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Ausführlichkeit oder: Das Kreuz mit dem Temporausnehmen

 

 
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Kojote
Geschlecht:männlichACME Buchstabenfabrikant

Alter: 30
Beiträge: 510
Wohnort: Wurde erfragt


BeitragVerfasst am: 23.10.2020 15:19    Titel: Ausführlichkeit oder: Das Kreuz mit dem Temporausnehmen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

von einem belletristischen Werk wird eine gewisse "Tiefe" erwartet. Ich habe einige richtige "Wälzer" im Regal stehen und habe beim Lesen mehr als einmal meine ganze Konzentration darauf aufgewendet, wie es dort geschafft wird, den Leser mit Ausführlichkeit zu unterhalten, sodass man mit einem Plot hinlangt, 100.000+ Wörter zu verschriftlichen.

Entdeckt habe ich das Geheimnis dahinter immer noch nicht.

Testleser meiner Texte bemerken immer wieder, in meinen Texten stünde "zu viel Action auf zu wenig Raum". Ich stimme dem zu.

Natürlich sollte man Bücher nicht um ihrer Selbst willen künstlich in die Länge ziehen. Das ist klar. Aber meine Texte sind dennoch einfach zu kurz und bestehen immer nur aus der Quintessenz, die ich im Plot zu erzählen habe.

Beschreibungen mit allen Sinnen? Ja, die habe ich schon eingebaut. Immer wieder erkläre ich subtil, wie sich der Sonnenschein (oder der Wind, oder der Regen) auf der Haut des Protas anfühlt; wonach es in der Küche gerade riecht; oder wonach sich der Charakter sehnt.

Dennoch schaffe ich es nicht, das Tempo soweit rauszunehmen, damit der Leser – nun, wie soll ich sagen – etwas mental Greifbares hat. Etwas, an dem er sich gemütlich aufhalten und den Umfang genießen kann.

Versteht ihr, worauf ich hinauswill?

Für jedwede Antwort bin ich sehr dankbar!

Gutes Schreiben,
euer Kojote


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Stefanie
Reißwolf


Beiträge: 1323



BeitragVerfasst am: 23.10.2020 16:10    Titel: Antworten mit Zitat

In Actionfilmen gibt es zwischendurch auch immer ruhige Momente, wo die Gefahr fürs erste gebannt ist, oder die berühmte Ruhe vor dem Sturm.

Wenn ständig nur Schlag auf Schlag kommt, ist das ermüdend. Auch deine Protagonisten brauchen irgendwann eine Pause. Diese Pausensituation musst du halt entsprechend nutzen, also interessant machen.
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Maunzilla
Klammeraffe


Beiträge: 794



BeitragVerfasst am: 23.10.2020 16:14    Titel: Antworten mit Zitat

Es ist schwierig, da einen allgemeinen Rat zu geben. Es kann helfen, einen Nebenstrang einzuführen und diesen abwechselnd zur Hauptgeschichte zu erzählen, wie es in vielen Filmen üblich ist. Oder du kannst vielleicht zusätzliche Figuren einfügen, und nicht zuletzt hängt es auch stark vom Genre ab; und sicher auch vom individuellen Stil des Autors, ob er mehr zum Erzählen neigt oder lieber szenischer schreibt.

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Gerling
Geschlecht:männlichReißwolf

Alter: 55
Beiträge: 1972
Wohnort: Braunschweig


BeitragVerfasst am: 23.10.2020 17:24    Titel: Antworten mit Zitat

Tiefe erreichst du nicht, indem du eine aufkommende Gewitterfront in aller Ausführlichkeit beschreibst. Das ist Atmosphäre. Und die kann sehr schnell ausufern. Tiefe wäre, wenn beschrieben wird, was diese Gewitterfront in einer Figur auslöst. Angst, Beklommenheit, was auch immer.  In einem meiner neusten Projekte beschreibe ich, wie eine Auftragskillerin, die gerade Mutter geworden ist (was bei ihr schon eine Entwicklung in eine bestimmte Richtung auslöst) und aus einer Region kommt, in der es fast nie regnet, einen Platzregen erlebt und kurzerhand aus ihrem Hotelzimmer läuft und sich in diesen Regen stellt. Unabhängig davon, ob diese Szene gelungen ist, oder nicht, schafft sie Atmosphäre und verleiht der Figur eine gewisse Tiefe (hoffe ich jedenfalls Embarassed )

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Raven1303
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 37
Beiträge: 418
Wohnort: NRW


BeitragVerfasst am: 23.10.2020 18:43    Titel: Antworten mit Zitat

Vielleicht gönnst du deinen Figuren auch eine kleine Pause und lässt sie etwas ruhiges tun (Kaffee kochen, duschen, Blut von der Machete putzen). Dabei geht die Figur ihren Gedanken nach. Sie kann sich erinnern, Pläne schmieden ...
Die Art, wie sie diese Dinge tut, verrät dem Leser auch etwas über Ihren Charakter.

Meintest du so was?


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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
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Ich kreise um Gott, um den uralten Turm und ich kreise Jahrtausende lang.
Und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm? Oder ein großer Gesang... (R.M. Rilke)
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Beckinsale
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 61
Beiträge: 628
Wohnort: Winnert


BeitragVerfasst am: 23.10.2020 18:55    Titel: Antworten mit Zitat

Ich halte es gern mit Abdelkarim: "Laber nicht. Laberst du? Du laberst!" Ich bin Kurzgeschichtenfan, ich mag Autoverfolgungsjagden. Wenn ich eines zu schätzen weiß, ist es Tempo. Tiefgang ist was für Öltanker und Containerriesen. Wenn du es schaffst, das, was du sagen willst, mit Tempo zur Begeisterung des Lesers zu führen, dann pflege diese Fähigkeit. Bau sie noch aus. Sei dir gewiss, dass es einfacher ist, zu labern.

My.


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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


Beiträge: 7047
Wohnort: NBY
Ei 4



BeitragVerfasst am: 23.10.2020 18:58    Titel: Antworten mit Zitat

Aber mit Kaffee kochen und duschen erreichst du keine Tiefe. Auch nicht mit dem wiederholten Beschreiben, wie sich Regen auf der Haut anfühlt.

Was mich in den "ruhigen Momenten" ansprechen würde, wäre:

eine exzellente Sprache
ein überragender Wortwitz
ein philosophischer, extravaganter, aber trotzdem nachvollziehbarer Gedankengang
Zwischenmenschliches, Empathie
Beschreibungen (Landschaft?), die über das reine Beobachten hinausgehen
Individualität
Skurriles
ein zu lösendes (Alltags-)Problem (Schicksalsschlag?)
Nebenhandlungen

Diese Szenen zu schreiben, ist sicherlich schwieriger, als die üblichen Actionsachen. Aber das verleiht deinem Roman wirklich Tiefe. Wenn du das willst, solltest du dich bei den Zwischenszenen besonders anstrengen, weil du hier die ausgetretenen Pfade verlässt und etwas Eigenes schaffen musst.
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Kojote
Geschlecht:männlichACME Buchstabenfabrikant

Alter: 30
Beiträge: 510
Wohnort: Wurde erfragt


BeitragVerfasst am: 23.10.2020 19:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ihr Lieben,

vielen herzlichen Dank für diese zahlreichen Fachmeinungen!

Da sind wirklich einige sehr interessante Gedanken dabei, von denen ich bestimmt was mitnehme.

Gerling und BlueNote, euch einen besonderen Dank; aus euren Worten spricht Expertise.

Schönes Wochenende!
Der Kojote


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madloom
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 45
Beiträge: 16
Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 24.10.2020 11:17    Titel: Antworten mit Zitat

BlueNote hat Folgendes geschrieben:

eine exzellente Sprache
ein überragender Wortwitz
ein philosophischer, extravaganter, aber trotzdem nachvollziehbarer Gedankengang
Zwischenmenschliches, Empathie
Beschreibungen (Landschaft?), die über das reine Beobachten hinausgehen
Individualität
Skurriles
ein zu lösendes (Alltags-)Problem (Schicksalsschlag?)
Nebenhandlungen


Hervorragende Sammlung an Beispielen!

BlueNote hat Folgendes geschrieben:
Aber mit Kaffee kochen und duschen erreichst du keine Tiefe. Auch nicht mit dem wiederholten Beschreiben, wie sich Regen auf der Haut anfühlt.


Je nach Tempo der Geschichte kann aber auch solch ein banaler Vorgang dem Leser einen Moment der Pause verschaffen, auch, um zu verdauen, was davor passiert ist, ohne seine Gedanken gleich in eine neue Richtung zu steuern. Der arme Protagonist ist ja auch nur ein Mensch (möglicherweise).
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Taranisa
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 51
Beiträge: 1367
Wohnort: Frankenberg/Eder


BeitragVerfasst am: 24.10.2020 14:20    Titel: Antworten mit Zitat

Ich gehöre auch zu jenen, die gerne zügig erzählen / schreiben, was es zu berichten gibt. Beispielsweise hatte mal eine Testleserin angemerkt, dass man sich gar nicht in das mittelalterliche Adelsfest (Setting des Kapitels, "Hintergrund") hineinfühlen könne, ich würde es zu wenig zeigen, dabei sei das doch interessant. Ich habe daraufhin noch viel an dem Kapitel geändert / hinzugefügt.
An diesem Thema muss ich generell auch noch arbeiten und nehme mir einige der Tipps mit. Vielen Dank.


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"Henkersweib", Burgenwelt Verlag, ET 12/18
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Mogmeier
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Beiträge: 2218
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BeitragVerfasst am: 25.10.2020 00:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Kojote,

bei mir ist es irgendwie das Gegenteil deines Problems, sprich also, Tempo in die Geschichte hineinzubringen, will sagen, für eine Geschichte, die man binnen hundert Seiten erzählt haben könnte, benötige ich mitunter das Zehnfache. Woran liegt’s? – Joa mei, ich bin nun mal einer, der gerne ins Detail geht, und dabei meine ich nicht bloße endlose Beschreibungen eines Details (das wäre ja dann auch viel zu billig). Nein. Ich zerpflücke solche Details gerne in ihrer Wesensart, wofür ich – und das habe ich mir von David Foster Wallace abgeguckt – auch schon mal die eine oder andere ellenlange Fußnote in meinem Roman anbringe, um noch tiefer in die Materie vorzurücken; ich kann da einfach nicht anders.

Viele Grüße
Mog


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»Nichtstun ist besser, als mit viel Mühe nichts schaffen.«
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