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Beitrag "Böser Zwilling" bei Ausschreibung von Sebastian Fitzek "Wir schreiben zu Hau


 

 
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OpenOcean
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BeitragVerfasst am: 18.08.2020 14:54    Titel: Beitrag "Böser Zwilling" bei Ausschreibung von Sebastian Fitzek "Wir schreiben zu Hau eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo man möge mich korrigieren, wenn ich hier falsch bin. Leider habe ich auch über die Suche nichts gefunden. Habe einen Beitrag bei der o.g. Ausschreibung verfasst. Hier ist er zu finden:
https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/boeser-zwilling

Leider habe ich bisher kaum Feedback bekommen, weder positiv noch negativ. Vielleicht ändert es sich jetzt ja. Ich danke!

Dienstag, 12. November

Eigentlich hatte Dennis Flander die Nase bereits jetzt gestrichen voll. Endlich hatte er Feierabend nach einem grauenhaften Arbeitstag auf dem Polizeipräsidium. Den ganzen Tag hatte er Berichte gelesen und Daten abgetippt. Eine neues Statistikprogramm der Kreispolizeibehörde zwang ihn den ganzen den an den Schreibtisch. Keinerlei Zeit blieb für seine aktuellen Fälle, dabei hatte er weiß Gott genug damit zu tun.

Es war zwar November und die Touristensaison war längst vorüber, doch der Herbst und der Winter schien eine neue Einbrecherbande in die Gegend gespült zu haben. Vermutlich operieren diese aus dem Ausland, aber Flander hatte daran heute nicht eine Minute denken können. Er stapfte die kleine Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Die allgemeine Haustür zum Treppenhaus war wie immer unverschlossen. Ärgerlich stapfte sich der Polizist den Schnee von den Stiefeln und drückte die alte Tür fest zu, bis diese fest einrastete.

„Duschen, Pizza und dann Fernsehen bis zum Einschlafen.“, dachte Flander sich.

Erst jetzt kramte er in seiner Tasche nach seinem Schlüssel für seine Wohnung im zweiten Stock. Höher ging es auch nicht hinauf. An der Schwelle stutzte der 43-jährige Kommissar. Beinahe wäre er auf etwas getreten. Ein unscheinbarer brauner DIN A5 Umschlag mit Luftpolsterfolie.

„Hab doch gar nichts bestellt.“, verwundert hob Flander den Umschlag auf. Er suchte vergeblich nach einem Empfänger oder Absender. Suchend blickte er sich nach einem vermeintlichen weiteren Hinweis oder gar Überbringer um. Aber natürlich war im Treppenhaus nichts. Einzig eine der Maschinen im Waschkeller polterte. Sonst war nichts zu sehen und zu hören. Alles war wie immer. Seine Schuhe standen vor seiner Tür, genau wie er sie zurückgelassen hatte. Flander schloss auf und knallte die Tür zu. Er riss die Kühlschranktür auf und setzte sich mit einem Bier an den Tisch. Er öffnete die kalte Flasche sowie den kleinen Umschlag. Kein Brief, kein Zettel, nur ein veraltetes Handy. Flander kannte weder die Marke noch das Modell. Der Polizist schaltete das Gerät ein und wurde zum Eingeben der PIN aufgefordert.

„Blödsinn. Wer schickt mir den Krams ohne eine PIN dabei. Das Ding ist ja mindestens zehn Jahre alt.“

Ein Bier und eine Dusche später, ließ Flander das Handy nicht mehr los. Er nahm nochmal den Umschlag und formte die Öffnung zu einem O. Dann sah er die vier Zahlen. Deutlich mit schwarzem Edding über die Noppenfolie geschrieben.

„Sieh an, so macht es also doch Sinn. 1234, darauf hätte ich auch kommen können. Die Zahlen sind so gerade geschrieben, der Absender muss ein Lineal verwendet haben.“, dachte Flander.

Der Polizist holte eine weitere Flasche Bier aus dem Kühlschrank und nahm einen tiefen Schluck, bevor er den PIN eingab. Eine dunkle Vorahnung beschlich ihn. Unbemerkte trat ihn der Schweiß auf die Stirn. Die Flasche in seiner heißen Handfläche fühlte sich plötzlich so eiskalt an.

Flander klickte sich durch den düsteren Bildschirm. Er hatte zuerst Mühe mit der veralteten Technik, aber dann hatte er sich an die Menüsteuerung des Gerätes gewöhnt.

„Keine gespeicherten Telefonnummern, kein Anrufprotokoll, ziemlich trostlos das Ganze. Also, was soll dieser Mist. Irgendetwas muss doch zu finden sein. Mal sehen, ob ich hier etwas finde. Eine Datei im JPG-Format.“, Flander war nervös keine Frage. Ihn beschlich ein eigenartiges Gefühl. Was hatte das alles zu bedeuten?

Sekunden später hatte er das Bild geöffnet und seine Bierflasche schepperte vor Schreck aus seiner Hand auf die Küchenfliesen.

„Nein, das ist unmöglich.“, stieß er hervor.

Mittwoch, 13. November

„Hier Philipp, kannst du das in die KTU geben, für mich, also inoffiziell. Ich will das volle Programm. Daten, Fingerabdrücke, mögliche gelöschte Gespräche, wo und wie gekauft, einfach alles. Handy und Umschlag. Speziell auch das Innere vom Umschlag soll untersucht werden.“

„Dennis, du weißt für dich immer. Darf ich wenigstens fragen, worum es geht.“

„Das ist eine Privatsache. Vermutlich ist es auch gar nicht wichtig. Aber dass weiß ich erst, wenn ich die Daten habe. Danke dir.“, damit war Flander in seinem Büro verschwunden.

„Wo haben die dieses Bild her und warum reiben sie es mir unter die Nase? Das kann nur bedeuten, dass Jemand mich fertig machen will. Aber wer und warum?“

Flander ging die Akte mit seinen Einbrüchen durch. Doch an Arbeit war nicht zu denken. Er hatte Angst.

„Das wird nur der Anfang sein. Derjenige, der mir den Umschlag geschickt hat, will entweder Geld, viel Geld, oder aber er will einfach nur mein Leben zerstören. Zumindest das, was mir noch geblieben ist.“, Flander faltete seine großen Hände und ließ sie hart durch sein dichtes Kopfhaar gleiten. Eine Lösung wollte ihm nicht einfallen, nicht mal ein nächster Ansatzpunkt.

In der restlichen Zeit war Flander nur körperlich anwesend. Er studierte die Aktenberge scheinbar, aber heute waren es für ihn nur zusammenhangslose Buchstaben, Wörter und Zahlen. Nancy, die neue Praktikantin brachte ihm jetzt bereits den dritten Kaffee.

„Sie haben aber heute mal starken Kaffeedurst.“, bemerkte die junge Studentin.

Flander schaute zu, wie der Schneeregen gegen sein Fenster klatschte und dann daran hinab glitt.

„Es wäre einfach alles im Arsch. Aber das ist es ja jetzt schon.“, dachte er bei sich.

„Herr Flander?“, die junge Dame erwartete immer noch eine Antwort.

„War noch etwas?“, fragte Flander und starrte verwundert auf die Praktikantin.

Ben Springer hatte alles vorbereitet. Er ging noch einmal in den Keller, den er zu einem Verlies umgebaut hatte. Den Hof hatte er sich gekauft, er war weit außerhalb und so stark verfallen, dass der Immobilienmakler mit harten Verhandlungen oder einen sofortigen Absprung von ihm gerechnet hatte. Stattdessen hatte Springer nur „Perfekt, ich nehme ihn gesagt.“ Der Makler war so verblüfft, dass er daraufhin erst einmal nach einer passenden Antwort suchen musste.

Springer öffnete die schwere Tür zum Verlies. Der Raum war so gut wie leer. Der junge Mann wollte seinem Opfer kein Bett gewähren. Der Raum war kalt und dreckig. Dazu hatte Springer einfach nur alles so gelassen, wie es war. Er hatte überlegt, dass ganze Schalldicht zu gestalten, aber hier gab es im Umkreis von Kilometern keine Nachbarn.

„Also wozu der Aufwand? So wie es ist, ist es perfekt.“, sagte Springer sich.

Er blickte auf die Öse, die er an der Wand befestigt hatte. Die hatte das Stahlseil zu halten. Dazu hatte er etwas recherchiert. Das Opfer könnte auf die Idee kommen, den Mörtel oder den Putz von der Wand zu kratzen und so die Öse aus der Verankerung zu bekommen. Daher hatte er entsprechende Vorkehrungen getroffen. Außerdem hatte er die Eingangstür ausgetauscht.

„Die schwere Metalltür hat mich fast mehr als der abgewrackte Hof gekostet, aber das ist es mir wert. Nichts wird schief gehen. Absolut nichts. So, heute werde ich mir einen Köter anschaffen, am besten einen Rottweiler oder einen Dobermann. Herrgott, wie ich Hunde hasse, aber sicher ist sicher. Alles soll perfekt laufen. Er wird leiden, so wie ich leide, dieser verdammte Bastard von Polizist!“

„Hey, Dennis, wo willst du hin?“, fragte ihn Max Schmitz, einer seiner Kollegen.

„Mir geht es echt beschissen. Ich mache Schluss für heute. Ich nehme mir die Akte mit, vielleicht geht es nachher besser.“, log Flander.

„Gute Besserung.“, wünschte Schmitz.

Flander setzte sich ins Auto und fuhr nach Hause. Diesmal tauschte er das Bier gegen etwas härteres ein.

„Unglaublich, es macht mich fix und fertig. Diese beschissene Ungewissheit bringt mich um den Verstand.“, Flander war selbst überrascht, wie einfach es war, ihn psychisch fertig machen zu können.

„Wie leicht das doch geht. Ein Foto und nichts ist mehr wie es war. Er stellte plötzlich die Flasche ab und holte einen Kalender, einen Zettel und einen Stift heraus. Er schob die Einbrecherakte wuchtig zur Seite. Er rechnete, einer Intuition folgend, die Tage zusammen.

„Fast zehn Jahre, aber nicht ganz, stellte er ein wenig erleichtert fest.“

Einen Moment lang hatte er befürchtet, dass derjenige, der ihm das Handy zugespielt hatte, alles genau zehn Jahre nach dem einstigen Tag von damals abgepasst hatte. Aber dies war nicht der Fall.

Flander hatte sich das JPG-Bild von ihm selbst noch einmal ausgedruckt und sah es sich genau an.

„Kein weiterer Hinweis. Jetzt kommt es auf die KTU an.“, wütend schmetterte er mit einem harten Wurf sein Glas gegen die Wand.

Eva Wolf nestelte hektisch in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel. Sie hasste Tiefgaragen, vor allem diese Tiefgarage. Das Neolicht erhellte zwar den Raum, aber dennoch blieb es in der Stille, in der man nur die Schritte ihrer Schuhe hallen hörte, unheimlich. Ihr Auto hatte sie wie immer in der Nähe des Aufzuges geparkt, somit war sie dieser Stille und der unterschwelligen Angst angegriffen zu werden, etwas weniger lang ausgeliefert.
Jetzt war wieder dieses verdammten unheimliche rattern und zischen zu hören.

„Jetzt reiß dich zusammen. Das ist nur der Aufzug. Geister gibt es nicht.“, machte sie sich Mut.

„Vergewaltiger aber schon.“, mit einem Ruck saß sie auf ihrem Fahrersitz, ihres roten Kombi. Sie verriegelte die Türen und pustete einmal erleichtert ihren Atem aus.

„Das einzige was mich am Fitnessstudio stört, ist dieses dämliche Parkhaus.“, dachte die Lehrerin sich.

Misstrauisch starrte sie das Auto an, welches genau zwei Reihen hinter ihr parkte. Die Neonröhre über diesem Auto war defekt, aber das hatte Wolf nicht registriert.

Sie schob all ihre negativen Gedanken beiseite und freute sich auf den Feierabend mit ihrem Ehemann. Die stechenden Augen, welche ihr nachblickten, konnte sie weder sehen noch erahnen.

„Mittwoch und Freitag. Jeden Mittwoch und jeden Freitag, um kurz vor halb zehn. Dann bleiben dir ja noch zwei Tage.“, sagte der Mann mit den stechenden Augen zu sich selbst und lachte dabei finster.

Die Uhr schlug beinahe Mitternacht.

„Die Frage nach dem wer und warum kann ich nicht klären. Aber vielleicht, die Frage, nach dem wie. Wie die es geschafft haben, mich aufzuspüren.“, Flander war betrunken. Er hatte sich seit Jahren nicht mehr so sehr betrunken. Er vermied soziale Kontakte, seit jenem Tag. Der Dienst stand nun über allem. Er wollte gutes tun. Nur sein Feierabendbier ließ er sich nicht nehmen. Aber seinen Schnapsvorrat hatte er jahrelang nicht angeführt.

„Das richtige tun. Aber was ist das richtige. Wenn ich diese Schweine finde? Wenn sie einen Fehler gemacht haben und die KTU einen Fingerabdruck hat und dieser auch wirklich noch in der Datenbank gespeichert ist? Oder irgendeine andere DNA-Spur? Was mache ich dann?“, eigentlich kannte Flander die Antwort auf seine Frage. Und genau das war der Grund, weshalb er immer weiter trank. Seine Dienstwaffe lag geladen neben ihm.

Donnerstag, 14. November

„Verflucht nochmal, wo bleibt Flander. Ich brauche diese Akten!“, fragte Norman Bauer, der Polizeioberkommissar.

„Hat sich heute morgen bei mir krank gemeldet.“, meldete sich eine Stimme im Hintergrund.

„Was? Wieso weiß ich davon noch nichts?“, schimpfte der etwas beleibte Bauer.

„Tut mir Leid, Herr Bauer. Ich wusste nicht, dass sie das direkt wissen müssen.“, beinahe hätte die junge Praktikantin angefangen zu stottern.

„Jetzt wissen Sie es ja. Wir hätten Sie ablehnen sollen. Ich habe es gleich gesagt, ablehnen.“, schnaubte Bauer vor Wut.

„Schon gut. Ich werde gleich zu ihm fahren und die Akten für Sie holen.“, Philipp Schwertmann versuchte seinen Chef etwas zu beschwichtigen.

„Also gut. Aber dann bitte gleich.“, mit den Worten verschwand Bauer und schlug die Tür zu seinem Büro krachend zu.

„Danke, Herr Schwertmann.“

„Ja Nancy, keine Ursache. Aber eigentlich habe ich noch etwas zu tun. Ich habe jeden Augenblick einen Zeugenvernehmung.“

„Kann ich diesen Botengang erledigen?“, fragte die Praktikantin.

„Das wäre hilfreich. Ach und sagen Sie Herrn Flander bitte, die KTU hat absolut nichts gefunden. Er weiß dann schon Bescheid. Wenn er fragen hat, wird er mich anrufen.“

„Was ist das?“, fragte Flander sich. Seine Umgebung nahm er nur verschwommen wahr. Er hatte gerade geträumt. Er hatte die Nacht von damals durchlebt. Jene Schicksalsnacht, die nun beinahe zehn Jahre zurücklag. Trotzdem würde er sie nie vergessen können. Sie verfolgte ihn und würde ihn immer verfolgen. Sein ganzes restliches Leben lang. Doch diesmal hatte er das richtige getan. Er hatte einfach nur nichts getan. Er war weitergegangen, als ob er nichts bemerkt hätte.

Heftiges Klopfen.

„Das Klopfen ist kein Traum.“, Flanders Bücherregal nahm wieder Gestalt an. Er blickte auf seinen Fernseher auf dem schwarz-weiße Punkte tanzten.

„Wer ist da?“, Flander rief so laut, als müsse er gegen einen Sturm anbrüllen.

Keine Antwort.

Neugierig ging Flander zu Tür. Dann dachte er an den Umschlag und wurde misstrauisch. Noch immer leicht benommen griff er seine Dienstwaffe und ging zur Tür.

Er presste sich an den Türspion, aber da war niemand.

„Hallo?“, rief Flander ins Treppenhaus. Er blickte auf seine Hansa Rostock Fußmatte auf der Suche nach einem weiteren Umschlag. Aber da war nichts.

„Sie sehen wirklich gar nicht gut aus.“, hörte er eine weibliche Stimme von den Treppenstufen. Inzwischen war die automatische Beleuchtung im Treppenhaus erloschen und nur das Licht aus seiner eigenen Wohnung war zu sehen.

„Wer ist da?“, nervös riss Flander seine Waffe auf die Person im Treppenhaus.

„Alles in Ordnung. Ich bin es, Nancy.“, die junge Frau wurde kreidebleich, als sie die Waffe sah.

„Entschuldigen Sie. Tut mir aufrichtig Leid. Was wollen Sie eigentlich?“, fragte Flander.

„Wollen Sie herein kommen?“, die Frage stellte Flander erst nach längerem Zögern. Er dachte an die Schnapsflaschen auf seinem Wohnzimmertisch. Und in der Küche musste ein Berg dreckiges Geschirr stehen, welches auf die Spülmaschine wartete. Er bereute seine Einladung auch schon wieder.

„Nein, nicht nötig. Ich wollte nur ihre Akten abholen.“, bat Nancy.

Flander war sichtlich erleichtert.

„Ach, die Akten. Eine Moment.“

Flander bemühte sich nicht zu schwanken und gerade zu stehen, als er mit der Akte wieder in der Tür stand.

„Es ist nur eine Akte, dafür aber ein hübsches Bündel. Bitte.“

„Ich hoffe wirklich Sie sind bald wieder okay.“, die junge Frau konnte Flanders Unwohlsein praktisch greifen. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte und das Flander deswegen getrunken haben musste. Aber sie wagte nicht danach zu fragen.

„Auf Wiedersehen, Nancy.“, die Tür schloss sich bereits.

„Halt warten Sie, Herr Flander. Ich soll Ihnen noch etwas von Herr Schwertmann ausrichten. Sie haben nichts in der KTU gefunden.“

„Da kann man nichts machen.“, Flander war zutiefst enttäuscht.

„Nichts dienstliches. Ich glaube, es ist nichts dienstliches.“, dachte Nancy und wünschte ein letztes Mal „Gute Besserung.“

Ben Springer betrachtete zufrieden seine Anschaffungen. Klebeband, Kabelbinder, einen Haufen Fertiggerichte in der Plastiktasse, und natürlich jede Menge Hundefutter für sein neues Haustier. Ein alter Rottweiler aus dem Tierheim.

„Bekommt er denn auch ein schönes zu Hause?“, hatte die freundliche Frau im Tierheim ihn gefragt.

„Oh ja, ihn erwartet ein riesiger Bauernhof, wo er wachen kann.“, hatte Springer nicht gelogen. Ausnahmsweise hatte er nicht lügen müssen.

Nur hatte er nicht die ganze Wahrheit gesagt.

„Vielleicht, wenn alles glatt läuft, könnte ich den Hund wieder zurückgeben. Ich sage einfach, dass er meine Möbel anfrisst oder mich beißen will. Warum sollte ich dem Hund etwas antun, er kann ja nichts dafür. Er ist für diese Scheißwelt nicht verantwortlich. Anderseits habe ich keine Lust der Schlampe vom Tierheim irgendwelche Erklärungen schuldig zu sein, warum ich ihn jetzt schon wieder abgeben will. Vielleicht werde ich ihn doch erschießen. Immerhin ist er schon alt. In anderen Ländern als Straßenhund, wäre er wahrscheinlich sogar schon Tod. Und der Köter scheint mich auch nicht zu mögen. Er hört kein Stück, nur wenn ich Fressen habe, nimmt mich das Mistvieh ernst.“

Freitag, 15. November

Eva Wolf hatte ernsthaft überlegt, sich einen faulen Abend zu machen. Mit einer Tüte Chips und Sex and the City. Ihr Mann würde die Kinder hinlegen und dann früh schlafen gehen.

„Nein, ich muss den inneren Schweinehund überwinden.“, mit den Worten war sie aufgestanden und hatte sich einen Apfel genommen. Fünf Minuten später saß sie im Auto auf dem Weg zum Fitnessstudio. Und zur Tiefgarage.

„Warum gehst du eigentlich immer so spät zum Training?“, hatte ihr Mann sie einmal gefragt.

„Ich mag es eigentlich gar nicht hinzugehen. Ich mag es nicht, wenn mich irgendwelche Prollos dort sehen oder mir auf den Hintern starren. Aber es hilft ja wirklich etwas. Und der Beitrag jeden Monat zwingt mich praktisch dazu, auch wirklich zu trainieren. Abends ist es halt deutlicher ruhiger und ich kann trainieren, ohne auf großartig viele Leute dort zu treffen.“

Flander war wieder im Dienst.

„Ich muss dieses Handy vergessen. Vielleicht ist der Spuk jetzt doch schon wieder vorbei. Warum sollte ein möglicher Erpresser jetzt so lange mit einer Forderung warten? Die hätte er doch längst nachgeschossen. Nein, es wird Zeit mich endlich wieder meinen Einbrechern zu widmen.“

„Kaffee für Sie Herr Flander?“, fragte die hübsche Praktikantin ihn.

„Ja, gerne.“, Flander sah er ihr in die Augen und zwang sich zu einem Lächeln.

Die junge Frau machte kehrt, um bald darauf mit dem Heißgetränk wieder in der Tür zu stehen.

„Schön, dass es Ihnen wieder besser geht.“

„Prompter Service. Wenn es bei der Polizei mal nichts wird, können Sie immer noch Kellnerin werden.“, scherzte Flander.

Wolf stieg in der gewohnt leeren Tiefgarage aus. Jetzt, in der Nachsaison, war hier kaum noch etwas los. Früher war hier noch eine Videothek und eine gut besuchte Kneipe in direkter Nachbarschaft. Jetzt war hier nur noch das Fitnessstudio. Ein junger Mann mit Blick auf seinem Handy huschte an ihr vorüber. Als er sie sah, blickte er jedoch kurz vom Bildschirm aus auf und lächelte. Eva Wolf nickte zurück. Ihre blondierten langen Haaren waren noch immer ein Blickfänger. Ihre 39 Jahre sah man ihr auf den ersten Blick nicht an. Sie schloss ihr Auto mit der Funkfernbedienung ab. Sie musste mehrmals auf den Knopf drücken, denn die Knopfzelle in ihrem Schlüssel war mittlerweile schon merklich leer.

„38 Meter bis zum Aufzug. Also los.“, sie hatte die Schritte von ihrem Stammparkplatz aus abgezählt.

Wolf ging zu den Umkleiden und schloss ihre Markenhandtasche in ein Schließfach. Fünf Minuten später stand Wolf auf dem Laufband. Sie war beinahe allein und lächelte zufrieden.

Nach dem Training zählte Wolf wieder ihre 38 Schritte ab. Doch bereits nach der Tür am Aufzug wurde sie stutzig. Da parkte schon wieder ein anderes Auto, diesmal dicht neben ihrem.

„Mach dich jetzt nicht lächerlich. Niemand wird dir hier auflauern.“, der Griff um ihre Handtasche wurde fester. Sie holte ihren Schlüssel etwas früher als sonst hervor.

Noch zehn Schritte. Und Wolfs Daumen drückte bereits fest den Knopf auf ihrer Funkfernbedienung. Sie tat so, als ob man mit genug Kraft mehr Erfolg beim Türöffnen haben würde, was natürlich totaler Unsinn war.

Unmittelbar vor der Fahrertür, nahm das Auto endlich ihren Befehl an und gab die Türen frei. Wolf musterte das Auto zwei Plätze neben ihr. Sie war misstrauisch, aber weder auf dem Fahrersitz, noch auf der Beifahrerseite saß Jemand.

„Siehst du, es ist alles in Ordnung, Dummchen.“, sagte sie zu sich selbst.

„ZISCH!“, machte der Aufzug und Wolf ließ vor Angst beinahe ihren Schlüssel fallen.

Als sie sich wieder ihrer Fahrertür widmete, hörte sie ein anderes Geräusch. Es klang so wie verdammt leise Schritte.

„Es schleicht sich Jemand an, ich wusste es.“, Wolf wollte sich herum drehen. In dem Moment spürte sie etwas nasses vor ihren Augen. Es roch entsetzlich süßlich und brannte sofort heftig.

Springer wollte gerade seinen Fehler wieder gut machen und den Lappen in Richtung Mund und Nase ziehen, als Wolf sich losriss. Sie schaute ihrem Angreifer an. Er trug eine schwarze Maske und jegliche Möglichkeit, dies alles können ein schlechter Scherz sein, war dahin. Sie schlug mit einem satten Faustschlag gezielt auf seine Nase. Direkt danach liefen ihr weitere dicke Tropfen des Chloroforms in die Augen und sie sah nichts mehr. Sie wollte laufen, aber aufgrund ihrer plötzlichen Blindheit, war sie wie Benommen. Sie taumelte nur einen Schritt zurück.

„Verdammte Scheiße.“, schrie Springer auf. Für eine Sekunde war er vom Schmerz, wie gelähmt. „Sie hat mir die Nase gebrochen.“, dachte er.

Seine Hand schnellte hervor und griff nach der Handtasche. Er zog am Riemen, so dass dieser Wolf in die Schulter schnitt. Als die maximale Belastung erreicht war, riss der Riemen. Springer umklammerte nun den Körper seines Opfers von hinten und betäubte mit der anderen Hand Mund und Nase seines Opfers.

„Endlich.“, stieß Springer hervor.

Wolf versuchte noch zu schreien, aber ihr Schrei wurde in dem weißen rauen Tuch vor ihrem Mund erstickt.

Direkt danach wurde ihr schwarz vor Augen. Ein letztes mal sah sie schräg abgewinkelt noch die Neonröhre vor sich.

Aber dabei hing Wolf bereits schlaff in den Armen von Springer. Er legte die bewusstlose Frau in seinen Kofferraum und knallte die Klappe zu. Erst am Steuer fasste er sich nochmals an die Nase.

„Nicht gebrochen, der Schlag hat einfach nur höllisch weh getan.“, sagte er zu sich.

Gerade als er wegfahren wollte, hielt er noch einmal an. Er hob etwas auf und stieg dann wieder ein. Erleichtert warf die Handtasche in den Beifahrerfußraum.

„Hat doch bisher alles geklappt, wie es sollte. Naja fast.“

Springers Nase blutete und tropfe seine Winterjacke voll. Er wischte sich mit seinem Handschuh über die Nase und roch nun auch das Chloroform deutlich.

„Jetzt nur nicht einschlafen, Alter, reiß dich zusammen.“

„So, Nancy. Jetzt zeige ich dir einmal, wie das mit den Notrufen funktioniert. Hier haben wir ein kleines nettes Tool. Dort fütterst du das System mit den relevanten Informationen. Die Gespräche sind natürlich völlig unterschiedlich. Trotzdem ist es ein standardisierter Prozess und jedes Gespräch ganz gleich, ob es ein Anruf wegen Lärmbelästigung oder ein gemeldeter Mord ist, wird gleichbehandelt. Wobei natürlich für die ganzen Bagatellsachen, der Notruf überhaupt nicht vorgesehen ist. Ich glaube aber, dass werden die Bürger niemals begreifen.“, erklärte Philipp Schwertmann der Praktikantin.

„Die Fünf W-Fragen kennst du ja hoffentlich. Hier wird der Name des Anrufers eingetragen und hier-“

Schwertmann musste abbrechen, denn in diesem Moment ging tatsächlich ein Notruf ein. Schwertmann legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen, um seine Praktikantin zur Ruhe aufzufordern und nahm gleichzeitig ab.

„Wolf, hier am Apparat. Sie müssen sofort zur Tiefgarage in die Paradiesstraße kommen. Meine Frau ist verschwunden. Es ist ein Notfall und verlieren sie keine Zeit.“

„Ich brauche Ihren Namen und den Namen Ihrer Frau. Die Adresse habe ich. Sie müssen mir genau sagen, was passiert ist.“

„Andre Wolf. Meine Frau Eva Wolf ist beim Training gewesen und danach nicht wieder zu Hause aufgetaucht. Es muss ihr etwas zugestoßen sein. Ich bin beim Parkhaus, hier steht ihr Auto. Im Studio ist sie auch nicht. Also bitte beeilen Sie sich!“, die Stimme von Herrn Wolf wurde urplötzlich verzweifelt.

„Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal. Ich werde Ihnen einen Streifenwagen hinschicken. Vielleicht klärst sich alles auf. Ein Trainingsunfall oder sie ist spontan mit einer Freundin noch wo essen gegangen. Es gibt viele mögliche Erklärungen.“

„Es ist gleich nach Mitternacht. Besser Sie verschwenden keine weitere Sekunde.“, zischte der Anrufer eisig in den Hörer und legte dann auf.

„Das klang ja wirklich aufregend.“, war die Praktikantin begeistert.

„Ja, da hast du wohl Recht. Dennoch sind die meisten dieser Anrufe am Ende völlig harmlos. Es ist ja nicht so, dass in Meck-Pomm tagtäglich Leute entführt oder gar ermordet werden. Gott sei Dank nicht.“, erklärte Schwertmann.

Danach wies er einen Streifenwagen in der Nähe an, zum eventuellen Tatort zu fahren.

„Und Nancy, du wirst sehen, morgen früh hat sich alles aufgeklärt. Vielleicht hatte die Eva keine Lust auf den Alltag und ist mit einer Freundin tanzen gefahren, oder da ist ein anderer Mann im Spiel.“, lächelte Schwertmann.

„Lassen Sie mich los! Sie sind pervers, ich wusste es.“, jetzt wehrte sich Wolf heftig und mit allem, was sie an Energie übrig hatte.

Das Erste, was sie nach der Dunkelheit wieder gesehen hatte, war die riesige Schneiderschere in der Hand ihres Entführers.

Denn jetzt hatte Springer angefangen ihre Strickjacke mit dieser Schere aufzuschneiden.

„Tut mir Leid. Ich muss auf Nummer sicher gehen. Ich habe nämlich keine Lust eine Nagelfeile oder einen Schlüssel in meinen Oberschenkel gerammt zu bekommen, wie in diversen schlechten Filmen. Oh nein, meine Party läuft glatt. Versprochen.“

Wolf strampelte mit letzter Kraft. Die Wirkung des Chloroforms hatte nachgelassen, gerade als der noch immer maskierte Mann die Schere hervorgezogen hatte. Wie ein Sprung ins eiskalte Wasser, war sie plötzlich nach ihrem traumlosen Schlaf, wieder in die Realität zurückgekehrt. Und die war ein alter verdreckter Keller ohne jedes Fenster. Ihre geweiteten Augen fixierten voller Angst das spitze Ende der Schere.

„Nein, lassen Sie mich los.“, flehte Eva und zerrte mit leibeskräften an ihrer Kette, die sie erst jetzt realisierte. Ihre Atmung beschleunigte sich, nachdem ihr Körper das maximale an Adrenalin ausgeschüttet hatte. Die Todesangst war jetzt die größte Qual. Einen Moment lang befürchtete sie, der unheimliche Mann mit der schwarzen Maske würde ihr die Schere direkt in die Kehle rammen. Aber das geschah nicht. Unglücklicherweise hatte der Mann sie aber bereits fixiert. Somit hatte Wolf keine Chance sich zu befreien. Das Zerren an dem Metall war einzig und allein höllisch schmerzhaft an den Fußgelenken.

„Aber, aber, Eva. Keine Angst, ich will dir nicht an die Wäsche, das ist mit Party nicht gemeint. Du brauchst in der Beziehung keine Angst zu haben. Wobei es nicht heißen soll, dass du nicht attraktiv wärst. Jetzt da nur noch im BH vor mir bist und ich dir deine Hose noch aufschneiden muss.“, Springer sprach nun ganz ruhig.

„Verpiss dich!“, schrie Eva Wolf. Sie hatte das beschwichtigende „Sie“ aufgegeben.

„Der Kerl kennt meinen Namen. Er hat mich gezielt ausgewählt.“, ihre noch immer gereizten Augen schmerzen und es bildeten sich Tränen, gegen die es zwecklos war anzukämpfen. Sie wollte kämpfen, aber sie war in einer hilflosen Lage. Sie konnte nur mit ihren Beinen Strampeln.

„Halt still, verdammt nochmal. Sonst muss ich dich nochmal betäuben und bei diesen KO-Tropfen, weiß man nie, ob man wieder aufwacht.“, Springer riss der wehrlosen Frau ihre Winterstiefel von den Füßen, wobei diese vergeblich versuchte ihren Peiniger damit zu treten.

Jetzt saß sie nur noch in ihrem weißen Slip und ihrem Sport-BH da, eine Wollsocke war an ihrem rechten Fuß geblieben. Springer hielt es nicht für nötig, diese zu entfernen. Er brachte etwas Abstand zwischen sich und seinem Opfer.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Wolf mit weinerlicher Stimme. Sie hatte aufgehört zu strampeln und schlug eine neue Strategie ein. Sie bettelte von nun an um ihre Freiheit.

„Ich habe Ihnen nichts getan. Sie müssen das nicht tun. Warum tun Sie mir das an?“, Wolf wechselte wieder in den Sie-Modus, um den Entführer und vermutlichen Vergewaltiger zu beruhigen.

„Im Grunde genommen habe ich nichts gegen dich. Es ist manchmal besser keine Antworten zu bekommen. Die Wahrheit ist manchmal ein Arschgesicht.“, lachte Springer böse.

„Was heißt das?“, brüllte Wolf panisch, doch ihr Peiniger hatte ihr bereits den Rücken zugedreht und schritt langsam hinaus, zu der schweren Stahltür. Ein letztes Mal drehte sich Springer um, nur um den Raum zu kontrollieren.

„Alles perfekt. Nächster Punkt. Keine Konversation mehr, keine Beziehung zu dem Opfer aufbauen.“, sagte er laut, so dass Wolf seinen Plan mithören konnte.

Die Tür zum Kellerraum schloss sich und es wurde finster in dem Verlies. Das war der Zeitpunkt in der die Schreie von Eva Wolf anfingen.

Samstag, 16. November

Es war mitten in der Nacht, als die Streife die ersten vorläufigen Ermittlungen am Tatort abgeschlossen hatte.

„Hier ist 1101 für Zentrale. Sagt Bauer Bescheid. Wir brauchen hier die Spurensicherung. Und er soll selbst herkommen. Ich weiß nicht, wie es mit den Bildern der Überwachungskamera aussieht. Ich kann den Betreiber vom Parkhaus nicht erreichen und ich kann hier schlecht die Fenster einschlagen, um an die Videos zu kommen. Und Jemand soll den Ehemann hier wegbringen. Auf dem Revier vernehmen. Aber nicht, dass volle Programm. Der steht hier kurz vor dem Nervenzusammenbruch.“

Flander tauchte zur gewohnten Zeit auf dem Revier auf.

„Was soll die Hektik hier. Was geht vor?“, fragte er in die Runde.

„Eine Entführung oder vielleicht sogar noch schlimmeres.“, klärte Schwertmann ihn auf.

„Du meinst eine vermisste Person?“, fragte Flander nach.

„Die Person gilt als vermisst. Eva Wolf ist gestern nach dem Training im Fitnessstudio nicht nach Hause gekommen. Daraufhin ging ein Notruf bei uns ein.“

Schwertmann sah Flander an. Der Mann sah aus, als ob er gerade einen Faustschlag ins Gesicht erhalten hatte und einen Tritt in die Magengrube gleich dazu.

„Alles in Ordnung, Dennis?“

„Ich- Ja, alles bestens. Wie sagtest du, heiß diese Frau?“

„Eva Wolf. Kennst du sie?“

„Nein. Aber das wird doch wohl mein Fall werden, oder nicht?“, fragte der Kommissar.

„Nein, Norman ist da dran. Wir haben die Bilder der Überwachungskamera, wie ihr Wagen hereinfährt, dann aber keine Bilder, wie die Frau das Parkhaus verlässt. Also gehen wir von einem Kapitalverbrechen aus. Demnach ist Bauer zuständig.“

„Ich muss Bauer anrufen.“, schoss es Flander durch den Kopf.

„Ach und Dennis, hier ist dein Handy und der Umschlag.“, sagte Schwertmann betont leise und gab ihm beides unter dem Schreibtisch durch.

Eva Wolf starrte auf das große helle Loch, welches sich über ihr in der Decke gebildet hatte. Ihre Stimme war erst heiser und dann fast vollständig erloschen. Sie hasste es zu schreien. Es war schon bei ihren Schülern ein Graus, wenn sie so oft rufen musste, bis ihre Stimme versagte.

„Was hat das Licht zu bedeuten?“, fragte sie sich ungläubig.

Etwas erleichtert war sie, Licht war besser, als diese Finsternis.

„Das Licht bedeutet nichts gutes, du solltest eher Angst haben.“, meldete sich ihr Verstand.

Langsam stand sie auf, ihre Gelenke schmerzten vom ewigen Ziehen an der Kette. Sie sah jetzt, dass sie an diversen Stellen Blut und Abschürfungen hatte.

„Hallo? Sind Sie da oben. Holen Sie mich heraus. Ich kann nicht mehr.“

Notgedrungen hatte die Frau in die Ecke gemacht, da es keine Toilette gab. Die Kette war mit ihren Füßen verbunden und machte ihr so die Fortbewegung äußerst eingeschränkt möglich. Sie war nicht lang genug, um bis zur Tür zu gehen.

„Aber zum Loch an der Decke, könnte ich es schaffen.“, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie bewegte sich umständlich dorthin.

„Was ist das?“, frage sie laut.

Etwas rotes kam auf sie zu. Aber keine Antwort. Wenig später stand ein rote Kunststoffeimer mit einem Seil, welches nach oben führte, vor ihr. Darin befand sich eine Plastikflasche Wasser und ein Brot mit einer Scheibe Käse drauf.

„Gott sei Dank, etwas zu trinken.“, die junge Frau trank die halbe Flasche direkt aus.

„Lieber die andere Hälfte einteilen, wer weiß, wann es das nächste gibt.“, sagte sie sich schließlich.

Das Brot beließ sie in dem Eimer.

„Was willst du von mir Dennis?“, fragte Bauer am Diensthandy.

„Ich will dich unterstützen.“

„Ich brauche keine Unterstützung. Das ist mein Fall und ich habe bereits ein Team gebildet.“

„Das ist mir durchaus bewusst. Ich will mich auch nicht einmischen, aber das könnte der größte Fall der letzten Jahre werden. Und ich finde, ich habe mir ein Mitwirken verdient. Ich bin ein guter Polizist und ich habe noch nie um irgendetwas gebeten.“

„Also schön. Komm nachher erst Mal mit in die Dienstbesprechung, dann bist du auf dem neusten Stand der Ermittlungen.“

Das Mittagessen war eine Plastikdose mit einer Art Kartoffelbrei und erneut eine Flasche Wasser. Wolf überlegte, auch den Brei stehen zu lassen. Doch dann griff sie den Plastiklöffel und aß.

„Warum tun sie mir das an? Warum gerade ich?“, frage Wolf und hoffte auf eine Antwort.

Aber sie blieb aus, stattdessen aß sie schweigend ihren Brei. Als sie damit fertig war, hob sich das Seil, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin zurück nach oben.

„Soll ich danach greifen? Das könnte ich. Aber es hat wenig Sinn. Das kleine Loch ist zu schmal für mich. Der dämliche Plastikputzeimer passt gerade so hindurch. Außerdem bin ich immer noch an der Kette.“, Wolf entschied sich um. Sie nutzte die verbleibende Zeit, in der noch fahles Licht in ihr Verlies fiel, um den Dreck am Boden genauer zu betrachten. Sie hatte nämlich in den dunklen Stunden festgestellt, dass es hier in dem Dreck noch einige rostige Nägel und Schrauben gab. Muss früher mal ein Lagerraum für Werkzeug gewesen sein.

„Ein rostiger alter Nagel. Etwas wenig, was ich in der Hand habe, um gegen diesen Mann anzutreten. Aber vielleicht, könnte ich mich damit befreien?“

Jetzt hörte Wolf, wie der unheimliche Mann oben den Eimer abstellte und eine Platte über die Deckenöffnung schob. Es wurde wieder dunkel um sie herum.

„Herrgott, wie lange soll das denn jetzt noch so gehen?“, fragte sie sich.

„Wessen scheiß Handy ist das?“, tönte Bauer ungehalten.

Erst jetzt registrierte Flander, dass der nervige unbekannte Klingelton aus seiner eigenen Hosentasche kam.

„Das HANDY. Da muss ich ran. Mist kann keine Fangschaltung mehr machen.“, fluchte Flander.

Er stürmte aus dem Besprechungsraum in eines der Büros, verschloss die Tür und drückte dann die Gummitaste mit dem grünen Hörer darauf.

„Wer ist da?“, fragte er tonlos und etwas abgehetzt.

„Spielt mein Name eine Rolle? Sind dir Namen wichtig? Also meiner ist Ben, wenn du es unbedingt wissen willst. Wie weit bist du mit deinen Ermittlungen gekommen?“

„Wovon sprechen Sie, Ben?“

„Man, Flander, du langweilst mich. Eva Wolf. Ich rede von Eva Wolf, geborene Angermann.“

„Was wissen Sie darüber, Ben?“, Flanders Stimme wollte sich überschlagen, aber er bemühte sich sachlich zu sprechen, was ihm nunmehr kaum noch gelang.

„Nun, erst das Handy, dann die Sache mit Eva. Du glaubst da doch sicher nicht an Zufälle oder?“

„Ich glaube, dass Sie dahinter stecken, Ben.“

„Habt ihr schon festgestellt, dass das Auto als gestohlen gemeldet ist?“

„Natürlich, wir-“

„Dann vergiss die Spur Flander, die führt zu nichts.“

„Welche Spur führt dann zu etwas?“, fragte der Kommissar.

„Ich könnte dir eine Adresse nennen. Aber das Problem damit ist, dass du alleine kommen musst. Die Einladung gilt exklusiv für dich, Dennis Flander. Kommt Jemand anderes, oder kommst du nicht alleine, so wird das einer unschuldigen jungen Frau das Leben kosten.“

„Wie lautet diese Adresse?“

„Blumenstraße 24, das sind laut Google, sieben Minuten, also ich erwarte dich in sechs Minuten dort, denn du hast es ja sicherlich eilig.“, mit diesen Worten hängte Springer auf.

„Wollen Sie einen Kaffee?“

„Was zum?“, vor Schreck hatte Flander beinahe sein Handy fallen gelassen.

„Was ist denn das für ein altes Handy? Oh, Sie sehen schon wieder nicht gut aus. Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

„Nancy, sag doch bitte einem meiner Kollegen Bescheid, mein Infekt ist zurückgekommen, ich muss doch wieder nach Hause.

„Sind Sie sicher, dass ich nicht-“

„Ja, ich bin sicher. Bitte geh!“, mit diesen Worten stürmte Flander aus dem Büro, er sprang in den Streifenwagen und gab Vollgas.

Er fuhr gerade in die Blumenstraße ein, als das Handy auch schon schellte.

„Bist du da?“

„Ja, welches Haus ist es?“

„Bist du der Kommissar oder ich? Gehe zum Haus. Unter dem rechten Blumenkasten liegt der Schlüssel. Hast du ihn?“

Flander hetzte sich ab, um die Forderungen so schnell wie möglich zu erfüllen.

„Ich- Ich habe den Schlüssel gefunden.“

„Prima, war doch gar nicht so schwer.“

„Wo finde ich Sie?“, fragte Flander misstrauisch.

„Siehst du den brauen Umschlag?“, Springer ging nicht auf seine Frage ein.

„Ja.“

„Mach ihn auf.“

„Eine Mikrokamera, ein Sender und ein Autoschlüssel.“

„Steck sie dir an und dreh dich einmal im Kreis. Gehe damit auf die Straße.“

„Was jetzt?“

„Nochmal drehen.“

„Gut, du spielst also fair. Der Sender ist ein Peilsender.“

„Was wird jetzt?“

„Wenn du die Anschrift haben willst, also die Richtige, musst du nur noch eins tun.“

„Und das wäre?“

„Nimm deine Dienstwaffe. Gehe zur Mülltonne. Schmeiß sie in den Restmüll. Und stopfe den blauen Müllsack, der neben der Tonne liegt oben drauf.“

Flander gehorchte ohne zu zögern.

„Gut so. Jetzt hast du dir die richtige Adresse verdient. Laut Google erwarte ich dich in einer Viertelstunde.“

„Gut, das du hier bist, Dennis. Das ist der Beweis, dass ich nicht alles umsonst gemacht habe. Du liebst doch noch. Du lässt zwar niemanden mehr an dich ran, aber es gibt noch einen Menschen auf der Welt, den du liebst, denn sonst wärst du jetzt nicht hier. Die Haustür ist auf, das wird eine Kellerparty. Es ist der zweite Raum rechts neben der Treppe.“

Flander war es äußerst unwohl und sein gesamter Körper rebellierte gegen die Entscheidung jetzt die Kellerstufen hinabzugehen. Er sah eine Heugabel, aber er erinnerte sich auch an seine Kamera. Jetzt war er bei der Tür angekommen. Langsam öffnete sich die Tür für einen Spalt und er wurde sogleich von der Mündung einer Neun-Millimeter-Pistole begrüßt.

„Willkommen. In dem Fall, ist meine Maske nicht mehr länger von Nöten.“

„Weder Eva Wolf, noch Dennis Flander sagte das nunmehr unmaskierte Gesicht etwas, welches zum Vorschein kam. Springer kam mit einem ungepflegtem Vollbart daher und seine stechenden Augen passten nicht recht in sein Gesicht hinein.

„Der Kerl ist Ende 20, sieht ziemlich heruntergekommen aus, passend zum Anwesen. Der Kerl sieht schon so aus, dass man ihn nicht in seiner Nähe wissen möchte. Aber warum nimmt er die Maske ab?“, dachte Flander.

„Also, was soll das. Ich schlage vor, Sie lassen die Frau dort gehen.“

„Marc, bist du das?“, Eva Wolf war vor Erstauen beinahe ohnmächtig.

„Nein, du kannst es nicht sein. Du kannst nicht-“, Wolf brach unter Tränen ab.

„Doch, Eva. Ich musste es tun. Es tut mir so Leid.“, sagte Flander kaum hörbar.

Keiner im Raum sagte etwas. Springer zielte noch immer mit der Waffe auf sein Opfer.

„Wir haben dich beerdigt, verdammt nochmal.“, klagte Wolf vorwurfsvoll.

In ihr kochte es, und sie war überflutet vor Gefühlen. Da war eine Spur von Hass, jede Menge Enttäuschung und Bitterkeit, was Marc anging. Dazu kam noch die panische Todesangst und der Groll gegen ihren Peiniger.

„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte Dennis Flander, den es erst seit zehn Jahren gab.

„Du kennst mich nicht, Marc. Aber ich kenne dich. Dennis Flander, ein schon immer zweitklassiger Ermittler. Acht Jahre in Mannheim untergetaucht und jetzt wieder hier in deiner Heimat. Nur das du dich äußerlich verändert hast. Ein falscher Name alleine reicht nicht. Du hast in den letzten Jahren viele deiner Fälle durch enorme Überstunden gelöst. Hast unendlich viel Zeit investiert. Ich vermute, du hattest dein Leben lang ein schlechtes Gewissen. Aber du hattest jede Menge Input, um dich abzulenken. Deine Gedanken weit weg zu vergraben unter einer Schicht von Aktenbergen.“

„Wovon spricht er?“, fragte Wolf dazwischen.

„Ich habe vor ziemlich genau zehn Jahren riesigen Mist gebaut. Es war einer meiner ersten Einsätze, ich war gerade am Strand auf Streife, es war ein schöner Novembertag damals. Es war schon dunkel und ich sah einen Lichtkegel in der ehemaligen Kaserne. Also bin dort hinein, um der Sache auf den Grund zu gehen. Unten war alles dunkel und ich wusste, wenn noch Jemand da war, musste derjenige im ersten Stock sein.“

„Komm auf den Punkt. Spann deine Ex nicht stundenlang auf die Folter. Was hast du dort gemacht, an dem Abend vor heute genau zehn Jahren?“, fragte Springer drohend.

„Es ging alles so schnell. Es war ein Unfall. Da war dieser Junge, am anderen Ende des Ganges. Es war überall totenstill und nur dieser Lichtkegel von seiner Taschenlampe war zu sehen. Plötzlich ließ er die Lampe aber fallen und rannte kreischend auf mich zu. Ich forderte ihn auf stehen zu bleiben, aber er reagierte nicht. Da habe ich abgedrückt. Ich dachte, er hätte vielleicht ein Messer in der Hand.“

„Hatte er aber nicht.“, sagte Springer kalt.

„Und du weißt wirklich nicht, warum der junge Mann seine Lampe fallen gelassen hat und weggelaufen ist?“, fragte Springer.

„Nein, vielleicht weil er mich gehört hat, aber warum ist er dann auf mich zu gestürmt?“

„Oh nein. Kommissar Marc Paschulke, aber damals warst du ja noch kein Kommissar. Tim hatte keine Angst vor dir, er hat dich gar nicht gesehen. Er hatte Angst vor dem Tier, welches plötzlich vor ihm im Lichtkegel aufgetaucht, dann abgehoben und aus dem Fenster geflogen ist. Es war so groß wie eine Katze, irgendeine Eulenart.“

„Woher wollen Sie das wissen, es war niemand sonst da.“

„Natürlich war ich da. Ich war immer bei ihm, schließlich war Tim mein Zwillingsbruder.“

„Es war doch wirklich ein Unfall. Was wolltet ihr denn auch dort in der Kaserne? Die steht doch seit Jahren leer.“, mischte Eva sich ein.

„Es war eine Mutprobe. Eine Mutprobe für mich. Ich bin dort ohne Taschenlampe hinein. Und er kam fünf Minuten später mit Lampe nach, um zu schauen, ob ich wirklich bis nach oben gegangen war. Eigentlich wollte ich am Fenster winken, aber ich machte mir einen Spaß daraus, dass er ebenfalls hineingehen musste, um mich zu suchen.“, erklärte Springer.

„Toller Spaß.“, befand Flander.

„Halt dein Maul! Du bist ein Mörder. Du hast ihn erschossen und dann beseitigt. Dein Ruf als Polizist sollte nicht in Gefahr geraten. Du hast ihn weit draußen im Meer entsorgt. Aber er wurde trotzdem an den Strand gespült. Danach hast du dir eine neue Identität aufgebaut. Du hast deinen eigenen Tod vorgetäuscht. Du wusstest ja nicht, ob sie die Patrone deine Dienstwaffe im Körper von Tim finden würden oder nicht. Und nach deinem Tod, konntest du dann nicht mehr zurück.“

„Ist das wahr?“, fragte Eva und sah ihren Exfreund mit feuchten Augen an.“

„Ich musste es tun. Es tut mir so Leid. Ich habe dich immer geliebt. Ich hatte nie wieder eine andere Frau.“

„Schluss jetzt. Sie haben nicht mal wegen Mord ermittelt, meine Zwillingsbruder war eine Wasserleiche. Es hieß er habe betrunken im Meer geschwommen und war zu weit draußen. Keine Gerechtigkeit. Danach bin ich ein anderer Mensch geworden. Die Leute würden sagen, einfach böse. Aber ich hatte keine Lust mehr auf diese ganze scheinheilige Welt. Wieso sollte ich Jemandem einen ‚guten Tag‘ wünschen, wenn mir derjenige scheißegal war. Genauso egal wie jedem, außer mir, der Tod von Tim war. Meine Eltern haben mir nicht geglaubt und so habe ich auch mit ihnen gebrochen. Vielleicht hätte ich es anders anstellen müssen. Aber das spielt nun keine Rolle mehr.“

„Was haben Sie jetzt vor? Sie kennen die Wahrheit. Es war ein Unfall. Kein Mord.“

„Ach wirklich. Bist du dir da ganz sicher?“

„Sie kennen doch die Wahrheit.“

„Die Wahrheit ist, dass mein Bruder noch lebte, als du ihn ins Wasser geworfen hast.“

„Sie sind ja völlig verrückt.“

„Ich war noch ein letztes Mal bei ihm, als du die Decke für den Abtransport geholt hast. Da konnte ich spüren, dass er noch am leben war.“

„Unsinn, Ihr Bruder war sofort tot. Er hat zwei Kugeln abbekommen.“

„Trotzdem hat er noch gelebt.“

„Unsinn, das einzige, was du gespürt hast, war höchstens einen Rest seiner Körperwärme.“

„HALT DEIN MAUL!“, schrie Ben Springer ihn an.

Es herrschte eine kurze Stille, dann hatte Springer sich wieder in der Gewalt.

„So jetzt, bevor hier noch mehr Zwischenfälle auf meiner Privatparty stattfinden, kommen wir zum eigentlichen Teil der Show. Ich war früher ein herzensguter junger Mann. Ich habe den Strand sauber gehalten, habe für alte Leute in den Dörfern eingekauft, habe mich aber auch von Hinz und Kunz ausnutzten lassen. Diese Zeiten sind vorbei. Seit dem Vorfall von vor zehn Jahren. Eigentlich sollte die Show ja genau in dem gleichen Gebäude stattfinden, aber unglücklicherweise haben sie dort ein Pflegeheim errichtet und die Kaserne einfach so abgerissen. Nun ja, ich denke hier ist es genau so gut. Ich habe dir ja versprochen, wenn nicht nicht Dennis Flander kommt, sondern Jemand anderes, wird Jemand unschuldiges sterben. Und du bist nicht Dennis Flander. Darum werde jetzt Eva Wolf erschießen. Nichts gegen Eva persönlich, aber sie hat einfach das Pech. Sie ist die einzige Person, die es gibt, die ich dir nehmen konnte. So wie du mir meinen Bruder genommen hast.“, Springer entsicherte die Waffe.

Das war der Moment, wo der Hund draußen auf dem Hof anschlug.

„Verdammter Köter, wer stört uns jetzt?“, fluchte Springer.

Wolf und Flander atmeten wieder, sie schienen etwas Zeit zu gewinnen. Das war der Moment, in der Wolf ihre Hände und Füße so bewegte, dass Flander sehen konnte, dass sie nicht mehr an der Kette hing, sondern sich befreit hatte.

„Sie tut nur so, das ist mein Mädchen.“, freute Flander sich.

Draußen im aufkommenden Schneesturm verursachte jeder Schritt den gleichen monotonen Laut von zerquetschenden Schnee. Jetzt blieb die Person mitten in den Schneemassen stehen. Der bedrohliche Hund bellte den Eindringling in seinem Revier hemmungslos an.

„Ruhig brauner. Alles ist gut.“, flüsterte eine sanfte Frauenstimme, nicht ohne Angst.

„Fein, alles wird gut.“, machte sie sich selbst Mut.

Das war der Moment, in der sie einen Schuss hörte.

„Verdammt, ich bin zu spät. Ich muss sofort da rein.“, zischte die junge Frau.

In Sekundenschnelle blickte sie noch einmal auf die Eingangstür und die Fenster. Dann lief sie los. Der Hund nahm die Verfolgung auf. Keine zehn Meter trennten ihn von ihr. Sie lief so schnell, dass sie nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte und mit der Schulter gegen die Hauswand krachte. Sie riss das Schutzgitter zu den Kellerfenstern zur Seite und sprang in die Tiefe.

„Den Moment lasse ich mir doch nicht nehmen. Das dachtest du doch nicht ernsthaft oder? Ich habe zehn Jahre darauf gewartet.“, lachte Springer böse.

„Nein.“, rief Flander langgezogen, er stürzte auf seine große Liebe zu, die in der Brust getroffen war.

„Ich-“, mehr brachte Wolf nicht mehr heraus.

Jetzt stürzte sich Flander mit all seiner Wut auf Springer.

„Scheiß auf die Waffe, ich mache den Mistkerl fertig. Ich bringe ihn um.“, dachte Flander.

Er war beinahe in Schlagdistanz und Springer, der hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

Noch immer hatte die junge Frau im Keller das Gekläff in den Ohren. Aber jetzt trennte sie ein uraltes Fenster mit einem Sprung in der Ecke vor dem lauten Gebell.

„Geschafft, das Fenster kriegt er nicht aufgedrückt.“, atmete die junge Frau auf.

„Jetzt ist nur die Frage, von wo der Schuss kam. Auf alle Fälle muss ich leise sein.“

In dem Kellergang war es unheimlich. Überall stand Gerümpel aus uralter Zeit herum. Das Licht war eingeschaltet, das hieß das drei nackte Glühbirnen ihr den Weg zeigten. Die schlanke Frau schlängelte sich links und rechts an den Möbeln vorbei.

Der Boden im Kellerflur war mit Sägespänen, Heu und Styroporkügelchen bedeckt.

„Eine Mistgabel, könnte zu gebrauchen sein.“, sagte die junge Frau zu sich selbst und nahm das Werkzeug an sich.

„Na super. Du hast ein Talent an dir, alles, aber auch wirklich alles zu verderben.“, schimpfte Springer.

Er war über den blutenden Flander am Boden gebeugt. Springer hatte ihn im letzten Moment niedergeschossen. Flander war getroffen, aber noch nicht Tod.

„Du sollst doch nicht verbluten, Mensch.“

„Halts Maul!“, unterbrach ihn Flander.

„Gott sei Dank, bist du noch am Leben. Das ist erst einmal das Wichtigste.“

„Halts Maul. Du bist krank, einfach nur krank!“

„Ach Marc, du bist selbst krank. Deinen eigenen Tod vorzutäuschen und deine Geliebte darüber nicht in Kenntnis zu setzen. Aber zurück zum Plan. Du wirst hier drin verhungern. Ich gebe dir gleich Verbandszeug, du wirst dich selbst verbinden müssen. Ich mache das garantiert nicht. Ist wohl nur eine Streifschuss, wie?“

Flander antwortete nicht, sondern dachte an einen Ausweg. In dem Moment leuchteten seinen Augen auf.

„Nancy, wo kommt die denn her?“, dachte er sich, als er die Gestalt der jungen Frau in der Tür sah.

Die Praktikantin, ohne jegliche Erfahrung im Polizeiaußeneinsatz, tauchte im Türrahmen auf, bis jetzt noch unbemerkt von Springer.

„Waffe fallen lassen!“, mit diesen Worten setzte sie die Heugabel an den Rücken von Springer an. Gerade so fest, dass dieser sie durch seinen dicken Wollpullover spüren musste. Blitzschnell drehte sich Springer um, um zu sehen, wer da seinen Plan durchkreuzte.

„So hübsch und so jung, wenn ich das gewusste hätte, hätte ich dich auch zu unserer Party eingeladen. In deinem Alter war Tim auch, als unserer Freund Marc hier, meinen Bruder umgebracht hat. Er war ein guter Mensch, genau wie ich. Aber das ist nun vorbei. Und jetzt nimmst du das Ding runter.“, Springer sprach ganz ruhig, aber bestimmt.

Nancy, zögerte unsicher.

„Der Kerl ist ein Killer. Aber vielleicht kann ich aufhalten, wenn ich fest genug zustoße. Wenn ich es kann.“

„Ich zähle jetzt bis drei. EINS!“, jetzt schrie Springer die junge Dame mit voller Kraft an.

Bis zur „zwei“ kam er nicht mehr, denn Flander war aufgesprungen und drückte ihm von hinten die Kehle zu. Springer ließ vor Schmerzen die Waffe fallen. Im Todeskampf drehte er sich einmal halb um die Achse, um seinen Gegner sehen zu können, doch Flander war hinter ihm geblieben.

„Die Heugabel.“, schoss es ihm durch den Kopf.

Aber der Gedanke kam zu spät. Jetzt rammte ihn Springer schon rücklings in die Gabel.

„Die Tür.“, Flanders Augen weiteten sich auf ein unglaublich grässliches Ausmaß, als er Nancy in die Augen blickte.

Und die Studentin begriff. Sie stürzte aus dem Raum und drückte die Tür zu.

„Nein, du miese Schlampe.“, Springer trommelte gegen die Tür.

„Verhungern, soll er.“, röchelte Flander mit letzter Kraft, so laut er konnte.

„Zeit zu sterben, Marc.“

Ein letzter Schrei. Gurgelnde Laute, danach war nichts mehr von Flander zu hören. Niemals mehr wieder. Nancy hörte nun Knochen zerbersten, danach das Geräusch der Zinken, die auf den bröseligen Estrich trafen.

Nancy drehte den Schlüssel, der noch im Schloss steckte und entfernte sich.

„Komm zurück! Du kannst mich doch nicht hier lassen. Tu das nicht!“, brüllte Springer ihr noch hinterher.

Sechs Jahre später

Schmitz und Schwertmann nahmen ihr Feierabendbier ein, das hieß Schmitz trank Cola, während Schwertmann daneben sein Bier trank.

„Die Meldung ist bestätigt. Die haben dort die Gebeine von drei Toten gefunden.“, hatte Schmitz die Neuigkeit für seinen Polizeikollegen.

„Krank. Jemand hat die drei dort eingesperrt. Entweder tot oder lebendig.“, war Schwertmann fassungslos.

„Das heißt, wir suchen einen kranken Mörder.“, war sich Schmitz sicher.

„Natürlich, wer würde sonst so etwas tun? Irgendein Verrückter ist da draußen.

„Noch ein Bier und eine Cola?“, fragte die Bedienung.

„Gerne doch. Warum bist du damals eigentlich nicht bei uns geblieben? Stattdessen Bier und Fischbrötchen, tagein tagaus. Ist das wirklich besser?“, fragte Schwertmann die Frau hinter dem Tresen.

„Polizeiarbeit ist wohl nicht mein Ding, und wie du schon sagst, zu viele Verrückte da draußen.“, sagte Nancy und schob die Gläser mit einem gekonnten Schwung bis direkt vor die Plätze der beiden Polizeibeamten.

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silke-k-weiler
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 45
Beiträge: 473



BeitragVerfasst am: 24.08.2020 12:16    Titel: Re: Beitrag "Böser Zwilling" bei Ausschreibung von Sebastian Fitzek "Wir schreiben zu Antworten mit Zitat

OpenOcean hat Folgendes geschrieben:
Hallo man möge mich korrigieren, wenn ich hier falsch bin. Leider habe ich auch über die Suche nichts gefunden. Habe einen Beitrag bei der o.g. Ausschreibung verfasst. Hier ist er zu finden:
https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/boeser-zwilling


Hallo OpenOcean,

es kommt darauf an, was Du möchtest. Wenn der Text für Dich quasi fix und fertig und geschniegelt und geschliffen ist, bist Du im Feedback Bereich sicher richtig. Wenn Du daran arbeiten möchtest, ist er in der Werkstatt gut aufgehoben. Du hast ihn aber bereits eingereicht, also kommt es jetzt wohl auf Feedback an.

Da schon ein paar Tage vergangen sind und ich selbst weiß, wie hibbelig man werden kann, wenn man auf Rückmeldung wartet, versuche ich mich an einer solchen.

Ich fand den Text aus unterschiedlichen Gründen sehr schwierig zu lesen.

- Ich fange mit den Basics an: Fehler bei der Zeichensetzung, insbesondere bei wörtlicher Rede.

Beispiel: „Duschen, Pizza und dann Fernsehen bis zum Einschlafen.(Kein Punkt!)“, dachte Flander sich.
„Hab doch gar nichts bestellt.“,(Kein Komma) Verwundert hob Flander den Umschlag auf. (verwundert leitet hier, anders als bei dem obigen Beispiel, keinen Begleitsatz ein. Deswegen beginnst Du mit einem neuen Satz.)

Gegenbeispiel: „Hab doch gar nichts bestellt“, murmelte Flander verwundert.
Hier hast Du einen Redebegleitsatz, der sich an die wörtliche Rede mit einem Komma anschließt. Innerhalb der Satzzeichen endet der Satz aber nicht mit einem Punkt.


- Absolut verwirrender Aufbau. Ohne für mich erkennbaren Break oder Übergang folgen die unterschiedlichen Figuren aufeinander. Beispiel:

„Die schwere Metalltür hat mich fast mehr als der abgewrackte Hof gekostet, aber das ist es mir wert. Nichts wird schief gehen. Absolut nichts. So, heute werde ich mir einen Köter anschaffen, am besten einen Rottweiler oder einen Dobermann. Herrgott, wie ich Hunde hasse, aber sicher ist sicher. Alles soll perfekt laufen. Er wird leiden, so wie ich leide, dieser verdammte Bastard von Polizist!“ (Hier sind wir noch bei Ben Springer. Die Überleitung zu ihm ging noch.)

„Hey, Dennis, wo willst du hin?“, fragte ihn Max Schmitz, einer seiner Kollegen. (Hä? Wieso Dennis? Der Typ heißt doch Ben?)

„Mir geht es echt beschissen. Ich mache Schluss für heute. Ich nehme mir die Akte mit, vielleicht geht es nachher besser.“, log Flander. (Ah, verstehe, wir sind wieder beim Polizisten.)


- Dann habe ich Probleme, gesprochene wörtliche Rede von den Gedankenanteilen zu unterscheiden. Ich persönlich, als Leser, mag kursiv gesetzte Gedankenrede sehr gerne.

Es wäre einfach alles im Arsch. Aber das ist es ja jetzt schon, dachte er bei sich.

Kann aber auch verpönt sein, dann geht auch:

Es wäre einfach alles im Arsch. Aber das ist es ja jetzt schon, dachte er bei sich.

Für mich würde es das Lesen des Textes enorm vereinfachen, wenn mir die fehlenden Anführungszeichen signalisieren, dass der folgende Satz gedacht, nicht gesprochen wird.

- Die Story: Untaten aus der Vergangenheit, Versäumnisse, unterlassene Hilfeleistung ... die einen irgendwann einholen, das sind sicher dankbare Komponenten für eine spannende Geschichte. Aber ich finde, die Motive wie die Figuren wirken wie zusammengewürfelt. Zudem fehlt die Spannung. Da helfen auch Datumsangaben, die wie ein Countdown wirken, die auf eine Klimax hinarbeiten, nicht.

Viele Szenen, die spannend sein sollten, sind es nicht. Beispiel:

Noch zehn Schritte. Und Wolfs Daumen drückte bereits fest den Knopf auf ihrer Funkfernbedienung. Sie tat so, als ob man mit genug Kraft mehr Erfolg beim Türöffnen haben würde, was natürlich totaler Unsinn war.
Unmittelbar vor der Fahrertür, nahm das Auto endlich ihren Befehl an und gab die Türen frei. Wolf musterte das Auto zwei Plätze neben ihr. Sie war misstrauisch, aber weder auf dem Fahrersitz, noch auf der Beifahrerseite saß Jemand.
„Siehst du, es ist alles in Ordnung, Dummchen.“, sagte sie zu sich selbst.
„ZISCH!“, machte der Aufzug und Wolf ließ vor Angst beinahe ihren Schlüssel fallen.
Als sie sich wieder ihrer Fahrertür widmete, hörte sie ein anderes Geräusch. Es klang so wie verdammt leise Schritte.
„Es schleicht sich Jemand an, ich wusste es.“, Wolf wollte sich herum drehen. In dem Moment spürte sie etwas nasses vor ihren Augen. Es roch entsetzlich süßlich und brannte sofort heftig.


Da fehlen Gefühlsregungen, körperliche Reaktionen, ich spüre die Anspannung dieser Frau nicht, dieses flaue Gefühl, das sich in Tiefgaragen einstellen kann, dieser Druck auf der Brust oder ein Kribbeln/Prickeln im Nacken, Stein im Magen, das Gefühl, man würde beobachtet werden, das man vergebens abzuschütteln versucht, weil es wie Pech an einem klebt. Schwitzen. Nasse Handflächen. Zusammenzucken.

Wenn ich auf die Schnelle etwas daran verändern wollte, nur als Anregung (aber wirklich zwischen Tür und Angel verfasst): Zisch! Mit einem leisen Aufschrei ließ Eva den Schlüssel fallen und fuhr herum. Das Herz war ihr in den Hals gehüpft, ein pulsierender, brennender Klumpen, der ihr den Atem raubte. Gleich darauf musste sie über sich über sich selbst lachen. Nur der Aufzug, Eva, behalt die Nerven! Als sie den Autoschlüssel wieder aufhob, zitterten ihre Finger noch immer.

- Nancys Reaktion am Schluss ist mir völlig unverständlich. Warum ruft sie nicht die Polizei? Habe ich da irgendwas verpasst? Dass sie Ben einsperrt, ok, lasse ich mir noch gefallen, aber wenn ich das richtig verstehe, tut sie gar nichts. Außer sich einen Job in einer Kneipe suchen.
Und warum hat Ben damals nicht seinem Bruder geholfen? Er dachte doch, er würde noch leben. Warum hat Ben nicht die Polizei/Krankenwagen/Kavallerie gerufen?

Da ist in jeder Hinsicht für mich leider sehr viel Luft nach oben. Ich hoffe, das kommt jetzt nicht zu hart rüber. Embarassed  Aber es täte dem Text wirklich gut, kräftig überarbeitet zu werden. Und vielleicht lässt sich das an diesem Beispiel in der Werkstatt bewältigen.

Liebe Grüße
Silke
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marinaheartsnyc
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

Alter: 27
Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 07.09.2020 11:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo OpenOcean,

ich schließe mich Silke an, die vielen Fehler bei der Zeichensetzung und die fehlenden Absätze zwischen den einzelnen Figuren/Handlungssträngen machen den Text sehr schwer zu lesen.
Außerdem war es mir manchmal ein wenig zu Erlebnisaufsatzmäßig, was die Sprache angeht, etwa so Formulierungen, dass jemandem das "Herz bis zum Hals schlägt" etc.
Und auch bei den Gedanken der Figuren bin ich bei Silke - lass das doch besser in die Erzählung einfließen, anstatt es als Gedanken wiederzugeben. Zum Beispiel Das einzige, was sie am Fitnessstudio störte, war das Parkhaus anstatt wie du geschrieben hast: „Das einzige was mich am Fitnessstudio stört, ist dieses dämliche Parkhaus.“, dachte die Lehrerin sich.
Grundsätzlich fand ich die Geschichte aber spannend, wenn du vielleicht noch die Anmerkungen von Silke bedenkst, was die Motive und Handlungen verschiedener Personen angeht. Aber ich denke, mit einer guten sprachlichen Überarbeitung ist das auf jeden Fall eine spannende und gut zu lesende Geschichte smile

Liebe Grüße
Marina


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Yesterday I was clever, so I wanted to change the world. Today I am wise, so I am changing myself.

- Rumi
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