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Wachsen


 

 
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Langelo
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 21
Beiträge: 44
Wohnort: Köln


BeitragVerfasst am: 19.06.2020 18:00    Titel: Wachsen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wachsen



Ein Weg führt zwischen Gärten hindurch. Jeder der einzelnen Pflastersteine, die den Weg leiten, ist kunstvoll verziert. Die Gärten gehören zu den modernen Häusern einer formvollendeten Neubausiedlung. Viel Glas, viel weiß, aber mehr als nur hingeworfene Betonklötze. Überall individuelle Dekorationen, Sitzecken und Blumenbeete. Darüber liegt Sonnenlicht, das aus einem makellos blauen Himmel scheint.


David geht den Weg entlang. Knappe Badehose, kurzärmliges Hemd. Ein sanfter, unsicherer Mann. Lange ein Spielball des Schicksals. Kleinste Unebenheiten haben ihn immer aus der Bahn geworfen. Er musste schon weinen, wenn die Tochter eines Bekannten durchs Abitur gefallen ist. Und dann kam eine tatsächlich herzzerreißende Tragödie. Dass dies im Grunde das Ende seiner schon immer schwankenden Lebensfähigkeit bedeutete, war jedem klar. Seinen Eltern, seinem Bruder, dem Postboten, selbst dem Kellner, der ihn und Katharina dieses eine Mal in der Strandbude in Cuxhaven bedient hatte. Aber ganz so kampflos wollte David sich der ihn stets umkreisenden Überforderung nicht hingeben. In einem beeindruckenden Kraftakt hat er es geschafft, sich bei den Gewachsenen zu bewerben und angenommen zu werden. So bewundernswert der Akt der Bewerbung war, so wenig überraschend war die Annahme. Er passt genau ins Profil. Früher oder später hätte sein Weg ihn hierhergeführt, oder in eine Siedlung dieser Art. Das weiß er und wusste er schon lange. Und bevor ihm das als Schwäche ausgelegt wird – ist es nicht ein Triumph, sich selbst zu kennen, zu wissen, wer man ist? Und was man braucht?


Er sieht seltsam aus, natürlich. Sein Gesicht ist in durchsichtiges Wachs geschlossen. Es wirkt flüssig, ist aber trocken. Getrocknetes Gelwachs. Es glitzert in der Sonne. Schimmert. Aber er sieht neben seltsam auch glücklich aus. Unter dieser Masse sein Gesichtsausdruck: ein breites Lächeln. Nicht aufgesetzt, auch die Augen lachen. David war der Welt hilflos ausgesetzt und ist nun ein integrer Bestandteil selbiger.  


Und es ist wunderbar. Seine Schritte auf den Pflastersteinen sind leichtfüßig, er hüpft durch dieses Leben. Hin zu dem Schwimmbecken auf der Rückseite einer Häuserreihe. Charlie und Nadine winken ihm von der Seite zu. Er winkt zurück und kommt zu ihnen. So einfach? So einfach. Sie stehen auf der Wiese und sehen den Kindern dabei zu, wie sie im Becken herumalbern. Das Wasser schimmert in der Sonne. Tropfen fliegen wie Perlen durch die Luft. Die gelbe Luftmatratze leuchtet. Alle lächeln.


Es ist still. Kein Ton dringt durch das Wachs an Davids Ohr. Nur das Rauschen seines eigenen Blutes. Bis Charlie und Nadine sich automatisch mit seinem Funknetz verbinden. „Da bist du ja, David“ dringt ihre Stimme blechern an sein Ohr. „Da bin ich“ sagt er. „Endlich“. Sie greift nach seinem Arm. Ihre Augen, soweit durch das Wachs zu erkennen, sprühen vor Freude. „Hast du dich gut eingelebt?“ fragt Charlie. „Klar. Aber es wird einem zugegebenermaßen auch leicht gemacht“ - „Das stimmt.“


Der Sohn der beiden, Jan, kommt von der Seite zu ihnen. Zwei Wasserpistolen in seinen Händen. Er sieht zwischen seinen Eltern hin und her, dann zu David. Automatisch wird er verbunden… „Spielst du mit?“. Er hält David eine der Wasserpistolen hin. Und David denkt für einen Moment daran, was das früher mit ihm gemacht hätte. Angst davor, als kindisch gesehen zu werden. Angst, beim Spielen etwas falsch zu machen. Angst, aus versehen jemandem wehzutun. Diese Altlast an Erinnerungen ist so frisch nach der Verwachsung noch normal, wurde ihm versichert. Es dauert, bis die Chemikalien unter die Haut gehen. Aber selbst diese nutzlosen Erinnerungen halten ihn nicht davon ab, den Moment – und die Wasserpistole - zu ergreifen. Und so jagt er mit den Kindern um den Pool. Als wäre nichts dabei, denn es ist nichts dabei. Manchmal braucht es die Zeit eines halben Lebens und den Verlust eines Ganzen, um das zu begreifen.
Erwachsene steigen ein in den kleinen Krieg der Glückseligkeit. Es endet schließlich damit, dass die Kinder in den Pool geworfen werden und die Erwachsenen hinterher springen.


Nass und erfüllt liegt David später auf einer der Intraliegen, den Schlauch im Dock in seinem Arm. Er schmeckt es auf seinen Lippen und riecht es in der Nase. Grillkohle, nasses Gras, Blumen. Und schließlich Gemüse-spieße. Paprika und gebratene Zucchini. Katarina mochte Grillen so gerne. Ganz kurz flimmert ihr Bild an Davids innerem Auge vorbei. Sie, lachend, im Sommerkleid unter der Rotbuche im Garten ihrer Eltern. Es ist sofort wieder weg. Wo es sich sonst fest gekrallt hätte, lässt es nun los. Er entspannt sich wieder. Kleine Rückfälle gehören dazu.


Nach den Intraliegen begleitet er Charlie und Nadine zur Tanzwiese. Das sind die Schritte die er von nun an vollziehen wird. Garten, Pool, Wiese, Wohnung, und wieder von vorne. Es passiert nichts Unvorhersehbares. Gar nichts passiert. Und das ist perfekt, weil alles außer Nichts gefährlich ist. Mitten in einer Wiese zwischen den Häuserreihen ist eine Tanzfläche eingelassen. Jeder hat seinen ihm vorgesehenen Platz, man kann es alleine oder zu zweit versuchen. Es wird fröhliche, elektronische Musik in Davids Wachshülle übertragen. Zu diesen Tönen springt man von Feld zu Feld, je nachdem welche der Farben vor einem aufleuchtet. David ist völlig eingenommen von dieser Tätigkeit. Er springt synchron mit allen um ihn herum von links nach rechts, nach vorne, dreht sich, duckt sich und wirft die Arme nach oben. Hin und wieder wird die Synchronität fallen gelassen, stattdessen werden die Bewegungen von vorne nach hinten getragen. Von außen muss es wunderschön aussehen, denkt sich David. Aber er ist mitten drinnen. Hier fühlt es sich wunderschön an. Und langsam versteht er: das ist besser.


Er bleibt bis zum Ende des Abends in diesem Zustand, den er aufgrund seiner Ungewohntheit noch immer als Rausch wahrnimmt. Irgendwann wird der Rausch normal sein. Jetzt ist da immer noch das Gegenstück zum Rausch, das Down. Und nun sitzt er auf der Terrasse, eingehüllt in Wachs, euphorisiert vom Leben, wie es sein sollte und kann trotz allem nicht aufhören an Katrina zu denken. Sie hat sich in seinem Kopf festgesetzt. Es ist ein Armutszeugnis des Menschen selbst, nicht einmal seine eigenen Erinnerungen unter Kontrolle zu haben. Sie gehen und kommen, wie sie wollen.


Ich WILL dich nicht mehr. Du bist fort. Es gibt keinen Grund, noch an dir zu hängen. Die Milliarden Atome, die zusammen dich ergeben haben, habe sich längst voneinander getrennt. Ich kann es kaum erwarten, eins nur mit mir und niemand anderem zu sein.


David sieht der Dämmerung hinter den Gärten zu. Hin und wieder gehen Nachbarn an seiner Terrasse vorbei. Sie grüßen freundlich. Er winkt zurück. Fortschritte. So viel erreicht in so kurzer Zeit. Und das ganz ohne sie. Bald nur noch im Hier und Jetzt.


Er schlendert auf das Gebäude in der Mitte der Siedlung zu. Das Zentrum. Ein Mann kommt ihm entgegen, frisch eingewachst, er schimmert und lächelt. Obwohl das Wachs zum Glück schlimmere Gedanken verhindert, hat David doch ein wenig Sorge vor ein paar wenigen Minuten. Die kurze Zeitspanne, in der das alte Wachs fort und das neue noch nicht angewandt ist. Diese Momente, in denen er nackt mit einer Metallstange durch die Gewitterwolken seines Kopfes rennen muss. Wie ein Schiffbrüchiger als Spielball seiner emotionalen Gezeiten. Die größte Schwäche aller, aber besonders dieses Menschen.


Die Mitarbeiter in dem hochmodernen Zimmer sind ganz sanft. Eine ruhige weibliche Stimme redet auf ihn ein, während er mit geschlossenen Augen auf der Liege liegt. „Sorgen sie sich nicht. Sobald wir den Rest des Wachses von ihrem Kopf entfernt haben, werden Sie sich ein wenig ermattet fühlen. Aber sorgen Sie sich nicht. Das normal für diesen Zwischenzustand.“ Irgendwann spürt er das leise schabende Gerät ganz nahe an seiner Haut, genau wie den Atem dieser Frau. Sorgen Sie sich nicht. David spürt wie sein Bein zittert. Nach und nach lösen sich kleine Steinchen in seinem Kopf. Er schwitzt. Sie könnten eine Lawine auslösen. „Da ist so viel plötzlich“ stammelt er - „Das ist normal, keine Sorge“ erwidert sie mit Ruhe. David öffnet die Augen. Doch er kann nicht die ruhige Frau hinter ihrer Wachsverkleidung, nicht die teuren weißen Gerätschaften, nicht die Sonne vor dem Fenster sehen. Er sieht ein schmales Gesicht mit einem großen Mund. Er sieht Zähne, als die Lippen sich zu einem Lächeln und dann zu einem Lachen Formen. Und dann braune Augen, die kurz sprühen, bevor sie wieder matter werden. Ruhe kehrt ein in das vertraute Gesicht. Nur ein leises Schmunzeln umspielt noch ihren Mund. Ihr Blick ist tief und voller Dinge, die David nie geglaubt hätte, je bei einem anderen Menschen zu sehen. Wie kann sie ihm so nahe sein, wenn er sich so fremd ist?


Er muss blinzeln. Und als er wieder das Piepen eines der Geräte hört, hält er die Augenlider fest geschlossen. „Meine Frau, meine Frau“. Er hört das Blättern von Papier. „Keine Sorge, diese Anwandlungen sind im Zwischenzustand normal. Sie ist fort. Gleich werden es die Erinnerungen auch wieder sein. Die Last kommt wieder weg.“ Er spürt, wie ein Gerät vibriert und sich kaltes Gel an seine Stirn legt. „Nein, sie ist hier. Sie ist hier“. „David, sie können sich kaum noch erinnern. Sie haben in den letzten Wochen schon große Fortschritte gemacht.“ Er ist kurz ruhig. „Wie lange bin ich hier?“ – „Warten Sie…sieben Wochen“. Seine Welt dreht sich. Er klammert sich an die Seite seiner Liege. Die kühle Metallstrebe in seiner Faust hilft ein wenig. „Das ist aber normal, keine Sorge. Das Zeitgefühl verschwimmt hier nach und nach, wie die Erinnerungen“. „Kathrin…“ – „Na also, sie können stolz sein, sie haben den Namen quasi schon vergessen“.
David springt auf. Er drückt die Hand, die das vibrierende Wachsgerät hält, weg. „Kann ich hier raus? Kann ich bitte raus, ich kann das nicht“ – „Klar, ich mache schnell das Wachs fertig“. Er schüttelt den Kopf. „Ganz raus. Bitte. Vergessen tut mehr weh, als Erinnern“. Sie ist völlig perplex. „Ähm…ja, bestimmt aber…“ – „Bitte!“


Es dauert alles eine Weile. Eine solche Forderung hat es bislang noch nie gegeben, die Information durchläuft mehrere Führungsetagen der Siedlung. Und dann irgendwann steht David draußen, vor den Toren der Siedlung. Er hört ein Auto in der Nähe. Es ist ein lauer Frühlingstag, aber die Luft fühlt sich kalt an. Irgendwann erreicht er eine Bushaltestelle, nimmt von dort einen Bus in die Stadtmitte. Zu der großen Kreuzung und dem kleinen Cafe, in dem sie immer so gerne saß. Es ist eine hölzerne Außenterrasse mit reichlich Blumen, aber vor allem einem guten Blick auf die Autos und Passanten. David sitzt am selben Tisch wie so oft mit ihr. Katharina sitzt neben ihm, genau hier.

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d.frank
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 41
Beiträge: 984
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 04.07.2020 18:04    Titel: Antworten mit Zitat

Das Ding mit der Wachsschicht, hmmm. Das ist mir zu schief das Bild, so als Idee, so als Metapher, die hier kurzweg in die Wirklichkeit versetzt wird. Das überzeugt mich leider auch sprachlich nicht. Und am Ende haben wir wieder die Pseudoreligion Liebe, obwohl das Konzept auch noch anderes hergegeben hätte.

_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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nicolailevin
Geschlecht:männlichLeseratte


Beiträge: 118
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 05.07.2020 11:24    Titel: Antworten mit Zitat

Von allen Prosabeiträgen hier im Wettbewerb hat dieser mich am meisten Anstrengung gekostet, um die Geschichte zu begreifen. Aber es hat sich gelohnt!

David hat seine Frau Katharina bei einer Schießerei in einem Café verloren. Er lässt sich eine Wachsmaske aufsetzen, die seine Erinnerungen betäubt und ihm ein sorgloses Leben im Hier und Jetzt ermöglicht. Als beim Wechseln der Maske Erinnerungsfetzen zurückkehren, entschließt er sich, ein Leben ohne Wachs zu führen, in dem er sich seinen Erinnerungen stellt.

Ein Leben ohne schlimme, traumatisierende Erinnerungen als Utopie. Ist das eine Utopie? Ein Wunschbild? Kann man Erinnerung so einfach kategorisieren? Ist ein Leben ohne die Erfahrung, die aus Erinnerungen wächst, überhaupt möglich? Ist es noch menschlich?

Da klingen all die virtuellen Welten à la "Matrix" durch, da kann man lange drüber grübeln.

Danke für die Denkanstöße.

In meinen Top 3.
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Gast







BeitragVerfasst am: 06.07.2020 16:36    Titel: Antworten mit Zitat

Die Umsetzung einer interessanten Idee schadet sich mit unpräzisen bis paradoxen Bildern. Als Beispiel mag der schüchterne Mann in kurzer Badehose dienen, aber auch:
Zitat:
Dass dies im Grunde das Ende seiner schon immer schwankenden Lebensfähigkeit bedeutete, war jedem klar. Seinen Eltern, seinem Bruder, dem Postboten, selbst dem Kellner, der ihn und Katharina dieses eine Mal in der Strandbude in Cuxhaven bedient hatte

Also sowohl Postbote wie auch einmaliger Kellner konnten nicht nur seinen Zustand erkennen, sondern wussten auch von der Tragödie Bescheid?

Zitat:
Wie ein Schiffbrüchiger als Spielball seiner emotionalen Gezeiten
Spielball, als etwas das hin und hergeworfen wird, deutet für mich eher auf etwas schnelleres hin, zum Beispiel "seiner emotionalen Wogen".

Zitat:
Und dann kam eine tatsächlich herzzerreißende Tragödie.
Ich habe bis zum Schluss auf eine herzzerreissende Tragödie gewartet, die auf die eine oder andere Art den Tod bringt - da die Lebensfähigkeit nicht mehr gegeben ist, wie ja allen klar war. Nun ist er aber der Anstalt entkommen und ich bin mir nicht sicher, ob die Tragödie vor seiner Bewerbung und als Auslöser derselben stattfand, oder ob die Tragödie darin besteht, dass er irgendwie in der Anstalt durch Drogen so irreversibel tief in seiner eigenen Welt versank, dass er Austritt und Wiedertreffen mit seiner Frau nur träumt.

Im Zweifel würde ich zu Gunsten des Autors auf die interessantere zweite Variante tippen. Aber hier bin ich durch die kleinen Inkonsistenzen oder Ungereimtheiten, die sich durch den Text ziehen, unsicher und tendiere zu Variante 1.

Die Idee selbst finde ich sehr gut und auch z.B. Details wie der Ausdruck "die Gewachsenen" sehr gelungen.
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silke-k-weiler
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 45
Beiträge: 443



BeitragVerfasst am: 07.07.2020 16:37    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Text,

ein Mann, David, hat seine Frau, Katharina, verloren und entflieht den schmerzlichen Erinnerungen an einen Ort, wo er durch eine Wachsschicht völlig von ihnen abgeschirmt wird. Der Moment der Erneuerung der Wachsschicht wird ihm zum Verhängnis - oder auch nicht - da er einen Zipfel der Erinnerung an Katharina zu packen bekommt. Und sich daran quasi ins echte Leben zurückzieht, mit ungewissem Ausgang.

Das ist schön geschrieben und berührend, obwohl ich das Bild mit der Wachsschicht irgendwie ulkig finde.

Du kommst in meine nächste Runde.

Herzlichst
Silke
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V.K.B.
Geschlecht:männlich[Error C7: not in list]

Alter: 47
Beiträge: 2843
Wohnort: Nullraum
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 09.07.2020 04:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo unbekannt,
mhh, schwierig. Irgendwie erreicht die Geschichte mich nicht wirklich. Ich lese sie, als sei ich selbst in dieses Wachs gehüllt. Ich kann es nicht genau festmachen, aber das geht alles emotionslos an mir vorbei, erreicht mich nicht. Was das ganze soll, kommt auch nur vage bei mir an. Bewältigung von Trauer durch Vergessen, einhüllen in eine Wachsschicht. Führt er die Aktivitäten wie Toben am Pool noch durch, oder sind sie nur eingegeben? Kann mir das mit Wachsschicht schlecht vorstellen. Jedenfalls will er irgendwann nicht mehr und bricht ab, will sich lieber erinnern und mit seiner Trauer leben. Seinen schönen echten Erinnerungen statt falschen, falls eingegeben und nicht echt?

Tut mir leid, das Ganze bleibt ein bisschen diffus und ich kann nicht viel mit der Geschichte anfangen.

Beste Grüße,
Veith


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally jumpscare people …
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Heidi
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 39
Beiträge: 1307
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 10.07.2020 21:25    Titel: Antworten mit Zitat

David wäre an der gescheiterten Liebe zu Katharina zerbrochen, hätte er nicht eine Entscheidung getroffen. Er wurde Mitbewohner einer Siedlung, in der es eine Möglichkeit gibt, zu vergessen, indem der Kopf eingewachst wird, sodass Sinnesreize von außen nicht mehr wahrnehmbar sind. Auf mysteriöse Weise verschwinden durch diese Wachsungen, die öfter vorgenommen werden müssen, auch unangenehme Erinnerungen. Als das Wachs erneuert werden muss und David noch Resterinnerungen an seine Katharina hat, entscheidet er sich, die Siedlung zu verlassen.

Mich erinnert der Plot stark an den Film Vanilla Sky von Cameron Crowe, obwohl die Story natürlich völlig anders abläuft und auch einen ganz anderen Charakter hat. Aber dennoch spielt Erinnern, Vergessen und Träumen eine große Rolle. So wie auch in Davids Fall.

An sich finde ich die Idee gut, auch kommt mir David als Figur nahe, er wird lebendig mit seiner sensiblen, psychisch angeschlagenen Art. Auch erlebe ich eine utopische Welt, die in der Siedlung aufgebaut wird – mir aber wie eine Scheinwelt entgegenkommt.
Die Sache mit dem Wachs und dem Vergessen finde ich etwas unausgegoren, ich denke, da wäre mehr drin gewesen. Das noch stärker in den Fokus zu nehmen und gar nicht so sehr auf das Drumherum einzugehen, sondern eher die Gefühle des Protagonisten hervorzuheben. Noch schwieriger finde ich die Logik hinter dem Wachs.
Wachs verschließt und äußere Eindrücke werden abgedämpft bzw. verhindert – das  liegt auf der Hand. David kann nicht hören, er braucht ein Funknetz dazu, um mit anderen sprechen bzw. ihre Worte wahrnehmen zu können. Eigentlich müsste auch seine visuelle Wahrnehmung eingeschränkt sein (durch Wachs zu gucken, stelle ich mir etwas schummerig vor), das wird nicht weiter thematisiert.
Aber was ist nun mit dem Erinnern? Warum vergehen durch das Wachs die Erinnerungen an seine Ex-Freundin? Das krieg ich irgendwie nicht zusammen, allein schon, weil ich das Wachs wie ein Isoliermittel betrachte und gerade, wenn man sich isoliert, hat man mehr mit seiner Gedankenwelt zu tun und muss sich mit dieser auseinandersetzen. In diese wiederum spielen sich Erinnerungen ab. Deshalb: Wie schafft es das Wachs, Erinnerungen zu kappen?

Was mir an dieser Geschichte gefällt, ist die anfängliche Beschreibung von David:

Zitat:
Er musste schon weinen, wenn die Tochter eines Bekannten durchs Abitur gefallen ist. Und dann kam eine tatsächlich herzzerreißende Tragödie. Dass dies im Grunde das Ende seiner schon immer schwankenden Lebensfähigkeit bedeutete, war jedem klar. Seinen Eltern, seinem Bruder, dem Postboten, selbst dem Kellner, der ihn und Katharina dieses eine Mal in der Strandbude in Cuxhaven bedient hatte.


Weil hier klar ein Bild von einem Menschen entworfen wird. Einem Verlierer oder eben einem, der sich selbst als Verlierer sieht. Das wird mehr als deutlich.

Es gibt keine Punkte.


_________________
Scheiße darf keine Flügel haben
der Phallus braucht Flügel
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Constantine
Geschlecht:männlichExposéadler


Beiträge: 2908

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 11.07.2020 19:00    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour

Platz 10 in meiner Top Ten: un point.
Gratulation.

Merci beaucoup
Constantine
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chaoticinfinity
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 18
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 12.07.2020 08:38    Titel: Antworten mit Zitat

Kommentar um bewerten zu können
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chaoticinfinity
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 18
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 12.07.2020 08:43    Titel: Antworten mit Zitat

versehentlich 2x kommentiert
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Malaga
Geschlecht:weiblichKlammeraffe


Beiträge: 900



BeitragVerfasst am: 13.07.2020 10:28    Titel: Antworten mit Zitat

Originelle Idee, dieses "Wachsen" als Mittel gegen Emotionen, die dann nur noch im Spiel ins Leben  gelassen werden.
Aber damit ist nur ein fundamentales Menschheitsproblem gelöst, wenn man davon ausgeht, dass Trauer, Emotionen überhaupt solche sind.
Und nur als Therapie für ausgewählte Einzelne, nicht für die gesamte Menschheit.
Unklar bleibt auch, warum die Therapie nicht funktioniert.
Die Sprache empfinde ich an vielen Stellen als sperrig, z.B." Der Sohn der beiden, Jan ..."
Ich hatte geschrieben: Jan, ihr Sohn, ...

Bewertung am Ende im Vergleich.
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Ribanna
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 57
Beiträge: 518
Wohnort: am schönen Rhein...


BeitragVerfasst am: 13.07.2020 10:48    Titel: Antworten mit Zitat

Ein schöner, berührender, nachdenklich machender Text.
Handwerklich stimmig.
Mehr kann ich gar nicht sagen. 12 Punkte


_________________
Wenn Du einen Garten hast und eine Bibliothek wird es Dir an nichts fehlen.
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3529

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 13.07.2020 11:12    Titel: Antworten mit Zitat

Und das ist dann der Text, vor dem ich mich fast am längsten mit Kommentieren herumgedrückt habe, weil er so überhaupt gar nicht an mich geht, ich aber trotzdem kommentieren wollte, also immer noch mal einen Versuch gestartet, nur: es klappt nicht.
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Vogelsucher
Geschlecht:männlichSchmierfink

Alter: 15
Beiträge: 92



BeitragVerfasst am: 13.07.2020 12:42    Titel: Antworten mit Zitat

ich muss das schreiben, weil ich bewerten möchte.
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RAc
Eselsohr


Beiträge: 305



BeitragVerfasst am: 13.07.2020 23:06    Titel: Antworten mit Zitat

- Welche Krise(n) wurde(n) überwunden? Keine

- Wie? %

- Aus welchem Blickwinkel wird das Geschehen geschildert? s.u.

- Wer ist der in der Ausschreibung geforderte Unzufriedene? %

=> Anforderungen erfüllt? nein

-----------------------------------------------

- Hat die Darstellung logische Fehler? Ist die Handlung schlüssig? Als Science Fiction Story ohne utopische Elemente ist das wirklich großes Kino. Eine Welt, in der sich Menschen eine umfassenden biomedizinischen Prozedur unterziehen können, durch die sie ihre Erinnerung verlieren. Der Prota hat aus der Kindheit psychologische Probleme und muß den Tod seiner Partnerin verarbeiten. In der Geschichte wird die Prozedur "Wachsen" genannt; das ist doppeldeutig, weil dabei sowohl eine wachsartige Substanz auf die Haut der Probanden aufgetragen wird, die durch die Haut in den Körper diffundiert, als auch das "geistige Wachstum" als Effekt erzielt wird. Der Prota ist recht weit in der Prozedur vorgedrungen, entscheidet sich aber dann doch zur Rückkehr.

- Wie ist die handwerkliche Ausgestaltung? Sehr gut geschrieben! Es gibt viele Details, die sich LeserIn erst erlesen und -arbeiten muß; die Perspektive und das Timing sind en point. Wunderbar subtil und unaufgeregt, ohne statisch zu wirken.

- Punkte und Begründung: Keine, da die ganz zentrale Vorgabe einer gesellschaftsweit drohenden aber überwundenen Krise nicht erfüllt ist. Schade, da es wirklich ein sehr schöner Text ist.

----------------------------------------------

- Welche anderen Einreichungen sind vom Sujet her vergleichbar?

- Sonstige Kommentare:
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poetnick
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 58
Beiträge: 681
Wohnort: Europa


BeitragVerfasst am: 16.07.2020 22:20    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Unbekannt,

die Geschichte hat mich auf der sprachlichen Ebene nicht so sehr
erreicht. Darunter hat auch die Aufnahme des Inhalts gelitten.
Habe daher andere Texte in die Bepunktung gewählt.


LG - Poentnick


_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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Michel
Geschlecht:männlichExposéadler

Alter: 48
Beiträge: 2588
Wohnort: Südwest
Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 17.07.2020 10:48    Titel: Antworten mit Zitat

18) Wachsen: Das ist mal eine originelle Idee, noch zusätzlich durch das Wachs-Wortspiel ergänzt! „Psychiatrie“ als Wellness-Oase für diejenigen, die mit der Welt da draußen nicht mehr klarkommen, mit Wirkstoff-Applikation via Wachs. Der Preis: Aufgabe der eigenen Geschichte. Das bekommt der Protagonist während des Wachs-Wechsels deutlich zu spüren und entscheidet sich gegen die weitere Behandlung.
Und das gibt der Geschichte entgegen der zweifelhaften Vergessens-Utopie einen positiven Klang: Es kann gelingen, sich den Schmerzen der Vergangenheit zu stellen. Vielleicht gefällt mir das so gut, weil es die Arbeit beschreibt, die ich täglich mache. Aber dass sich eine Figur anders entwickelt und an Schmerzen wachsen kann, das mag ich. Das ist Utopie im besten Sinne.


_________________
Ab November 2019 im Handel: "Shevon", erster Band der Flüchtlings-Chroniken
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Langelo
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 21
Beiträge: 44
Wohnort: Köln


BeitragVerfasst am: 21.07.2020 11:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hey,

ich wolllte mich etwas verspätet nochmal bei allen bedanken die hier ihre Kritik/Bewertung abgegeben haben. Leider finde ich mit etwas Abstand auch, dass die Geschichte nicht 100% zu den Vorgaben passt.

Das war am Anfang des Schreibens natürlich das Ziel, leider hat sich die Story dann völlig ohne mein Einverständnis in eine ganz andere Richtung entwickelt, was mir ziemlich oft passiert.

Danach hat mir denke ich der Abstand gefehlt, um das einzusehen und ich habe sie dennoch abgegeben.

Trotz allem schön, dass sie einigen Leuten gefallen hat und die konstruktive Kritik nehme ich natürlich auch gerne mit. Ich gelobe Besserung beim nächsten Wettbewerb!


Langelo
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