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Ein Tag in Florenz


 

 
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Justadreamer
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BeitragVerfasst am: 26.05.2021 15:39    Titel: Ein Tag in Florenz eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wie man vielleicht aus dem Text herauslesen kann, wurde er für den 10k-Wettbewerb geschrieben. Ich hatte ihn auch vor der Frist fertig, nur war das so lange vor der Frist, dass ich vergaß, ihn abzuschicken. Um also meiner leichten Wettbewerbsunfähigkeit durch Schussligkeit wenigstens mit einem Dabeisein im Geiste entgegenzuwirken, möchte ich euch meinen Beitrag dazu zeigen. Gerne dürft ihr genauso kritisch sein wie im Wettbewerb. An dieser Stelle noch einen Glückwunsch an die Gewinner! LG


Ein Tag in Florenz

Nie zielgerichtet, nie in geraden Bahnen schlenderte er durch die eng gewundenen Straßen nach Hause. Es wäre auch schlichtweg töricht, die Uferpromenade des Arno unbetreten zu lassen. Und das, nur um stattdessen in einer Parallelstraße den schnelleren, dunkleren Weg zu nehmen. Die Abendsonne nämlich stand tief, fast schon im reflektierenden Wasser versunken. Lange Schatten legten sich vor die Füße des Mannes, sodass er schnurstracks auf sie zuzulaufen schien.
„Hey Kumpel“, rief ein in Lumpen gekleideter Mann, der an der Kaimauer saß. Er stand mit der Schnelligkeit eines erfreuten Schulkindes auf und legte beide Hände auf die Brust, während der Angesprochene näherkam. „Freut mich auch, dich zu sehen, Matteo“, begrüßte ihn der Mann freundlich. Er trug, anders als der Bettler, saubere Kleidung und schwarze, glänzende Schuhe. Dass sie im Staub der Uferpromenade nicht unbefleckt blieben, schien ihn nicht zu stören.
„Ich hab` gestern Abend erst mit meiner Tochter gesprochen!“ Matteo, dessen dürre Hände mit jeder gesprochenen Silbe wild wedelten, strahlte.
„Und du hast sie diesmal nicht um Geld gebeten?“
„Nein, alles ganz platonisch“, antwortete Matteo mit einem Grinsen.
„Wer sagt´s denn?“ Der Mann lachte auf. „Vielleicht komme ich morgen wieder und du erzählst mir, dass du wieder Arbeit suchst, um deine Tochter stolz zu machen!“
„Oh, ich weiß nicht, Kumpel, sind schwere Zeiten!“  Matteo deutete um sich.
„Ein warmer Sommerabend ist wirklich die schwerste Zeit für Arbeit!“
Beide lachten, der Mann im Vorbeigehen und Matteo, während sich mit dem Rücken wieder an die Mauer lehnte.
Eine schmale Treppe führte den Mann wieder nach oben, wo Autos am Ufer entlangfuhren, Hupen erklangen und Eis gegessen wurde. Betrachtete man ihn nur von hinten, konnte man schon ahnen, dass er ein freundliches Gesicht hatte. Über den eleganten, aber nicht protzigen Schuhen und der Leinenhose spannte ein marineblaues Hemd leicht an seinen runden Schultern. Seine mittellangen, braunen Haare, die sich verspielt in alle Richtungen wanden, zerzauste ein frischer Wind. Mit seinen Schritten scheuchte er einige Raben auf, die auf den warmen Pflastersteinen nach Essbarem suchten. Wenn er an Menschen vorbeikam, lächelten sie ihn an und er grüßte, meist von lautem Lachen begleitet, zurück.
An einem Souvenirladen blieb der Mann kurz stehen, um einige eifrig gestikulierende Touristen vorbeizulassen. Eine junge Frau lächelte ihn an, überrascht, aus der Tür fast in seine Arme gelaufen zu sein.  Aus dem Schaufenster blickten ihn glitzernde Anhänger, einige Flaggen und der skelettierte Kopf einer Ziege, unter dem einige billige Messer mit Knochengriff an der Wand hingen, an. Ohne das Schaufenster zu betrachten bog der Mann in die Via dei Leoni ein, nunmehr im Schatten der Gebäude. Der Sandstein der hohen Mauern, dessen Erhabenheit nur von vereinzelten Graffitis angezweifelt wurde, spendete den Passanten einen kühlen Wegabschnitt. Neben den zahlreichen Restaurants, einem Tattoostudio und verstreuten Souvenirläden waren hier auch Wohnhäuser zu finden. Blumenkästen, die aus einigen Fenstern im Erdgeschoss hingen, sprenkelten die sonst so gewinnorientierten Fassaden mit Leben.
„Ciao!  Ciao!“ Eine ältere Dame, die Sonne hatte in ihr Gesicht Falten und Freude eingebrannt, winkte den Mann zu sich heran. Dieser ging an den anderen Fenstern vorbei, die ebenfalls offenstanden, und lehnte sich lässig auf einen Blumenkasten. „Hast du die Lilien heute schon gegossen, Maria?“, fragte er. An ihrem schallenden Lachen konnte man hören, was er wirklich gesagt hatte: „Schön, dass es dich gibt.“
„Ja, ja, junger Mann, die Lilien sind gegossen. Ein wunderschöner Tag heute, nicht?“
„Wie immer, wenn ich dich aus dem Fenster schauen sehe. Was steht heute noch auf dem Plan?“
„Oh, ich muss noch meinen Braten aus dem Ofen holen.“ Die Alte lächelte. „Da fällt mir ein, er dürfte gerade dabei sein, anzubrennen – wenn ich dich nicht hätte!“
„Haha! Ciao, Maria!“
„Arrivederci, mein Sohn!“, und die Alte trippelte so schnell wieder ins Dunkel ihrer Wohnung, wie sie gekommen war.
Der Mann indessen war weitergelaufen. Am Fenster ließ er eine zerdrückte Lilie zurück, die dem Gewicht seines Armes nicht standgehalten hatte.
An der nächsten Kreuzung trafen die Via Dante Alighieri und die Via dei Pandolfini aufeinander. Sie bildeten mit der Via dei Leoni ein Kreuz.


Hier waren keine Wohnhäuser, aus denen Blumenkästen ragten, oder Uferpromenaden.

 
Hier jedoch fuhren heute zwei Mopedfahrer, ungeachtet aller Vorsicht, um die Wette.


Als der Mann nach links abbog, um in die Via Dante Alighieri zu gelangen, hatte er das laute Motorengeräusch bereits zu lange ignoriert.


 Als ihn der Roller in voller Fahrt traf, schrie er nicht.



Viele Wochen später fuhr aus einem großen Firmengebäude, das am Ufer des Arno stand, eine Gestalt in einem Rollstuhl. Schwerfällig betätigte sie die Räder des Vehikels und stand schließlich auf dem Bürgersteig.
Es war Abend, doch ein kühler Wind ließ die Gestalt frösteln, da sich die Sonne hinter dichten Wolken verbarg. Der Herbst hatte begonnen. Nach kurzem Zögern setzte sich der Rollstuhl in Bewegung, hinein in eine Parallelstraße des Arnos. Weder das Kopfsteinpflaster noch die Treppenstufen an der Kaimauer konnte man im Rollstuhl gut überwinden, noch dazu wäre es ein Umweg gewesen.
Auf dem Weg die Straße herunter liefen Touristen. Sie machten dem Rollstuhl Platz, als würde er auf einem roten Teppich den Gehweg entlangfahren. Eine Bettlerin nahm einen kleinen, mit Münzen halb gefüllten Plastikbecher auf, um den Weg zu räumen.
Immer, wenn die Gestalt an einer Person vorbeifuhr, spielte sich das gleiche Spiel ab. Schnell wurde der Weg frei gemacht, der Blick aber gesenkt. Die Menschen senkten den Blick – ob sich Respekt, Mitgefühl oder Angst in ihren Gesichtern spiegelte, sah man von außen nicht. Nur, wenn man von unten in die Gesichter blicken konnte – wie im Rollstuhl vorbeifahrend.  
Betrachtete man die Gestalt von hinten, konnte man schon erahnen, dass sie nur knapp dem Tod entronnen sein konnte. Über zwei dürren Füßen, deren knöcherne Beine in viel zu großen schwarzen Schuhen steckten, erhob sich ein ebenso schmaler Rücken, dem kantige Schultern entsprossen. Vom Hals an aufwärts wollte man den Blick erst recht abwenden: Wo an einigen Stellen noch vereinzelte, wirr abstehende Haarbüschel standen, bestand der Rest des Kopfes aus bloßer Haut, die wie geschmolzenes Gestein in rötlichen Wulsten das Skelett bedeckte. Die Vernarbungen ließen nur zu leicht auf das dazugehörige Gesicht schließen. Es war nicht verwunderlich, dass niemand die Gestalt angelächelt hatte, gegrüßt hatte, denn sie konnte sich die Grüße nicht mit einem ebenso schönen Lächeln verdienen.
An der Straßenecke, die in die Via dei Leoni führte, hingen aus einigen Fenstern im Erdgeschoss Blumen. Die Menschen wichen dem Rollstuhl auf die Straße aus.
Plötzlich mit neuer Kraft schoben die dürren Hände den Rollstuhl vorwärts. Die Gestalt fuhr am ersten Fenster vorbei. Dann am zweiten. Beim dritten Fenster wurde die Tatsache endgültig bestätigt: Nur im aufrechten Gang hatte man eine Chance, einen Blick ins Innere der Stube zu erhaschen.

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hobbes
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BeitragVerfasst am: 26.05.2021 18:49    Titel: Re: Ein Tag in Florenz Antworten mit Zitat

Justadreamer hat Folgendes geschrieben:
Ich hatte ihn auch vor der Frist fertig, nur war das so lange vor der Frist, dass ich vergaß, ihn abzuschicken.

 Laughing Auweia.
Aber - schlechter Trost: Von mir hättest du eh keine Punkte bekommen.

Vermutlich hätte ich so etwas wie "ist mir zu pathetisch" geschrieben.
Jetzt allerdings, wo anderswolfs Kommentar zum Text (also seinem eigenen) noch in mir nachhallt, kann ich auf genau diesen verweisen, wenn ich sage, warum mir das nicht gefällt. Worüber er sich nämlich Sorgen macht (in meinen eigenen, viel schlechteren Worten zusammengefasst: als Nicht-Migrant über Migranten schreiben und deren Schicksal "ausschlachten") - genau das lese ich hier.
Vielleicht tue ich dir unrecht, aber - ich weiß nicht, warum - ich glaube nicht, dass du im Rollstuhl sitzt. Genausowenig wie ich glaube, dass jemandem, der im Rollstuhl sitzt, diese Darstellung eines im-Rollstuhl-sitzenden gefallen würde (wobei man da mir gegenüber natürlich genauso argumentieren könnte, von wegen, was weiß denn ich schon, ich sitze schließlich auch nicht im Rollstuhl).
Aber dieses Bild, das du malst, von diesem armen, armen Mensch, entstellt noch dazu, dessen Leben quasi vorbei ist. Weil er von niemandem mehr gesehen wird.
Was ja sicherlich zutreffend ist, also dieses Übersehen/Wegsehen.
Die Art, wie du es darstellst, mag ich trotzdem nicht.


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nicolailevin
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BeitragVerfasst am: 26.05.2021 19:40    Titel: Antworten mit Zitat

Wie doof kann man eigentlich sein? Shocked

Egal, hier die Review unter Wettkampfbedingungen:

Ein lauer Abend in Florenz. Ein netter junger Mann flaniert durch die Gassen, plaudert mit einem Bettler, betrachtet die Auslagen, schäkert mit einer Signora am Fenster. Die Leute sind nett, Florenz ist schön und das Leben wunderbar. Dann – bumm! – überfährt in ein Moped. Viele Wochen später sehen wir ihn wieder am Abend im Rollstuhl denselben Weg nehmen. Die schmalen Gassen sind rollstuhlfeindlich, der Mann ist entstellt, die Leute wenden sich ab, und er kann nicht mal mehr in die Fenster sehen.

Also, ich mag das. Es gewinnt jetzt nicht den Avantgardepreis der Jungen Wilden, aber es hat Substanz. Die Parallelität der Beschreibungen, der inhaltliche Anspruch, das ist schon „richtige“ Literatur, auch wenn es linear ist und flüssig und sehr gefügig und glatt.

Die Perspektive finde ich interessant, die jede Inneneinsicht konsequent verweigert und auch die namenlose Hauptfigur nur auf ihr Äußeres und ihre Interaktionen reduziert.

Die Dialoge gefallen mir beim zweiten Lesen gut. Authentisches Unverbindlichnettsein, ohne dass es zu oberflächlich wäre.

Stil und Sprache sind konventionell bis blumig. Dank der Distanziertheit driftet das aber nicht ins Kitschige oder Schwurbelige ab.

Und wie immer: Manches gerät gut, ein bisschen was eher nicht so.

Mich stört gleich der erste Absatz, beim zweiten Lesen mehr als beim ersten. Da weiß der Text noch nicht so ganz, wo er hinwill. Ich hätte hier statt dieses seltsamen „töricht“-Satzes reingenommen, dass man sich aussuchen kann, ob man lieber am Arno oder in den Seitengassen geht (beim zweiten Mal besteht diese Option dann nicht mehr).

Dann Matteo. Dem gibst du einen Strauß an Attributen, die du „dem Mann“ verweigerst. Das wirkt auf mich ungleichgewichtig im Dialog.

Nenn mich misanthropisch, aber: Dass man von hinten ahnen kann, dass einer ein freundliches Gesicht hat, kaufe ich einfach nicht. Die Beschreibung des Äußeren hab ich beim ersten Lesen gleich als Minuspunkt notiert – und dann selbstverständlich revidiert!

Die Anhänger und Flaggen, die ihn anblicken, sind für mich Stilblüte.

„Der Sandstein der hohen Mauern, dessen Erhabenheit nur von vereinzelten Graffitis angezweifelt wurde, spendete den Passanten einen kühlen Wegabschnitt.“

Tja. Der Satz ist leider auf dreivierteltem Wege zu einem ganz großen Wurf jämmerlich verreckt. Grundidee mit den anzweifelnden Graffiti: top. Aber das Erhabene an diesen Häusern ist doch nicht das Material. Und der Stein spendet auch nix und schon gar keinen kühlen Wegabschnitt. Das tut höchstens der Schatten, den er wirft.

Ich komm auch mit den „Wohnhäusern“ nicht klar. In den Gassen der Florentiner Altstadt, wo keine Hotels oder Kirchen sind, finden sich unten in den Häusern Cafés, Läden, Bars und oben drüber Wohnungen, die zum Teil gewerblich genutzt werden. Manchmal auch reine Wohnhäuser mit Erdgeschoßwohnungen.

Hier waren keine Wohnhäuser, aus denen Blumenkästen ragten, oder Uferpromenaden.

Den Satz finde ich doof. Passt hier nicht. Ich kann aber nicht sagen, wieso.

Die Beschreibung des entstellten Mannes ist gut, und der letzte Satz klasse.

Nun mag man mäkeln, dass es in der zweiten Ebene dünn wird. Okay, Altstadtgassen in der Toskana sind für Rollstuhlfahrer blöd. Okay, das Schicksal kann jeden unvermittelt treffen. Und: Es rettet dich nicht, allzeit schön und nett zu sein – wenn du erst abstoßend aussiehst, mag dich doch keiner mehr.

Andererseits ist das so eine völlig unrührselig dargebrachte Story, die dennoch auf allen Ebenen tieftraurig ist, ohne dass sie mich belehren will oder meinen Moralinpegel zu heben trachtet. Das ist doch was!

Im Feld des Zehntausenders hättest du von mir 6 oder 7 Punkte bekommen.

Ach ja: Der Titel. Der ist scheiße. Ich biete alternativ an: „Florenz exklusiv“.

VG
Nico.
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Justadreamer
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BeitragVerfasst am: 27.05.2021 00:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo hobbes,

mich stimmt dein Kommentar natürlich auch nachdenklich. Ich habe zu dem Thema auch schon einige Erfahrungen gemacht (also in Literatur "Randgruppen" verfälscht darstellen) und ja, das wird sehr schnell sehr schwierig!

Zitat:

Genausowenig wie ich glaube, dass jemandem, der im Rollstuhl sitzt, diese Darstellung eines im-Rollstuhl-sitzenden gefallen würde (wobei man da mir gegenüber natürlich genauso argumentieren könnte, von wegen, was weiß denn ich schon, ich sitze schließlich auch nicht im Rollstuhl).


Da gebe ich dir Recht: Jemandem, der im Rollstuhl sitzt, würde das sicher nicht gefallen. Allerdings würde ich das Gegenargument anders formulieren, mir ginge es gar nicht um das "was weißt du denn schon", sondern vielmehr um die Frage, ob a) die Darstellung "nicht gefällt"
oder b) die Darstellung ein falsches Bild der Gruppe zeichnet und diese abwertet und deshalb provoziert.
Was ich beabsichtigte, war natürlich Version a.


Ich muss sagen, dass mich dein Kommentar etwas überrascht hat; nicht, weil er nicht nachvollziehbar wäre, sondern vielmehr weil ich gar nicht in diese Richtung (Rollstuhlfahrer schlachten, ähhh, du weißt schon Embarassed) wollte. Für mich war der Kontrast zwischen verschiedenen äußerlichen Merkmalen und Wirkung auf andere wichtig - ob das jetzt nun jmd. ist, der dick, nicht dem Schönheitsideal entsprechend, krank  aussieht, gehbehindert ist,... das war für mich, ehrlicherweise, einerlei, da ich einen Charakter zeichnen wollte. Jemand im Rollstuhl hatte für diese Geschichte den entscheidenden Vorzug, dass er in kein Fenster mehr gucken kann Embarassed

Zitat:
Die Art, wie du es darstellst, mag ich trotzdem nicht.


Das geht mir ähnlich. Ich frage mich, ob das nun gut oder schlecht ist... Dieses Gefühl von Verletzt-Sein, von Nicht-Verstanden-Werden, von Vor-den-Kopf-gestoßen-sein, das man beim Lesen bekommt (?), das ist zwar negativ, aber deshalb vielleicht auch passend.
Vielleicht gebe ich dir noch meine Grundgedanken für den Text mit auf den Weg, damit du weißt, was ich eigl. wollte: Beobachtung: Das Äußere bestimmt, weit vor allen anderen Dingen, wie wir mit Anderen umgehen, insbesondere Fremden.  Ich finde es einfach unglaublich, wie anders (auch man selbst, ohne es zu wollen) mit man mit Menschen unterschiedlichen Aussehens umgeht (natürlich ist das verhaltensbiologisch gesehen sinnvoll). Der Mann in der Geschichte sollte die positiven und Negativen Extreme dessen darstellen, und dabei für Rezipienten fremd bleiben. Und am Schluss sitzt man da und reflektiert darüber, ob man sich nicht mal besser die Augen zuhalten sollte beim Smalltalk. Im Idealfall Laughing

Ich finde allerdings auch, dass der Text im gesamten etwas zu negativ ist. Das bildet auch nicht wirklich meine Einstellung ab, deshalb ist das einfach dem zu schulden, dass ich es in der Textproduktion nicht anders hinbekommen habe, nicht die Kurve kratzen konnte.
Vielen Dank also für dein Feedback, es hat mich dazu gebracht, nochmal mit anderen Augen auf den Text zu schauen!
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Justadreamer
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BeitragVerfasst am: 27.05.2021 00:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo nicolailevin,


superspannend, wie anders du und hobbes das gelesen habt, v.A auch einen anderen Fokus hattet.


Eine, wie du angemerkt hattest, etwas "unrührselige" story, die versuchen soll, nicht durch Sprache zu emotionalisieren, sondern durch den Inhalt,genau das war der Plan. Freut mich, dass du das auch so wahrgenommen hast.

Zu den missratenen Sätzen: Ja. Das mit den Häusern... Da habe ich lange gebrütet und dann ist auf dem halben Weg die Metaphermaschine ins stottern gekommen lol2

Zitat:
Hier waren keine Wohnhäuser, aus denen Blumenkästen ragten, oder Uferpromenaden.


Dieser Satz sollte, nach den ganzen Todesvorzeichen (Schatten,Rabe, Kreuz, Totenschädel) den "ernsten" Teil einleiten. So auf die Art "ab jetzt wird´s düster, jetzt gibts auch keine Blumen mehr".  Zugegeben, etwas ungewöhnlich formuliert und dadurch kann man aus der Geschichte fallen.

Zitat:

seltsamen „töricht“-Satzes reingenommen, dass man sich aussuchen kann, ob man lieber am Arno oder in den Seitengassen geht


eine gute Idee!  Das töricht ist auch wertend und gibt dem Erzähler eine Meinung - das will ich vermeiden.

Zitat:
Stil und Sprache sind konventionell bis blumig. Dank der Distanziertheit driftet das aber nicht ins Kitschige oder Schwurbelige ab.


Danke für die Einschätzung, sowas hilft mir sehr viel, da ich sehe, wie das Ganze wirkt!


Und zu guter Letzt der Titel.... ich habe so lange danach gesucht und nie hatte ich einen passenden gefunden.....bis ich es hochgeladen hatte - und zack! War es doch kacke Laughing Manchmal greift man in der Wörterkiste wohl daneben!

In diesem Sinne vielen lieben Dank auch für deinen äußerst hilfreichen Kommentar; ihr beide habt mich schon ein ganzen Stück schlauer werden lassen über meinen Text!

LG

Justadreamer
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hobbes
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BeitragVerfasst am: 27.05.2021 22:25    Titel: Antworten mit Zitat

Justadreamer hat Folgendes geschrieben:
Vielleicht gebe ich dir noch meine Grundgedanken für den Text mit auf den Weg, damit du weißt, was ich eigl. wollte: Beobachtung: Das Äußere bestimmt, weit vor allen anderen Dingen, wie wir mit Anderen umgehen, insbesondere Fremden.  Ich finde es einfach unglaublich, wie anders (auch man selbst, ohne es zu wollen) mit man mit Menschen unterschiedlichen Aussehens umgeht (natürlich ist das verhaltensbiologisch gesehen sinnvoll). Der Mann in der Geschichte sollte die positiven und Negativen Extreme dessen darstellen, und dabei für Rezipienten fremd bleiben. Und am Schluss sitzt man da und reflektiert darüber, ob man sich nicht mal besser die Augen zuhalten sollte beim Smalltalk. Im Idealfall Laughing

Nur funktioniert das für mich so nicht. Mir ist das zu schwarz/weiß, zu extrem. Dieser Mann, der für jeden ein Wort hat, zu allen freundlich und zugewandt ist. Dann, zack, Unfall und sein Leben ist quasi vorbei. Weil er im Rollstuhl sitzt, weil er entstellt ist. Damit zementierst du die Klischees doch eher, als dass du sie aufbrichst?


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Justadreamer
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BeitragVerfasst am: 28.05.2021 12:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich überlege gerade, wie man den Text aus deiner Sicht noch retten könnte.
Wäre es anders, wenn ihn z.B am Schluss ein Kind grüßt und unvoreingenommen i.S.v. gesellschaftlich noch nicht aufs "Aufs Äußere schauen geprägt" grüßt und ein kleines Gespräch beginnt? Damit könnte man vielleicht noch eher auf das hinweisen, was ich meinte, nämlich der Aspekt des Verhaltens gegenüber Andersartigen, nicht aber den Aspekt des "quasi Leben vorbei".  Vielleicht etwas platt, aber wieso eigl. nicht? smile
Auch finde ich richtig, dass du eine schwarz/weiß-Darstellung siehst, diese ist aber vielmehr im Kontrast der Handlung als in der Erzählweise (hoffentlich) zu sehen und deshalb, so dachte ich mir, eher Stilmittel als Pauschalisierung/Schlechtreden,..


Zitat:
Damit zementierst du die Klischees doch eher




Ich versuche das mal zu entkräften und dann sehen wir, ob das nachvollziehbar ist, haha
Zementieren habe ich z.B mal in folgender Kurzgeschichte gemacht: "Ein Kind mit Tourette verwendet Koprolalie" - die Folge: Man denkt, alle Menschen mit Tourette würden das tun, obwohl es nur ein kleiner Prozentsatz ist.  Dieses zementieren passiert auch sehr häufig bei Schizophrenie a la "Meine 10 Persönlichkeiten wechseln sich stündlich ab", obwohl viele Krankheitsverläufe ganz anders sind.


Bei dieser Geschichte würde es heißen: "Bist du im Rollstuhl und entstellt, so mag dich keiner mehr"  Die Folge wäre, wenn man parallel zum vorherigen Beispiel denkt, folgende: Man denkt, "niemand mag Menschen im Rollstuhl" bzw Menschen, die entstellt sind, bzw Leute, die aus dem Muster fallen.

Diese Aussage ist für mich dann kein Klischée, das ich festige, sondern ein Missstand, der aufgedeckt wird.

Edit: Dein Argument würde wahrscheinlich lauten:
1: Ein Mann ist fröhlich und anderen zugewandt, dann hat er einen Unfall, sitzt im Rollstuhl und erlebt keine Freundlichkeit mehr.
2: Wenn man im Rollstuhl sitzt, ist das Leben nichts mehr wert.

Diese Interpretation unterstelle ich dir übrigens nicht, weil ich sie für doof, sondern vielmehr für eine sehr wahrscheinliche halte. Vermeiden wollte ich sie, indem ich keine Innensicht zulasse. Denn wenn so die Hauptinterpretation ist, dann hat die Geschichte ihren Sinn zugegebenermaßen verfehlt.


LG
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hobbes
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BeitragVerfasst am: 28.05.2021 12:15    Titel: Antworten mit Zitat

Justadreamer hat Folgendes geschrieben:
Wäre es anders, wenn ihn z.B am Schluss ein Kind grüßt und unvoreingenommen i.S.v. gesellschaftlich noch nicht aufs "Aufs Äußere schauen geprägt" grüßt und ein kleines Gespräch beginnt?

Nein smile Da wäre sogar noch eher das Tüpfelchen auf dem i, dass mein Fass zum Überlaufen bringt. Denn natürlich "muss" es ein Kind sein, weil Kinder so unschuldig und unvoreingenommen sind. Nächstes Klischee.

Aber du musst den Text ja auch nicht so schreiben, dass er mir passt, es gibt ja auch noch andere Lesys. Und nicolailevin z.B. konnte ja durchaus etwas damit anfangen.

Justadreamer hat Folgendes geschrieben:
Vermeiden wollte ich sie, indem ich keine Innensicht zulasse.

Aber das hast du nicht, also zumindest funktioniert das in meinem Fall nicht. Klar, du zeigst den Mann nur von außen, aber man bekommt doch trotzdem ein Bild von ihm. Durch seine Handlungen, durch sein Reden. Warum grüßt er denn am Ende niemanden mehr? Er wird doch wohl nicht auch noch seine Sprache verloren haben?
...
Ok, habe jetzt noch mal nachgelesen und festgestellt, dass es vorher tatsächlich so war, dass er immer angesprochen wurde und nicht selbst angesprochen hat.
Aber puh, wenn das Absicht war (und das war es wohl) dann ist das schon ziemlich verlangt, das herauzulesen.
Und selbst wenn (ich es herauslese), es bleiben trotzdem die schwarz-weiß-Bilder:
vorher: netter, zugewandter, offener Typ
nachher: in sich versunken, der Welt nicht mehr zugewandt


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Justadreamer
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BeitragVerfasst am: 28.05.2021 12:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich glaube ich werde irgendwann noch eine Version schreiben, in der Maria eine Glocke ans Fenster hängt, damit er sie läuten Kann und sie dann zu ihm auf die Straße für eine Unterhaltung kommt. Eine Version, in der er, wie du sagst, trotzdem jeden grüßt und eben trotzdem angenommen wird. Wenn das aber auch ein Klischée wäre, dann bin ich mit meinem Latein am Ende Laughing
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Rike La
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BeitragVerfasst am: 28.05.2021 13:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Justadreamer,

ich bin da auch bei hobbes.

Die Intention hinter deiner Geschichte sehe ich, sie ehrt dich auch, aber für mich funktioniert das nicht, zumal der Text für meinen Geschmack viel zu moralisierend ist (und teilweise auch ziemlich pathetisch).

Mit dem Geschriebenen Missstände aufdecken finde ich immer super, aber hier ist das schon sehr holzhammerartig.

Außerdem: ich nehme dir diesen Prota einfach nicht ab. Weder vor noch nach dem Unfall. Also zuerst diese übertrieben freundliche, danach das komplette Gegenteil - das funktioniert für mich nicht.

Und nur so am Rande:

Zitat:
Vielleicht gebe ich dir noch meine Grundgedanken für den Text mit auf den Weg, damit du weißt, was ich eigl. wollte: Beobachtung: Das Äußere bestimmt, weit vor allen anderen Dingen, wie wir mit Anderen umgehen, insbesondere Fremden.  Ich finde es einfach unglaublich, wie anders (auch man selbst, ohne es zu wollen) mit man mit Menschen unterschiedlichen Aussehens umgeht (natürlich ist das verhaltensbiologisch gesehen sinnvoll). Der Mann in der Geschichte sollte die positiven und Negativen Extreme dessen darstellen, und dabei für Rezipienten fremd bleiben. Und am Schluss sitzt man da und reflektiert darüber, ob man sich nicht mal besser die Augen zuhalten sollte beim Smalltalk. Im Idealfall


Echt?? Also ich nicht... Aber klar gibt es das und klar ist auch, dass das ein Problem ist, ich denke nur nicht, dass man das so verallgemeinern kann - zumindest nicht in der Form, in der es in deinem Text rüberkommt... Mir ist das auch zu schwarz-weiß, zu moralisierend... hmm...

Tut mir leid.

Liebe Grüße
Rike
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Justadreamer
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BeitragVerfasst am: 30.05.2021 21:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Rike,


vielen Dank, dann weiß ich, dass das Problem auch allgemeiner gilt smile

Ich denke schon, dass wir uns einig sind, wenn ich behaupte, dass man mit Menschen eben aufgrund ihres Aussehens sehr verschieden umgeht. Und meist ist das ja auch gut! Ein Kind frage ich, wie es ihm geht und was es macht, einen traurig wirkenden Menschen versuche ich aufzuheitern, bei grimmig Dreinschauenden bin ich erstmal defensiv, anstatt ihnen in die Arme zu springen. Als Negativbeispiele: Bevorzugung attraktiver Menschen im Alltag, Abneigung gegen Obdachlose, weil man von Aussehen auf Charakter schließt. Man generalisiert eben sehr, und vielen Menschen schadet das - eine eigentlich völlig normale, wenn auch sehr unschöne Sache. Ohne diesen Mechanismus wäre man gesellschaftlich weniger handlungsfähig.

Wenn das für dich mit diesem Text allerdings nicht wirklich erfolgreich umgesetzt ist -  das kann ich nachvollziehen Laughing

Vielen Dank trotzdem fürs Lesen!

LG
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