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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig RIMALVI - scheinbar


 

 
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Luis Vänster
Geschlecht:männlichSchneckenpost

Alter: 22
Beiträge: 8
Wohnort: Baden-Württemberg


BeitragVerfasst am: 28.10.2020 10:38    Titel: RIMALVI - scheinbar eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich habe es in die Werkstatt geschafft!
Im Einstands-Bereich habe ich bereits den Anfang meines Manuskripts "scheinbar" geteilt und mich schon über einige Vorschläge und Feedback freuen können. Ich habe jetzt hier die neueste und auch längste Version für Euch. Ich hoffe, ihr haltet durch und ich bin gespannt auf eure weiteren Kritiken und Ideen.
LG Luis


PROLOG
Rom, 2014

Ich stand wie angewurzelt mitten auf der Piazza Navona. Meine behandschuhten Hände umklammerten das Smartphone, auf das ich ungläubig starrte. Der Moment war gekommen, auf den ich fast fünf Jahre gewartet hatte.
„Post von L.“, lautete Chiaras kurze Nachricht.
Langsam hob ich den Kopf und mit einem Schlag drangen die Stadtgeräusche wieder zu mir durch. Ich stieß zittrig eine Atemwolke in die kalte Novemberluft, ließ das Handy in meiner Manteltasche verschwinden und machte mich auf den Weg. An der Haltestelle zögerte ich und entschied mich dann für den Fußweg. Mit dem Bus wäre ich schneller zuhause, aber ich brauchte jetzt Bewegung und einen möglichst klaren Kopf. Die gedankliche Vorbereitung der letzten Jahre hat nicht viel gebracht, merkte ich. Ich fühlte mich wie überfahren und gleichzeitig wie elektrisiert. Als ich mein Viertel erreichte, verfiel ich in Laufschritt, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und zu rennen begann. Die kalte Luft stach in meiner Lunge, die Brille hüpfte bei jedem Schritt auf der Nase und meine Stiefel klatschten rücksichtslos durch Regenpfützen.
An der letzten Kreuzung blieb ich atemlos stehen, stemmte die Hände in die Seiten und blinzelte Tränen aus den Augen. Zusammenreißen, ermahnte ich mich.
Tausende Fragen stürzten auf mich ein. Ich schluckte.
Zögernd setzte ich erst einen Fuß vom Gehsteig und überquerte dann die Straße. Ich drängte mich gerade zwischen zwei parkenden Autos hindurch, da gab es einen gewaltigen Schlag. So heftig, dass der Boden erzitterte. Sekundenbruchteile später stiegen dunkelgraue Wolken aus einem Hausdach etwa hundert Meter von mir entfernt empor.
Fassungslos starrte ich auf den Qualm, vernahm entfernt entsetzte Schreie. Wie von selbst trugen mich meine Beine auf das Haus zu. Ich ließ meine Tasche fallen, zog meinen Pullover über Mund und Nase, ignorierte die Rufe der Nachbarn und entriss mich den Griffen der Leute.
Zwei Stufen auf einmal nehmend hetzte ich die Treppe hinauf.
„Chiara!“, schrie ich panisch und stürzte durch das Loch, wo noch vor kurzer Zeit unsere Wohnungstür gewesen war.  „Chiara!“


KAPITEL 1
Rom, 2021

Die Maisonne erhob sich langsam aber stetig über die roten Hausdächer und tauchte alles in ein sanftes bläulich getöntes Licht. Die Stadt schlummerte noch träge, nur eine Katze mit tränenden Augen hetzte geduckt über den Gehsteig. Die Straße war wie leergefegt, der nächtliche Wind hatte den achtlos fallen gelassenen Müll an die Kanten geweht. Zwei Tauben zankten sich um den Inhalt einer Plastikbox.
Vor einem alten Palazzo saß eine Frau, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und das Kinn darauf gebettet. Die flachen Steinstufen waren noch kalt. Sie fühlten sich beinahe feucht an, so glatt waren sie.
Ciocca löste den Blick von ihren dreckigen, früher einmal weißen Schuhen, hob den Kopf und straffte die Schultern. Sie nahm das Brioche aus der Papiertüte, die zusammen mit dem schwarzen Rucksack neben ihr lag. Sich immer wieder die Krümel von der Hose wischend, aß sie ihr Frühstück und behielt dabei den Eingang des Hauses schräg gegenüber im Blick. Auf die Minute genau fuhr das erste Auto diesen frühen Morgens vor, zwei Männer stiegen aus und verabschiedeten die Frau, die schon hinter der Gittertür gewartet hatte, in den verdienten Dienstschluss. Ein normaler Schichtwechsel der Sicherheitsmitarbeiter. Wäre da nicht der etwas mollige junge Kerl, der mit großen Schritten zum Eingang hinaufeilte und sich den zwei Männern vorstellte. Sie tauschten einen verwunderten Blick und winkten dann ihren neuen Kollegen hinein. Langsam schloss sich die schwere Glastür hinter den dreien und vor der wieder verlassenen Straße. Die Sonne schaffte es über das nächste Gebäude und reflektierte grell in den goldenen Buchstaben über dem Eingang.
Ciocca knüllte die Tüte zusammen, legte sich ihr Handy in den Schoß und entwirrte die Kabel. Mit routinierten Bewegungen schob sie die Kopfhörer in die Ohren und wählte den einzigen Titel in der Playlist an.
Das Lied war eines jener Musikstücke, das sich je nach Laune unterschiedlich anhörte und einen anders stimmte. Heute klang es regelrecht euphorisch mit einem leicht hektischen, drängenden Unterton. Es ließ Ciocca sich leichter fühlen und pointierte ihre positive Aufregung, die fast schon einer Art Vorfreude ähnelte.
Ihre Füße zuckten unruhig. Sie konnte niemals still sitzen und das Warten war ihr verhasst. Aber sie hatte gelernt, wie wichtig es war zu beobachten. Ciocca sammelte das Wissen, es gab ihr Sicherheit und Kontrolle.
Und das war das, was ihr Halt gab. Vielleicht hatte sie deshalb auch die einzige Schallplatte mitgenommen. Ciocca hatte sie hinter einem Regal gefunden, das Titelbild gefiel ihr. Sie steckte die Hülle in ihre kleine Tasche, in der sich nur ein paar wenige Klamotten und ihre blecherne Schatzdose befanden. Alles andere ließ sie zurück. Zurück in dem alten Leben, das mittlerweile schon elf Jahre hinter ihr lag.
Das Klavierstück neigte sich zu Ende und Ciocca versuchte die Stille in sich aufzunehmen. Sie wusste, dass das unmöglich war, die Anspannung fiel niemals von ihr ab. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren gleichmäßigen Herzschlag. Ciocca genoss es allein zu sein, denn dann fühlte sie sich nicht so einsam wie in Gesellschaft anderer.
Etwas berührte ihre Hand und sie fuhr erschrocken zusammen. Vor ihr saß ein hechelnder Golden Retriever und blickte sie aus treuen Augen abwartend an.
„Ich hab nichts für dich.“, flüsterte sie und streckte vorsichtig die Hand aus, strich ihm über die weichen Ohren.
„Eddy!“
Ciocca musterte den Mann in zerrissenen Jeans und Pullover auf der anderen Straßenseite. Sein Gesicht wurde von der tief in die Stirn gezogenen Kapuze verdeckt.
„Eddy!“, wiederholte er, „komm her!“
Der Hund trat die Stufen hinunter und galoppierte mit wedelndem Schwanz auf sein Herrchen zu. Ciocca blickte den beiden nach, wie sie in vertrauter Zweisamkeit um die Ecke bogen.
Der Hauch ihrer erzwungenen Ruhe war endgültig verraucht, Ciocca stand auf und schulterte den Rucksack. Sie ließ das Lied erneut abspielen und verschwand in entgegengesetzter Richtung die Straße hinunter.


KAPITEL 2

Ein paar Stunden später, genauer gesagt um 10:36 Uhr schritt eine junge Frau mit schwarzen Locken, braunen Augen hinter großen modischen Brillengläsern, in lässigen Jeans und einem grauen Strickpullover die Stufen zum Eingang der Galleria Comino Galtelli in der Via Funtano hinauf. Sie hielt kurz inne, blickte zu dem Schriftzug hinauf. Die Sonne war um die Ecke gezogen und ließ ihn nicht mehr spiegelnd leuchten. Sie schluckte die aufkeimende Nervosität hinunter und stieß die Tür auf. Über der Schulter trug sie einen roten Sportbeutel und auf dem Gesicht ein Lächeln, das nur ihre Lippen umspielte. Sie reichte der Frau an der Kasse den Studierendenausweis und passierte daraufhin ohne Probleme die Sicherheitsschleuse. Zielstrebig durchquerte sie das Foyer und wählte die Treppe ins erste Obergeschoss. Auf der Galerie angelangt, trat sie an das eiserne Geländer und tippte eine kurze Nachricht auf ihrem Handy.
Im nächsten Moment kam ein ungleiches Paar aus dem Gang zu den Toiletten in den Hauptausstellungssaal gelaufen. Der Mann platzierte eine Musikbox auf der Stele neben einer Plastik aus bunten Glasstäben, was im selben Augenblick einen schrillen Alarm auslöste. Die Frau in einem langen dunkelblauen Kleid begann sich grazil zu der Musik zu bewegen und schwebte zwischen den Kunstwerken umher.
Zwei bullige, aber sehr diskrete Wachmänner stürmten den Raum und geleiteten das sich windende Paar hinaus auf die Straße.
Die Frau auf der Galerie verfolgte die Szenerie mit ausdruckslosem Gesicht und verschickte eine weitere Anweisung.
Zwei Minuten später hatte es der neue Sicherheitsangestellte geschafft, das Warnsignal auszuschalten. Mit eingezogenem Kopf entschuldigte er sich bei den restlichen Museumsbesuchern für die Unannehmlichkeiten und verschwand hektisch zurück ins Büro.
Die Schwarzhaarige fokussierte mit zusammengekniffenen Augen die Person, die von dem Mann im Kapuzenpullover auf den Eingangsstufen grob angerempelt wurde. Sie wedelte empört mit den Armen und betrat kopfschüttelnd die Kunstgalerie. Diese ungestüme Begegnung veranlasste sie dazu, die Kassiererin in ein erregtes Gespräch zu verwickeln.
Die Frau mit den dunklen Locken steckte zufrieden lächelnd das Telefon in die Tasche und machte ein paar langsame Schritte rückwärts, dann huschte sie unbemerkt durch die Tür in den Flur. Sie lief nahe an der Wand entlang, zog mit einer fließenden Bewegung den Beutel von der Schulter, ließ ihn in einem Putzwagen verschwinden und hängte sich sogleich eine identische Tasche ums Handgelenk. Ungerührt betrat sie die menschenleere Sala Nuora, legte den Beutel neben einer Bank ab und entnahm ihm ein Paar Handschuhe und eine Zange. Langsam und vorsichtig hob sie die Glasvitrine an, knipste die vier Drähte an jeder Kante durch, legte den Deckel beiseite und verstaute den Inhalt in mit Stoff ausgelegten Kästchen. Nachdem sie auf dem leeren Sockel eine schwarze Visitenkarte mit weißer Aufschrift hinterlassen hatte, platzierte sie den Deckel wieder, hob ihre Tasche auf und wandte sich gerade zum Gehen, als der Alarm wieder einsetzte. Mit einem Knirschen löste sich das Sicherheitsgitter aus der Decke und sank in Richtung Boden. Fluchend stürzte sie zu dem einzigen sich schließenden Ausgang.
„Moment!“
Sie wirbelte herum und sah sich einer Frau mit verschränkten Armen gegenüber. Sie stand in einer Mischung aus ängstlicher Anspannung und gefährlicher Entspannung neben der leeren Vitrine.
„W…“, ihr blieb das Wort und die anschließende Frage im Hals stecken. Innerlich verfluchte sie Rico aufs Übelste. Aus dem Augenwinkel sah sie wie das Gitter sich mit einem letzten Rucken auf die Steinfliesen senkte. Sie war eingesperrt. Mit einer fremden Frau. Und Schmuckstücken im Wert von etwa 2,4 Millionen Euro.
„Das Wachpersonal wird seine Kontrolle im Sala Imperiale beginnen. Sie brauchen ungefähr zwei Minuten bis sie ins Obergeschoss wechseln. Ich weiß, wie wir hier herauskommen. Aber das werde ich dir erst sagen, wenn du meinem Deal zugestimmt hast.“, erklärte ihr die Frau mit mühsam ruhiger Stimme.
Die Schwarzhaarige musterte sie skeptisch. Ihr Gegenüber trug die Uniform einer Museumsangestellten. An ihrer Brusttasche steckte ein Namensschild, das sie aber nicht lesen konnte. Sie hatte absolut keine Ahnung wie sie unbemerkt in den Saal hatte gelangen konnte.
Sie kontrollierte die Uhr an ihrem Handgelenk. 10:52 Uhr. In einer Minute würde Izzet beginnen sich zu fragen, was schiefgegangen war.
„Was für ein Deal?“
„Ich bin ab jetzt Teil deiner Crew.“
Sie lachte freudlos auf.
„Sicher.“
Die Frau zuckte mit den Schultern, ihr Gesichtsausdruck sagte nichts über sie aus.
„Ich kenne deinen Namen.“
„Ist klar.“
Sie schnaubte, wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Panik sandte Gänsehautschauer über ihren Rücken.
„Ciocca Celoya.“
Ihr stockte der Atem und sie konnte nicht anders als ihr Gegenüber fassungslos anzustarren. Sie hatte mit einem Flunkern gerechnet, oder wenn diese Frau tatsächlich etwas hatte, mit dem einen oder dem anderen Namen. Aber nicht damit.
Die Gedanken rasten durch ihren Kopf, sie suchte nach Auswegen und Erklärungen und fand auf die Schnelle tatsächlich nur einen.
„Gut. Wie kommen wir hier raus?“
„Danke. Das wirst du nicht bereuen. Ich bin Lisann.“.
Sie wagte es wirklich Ciocca lächelnd eine Hand entgegenzustrecken, die diese geflissentlich ignorierte.
„Links neben der Tür, hinter dem Hocker befindet sich eine Platte. Dahinter sitzt der Sicherungskasten.“
Ciocca wartete keine Sekunde, riss den Schemel zur Seite, zerrte die Handschuhe ab und krallte ihre Finger hinter die Kante der in derselben Farbe wie die Wand gestrichenen Verkleidung. Mit der Zange durchtrennte sie alle Kabel, die sie in dem Hohlraum fand. Blitzschnell war sie wieder auf den Beinen und packte Lisann am Oberarm.
„Eine falsche Bewegung.“, zischte sie ihr warnend ins Ohr und bedeutete ihr mit einem Wink ihr zu folgen. Gemeinsam stemmten sie das Tor hoch und schlüpften unten durch. Auf der anderen Seite rannte Lisann sogleich los, dicht gefolgt von Ciocca. Sie erreichten das Fluchttreppenhaus im selben Moment wie die Wachmänner das erste Obergeschoss. Ciocca krallte eine Hand in den Blazer ihres neuen Teammitglieds und bugsierte sie auf die andere Seite des Podests.
„Hoch, nicht runter!“
Mit einem kräftigen Schubs schickte sie Lisann die Stufen hinauf.
Atemlos erreichten sie das oberste Geschoss, wo Ciocca die Tür aufstieß und auf das Dach hinaustrat.
„Was hat so lange gebraucht?“, fragte Izzet sofort ungehalten, gefolgt von einem entsetzten Blick auf Cioccas Begleitung.
„Die gehört jetzt zu uns. Lass sie nicht aus den Augen! Alles andere klären wir nachher.“
„Hast du die Steine?“, wollte Izzet mit einem kritischen Blick auf Lisann wissen.
„Ja, und jetzt weg hier.“


KAPITEL 3

Der schwarze Alpha Romeo hielt mit quietschenden Reifen vor dem prächtigen Gebäude, heraus sprang ein Mann Mitte dreißig, Dreitagebart, schwarze Hose, weißes Hemd, die obersten Knöpfe offen. Ohne seinen zügigen Schritt zu verlangsamen hielt er den beiden Carabinieri seinen Ausweis hin, bückte sich unter der Absperrung hindurch und schritt auf seine Kollegin zu, die bereits im Foyer mit einem aufgeschlagenen Tablet auf ihn wartete.
„Was haben wir?“, fragte er noch bevor er sie erreicht hatte. Mittlerweile hatte sie sich schon so an ihn gewöhnt, dass bei seinem barschen Eintreffen nur noch ihre Augenbrauen zuckten.
„Das gleiche wie immer. Zeugen, die sich an viel erinnern, aber an nichts was uns helfen könnte. Kameraaufnahmen der letzten fünf Minuten in Dauerschleife. Eine Unterbrechung der Laserüberwachung. Eine leere Vitrine.“, sie seufzte müde, „es fehlen drei Ringe und zwei Armbänder. Der Wert wird auf 2,5 Millionen geschätzt.“
Die beiden Ermittler hatten die Sala Nuora erreicht, in der drei Beamte bereits dran waren Spuren zu sichern.
„Buon giorno. Seid ihr schon fündig geworden?“
Auf seine Frage erntete er freudloses Gelächter. Einer der Männer drückte ihm ein Plastiktütchen in die Hand. Darin befand sich eine schwarze Karte, auf der in geradlinigen weißen Buchstaben der Name RIMALVI prangte. Die bekannteste und meistgesuchte Diebesbande von Italien, gemeinhin nur „die Wölfe“ genannt, hatte erneut zugeschlagen. Am helllichten Tag in einer der bestbesuchten Galerien von Rom.
„Okay.“, er ließ das Fundstück in eine der geöffneten Boxen fallen und wandte sich wieder an seine Kollegin, „und weiter?“
„Den Zeugenaussagen nach können wir vier Bekannte zuordnen. Die Tänzerin, ihr Begleiter im Kapuzenpullover, die Frau, an deren Gesicht sich noch nie jemand erinnern konnte und ein scheinbar neuer Mitarbeiter der Sicherhei…“
„Warte! Was ist das hier?“
Er ging neben einem aufgebrochenen Hohlraum in der Wand in die Hocke.
„Der Alarm ging los und die Gitter fuhren runter. Der Dieb hat alle Kabel zerschnitten und konnte so fliehen. Diesmal über die Dächer.“
Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf Marc d’Agostinos Gesicht aus. Ungeduldig winkte er einen der Spurensicherer herbei.
„Ich denke, wir haben ihn. Auf der Platte befinden sich Fingerabdrücke.“


KAPITEL 4

„Bist du eigentlich noch ganz bei Trost?!“, fuhr Alasca sie an. Immerhin hatten sie ihn soweit beschwichtigen können, dass er Lisann nicht mehr mit seinem guten japanischen Messer bedrohte. Zwar lag es immer noch nahe neben einem Haufen gehäckseltem Gemüse, das er wütend malträtiert hatte, aber Alasca lehnte mit rotem Kopf an der gegenüberliegenden Küchenzeile.
„Was hätte ich denn machen sollen?“, brüllte Ciocca, packte ihn am Kragen und zog sein Gesicht an ihres heran.
„Ciocca, bitte. Kommt runter. Beide“, bat Milly inständig, drückte Ciocca auf einen Stuhl und sah auf die Türöffnung, in der bunte Plastikgirlanden den Blick auf die Kammer dahinter verdeckten. Dort wartete Lisann an ein Metallregal gefesselt, mit monströsen Kopfhörern über den Ohren und einem von Vittorias bunten Tüchern im Mund.
Ciocca holte tief Luft um wieder zu einer Rechtfertigung anzusetzen, aber Vittoria unterbrach sie mit einem Abwinken.
„Es ist, wie es ist. Machen wir das Beste draus.“
Sie zuckte mit den Schultern und platzierte eine Gruppe Tassen auf einem Tablett.
„Wie kannst du da so cool bleiben?“
Alasca machte einen Schritt in Richtung der Kammer, aber Milly legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm.
Ungerührt trat Vittoria durch die Schwingtür hinaus ins Café. Sie war die Inhaberin des Scarpa, wo sie immer zusammen trafen. Unscheinbar präsentierte es sich mit einer kleinen Anzahl runder Tischchen in einer ruhigen Seitenstraße. Die Küche war grundsätzlich von Alasca in Beschlag, der dort außergewöhnliche Essenskreationen zauberte, wenn er nicht gerade auf einem seiner Streifzüge war. Zwischen den beiden Reihen der blitzblanken Edelstahltheken kam man durch eine unauffällige Tür in die beiden Hinterzimmer. Im ersten Raum fand sich ein großer weißer Tisch mit einem bunten Sammelsurium an Sitzmöglichkeiten. An der einen Wand hing eine Korktafel, die über und über mit Karten und Plänen bedeckt war. An der anderen Seite befand sich eine Reihe massiver Schränke, in denen man von Perücken, über hochwertige Papiere und Stempel, bis zu Tresoren voller Geldbündel alles nur Erdenkliche finden konnte. Die schmale Fensterreihe war von zerfledderten Jalousien verdeckt, durch die man einen Blick in einen tristen Hinterhof erhaschen konnte. Von dem Besprechungszimmer aus kam man in eine Werkstatt, deren Wände mit Eierkartons verkleidet waren. An der Decke hingen dunkle Stoffbahnen, was den Eindruck, man würde sich in einem Musikstudio befinden, noch zusätzlich verstärkte. Die Einrichtung passte allerdings überhaupt nicht zu diesem Gedanken. Eine umlaufende Holzplatte spannte sich durch den Raum, davor waren einige Hocker platziert. Auf schiefen Regalen standen Farbtöpfe, Becher voller Pinsel und offene Werkzeugkisten. Das war Izzets Reich. Es war ein einziges Chaos, aber alles hatte seinen bestimmten Platz.
Ciocca stand kopfschüttelnd wieder auf. Im Nebenraum zog sie sich die juckende Perücke vom Kopf und verstaute sie zusammen mit der Brille in einer Kiste unter dem Tisch. Konzentriert lehnte sie sich gegen das Waschbecken, entfernte die braunen Kontaktlinsen und wischte sich das Make-Up aus dem Gesicht. Aus dem verschmierten Spiegel blickte ihr eine junge Frau mit wachen grünen Augen, dunkelblonden kinnlangen Haaren und einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn entgegen.
„Wo habt ihr eigentlich Rico gelassen?“
Vittoria war mit einer Ladung schmutzigem Geschirr zurückgekommen und versenkte diese in der Spüle.
„Der ist irgendwo unterwegs.“, murmelte Alasca ungeduldig und traktierte Ciocca wieder mit funkelnden Blicken, „was, wenn sie eine verdeckte Ermittlerin ist?“
Ciocca stieß einen tiefen Seufzer aus und nahm dankbar das dickbelegte Focaccia entgegen, das Milly ihr reichte.
„Rico hat sie untersucht, sie hatte keinen Sender oder irgendein anderes Abhörgerät bei sich. Noch nicht einmal ein Handy. Er hat sie durchs Portal gejagt und es kam genau das heraus, was sie uns erzählt hat. Sie heißt Lisann Verga, ist dreißig Jahre alt, aufgewachsen im Pigneto und jetzt wohnt sie in einer winzigen Wohnung in Trastevere. Sie hat Geschichte studiert, ihr Fachgebiet umfasst alles, was mit der Renaissance zu tun hat. Deswegen arbeitet sie auch als Expertin in der Nationalgalerie und berät diverse Bibliotheken. Sie behauptet, sie könnte von großem Nutzen für uns sein.“
Alasca schnaubte, aber Ciocca sprach schon weiter.
„Wenn sie von der Polizei wäre, hätte sie uns hochgehen lassen können. Die Wölfe auf frischer Tat ertappt. Wieso hätte sie so eine Chance verstreichen lassen sollen? Außerdem kennt sie meinen richtigen Namen. Hätten die Ermittler diese Information, wären wir schon längst nicht mehr hier.“
Der Gedanke jagte ihr trotzdem Schauer über den Rücken. Alles würde auseinanderfallen. Alles, was sie sich in den letzten Jahren erarbeitet hatten. Und es wäre ihr Fehler. Wie hatte das passieren können? Wie war sie so leichtsinnig sein können? So etwas war ihr noch nie unterlaufen. Und das durfte es auch nie wieder.
„Also gut. Mal angenommen, sie ist nicht von der Polizei. Dann bedeutet das aber trotzdem, dass wir ein Problem haben. Sie hat uns gefunden und sie kennt deinen Namen. Wie auch immer sie das vollbracht hat. Wir haben ein Leck, wir sind unvorsichtig geworden.“
Kopfschüttelnd räumte Vittoria Gläser ins Regal. Ciocca sah auf ihr Handy, fluchte leise und verschwand wieder im Besprechungsraum, wo sie ihre Sachen in einen schwarzen Rucksack stopfte.
„Ich bin spät dran.“
„Du gehst jetzt einfach?“, fragte Alasca entsetzt.
„Noch mehr Aufsehen kann ich mir heute nicht leisten!“
„Was machen wir jetzt mit Lisann? Wir können sie ja nicht da drin lassen.“
Sowohl Ciocca als auch Alasca sahen Milly angespannt an.
„Wir könnten sie auch im Tiber ertränken.“
Ciocca bedachte Alasca mit einem strafenden Blick.
„Ich muss mir was überlegen. Bis dahin bleibt sie an das Regal gekettet. Alasca, schaue ab und zu nach ihr. Toilette, Wasser und so weiter. Wir sind schließlich nicht in Guantanamo.“
Der kleine Mann mit dem vor Wut erhitzten Gesicht wechselte kopfschüttelnd an die andere Küchentheke.
„Und lass das Messer liegen! Vittoria, wie sieht es mit dem Käufer für das Zeug von heute aus?“
„Der kommt in einer Stunde.“
„Perfekt. Milly, was hast du vor?“
„Ich mache mich gleich auf den Weg ins Studio. Übrigens hat sich Londay für morgen Nachmittag angekündigt.“
Milly grinste vorsichtig und es war nicht auszumachen, ob sie erfreut oder genervt war. Sie warf einen kurzen kontrollierenden Blick auf Ciocca, aber die schien zu ignorieren, wessen Namen gerade erwähnt worden war.
„Gut, Leute. Der Fall war verbesserungswürdig, aber wir haben es geschafft. Wir sehen uns.“
Hastig drängte sie sich durch die Schwingtür. Alasca brodelte weiter vor Anspannung und warf ihr ein „Was für ein Bullshit!“ hinterher. Ciocca setzte sich im Laufen den Helm auf und bretterte mit ihrer Vespa in den nachmittäglichen Verkehr.


KAPITEL 5

Sie hatte den Motorroller zu den etlichen anderen unter das Blechdach gestellt und blickte nun die graue Steinfassade empor. In dem früher einmal stattlichen, mittlerweile vernachlässigten Gebäude befand sich die Redaktion der Gazzetta dell’Ombra, einer wichtigen römischen Tageszeitung. Erleichtert entspannte Ciocca ihre verkrampften Schultern.
Wahrscheinlich stand ihre Crew noch im Scarpa zusammen und spekulierte darüber, warum sie so verdammt kühl bleiben konnte. Das war sie allerdings überhaupt nicht. Die Panik war ihr in jede Faser gekrochen, nur konnte sie das nicht zeigen. Ihre innere Aufgewühltheit äußerte sich stets als stoische Kälte.
Ciocca zog das Namensschild aus der Hosentasche und steckte es sich an die helle Bluse. Langsam strich sie über den Plastikanstecker und sich die Haare hinter die Ohren.
Es war an der Zeit für den nächsten Identitätswechsel.
Denn wenn Ciocca Celoya nicht gerade mit den anderen Wölfen Pläne schmiedete oder Kunstgalerien ausraubte, war sie Eliza Moret.
Eliza war 24 Jahre alt und eine begabte aber unterschätzte Redakteurin. Mit einem gelassenen Schulterzucken nahm sie die Schichten an, die ihre Kollegen verschmähten. In dem alten Gemäuer, wo es immer muffig roch, selbst wenn man dauerlüftete, verbrachte sie stundenlang Zeit vertieft in hin gekritzelte Notizen und Berichte voller Rechtschreibfehler. Daraus ließ sie mit Leichtigkeit kompakte Artikel entstehen und erntete trotzdem neben einem anerkennenden Nicken ihres Chefs nur ein lausiges Volontariatsgehalt. Das kümmerte Eliza aber herzlich wenig, weil sie schließlich andere Mittel hatte um Geld zu verdienen und dieser Job nur dazu da war, den Schein zu wahren. Davon hatten ihre Kollegen zwar definitiv keine Ahnung, aber sie beneideten sie um ihre entspannte Einstellung. Über Elizas Lippen war noch keine einzige Beschwerde gekommen. Die neugierigen Blicke ignorierte sie gekonnt. Sie wusste, dass sie häufig unnahbar und vielleicht auch etwas arrogant wirkte. Stets mit einem Lächeln auf dem konzentrierten Gesicht, freundlicher Small Talk, aber eben niemals mehr.
Mit fünf Minuten Verspätung huschte Ciocca über den staubigen Terrakottaboden, ließ sich auf ihren Stuhl fallen und verschwand genau in dem Moment hinter dem großen Bildschirm, als ihr Chef um die Ecke kam. Ohne Kommentar warf er ihr einige Mappen auf den schon erheblich hohen Stapel, der dabei verdächtig ins Schwanken geriet. Ciocca steckte sich die kurzen Haarsträhnen hinters Ohr und klappte die erste Akte auf. Bis auf einen gelben Haftzettel war sie leer. Lena aus der Schicht vor ihr hatte darauf vermerkt, dass sie demnächst einen Anruf ihres Informanten bei der Polizei erwarten könnte. Die RIMALVI hatten wieder zugeschlagen.
Cioccas Herzschlag beschleunigte sich schlagartig, sie drängte den Kloß in ihrem Hals zurück und griff nach der nächsten Mappe. Sie war jedes Mal einem Schock nahe, wenn sie den Namen ihrer Gruppe entdeckte. Und zugleich platzte sie beinahe vor Stolz. Ihr breites Grinsen versteckte sie hinter einem Ausdruck mit Infos über wiederholte Tierquälerei.
Sie widmete sich dem Bericht über verstümmelte Katzen. Mit jeder Minute wich mehr Farbe aus ihrem Gesicht, sie fror und ihr wurde übel, was nicht nur mit dem Thema zu tun hatte. Mit einem Mal war sie sich überhaupt nicht mehr sicher, ob Lisann nicht doch eine Ermittlerin war. Wider jeder Logik erwartete sie jederzeit eine schwerbewaffnete Truppe das Büro stürmen.
Ciocca hatte schon einige Zeit blicklos auf das geöffnete Textdokument geschaut, als das Klingeln des Telefons sie aus der Starre riss. Hastig nahm sie einen Schluck Wasser und meldete sich mit: „Gazzetta dell’Ombra. Sie sprechen mit Eliza Moret.“
„Ida ist aufgeflogen.“
Ihr blieb die Luft weg. Mit bis zum Anschlag klopfendem Herzen nahm sie den Hörer vom Ohr und schaute aufs Display. Ein anonymer Anrufer, die Stimme kannte sie auch nicht. Ciocca hatte keine Ahnung, wie lange sie schockiert stumm geblieben war, bis sie mit kläglicher Stimme eine Frage zustande brachte.
„Wie bitte?“
„Du hast mich schon richtig verstanden.“
Schweigen. Was sollte sie darauf sagen? Ein Wirbelsturm raste durch ihren Kopf und machte es ihr unmöglich auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
„In der Galleria Comino Galtelli wurden Fingerabdrücke gefunden. Sie konnten einer gewissen Ida Benedetto zugewiesen werden. Und niemand weiß besser als du, wer das ist und was das bedeutet.“
„Nein, ich verstehe nur Bahnhof.“, versuchte sie es. Und dann passierte es zum zweiten Mal an diesem Tag. Eine fremde Person nannte ihren richtigen Namen.
„Ciocca, bitte. Überspringen wir das. Dein Deckname ist enttarnt.“
„Scheiße!“, rutschte es Ciocca heraus. Vier Augenpaare richteten sich gespannt auf sie. Mehr als eine Grimasse brachte sie nicht zustande. Mit butterweichen Beinen stand sie auf, trat auf den schmalen Balkon hinaus und zog die Tür hinter sich zu.
„Ja, so könnte man es auch sagen. Ich habe einen Auftrag für dich.“
Ciocca wartete voller Panik, aber der Anrufer redete nicht weiter.
„Wer bist du?“
„Du kannst mich Nunzio nennen. Nunzio, der Bote. Erfüllst du den Auftrag, den ich dir gebe, werden die Informationen und alle Beweise, die die Polizei hat, spurlos verschwinden.“
„Woher soll ich wissen, dass du mich nicht verarschst?“
„Das, Ciocca, nennt man blindes Vertrauen.“
Fassungslos legte sie den Kopf in den Nacken und sah hinauf zu den Tauben, die gurrend über die Dachkante stolzierten. Ein weiterer Deal mit einem Fremden, der ihr auch nur leere Versprechen und Lügen auftischen konnte.
„Ich nehme an, du hast jetzt erst einmal einige Dinge zu klären. Ich will dich nicht aufhalten. Morgen früh um sieben Uhr, Viale degli Ippocastani auf dem Pincio, bei der Büste von Mastro Giorgio. Viel Glück.“
Und die Verbindung wurde unterbrochen.
Viel Glück? War das sein verdammter Ernst?
Ciocca hielt das Telefon mit schweißnassen Händen fest umklammert, starrte über die Hausdächer hinweg ohne etwas wahrzunehmen.
Ida Benedetto. Das letzte I in RIMALVI.
Von Panik überwältigt rang sie hilflos nach Luft. Ihr war schlecht und alles begann sich zu drehen. Ciocca griff nach dem Geländer, ihre Lippen bebten und sie schloss verzweifelt die Augen. War jetzt alles vorbei?
Das Gedankenkarussell drehte sich so schnell, dass die Ketten zu reißen drohten. Unmengen an Fragen schossen ihr durch den Kopf, bedingten die nächsten und doch beantwortete sich keine.
Alles zog sich in ihr zusammen, als sie daran dachte, dass sie vielleicht ihre ganze Gruppe mit hinunter in den Abgrund riss. Waren sie jetzt alle aufgeflogen? Sie musste von hier verschwinden!
Voller Entsetzen und zugleich unendlich ermattet lief Ciocca zurück an ihren Schreibtisch, kritzelte hektisch die genannte Adresse in ihren Notizblock, griff nach dem Rucksack, murmelte ihren Kollegen irgendetwas wegen eines Familienproblems zu und verließ wie mechanisch das Büro.
Unten angelangt lehnte sie sich mit geschlossenen Augen gegen die kühle Steinfassade und versuchte ihren Atem und Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen.
Wie zum Henker hatte sie so dämlich sein können? Eigentlich hatte sie sich für professionell gehalten. Und dann übersah sie die beiden schmalen Beine hinter dem mattweißen Sichtschutz vor dem Fenster und wurde von Lisann auf frischer Tat ertappt. Als wäre das nicht schon unvorsichtig genug gewesen, hatte sie auch noch die Handschuhe ausgezogen!
Ja, ihre Raubzüge kamen ihr manchmal wie ein Spiel vor und sie hatte sich eventuell so in die ausgeklügelten Sicherheiten gewägt, dass sie sich selbst in dem Glauben wiegte, fehlerfrei und ohne Risiko zu handeln. Doch jetzt war sie eines Besseren belehrt worden. Der Preis brachte alles zum Schwanken und sie schlitterte über verdammt dünnes Eis von einer schrägen Situation in den nächsten unmöglichen Zufall.
Nach einem schnellen Rundumblick wühlte sie ein Handy aus den Tiefen ihrer Tasche und tippte im Gehen seine Nummer ein. Mit schweißnassen Händen presste sie das alte Teil ans Ohr. Nach dem zweiten Klingeln wurde sie weggedrückt. Sie seufzte und wählte erneut. Diesmal ließ er es läuten bis die Mailbox ansprang. Wahrscheinlich hatte er sie auf lautlos gestellt. Jetzt fluchte sie ungehalten und probierte es ein weiteres Mal. Nach dem ersten Freizeichen meldete er sich.
„Ich sitze in meinem Wochenendseminar!“
„Ich weiß, Izzet. Verdammte Kacke! Es geht alles den Bach runter! Ich drehe hier durch!“
„Hey, ganz ruhig. Was ist los?“
Seine gelassene Stimme, die sie sonst immer beruhigte, brachte sie nur noch mehr in Rage.
„Ich habe Ida verloren. Die Polizei hat Fingerabdrücke in der Galerie gefunden, das ist los!“
„Das ist nicht gut.“
„Nicht gut? Willst du mich verarschen? Das ist eine Katastrophe!“
Izzet lachte tatsächlich.
„Also eine Katastrophe würde ich das nicht gerade nennen. Die Polizei wird erstmal so ihre Mühe haben. Ist Londay nicht auf dem Weg nach Rom? Ich rufe ihn an. Er soll einen Zwischenstopp in Mailand machen.“
„Mailand?“
„Mailand.“, bestätigte Izzet, „Rico hat Ida einen ganz netten Rattenschwanz verpasst. Und auch wenn der Überfall heute Vormittag nicht wasserdicht war, der Rattenschwanz ist es.“
Ciocca strich sich über die Stirn und seufzte tief.
„Jetzt geh wieder arbeiten. Eliza wird bestimmt schon vermisst. Bis heute Abend.“


KAPITEL 6

Marc d’Agostino saß verkehrtherum auf einem Stuhl im großen Besprechungsraum. Draußen vor der Glastür veranstaltete seine Vorgesetzte ein riesen Gezeter, das zur Folge haben sollte, eine Gruppe Kommissare in Mailand zu mobilisieren.
Er strich sich übers Kinn und betrachtete das Sammelsurium auf dem Tisch.
Die schwarze Visitenkarte. Phantombilder, wobei sich diese von Zeuge zu Zeuge stark unterschieden. Eine Zusammenfassung der kläglichen Erkenntnisse aus den vorangegangenen Überfällen. Ein Blatt mit den gefundenen Fingerabdrücken.
Sein Blick wanderte weiter auf die Wandbildschirme. Das anfängliche Hochgefühl hatte sich mittlerweile eingestellt. Beim Anblick des Frauenportraits durchzuckte ihn nur noch ein missmutiges Kribbeln.
Er war beinahe hintenüber gekippt, als die Übereinstimmung in der Datenbank angezeigt worden war. Die Spuren stimmten mit einer Person überein, die aktenkundig war.
Sie hieß Ida Benedetto, war 26 Jahre alt und lebte in Mailand. Sie studierte Möbeldesign, war eine leidenschaftliche Bogenschützin und rege aktiv in den Sozialen Medien. Vor eineinhalb Jahren war sie wegen Behinderung einer Amtshandlung der Guardia di Finanza zu einer geringen Geldstrafe verurteilt worden. Allerdings war sie die Hauptverdächtige bei drei Kunstdiebstählen in Mailand, Vicenza und Venedig gewesen. Die Ermittlungen waren wegen Mangel an Beweisen im Oktober letzten Jahres eingestellt worden. Marc hatte die Akten der Fälle durchstöbert und darin nach Hinweisen auf die RIMALVI gesucht. Vergeblich.
Und das machte ihn stutzig. Die Wölfe hinterließen immer eine Nachricht, so wie heute die Visitenkarte. Manchmal war es auch ein Graffito, eine Postkarte oder ein Stempel.
Seine Vermutung war, dass Ida Benedetto die Raube in Norditalien allein begangen hatte und erst letztens zu den Wölfen hinzugestoßen war. Das würde auch ihren Leichtsinn erklären, sich zugleich preisgegeben zu haben. So unvorsichtig arbeiteten die RIMALVI nicht. Das wäre zwar schön gewesen, aber er hatte da so seine Zweifel. Die Crew war zu gut für solche Fehler.
Angestrengt betrachtete er Idas Foto. Feine Züge, eine kleine gerade Nase, Sommersprossen, geschwungene Lippen, dichte Augenbrauen, helle blaue Augen, eine hohe Stirn, lange glatte dunkelbraune Haare. Sie war ganz hübsch, hatte aber keine markante Ausstrahlung oder außergewöhnliche Merkmale. Sie wirkte unschuldig und erregte sicherlich nicht allzu viel Aufsehen. Entweder sie war tatsächlich so oder sie nutzte genau diesen Eindruck zu ihrem Zweck.
Mit schwindender Konzentration klickte Marc sich durch ihre Accounts auf den sozialen Plattformen. Er wollte das Tablet gerade wieder beiseitelegen, als ein roter Ring um das Profilbild seine Aufmerksamkeit erregte. Verblüfft öffnete er ihre vor wenigen Sekunden gepostete Instagram-Story. Perplex verfolgte er das wacklige Video, auf dem Ida mit einem Schmollmund hinter sich auf eine Anzeigetafel zeigte. In Regenbogenfarben flimmerte der Schriftzug „I love trenitalia!“ durchs Bild.
Nein, das hier war keine falsche Fährte. Die junge Frau wiegte sich lediglich in Sicherheit und war mehr als leichtsinnig. Die Wölfe hatten die unfähigste Diebin aller Zeiten rekrutiert und das war sein unfassbares Glück.
Ruckartig sprang er auf, der Stuhl flog scheppernd gegen die Wand und Marc stürmte aus dem Raum.
„Tabea!“, rief er seiner Chefin hinterher, die auf dem Weg in ihr Büro war, „ich weiß, wo Ida ist! Sie wartet in Roma Termini auf einen Zug nach Milano Centrale. Er hat zehn Minuten Verspätung. Wenn wir uns beeilen, haben wir sie, bevor er abfährt.“

Er parkte sein Auto in der Taxispur in zweiter Reihe, rannte durch einen der breiten Eingänge, hielt kurz inne um sich zu orientieren und sprintete dann weiter durch die Halle. Im Zickzack umrundete er Menschengruppen, wich geschickt verlorenen Touristen aus und rempelte verwirrte Senioren an, bis er schließlich an die Treppe hinunter zu Gleis 8 gelangte. Frustriert trudelte er aus. Der Zug rauschte soeben unter der Bahnhofshalle hinaus in die warme italienische Nachmittagssonne. Er kam zu spät. Fluchend schlug er eine Faust aufs Geländer. So verdammt knapp. Langsam trabte Marc die Stufen hinab auf den menschenleeren Bahnsteig. Um, unten angekommen, sogleich wie angewurzelt stehen zu bleiben. Die Anzeigetafel, unter der noch vor wenigen Minuten Ida das Video aufgenommen hatte, wies nicht den nachfolgenden Zug aus, sondern präsentierte ihm sieben Buchstaben.
RIMALVI

Marc lehnte die ihm angebotene Pizza aus einem der aufgeklappten Kartons ab. Er würde keinen Bissen runter bringen.
So bloßgestellt hatte er sich zuletzt gefühlt, als ihm seine Freundin offenbart hatte mit seinem besten Freund schon seit drei Monaten eine Affäre zu haben.
Die murmelnden Gespräche verstummten, als Tabea ausgestattet mit einem Headset den Raum betrat.
„Die Mailänder Kollegen sind jetzt vor Ort in Benedettos Wohnung. Sie werden jedes Blatt umdrehen und sie dann freundlich erwarten, wenn sie mit dem Zug aus Rom ankommt.“
Sie schenkte ihm ein Augenzwinkern. Er verzog keine Miene. Marc bezweifelte, dass jemals eine Ida Benedetto in dieser Wohnung auftauchen würde. Erschöpft schwang er auf seinem Drehstuhl herum und blickte aus dem Fenster. Draußen senkte sich der Abend auf die beleuchtete Stadt.
Marc erinnerte sich noch genau an den grauen Tag vor drei Jahren als er das erste Mal gegen die Wölfe ermittelt hatte. Der Fall, zu dem er gerufen wurde, hatte nicht spektakulär geklungen, war aber der Auftakt zu einem fundamentalen Raubzug durch die gesamte Hauptstadt. Ohne erkennbares Muster und ohne Ansatzpunkte präsentierte die Gruppe leergeräumte Tresore, zerschlagene Vitrinen und statt den Originalen zurückgelassene gefälschte Kunstwerke.
„Marc!“, riss ihn Tabea aus seinen Gedanken. Sie nahm das Headset ab und legte stattdessen ihr Handy auf den Tisch. Per Lautsprecher verkündete einer der Ermittler, dass sie etwas gefunden hatten.
„Es ist ein Umschlag unter einem Stapel Bücher über Möbeldesign. Ich mache ihn jetzt auf.“
Man vernahm dumpfe Geräusche und dann war der Mann wieder am Telefon.
„Tabea, hören Sie mich? Darin war eine Karte. Hier steht… Moment. Was ist das denn für ein Schwachsinn. Pecorella smarrita? Verlorenes Schaf? Sagt Ihnen das etwas?“
Tabea und Marc tauschten einen genervten Blick aus. Seine Chefin schnappte sich ihr Handy und verschwand hinaus auf den Flur. Marc stand wortlos auf, griff nach seiner Lederjacke und verließ das Präsidium.


KAPITEL 7

Statt nach Hause machte Ciocca sich nach Redaktionsschluss auf den Weg ins Scarpa. Die schmale Straße lag still vor ihr, als sie den Motorroller abstellte, den Helm an den Lenker hängte und unter einem schiefen Bimmeln durch die Tür trat. Eine kitschige Lichterkette über der Bar schwenkte den Raum in dämmriges Licht, im Hintergrund sang leise Francesca Michielin aus dem alten Radio.
Vittoria kam hinter dem Tresen hervor, schloss das Café ab und die beiden Frauen setzten sich gemeinsam zu den drei anderen an den hintersten Tisch. In der vertrauten Geborgenheit ihrer Freunde rutschte Ciocca tiefer in die durchgesessenen Lederpolster und unterdrückte ein Gähnen. Dankbar nahm sie das Weinglas entgegen, das Milly ihr zuschob und verfolgte ermattet mit halbem Ohr Ricos Bericht über die falsche Fährte, die er der Polizei ausgebreitet hatte.
Ricardo, wie er eigentlich hieß, war das Technikgenie unter ihnen. Er hackte sich in alle Programme, baute winzige Abhörgeräte und kam immer wieder mit neuen abgefahrenen Spielereien an, die man sonst nur aus Agentenfilmen kannte. Zwischen ihm und Vittoria saß Massimiliana, von allen nur Milly genannt. In dem spärlichen Licht erschien sie noch dünner als sie ohnehin war, mit ihren langen Fingern strich sie sich elegant die Lockenmähne nach hinten und versuchte sie zu einem dicken Zopf zu bändigen. Milly war Tänzerin und versteckte ihre Intelligenz unter der Hülle einer zarten Diva. Diese Fassade nutzte sie um Geldbeutel zu leeren, Ricos Hightech Schnickschnack in Jackentaschen verschwinden zu lassen oder schlicht und einfach um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Dann war da noch Izzet. Mit seinen 20 Jahren war er der jüngste Wolf und auch der stillste. Er strahlte stets Ruhe und Zuversicht aus und zählte somit als Anker. Für Ciocca war er wie ein kleiner Bruder. Izzet studierte an der Akademie der Bildenden Künste Malerei und Bildhauerei. Das Gelernte setzte er gerne gleich in die Praxis um und fälschte für die RIMALVI allerlei Gemälde und Skulpturen aus jeglichen Epochen. Zudem hatte er Zugang zu den neuesten Informationen, was wo ausgestellt wurde und konnte stundenlang Museen auskundschaften, ohne auch nur einen Funken Misstrauen zu erwecken.
„Die Beute ist am Mann.“
Ciocca horchte auf und begegnete Vittorias zuversichtlichem Lächeln. Sie betrieb offiziell das Scarpa und inoffiziell vertickte sie dort das gesamte Diebesgut.
Ciocca nickte müde. Wenigstens eine gute Sache an diesem beschissenen Tag.
„Wo ist diese Lisann?“, wollte sie wissen und nahm sich gleich eine ganze Handvoll Crissini.
„Alasca hat sie mit hochgenommen.“
Damit meinte Milly die Wohnung über dem Café. Ciocca runzelte kritisch die Stirn.
„Ist das eine gute Idee?“
„Keine Ahnung. Freunde werden die beiden bestimmt nicht, aber bisher hat er sie noch nicht umgebracht. Alasca ist furchtbar wütend. In dem Fall wird es keinen besseren Aufpasser als ihn geben.“
Ciocca nickte matt. Das konnte sie also für heute ruhen lassen und sich morgen mit hoffentlich etwas mehr Energie um Lisann kümmern.
„Du siehst erschöpft aus, Ciocca.“
„Alles gut.“, versicherte sie. Niemals würde sie zugeben, wie sehr der heutige Tag sie mitgenommen hatte. Lisann und Nunzio hatten sie aus der Bahn geworfen, sodass sie regelrecht paranoid geworden war.
„Noch einmal zu Kate.“, warf Rico ein, „sie ist natürlich nicht nach Mailand gefahren. Ich habe sie in einen Zug nach Neapel gesetzt.“
„Wer ist Kate?“
Die anderen grinsten Ciocca breit an.
„Du hast vorhin wohl nicht gut aufgepasst. Rico hat eine kanadische Touristin bestochen. Sie hat in Idas Namen ein Video gedreht und das war das Ergebnis.“
Unter schelmischem Lächeln wurde Ciocca eine Aufnahme gezeigt, auf der ein Mann zu sehen war, der haareraufend auf einem Bahnsteig hin und her tigerte.
„Stets von Vorteil, wenn man weiß, mit wem man es tun hat. Das ist Marc d’Agostino. Er hat sich in die Suche nach uns verbissen. Außerdem ist eine ganze Delegation in Idas Wohnung in Mailand eingefallen. Londay hat ihnen eine nette Nachricht hinterlassen.“
Die Erleichterung entlockte Ciocca ein kurzes Lachen. Wie hatte sie nur denken können, sie wäre jetzt allein der Polizei ausgesetzt?
„Irgendetwas von einem verlorenen Schaf!“, kicherte Milly, „ich hätte nur allzu gerne deren Gesichter gesehen.“
„Auf Wölfe im Schafspelz, das Tragen von Handschuhen und Kate aus Kanada, die ohne es zu wissen zu einer gesuchten Verbrecherin geworden ist! Zumindest so lange bis die Polizei ihre Fingerabdrücke hat.“
Vittoria hob zum Anstoßen ihr Glas in die Höhe.


KAPITEL 8
Lindau

Adrian Sander saß am Ufer des Bodensees und beobachtete die verpixelten Lichtspiegelbilder auf dem glatten Wasser. Er fror in seinem dünnen Jackett, aber das bemerkte er gar nicht. In Gedanken sah er sich selbst als Elfjähriger, wie er das erste Mal das Seegrundstück betreten hatte. Es war Winter gewesen, der Himmel genauso eisigblau wie das Wasser. Ein frischer Windhauch strich über die unberührte Schneedecke. Auf der anderen Uferseite zeichnete sich klar der Säntis ab. Adrian war aus dem Auto geschlüpft noch bevor es gehalten hatte, rannte durch das schmiedeeiserne Tor, an der weißen Villa vorbei und auf den Steg hinaus. Seine Mutter folgte ihm und als sie nach seiner Hand griff und sie gemeinsam über die stille Märchenlandschaft schauten, lächelte sie zum ersten Mal seit Monaten wieder. Das war die erste Erinnerung an sein Leben in Deutschland. Ein Leben in Oasen. Die eine Oase war eben diese weiße Villa mit den grauen Fensterläden, an deren Eingangstor die Nachbarn stehen blieben und hinter vorgehaltener Hand die neuesten Spekulationen austauschten. Diana Sander war eine sagenumwobene Frau. Noch nie hatte jemand sie das Grundstück verlassen sehen. Sehnsüchtig hatte Adrian in den Ferien am Fenster gestanden und die Kinder beobachtet, die auf der anderen Seite mit Rollern und Fahrrädern ins Strandbad fuhren. Auf dem stets kurzgeschorenen Rasen zwischen Haus und See standen ein Trampolin und ein einsames Fußballtor, aber daran hatte er ohne Freunde keinen Spaß. Denn in der Villa Sander waren Besucher nicht willkommen.
Seine zweite Oase war das Internat, wobei er dort selbst eine Oase in einer Oase war. Er war ein Einzelgänger, der sich in Bücher oder Schlägereien vertiefte und sich nur oberflächlich an soziale Kontakte herantastete.
An seinem neunzehnten Geburtstag, ein ausgezeichnetes Abitur und auch sein restliches Hab und Gut in der Tasche, zog er nach London. Und endlich befand er sich nicht mehr in einer Blase. Er blühte auf, wie man so schön sagte.
Und zerfiel in tausend Staubkörner, als im Oktober letzten Jahres die Hiobsbotschaft aus der Villa bei Lindau kam. Seine Mutter war an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Endstadium, die Chancen standen auf hoffnungslos, es ging nur noch darum ihre Schmerzen zu mildern. Die hochgewachsene, stolze Frau, die sich in all den Jahren stur an ihre Muttersprache gehalten und geweigert hatte Deutsch zu lernen, sackte immer weiter in sich zusammen. Adrian verabschiedete sich von England und kam zurück an den Bodensee. Die letzten Monate wurden zu einer Tortur. Die Zeit verrauchte zwischen neuartiger grotesker Routine, dem Kampf mit seinen Ängsten und dem Starrsinn seiner Mutter. Statt die restliche Zeit zu genießen, die ihnen noch blieb, lagen sie sich dauernd in den Haaren. Sie weigerte sich ihre Medikamente zu nehmen, sie wollte nicht an die frische Luft und erst recht keine Spaziergänge machen. Adrian stellte einen Pfleger ein, den seine Mutter verabscheute und verbrachte Nacht für Nacht in irgendwelchen Bars und heruntergekommenen Kneipen. Er hörte auf zu essen und trank dafür umso mehr.
Das ganze endete in einem Super GAU, als Diana eines frühen Morgens ihren Sohn von den Eingangsstufen hinauf in sein Zimmer schleppte, dabei das Gleichgewicht verlor und die Treppe hinunterfiel. Sie landeten beide im Krankenhaus und endlich hatte es den Schalter umgelegt. Noch zwei Monate hatten sie gemeinsam, in denen sie in Zeitlupe Karten spielten oder stillschweigend nebeneinandersaßen, Adrian in einem Buch lesend, Diana in unergründliche Gedanken versunken. Vergeblich versuchte er einige Male seine Mutter zum Reden zu bringen, aber sie bewahrte auch angesichts des Todes ihre Geschichten für sich. Sie wurde sehr schnell immer schwächer und Adrian zerriss es jedes Mal bei ihrem Anblick. Davon ließ er sich nichts anmerken und kümmerte sich weiter bis sie schließlich am zweiten April nicht mehr von ihrem Mittagsschlaf aufwachte.
Beschämt strich er sich die Tränen von den Wangen, bevor sie auf den Brief in seinem Schoß tropfen konnten. Er kannte ihn mittlerweile fast auswendig, aber er faltete ihn trotzdem ein weiteres Mal auseinander und verfolgte mit seiner Handytaschenlampe die Zeilen. Sie hatte sie geschrieben bevor ihre Hände zu zittern begonnen hatten und sie bald keinen Stift mehr halten konnte. Aber die Sätze klangen schon abgehackt und die feine Wortwahl, die sonst ihre Nachrichten ausgemacht hatten, fehlte. Jeder konzentriert gesetzte Buchstabe sprach von ihrer mühsam behaltenen Beherrschung und der Gewissheit, dass sie jegliche Hoffnung aufgegeben hatte. Ihm schnürte es die Kehle zu und er musste wieder aufsehen, verzweifelt nach Atem ringen, sich konzentrieren, zusammenreißen. Er schloss die Augen, presste die bebenden Lippen aufeinander und zwang dann seinen Blick wieder auf die Worte, die seine Mutter ihm hinterlassen hatte.

Bad Schachen, den 05. Februar 2021

Lieber Adrian,

viele werden dir sagen, dass du mit 22 Jahren zu jung bist um deine Mutter zu verlieren. Aber ich kann dir sagen, dass man dafür nie alt genug sein kann.
Ich habe dich schon immer für deine Kraft bewundert. Nun, wo ich nicht mehr bin, lass dich von dieser Stärke nicht verhärten.
Ich weiß, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt und umso glücklicher macht es mich, dass du an meiner Seite stehst.

Wenn du diesen Brief bekommst, wird mein Tod einen Monat zurückliegen, so habe ich es meinem Anwalt aufgetragen.
Ich habe einen letzten Wunsch und ich bitte dich, mir diesen zu erfüllen.
Ich habe dir nie viel über meine Vergangenheit erzählt und das hatte gute Gründe. Ich möchte, dass du nun alles erfährst. Ich habe für dich meinen Nachlass in meiner Heimatstadt Rom hinterlassen. Alles, was es über mich zu wissen gibt, befindet sich in dieser Kiste.
Es ist alles für dich organisiert. Es wird dir wie eine verwirrende Schatzsuche vorkommen und so ist es auch. Aber alles hat seinen Grund.
Da du dich in Rom nicht auskennst, wirst du einen Begleiter bekommen. Du wirst ihn rechtzeitig antreffen.
Außerdem hast du auf deiner Suche weitere Verbündete, die sich allerdings im Hintergrund halten werden. Wenn es soweit ist, werden sie sich bemerkbar machen.
Bitte bewahre Stillschweigen über deine Mission und vertraue niemandem bevor du dir nicht zu hundert Prozent sicher bist.

Für mich geht es um alles. Das wirst du bald verstehen.
Pass auf dich auf, Adrian!

Deine dich liebende Mutter
Diana


Gerade hatte er noch die Sätze in sich aufgesogen, in jedem Wort eine Bedeutung gesehen und sich an dem Brief festgehalten, als plötzlich alles in eine eiskalte Panik explodierte. Krampfhaft fasste er sich an die Brust, sein lautloser Schrei richtete sich gen Himmel. Ohne Halt tastete er über die Steinmauer, seine Beine, der Brief rutschte ins Gras. Er krallte seine Finger in die Arme, strich über sein Gesicht, zu einer schmerzhaften Grimasse verzogen. Hilflos sah er sich um, ließ sich zur Seite fallen, rollte sich zusammen und umschlang seine Knie. So blieb er reglos liegen. Er spürte die Feuchtigkeit der Wiese nicht, keine Kälte, keine Furcht und auch keinen Schmerz. Er war leer. Blicklos starrte er in die Dunkelheit und wartete, dass ihn die nächste Welle überrollte. Sie griff nach seinen Schultern, ein Ruck ging durch seinen Körper und hemmungsloses Schluchzen brach aus ihm heraus.
Genauso abrupt wie der Zusammenbruch gekommen war, verschwand er wieder. Als wäre nichts geschehen, setzte Adrian sich auf, zupfte die Grashalme von seiner Hose, nahm den Brief und lief zurück ins Haus. Mechanisch schlüpfte er aus seinem nassen Anzug und in einen neuen. Den Brief verstaute er sorgsam in einer Dokumentenmappe. Er griff nach den beiden Ledertaschen und hielt im Türrahmen noch einmal inne um einen letzten Blick in sein Zimmer zu werfen. Er hatte keine Ahnung, wann und ob er wieder zurückkommen würde.
Im Erdgeschoss legte er sein Gepäck neben dem großen Koffer ab und lief in die Küche um etwas zu trinken. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, unterdrückte ein weiteres in ihm aufsteigendes Schluchzen.
Wie von selbst trugen ihn seine Beine in den Raum neben dem Esszimmer. Die Laternen im Garten schienen durch die Vorhänge, ließen Lichtwolken über die wenigen Möbel schweben. Eine Kommode aus dunklem Holz, ein dazu passender Stuhl, ein Krankenbett. Und der große Ohrensessel mit dem senfgelben Stoffbezug, in dem seine Mutter zuletzt immer gesessen hatte. In eine Decke gehüllt, das bleiche Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegengereckt, auf dem Schoß ein aufgeschlagenes Buch, in dem sie nie las und den abwesenden Blick auf die Oleander und Olivenbäume vor ihrem Fenster gerichtet.
Das Läuten der Türglocke ließ Adrian sich losreißen. Behutsam schloss er die Tür hinter sich, packte seine Taschen und trat hinaus auf den geschotterten Hof. Der Taxifahrer nahm ihm das Gepäck ab und verstaute es in der schwarzen Limousine. Adrian folgte ihm, sank in die kühlen Ledersitze und nannte sein Ziel. Sanft ruckelte das Auto den Kiesweg hinauf und bog auf die Straße ein in Richtung Flughafen. Adrian richtete den Blick geradeaus und schaute nicht mehr zurück.

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