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Schlaf der Klette


 

 
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Tysta Stormkind
Schneckenpost

Alter: 24
Beiträge: 5
Wohnort: Marburg an der Lahn


BeitragVerfasst am: 18.10.2020 21:58    Titel: Schlaf der Klette eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zieh die vielen Träume aus
und singe! mit deinem Atemklang
- hoffen streut dich für und für.
Hier, wo du den Käfig glaubst,
versinke! Ein knöcherner Säulengang
leuchtend deutet Tür um Tür!

In dir liegt der Weltenschoß
- zersplissen bunt! lebt er schlicht
als Hülle, deren Zeit vergor.
Nur der Wind - so grenzenlos
zerrissen wund - hebt das Licht
aus stiller Ewigkeit empor.

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Peter Hort
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 35
Beiträge: 252
Wohnort: Stuttgart


BeitragVerfasst am: 19.10.2020 11:54    Titel: Hallo Tysta Stormkind! Antworten mit Zitat

Hohes Niveau!

Unerklärbar schön! Mehr davon!

Gruß

Peter


_________________
Wenn man es besser machen kann, dann soll man`s besser machen.
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RoterPanther
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

Alter: 27
Beiträge: 30



BeitragVerfasst am: 29.11.2020 20:01    Titel: Antworten mit Zitat

Gott ist das schön. Mehr habe ich hierzu nicht zu sagen.
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anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 719
Wohnort: Bad Nauheim


BeitragVerfasst am: 04.12.2020 15:47    Titel: Re: Schlaf der Klette Antworten mit Zitat

Ich mag die angedeuteten Bilder, kann ihnen aber nicht immer folgen. Mitunter reißt mich aber ein Holpern im Rhythmus raus, so dass ich nicht richtig drüber nachdenken kann.
Gleich der zweite Vers hat eine Silbe zu viel für mein Empfinden, erst recht mit dem (sich mir aber auch nicht erschließenden) Ausrufezeichen, wo ich im Lesen eine kurze Pause mache. Vielleicht empfiehlt sich hier der richtige Imperativ "sing!".
Der dritte Vers beginnt mit einem Gedankenstrich, nehme ich an, nicht mit einem Trennungszeichen, gleichwohl erklärt sich mir "hoffen" nicht, sollte es nicht "Hoffen" sein.
Der vierte Vers enthält wieder ein Ausrufezeichen und ist ebenfalls arhythmisch. Hier reicht es aber nicht aus, einfach nur das e bei "versinke" wegzulassen, "knöcherner" ist zu vielsilbig für die Zeile (oder ich nuschele beim Lesen nicht genug). Bisschen sperrig im Lesen, aber rhythmisch passend wäre "versink! ein knöchner Säulengang".
Der Reim von "aus" auf "glaubst" gefällt mir nicht, aber ist mir auch erst beim wiederwiederholten Lesen aufgefallen, ist also offensichtlich nicht zu störend.

In der zweiten Strophe habe ich in der zweiten und fünften genau das gegenteilige Problem: Jeweils eine Silbe fehlt mir für einen angenehmen Leserhythmus. Das Ausrufezeichen in der zweiten Zeile erschließt sich mir wieder nicht.
Wobei: wenn ich im vierten und fünften Vers jeweils über den Reim lese, dafür aber eine Atempause bei den Gedankenstrichen mache, erwische ich ganz knapp einen eingängigen Rhythmus. Bei der ersten Hälfte der zweiten Strophe funktioniert das auch einigermaßen, bei der ganzen ersten Strophe gelingt mir das nicht.

Inhaltlich gefällt mir vor allem S1V1: "Zieh die vielen Träume aus", dieser Aufruf, sich aus einem schlafenden Zustand (sei es nun Knospe, Kindheit oder Jugend) zu befreien, ihn abzustreifen, weiterzugehen in der persönlichen Entwicklung. Und ja, es ist im ganzen eine Pflanze, die da beschrieben wird, aber in dieser ersten Zeile ist der Anklang an etwas darüber hinausgehendes spürbar, und das gefällt mir so gut.

In S1V2 reibe ich mich ein bisschen am "Atemklang", denn so interessant das Wort ist, so sehr klingt es für mich nach einem grobgezimmerten Synonym für eine Stimme (auch wenn es offensichtlich bei Atem- und Stimmentherapeuten ein gebräuchlicheres Wort ist). Ich assoziiere damit aber vor allem den Griff nach einer epischen Höhe, die das Wort allein aber nicht erreicht.
Gleichzeitig begreife ich das Singen in dem Kontext dieser Strophe nicht, außer ich nehme es als metaphorische Blüte, dann reicht es mir aber auch nicht so recht (ohne dass ich das jetzt näher belegen könnte).

In S1V4 vermute ich den "Käfig" als Erdboden, also als den Ort, dem der Same nicht mehr entkommen kann. Gleichzeitig assoziiere ich einen Käfig mehr als etwas aufrecht umfassendes, nicht als etwas, in das man hineinsinken könnte.

Den "knöchernen Säulengang" in S1V5 finde ich gleichermaßen ansprechend wie irritierend, weil ich mich zunehmend frage, ob ich eine falsche Vorstellung von Klettfrüchten habe oder davon, was das Gedicht anspricht. Nicht, dass ich nicht eine weißliche, harte Cellulosekapsel als Knochenersatz lesen könnte, aber irgendwie weiß ich selbst nach Konsultation des Internets und eines enttäuschenden Botanikbuchs, wie sich die Beschreibungen dort auf die Beschreibung hier übersetzen lassen.
Spätestens hier wird außerdem jede Assoziation enttäuscht, die das Gedicht über ein reines Pflanzenporträt transzediert hätten. Was nicht generell schlimm ist, ein schönes Pflanzengedicht ist ja auch hübsch. Nur ist manchmal eine Metaebene eben auch schön.

In S2V1 erkenne ich im "Weltenschoß" natürlich das Füllhorn der Möglichkeiten und gleichzeitig einen Genpool, der die Sprache des Lebens spricht (oder so), gleichzeitig ist das Bild schief, denn ein Schoß gebärt, in ihm liegt gewissermaßen das Potential auf die Welt. Im Vers allerdings liegt der Schoß in der Klette selbst, wie eine Matrjoschka versenkt sich also das Bild tiefer in sich selbst. Und umgekehrt muss also der Schoß selbst erst geboren werden, um die Welt gebären zu können, und wenn ich dann schon an der Stelle hänge, frage ich mich auch, ob "Weltenschoß" nicht durch einen anderen Begriff ersetzt werden hätte können. Es klingt nämlich fast ein bisschen nach überzogenem Pathos, dass in der Klette gleich der Schoß von Welten liegen soll und nicht nur der Beginn des Lebens einer neuen Klettenpflanze.

In S2V2 mag ich das "zersplissen bunt", auch wenn mir dann der Widerspruch zu "lebt er schlicht" etwas aufstößt. Ich glaube allerdings zu lesen, dass der Schoß selbst schlicht (bzw. eine schlichte Hülle) ist, in sich aber eine bunte Vielfalt an Leben trägt, sprich: Kletten verschiedenster Farben und Ausprägungen.

Die "vergorene Zeit" in S2V3 ... jein, wobei ich akut weder sagen kann, welcher Anteil mir weniger gefällt. Einerseits denke ich bei Vergärung vor allem an Entstehung von Alkohol durch bakteriellen Umbau von Zucker, was bei Pflanzenteilen vor allem auf der Basis von Fruchtfleisch passiert, was aber eine Klette nicht hat. Und andererseits gefällt es mir nicht dass es die Zeit der Hülle ist, die vergärt. Das Bild soll wohl sein, dass die Schutzschicht um die Weltenschoßhülle abgebaut ist, von der Zeit zersetzt quasi, erodiert. Oder dass die Zeit der Umhüllung beendet, abgelaufen ist, und daher die Samen aus dem Weltenschoß in die ... äh ... Welt hinausgetragen werden. Als Bild kann ich mir das erschließen, es evoziert sich mir aber nicht aus der Sprache selbst.
Das ist, denke ich, die Gefahr, wenn Pathos und Reim internen Zusammenhängen vorgezogen werden. Ich bin überzeugt, dass eine Wortwahl hätte gefunden werden können, die das Bild richtig ausdrückt, was sich dann aber nicht mehr auf -los, Licht und empor gereimt hätte.

Auch der Wind bereitet mir Probleme (und hier muss ich über die gesamten letzten drei Verse der zweiten Strophe gehen). Denn Kletten sind ja nun keine Pflanzen, die auf den Wind zur Bestäubung oder Verbreitung angewiesen sind (und hier ist mir erstmals der Gedanke gekommen, dass es sich im Gedicht gar nicht um die Frucht, sondern um die Blüte handeln könnte). Insofern frage ich mich, was der Wind denn mit der Klette nun tut: er "hebt das Licht (...) empor". Welches Licht? Das Licht des Lebens, sprich: der neue Spross, die nächste Klettenpflanze? Inwiefern braucht es hierzu den Wind? Welchen Anteil hat der Wind an der Keimung des Klettensamens? Oder, wenn es sich um die Blüte handelt: welchen Anteil am Austrieb der Röhrenblüten? Oder ist der Wind eine Metapher? Immerhin ist er "so grenzenlos zerrissen wund", was für einen Wind recht ungewöhnlich ist (falls sich der Einschub nicht unerkennbar auf etwas anderes als den Wind beziehen sollte). Wie verwundet man den Wind? Wie zerreißt man den Wind? Und selbst die Grenzenlosigkeit ist nicht immer gegeben, ist doch Wind nur eine Folge von Luftmassenverschiebungen und Druckausgleichen (wenn ich das richtig verstanden habe; bin ja kein Meteorologe). Und das "so"? Scheint mir eine Füllsilbe zu sein, die nichts näher beschreibt, schon gar nicht, wie grenzenlos zerrissen wund (eben fällt mir auf, dass der Wind auch grenzenlos zerrissen sein könnte, was auch nicht richtig klingt) der Wind ist.
Und schließlich die "stille Ewigkeit" in der das Licht lag, bevor der Wind es emporgehoben hat. Nein, das ergibt bei mir kein schlüssiges Bild. Ja, ich empfinde das Pathos darin, ich erkenne die Wartestellung, die darin lauert, die Keimruhe eines Samens, aber es klingt so ungreifbar, so ungriffig für eigentlich ein schönes Bild, das nämlich aus etwas scheinbar Totem neues Leben entsprießen kann. Zumal die "stille Ewigkeit" so unangenehm nach Klischee klingt, denn wie sonst ist wohl die Ewigkeit, wenn nicht still. Eine laute Ewigkeit kann man sich nicht vorstellen, eine krachende Endlosigkeit, ein dröhnendes Nichtweitergehen. Und doch läge genau hier das Überraschende, Drängende, Treibende, das ich genau hier erwarte, wenn aus dem (ich wiederhole mich) Vergangenen Neues entsteht und ans Licht und ins Leben strebt. Hat halt mit dem Wind nichts zu tun.

So. Jetzt habe ich fast jede Zeile und fast jedes Wort auseinandergenommen, und ich bin mir bewusst, wie gemein das alles klingt. Dabei ist es gar nicht so gemeint. Ich finde die Stimmung in dem Gedicht schön, mir gefallen die Bilder, die ich aus deiner Betrachtung eines scheinbar leblosen Objektes herausarbeiten kann. Dass ich aber selbst als Leser mehr zum Interpret werden muss, und dass ich bei dieser Interpretation dann über so viele Ungereimtheiten (haha! Ironie! Entschuldigung) stolpere, nimmt mir die Lesefreude. Nicht so sehr, dass ich deinen Text nicht mehr schön fände, aber ich sehe darin jetzt so viel Verbesserungspotential (durch nicht mal so große Arbeiten), dass ich mich darauf freue, wenn Du eine überarbeitete Version davon in die Werkstatt stellen könntest.
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Patrick Schuler
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 27
Beiträge: 994



BeitragVerfasst am: 05.12.2020 16:38    Titel: Antworten mit Zitat

oahh krass! das ist gut, das werde ich noch mehrmals lesen.
danke fürs teilen!

lg
patrick


_________________
in unserer welt
gehen wir hin über höllen
und sehen die blumen

"Issa"
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Tula
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 846
Wohnort: die alte Stadt


BeitragVerfasst am: 05.12.2020 22:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Tysta
Genau so geht moderne Lyrik! - Wunderbarer Text. Andeutungsweise und frei für die Interpretationen des Lesers, denn jeder will seine eigenen Schätze in den Säulengängen suchen und finden.

Dennoch ein Vorschlag: 'deutet leuchtend Tür um Tür' fände ich besser.

LG
Tula


_________________
aller Anfang sind zwei ...
(Dichter und Leser)
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Leinad
Geschlecht:männlichErklärbär

Alter: 30
Beiträge: 1
Wohnort: Stuttgart


BeitragVerfasst am: 09.12.2020 10:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Tysta,

Dein Gedicht macht mir große Freude.

Meine konstruktiven, 'technischen' Gedanken will ich kompakt formulieren:

1. Du arbeitest eher mit harten Fügungen. Mir persönlich gefällt Deine Dunkelheit. Etwas klarer zu sein, wird aber wahrscheinlich die allgemeine Rezeption erleichtern. Die zweite Strophe scheint mir zu dunkel; die angebrachten Wörter/Begriffe stärker zu konzeptualisieren/elaborieren könnte helfen.

2. Wörter wie "Weltenschoß", "Licht"  und "Ewigkeit" scheinen mir gefährlich, einen Text pathetisch wirken zu lassen. Eine sparsamere Verwendung dieser Schwergewichte erhöht die Klarheit und kann einzelne auch stärker wirken lassen.

3. Rhythmus und Metrum können wohl immer verbesser werden.

Herzlich

Daniel
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