hätte gedacht, dass Polizistenhände so weich sind? Ich schließe die Augen und genieße den Moment. Ich halte ganz still. Seine Finger wandern zu meinem Hals und zurück zu meiner Wange, bevor sie dort schließlich zum Stillstand kommen. Ich atme tief durch und hebe den Kopf. Yan lässt seine Hand sinken. Weil ich nicht weiß, wo ich hinsehen soll drehe ich mich zum See und betrachte seine dunkle Oberfläche. Sein Arm liegt immer noch um meine Schultern. Es donnert; die Luft knistert förmlich.
“Isst du eigentlich Fleisch?”, frage ich in die Stille hinein.
“Natürlich!” Er klingt fast beleidigt. “Ich esse fast nur Fleisch und dazu gibt’s Fleisch mit einem Fleischshake.” Igitt, denke ich und schaue ihn kurz mit meinem hast-du-nicht-gesagt-Blick an.
“Hättest du denn gedacht, dass ich keins esse?” Ich überlege.
“Ich hätte es nicht erwartet, aber auch nicht ausgeschlossen.”
“Nein danke, mir geht’s gut.” Empört drehe ich mich ihm zu. Als wenn es Vegetariern oder Veganern nicht gut ginge!
“Du bist so blöd manchmal.”
“Sorry.” Mich ihm zuzudrehen war ein Fehler, denn nun sehen wir uns in die Augen und es fällt mir schwer den Ausdruck, den ich in den seinen ("den" weglassen) sehe, zu deuten. Er sieht mich lange an ohne ein Wort zu sagen. Schließlich hebt er wieder die Hand und legt sie um meine Wange. Langsam neigt er den Kopf zu mir und noch während ich denke, dass ich mich wegdrehen oder zumindest nein sagen sollte, schließe ich die Augen und gebe auf. Seine Lippen sind weich und leicht wie eine Feder. Er küsst mich ohne sich zu bewegen. Schließlich erwidere ich den Kuss und bin ebenso sanft (vielleicht stattdessen: Ich erwidere den Kuss ebenso sanft) . Seine Finger gleiten währenddessen über meine Beine. Noch ist ihm nur mein Gesicht zugewandt und ich verkrampfe meine Finger auf meinen Knien um sie daran zu hindern ihn näher zu mir heranzuziehen oder sonst etwas Dummes zu tun. Mein Mund öffnet sich ihm unwillkürlich und der Kuss, obwohl federleicht, wird plötzlich intensiver. Er küsst gut. Zufrieden seufze ich. Als wir uns lösen droht mein Gehirn alles zu ruinieren.
“Können wir noch dreißig Sekunden warten bis wir die Realität durchlassen?”, frage ich ihn und öffne die Augen um ihm kurz in die Augen zu schauen.
“Okay.” Er schaut auf seine Armbanduhr und grinst. Ich schüttle den Kopf über ihn und frage mich, was nun passiert. Er küsst meine Stirn und lehnt seinen Kopf an meinen. Als ich mein Gesicht zu ihm hochdrehe, treffen seine Lippen erneut weich und drängend auf meine. Meine Hände umfassen jetzt sein Gesicht. Wie von selbst liebkose ich seine Haut, während er mich küsst. Mit klopfendem Herzen rücke ich ein Stück von ihm ab.
“Sind unsere dreißig Sekunden um?” Er konsultiert (das Verb passt irgendwie nicht so ganz) seine Armbanduhr.
“Ja. Schon seit einer Minute.” Ich schließe die Augen und verstecke mein Gesicht an seiner Brust. Er zieht mich näher zu sich heran. Was jetzt? Nach einigen Momenten ergreife ich das Wort. “Das hätte vermutlich nicht passieren sollen.”
“Vermutlich nicht.”
“Und was jetzt?” Er hat auch keine Antwort. Wir sitzen noch einen kurzen Moment in unserer kleinen Blase aus jetzt-ist-es-eh-egal, doch wenig später wird es Zeit zu gehen. Die ersten Regentropfen fallen und klatschen auf die Erde. Mein Gewissen schreit mich an, doch ich ignoriere es, so gut ich kann. Auf dem Weg zum Auto legt er den Arm um mich. Ich schaffe es nicht, ihn zu bitten Abstand zu halten. Kurz schüttele ich den Kopf. Ich schaue auf die Glühwürmchen am Wegesrand und verdränge den Gedanken an seine Frau und das Kind, die zuhause auf ihn warten. Manchmal fühlen sich die falschen Dinge zu gut an, um umzukehren.


Danke, dass du den Text mit uns geteilt hast! Mir hat die Stimmung der Geschichte gefallen. Das Gewitter, das irgendwie verheißungsvoll die Atmosphäre auflädt und der Dialog zwischen Yannis und dem/der Hauptcharakter*in, der die Stille füllen soll, weil sie sonst Angst haben, sonst etwas zu Ernstes sagen zu müssen.

Stilistisch gab es keinen größeren Makel. Das wenige, was mich gestört hat, habe ich angemerkt, aber es ist - wie immer - nur eine Meinung von vielen. Du machst öfter mal Kommafehler, aber sowas stört mich beim Lesen eigentlich gar nicht.
Vielleicht als Faustregel: Immer wenn zwei Prädikate dastehen, ohne dass ein "und" oder "oder" sie verbindet, setzt man irgendwo dazwischen ein Komma. 😺

Alles Gute!👻
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