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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig 1.Kapitel - Graustufen


 

 
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Rob
Erklärbär


Beiträge: 1
Wohnort: FFM


BeitragVerfasst am: 26.04.2021 12:39    Titel: 1.Kapitel - Graustufen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo zusammen,

mein Einstand also... geht bitte nicht zu hart ins Gericht. Smile
Ich bin selbst schon länger stiller Mitleser und habe mich in den letzten Wochen zum ersten Mal selbst ans Schreiben gewagt. Entstanden ist das erste Kapitel meines Romans/Thrillers der den Arbeitstitel "Graustufen" trägt, welches ich euch hier nun gern präsentieren möchte.

Es ist eine absolute Rohfassung und wurde bisher von noch niemandem ausser mir gelesen, daher bitte ich etwaige Fehler zu entschuldigen. Ich möchte einfach wissen, ob das in die richtige Richtung geht, oder ob ich nochmal neu ansetzen sollte.

Vorweg schonmal die Info, dass mir der zweite Teil (ab der Aufzugszene) wesentlich besser gefällt als das vorhergehende. Irgendwie bin ich da besser ins Thema gekommen. Hier bin ich ebenfalls sehr gespannt auf Kommentare.

So far (fingers crossed),
Rob

-----------

Graustufen

Für mich gibt es nicht nichts das mehr Verachtung verdient als Graustufen.
Natürlich spreche ich in diesem Zusammenhang nicht von der Farbe Grau oder den unendlichen Nuancen in der sich das Vorhandensein von Licht und Schatten bewegt. Ich spreche von den Graustufen des menschlichen Daseins, der menschliche Psyche und des Gewissen.

Während unserer kurzen, bedeutungslosen Zeit auf diesem Planeten sind wir ständig gezwungen uns zu entscheiden. Sind wir redlich und wählen wir den guten Weg, oder entscheiden wir uns für den kleinen Dämon auf unserer Schulter und wählen das verführerische, das schlechte, das oftmals Interessantere? Entscheidungen dieser Art erfordern Charakter, Demut und Biss, der den meisten Menschen nicht vergönnt ist. Dafür verachte ich sie alle zutiefst.

Sie haben nicht die Stärke sich für eine Seite zu entscheiden, egal ob diese schwarz oder weiss ist, sie versuchen sich in schützendes Grau zu schleiern und ihre schlechten und bewusst getroffenen Entscheidungen als Belanglosigkeiten oder Notwendigkeiten abzutun.
Sie essen Bio und fahren Elektroautos, während sie im Sommerurlaub den Himmel über einem dritte Welt Land mit Kerosin schwängern. Sie zeigen mit dem Finger auf die schlechten Bedingungen in der Arbeitswelt hierzulande, während sie in der Mittagspause lachend in ein Smartphone starren, bei dessen Produktion sich die Arbeiter der Chipfabrik in China reihenweise vom Dach stürzten.
Sie haben kein Gewissen, sie sind nicht auf der guten Seite. Egal wie sehr sie das auch glauben möchten.

Es gibt nicht viele, die eine unverfälschte Sicht der Dinge haben und ihr Leben nach diesem Credo ausrichten können. Die rein sind im Geiste, die gänzlich schwarz oder weiss sind und bereit für eine Sache und Überzeugung zu leben. Dies sind die Macher, die Veränderer, die die wirklich etwas bewegen und nicht aus irgendwelchen Befindlichkeiten zurückstecken. Sie sind die Elite, die Krone der menschlichen Entwicklung.  


Dies hier ist meine Geschichte eines alles verändernden Wochenendes, das jedes Grau aus mir getilgt hat.

Freitag: 8:00

Der Wecker riss mich aus meinem traumlosen Schlaf. Wieder einmal hatte ich kaum mehr als vier Stunden geschlafen und dementsprechend nebulös war auch mein Zustand als ich meinen athletischen, aber zweifellos nicht mehr juvenilen Körper unter dem Laken hervor gleiten ließ. Die Knie auf die Oberschenkel gestützt saß ich auf der Bettkante, das Gesicht in den Händen vergraben.

Was für ein deprimierender und beschämender Abend das gestern doch wieder gewesen ist. Diese endlose Einsamkeit, endlose Drinks, endlos-gleiches Fernsehprogramm das sich jeden Tag an Belanglosigkeit selbst übertrifft. Ich hatte das alles so satt.

Das morgendliche Aufstehen fiel mir von Tag zu Tag schwerer. Mit meiner Fitness hatte das nichts zu tun, die war wie bereits erwähnt eigentlich überdurchschnittlich gut für mein Alter. Daran vermochten auch die ungezählten Gin-Tonics nicht wirklich etwas zu ändern, die ich mir Abend für Abend auf meiner Chesterfield Couch genehmigte.
Vielmehr war es dieses Deplatziert-Sein, dass mich jeden Morgen schon direkt nach dem Aufstehen befiel. Dieses Gefühl ein Fremdkörper in dieser Monotonie die sich Leben schimpft zu sein. Diese Monotonie die ständig an mir nagt wie ein aggressiver Parasit. Nicht sicht- aber immer unmittelbar.

Ich ließ die Hände sinken, rieb mir die schweren Augen und stand auf. Mein Blick wanderte zum Spiegel in dem ich neben meinem spärlich bekleideten Körper die Größe des Schlafzimmers betrachten konnte. Das schneeweiße Bett wirkte in dem riesigen Raum wie ein Ausstellungsstück in einem Museum und hatte damit genau die Wirkung erzielt die ich beim Kauf beabsichtigt hatte. Ich liebte Luxus, ich liebte das einzigartige und ich konnte es mir verdammt nochmal leisten.
Die Morgensonne die durch die ausladenden Fenster herein strömte tanzte auf meinem Körper als ich mich langsam von allen Seiten begutachtete. “Viel zu gut für diese triviale, gottlose Welt”, dachte ich.

Auf dem Weg zum Badezimmer durchquerte ich den Wohnbereich meines riesigen Lofts, das sonnengeflutet vor mir lag wie mein eigenes dekadentes Königreich.
Beiläufig schaltete ich, wie jeden morgen, die Bezetti Kaffeemaschine an, die mit einem lauten Brummen die Arbeit aufnahm. Tausendfünfhundert Euro italienische Lebensfreude, der chromgewordene Traum eines jeden Grossstadt-Yuppies.

Die Dusche war eine Wohltat. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich reingewaschen vom Dreck dieser Welt. Von all den Unzulänglichkeiten, der Langeweile und der ganzen Schwäche der ich jeden Tag begegnen musste. Wasser säubert, es ist farblos, es dringt überall hin, es spendet Leben aber es reißt auch ganze Städte nieder falls der Natur danach ist. Wasser ist der ultimative Radierer, Wasser ist Kraft.


Ich legte die Stirn gegen die Fliesen aus weißem Carrara-Marmor, während das Wasser auf mich niederprasselte. Mein leichter Kopfschmerz, vielleicht eine Nebenwirkung der Gin Tonics, war verschwunden, er war buchstäblich weggespült worden. Das Shampoo roch nach einer Mischung aus Nadelhölzern und Moschus. Männlich zwar, aber nur unterschwellig, nicht zu stark, nur dezent. Für Mitte 40 hatte ich volles Haar behalten, dessen nasse Strähnen ich mir aus dem Gesicht strich während ich das Wasser abdrehte und die rahmenlose Glastür zur Seite schob.
Meine Handtücher waren selbstredend so schneeweiss wie das Bettlacken. Farbe, so war schon vor diesem Wochenende meine Überzeugung, durfte man nur spärlich einsetzen.  
Ich trocknete mich ab und schwang das Handtuch um meine Hüften, während ich zurück Richtung Bezetti Kaffemaschine schritt. Der Americano war heiss und stark, er verfehlte seine Wirkung nicht. Die Dusche hatte mir bereits auf die Beine geholfen, aber der Espresso schaltete das nächste Level frei. Ich war mir zwar bewusst, das dieses kurze Hochgefühl spätestens verflogen sein würde wenn ich mich auf dem Weg zur Arbeit befand, aber für diesen einen Moment an diesem einem sonnigen Morgen fühlte ich mich seit langer Zeit wieder, als könnte ich Bäume ausreissen und als müsste die ganze Welt vor mir niederknien.

Ausser dem schnellen Cafe frühstückte ich nichts, mein Magen war noch zu flau von den Drinks des Vortages und Zeit war auch keine mehr. Ich war sowieso schon spät dran und meine Vorgesetzten, von denen es Gott sei Dank nicht mehr viele über mir gab, waren sicher schon in der Agentur um irgendwelchen wertlosen Allerwelts-Marken uninspirierte und immer gleiche, aufgewärmte Konzepte zu verkaufen. Ein absolut skrupelloser Haufen von Schmeissfliegen, der sich für nichts zu schade war.
Je höher man in einer Company aufsteigt, desto kleiner wird der Kreis und desto dünner wird die Luft da oben, dachte ich während ich in meine Lewis 501 stieg. Die Jeans saßen wie eine zweite Haut und der Gürtel aus italienischem Rindsleder verhinderte das Sie mir von den Hüften rutschte.

In Gedanken projizierte ich die Führungsriege meiner Agentur in die schneebedeckten Anden. Dort hatte es in den 70ern einen Flugzeugabsturz gegeben, bei denen die Überlebenden gezwungen waren, zum Kannibalismus überzugehen um nicht im Eis zu verenden. Bildhaft stellte ich mir vor wie diese Schmeissfliegen in ihren Dior-Anzügen diskutierten wer von Ihnen am überflüssigsten sei und zuerst auf den Teller gehörte. Nur zu einer guten Flasche Chianti versteht sich.


Nachdem ich mir die Socken angezogen hatte, warf ich ein T-Shirt über auf dem “Milo”, ein Strichmännchen mit viereckiger Brille, seines Zeichens Maskottchen der Punkgruppe “The Descendants” unter dem Bandnamen prangte.

Wieder ließ ich meinen Blick über den mannshohen Spiegel schweifen und betrachtete mich nachdenklich. Während ich mich so eingehend musterte, spürte ich tief in meinem Innern dieses Gefühl fundamentaler Unzufriedenheit aufsteigen, dass mich von Tag zu Tag immer wieder bekam und zu meinem ständigen, unheilvollen Begleiter geworden war. Anfangs waren es nur einzelne Momente gewesen, wie sie wahrscheinlich jeder Mensch hin und wieder durchlebt und denen ich keine tiefer gehende Beachtung schenkte. Das gelegentliche Stellen der Sinnfrage, Anflüge von Einsamkeit, Monotonie und Kollegen die einem mit ihrer aufdringlichen, anbiedernden Art den Nerv raubten. Eigentlich nichts besonderes, nicht der Rede Wert. Über die letzten Jahre allerdings, war dieses Gefühl gewachsen wie ein Tumor, wie ein nicht mehr abzuschüttelndes Geschwür, das sich auf meine Seele gelegt hat und mit jeder weiteren Woche weniger Gutes, Wahres und Schönes in mir zuliess.

Mehr und mehr spürte ich, dass ich dieser Welt und diesem Leben auf eine merkwürdige, undefinierbare Art, entwachsen war. Egal welchen Luxus ich mir auch zulegte, egal welche Frauen ich traf und egal welchem Restaurant dieser gottverdammten Stadt ich meine Aufwartung machte. Ich wurde nicht mehr satt. Ich hungerte nach allem, ich hungerte nach Leben und ich würde mir bald holen was mir zustand. Während diese Gedanken durch meinen Geist zuckten wie Blitze und ich gänzlich abzuschweifen drohte, erschrak ich über mich selbst, als mein Blick, der weiterhin über mein Spiegelbild wanderte auf meinem Gesicht zum Stillstand kam. Mein Blick war leer, meine Mundwinkel zu einem hämischen Grinsen verzerrt und für den Wimpernschlag einer Sekunde hatte ich das Gefühl dem reinen unverfälscht Bösen direkt in die finsteren Augen zu blicken.
Diese Erkenntnis an sich war es allerdings nicht, die mich frösteln ließ und dafür sorgte das sich mir die Haare auf den Armen aufstellten, sondern die Tatsache, dass es mir verdammt nochmal Gefiel mich so Grinsen zu sehen.
Die Grimasse  wurde noch größer und meine Augen traten weit und fratzenhaft aus ihren Höhlen hervor. Meine Finger ballten sich zu Fäusten, und ich drückte sie so fest zu, dass die Knöchel auf den Handrücken weiß hervor traten und zu Schmerzen begannen.


Das Klingeln meines iPhones beendete den Trance-ähnlichen Zustand, worüber ich in diesem Moment sehr froh war. Ich hatte das Gefühl, dass mein Spiegelbild, hätte ich auch nur noch zehn Sekunden so dagestanden aus seinem glasigen Gefängnis getreten wäre, um mir mit einigen gezielten Hieben das Leben auszuhauchen, ohne auch nur eine Sekunde das süffisante Grinsen abzulegen. Wieder fröstelte es mich, so dass ich mich schüttelte, bevor ich das Telefon ans Ohr hob.
“Ja was gibts, ich bin quasi schon unterwegs?”
“Sieh zu das du in dreissig Minuten hier bist. Hast du sie eigentlich noch alle? Heute ist der Pitch und du liegst faul zu Hause rum. Gib Gas man!”
“Ja ich weiss… bin gleich da.”
Der Anrufer legte auf und das unheilvolle Gefühl in mir wich purem Hass. Ich drückte mein Handy so fest, dass es zu zerspringen drohte.
“Dieser miese kleine….”
Was fiel diesem Versager ein mich so zu behandeln? Dieses gottverdammte Arschloch, dem werde ich zeigen was es heisst mich herauszufordern. Ich atmete tief ein und versuchte meinen Gedanken zu ordnen, das Feuer in mir allerdings, loderte weiter. Meine Zeit wird kommen. Bald, sehr bald.
Ich schloss die Augen, füllte meine Lungen noch einmal bis zum Anschlag mit Luft und machte dann auf der Stelle kehrt um durch das riesige Loft Richtung Wohnungstür zu schreiten. Während ich hastig in meine Redwings Boots stieg, angelte ich mit einer Hand den Autoschlüssel und meine Geldbörse von der Anrichte. Nach einem kurzen Kontrollgriff, ob alle Utensilien in den Taschen meiner Lewis 501 ihren angestammten Platz eingenommen hatten und nichts vergessen wurde, verliess ich die Wohnung und liess die Tür hinter mir knallend ins Schloss fallen.

Die Fahrt mit dem Aufzug in die Tiefgarage dauerte keine zwanzig Sekunden. Während ich auf das vertraute Rucken der Kabine wartete, dass das Ende der Fahrt markierte, war mein Blick auf meine Stiefel gerichtet. Redwings, die Uniform der Agenturensöhne. Eigentlich hasste ich diese Schuhe, da sie alles zu repräsentieren schienen, was ich an der Branche in der ich tätig war verachtete.
Designer, Texter und Marketeers, die ihre Kunden, oftmals große Konzerne, belächelten und sich selbst für den Zenit der kreativen Welt hielten, deren einzige schöpferische Leistung es allerdings war von eben jenen Kunden geliefertes Bildmaterial mit Störern wie “Neu” und “Jetzt auch in Ihrer Nähe” zu versehen. Das schlimmste war, dass diese Blender sich dann auch noch dafür feierten, wenn sie so ein Poster an einer Bushaltestelle in irgendeinem Vorort entdeckten und ihren Freunden sagen konnten: Das ist von mir.
 
Schlussendlich nur ein Haufen immer gleicher, charakterloser Ja-Sager, von denen jeder den Anspruch hatte ein möglichst individuelles und begehrenswertes Leben zu führen. Untermauert wird dies von repetitiven Urlaubsfotos auf Instagram oder Schnappschüssen in den neuesten und angesagtesten Restaurants der Stadt, die so viel Esprit haben und austauschbar sind, wie das miese Bildmaterial ihrer Kunden.
Gott wie ich sie alle verachte.
Ein Nasenpiercing und zu kurz geschnittener Pony reihte sich an den nächsten, schlechte Tätowierungen von Dreiecken, römischen Zahlen oder Markenlogos. Alles total individuell versteht sich.
Egal wie sehr sie sich auch um Individualität bemühen und das einzige Sonnenblümchen auf dem Misthaufen sein wollen, am Ende fallen Sie doch alle durch dasselbe Raster und lassen sich von denselben trivialen Dingen und Marken begeistern.
Sie tragen Redwings, Vans oder Fjallraven Kanken Rucksäcke und verbergen diese Uniformität, diese Kreativlosigkeit die Sie eigentlich so sehr anprangern unter dem Deckmantel, dass es ja Kult wäre und so eine Heritage habe.

Eins ist klar, mein Respekt gilt denen, die ein geschmackloses und aus der Zeit gefallenes La Martina Shirt voller Inbrunst und ohne Zweideutigkeit tragen auf jeden Fall mehr, als diesen Hipster-Wichsern, die sich auf irgendeinem verlausten Flohmarkt ein 80er Jahre T-Shirt einer amerikanischen Eishockeymannschaft, von der sie noch nie gehört haben, kaufen, nur um es dann mit Vans oder Redwings zu konterkarieren.
Das ist so uninspiriert und langweilig, das macht euch zum Bodensatz des Misthaufens.

Gott ich hasste diese Schuhe so sehr, wieso hatte ich sie mir nur zugelegt und mich knietief in diese Suppe begeben?
Ich fasste mir an die Schläfe und schloss kurz die Augen.
Das Leder war es. Es war nachgiebig und hart zugleich, perfekt verarbeitet und das Design, das muss ich zugeben, zeitlos. Es waren schwere Stiefel, sie waren warm und wasserabweisend. Praktisch und modisch, eigentlich der perfekte Kompromiss.

Heute Abend werde ich mit dem Auto anhalten, sie ausziehen, mit Benzin übergießen und verbrennen. Dann werde ich Barfuss nach Hause fahren und es wird sich so anfühlen wie meine ersten Schritte auf dieser Welt sich angefühlt haben müssen.

Wieder erschrak ich über meinen Gedanken, der sich so kristallklar vor mir ausbreitete, dass kein Zweifel an diesem Plan zu bestehen schien. Ich würde diese Stiefel heute abend verbrennen, das war alternativlos.

Das Rucken der Kabine riss mich aus meiner erneuten Trance und die Tür öffnete sich, dann sah ich sie. Im schwachen Schein der Leuchtstoffröhren wirkte sie anders als im hellen Licht des Flures, indem ich ihr sonst normalerweise begegnete. Es nahm ihr die elitäre Klarheit, die sie sonst umgab wie eine Aura des Angepasstseins an diese durchbürokratisierte Welt und gab ihr gleichzeitig etwas verwegenes, neues und gefährliches ohne von ihrer augenscheinlichen Klasse abzulenken.

Es war diese Frau. Noch namenlos, ein mysteriöses Wesen, dass das Apartment schräg gegenüber bewohnte und über das ich nicht das geringste wusste. Ich war ihr schon oft begegnet, hatte aber nie wirklich Notiz von ihr genommen, jetzt aber an diesem Morgen, in diesem Parkhaus, nahm ich sie wahr. Ihr Duft erfüllte sofort die gesamte Kabine. Lieblich, frisch, eine Spur von Limette. Jean-Baptiste Grenouille wäre sicher genauso fasziniert gewesen wie ich es war. Sie roch nach Leben.
Unsere Blicke trafen sich. Ihre Augen waren dunkel, ihr Haar blond und zu einem strengen, aber modischen Dutt gebunden. Sie trug ein schwarzes Kostüm, dass nach Arbeit bei einer Bank oder Kanzlei aussah und das ich vom Schnitt am ehesten Fendi oder Givenchy zuordnen würde. Wahrscheinlicher war allerdings, dass es in Maßarbeit gefertigt worden war. Jede Naht saß wie die Linie eines Schachbretts an der exakt korrekten Position. Ich spürte ein Kribbeln in meinen Fingern. Diese Frau hatte definitiv Stil.

Sie verzog keine Miene als sie an mir vorbei in die Kabine stieg. Sie grüßte nicht, sie lächelte nicht und wäre da nicht das metronom artige Klackern ihrer Absatzschuhe gewesen, hätte ich gedacht das sie schwebt. Für die Unendlichkeit eines Moments war ich wie berauscht.

Wieso war sie mir früher nicht aufgefallen? Ich hatte sie schon oft gesehen, aber doch nie wirklich. Wer war diese Frau in dem maßgeschneiderten Kostüm?

Während ich aus der Kabine stieg, mein Blick wie gebannt auf eine Reihe parkender Autos gerichtet um nicht den Anschein zu erwecken dass mich diese Begegnung im geringsten tangiert hätte, musste ich wieder an meine Schuhe denken.

Sie waren so ordinär und einfallslos, dass ich das Gefühl hatte die Frau im Aufzug würde in einen schrillen Lachanfall ausbrechen, sobald die Tür sich hinter ihr schloss. Ich ballte meine Fäuste und spürte wie sich das Feuer der Wut erneut in mir ausbreitete und von meiner Brust in alle meine Gliedmaßen wanderte. Bis in jedes Haar und jede Fingerspitze.

Ich werde diese Schuhe nicht nur verbrennen, ich werde sie in die Luft sprengen und in einer Millionen fetzen in den Nachthimmel hinausschießen. Ich werde sie pulverisieren und mit ihnen alles Mittelmaß dieser verdorbenen Generation. Ich bin Tyler Durden.

Der Aufzug hinter mir, mit der geheimnisvollen Frau an Bord, setzte sich knarrend in Bewegung während ich zielstrebig mein Auto anpeilte.


BMW M4 Competition Coupe, 6 Zylinder, 2993 ccm Hubraum, von 0 auf 100 in 3,9 Sekunden. Effizienzklasse G, Saphirschwarz Metallic, Alkantara-Leder mit M4 Kontraststeppung. Eine Naturgewalt aus Stahl, in der jedes Rädchen perfekt in das andere greift. Ein schweizer Uhrwerk mit 500 PS, eine Waffe auf 19 Zoll Doppelspeichen. Ich liebte es.

Der Motor begrüßte mich mit einem Knurren, als würde er sich zum Sprung bereit machen und das Aufleuchten des Displays tauchte den Wagen in einen leichten Schimmer, der dem ganzen Prozedere fast etwas religiöses verlieh. Am Steuer so eines Wagens fühlt man sich fast wie Gott und eine einzige Fußbewegung genügt um diese Mächte zu entfesseln. Es ist so animalisch, so rein. Ich trat drauf.

Freitag: 9:45

Ich erreichte die Agentur, die in einem schmucklosen Stadtteil unweit der Autobahn gelegen war, in rund zwanzig Minuten. Um diese Zeit war der Berufsverkehr schon wieder vorbei und der harte Kern des Proletariats längst an der Schippe.
Mein Parkplatz lag, standesgemäß, direkt am gläsernen Pavillon der den Eingang zu diesem Tempel markierte. Circa drei Hand breit  über dem Asphalt prangte ein Schild mit meinem Namen und meiner Position, Creative Director, das in der Sonne funkelte als ich den Wagen in die Box manövrierte. Ich stieg aus und warf die Tür hinter mir zu. Auf dem Weg zum Haupteingang, der immer von einer schönen jungen Frau an einem viel zu überdimensionalen Tresen bewacht wurde, musste ich drei weitere Parkplätze passieren. Drei Autolängen Scham und Wut, die ich jeden Tag über mich ergehen lassen musste. Die Autos die dort parkten waren nicht unbedingt größer oder teurer als meines, Gott nein, dafür waren deren Besitzer viel zu sehr auf dem Ökotrip. Sie waren elektrisch und von Tesla, oder zumindest Hybrid und mit irgendwelchen alternativen Antrieben ausgestattet die sie jeden Tag auf einer Wasserstoffbombe reiten liessen, ohne das sie sich je darüber Gedanken machten.

Bildlich stellte ich mir vor, wie ein Sattelzug an irgendeiner Ampel von hinten in diesen japanischen Boliden voller hochentzündlicher Gase kachelt und ihn in einem gleissenden Feuerball weissen Lichts aufgehen lässt, während der Fahrer zu “Don´t stop believing” von Journey lauthals mitsingt. Ich spürte wie meine Mundwinkel sich beim Gedanken daran hoben und konnte das Grinsen nicht unterdrücken. “Boom!”, dachte ich. Ich bin Mr. Mercedes.

Die gläserne Schiebetür zum Foyer öffnete sich und zu meinen Füßen breiteten sich graue Marmorfliesen aus. Wahrscheinlich kein Carrara, aber das würde sich auch nicht lohnen für all die Post- und Pizzaboten die hier tagtäglich ein und aus gingen.
Ich nickte der Frau an der Rezeption zu, während ich meine Keycard an den Leser hielt, der sich mit einem Summen und einer grünen Lampe bedankte. Sie war schön und ihr Lächeln sah aus wie aus der Zahnpastawerbung, die in diesem Haus Tradition hat und jedes Jahr mit einer neuen Kampagne bedacht wird. Im Grunde ändert sich bei dieser Art von Werbung von Jahr zu Jahr nichts, ausser das Lächeln das einen überweiß und überbreit angrinst. Mal ist es ein Fussballer, mal ein Schauspieler, mal eine Frau wie die hier von der Rezeption. Austauschbar, belanglos und langweilig. Abgerechnet wird jedes Jahr trotzdem, schließlich wollen die Autos vor der Haustür betankt werden. Gottlose Welt.
Ich nickte zurück, kannte aber nicht mal ihren Namen. Die Rezeptions-Mädchen, wenn ich sie mal chauvinistischerweise so betiteln möchte, wechselten hier im Monatstakt. Alle waren Praktikantinnen, die sich erhofften nach Ihrem Universitätsabschluss BWL den ersten Schritt in einen coolen, begehrten Agenturjob zu machen, um nicht in irgendeiner Mittelstandsfirma in der Vorstadt zu versauern.
Ich musterte sie und in meinen Gedanken sah ich sie abends weinend in ihrer Einzimmerwohnung sitzen, billigen Rotwein trinken und von großen Projekten und Karriere träumen wie so viele andere Rezeptions-Mädchen und Kurier-Jungs überall auf der Welt. Dabei spürte ich nichts als tiefe, ehrliche Verachtung für sie.
Trotzdem lächelte ich zurück.

Mein eigenes Büro war separiert vom Rest des Großraumbüros in einem Glaskasten untergebracht. Standesgemäß, versteht sich. Ausser meinem Eiermann Schreibtisch und der weissen Hochglanzkonsole von USM Haller befanden sich nur ein Schreibtischstuhl, mein iMac und eine Minibar von Smeg darin. Ein kleiner Seitenhieb an die goldenen 50er, als Rock and Roll noch etwas bedeutete.

Um mich herum herrschte reges Treiben, als ich mich in den Drehstuhl fallen ließ. Überall coole, junge Leute, die coole Dinge tun.  Sie wuseln wie ein Haufen Ameisen, alle bestrebt fröhlich, hipp und kreativ auszusehen. Als wären sie der fleischgewordene Geistesblitz, auf den diese Agentur eine ganze Dekade gewartet hat. Ich zählte wie viel paar Vans ich sehen konnte, dann drehte ich an den Stangen der Rollos, so das sich die Lamellen schlossen und mein Büro in einen angenehmen Schimmer von Dämmerung gehüllt wurde.


Ich schaltete den iMac ein und mein leerer aufgeräumter Desktop begrüßte mich. Als Hintergrundbild hatte ich einen einfachen Farbverlauf gewählt. Mitternachtsblau zu Saphirschwarz. Dezent, tief und mit gutem Kontrast. Alles was ich brauchte.
Der Cursor meiner Maus wanderte zum Präsentationsordner, dann auf die Pitch-Präsentation, die sich mit einer für Apple typischen dezenten Animation vor mir entfaltete.
Ich stützte das Kinn auf meinen angewinkelten Arm und begann mich gedankenverloren durch die Powerpoint zu klicken, als es an der Glastür klopfte und Thomas, meine Antwort nicht abwartend, hereinplatzte.

Wie sehr ich ihn hasste. Von all den Kreaturen hier in der Agentur war er einer der schlimmsten. Ein absoluter Speichellecker und Arschkriecher. Wenn die Kunden schnippsten hechelte er sie an wie ein Schoßhündchen, wenn sie sagten “Spring” fragte er “Wie hoch?”. Thomas war Mitte 30, leicht untersetzt und Key-Account-Manager eines Großkunden des Hauses, den er umgarnte wie ein Teenager ein Cheerleaderteam. Von Kopf bis Fuss schrie alles an ihm Agenturtyp. Er trug bunte Nike Sneaker, eine Carhartt Hose und einen fliederfarbenen Oversize-Sweater auf den in pinken Lettern die Preisliste einer Wäscherei gedruckt war. Seine braunen Haare waren raspelkurz rasiert, was leider seine Geheimratsecken noch mehr hervortreten ließ und auf seiner Nase prangte eine goldene Brille mit geradem Rahmen, die man sonst nur auf den Mugshots von Serienvergewaltigern zu Gesicht bekommt. Diese Art von Brille, die der gruselige Onkel der Familie trägt, der sich den Neffen und Nichten lieber nicht nähern sollte.

“Hey guten Morgen, wo warst du so lange, wir müssen los. Hast du alles vorbereitet, wir dürfen nicht zu spät sein.”
Er redete schnell und ohne Esprit, irgendwie passte es nicht zu seinem offensiv, gewollt coolen Outfit. Ich spürte Wut in mir aufsteigen, dieselbe Wut wie vorhin als er am Telefon war. Thomas war meine Nemesis. In der Agentur stand er auf derselben Stufe mit mir, aber im wahren Leben, von Auge zu Auge würde ich ihn zerquetschen. Wieder grinste ich, diesmal direkt in sein rundes, von einem Dreitagebart überzogenes Gesicht und sagte nur kurz.
“Klar gehen wir.”

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Bildersturm
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BeitragVerfasst am: 26.04.2021 13:55    Titel: Antworten mit Zitat

War das als Satire gemeint? Funktioniert nicht. Auch nicht, wenn du noch mehr Markenartikel unterbringen willst als Brett Easton Ellis. Wink In "American Psycho" hatte das Ganze nämlich eine Funktion, hier wirkt das Konstrukt wie ein eher unstrukturierter Rant mit gelegentlich deplatziertem Namedropping, das sich in vielen Teilen auch widerspricht. Der Autor hinter der Figur ist jederzeit erkennbar, das heißt, der Text verrät mir so gut wie nichts über den Protagonisten, sondern will mit Macht eine Haltung beim Leser erzwingen. Dazu fährst du viele Geschütze auf, vergisst dabei, dass Nebensätze oder Einschübe mit Komma getrennt werden sollten und erzählst letztlich nur von einem Typen, der aufsteht, sich anzieht und zur Arbeit fährt. Das geht auch mit weniger Sätzen. Aber ich gebe zu, beim "starken" Americano musste ich auch ein wenig schmunzeln. Wink

Du könntest bei der Überarbeitung ein bisschen vom Gaspedal gehen. Hast du denn vielleicht Ideen für eine alternative Perspektive? Tipps ins Blaue sind immer ein bisschen schwierig, wenn man nicht weiß, wo die Reise bei der Geschichte hingehen soll.
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Herr Bossi
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BeitragVerfasst am: 26.04.2021 14:15    Titel: Antworten mit Zitat

hey Rob ...

inzwischen bin ich Dir drei Wochen voraus ...
Beschreibungen wie die Folgende kann ich inzwischen vermeiden Laughing
und ja ... ich musste grinsen, als ich das las.

meinen athletischen, aber zweifellos nicht mehr juvenilen Körper unter dem Laken hervor gleiten ließ.

Ich bin ja auch noch ziemlich neu hier ...
und ich muss ehrlich sagen,
ich habe nicht den ganzen Text geschafft.
Etwa einen athletischen Steinwurf weiter als das Zitat Cool

Bitte fühle Dich nicht verspottet, auch wenn ich jetzt was spöttele
 ... es ist lieb von mir gemeint.

Ich glaube auch, dass Du mir das nicht krumm nimmst ...
aber wir haben beide noch einen weiten Weg vor uns,
bis es sich wirklich geschliffen und gereift liest.

Du kannst das aber sehr gut schaffen Rob.
So wie Du jetzt schon (mit viel zu viel Butter und Schmalz) formulieren kannst,
fehlt nur ein gutes Stück das gewusst wie und Routine Routine Routine.
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Schreibkopf
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BeitragVerfasst am: 26.04.2021 14:37    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rob,

ich habe deinen Einstand in erster Linie aus beruflichem Interesse gelesen … wir sind quasi Kollegen. Sicher war das auch der Hauptgrund, warum ich bis zum „Ende“ durchgehalten habe.

Das Bild der Agenturwelt, das du vermittelst, erinnert mich ein wenig an „39,90“. Du hast allerdings sehr viel in deinen Text hineingepackt, wobei m. E. zu wenig herauskommt. Interessante Formulierungen lassen aber erahnen, dass da noch was geht.

Welche Prämisse verbirgt sich dahinter? Das wurde mir nicht ganz klar. Weniger wäre hier vielleicht mehr - mit stärkerem Fokus auf das, was du mitteilen willst. Marken bestimmen sicher deinen Job, der inflationäre Einsatz im Text stört mich sehr.

VG
Schreibkopf
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Ralphie
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DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 26.04.2021 14:58    Titel: Antworten mit Zitat

Das liest sich schon mal ordentlich. Du solltest dich noch ein wenig um deine Kommas kümmern.

 Daumen hoch
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Natalie2210
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 35
Beiträge: 567



BeitragVerfasst am: 26.04.2021 15:49    Titel: Antworten mit Zitat

Laughing  lies mal folgenden Thread:

https://www.dsfo.de/fo/viewtopic.php?t=71311&highlight=

zum Thema "Aufwachszenen" Wink

und dann stell dir die Frage, ob das wirklich der beste Einstieg in deine Geschichte ist.

Du könntest ja mit dem Durchblättern irgendwelcher Papiere beginnen. Da kann dein Charakter dann gleich seine ganzen negativen Gedanken abladen. Und in der Hand hält er einen Mont Blanc Füller oder so - sodass auf seinen Status gleich hingewiesen wird. bzw das Einzelbüro zeigt das auch an.

und die Aufzählung dieser ganzen Luxusartikel und Loft und so - ein bisschen viel, finde ich. Sehr klischeehaft. Weniger, dafür prägnanter, wäre mein Ratschlag.

lg,
Natalie
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Selanna
Geschlecht:weiblichKlammeraffe


Beiträge: 998
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 26.04.2021 16:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rob,

hier mal ein paar Leseeindrücke von mir, vielleicht ist ja etwas darunter, das Dir hilft.

Beim ersten Absatz war meine erste Assoziation der Titel „Shades of Grey“: Graustufen, Grau oder den unendlichen Nuancen , Graustufen… als wolltest Du den Titel paraphrasieren.
Der erste Satz liest sich recht sperrig, eine doppelte Verneinung, ausformuliert mit „nicht nichts“ – das ist eine Stilfrage, aber für mich ist das kein gut gewählter Einstieg.
Alles vor „Freitag: 8:00“ ist für mich ein Prolog, etwas Vorgeschaltetes, und es klingt für mich nach philosophischem Unterbau für den nachfolgenden Thriller. Ist das genretypisch oder atypisch und ist es von Dir bewusst eingesetzt oder nicht? Darüber solltest Du Dir klar werden, bevor Du so etwas einsetzt.
Ich lese immer wieder mal, dass Aufwachszenen als Anfang abgedroschen sind. Deswegen kann man sie trotzdem benutzen, finde ich, aber man sollte sich dessen bewusst sein, darum hier die Info: gilt als abgedroschen. Danach folgt eine angedeutete Selbst- und ausgeführte Raumbetrachtungsszene im Spiegel, das gilt als ähnlich abgedroschen.
Zitat:
als ich meinen athletischen, aber zweifellos nicht mehr juvenilen Körper unter dem Laken hervor gleiten ließ.

Das ist natürlich Geschmacksfrage, aber der Satz gefällt mir persönlich gar nicht. Lässt Du Deinen Körper, wenn Du aufstehst, „unter den Laken hervorgleiten“? Ich schiebe die Bettdecke zur Seite Laughing Und denkst Du (es ist ja ein Ich-Erzähler), während Du Dich aufrichtest, darüber nach, wie Dein Körper beschaffen ist? Und dann auch noch so ausführlich? Vorschlag: Lass irgendwann auf den nächsten zwei, drei Seiten mal einfließen, wie athletisch und zweifellos nicht mehr juvenil der Körper des „Ich“ ist Wink
Zitat:
Die Knie auf die Oberschenkel gestützt saß ich auf der Bettkante, das Gesicht in den Händen vergraben.

Assoziation: Rodin, Der Denker – mit einem Problem: Wie stützt man ein Knie auf den Oberschenkel? Wink

Zitat:
Was für ein deprimierender und beschämender Abend das gestern doch wieder gewesen ist. Diese endlose Einsamkeit, endlose Drinks, endlos-gleiches Fernsehprogramm das sich jeden Tag an Belanglosigkeit selbst übertrifft. Ich hatte das alles so satt.

Was hältst Du von diesem Absatz als Anfang? Wie man morgens aufsteht, wissen die meisten Leser ja Wink

Hier höre ich mal auf, der Text, den Du eingestellt hast, ist schon ein bisschen arg lang, den hätte ich – ganz ehrlich – sowieso nie ganz gelesen und zwar aus Prinzip. 2000 Wörter ist die Richtlinie, soweit ich mich erinnere. Ansonsten schau Dir mal an, ob Dir meine Anmerkungen helfen, wenn ja, lese ich gerne noch ein bisschen weiter.
Mein erster Eindruck bisher: Insgesamt gut lesbar, Du hast Deinen Protagonisten klar vor Deinem inneren Auge und er hat ein deutliches Innenleben. Die Figur hat ein ausgeprägtes Körperbewusstsein, sie denkt viel über ihre Muskeln, Größe, ihr Alter und Haar nach. Ist das für den Charakter wichtig? Wenn ja (zB narzisstische Tendenz): drinlassen. Wenn nein (Du willst dem Leser nur das Aussehen beschreiben): umändern.
Du solltest ein wenig auf Floskeln (a la „wie bereits erwähnt“) und schon sehr häufig genutzte Szenen achten und besser vermeiden, insbesondere ist es sehr gewagt, beides direkt hintereinander zu kombinieren. Ich rate Dir dringend, eins von beiden rauszuschmeißen.
Und muss ich als Leser jedes Detail der Morgentoilette mitverfolgen? Jeder setzt sich morgens im Bett auf, jeder steht danach auf, viele machen sich als Erstes Kaffee, duschen, nutzen Shampoo, haben weiße Handtücher, trocknen sich ab, trinken den zubereiteten Kaffee (und: ein Americano ist kein Espresso! UND ein Cafe ist die eingedeutschte Bezeichnung für ein Kaffeehaus, ein Kaffee ist auf Französisch ein Café, aber Americano und Espresso sind italienisch und wären eine Art von Caffè. Beides fände ich als Synonym für „Kaffee“ in einem deutschsprachigen Roman seltsam. Du ersetzt Kaffee ja auch nicht mitten im Text durch coffee).
Was auch noch auffiel: Du setzt so gut wie keine Kommata.
Also: Dein Protagonist hat Potential, denke ich. Aber der Anfang braucht noch ein wenig Überarbeitung. Lass Dich nicht entmutigen!

Liebe Grüße
Selanna


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Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform. - William Somerset Maugham
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