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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Wie kann ich das aufschlüsseln? Oder soll ich den Brief überhaupt aufschlüsseln?


 

 
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Co Schürmann
Geschlecht:weiblichErklärbär

Alter: 55
Beiträge: 2
Wohnort: Bornheim


BeitragVerfasst am: 24.03.2021 22:29    Titel: Wie kann ich das aufschlüsseln? Oder soll ich den Brief überhaupt aufschlüsseln? eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier folgt ein Brief meines Vaters. Ich habe ihn überarbeitet, aber irgendetwas stört im Fluss. Was kann ich ändern?

Hoffentlich bin ich mit meiner Anfrage richtig an dieser Stelle. Auf jeden Fall vielen Dank für Feedbacks.


----------------------------------------------------------------------------------------


Freiburg, am 7.III.53
Gerti!

Dein lieber Brief liegt vor mir.
Stille Freude strömt mir aus ihm entgegen.
Du hast so gütige Worte. Du sagst aber auch, „was können Dir meine Briefe auch sein“?
Warum?
Du sollst doch wissen, dass Du mich reich beschenkst mit Deinen Briefen. Und dann, sie atmen Dein Sein, Dein Wesen.
Auch ich denke oft daran, wie schön es ist, dass wir uns schreiben können. Ich bin erfüllt von Dankbarkeit.

Es ist Abend geworden. Leichter Regen fällt. Frühlingsregen.
Ich las einmal Tagebuchblätter eines jungen Soldaten. Darin stand: „Wer weiß, wo ich im Frühling bin.“
Er hat ihn nicht gesehen. Er sah einen anderen Frühling. Meine Gedanken waren in den letzten Tagen so viel mit den Erinnerungen an den Krieg beschäftigt.
Ich hatte ein eigenartiges Erlebnis. In den Kriegsbriefen gefallener Studenten, fand ich Briefe eines Kameraden mit Namen Johannes Hübner, darunter auch seinen letzten Brief, den er vier Tage vor seinem Tod schrieb. Er war Theologiestudent und führte die Kosakenschwadron, die ich einen Monat, nachdem er gefallen war, übernahm. Im November 1942 hatten wir einen Einsatz nicht weit voneinander, vielleicht vier Kilometer, in den russischen Partisanenwäldern. Er fiel am 16.12.42 um 9:30 Uhr. Ich hörte die Schießerei.
Wenige Tage zuvor trafen wir uns beim Befehlsempfang.
Herr Plugge*, der Assistent von Dir. Wollasch war in Hübner`s Schwadron und bei ihm, als er fiel.
Heute sprachen wir von den Erinnerungen.

Johannes Hübner schrieb im
September 1939:
„Ganz vorne sang einer, russische Lieder. Seine junge Stimme stand wie eine nächtliche Fahne über den Kolonnen. Kreuze grüßten uns, einsame, hochragende Holzkreuze, Kruzifixe und Heiligenbilder, die bitteren Spott und ehrfürchtiges Gebet gleichmäßig erhaben hinnahmen.
Im weiten Russland ist die Froschperspektive des gemeinen Mitteleuropäers unmaßgeblich, sie verhallt in der endlosen Steppe und bleibt schließlich im Sande stecken und Sonnenbrand, Frühlingswind und Eissturm lachen darüber.“

März`42
Es verlangt mich nach dem Alten Testament. Denn hier in Russland gelten Maßstäbe wie im alten Bund. So gewaltig ist das Sterben, nicht nur der russischen Völkerschaften. Der Mensch ist tatsächlich ein Nichts. Im Urtrieb der Menschheit sprang der heiße Teufel auf; und dem sind wir alle ausgesetzt.
Da er auszog ohne Substanz, ohne einen eisernen Wall um sein Gewissen, ohne das Schwert des sieghaften Christenglaubens, ohne die Erlöser- und Gnadenweisheit, dem sind seine heldischen Gesänge eine jämmerliche Grabmusik geworden.

April`42
Mutter. Du schreibst von Blut und Tränen. So denken viele. Aber der Tod ist der Sünde Sold. Gott ist heute wie im Alten Bund gewaltig. Von seiner gewaltigen Schau aus sterben die Menschen wie Fische im Meer und wie Würmer in der Erde.
Völker und Reiche werden einen tiefen Fall tun und furchtbar durcheinander taumeln, die so vermessen sind, Sieg oder Untergang ihrer eigenen Kraft zuzuschreiben.
Blut ist geflossen Jahrtausende lang und dieser Strom fließt immer weiter. Der Ostersieg ist aber ein Sieg über das Blut und darum klammern wir uns mit himmlischen Kräften an das Kreuz von Golgotha.

August`42
Ich stecke ziemlich voll mit Arbeit, da ich Kosakenschwadronsführer geworden bin.
20. August. Die Kosakenschwadron 559 lebt auf. Uniformiert in deutscher Uniform mit roten Siegeln. 230 Köpfe hat vorläufig die Schwadron.
Wenn ihr doch meine Kosaken einmal sehen könntet. Alles schneidige Burschen. Acht ehemalige Offiziere habe ich.
Eine Musikgruppe, ein Balalaika Orchester und einen phantastischen Kosakenchor.

12.Dezember 1942 sein letzter Brief
… Der Advent hat Einzug gehalten, auch bei uns. „Es kommt ein Schiff geladen bis an sein` höchsten Bord“. Die Lieder machen in Russland Leben aus, die alten Kirchenlieder, das alte Evangelium und der alte Gott. Zuflucht ist bei dem alten Gott unter seinen ewigen Armen….
Ich glaube daran, dass die Christen diesen Krieg in der Heimat und an der Front gewinnen. Denn wo rechte Christen wohnen, da müssen sie heute offenbar werden und ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen.“ [ …][/i]

Damals zwei Tage vor seinem Einsatz hatten wir uns zum ersten Mal gesehen und nur ganz wenige Worte wechselten wir miteinander und wir wussten beide nicht, dass wir einander ablösen sollten. Zu dieser Zeit hatte ich mich bereits für die Aufgaben in einer Kosakenschwadron gemeldet. Heute denke ich wieder daran.
Das war Dezember `42. Zehn Jahre vergingen! Wie schnell, wie furchtbar. Sie waren wie schwere geneigte Ähren.

Manchmal denke ich an all das Grauen, an die Not und das Entsetzen, das meine Augen gesehen haben.
Es ist viel, fast zu viel. Zuweilen begreife ich nicht, wie ich lebend aus dem Tal des Todes gekommen bin.
Was ist das doch für eine Zeit, in die wir geboren sind.
Ist es ein Zufall, dass wir gerade jetzt leben?
Es gibt ja kein Ende. Wurde eine große Ernte an Menschenopfern in den vergangenen Jahren eingefahren? Und wer weiß, ob uns nicht eine neue, noch größere Ernte bevorsteht? Jeder Tag raffte damals tausende dahin. Tausende Leben, die unvollendet waren. – Oder waren sie vollendet?
Wie wenig habe ich doch aus dem Erlebten gemacht.
Der Krieg ging vorbei. Und heute. Ich denke an die allgemeine Kriegsangst, an die Flüchtlinge, an weitere Katastrophen! Was ist unterwegs zu uns? ---
Siehst Du Gerti, wie gerne möchte ich Dir jetzt frohe Zeilen bringen. Statt dessen soviel traurige, schwere Dinge.
Aber jetzt will ich aufhören, sonst schreibe ich noch die ganze Nacht und es würde kaum etwas dabei sein, über das zu lachen wäre. Glaub mir, es ist mir auch gar nicht zum Lachen zu Mute.
Wenn ich Dich nur froh weiß und ich spüre in Dir ein leises Lied der Freude klingen, dann scheint die Sonne.

Nun ist es spät geworden.
Lege alle meine Gedanken in diesen Brief, in Deine lieben Hände. Bitte gedenke doch mit mir, an die, die den Tod neben mir gefunden haben, während ich blieb.

In Deinem Brief sagst Du mir, dass meine Briefe Dich froh machen.
Gerti, weißt Du das ist für mich eine sehr große Freude! Sie begleitet mich durch die Tage und macht mich auch heute froh und dankbar.

Bald ist es Abend.
Jetzt denke ich daran, ob es gut ist Dir diesen Brief zu senden, ob er Dich froh machen wird.
Aber da hilft mir Dein tiefes Verstehen und Dein froher Blick, der die Dinge in ihrem Wesen sucht. So wird all der Ernst dieser Zeilen nicht bedrücken, sondern Du wirst diese schweren Gedanken in gütigem Zuneigen aufnehmen mit Deinem feinen und edlen Wesen.
Es sind ja keine Gedankenkonstruktionen, sondern der Ursprung dieses Denkens ist die Wirklichkeit meines Lebens.

So viele Sterne und ein dunkler klarer Himmel. Sie gemahnen an die Weite des Geistes und an das Große und Ganze, in dem unsere kleine, enge Welt sich dreht.

Muss nun eine kleine Pause machen mit der Paukerei. Es ist soviel unnötiger Gedächtnisstoff zu lernen. Es gehört halt dazu.

Herzlich grüße ich Dich

Johannes

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Kazuyoshi
Geschlecht:männlichSchmierfink

Alter: 62
Beiträge: 85
Wohnort: Schwarzwald Nord


BeitragVerfasst am: 25.03.2021 09:46    Titel: Antworten mit Zitat

Das erinnert mich an eine literaturwissenschaftliche Vorlesung von Prof. Dr. Albert Meier:
Es ging um das Grundproblem von Prosa als Kunst versus Alltagssprache und den Kniff z.B. der Vorbemerkung (wie in Das Amulett (poetischer Realismus)) als "Entglaubigung" (d.h., alles was nach der Entglaubigung kommt ist Poesie und Phantasie) durch eine vorab inszenierte Herausgeberinformation oder Rahmensituation.

Ich fand im Nachlass meines Großvaters folgende vergilbten Briefwechsel mit bekannten Persönlichkeiten seiner Zeit, die ich hier in modernerer Sprache und nach sorgfältiger Auswahl

Das hat was.  Ein Briefroman mit (fiktivem) Kontext.
Ich würde eins draufsetzen: Ein paar kriminelle Geschichten, in die ich leicht verstellte Namen bringen würde, Kriegsgewinnler, Juden-Enteigner (da haben nicht nur Villen und Aktienpakete, sondern ganze Konzerne, Banken, eben mal den Eigentümer gewechselt ...). Vielleicht noch voll herzlicher Lauterkeit: "Ach ja, den alten Mose Glücksbaum hat dann doch noch - Gott sei seiner Seele gnädig - sein Nierenleiden dahingerafft. Wie er mich dauert. Aber er war ja schon dreiundsiebzig und das Klima in Polen, wohin man die Glücksbaums und ihre Religionsbrüder umsiedelte, war ihm dann auch nicht zuträglich, dem Armen. Aber ich werde seine früheren Fabriken im Sinne der neuen Zeit weiterführen und die Villa jetzt noch ein wenig modernisieren..."


_________________
„Wer nicht klar schreiben kann, der hat vielleicht auch nicht klar gedacht.“
von UTB-BLOG-REDAKTION am 1. APRIL 2016
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Co Schürmann
Geschlecht:weiblichErklärbär

Alter: 55
Beiträge: 2
Wohnort: Bornheim


BeitragVerfasst am: 25.03.2021 19:58    Titel: Briefroman mit (fiktivem) Kontext pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für den Denkimpuls. Ist interessant.
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Ralphie
Geschlecht:männlichForenonkel

Alter: 68
Beiträge: 5299
Wohnort: 50189 Elsdorf/Rhld.
DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 25.03.2021 22:22    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde das sehr interessant und ich denke, dass der Brief keine weitere Überarbeitung nötig hat. Als Russlandfreund hat mir natürliche die mittlere Passage am besten gefallen.

 Daumen hoch


_________________
LG
Ralphie
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Sören
Geschlecht:männlichGänsefüßchen


Beiträge: 36
Wohnort: Saarland


BeitragVerfasst am: 26.03.2021 18:45    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Co Schürmann!
Mich hat an diesem Text nichts gestört.  
Art und Weise finde ich auch in Ordnung.
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Babella
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 58
Beiträge: 743

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 28.03.2021 00:25    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde das verstörend. Der Tod ist der Sünde Sold. Der Ostersieg ist aber ein Sieg über das Blut. Was ist das für ein Mensch, der da schreibt, und was hat er getan? Vermutlich verstehe ich es auch nicht richtig.

Warum hast du überarbeitet und wofür?
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