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Loch im Herz (Arbeitstitel)


 
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 14.03.2021 22:58    Titel: Loch im Herz (Arbeitstitel) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe DSFO'ler
das erste Kapitel einer längeren Kurzgeschichte. Mit der Standardfrage, wie sich das liest, und ob man/frau weiterzulesen geneigt wäre.



1.

Martha sitzt im Morgenmantel im Wohnzimmer und dämmert vor sich hin. Ihr Kopf sackt langsam nach vorne, sie erwacht, öffnet die Augen und betrachtet ihre in grauen Filzpantoffeln steckenden, schmächtigen Füße.
Das Alter ist ohne Eleganz, denkt sie.
Behutsam streicht sie durch eine Strähne ihres Haars, das sich strohig anfühlt, tastet mit den Fingerspitzen langsam über Schläfe, Wange und Kinn bis zum Hals. Sie kann ihn fühlen, den Tod, trocken und rau fühlt er sich an. Morgens, nach dem Aufwachen, kann sie ihn schon riechen, so scheint ihr: Ein leicht süßlicher Geruch, den sie aus dem Krieg kennt.
Wie schnell ich alt geworden bin!, denkt sie.
Beim Frühstück hat sie keinen Bissen herunter bekommen. Bald werden ihre Mahlzeiten nur noch aus unzähligen Tabletten und der Flüssigkeit, um sie herunterzuwürgen, bestehen. Die Diät des Alters. Ohne die Hilfe ihrer Tochter Linda, die ihr die tägliche Medikation in einem Schieber richtet, würde sie sich wahrscheinlich vergiften. Nach dem Frühstück hat sie es abgelehnt, sich beim Ankleiden helfen zu lassen. Wozu sie sich anziehen solle, hat sie ihre Tochter gefragt.
»Mach was du willst, ich muss los«, hat Linda gesagt und ist zur Arbeit gegangen.
Wie alle Vormittage in den letzten zwei Monaten wird sie auch diesen im Sessel wegdämmern. In der Mittagspause wird Linda vorbeikommen, sie werden zusammen eine Kleinigkeit essen, sich hartnäckig anschweigen, bis ihre Tochter wieder verschwinden wird. Am Nachmittag wird sie etwas fernsehen. Gegen fünf wird Linda mit ihren beiden Söhnen Tim und Fritz zurückkehren. Nach dem gemeinsamen Abendessen wird sie sich in das Gästezimmer der Wohnung, das Linda eigens für sie hergerichtet hat, zurückziehen. Sie will ihrer Tochter nicht mehr als nötig zur Last fallen.
Ohnehin kam Lindas Angebot, sie bei sich aufzunehmen, völlig überraschend. Seit dem Tod ihres Vaters hatte es kaum noch Kontakte zwischen ihnen gegeben. Die Enkelkinder sind Martha völlig fremd. Nicht zuletzt in der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Beziehung war sie hier eingezogen, doch inzwischen bezweifelt sie, dass es zu einer Wiederannäherung kommen wird. Linda verhält sich korrekt, aber nicht mehr, Pflichterfüllung, dahinter eine Mauer der Ablehnung.
Vielleicht, so denkt Martha, wäre sie besser in ihrem Haus geblieben, mit einem ambulanten Pflegedienst, oder gleich in ein Heim gezogen. Doch der Gedanke, dass fremde Hände sie berühren könnten, ist ihr zuwider.

Ihr Blick schweift durch das Wohnzimmer und bleibt an einem der Fotos auf der Anrichte hängen. Paul, Lindas geschiedener Mann, bei einem Spaziergang in den Weinbergen. Er lacht sein Siegerlachen in die Kamera, ein stattlicher Mann, einer, der weiß, dass er blendend aussieht.
Martha schüttelt den Kopf. Er hat sie sitzen gelassen, wegen einer Jüngeren. Sie hatte Linda gefragt, warum sie diesem eitlen Gockel immer noch einen Platz auf ihrer Anrichte einräume. Immerhin sei er der Vater ihrer Kinder, hatte ihre Tochter geantwortet. Dass er ein Hallodri sei und ein Nichtsnutz, hatte Martha erwidert. »Misch dich nicht ein«, hatte Linda sie in barschem Ton zurechtgewiesen.
Martha weiß, dass sie einen wunden Punkt berührt hat. Sie liebt ihn immer noch, diese Närrin, denkt sie. Hat keinen Stolz, hängt der Nostalgie ihrer frühen Ehejahre nach, anstatt sich nach einem verlässlichen Partner umzusehen, den ihre beiden Söhne, die immer rebellischer werden, dringend bräuchten. Sie hat ihre Tochter doch zu einer Realistin erzogen. Woher stammen bloß diese Sentimentalitäten in Bezug auf das männliche Geschlecht?
Sie hat die Männer kennengelernt, schon als Mädchen, im Krieg. Wie Tiere waren die russischen Soldaten über alles, was einen Rock trug, hergefallen. Seither macht sie sich keine Illusionen mehr. Und seit dieser Zeit betrachtet sie das Geschlechtliche nur noch als lästige Notwendigkeit. Zum Glück war Ernst in dieser Beziehung nicht sehr fordernd. Und nach seinem frühen Tod hatte sie den Kerlen unmissverständlich klar gemacht, dass sie ihr besser vom Leibe blieben.

Ein Streit zwischen Linda und ihrem älteren Sohn Fritz beim gemeinsamen Abendessen kommt ihr in den Sinn. Ihr Enkel wollte das kommende Wochenende nicht wie geplant bei seinem Vater verbringen, sondern mit einem Schulfreund und dessen Eltern in die Berge fahren. Linda lehnte entschieden ab. Sie möchte, dass die Kinder regelmäßigen Kontakt zum Vater pflegen. Als seinem Wunsch nicht entsprochen wurde, schlug Fritz wütend mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und stampfte aus der Küche. Wie kann sie einfach sitzen bleiben und dem Bengel dieses Benehmen durchgehen lassen?, dachte Martha, schwieg aber. Später sprach sie ihre Tochter darauf an.
«Du hast Fritz bald nicht mehr im Griff. Du musst ihm mehr Grenzen setzen.«
»Das geht dich nichts an«, zischte Linda und wendete sich ab.
Der Gedanke an den Vorfall erfüllt Martha mit Bitterkeit. Warum lässt sich ihre Tochter überhaupt nichts mehr von ihr sagen? Warum nimmt sie den Rat der Älteren und Erfahreneren nicht an?
Was hat sie nur falsch gemacht? Abgerackert hat sie sich all die Jahre, damit etwas Ordentliches aus ihrer Tochter wird. Und wie wird es ihr gedankt, jetzt, wo sie alt ist? Linda holt sie zwar zu sich, lässt sie aber dann beständig ihre Verachtung spüren. Nicht die Spur von Dankbarkeit.
Was hat sie nur falsch gemacht? Sie hat ihre Tochter mit der nötigen Strenge und Konsequenz erzogen. Aber das zählt heute scheinbar nicht mehr. Die heutige Zeit bringt diese schrecklich verwöhnten Blagen hervor. Bleibt zu hoffen, dass ihren Enkeln ein erneuter Zeitenwechsel erspart bleibt. Sie hätten nicht das nötige Rüstzeug, um zu bestehen, wenn der Wohlstandslack einmal wieder abblättert.
Der Mensch ist ein Raubtier, alles andere ist Fassade, denkt Martha.

Mühsam stemmt sie sich hoch, ihre geschwollenen Beine schmerzen, sie greift nach dem Gehwagen und rollt in die Küche. Dort schenkt sie sich ein Glas Leitungswasser ein, trinkt einen Schluck und begibt sich zurück ins Wohnzimmer.
Vor einem großformatigen Ölbild ihrer Tochter, die gelegentlich malt, bleibt sie stehen. Zwei Feuerzungen, die der Wind zur Form eines Herzens verwirbelt. Was für ein schrecklicher Kitsch, denkt sie, als das Bild plötzlich vor ihren Augen verschwindet, um nach einigen Sekunden wieder aufzutauchen. Sie kennt diese kurzen Schwindelanfälle, vermutlich eine Nebenwirkung der Medikamente, die sie seit ihrem Herzinfarkt einnehmen muss.
Sie setzt sich in den Ledersessel. Zum Glück hat sie Linda ihren Jugendtraum, Malerin zu werden, rechtzeitig ausreden können. Ihren gutmütigen Vater hätte Linda sicherlich rum bekommen, aber sie hatte darauf bestanden, dass ihre Tochter etwas Solides lernt. Und soweit sie das beurteilen kann, ist Linda zufrieden als Apothekerin.

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Rike La
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 125



BeitragVerfasst am: 15.03.2021 08:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

nur ein ganz kurzes Feedback, nachdem ich deinen Text gelesen habe.

Liest sich gut - und ja, ich denke, ich würde weiterlesen.

Nur hier bin ich ein bisschen gestolpert:

Zitat:
Bleibt zu hoffen, dass ihren Enkeln ein erneuter Zeitenwechsel erspart bleibt. Sie hätten nicht das nötige Rüstzeug, um zu bestehen, wenn der Wohlstandslack einmal wieder abblättert.


Ich weiß nicht genau warum... es hört sich irgendwie nicht nach Wohlstand an, zumindest nicht nach übermäßigem... und "mal wieder"? War das schon mal so? Auch passt das Wort "Zeitenwechsel" für mich nicht so gut. Klingt hier irgendwie zu "dramatisch", finde ich. Das kann aber auch nur mein subjektives Empfinden sein.

Ansonsten liest es sich gut und ich würde tatsächlich gerne wissen, ob Mutter und Tochter es schaffen, sich einander wieder anzunähern.

Gerne gelesen. Danke dafür!!

Liebe Grüße
Rike
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Stefanie
Reißwolf


Beiträge: 1429



BeitragVerfasst am: 15.03.2021 10:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hat was. Ich kann die Situation nachempfinden.

Es ist schwierig, all diese Hintergrundinformationen so zu vermitteln, dass sie interessant rüberkommen, wenn die beiden nicht miteinander kommunizieren. Besser wäre es dafür, wenn sich Mutter und Tochter offen streiten würden, sich Vorwürfe machen, aber dieses sich Anschweigen, all die unaussprechlichen Konflikte, die sich im Laufe des Lebens aufgetürmt haben, würden dabei verlorengehen.

Ich würde sie trotzdem mehr interagieren lassen, zum Beispiel die Szene mit dem Bild des Exmannes nicht als Rückblende erzählen. Martha könnte das Bild wegstellen, weil sie "sich nützlich machen" und die Wohnung aufräumen will und dann kommt es zum Konflikt, weil ihre Tochter das Bild noch da haben will. Zum Schluss der Szene zieht Martha sich in ihr Gästezimmer zurück. So wird auch klar, dass Martha da quasi zu Besuch ist, auch wenn ihr Aufenthalt ein Dauerzustand ist.
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DLurie
Geschlecht:männlichKlammeraffe


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BeitragVerfasst am: 15.03.2021 10:51    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Rike,

danke für dein Feedback!

Rike La hat Folgendes geschrieben:

Liest sich gut - und ja, ich denke, ich würde weiterlesen.

Freut mich!

Rike La hat Folgendes geschrieben:

Nur hier bin ich ein bisschen gestolpert:

Zitat:
Bleibt zu hoffen, dass ihren Enkeln ein erneuter Zeitenwechsel erspart bleibt. Sie hätten nicht das nötige Rüstzeug, um zu bestehen, wenn der Wohlstandslack einmal wieder abblättert.


Ich weiß nicht genau warum... es hört sich irgendwie nicht nach Wohlstand an, zumindest nicht nach übermäßigem... und "mal wieder"? War das schon mal so? Auch passt das Wort "Zeitenwechsel" für mich nicht so gut. Klingt hier irgendwie zu "dramatisch", finde ich. Das kann aber auch nur mein subjektives Empfinden sein.


Stimmt. Habe die Passage ersetzt durch:
Der Wohlstand bringt diese schrecklich verwöhnten Blagen hervor. Was aber, wenn wieder härtere Zeiten anbrechen, Zeiten, in denen es gilt, den Gürtel enger zu schnallen? Dafür wären ihre Enkel kaum gerüstet.

LG
DLurie
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DLurie
Geschlecht:männlichKlammeraffe


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BeitragVerfasst am: 15.03.2021 11:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Stefanie,
danke für dein Feedback!

Stefanie hat Folgendes geschrieben:
Hat was. Ich kann die Situation nachempfinden.

Immerhin - freut mich.

Stefanie hat Folgendes geschrieben:

Ich würde sie trotzdem mehr interagieren lassen, zum Beispiel die Szene mit dem Bild des Exmannes nicht als Rückblende erzählen. Martha könnte das Bild wegstellen, weil sie "sich nützlich machen" und die Wohnung aufräumen will und dann kommt es zum Konflikt, weil ihre Tochter das Bild noch da haben will. Zum Schluss der Szene zieht Martha sich in ihr Gästezimmer zurück. So wird auch klar, dass Martha da quasi zu Besuch ist, auch wenn ihr Aufenthalt ein Dauerzustand ist.


Ja - ich verstehe sehr gut, was du meinst.  Und tatsächlich hatte ich mehr direkte Interaktion/Dialog in einem ersten Rohentwurf. (Was mir eigentlich besser liegt, denn ich schreibe gerne Dialoge.) Habe diese Passagen aber wieder gestrichen, weil mir das jetzige Setup besser zu der Sprachlosigkeit, die zwischen Mutter und Tochter Einzug gehalten hat, zu passen schien – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Fortgangs der Story, die hoffentlich noch etwas mehr Dramatik bringt.

LG
DLurie
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Rike La
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 125



BeitragVerfasst am: 15.03.2021 12:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

Zitat:
Stimmt. Habe die Passage ersetzt durch:
Der Wohlstand bringt diese schrecklich verwöhnten Blagen hervor. Was aber, wenn wieder härtere Zeiten anbrechen, Zeiten, in denen es gilt, den Gürtel enger zu schnallen? Dafür wären ihre Enkel kaum gerüstet.


ja, das finde ich viel besser!

Zitat:
Und tatsächlich hatte ich mehr direkte Interaktion/Dialog in einem ersten Rohentwurf. (Was mir eigentlich besser liegt, denn ich schreibe gerne Dialoge.) Habe diese Passagen aber wieder gestrichen, weil mir das jetzige Setup besser zu der Sprachlosigkeit, die zwischen Mutter und Tochter Einzug gehalten hat, zu passen schien – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Fortgangs der Story, die hoffentlich noch etwas mehr Dramatik bringt.


Ohne den Fortgang der Story zu kennen, finde ich auch, dass gerade diese fast nichtvorhandene Interaktion ziemlich gut passt... ich würde das so lassen, für mich wäre es eher schwierig, wenn da direkt ein Streit oder allzu viel Dialog wäre...

Liebe Grüße
Rike
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Selanna
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Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 15.03.2021 13:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

hier was mir dazu so ein- und daran auffiel:
Zitat:
Martha sitzt im Morgenmantel im Wohnzimmer und dämmert vor sich hin. Ihr Kopf sackt langsam nach vorne, sie erwacht, öffnet die Augen und betrachtet ihre in grauen Filzpantoffeln steckenden, schmächtigen Füße.
Das Alter ist ohne Eleganz, denkt sie. Aber das ist als Sentenz elegant
Behutsam streicht sie durch eine Strähne ihres Haars, das sich strohig anfühlt, tastet mit den Fingerspitzen langsam über Schläfe, Wange und Kinn bis zum Hals. Sie kann ihn fühlen, den Tod, trocken und rau fühlt er sich an. Morgens, nach dem Aufwachen, kann sie ihn schon sogar statt schon? riechen, so scheint ihr: Ein leicht süßlicher Geruch, den sie aus dem Krieg kennt. klingt, als stürbe sie heute
Wie schnell ich alt geworden bin!, denkt sie.
Beim Frühstück hat sie keinen Bissen herunter bekommen. Bald werden ihre Mahlzeiten nur noch aus unzähligen Tabletten und der Flüssigkeit, um sie herunterzuwürgen, bestehen. Die Diät des Alters. Ohne die Hilfe ihrer Tochter Linda, die ihr die tägliche Medikation in einem Schieber richtet, würde sie sich wahrscheinlich vergiften. Nach dem Frühstück hat sie es abgelehnt, sich beim Ankleiden helfen zu lassen. Wozu sie sich anziehen solle, hat sie ihre Tochter gefragt. das klingt sehr resigniert – der Absatz ist Dir gelungen
»Mach was du willst, ich muss los«, hat Linda gesagt und ist zur Arbeit gegangen.
Wie alle Vormittage in den letzten zwei Monaten wird sie auch diesen im Sessel wegdämmern. In der Mittagspause wird Linda vorbeikommen, sie werden zusammen eine Kleinigkeit essen, sich hartnäckig anschweigen, bis ihre Tochter wieder verschwinden wird. Am Nachmittag wird sie Könnte man auf „Tochter“ beziehen. Du könntest „Martha“ schreiben etwas fernsehen. Gegen fünf wird Linda mit ihren beiden Söhnen Tim und Fritz zurückkehren. Nach dem gemeinsamen Abendessen wird sie sich in das Gästezimmer der Wohnung, das Linda eigens für sie hergerichtet hat, zurückziehen. Sie will ihrer Tochter nicht mehr als nötig zur Last fallen. deprimierend eintöniger Alltag
Ohnehin kam Lindas Angebot, sie bei sich aufzunehmen, völlig könntest Du auch streichen überraschend. Seit dem Tod ihres Vaters hatte es kaum noch Kontakte Singular, oder? zwischen ihnen gegeben. Die Enkelkinder sind Martha völlig Wortwdh. und könntest Du mE auch hier streichen fremd. Nicht zuletzt in der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Beziehung war sie hier eingezogen, doch inzwischen bezweifelt sie, dass es zu einer Wiederannäherung kommen wird. Linda verhält sich korrekt, aber nicht mehr, Pflichterfüllung, dahinter eine Mauer der Ablehnung.
Vielleicht, so denkt Martha, wäre sie besser in ihrem Haus geblieben, mit einem ambulanten Pflegedienst, oder gleich in ein Heim gezogen. Doch der Gedanke, dass fremde Hände sie berühren könnten könntest Du streichen, ist ihr zuwider.

Ihr Blick schweift durch das Wohnzimmer und bleibt an einem der Fotos auf der Anrichte hängen. Paul, Lindas geschiedener Mann, bei einem Spaziergang in den Weinbergen. Er lacht sein Siegerlachen in die Kamera, ein stattlicher Mann, einer, der weiß, dass er blendend aussieht. Warum steht das Bild noch auf der Anrichte, wenn sie geschieden sind?
Martha schüttelt den Kopf. Er hat sie sitzen gelassen, wegen einer Jüngeren. Sie Bezug etwas unklar, aber Du kannst schlecht schon wieder Martha schreiben. Naja, im Weiteren ist klar, dass sie auf Martha bezogen ist hatte Linda gefragt, warum sie diesem eitlen Gockel immer noch einen Platz auf ihrer Anrichte einräume. Immerhin sei er der Vater ihrer Kinder, hatte ihre Tochter geantwortet. Dass er ein Hallodri sei und ein Nichtsnutz Hui, das ist aber heftig formuliert über andere Leute Ex-Männer, hatte Martha erwidert. »Misch dich nicht ein«, hatte Linda sie in barschem Ton zurechtgewiesen.
Martha weiß, dass sie einen wunden Punkt berührt hat. Sie liebt ihn immer noch, diese Närrin, denkt sie. Hat keinen Stolz, hängt der Nostalgie ihrer frühen Ehejahre nach, anstatt sich nach einem verlässlichen Partner umzusehen, den ihre beiden Söhne, die immer rebellischer werden, dringend bräuchten Aha. Bisher las ich noch voller Mitgefühl für Martha, aber sie verliert langsam an Pluspunkten, ich hoffe, das ist gewollt. Sie denkt ja nicht gerade freundlich über ihre Tochter und die Ansicht, sich einen Mann vor allem wegen der Söhne zu suchen, birgt auch Diskussionspotential, vorsichtig formuliert. Sie hat ihre Tochter doch zu einer Realistin erzogen. Woher stammen bloß diese Sentimentalitäten in Bezug auf das männliche Geschlecht?
Sie Bezugsmäßig plädiere ich wieder für „Martha“ hat die Männer kennengelernt, schon als Mädchen, im Krieg. Wie Tiere waren die russischen Soldaten über alles, was einen Rock trug, hergefallen. Seither macht sie sich keine Illusionen mehr. Und seit dieser Zeit betrachtet sie das Geschlechtliche nur noch als lästige Notwendigkeit. Zum Glück war Ernst in dieser Beziehung nicht sehr fordernd. Und nach seinem frühen Tod hatte sie den Kerlen unmissverständlich klar gemacht, dass sie ihr besser vom Leibe blieben. Das ist der Hintergrund, der Marthas Denken plausibler macht, gut und knapp eingeflochten, und macht sie wieder etwas sympathischer

Ein Streit zwischen Linda und ihrem älteren Sohn Fritz beim gemeinsamen Abendessen kommt ihr in den Sinn. Ihr Enkel wollte das kommende Wochenende nicht wie geplant bei seinem Vater verbringen, sondern mit einem Schulfreund und dessen Eltern in die Berge fahren. Linda lehnte entschieden ab. Sie möchte, dass die Kinder regelmäßigen Kontakt zum Vater pflegen. Als seinem Wunsch nicht entsprochen wurde, schlug Fritz wütend mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und stampfte aus der Küche. Wie kann sie einfach sitzen bleiben und dem Bengel dieses Benehmen durchgehen lassen?, dachte Martha, schwieg aber. Später sprach sie ihre Tochter darauf an. einen Satz davor dachte ich noch: gut. Jetzt denke ich: Oh Gott, sie wollte sich doch raushalten (drum zieht sie sich abends zurück). Ich denke, die Geschichte behandelt ein anderes Thema als ich anfangs geglaubt habe (Altersdepression)
«Du hast Fritz bald nicht mehr im Griff. Du musst ihm mehr Grenzen setzen.«
»Das geht dich nichts an«, zischte Linda und wendete sich ab.
Der Gedanke an den Vorfall erfüllt Martha mit Bitterkeit Linda sicher nicht minder. Warum lässt sich ihre Tochter überhaupt nichts mehr von ihr sagen? Warum nimmt sie den Rat der Älteren und Erfahreneren nicht an? Weil es kein Rat, sondern nur Kritik war und Linda das wahrscheinlich schon kennt? Oh je
Was hat sie nur falsch gemacht? Abgerackert hat sie sich all die Jahre, damit etwas Ordentliches aus ihrer Tochter wird. Und wie wird es ihr gedankt, jetzt, wo sie alt ist? Linda holt sie zwar zu sich, lässt sie aber dann beständig ihre Verachtung spüren. Nicht die Spur von Dankbarkeit.
Was hat sie nur falsch gemacht? Ich denke, die Wdh ist intendiert, aber ich bin mir unsicher, ob sie wirklich einen Effekt hat oder Sinn ergibt Sie hat ihre Tochter mit der nötigen Strenge und Konsequenz erzogen. Aber das zählt heute scheinbar nicht mehr. Die heutige Zeit bringt diese schrecklich verwöhnten Blagen hervor. Bleibt zu hoffen, dass ihren Enkeln ein erneuter Zeitenwechsel erspart bleibt. Sie hätten nicht das nötige Rüstzeug, um zu bestehen, wenn der Wohlstandslack einmal wieder abblättert. tolles Bild, tolle Wortschöpfung!
Der Mensch ist ein Raubtier, alles andere ist Fassade, denkt Martha.

Mühsam stemmt sie sich hoch, ihre geschwollenen Beine schmerzen, sie greift nach dem Gehwagen und rollt in die Küche. Dort schenkt sie sich ein Glas Leitungswasser ein, trinkt einen Schluck und begibt sich zurück ins Wohnzimmer.
Vor einem großformatigen Ölbild ihrer Tochter, die gelegentlich malt, bleibt sie stehen. Zwei Feuerzungen, die der Wind zur Form eines Herzens verwirbelt. Was für ein schrecklicher Kitsch, denkt sie Das verdeutlicht das Verhältnis zu ihrer Tochter gut, sie hat also auch nichts für die Hobbys ihrer Tochter übrig und: gerade die Bilder ihrer Kinder mögen Eltern doch besonders. Ist Dir gelungen , als das Bild plötzlich vor ihren Augen verschwindet, um nach einigen Sekunden wieder aufzutauchen. Sie kennt diese kurzen Schwindelanfälle, vermutlich eine Nebenwirkung der Medikamente, die sie seit ihrem Herzinfarkt einnehmen muss.
Sie setzt sich in den Ledersessel. Zum Glück hat sie Linda ihren Jugendtraum, Malerin zu werden, rechtzeitig ausreden können Ach Gott. Noch deutlicher brauchst Du, glaube ich, gar nicht mehr werden. Ihren gutmütigen Vater hätte Linda sicherlich rum bekommen, aber sie hatte darauf bestanden, dass ihre Tochter etwas Solides lernt. Und soweit sie das beurteilen kann, ist Linda zufrieden als Apothekerin.

Hat mir gut gefallen, besonders weil ich den Text anfangs in eine andere Richtung lesen konnte und für mich eine Wendung kam, die ich nicht erwartet hatte, die sich langsam entwickelt und dann immer mehr gesteigert hat. Und weil Du aus der Sicht des Nicht-Sympahtieträgers schreibst, die Gedanken des ehemals dominanten, nun abhängigen Nörglers, der mit den vertauschten Rollen hadert und sein altes Verhalten nicht sein lassen kann, darlegst. Finde ich wirklich interessant.
Somit: Liest sich gut und ich wäre geneigt weiterzulesen. Ich bin gespannt, ob die Situation weiter so quälend statisch, unterschwellig aggressiv bleibt oder ob es eskaliert oder in eine ganz andere Richtung geht.
Nur noch ein kleines Detail: Je nachdem, wie es weitergeht, könnte man den letzten Abschnitt vllt auch etwas kürzen, das ist aber nur so ein Gefühl.

Liebe Grüße
Selanna


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Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform. - William Somerset Maugham
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marinaheartsnyc
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BeitragVerfasst am: 15.03.2021 14:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

hat mir sehr gut gefallen und ist ein Thema, das ich sehr gut nachempfinden kann! Finde es gut geschrieben und auch die beiden Charaktere und ihre Beziehung zueinander hast du sehr deutlich gezeichnet. Allerdings stimme ich Stefanie zu, dass ich mir ein bisschen mehr "Luft" zwischen den Hintergrundinfos/dem Erzählen wünschen würde. Wenn du auf weitere Dialoge/Interaktion zwischen den beiden verzichten möchtest, vielleicht noch ein bisschen mehr Beschreibung der Umgebung/der Enkelkinder/... einfach etwas, das den Informationsfluss ein bisschen auflockert? Aber muss nicht zwingend, ich finde die Geschichte auch so schon sehr gut.
Und nach dem letzten Satz habe ich eine Vermutung, wie es weitergehen könnte - falls ich richtig läge, fände ich das auf jeden Fall eine coole Wendung Laughing

Liebe Grüße
Marina


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Yesterday I was clever, so I wanted to change the world. Today I am wise, so I am changing myself.

- Rumi
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 15.03.2021 15:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Selanna,

danke für dein Feedback! Diesmal hast du erfreulich wenig auszusetzen! Kein einziger Tempusfehler – uff!

Ich bin den meisten deiner Anregungen gefolgt.
Sprich: Streichung völlig überflüssiger Füllwörter und Hilfsverben, Klarstellung des Bezugs durch Namen statt Pronomen, wo nötig.

Interessant, dass du den Satz mit dem Wohlstandslack gelungen findest, während Rike darüber stolperte, so dass ich bereits eine andere Formulierung gewählt hatte.

LG
DLurie
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 15.03.2021 16:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Marina,

danke für dein Feedback!

marinaheartsnyc hat Folgendes geschrieben:

hat mir sehr gut gefallen und ist ein Thema, das ich sehr gut nachempfinden kann!

Danke - freut mich!
marinaheartsnyc hat Folgendes geschrieben:

Allerdings stimme ich Stefanie zu, dass ich mir ein bisschen mehr "Luft" zwischen den Hintergrundinfos/dem Erzählen wünschen würde. Wenn du auf weitere Dialoge/Interaktion zwischen den beiden verzichten möchtest, vielleicht noch ein bisschen mehr Beschreibung der Umgebung/der Enkelkinder/... einfach etwas, das den Informationsfluss ein bisschen auflockert? Aber muss nicht zwingend, ich finde die Geschichte auch so schon sehr gut.

Ja, etwas mehr Umgebung würde nicht schaden. Einige prägnante Details- nicht unbedingt das Mobiliar. Da gehe ich noch mal in mich.
 
marinaheartsnyc hat Folgendes geschrieben:

Und nach dem letzten Satz habe ich eine Vermutung, wie es weitergehen könnte - falls ich richtig läge, fände ich das auf jeden Fall eine coole Wendung Laughing

Ich weiß jetzt nicht, in welche Richtung deine Vermutung geht. Tatsächlich hatte ich das als eine Mordgeschichte geplant. Frei nach dem Dürrenmatt-Motto: Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Aber dann - soviel vorweg-  habe ich doch wieder Mitleid mit meiner Prota gekriegt. Wahrscheinlich wirst du enttäuscht sein.  
  

LG
DLurie
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 15.03.2021 19:04    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,
Zitat:
Diesmal hast du erfreulich wenig auszusetzen! Kein einziger Tempusfehler – uff!

Na, viel habe ich ja selten an Deinen Geschichten auszusetzen, oder? Immerhin lese ich so gut wie jede und das ganz Laughing   
Zitat:
Interessant, dass du den Satz mit dem Wohlstandslack gelungen findest, während Rike darüber stolperte, so dass ich bereits eine andere Formulierung gewählt hatte.

Tja, wie Du oft sagst: Geschmackssache. Ich fand, Du hast die Redewendung „da ist der Lack ab“ mit „Wohlstandslack“ zynisch gesteigert und mit „abblättern“ statt nur „ab“ hast Du es verbildlicht. Für mich war auch klar (wenn ich mal so eindeutig auf Deinen Beitrag Bezug nehmen darf, Rike, bitte nicht verübeln), auf was sich der Satz jeweils bezieht: Da Martha zuvor schon von Krieg und Russen sprach (als Begründung für ihr Männerbild), war für mich naheliegend, dass sie mit „Zeitenwechsel“, den ich mit Zäsur gleichgesetzt habe, einen Krieg und alle daraus resultierenden Konsequenzen meint. „Erneut“ insofern, dass Martha den WK II erlebt hat und jetzt einen eventuellen neuen Krieg meint. In dem Kontext fand ich „Rüstzeug“ auch passend, weil es an „Rüstung“ erinnert, was zu Krieg passt. Aber das sind einfach zwei Lesarten und zwei Geschmäcker, da gibt es ja kein richtig und kein falsch Wink

Liebe Grüße
Selanna


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 16.03.2021 11:08    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Fortsetzung.

2.

Sie liegt im Gästezimmer im Bett, hat ihr Schlafmittel bereits eingenommen. Auf dem Nachttisch steht ein Foto von Ernst. Er sitzt im Garten, seine Tochter auf den Knien. Die beiden lachen sich an, sind glücklich. Da war Linda etwa zehn Jahre alt.
»Sie hat dich angehimmelt. Und sie kommt eindeutig nach dir«, flüstert sie in Richtung des Fotos. »Du warst auch so ein Gefühlsmensch.«
Sie friert ein wenig, zieht die Steppdecke hoch bis zum Hals.
»Warum hast du dich nur davongemacht?«
In Gedanken kehrt sie zurück in die Vergangenheit. Ernst war ein sanfter Mann, aber auch ein Zauderer, wenig zu gebrauchen, wenn es galt, unangenehme Entscheidungen zu treffen und sich durchzusetzen. Bereits zu Beginn ihrer Ehe plagten ihn kürzere Phasen der Schwermut, die sich im Laufe der Jahre zu einer richtigen Depression auswuchsen. Wenn es ganz schlimm wurde, war er völlig apathisch und verkroch sich ins ausgebaute Dachgeschoss ihres Hauses. Tagelang bekam niemand ihn zu Gesicht, er wollte keinen sehen, selbst seine geliebte Tochter nicht.
»Was hat Papa denn?«, fragte Linda dann immer und Martha wusste nicht, was sie antworten sollte. In den letzten drei Ehejahren war er unfähig zu arbeiten, und sie musste den Lebensunterhalt alleine verdienen.
In ihrer Sicht fehlte es Ernst schlicht an der notwendigen Härte und Selbstdisziplin; er nahm den Kampf gegen seine Krankheit gar nicht erst auf, versank stattdessen im Selbstmitleid.
Nach dem Abitur zog Linda aus, um zu studieren. Ein Jahr später erhängte sich Ernst im Dachgeschoss. Er hatte einen  Zettel von außen an die verschlossene Tür geheftet:
Ruf die Polizei und komm nicht rein!

Sie setzt sich im Bett auf, greift neben sich in die Schublade des Nachttischs, entnimmt ihm einen Pappkarton und öffnet ihn. Zwei Abschiedsbriefe hatte Ernst hinterlassen, einen offiziellen, in dem nicht viel mehr stand, als dass er keinen Ausweg mehr wisse und dass es ihm Leid täte. Und einen zweiten, nur an sie gerichtet, den sie mit anderen persönlichen Dokumenten in dem Karton aufbewahrt. Sie holt den vergilbten Brief heraus und überfliegt ihn erneut, obwohl sie ihn längst auswendig kennt.

Liebe Martha,
diese Zeilen sind nur für dich bestimmt. Ich habe lange überlegt, ob ich dir diese Worte schreiben soll, jetzt, wo sie nichts mehr nützen.
Ich will ehrlich sein: In meinem Empfinden war unsere Ehe vor allem von Distanz geprägt, mehr Pflicht als Kür, was ich mir nur zum Teil erklären konnte. Ohne Zweifel hat meine Krankheit dazu beigetragen, meine Teilnahmslosigkeit, wenn ich mal wieder abgestürzt war. Aber auch in den Phasen, in denen es mir besser ging, sind wir uns selten wirklich nahe gekommen. Dich schien diese Distanz zwischen uns nicht zu stören, du hast sie nicht als Mangel empfunden, so mein Eindruck. Aber vielleicht täusche ich mich.
Jedenfalls wünsche ich dir von ganzem Herzen, dass du bald einen neuen Begleiter für deinen weiteren Lebensweg findest, einen, in dessen Umarmung du dich vergessen kannst.
Ich habe dich immer geliebt.
Dein Ernst


Martha faltet den Brief zusammen und legt ihn zurück in den Karton. Immer wieder hat sie über diese Zeilen nachgedacht, sich gefragt, was genau Ernst in der Ehe fehlte, ohne eine schlüssige Antwort zu finden. Sie ist sich keines Versäumnisses bewusst, sie war immer loyal, hat ihm zur Seite gestanden, auch in den Jahren, in denen er zu nichts mehr taugte. Sie hat ihrem Mann das gegeben, was sie ihm geben konnte.

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marinaheartsnyc
Geschlecht:weiblichSchmierfink

Alter: 28
Beiträge: 87



BeitragVerfasst am: 16.03.2021 15:42    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

gefällt mir bisher, die Fortsetzung! Auch wenn ich mich schwer tue, Sympathie für Martha zu empfinden, aber das ist ja beabsichtigt, nehme ich jetzt mal an Laughing
Nur hier könntest du vielleicht einen kleinen Rückblick einbauen, finde ich:

DLurie hat Folgendes geschrieben:
Nach dem Abitur zog Linda aus, um zu studieren. Ein Jahr später erhängte sich Ernst im Dachgeschoss. Er hatte einen  Zettel von außen an die verschlossene Tür geheftet:
Ruf die Polizei und komm nicht rein!


Vielleicht einfach nur zwei, drei Sätze, in denen Martha sich an das Licht/den Geruch/ihre körperlichen Empfindungen in dem Moment erinnert. Dann können vielleicht noch ein paar mehr Bilder im Kopf entstehen. Aber auch das nur ein Vorschlag und meine persönliche Meinung.

Und schade, ich hatte tatsächlich gehofft, dass es eine Mordgeschichte wird - Stichwort Apothekerin und Mutter zu sich geholt, obwohl kaum mehr Kontakt und Zuneigung. Aber dann bleibt es dafür umso spannender Laughing

Liebe Grüße
Marina


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Rike La
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BeitragVerfasst am: 16.03.2021 15:51    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

zunächst nochmal zum ersten Teil:

Zitat:
Geschmackssache. Ich fand, Du hast die Redewendung „da ist der Lack ab“ mit „Wohlstandslack“ zynisch gesteigert und mit „abblättern“ statt nur „ab“ hast Du es verbildlicht. Für mich war auch klar (wenn ich mal so eindeutig auf Deinen Beitrag Bezug nehmen darf, Rike, bitte nicht verübeln), auf was sich der Satz jeweils bezieht: Da Martha zuvor schon von Krieg und Russen sprach (als Begründung für ihr Männerbild), war für mich naheliegend, dass sie mit „Zeitenwechsel“, den ich mit Zäsur gleichgesetzt habe, einen Krieg und alle daraus resultierenden Konsequenzen meint. „Erneut“ insofern, dass Martha den WK II erlebt hat und jetzt einen eventuellen neuen Krieg meint. In dem Kontext fand ich „Rüstzeug“ auch passend, weil es an „Rüstung“ erinnert, was zu Krieg passt. Aber das sind einfach zwei Lesarten und zwei Geschmäcker, da gibt es ja kein richtig und kein falsch


Alles gut, liebe Selanna wink

Und an dich, DLurie: ja, das ist wahrscheinlich Geschmackssache. Ich bin darüber gestolpert, vor allem las es sich für mich so, als sie der Wohlstandslack auf die Enkel bezogen (deshalb mein Stolpern).

Und nun die Fortsetzung: Habe ich sehr gerne gelesen und ich bin wirklich gespannt, wie es weitergehen wird... ein Mord? Hui, damit hätte ich nicht gerechnet.

Ich habe gerade nicht so viel Zeit, aber zwei Dinge sind mir beim ersten Lesen aufgefallen:

Zitat:
In ihrer Sicht


Müsste es nicht "aus ihrer Sicht" heißen?

Und hier:

Zitat:
Ohne Zweifel hat meine Krankheit dazu beigetragen, meine Teilnahmslosigkeit, wenn ich mal wieder abgestürzt war.


bin ich gestolpert, hab ich zuerst so gelesen, als fehle ein Wort. Vielleicht eher: "Ohne Zweifel haben meine Krankheit und meine Teilnahmslosigkeit, wenn ich mal wieder abgestürzt war, dazu beigetragen"?

Aber wie gesagt: habe ich sehr gerne gelesen und ich würde mich freuen, wenn du auch die Fortsetzung einstellen würdest, bin gespannt wink

Liebe Grüße
Rike
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BeitragVerfasst am: 17.03.2021 00:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Marina,
 
danke für den Kommentar!

marinaheartsnyc hat Folgendes geschrieben:

Nur hier könntest du vielleicht einen kleinen Rückblick einbauen, finde ich:

DLurie hat Folgendes geschrieben:
Nach dem Abitur zog Linda aus, um zu studieren. Ein Jahr später erhängte sich Ernst im Dachgeschoss. Er hatte einen  Zettel von außen an die verschlossene Tür geheftet:
Ruf die Polizei und komm nicht rein!


Vielleicht einfach nur zwei, drei Sätze, in denen Martha sich an das Licht/den Geruch/ihre körperlichen Empfindungen in dem Moment erinnert. Dann können vielleicht noch ein paar mehr Bilder im Kopf entstehen.

Ja - ich denke die Geschichte bringt bislang insgesamt wenig an direktem Erleben und damit an Kopfkino. Das muss gar nicht sehr viel sein, aber etwas mehr wäre nicht schlecht...
LG
DLurie
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 17.03.2021 00:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Rike,
danke für den Kommentar!  

Rike La hat Folgendes geschrieben:

Und nun die Fortsetzung: Habe ich sehr gerne gelesen und ich bin wirklich gespannt, wie es weitergehen wird... ein Mord? Hui, damit hätte ich nicht gerechnet.

In der Ursprungsfassung stand tatsächlich ein Muttermord am Ende. Das erschien mir dann aber doch irgendwie übertrieben.  Die aktuelle Fassung, die folgt, endet vergleichsweise unspektakulär, ist dafür aber wohl realitätsnäher. (gähn!)

Zitat:
In ihrer Sicht

Rike La hat Folgendes geschrieben:

Müsste es nicht "aus ihrer Sicht" heißen?

Korrigiert.

Zitat:
Ohne Zweifel hat meine Krankheit dazu beigetragen, meine Teilnahmslosigkeit, wenn ich mal wieder abgestürzt war.

Rike La hat Folgendes geschrieben:

bin ich gestolpert, hab ich zuerst so gelesen, als fehle ein Wort. Vielleicht eher: "Ohne Zweifel haben meine Krankheit und meine Teilnahmslosigkeit, wenn ich mal wieder abgestürzt war, dazu beigetragen"?

Da sehe ich eigentlich kein Problem...

LG
DLurie
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 17.03.2021 00:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Fortsetzung und Ende

3.

Sie sitzt im Wohnzimmer und atmet tief durch. Ihr Brustkorb fühlt sich an, als hätte man ihn in einen Schraubstock gespannt. Wenn er doch einfach aufhören würde zu schlagen, dieser verdammte Muskel in  deiner Brust, denkt sie.
Sie könnte nachhelfen. Die Medikamente, die sie täglich gegen zu hohen Blutdruck einnehmen muss, würden bei einer Überdosierung wahrscheinlich dazu führen, dass ihr sieches Herz einfach stehenbliebe. Linda hatte sie darauf hingewiesen; seit Martha sich ein paar Mal mit den Pillen vertan hat, richtet ihre Tochter ihr jetzt die Tagesrationen. In Kombination mit dem Schlafmittel würde Martha vermutlich nicht viel mitbekommen.
Bis zum heutigen Tag schien es ihr undenkbar, dass sie jemals Selbstmord als Ausweg ins Auge fassen könnte. Ihre Bedenken sind nicht etwa religiöser Natur, nein, wenn sie überhaupt an etwas glaubt, dann ans Weiterleben. Insofern ist jeder Selbstmord für sie eine Kapitulation vor dem Leben und dem Kampf, den das Leben unweigerlich mit sich bringt.
Jetzt aber fühlt sie sich leer und unendlich müde, alles erscheint ihr sinnlos und beschwerlich. Und: Niemand wird sie vermissen.
Schwer atmend stemmt sie sich hoch und begibt sich mit dem Rollator in den Flur. Dort hängt in einer Ecke der metallene Arzneischrank. Doch der ist verschlossen, wegen der Kinder, das hätte sie sich denken können. Sie wird Linda beim Mittagessen um einen Schlüssel bitten. Für Notfälle.

Sie sitzt mit ihrer Tochter in der Küche. Linda hat eine Kartoffelsuppe aufgewärmt, isst schnell und konzentriert, während Martha noch nichts angerührt hat.
»Keinen Hunger?«, fragt ihre Tochter, ohne aufzuschauen.
Martha schüttelt den Kopf und beobachtet Linda aus den Augenwinkeln. Sie ist eine attraktive Frau, deine Tochter, denkt sie. Eine Spur zu mollig vielleicht, aber das steht ihr. Der Pferdeschwanz, zu dem sie ihre dunkelbraunen Haare zusammengebunden hat, verleiht ihr ein fast jugendliches Aussehen.
»Was hast du gegen mich, Linda? Seit ich hier bin, vermittelst du mir das Gefühl, als könne es dir nicht schnell genug gehen, bis ich das Zeitliche segne.«
Ihre Tochter blickt erstaunt auf.
»Wie kommst du denn darauf, Mama?«
»Was wirfst du mir vor? Ist es wegen Papa?«
Linda wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr.
»Ich muss gleich wieder los.«
»Bitte, Linda! Gib mir eine Chance zu verstehen!«
»Da gibt es nichts zu verstehen. Du bist, wie du bist.«
»Und was heißt das?«
Linda zuckt mit den Schultern.
»Ich habe Papas Brief an dich gelesen. Der Karton fiel aus einer der Umzugskisten, als du hier eingezogen bist.«
»Verstehe. Und? Was sagt dir der Brief? Meinst du, dass dein Vater noch leben würde, hätte er die richtige Frau an seiner Seite gehabt? Ist es das?«
Linda schweigt.
»Mag sein, dass ich nicht die Richtige war. Aber was soll ich nun tun? Mir ewig Vorwürfe machen? Dein Vater war krank, und ich habe getan, was in meiner Macht stand.«
»Lassen wir das, Mama.«
»Und wie soll es jetzt mit uns weitergehen?«, fragt Martha.
»Versprich mir, dass du dich raus hältst aus meiner Beziehung zu Paul und aus der Erziehung meiner Kinder.«
Martha nickt.
»Versprochen.«
Linda steht auf und streicht ihrer Mutter mit der Hand über die Haare - ein wenig, wie man einen Hund streichelt, so scheint es Martha. Dann verlässt ihre Tochter die Wohnung, um zur Arbeit zurückzukehren.
Martha kostet nun doch etwas von der Suppe, die inzwischen fast kalt ist, aber trotzdem schmeckt. Linda kann kochen, das muss man ihr lassen.
Der Schlüssel für den Arzneischrank fällt ihr ein. Sie hat vergessen, danach zu fragen.
Nein, denkt sie. Du bist aus anderem Holz geschnitzt. Du wirst weiter leben.

« Was vorher geschah123

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Selanna
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BeitragVerfasst am: 17.03.2021 17:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

hier auch noch meine Gedanken beim Lesen:

Zitat:
Sie liegt im Gästezimmer im Bett könnte man umdrehen, da sie nicht in erster Linie im Gästezimmer liegt, sondern im Bett, das im Gästezimmer steht, aber das ist Kleinkram (darum ja auch der ellenlange Satz meinerseits Rolling Eyes ), hat ihr Schlafmittel bereits eingenommen. Auf dem Nachttisch steht ein Foto von Ernst. Er sitzt im Garten, seine Tochter auf den Knien. Die beiden lachen sich an, sind glücklich. Da war Perfekt wäre zumindest möglich, aber bei Altersangaben würde ich auch Präteritum nicht kritisieren Linda etwa zehn Jahre alt.
»Sie hat dich angehimmelt. Und sie kommt eindeutig nach dir«, flüstert sie hier könnte mal ein „Martha“ rein, gerade, weil vorher von Tochter und Linda die Rede war in Richtung des Fotos. »Du warst auch so ein Gefühlsmensch.«
Sie friert ein wenig, zieht die Steppdecke hoch bis zum Hals.
»Warum hast du dich nur davongemacht?« Das Verb zeigt schön, wie sie über den Tod ihres Mannes denkt. Interessant, das würde höchstens bei Suizid passen
In Gedanken kehrt sie zurück in die Vergangenheit. Ernst war ein sanfter Mann, aber auch ein Zauderer, wenig zu gebrauchen, wenn es galt, unangenehme Entscheidungen zu treffen und sich durchzusetzen. Bereits zu Beginn ihrer Ehe plagten ihn kürzere Phasen der Schwermut, die sich im Laufe der Jahre zu einer richtigen Depression auswuchsen. Wenn es ganz schlimm wurde, war er völlig apathisch und verkroch sich ins ausgebaute Dachgeschoss ihres Hauses. Tagelang bekam niemand ihn umdrehen? Ihn niemand? zu Gesicht, er wollte keinen sehen, selbst seine geliebte Tochter nicht. Mit dem Foto ist Dir echt ein Coup gelungen: Der „Infodump“ fließt so wunderbar harmonisch in den Text ein, nachvollziehbar eingeleitet. Daumen hoch Da’s sich hier um einen geschlossenen Rückblick handelt, kann man das Präteritum auch hier rechtfertigen, denke ich
»Was hat Papa denn?«, fragte Linda dann immer nicht zwingend und Martha wusste nicht, was sie antworten sollte. In den letzten drei Ehejahren war er unfähig zu arbeiten, und sie musste den Lebensunterhalt alleine verdienen. Schön, dass Du auch Martha wieder ein paar Facetten gibst, die zeigen, dass sie es auch nicht leicht hatte und nicht nur hart war, sondern auch hart sein musste
In Aus? ihrer Sicht fehlte es Ernst schlicht an der notwendigen falls Du tatsächlich streichst, dann hier: notwendiger Härte und Selbstdisziplin; er nahm den Kampf gegen seine Krankheit gar nicht erst auf, versank stattdessen im in? Selbstmitleid. hartes Urteil einer harten Frau…
Nach dem Abitur zog Linda aus, um zu studieren. Ein Jahr später erhängte sich Ernst im Dachgeschoss. Ach Gott. Das „davongemacht“ passt also wirklich Er hatte einen  Zettel von außen an die verschlossene Tür geheftet:
Ruf die Polizei und komm nicht rein! Na, ob das eine Martha nicht auch noch verkraftet hätte? Er scheint allerdings wirklich sehr feinfühlig und fürsorglich gewesen zu sein, schön charakterisiert

Sie setzt sich im Bett auf, greift neben sich in die Schublade des Nachttischs, entnimmt ihm einen Pappkarton und öffnet ihn Ich habe keine Erfahrung mit Schlafmittel. Wie lang dauert es denn, bis man sich schläfrig fühlt? Ich habe mich das an dieser Stelle zumindest gefragt. Zwei Abschiedsbriefe hatte Ernst hinterlassen, einen offiziellen, in dem nicht viel mehr stand, als dass er keinen Ausweg mehr wisse und dass es ihm Leid klein täte. Und einen zweiten, nur an sie gerichtet, den sie mit anderen persönlichen Dokumenten in dem Karton aufbewahrt. Sie holt den vergilbten Brief heraus und überfliegt ihn erneut der „obwohl“-Satz macht deutlich, dass es sie ihn „erneut“ liest, obwohl sie ihn längst auswendig kennt.

Liebe Martha,
diese Zeilen sind nur für dich bestimmt. Ich habe lange überlegt, ob ich dir diese Worte schreiben soll, jetzt, wo sie nichts mehr nützen.
Ich will ehrlich sein: In meinem Empfinden war unsere Ehe vor allem von Distanz geprägt, mehr Pflicht als Kür, was ich mir nur zum Teil erklären konntekann? Er kann es doch noch immer nicht, als er den Brief schreibt. Ohne Zweifel hat meine Krankheit dazu beigetragen, meine Teilnahmslosigkeit, wenn ich mal wieder abgestürzt abgestürzt assoziiere ich eher mit Sucht, nicht mit Depression. Am Boden war? in ein Loch gefallen war? Beides nicht ideal war. Aber auch in den Phasen, in denen es mir besser ging, sind wir uns selten wirklich nahe gekommen. Dich schien diese Distanz zwischen uns nicht zu stören, du hast sie nicht als Mangel empfunden, so mein Eindruck. Aber vielleicht täusche ich mich. Da fehlt mir was. Er schreibt ihr, dass ihn die Distanz gestört hat, sie seines Erachtens nicht. Ist das nur so eine beiläufige Bemerkung, eine Begründung, warum er Suizid begeht, oder vllt sogar eine Anklage/Schuldzuweisung? Warum schreibt er das? Gleich darauf nimmt er die Aussage zurück „aber vllt täusche ich mich auch“. Müsste da nicht eher etwas kommen wie: Tut mir leid, dass ich Dir nicht geben konnte, was Du gebraucht hättest? Der Mensch sein konnte, dem Du Dich öffnen hättest können? Oder: Mit diesem Mangel konnte ich nicht mehr leben, aber das liegt an mir, nicht an Dir? Oder: Diese Distanz zwischen uns hat mich in den Tod getrieben? – Also irgendeine Begründung, warum er auf diese Distanz zu sprechen kommt. Andererseits: das ist ein Abschiedsbrief einer Figur, vllt willst Du, dass es offen bleibt? Wäre auch okay, aber das Ergebnis wäre dann, dass sich Martha mit diesen Fragen herumschlagen müsste. Wenn sie ein Gefühlsmensch wäre, ähem.
Jedenfalls wünsche ich dir von ganzem Herzen, dass du bald einen neuen Begleiter für deinen weiteren Lebensweg findest, einen, in dessen Umarmung du dich vergessen kannst. Er hat seine Frau nicht wirklich durchschaut, oder? Wink
Ich habe dich immer geliebt.
Dein Ernst


Martha faltet den Brief zusammen und legt ihn zurück in den Karton. Immer wieder hat sie über diese Zeilen nachgedacht, sich gefragt, was genau Ernst in der Ehe fehlte Einerseits: Ja, genau das, was ich meinte: Bei diesem Brief wird sich Martha mit Fragen herumschlagen. Andererseits: Was Ernst in der Ehe fehlte, das schreibt er ja: Nähe bzw. weniger Distanz. – Das sagt mir, dass Martha gar nicht begreift, was zwischenmenschliche Nähe ausmacht? Ist es so gemeint?, ohne eine schlüssige Antwort zu finden. Sie ist sich keines Versäumnisses bewusst, sie war immer loyal, hat ihm zur Seite gestanden, auch in den Jahren, in denen er zu nichts mehr taugte Was ja alles sein kann, aber nichts mit Distanz/Nähe zu tun hat. Sie hat ihrem Mann das gegeben, was sie ihm geben konnte.
Sie sitzt im Wohnzimmer und atmet tief durch. Ihr Brustkorb fühlt sich an, als hätte man ihn in einen Schraubstock gespannt. Wenn er doch einfach aufhören würde zu schlagen, dieser verdammte Muskel in  deiner Brust, denkt sie. Oh, das überrascht mich jetzt. Anfangs dachte ich ja an Alterdepression, davon kam ich aber dann schnell und weg Martha schien mir mittlerweile zu hart für Todeswunschgedanken
Sie könnte nachhelfen. Die Medikamente, die sie täglich gegen zu hohen Blutdruck einnehmen muss, würden bei einer Überdosierung wahrscheinlich dazu führen, dass ihr sieches Herz oh, das ist schön formuliert! einfach stehenbliebe. Linda hatte sie darauf hingewiesenWarum Vorzeitigkeit?; seit Martha sich ein paar Mal mit den Pillen vertan hat, richtet ihre Tochter ihr jetzt die Tagesrationen. In Kombination mit dem Schlafmittel würde Martha vermutlich nicht viel mitbekommen es ist klar, dass Du Dich aufs Sterben beziehst, aber textgrammatisch steht es nicht da. Denn der Bezug davor ist der Hinweis und die Tablettenorganisation der Tochter, Martha würde also davon nichts mitbekommen. Eine Umstellung des Satzes im Text ist aber wohl nicht zwingend nötig.
Bis zum heutigen Tag schien es ihr undenkbar, dass sie jemals Selbstmord als Ausweg ins Auge fassen könnte. so kam sie bis jetzt auch nicht rüber, gut, dass Du das einfügst Ihre Bedenken sind nicht etwa religiöser Natur, nein, wenn sie überhaupt an etwas glaubt, dann ans Weiterleben. Insofern ist jeder Selbstmord für sie eine Kapitulation vor dem Leben und dem Kampf, den das Leben unweigerlich mit sich bringt. Das kam auch so rüber
Jetzt aber fühlt sie sich leer und unendlich müde, alles erscheint ihr sinnlos und beschwerlich. Und: Niemand wird sie vermissen.
Schwer atmend stemmt sie sich hoch und begibt sich mit dem Rollator in den Flur. Dort hängt in einer Ecke der metallene Arzneischrank. Das ist aber ein schneller Entschluss und Sinneswandel. Geht mir ein bisschen zu schnell Doch der ist verschlossen, wegen der Kinder, das hätte sie sich denken können. Sie wird Linda beim Mittagessen um einen Schlüssel bitten. Für Notfälle.

Sie sitzt mit ihrer Tochter in der Küche. Linda hat eine Kartoffelsuppe aufgewärmt, isst schnell und konzentriert, während Martha noch nichts angerührt hat.
»Keinen Hunger?«, fragt ihre Tochter, ohne aufzuschauen.
Martha schüttelt den Kopf und beobachtet Linda aus den Augenwinkeln. Sie ist eine attraktive Frau, deine Tochter, denkt sie. Eine Spur zu mollig vielleicht, aber das steht ihr. Der Pferdeschwanz, zu dem sie ihre dunkelbraunen Haare zusammengebunden hat, verleiht ihr ein fast jugendliches Aussehen.
»Was hast du gegen mich, Linda? Seit ich hier bin, vermittelst du mir das Gefühl, als könne es dir nicht schnell genug gehen, bis ich das Zeitliche segne.« Kein guter Satz, wenn man den eigenen Suizid plant. Nochmal ringsum Schuldgefühle für nach dem eigenen Tod streuen und dann abgehen Rolling Eyes So kommt es zumindest bei mir an
Ihre Tochter blickt erstaunt auf.
»Wie kommst du denn darauf, Mama?«
»Was wirfst du mir vor? Ist es wegen Papa?«
Linda wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr.
»Ich muss gleich wieder los.«
»Bitte, Linda! Gib mir eine Chance zu verstehen!«
»Da gibt es nichts zu verstehen. Du bist, wie du bist.«
»Und was heißt das?«
Linda zuckt mit den Schultern. Kein Absatz
»Ich habe Papas Brief an dich gelesen. Der Karton fiel aus einer der Umzugskisten, als du hier eingezogen bist.«
»Verstehe. Und? Was sagt dir der Brief? Meinst du, dass dein Vater noch leben würde, hätte er die richtige Frau an seiner Seite gehabt? Ist es das?«
Linda schweigt.
»Mag sein, dass ich nicht die Richtige war. Aber was soll ich nun tun? Mir ewig Vorwürfe machen? Dein Vater war krank, und ich habe getan, was in meiner Macht stand.«
»Lassen wir das, Mama.«
»Und wie soll es jetzt mit uns weitergehen?«, fragt Martha.
»Versprich mir, dass du dich raus hältst aus meiner Beziehung zu Paul und aus der Erziehung meiner Kinder.«
Martha nickt.
»Versprochen.«
Linda steht auf und streicht ihrer Mutter mit der Hand über die Haare - ein wenig, wie man einen Hund streichelt, so scheint es Martha Ihr kann man echt nichts recht machen, oder?. Dann verlässt ihre Tochter die Wohnung, um zur Arbeit zurückzukehren.
Martha kostet nun doch etwas von der Suppe, die inzwischen fast kalt ist, aber trotzdem schmeckt. Linda kann kochen, das muss man ihr lassen.
Der Schlüssel für den Arzneischrank fällt ihr ein. Sie hat vergessen, danach zu fragen.
Nein, denkt sie. Du bist aus anderem Holz geschnitzt. Du wirst weiter leben.

Mh. Gute Geschichte. Mir gefiel es, mal etwas Längeres von Dir zu lesen. Nur der Schluss ist für mich zu wankelmütig: Auf einmal verfällt Martha auf den Gedanken an Suizid, will ihn auch gleich umsetzen (ist sie wirklich ein impulsiver (Gefühls-)Typ?), vergisst aber dann ihr Ziel (passt das zu ihr?), konfrontiert ihre Tochter (passt zu ihr), kritisiert sie in Gedanken (passt zu ihr), findet mit ihr einen dahingesagten Kompromiss und isst Suppe, woraufhin sie ihren Suizidplan wieder verwirft. Ich denke, das ist gut möglich, jeder Mensch hat mal „Aussetzer“ und schwache Momente, aber in den letzten zwei Abschnitten einer Kurzgeschichte wirkt das sehr schnell wechselnd und das war bisher nicht mein Eindruck von Marthas Charakter. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das für Martha stimmig ist. – Alternativen, die mir einfallen: Meine favorisierte wäre (natürlich Rolling Eyes ), dass Martha Suizid begeht. Es wäre rund, da für mich auch der Anfang der Geschichte depressiv klang. Eine andere Option wäre, dass sie den Suizid nicht verwirft, sondern während dem Gespräch nicht weiß, wie sie das Thema auf den Schlüssel lenken soll und nach Abgang Lindas auf eine neue Gelegenheit hofft. Oder: Martha denkt nicht an Selbstmord, sondern daran, wie feige der Suizid ihres Mannes war, Du greifst also das „Davonmachen“ von zuvor auf und kannst Vieles im Text, das Du in Todeswunschgedankenabschnitt schreibst, ohnehin so belassen, danach konfrontiert Martha beim Essen Linda folgerichtig mit dem Suizid ihres Vaters (wie Du es ja gemacht hast) und regt sich innerlich weiter über Linda auf, nimmt sich vor, sie und ihre kleine Familie auf den „richtigen“ Weg zu bringen und den Kompromiss zu unterlaufen. – Aber das sind nur Gedankenspielereien zur Anregung.
Insgesamt: Eine schönes Geschichte.

Liebe Grüße
Selanna


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BeitragVerfasst am: 17.03.2021 18:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Selanna,

du hast dir wieder viel Mühe gemacht – danke dafür!

Selanna hat Folgendes geschrieben:

Mh. Gute Geschichte. Mir gefiel es, mal etwas Längeres von Dir zu lesen. Nur der Schluss ist für mich zu wankelmütig: Auf einmal verfällt Martha auf den Gedanken an Suizid, will ihn auch gleich umsetzen (ist sie wirklich ein impulsiver (Gefühls-)Typ?), vergisst aber dann ihr Ziel (passt das zu ihr?), konfrontiert ihre Tochter (passt zu ihr), kritisiert sie in Gedanken (passt zu ihr), findet mit ihr einen dahingesagten Kompromiss und isst Suppe, woraufhin sie ihren Suizidplan wieder verwirft. Ich denke, das ist gut möglich, jeder Mensch hat mal „Aussetzer“ und schwache Momente, aber in den letzten zwei Abschnitten einer Kurzgeschichte wirkt das sehr schnell wechselnd und das war bisher nicht mein Eindruck von Marthas Charakter. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das für Martha stimmig ist. – Alternativen, die mir einfallen: Meine favorisierte wäre (natürlich Rolling Eyes ), dass Martha Suizid begeht. Es wäre rund, da für mich auch der Anfang der Geschichte depressiv klang. Eine andere Option wäre, dass sie den Suizid nicht verwirft, sondern während dem Gespräch nicht weiß, wie sie das Thema auf den Schlüssel lenken soll und nach Abgang Lindas auf eine neue Gelegenheit hofft. Oder: Martha denkt nicht an Selbstmord, sondern daran, wie feige der Suizid ihres Mannes war, Du greifst also das „Davonmachen“ von zuvor auf und kannst Vieles im Text, das Du in Todeswunschgedankenabschnitt schreibst, ohnehin so belassen, danach konfrontiert Martha beim Essen Linda folgerichtig mit dem Suizid ihres Vaters (wie Du es ja gemacht hast) und regt sich innerlich weiter über Linda auf, nimmt sich vor, sie und ihre kleine Familie auf den „richtigen“ Weg zu bringen und den Kompromiss zu unterlaufen. – Aber das sind nur Gedankenspielereien zur Anregung.
Insgesamt: Eine schönes Geschichte.


Ich gehe jetzt mal nicht detailliert auf deine einzelnen Anmerkungen im Text selbst ein. Vieles davon werde ich bei einer Überarbeitung berücksichtigen.

Zu deinem zitierten Summary und den vorgeschlagenen Alternativen: Die Krux der Geschichte ist natürlich das Ende, das hast du sehr schön zusammengefasst. Wankelmütig trifft es gut.
Beabsichtigt war das Psychogramm einer Frau, die als Folge früher traumatischer Erlebnisse hart, um nicht zu sagen gefühlskalt geworden ist, eine Frau, die lange Jahre alleine gelebt hat und nun, als alte, kranke Frau mit ihrer Tochter, die sie ablehnt, konfrontiert wird und indirekt dadurch auch wieder mit dem Selbstmord ihres Mannes.
Selbstmord ist zunächst mal keine Option für diese Frau, das widerspräche ihrem Selbstbild als Kämpferin. Dennoch rückt der Gedanke an Suizid näher, je mehr sie die Ablehnung ihrer Tochter spürt.
Insofern ist wahrscheinlich das plausibelste Ende ein offenes, wie du es ja skizziert hast. Will heißen: sie verwirft den Suizid nicht generell, sondern hält sich die Option offen. Sprich: Zumindest an Teil 3 muss ich inhaltlich noch mal ran. Nach einer Pause. Dieser Text strengt ziemlich an.  
 
O.T. : Du könntest neben der Schriftstellerei als Lektorin tätig sein – hast du schon mal daran gedacht? Du machst das hier wirklich mit sehr viel Herzblut!

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BeitragVerfasst am: 18.03.2021 08:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

danke für den 3. Teil, den ich auch gerne gelesen habe!

Ich bin nur - wie Selanna ja auch schon angemerkt hat - ebenfalls unsicher, ob diese klare Entscheidung gegen den Suizid so stimmig ist.... vor allem so plötzlich, also erst ja, dann nein. Das passt irgendwie nicht zu deiner Prota, finde ich.

Zitat:
Insofern ist wahrscheinlich das plausibelste Ende ein offenes, wie du es ja skizziert hast. Will heißen: sie verwirft den Suizid nicht generell, sondern hält sich die Option offen. Sprich: Zumindest an Teil 3 muss ich inhaltlich noch mal ran.


Ja, das fände ich wohl auch besser...

Aber wie schon geschrieben: gerne gelesen!

Liebe Grüße
Rike
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BeitragVerfasst am: 18.03.2021 16:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,
Zitat:
Beabsichtigt war das Psychogramm einer Frau, die als Folge früher traumatischer Erlebnisse hart, um nicht zu sagen gefühlskalt geworden ist, eine Frau, die lange Jahre alleine gelebt hat und nun, als alte, kranke Frau mit ihrer Tochter, die sie ablehnt, konfrontiert wird und indirekt dadurch auch wieder mit dem Selbstmord ihres Mannes.

Das konnte man herauslesen und das ist eine wirklich hervorragende Idee. Ich mag solche Frauenfiguren in Geschichten sehr gerne, sie haben etwas Verstörendes an sich, sodass man beim Lesen zwischen Mitleid und Ablehnung stecken bleibt und die Erwartungshaltung in zwei Richtungen zugleich aufgebaut wird („sie wird doch jetzt nicht“ und zugleich „eine wie sie wird jetzt natürlich“) und wenn man eine der Erwartungsfronten bricht, geht es einem beim Lesen noch näher. Das gelingt Dir an einigen Stellen wunderbar (gerade in Gedanken an ihren Mann: Sie erfasst etwa seine Liebe nicht (wie kann sie nur!), aber (Bruch) sie kommt nicht über seinen Tod hinweg (grübelt, Brief als Kleinod). Das stupide Staunen vom unemotionalen Außen auf die Gefühlswelt der Anderen, der Neid auf die emotionale Vater-Tochter-Beziehung, das Abwerten des Emotionalen vs. das eigene emotionale Elend, die eigene Verachtung. – Wirklich ein hervorragendes Motiv, das Du da gewählt hast.
Zitat:
Dieser Text strengt ziemlich an.

Das glaube ich Dir aufs Wort.
Zitat:
Nach einer Pause.

Das ist eine gute Idee, das sollte man (imho) vor jeder Überarbeitung so handhaben.
Zitat:
Du könntest neben der Schriftstellerei als Lektorin tätig sein – hast du schon mal daran gedacht? Du machst das hier wirklich mit sehr viel Herzblut!

Das ist sehr lieb, dass Du das schreibst, und es freut mich unglaublich, dass Du das so empfindest! Aber faktisch fehlt mir die theoretische Basis (ich sträube mich immer noch gegen Ratgeberliteratur, die man aber kennen sollte) und so lange man das nur als Hobby macht, kann man sich die Texte aussuchen Wink

Liebe Grüße
Selanna


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BeitragVerfasst am: 18.03.2021 16:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

auch ich gebe nochmal meinen Senf dazu und stimme Selanna und Rike zu, dass mir Martha hier zu wankelmütig wird und das Ganze ein bisschen zu "offen". Entsprechend dem harten Charakter von Martha hätte ich mir ein "hartes" Ende der Geschichte gewünscht - sprich entweder, sie denkt nur ganz kurz an Selbstmord, so in dem Sinne "eine labilere Frau als sie hätte sich vielleicht schon umgebracht, aber das kommt für sie auf keinen Fall in Frage", weil sie ja dann genauso "feige" wie ihr Mann wäre.
Oder aber sie entscheidet sich ganz klar dafür, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist und rechtfertigt das damit, dass sie im Gegensatz zu ihrem Mann damals niemanden zurücklässt - ihre Tochter wird wahrscheinlich froh sein, wenn sie früh stirbt, und auch sonst hat sie keine Verpflichtungen mehr. Anders als bei ihrem Mann damals würde sie ihre Entscheidung dann als stark und selbstbestimmt rechtfertigen. So jedenfalls hatte ich Martha bis dato gelesen.
Und auch, wie sie im letzten Dialog mit ihrer Tochter redet, ist mir leider zu wankelmütig - auf einmal will sie verstehen? Nachdem sie nach dem wiederholten Lesen des Briefs in der Szene zuvor immer noch nicht verstanden hat, was ihrem Mann immer gefehlt hat? Das passt mMn nicht zusammen. Tatsächlich hatte ich Martha ein bisschen als Narzisstin gelesen (ihre komplette Empathielosigkeit gegenüber ihrem Mann und dass sie absolut keine Fehler bei sich selbst sieht sprechen dafür); da passt es wirklich nicht ins Bild, wenn sie auf einmal nach der Perspektive ihrer Tochter fragt.  

Wenn das anders gedacht war und du tatsächlich eine Entwicklung bei Martha zeigen wolltest, dann fände ich das schlüssig, wenn es im zweiten Teil mit dem Lesen des Briefs initiiert wird. Sprich Teil 1 zeigt die bisherige, "harte" Martha, in Teil 2 liest sie zum xten Mal den Brief und plötzlich kann sie zum ersten Mal nach all den Jahren etwas fühlen, hat zum ersten Mal Empathie mit ihrem Mann, alle Dämme brechen, ... und in Teil 3 versucht sie dann dementsprechend eine Annäherung mit ihrer Tochter.

Also um es nochmal zusammenzufassen: Entweder Martha bleibt die "harte" Frau, als die du sie entwirfst, dann fände ich ein "hartes" Ende gut (klare Entscheidung für/gegen Suizid)
ODER aber sie macht plötzlich auf und eine Entwicklung durch, wird weich und wankelmütig.

Again, nur meine persönlichen Anmerkungen, aber vielleicht hilft dir ja etwas davon.

Liebe Grüße
Marina


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