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Familie


 

 
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Tissop
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 30
Beiträge: 177
Wohnort: Frankfurt am Main


BeitragVerfasst am: 26.11.2020 23:11    Titel: Familie eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Welche Bedeutung hat Ihre Familie für Sie, in Ihrem Leben? Ist sie Ihnen wichtiger als Ihr Beruf, oder stellen Sie Erfolg über Blut? 

Blut? Herrjemine. Das ist ein Wort, das in Deutschland, wenn man es zur Beschreibung von Herkunft und familiärer Zugehörigkeit einsetzt, einen Klang hat: So einen, dem bei vielen etwas Archaisches und deshalb Überkommenes anhaftet. 

Warum? 

Wer nicht aus einer Möse kommt, wurde aus dem Bauch seiner Mutter herausgeschnitten. Nennen Sie mir eine dritte Möglichkeit des Geboren-Werdens, eine schmerzfreie, und Sie werden anstandslos ins Universum der historischen Koryphäen emporgehoben werden. 

Keine Geburt verläuft blutfrei. An Ihrem Körper klebte, als sie vom Mutterozean ins Weltlicht gezogen wurden, Blut. Kein anderes als das Blut Ihrer Mutter.

Verstehen Sie nun, was ich mit "Blut" meine? Oder mögen Sie den Gedanken nicht? Das ist Ihr gutes Recht. Vielleicht lesen Sie mehr Zeitung als andere, weil Sie sich mit anderen messen und ihnen geistig überlegen sein wollen. 

Vielleicht stellen Sie das Geistige, Ihr so genanntes "Wissen", dann über elementare Werte. Einer dieser elementaren Werte ist es, Ihre Eltern, wenn sie alt und schwach geworden sein werden, zu pflegen und zu hüten: Denn in der Regel taten Ihre Eltern nichts anderes, als sie ein Kind waren. Richtig? 
Oder falsch? 

Vielleicht beides. Womöglich. Höchstwahrscheinlich.

Doch bitte, tun Sie sich selbst einen Gefallen: Lügen Sie sich selbst nichts durch Sprache vor, so wie jener Zivilfahnder, den ich ein für ein paar Wochen traf. Damals saß ich in einem Gruppenraum voller Beamter, in einer Entzugsklinik, allesamt Alkoholiker. Mich eingeschlossen, denn ich bin von Wodka abhängig. 

In jenem Raum weinte eine Frau, Mitte Fünfzig, vor Glück darüber, dass sie es nun, durch therapeutische Begleitung und den Halt ihrer "Bezugsgruppe" (jenen, mit denen sie ein paar Wochen Therapiezeit verbracht hatte), endlich schaffte, ihre Eltern, die ihr das ganze Leben so sehr zerstört hätten, loszuwerden. Den Kontakt zu "diesen Menschen" würde sie drastisch reduzieren. Und es täte ihr gut, dass diese Menschen in ein Altersheim kämen. 

Ich hörte zu. Lauschte. Nahm Stimmungen wahr. Beobachtete Gesichtsfalten und die Art, wie Wangen und Münder sich bewegten, Pupillen rollten und wie die Aufregung aus Mündern purzelte. 

Doch nach zehn Minuten hielt ich das nicht mehr aus und fiel der Frau ins Wort. 

Ich sagte, dass sie nur diese Eltern habe und dass ich es, der ich selbst Deutscher bin, entsetzlich fände, wie in diesem Land mit alten Menschen umgegangen werde. Dass es für jedes noch so scheinbar unbedeutende Thema ein Amt gäbe, dass die Institutionalisierung für beinahe alle Gesellschaftsschichten existiere; eben auch dafür, vor den Alten "Ruhe" zu haben. 

Hand aufs Herz: Wer putzt einem anderen Menschen gerne den Arsch ab, wenn die Person das selbst nicht mehr kann? 

Aber was taten Ihre Eltern für Sie? Und wenn nicht Ihr Vater, dann doch Ihre Mutter, oder nicht?
Sie hat jahrelang den Gestank Ihrer Kacke gerochen, eingeatmet, und sie gesäubert. 

Oder waren wir alle, 83 Millionen Bundesbürger, in Kinderheimen, in denen das Betreuer übernahmen? 

Also platzte es aus mir heraus und direkt griff ich nicht nur die Frau, sondern meine gesamte Bezugsgruppe an, weil mich deren unreflektierter Umgang mit dem gesellschaftlich Gewohnten, diese glaubensfreie Kruste der Bequemlichkeit, nicht nur ankotzte, sondern vor allem erschreckte. 

Und ich schrie los. Ich schrie so wild, dass mir die Spucke dabei aus dem Mund lief und meine Sprache in einer Pfütze den Boden des Gruppenraums bespritzte. Vor allem konfrontierte ich sie damit, dass sie ihre Eltern vernachlässigen würden.

"Nein", unterbrach der Zivilfahnder mich: "Alte Leute kommen in Deutschland doch nicht mehr ins Altenheim. Das heißt jetzt Senioren-Residenz". 

12Wie es weitergeht »




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Christoph1990
Leseratte


Beiträge: 132



BeitragVerfasst am: 27.11.2020 10:25    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Oder waren wir alle, 83 Millionen Bundesbürger, in Kinderheimen, in denen das Betreuer übernahmen?

Da hinkt die Analogie glaube ich ein wenig ... Könnte einer ja daherkommen und sagen "Wir nennen das jetzt Kindergrippe"...
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Tissop
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 30
Beiträge: 177
Wohnort: Frankfurt am Main


BeitragVerfasst am: 27.11.2020 12:46    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Christoph1990: Danke für dein Feedback.

Was kannst du mir außerdem sagen?

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RoterPanther
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

Alter: 27
Beiträge: 30



BeitragVerfasst am: 01.12.2020 23:34    Titel: Für was? Antworten mit Zitat

hallo Löwe Mikey,

Ich habe deinen Text mit aufmerksamer und nachdenklicher Miene gelesen.

Zitat:
Wer nicht aus einer Möse kommt,
  haha^^

erst wird Blut als gemeinsames zwischen Eltern und Kindern thematisiert, wem gegenüber? In dem Kopf des Protagonisten? Falls ja sind es mindestens zwei.
Wer spricht da mit wem am Anfang??
Eine klarere Definierung der Anfangssituation würde ich mir wünschen.

Zitat:
und meine Sprache in einer Pfütze den Boden des Gruppenraums bespritzte.
auch schön, wobei ich sammelte am Ende passender fände, weil die Sprache nur eine Pfütze bilden kann, aber es wird schwer eine Pfütze zu bespritzen (klingt außerdem auch ziemlich intentionell und wird somit für den Hauptcharakter wohl etwas schwer zu erreichen sein.)

Ansonsten interessante Gespräche, sah es am ehesten als eine Art Szene.

Von der Thematik her kann ich gut verstehen warum die Institutionalisierung von Altenbetreuung und somit die Auslagerung von Menschlichkeit (um die Arme frei für zb. den Beruf zu haben) jemanden wütend machen kann. Versteh ich gut!

Gruß,
Louisa
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