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Zuletzt die Sünde (Arbeitstitel)


 

 
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Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 05.07.2021 12:35    Titel: Zuletzt die Sünde (Arbeitstitel) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Tag liebe Mitglieder dieses Forums. Anbei eine Kurzgeschichte inspiriert von geistiger Verendung, Einsamkeit und Hilflosigkeit. Selbstverständlich bitte ich um ein ehrliches Feedback und wünsche einen guten Start in die Woche.




Ich weiß nicht mehr, welchen Tag wir heute haben. Als ich vorhin aufgewacht bin, hat mich mein Tinnitus begrüßt. Die Ausgangsperre hält jetzt schon fünf Jahre an und ich habe vergessen, wie der Garten meiner Eltern aussieht. Wenn ich ehrlich bin weiß ich auch gar nicht mehr, welche Farben ihre Augen haben. Ich starre die Decke meines Zimmers an. Der weiße Putz hat mittlerweile ein dreckiges Gelb angenommen. Ich nehme an, dass das auch für meine Leber gilt. Als ich den Wecker auf meinem Nachttisch ausmachen will, der in einer oder zwei Minuten klingeln musste, stoße ich ein Weinglas um, dass auf dem Boden zerbricht. Sein Inhalt würde sich zu den anderen Flecken auf meinem Teppich gesellen. Der Tag beginnt wieder prächtig. Ich stehe von meinem Bett auf und lasse die Scherben liegen. Darum kann ich mich später kümmern. Ist ja nicht so, dass ich heute viel unterwegs sein werde. Auf dem Weg ins Bad stolpere ich fast über einige verdreckte Teller und Essensreste der vergangenen Tage. Ich weiche ihnen aus und mache das Licht im Bad an. Ein stechender Chlorgeruch steigt mir in die Nase, als ich die Klobrille anhebe und mich erleichtere. Ich hatte gestern zum ersten Mal seit Wochen das Bad geputzt. Wieder im Schlafzimmer, dass zugleich mein Wohnzimmer und meine Küche ist, fällt mein Blick auf das Poster von David Hasselhoff, dass am Kopfende über meinem Bett hängt. I am looking for freedom. Die Ironie, die dieses Poster versprüht geht mir jetzt seit vier Jahren auf den Sack, aber ich kann mich nicht aufraffen es abzuhängen. Immerhin ist er der einzige Mensch, der mich in den letzten fünf Jahren angelächelt hat. Auf dem Boden neben dem schmutzigen Geschirr sehe ich meinen Tabak. Ich will mich gerade hinsetzen und eine drehen, da vibriert mein Handy. Eine automatisierte SMS der Regierung. Guten Morgen Herr Rauch! Ihre wöchentliche Lebensmittelration „KW37J3“ wurde Ihnen soeben vor der Haustür abgeliefert. Halten Sie durch, bald kommen Lockerungen! Die Regierung hat ein System entwickelt, dass dafür sorgt, dass wir Bürger nicht das Haus verlassen müssen. Der Gang in den Supermarkt war der letzte Funke Freiheit gewesen, bevor alles dicht gemacht und die Bevölkerung eingesperrt wurde. Sie hatten es damit begründet, dass die Todeszahlen nicht mehr anders in Zaum zu halten waren. Ich erinnere mich noch wie das war. Die Nachrichten über mysteriöse Todesfälle in Südamerika. Die Ein- und Ausreisebeschränkungen. Die wiederholten Aufrufe der Regierungen, Ruhe zu bewahren. Die Wirtschaftskrise. Die Demonstrationen auf der ganzen Welt. Die vielen Körper unter weißen Plastikplanen deren Zahl nach den Demos nach oben schoss und die endlosen Kolonnen Militärtransporter im Fernsehen, die die Leichen zu den Verbrennungsanlagen gefahren hatten. Mittlerweile haben fast alle Sender ihren Betrieb eingestellt. Nur ein Sender strahlt noch Friends aus. Das Radio ist sowieso still. In besonders einsamen Nächten schalte ich den Fernseher an und lasse mich von den sechs New Yorker Freunden in eine Welt mitnehmen, in der noch alles gut ist. Ich öffne meine Wohnungstür. Mein Handy aktiviert automatisch einen Timer, der, wenn er abläuft, die Regierung darüber informiert, dass ich womöglich meine Wohnung verlassen habe. Ich sammle also schnell meine Lebensmittelration auf und schließe die Tür hinter mir.  In dem Korb liegen Reis, ein paar Früchte, Gemüse und Konserven. Ich bin durch die Ausgangssperre zum Vegetarier geworden. Durch die Arbeit habe ich aber am Anfang der Ausgangssperre von einer Gruppe erfahren, die noch Genussmittel wie Kaffee, Tabak, Schokolade oder Alkohol schmuggelt und verteilt. Dazu muss ich nur Obst und ein paar Konserven vor meine Tür legen und bekomme dafür, was momentan verfügbar ist. Ich erinnere mich daran, dass ich eine Kippe rauchen wollte. Ich hebe meinen kostbaren Tabak vom Boden auf, suche nach Blättchen und Filtern, finde sie unter einem Haufen Klamotten und setze mich auf meinen Schreibtischstuhl. Die Kippe schmeckt köstlich. Ihr bläulicher Rauch umspielt meine Finger, während ich meinen Laptop aufklappe und anfange zu arbeiten. Zahlen auswerten, analysieren und Schnittstellen ausfindig machen, die die Produktivität des Unternehmens steigern. Anfangs hielten wir noch Videokonferenzen in unserer Abteilung ab, aber damit haben wir aufhören müssen, nachdem die Regierung angekündigt hatte die Server des Internets zu deaktivieren. Jetzt drucke ich meine Ergebnisse aus und schicke sie durch die Poströhre an die Zentrale. Jeden Morgen erhalte ich durch dieselbe Poströhre neue Zahlen zum Auswerten. Das ist mein Leben. Seit fünf Jahren. Heute muss ich mich um die Zahlen der Personalabteilung kümmern. Ich frohlocke. Wie schön es ist die verschiedenen Namen zu lesen! Die Krankheitstage, die Urlaubstage und die Überstunden von Franziska Bauer, Martin Rossmann, Theodor Schulze und unzähligen anderen zu zählen bringt mich wieder Menschen nah. Ich verbringe so den ganzen Vormittag vor meinem Computer und genehmige mir zwischendurch immer mal wieder ein Glas Wein. Ich habe in meinem Regal zwar noch eine Flasche Gin, aber ich hatte mir gesagt, dass ich ihn für einen besonderen Anlass aufheben würde. Das ist schon lange her. Heute ist definitiv einer der besseren Tage. Ich habe zwar keine Fenster in meiner Wohnung, aber ich könnte schwören, dass die Sonne scheint. Stattdessen leuchtet meine Deckenlampe weiß von oben herab. Wie oft ich wütend auf sie werde, wenn sie mich auslacht. Wenn es mir zu viel wird schalte ich sie einfach ab. Die Dunkelheit ist eine verständnisvolle Freundin von mir, die mir immer zuhört. Sie kennt mich und ich kenne sie. Ihre Umarmung ist wärmer als das kalte Licht meiner Lampe. Ich wünschte nur sie wäre lauter, die Dunkelheit. Dann würde ich das stetige, hohe Piepen in meinen Ohren vergessen können. Doch so gnädig ist sie dann doch nicht. Es lässt mich nie in Ruhe. Selbst wenn ich in meinen Träumen auf Reisen bin begleitet es mich. Manchmal glaube ich der Tinnitus raubt mir den Verstand, doch dann rede ich mit Hasselhoff, der mir gut zuspricht, wenn ich mal keinen Sinn mehr sehe. „Nur noch ein paar Tage, dann bist du wieder frei Max! Nur noch ein paar Tage, dann kannst du wieder raus!“ pflegt er immer zu sagen. Aber eigentlich bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich das möchte. Ich habe Angst vor draußen. Ich habe Angst vor dem Himmel, der sich endlos über mir erstrecken könnte. Angst vor dem Lärm eines chaotischen Alltags. Ich wünschte es wäre nicht so. Ich wünschte ich könnte einfach rausgehen. Ins Kino oder in den Park, aber ich darf ja ohnehin nicht. Ich bin hier eingesperrt. Mit meiner Lampe, meinem Wein, Hasselhoff und der Dunkelheit. Denken führt mich doch nirgends hin. Das tut mir nicht gut. Wozu denke ich überhaupt, wenn ich doch eigentlich Hunger hab. Ich setze Reis auf und öffne eine Konserve Bohnen. Dazu eingelegte Champignons. Ich schaufle die einfache Mahlzeit mechanisch in mich hinein. Salz und Pfeffer sind mir vor Monaten ausgegangen. Seitdem schmeckt mein Essen ein wenig fade. Die Erinnerung an das letzte Essen in einem richtigen Restaurant ist schon längst verblasst. Ich weiß nur noch, dass es besser schmeckte als die Lebensmittel, die ich von der Regierung bekomme. Meinen Teller lasse ich auf dem Schreibtisch. Wozu auch aufräumen. Jetzt wo ich meine Pflichtaufgaben für heute erledigt habe, komme ich mir nutzlos vor. Es ist schon so weit gekommen, dass ich sehnsüchtig auf die Kapsel warte, die mir einen neuen Auftrag aus der Zentrale schickt. Vielleicht darf ich morgen ja die Zahlen des Vorstands überprüfen. Das wäre ein großer Erfolg. Dann ist die Beförderung auch nicht mehr weit. Und wer befördert wird bekommt Fleisch. Das wäre schön. Dann würde ich Wurst bekommen, vielleicht sogar ein echtes Stück Filet! Mit diesen, ausnahmsweise schönen Gedanken im Hinterkopf öffne ich gerne eine neue Flasche Wein. Letzte Woche habe ich die Hälfte meiner Vorräte ausgegeben und dafür eine beträchtliche Menge Tabak, Kaffee und Wein erhalten. Mein Blick fällt auf den Revolver in meinem Schrank. Ich hatte ihn über einen Kontakt von mir angeschafft, als die Demonstrationen begonnen hatten. In meiner Stadt waren sie besonders heftig gewesen und die Regierung hatte alle Hände voll zu tun gehabt, die Kontrolle zu behalten. Ich habe den Revolver nie gebraucht. Er glänzte noch, ganz so, als wäre er heute erst vom Fertigungsband gekommen. Das Licht der Lampe reflektiert von dem silbergrauen Stahl des Laufs, der mich anlächelt. Ich ertrage dieses Lächeln nicht. Ich fühle das Gewicht des Wohnhauses auf mir. Die Kellerwohnung, die ich bewohne, war meine beste Option gewesen, als ich hierherzog. Mittlerweile bereue ich es ein wenig. Das fehlende Sonnenlicht, der Tabak und der Alkohol, haben mit den Jahren meine Haut beinahe durchsichtig werden lassen. Wenn ich jetzt eine Hand vor das Licht halte, kann ich meine Adern sehen. Nicht nur die Großen und Dicken, die man auch bei Rentnern sehen kann, sondern auch die feinen Venen und ihre Verästelungen. Wenn ich nüchtern bin ekle ich mich vor mir selbst. Früher war ich ein recht ansehnlicher Kerl glaube ich. Mittlerweile aber ist mein Haar schütter, mein Bauch speckig und meine Haut krank. Vor einem Jahr habe ich den Spiegel im Bad abgenommen und auf dem Boden zertrümmert. Ich konnte mich nicht mehr sehen. Dabei habe ich aber meine Hand verletzt und wenn ich jetzt Kippen drehe, sehe ich jedes Mal eine Narbe, die sich über meinen Zeigefinger der Länge nach erstreckt. Ich schaue oft in den langen dunklen Flur, wenn meine Lebensmittelration kommt. Ich stelle mir dann vor, dass ich ihn runter renne nach draußen in die Freiheit. Einmal war ich kurz davor es zu tun, aber dann habe ich mich doch nicht getraut. Es ist zu unsicher. Dort draußen lauert der Tod. Ich schenke mir ein weiteres Glas ein und lege eine Platte auf. Escape von Rupert Holmes. So ein schönes Lied. Ich fange gerade an zu tanzen, da höre ich den vertrauten, dumpfen Aufprall einer Kapsel in der Poströhre. Ich öffne die Luke und schaue verwundert auf die Kapsel. Es ist noch nie vorgekommen, dass ich zwei an einem Tag bekommen habe. Das muss die Beförderung sein! Aufgeregt öffne ich sie und lese mir den Inhalt durch.
 
Sehr geehrter Herr Rauch,
aufgrund von Kürzungen im Budget und reduzierter Umsatzzahlen, hat der Vorstand beschlossen Ihre Stelle zu liquidieren. Der Vorstand bedankt sich für Ihre Dienste und wünscht Ihnen alles Gute. Sie selbst verstehen sicherlich, wie wichtig es ist, Zahlen auszuwerten, zu analysieren und Schnittstellen ausfindig zu machen, die die Produktivität des Unternehmens steigern.
 
Mit freundlichen Grüßen
DER VORSTAND

 
 
Die Zimmerdecke kracht über mir zusammen, während ich zeitgleich falle. Meine weiße Zimmerlampe lacht mich lauter aus als sonst. Nicht mal Hasselhoff an meiner Wand lächelt. Der letzte Rest meiner Existenz wird mir genommen. Dann auch noch auf diese hämische Art und Weise. Ich kann es nicht glauben und lese mir die Mitteilung noch einmal durch. Dieselben Worte schneiden sich messerscharf in meinen Verstand und filetieren ihn, wie ein erfahrener Küchenchef es routiniert mit einem armen Schwein tut. Ich setze mich auf meinen Stuhl. Sein Polster schmiegt sich an mich, wie ein vertrauter Freund, den man schon lange kennt. Die Aluminiumkapsel liegt schwer in meiner Hand. Vor mir steht mein Laptop. In dem schwarzen Bildschirm sehe ich eine schwache Reflektion von mir selbst. Ich sehe aus wie ein Geist. Wütend klappe ich den Laptop zu und haue mit meiner Kapsel drauf. Immer wieder zerschlage ich dieses fürchterliche Gerät und werfe es schließlich gegen die Wand, an der es mit einem dumpfen Knall zerspringt. Das kaputte Ding gesellt sich zu den Weinflecken auf dem Teppich, zu den verdreckten Tellern und Essensresten. Das ist wohl der besondere Tag, auf den ich gewartet hatte. Ich greife nach dem Gin auf meinem Regal. Auf ein Glas verzichte ich. Ich löse den wächsernen Verschluss und ziehe den Pfropfen aus der Flasche. Dann trinke ich. In einem Zug leere ich das erste Drittel der Flasche. In einem zweiten Zug habe ich die Hälfte in meinen Magen entleert. Ich merke bereits, wie mir der Alkohol in den Kopf steigt. Das warme, wohlige Gefühl im Bauch, das so trügerisch ist. Mein Zimmer fängt sich an zu drehen und ich erinnere mich an ein Karussell auf einer Kirmes, auf dem ich früher Runde um Runde um Runde gedreht hatte. Damals hatte mir das nichts ausgemacht, doch jetzt konnte ich mein verschwimmendes Zimmer nicht aushalten. Ich stehe von meinem Stuhl auf und versuche mich ins Bett zu legen. Ich glaube meine Füße lösen sich vom Boden und ich steige auf, aber ich knalle auf den harten Boden mit dem Gesicht in einen Teller alten Reis mit Bohnen und eingelegten Champignons. Ich wasche mein Gesicht im Bad. Vornübergebeugt fällt mir ein Riss im Waschbecken auf. Ein gezackter Sprung, von dem sehr kleine Risse ausgehen. Ich schwanke zurück an meinen Schreibtisch und genehmige mir einen weiteren Schluck Gin. Orientierungslos sitze ich auf meinem Stuhl. Ich komme mir selbst fremd vor. Meinen Kopf auf meine Hände gestützt und meinen Kiefer fest zusammenpressend versuche ich meinen zitternden Körper unter Kontrolle zu halten. Ich will die Flasche leertrinken, doch als ich sie am Hals packe und an meine Lippen führe, entgleitet sie und fällt auf den Boden. Ich stehe auf und schreie. Wütend trete ich die Teller auf dem Boden umher, schmeiße meinen Schreibtisch um, nehme meine Gläser aus der Vitrine und schmeiße sie gegen die Wände, gegen Hasselhoff und stehe im Scherbenregen. Hasselhoff schaut mich an. Sein wehleidiger Blick macht mich verrückt. Ich gehe zu ihm, schreie ihn an und reiße das Poster von der Wand. Anders als die Gläser fliegt es sachte zu Boden. Ich steige auf mein Bett und springe auf das Poster am Boden. Springe auf Hasselhoffs Gesicht und zertrete seine Visage. Mit dieser Genugtuung setze ich mich auf die Bettkante und atme durch. Ich sitze inmitten dieses Chaos und doch war es immer noch ordentlicher als mein Inneres. Heute ist einer der besseren Tage. Ja genau. Ich drehe erstmal eine Zigarette. Rauche sie und beruhige mich ein wenig. In meinem Kopf hämmert ein Specht in die gähnende Leere. Das Echo seines Klopfens hallt in meinem Körper nach und wenn ich meinen Mund öffne, kann ich hören, wie er mich auslacht. Ich muss hier raus. Draußen lauert der Tod. Eine verlockende Aussicht. Tot würde ich den Specht nicht mehr hören. Das Klopfen würde aufhören. Mein elendiges Dasein, dass es ja ist, würde ein Ende finden und ich hätte keine Angst mehr. Vielleicht scheint ja wirklich die Sonne. Das würde mich freuen. Ein schönes Ende. Ich schleppe mich zur Wohnungstür. Einen Moment verharre ich vor der Tür. Mir fällt auf, dass ich sie in den letzten fünf Jahren nie verschlossen hatte. Meine Hand liegt auf der Klinke. Ich denke an die Regierung. An die Behörden, die mir jetzt egal waren. Ich will nur noch einmal die Sonne sehen und dann kann mich die Luft dahinraffen. Entschlossen drücke ich die Klinke runter und reiße die Tür auf. Der lange, dunkle Flur grinst mich an und ich renne los. Ich renne über den grün versifften Teppichboden, der meine schweren Schritte dämpft. Vorbei an Wohnungstüren mit roten Nummern und schwarzen Türspionen. Ich komme an den Aufzug am Ende des Flurs. Die Türen öffnen sich und ich gehe hinein. Ich drücke auf den Knopf für das Erdgeschoss. Jetzt ist es so weit. Wenn sich die Türen noch einmal öffnen, werde ich draußen, werde ich tot sein. Ich spüre, wie der Aufzug langsamer fährt. Wie er anhält. Seine Tür schiebt sich zur Seite. Grelles Licht, das in meinen Augen schmerzt. Ich kann nichts sehen. Doch ich höre viel Lärm. Autos, die hupen. Ihre Reifen, die über den rauen Asphalt alter Straßen rollen. Menschen, die diskutieren und miteinander reden. Lachen. Ich spüre die Sonne, heiß und schmerzvoll auf meiner blassen Haut. Ich halte eine Hand über meine Augen und sehe einen ganz normalen Tag einer geschäftigen Stadt. Ich kann sogar Vögel in den Bäumen singen hören. Ungläubig mache ich einige Schritte aus dem Aufzug raus und stoße mit einem Kind zusammen, das auf dem Bürgersteig Roller fährt. Mit der unverzeihlichen Ehrlichkeit eines Kindes, schaut es mich angewidert an und fängt vor Schreck an zu weinen. Eine Frau, ich nehme an es ist die Mutter, kommt gelaufen. „Geht es Ihnen gut?“ fragt sie mich. Nein es geht mir nicht gut. Der Welt geht es gut, aber mir nicht. Ohne etwas zu sagen flüchte ich zurück in den Aufzug. Ich drücke auf den Knopf, der mich zurück in den Keller bringt. Die Welt da draußen braucht mich nicht. Der Aufzug fährt wieder hinab. Die Tür öffnet sich und ich renne über den dunklen Flur zurück in meine Wohnung. Es ist jetzt alles klar. Ich habe mich geirrt. Der Welt geht es gut, aber mir nicht. Mein Blick fällt auf meinen Revolver. Heute brauche ich ihn. Er liegt schwer in meiner linken Hand. Dafür ist mein Kopf aber sehr leicht. Er ist frei. Ein Knall. Der Tinnitus verstummt. Ich bin frei.

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Elisa
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Beiträge: 104



BeitragVerfasst am: 06.07.2021 12:18    Titel: Re: Zuletzt die Sünde (Arbeitstitel) Antworten mit Zitat

Hallo Janus,

Du beherrscht die "Kunst des Schreibens"; jeder Satz sitzt, ist gut formuliert, hat die richtige Länge. Deine Geschichte liest sich flüssig, ich finde sie schreibtechnisch sehr gut! (Du schreibst bestimmt sehr viel, ich habe auch Deine Gedichte gelesen!)
Ich verstehe, warum Du auf Absätze bewusst verzichtest, aber sie machen das Lesen anstrengend. Vielleicht könntest Du wichtige Textstellen in eine Zeile setzen, um den Text nur etwas aufzulockern,

z. B. : Das ist mein Leben. Seit fünf Jahren.
Janus hat Folgendes geschrieben:
Anbei eine Kurzgeschichte inspiriert von geistiger Verendung, Einsamkeit und Hilflosigkeit.

Diese Gefühle werden überzeugend transportiert. Deine Geschichte ist furchtbar bedrückend und endet tragisch.

Mich persönlich macht sie beim Lesen traurig, fast schon deprimiert.
Und das möchte ich eigentlich nicht sein!
Zur Unterhaltung - deshalb lese ich - fehlt mir der Funke Hoffnung, etwas Positives, aber das ist wie gesagt mein persönliches Empfinden, andere mögen das anders sehen.

Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere Geschichten und Gedichte von Dir.

Lg Elisa
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Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 06.07.2021 13:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Elisa,

zuerst einmal möchte ich mich für deine lobenden Worte bedanken! Es freut mich sehr, dass du meinen Stil gut findest. Tatsächlich habe ich erst vor kurzem angefangen Kurzgeschichten zu schreiben. Du hast aber recht. Ich schreibe viele Gedichte. Nun bin ich dazu übergegangen aus einigen meiner Gedichte Kurzgeschichten zu formen. Noch einmal. Es freut mich sehr, dass es Dir gefallen hat!

Ich kann natürlich verstehen, dass es schwerfällt einen Text zu lesen, der in einem großen Block dargestellt ist. Mir war es eben wichtig die Enge zu transportieren, die in der kleinen Kellerwohnung und im Geist vom Protagonisten Max Rauch herrscht. Auch wenn Dir persönlich bedrückende Geschichten missfallen, bin ich dennoch zufrieden, dass die Geschichte die beabsichtigte Wirkung offenbar voll entfalten konnte.
Ich bedanke mich für deine wertvollen Tipps!

Deine Werke lese ich übrigens auch sehr aufmerksam, auch wenn ich selten kommentiere oder Feedback gebe. Das liegt an meiner mangelnden Erfahrung! Ich werde aber gerne mal meine Meinung unter deinen Werken dalassen!

Beste Grüße
Janus
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Elisa
Leseratte


Beiträge: 104



BeitragVerfasst am: 10.07.2021 11:47    Titel: Antworten mit Zitat

Janus hat Folgendes geschrieben:
... auch wenn ich selten kommentiere oder Feedback gebe. Das liegt an meiner mangelnden Erfahrung!

Ich glaube, Du bist zu bescheiden, Janus, Deine Arbeiten sprechen für sich!
Du kannst bestimmt wertvolle Tipps und Anregungen geben, die alle schätzen.
Lg Elisa
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Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 14.07.2021 10:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich freue mich über diese Einschätzung von Dir!
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Tribalis
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 134



BeitragVerfasst am: 15.07.2021 12:50    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist ja irgendwie ganz schön cool. Schreiben kannst du jedenfalls, finde ich!

Ja, ohne Absätze usw. ist es natürlich ein bisschen schwierig, allerdings verstärkt das - zumindest bei mir - die Leseerfahrung deutlich. Die Enge, die (scheinbare) Ausweglosigkeit kommt einem dadurch sehr nah. Und da sind wir beim Ausweg. Ich gestehe, ich würde es ohne diesen besser finden, aber das ist wie immer Geschmackkssache.
Kommasetzung und Orthographie müsstest du nochmal checken, ein paar Fehler haben sich eingeschlichen.
Insgesamt: Sehr gerne gelesen. Vielen Dank dafür!

Liebe Grüße
Tribalis
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Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 15.07.2021 13:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Tribalis,

wie schön, dass dir die Geschichte gefällt. Auch das Lob zu meinem Stil freut mich sehr, gerade als Anfänger! Ich kann jeden verstehen, dem das Ende, bzw. der Ausweg nicht gefällt. Dazu muss ich aber auch sagen, dass die Realität eben auch nicht immer einen glimpflichen Ausweg bietet. Ich möchte den Nagel auf den Kopf treffen und das möglichst ohne ein dämpfendes Kissen dazwischen.
An Kommasetzung und Orthographie arbeite ich, danke für den Hinweis!

Beste Grüße!
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Tribalis
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 134



BeitragVerfasst am: 15.07.2021 13:47    Titel: Antworten mit Zitat

Janus hat Folgendes geschrieben:
Hallo Tribalis,

Dazu muss ich aber auch sagen, dass die Realität eben auch nicht immer einen glimpflichen Ausweg bietet.

Beste Grüße!


Sehr gerne, ich freue mich darauf, noch mehr von dir zu lesen.
Ich empfinde in diesem Fall eher den Suizid als glimpflich und guten Ausweg und hätte es vielleicht offen gelassen. Aber, aber, aber ... das ist ja eine ganz andere Diskussion. Very Happy
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