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Die Geschichte vom braven Wolf


 

 
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Justadreamer
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 22
Beiträge: 131
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 24.06.2020 22:15    Titel: Die Geschichte vom braven Wolf eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Geschichte vom braven Wolf

Es war an einem klaren Frühlingsmorgen, als der einsame Wolf Mirgesi einen fürchterlichen Schnupfen bekam. Sein dunkles Fell sträubte sich jedes Mal vor Schreck, wenn eine weitere Niesattacke durch seinen Körper zuckte und an der Schnauze austrat.
„Was mach ich nur, was mach ich nur?“, jammerte der weinerliche Wolf vor sich hin. „Irgendwer muss doch einen Rat für einen armen, alten Wolf haben!“
Und so begann er, die Gegend nach einem Lebewesen abzusuchen, das ihm bei seinem Leiden weiterhelfen konnte. Durch Feld und Tal, Wiese und auch Wälder geisterte er und fragte alle Tiere auf dem Weg nach Rat. Doch im ganzen Wald wusste keiner einen Rat.
Entmutigt trabte Mirgesi weiter. Seine Pfoten waren schon wund gelaufen, doch er lief und lief. Nach weiteren langen Stunden des Wanderns kam er an zwei Wege, die ein Kreuz bildeten.
„Wo soll ich bloß entlanggehen?“ Der Wolf jammerte in seinen noch immer winterlich zotteligen Pelz.
Da er vor lauter Kummer nicht mehr wusste, wo aus noch ein, bog er nach links ab, da ihm dort der Geruch süßlicher Blumen entgegenströmte. „Dies kann nur der richtige Weg sein“, sagte er sich und lief aus dem Wald heraus.
Er war noch nicht weit gegangen, da erblickte er auf einer Wiese eine Gans. Hoch erhobenen Hauptes stolzierte sie im Gras umher und schnappte dann und wann nach einem Leckerbissen.
„Liebe Gans, weißt du, wer mich von meinem Schnupfen erlösen kann?“
„Ein böser Nasaldiarrhö, wie mir scheint, mein lieber Mirgesi.“ Die Gans rückte mit dem Flügel ein erbsengroßes Monokel zurecht. „Dies ist das Symptom, doch die Ursache fällt dir wie Schuppen aus den Flanken. Du hast eine Tierhaarallergie!“
„Was mach ich nur, was mach ich nur?“
„Da hilft nur eines – Kahlrasur!“ Die Gans strecke lachend den Schnabel in die Luft.
„Wie soll das denn gehen?“ Der Wolf war völlig überfordert.
„Nicht wie – wo, ist die Frage! Geh über den Bergrücken hinauf zum Adlerkopf. Von dort die südliche Flanke hinab zur Po-Ebene. Dort lebt ein schwarzes Schaf mit einer langen Schere, das alle nur Michelangelo nennen. Dort wirst du finden, was du brauchst!“
Mirgesi blickte sorgenvoll: „Ach, wie soll ich mir denn diesen langen Weg nur merken?“
Die Gans krümmte sich vor Lachen. „Man muss sich die Landschaft als Körper vorstellen, du Einfältiger!“
„Der Rücken, der Kopf, die Flanke, der Po – Rücken, Kopf, Flanke, Po.“, betete Mirgesi im Weggehen.


                                                                           *

Ein Rehgeweih mit leeren Augenhöhlen zierte den Eingang des Schäferwagens. Mirgesi stand auf einer Magerwiese, vor ihm einige Schafe, die ebenfalls auf ihre Schur warteten. Heraus kam nacheinander völlig verändertes Vieh: Einem gescheckten Schaf waren die schwarzen Flecken sternförmig geschnitten worden, das nächste trug auf seinem Rücken die Nachbildung einer Bergkette. Über der niedrigen Tür stand auf einem Holzschild: Sei nicht nur Körper, sei doch Landschaft, sei Kunst!
Der Wolf trat durch die Tür in den schummrigen Wagen.
„Wie ich sehe, eine frühsommerliche Kahlrasur.“, kam eine aalglatte Stimme auf ihn zu. Was Mirgesi für einen Wollballen gehalten hatte, entpuppte sich als fettes, schwarzes Schaf mit kleinen Funkelaugen. Mit einer gewaltigen Pranke klopfte es auf einen Sessel, an dem lederne Gurte befestigt waren. An der hinteren Wand konnte der Wolf einige ausgestopfte Tiere sehen; darunter ein Eichhörnchen, Vögel, aber auch ein Dachs und ein Marder.
Mirgesi schöpfte neue Hoffnung: „Kannst du mir meinen Schnupfen heilen?“
„Aber natürlich. Ich habe schon Eichhörnchen von Tollwut, Vögel von Grippe, ja sogar Dachse und Marder von der Pest geheilt!“ Das monströse Schaf saß auf den Hinterläufen und strich sich mit der linken den wollenen Bauch. In der rechten Pfote hielt es ein langes Messer. „Setz dich doch auf meinen bequemen Sessel. Müde musst du von der langen Reise sein.“
„Oh, vielen Dank, Michelangelo!“, antwortete Mirgesi. „Du bist so gütig, wie Professor Gans mir erzählte.“
„Leg dir doch bitte die Lederriemen um die Pfoten, lieber Wolf. Dadurch wird die Prozedur erleichtert.“
Mirgesi tat, wie ihm geheißen. „Oh, du bist zu gut, Michelangelo. Ich hoffe wirklich, es wird mein Leiden lindern.“
„Nach diesem Tag wirst du nie wieder Schmerzen spüren.“, sprach die schwarze Stimme.
Das letzte, was Mirgesi sah, waren glühende Augen und ein langes Messer, die sich auf ihn herabsenkten.


Hier habe ich versucht, mit Symbolik zu spielen. Wie viel davon ist euch aufgefallen - woran könnte man feilen?

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wohe
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 67
Beiträge: 41
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 25.06.2020 18:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Justadreamer,

woran Du feilen könntest? An nichts (na gut: das "weinerlich" ist überflüssig und mit Schnupfen riechen geht schlecht, aber das sind Marginalien).
Die Geschichte ist richtig gut!
Allein schon der Begriff Nasaldiarrhö (Nasendurchfall) ist Gold wert. Den muss ich mir unbedingt merken.

Zum Thema Symbolik:
Der richtige linke Weg könnte politisch gemeint sein, das scheint mir aber überinterpretiert.
"Rücken, Kopf, Flanke, Po" erinnert an "Brust, Beine, Po", also die Fitnessübung, die laut Werbung der Partnerfindung dienen soll (dahinter dürfte sich keine besondere Absicht verbergen).
Michelangelo als derjenige Engel, der den Teufel bekämpft (hier also den Wolf) und als Künstler, der den nackten David erschuf (hier also den Wolf schert), ist klar.
Das Schaf mit sternförmigem schwarzen Flecken erinnert mich an Murakamis Wilde Schafsjagd, ich wüßte aber nicht, was das aussagen soll. Also ist das ist wohl auch überinterpretiert.

Es würde mich mal interessieren, ob davon was stimmt.
Und nicht vergessen: weiter so.

MfG Wohe
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Justadreamer
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 22
Beiträge: 131
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 26.06.2020 11:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,

vielen Dank für dein Lob!

Ich gehe Mal Punkt für Punkt deine Anmerkungen durch, da ich sie sehr amüsant und überraschend fand!

Zitat:
Der richtige linke Weg könnte politisch gemeint sein,


Das hier ist bei mir eigentlich der "falsche linke Weg", der in mittelalterlicher Literatur schon auftritt. Er steht im Gegensatz zum "rechten Weg." Links= Hölle,  rechts = Himmel.

Zitat:
"Brust, Beine, Po"

 Laughing  nein, das hat keine tieferen Sinn. Aber es existiert ein Hintergrund; die Geschichte wurde basierend auf dem Spruch von Novalis "Man muss sich einen Körper wie eine Landschaft vorstellen" geschrieben. Ins Gegenteil verkehrt sagt die Gans deshalb "Man muss eine Landschaftt wie einen Körper fühlen."
Zitat:

Michelangelo

Das war irgendwie schon Absicht, aber ich hatte keine spezifischen Taten Michelangelos im Kopf. War aber in diesem Fall ungenaue Recherche


Zitat:

Das Schaf mit sternförmigem schwarzen Flecken

Das hat keine intendierte Bedeutung


Es gibt allerdings noch ein paar weitere Stellen, die symbolisch/metaphorisch wirken sollen:

mmirgesI = Isegrimm --> Der verkehrte Wolfsname zeigt; die Fabeltiere werden hier ins Gegenteil verkehrt. So auch die (dumme) Gans und das (fromme) Schaf.

zwei Wege, die ein Kreuz bildeten. - Todessymbolik
Geruch süßlicher Blumen - Todessymbolik
Ein Rehgeweih mit leeren Augenhöhlen - Todessymbolik

LG
Justadreamer
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Amarenakirsche
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 27
Beiträge: 292
Wohnort: tief im Westen


BeitragVerfasst am: 27.06.2020 19:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Justadreamer,

ich lass dir auch mal ein paar Gedanken da.
Insgesamt finde ich deinen Text sauber geschrieben und nachvollziehbar.

Zitat:
An der hinteren Wand konnte der Wolf einige ausgestopfte Tiere sehen; darunter ein Eichhörnchen, Vögel, aber auch ein Dachs und ein Marder.
Mirgesi schöpfte neue Hoffnung: „Kannst du mir meinen Schnupfen heilen?“

Hier bin ich gestolpert. Für mich ist das keine nachvollziehbare Reaktion auf tote Tiere an der Wand. (Außerdem müsste es "darunter einen Dachs und einen Marder" heißen).

Die von dir angesprochene Symbolik ist passend, aber dadurch nimmst du auch ein wenig das Ende vorweg. So weiß man schon, dass dieses Schaf Michelangelo den Wolf eigentlich nicht heilen will. Ist das deine Absicht?
Außerdem: Wusste die Gans davon? Schickt sie ihn deswegen dorthin? Das wird mir beim Lesen nicht klar.

Noch etwas: Manchmal hast du Wiederholungen drin, die du vermeiden kannst.
Zitat:
„Was mach ich nur, was mach ich nur?“, jammerte der weinerliche Wolf vor sich hin. „Irgendwer muss doch einen Rat für einen armen, alten Wolf haben!“
Und so begann er, die Gegend nach einem Lebewesen abzusuchen, das ihm bei seinem Leiden weiterhelfen konnte. Durch Feld und Tal, Wiese und auch Wälder geisterte er und fragte alle Tiere auf dem Weg nach Rat. Doch im ganzen Wald wusste keiner einen Rat.
Entmutigt trabte Mirgesi weiter. Seine Pfoten waren schon wund gelaufen, doch er lief und lief. Nach weiteren langen Stunden des Wanderns kam er an zwei Wege, die ein Kreuz bildeten.
„Wo soll ich bloß entlanggehen?“ Der Wolf jammerte in seinen noch immer winterlich zotteligen Pelz.



Und woran ich bei Fabeln immer denken muss: Was ist die Moral? Was soll der Leser aus deiner Geschichte mitnehmen? Der Wolf hat eine Tierhaarallergie und muss sich darum das Fell abrasieren. Und dann bringt ihn sein "Frisör" um. Mh.  Mehr ist mir leider nicht klar geworden. Was willst du damit sagen?
Ähnlich geht es mir mit der Überschrift. Warum ist es ein braver Wolf? Und was für eine Bedeutung hat das für mich als Leser?


Noch ein Tipp für Zeichensetzung:
Zitat:
„Nach diesem Tag wirst du nie wieder Schmerzen spüren.“, sprach die schwarze Stimme.

Bei einem Aussagesatz kommt vor dem Anführungszeichen kein Punkt. Hast du irgendwann noch mal.


Ich hoffe, du kannst was mit meinen Kommentaren anfangen. Vielleicht habe ich den tieferen Sinn einfach nicht so ganz kapiert oder bin nicht Zielgruppe. lol2 Also nimm dir, was du brauchen kannst.

Liebe Grüße
die Kirsche
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Justadreamer
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 22
Beiträge: 131
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 01.07.2020 10:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Amaranekirsche,

dir auch vielen Dank für deine Anmerkungen.
Die Wortwiederholungen werde ich sofort tilgen, die haben dort nix zu suchen.

Auch das mit der "hinteren Wand" und den Tieren leuchtet mir ein.

Zitat:
„Nach diesem Tag wirst du nie wieder Schmerzen spüren.“, sprach die schwarze Stimme.

Ah, endlich sagt mir das mal jemand, wie es geht.... mache ich immer falsch^^ Aber ist eigentlich einfach. Danke!

Zitat:
Was ist die Moral?

Durch die verdrehten Tiereigenschaften sollte es eine Mischung zwischen reiner Unterhaltung und der Moral, dass man nicht immer in den eingefahrenen Kategorien gut-böse Wolf-Schaf denken kann, sein. D.h. der mittelalterliche Glaube, hinter einem optisch schönen Menschen verbirgt sich ein "schönes Herz" und andersrum ist nicht immer gegeben. Aber  nachdem das eher so eine Anti-Fabel ist, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn man keine Moral erkennt Laughing


LG
Justadreamer
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Richard
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 20
Beiträge: 10
Wohnort: München


BeitragVerfasst am: 02.07.2020 15:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Justadreamer,

zunächst einmal finde ich den Sprachfluss sehr schön, abgesehen von den Wortwiederholungen am Anfang, die du bereits zu entfernen gedenkst.
Die negativen Vorzeichen habe ich schon am Anfang gesehen:

Das Lachen der Gans wirkt bösartig und es macht stutzig, dass sie sofort eine einfache Lösung gegen den Schnupfen weiß, während zuvor niemand einen Rat zu geben vermochte; gleichzeitig ist der Wolf sehr leichtgläubig;
dass die Weggabelung die Entscheidung von dem Wolf verlangt, einen Weg zu wählen, ist recht klar, ich wusste aber nicht ganz sicher, ob links wirklich die falsche Wahl war. Aber genau so soll es sein, finde ich, man bekommt trotzdem ein ungutes Gefühl.
Gegen Ende werden die Anzeichen natürlich immer bedrohlicher, siehe die "kleinen Funkelaugen", der Fessel-Sessel, die ausgestopften Tiere in Kombination mit der Andeutung, das schwarze Schaf habe diese geheilt...

Texte unterhaltsam zu gestalten, sodass die Adressaten sie auch lesen wollen, ist nicht einfach und das hast du sehr gut erreicht, zumindest bei mir. Ich hab das sehr gerne gelesen und mir ein paar Gedanken dazu gemacht.
Deine Antwortkommentare unterstützen meine Deutungsansätze teilweise nicht, aber ich hatte dennoch ein paar Ideen und Konnotationen.

Das schwarze Schaf und die Gans scheinen eindeutig unter einer Decke zu stecken und haben den Anspruch, "Menschen zu heilen". Die Frage ist, ob sie es ernst meinen und sie den Tod als Erlösung betrachten. Vielleicht denken sie, dass das Leben des dummen kranken Wolfes wirklich wertlos ist und erheben sich selbst zu Richtern über Leben und Tod. So etwas ähnliches haben die Nazis getan, allerdings waren damals die Opfer schwarz und gehörten zu einer Minderheit, das ist hier andersrum.
Dass der Teufel im Wolf stecken könnte, auf diese Idee wäre ich nicht gekommen. Für mich ist der Teufel listig und lässt sich nicht einfach ermorden.
Ich persönlich musste auch an unsere Gesellschaft denken, in der selbstbewusste Investmentbanker oder Fabrikbesitzer sich für die Größten halten, während sie den armen braven Bürgern, die den Wohlstand erarbeiten, das Lebensrecht absprechen. "Die kleinen dummen Leute" führten kein lebenswertes Leben und die Elite als Gestalter der Gesellschaft (wie ein die Haare gestaltender Friseur) dürfe die Konsequenzen daraus ziehen, sobald diese keinen Nutzen mehr durch Arbeit bringen.

Die typischen Tiereigenschaften hast du verdreht; dazu würde passen, dass die Reichen heutzutage meistens sehr angesehen sind, sie moralisch aber häufig schlecht sind, weil sie andere ausbeuten.
Das ist sicher überinterpretiert, aber falls das schwarze Schaf Rache an den Nazis üben will und dann zu den gleichen Mitteln greift wie die Nazis selbst, dann zeigt das, dass die Bosheit in jedem stecken kann. Kluge statt dumme Gans, böses statt frommes Schaf und frommer statt böser Wolf unterstützen die Durcheinanderwirbelung von Gut und Böse aber auch.
Das Wort "Nasaldiarrhö" macht die Geschichte auf jeden Fall modern und deutet für mich wieder an, dass die Elite (Professorgans) wieder nur "Pretender" sind, die sich mit hochgestochenen Wörtern als besonders klug inszenieren. Der befehlende selbstsichere Ton gerade der Gans könnte auch auf den Elite vs. Bürger/ Arbeitertum - Konflikt anspielen.
Ich dachte mir, vielleicht nennt das Schaf sich nur Michelangelo und ist damit ein Wolf im Schafspelz?

Insgesamt lese ich vor allem Gesellschaftskritik heraus und dass es heutzutage kein Gut und Böse und kein Schwarz und Weiß mehr gibt.

Warum findet der Wolf den Weg zum schwarzen Schaf nur, wenn er sich die Landschaft als Körper vorstellt?

"Schwarze Stimme" ist übrigens eine nette Alliterations-Synästhesie XD

VG Richard


_________________
Firma valent per se. / Starkes gedeiht von selbst. - Ovid
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Justadreamer
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 22
Beiträge: 131
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 08.07.2020 14:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Richard,


vielen Dank auch für deine Kritik!
Zitat:
Das schwarze Schaf und die Gans scheinen eindeutig unter einer Decke zu stecken und haben den Anspruch, "Menschen zu heilen". Die Frage ist, ob sie es ernst meinen und sie den Tod als Erlösung betrachten. Vielleicht denken sie, dass das Leben des dummen kranken Wolfes wirklich wertlos ist und erheben sich selbst zu Richtern über Leben und Tod. So etwas ähnliches haben die Nazis getan, allerdings waren damals die Opfer schwarz und gehörten zu einer Minderheit, das ist hier andersrum.
Dass der Teufel im Wolf stecken könnte, auf diese Idee wäre ich nicht gekommen. Für mich ist der Teufel listig und lässt sich nicht einfach ermorden.
Ich persönlich musste auch an unsere Gesellschaft denken, in der selbstbewusste Investmentbanker oder Fabrikbesitzer sich für die Größten halten, während sie den armen braven Bürgern, die den Wohlstand erarbeiten, das Lebensrecht absprechen. "Die kleinen dummen Leute" führten kein lebenswertes Leben und die Elite als Gestalter der Gesellschaft (wie ein die Haare gestaltender Friseur) dürfe die Konsequenzen daraus ziehen, sobald diese keinen Nutzen mehr durch Arbeit bringen.



Sehr interessant, wie dein Blick auf die Geschichte ist smile Meine Ansicht ist keineswegs die einzig mögliche, deshalb lass dich nicht von deiner Deutung abbringen, nur weil der Autor wiedereinmal seinen eigenen Text nicht versteht Laughing  Nein, Spaß; ich finde es sehr gut, wenn ein Text mehrere Deutungen zulässt und heiße jede Interpretation willkommen, da sie ja auch stark leserabhängig ist.

LG
Justadreamer
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CIPO86
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 34
Beiträge: 146



BeitragVerfasst am: 08.07.2020 16:26    Titel: Antworten mit Zitat

Gefällt mir gut, deine kleine Geschichte.
Das wenige, was man noch sprachlich verbessern könnte, wurde ja bereits angesprochen.
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Orochi Neko
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 123
Wohnort: Hängematte


BeitragVerfasst am: 08.07.2020 16:47    Titel: Re: Die Geschichte vom braven Wolf Antworten mit Zitat

Justadreamer hat Folgendes geschrieben:
Die Geschichte vom braven Wolf

Es war an einem klaren Frühlingsmorgen, als der einsame Wolf Mirgesi einen fürchterlichen Schnupfen bekam. Sein dunkles Fell sträubte sich jedes Mal vor Schreck, wenn eine weitere Niesattacke durch seinen Körper zuckte und an der Schnauze austrat.
„Was mach ich nur, was mach ich nur?“, jammerte der weinerliche Wolf vor sich hin. „Irgendwer muss doch einen Rat für einen armen, alten Wolf haben!“
Und so begann er, die Gegend nach einem Lebewesen abzusuchen, das ihm bei seinem Leiden weiterhelfen konnte. Durch Feld und Tal, Wiese und auch Wälder geisterte er und fragte alle Tiere auf dem Weg nach Rat. Doch im ganzen Wald wusste keiner einen Rat.
Entmutigt trabte Mirgesi weiter. Seine Pfoten waren schon wund gelaufen, doch er lief und lief. Nach weiteren langen Stunden des Wanderns kam er an zwei Wege, die ein Kreuz bildeten.
„Wo soll ich bloß entlanggehen?“ Der Wolf jammerte in seinen noch immer winterlich zotteligen Pelz.
Da er vor lauter Kummer nicht mehr wusste, wo aus noch ein, bog er nach links ab, da ihm dort der Geruch süßlicher Blumen entgegenströmte. „Dies kann nur der richtige Weg sein“, sagte er sich und lief aus dem Wald heraus.
Er war noch nicht weit gegangen, da erblickte er auf einer Wiese eine Gans. Hoch erhobenen Hauptes stolzierte sie im Gras umher und schnappte dann und wann nach einem Leckerbissen.
„Liebe Gans, weißt du, wer mich von meinem Schnupfen erlösen kann?“
„Ein böser Nasaldiarrhö, wie mir scheint, mein lieber Mirgesi.“ Die Gans rückte mit dem Flügel ein erbsengroßes Monokel zurecht. „Dies ist das Symptom, doch die Ursache fällt dir wie Schuppen aus den Flanken. Du hast eine Tierhaarallergie!“
„Was mach ich nur, was mach ich nur?“
„Da hilft nur eines – Kahlrasur!“ Die Gans strecke lachend den Schnabel in die Luft.
„Wie soll das denn gehen?“ Der Wolf war völlig überfordert.
„Nicht wie – wo, ist die Frage! Geh über den Bergrücken hinauf zum Adlerkopf. Von dort die südliche Flanke hinab zur Po-Ebene. Dort lebt ein schwarzes Schaf mit einer langen Schere, das alle nur Michelangelo nennen. Dort wirst du finden, was du brauchst!“
Mirgesi blickte sorgenvoll: „Ach, wie soll ich mir denn diesen langen Weg nur merken?“
Die Gans krümmte sich vor Lachen. „Man muss sich die Landschaft als Körper vorstellen, du Einfältiger!“
„Der Rücken, der Kopf, die Flanke, der Po – Rücken, Kopf, Flanke, Po.“, betete Mirgesi im Weggehen.


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Ein Rehgeweih mit leeren Augenhöhlen zierte den Eingang des Schäferwagens. Mirgesi stand auf einer Magerwiese, vor ihm einige Schafe, die ebenfalls auf ihre Schur warteten. Heraus kam nacheinander völlig verändertes Vieh: Einem gescheckten Schaf waren die schwarzen Flecken sternförmig geschnitten worden, das nächste trug auf seinem Rücken die Nachbildung einer Bergkette. Über der niedrigen Tür stand auf einem Holzschild: Sei nicht nur Körper, sei doch Landschaft, sei Kunst!
Der Wolf trat durch die Tür in den schummrigen Wagen.
„Wie ich sehe, eine frühsommerliche Kahlrasur.“, kam eine aalglatte Stimme auf ihn zu. Was Mirgesi für einen Wollballen gehalten hatte, entpuppte sich als fettes, schwarzes Schaf mit kleinen Funkelaugen. Mit einer gewaltigen Pranke klopfte es auf einen Sessel, an dem lederne Gurte befestigt waren. An der hinteren Wand konnte der Wolf einige ausgestopfte Tiere sehen; darunter ein Eichhörnchen, Vögel, aber auch ein Dachs und ein Marder.
Mirgesi schöpfte neue Hoffnung: „Kannst du mir meinen Schnupfen heilen?“
„Aber natürlich. Ich habe schon Eichhörnchen von Tollwut, Vögel von Grippe, ja sogar Dachse und Marder von der Pest geheilt!“ Das monströse Schaf saß auf den Hinterläufen und strich sich mit der linken den wollenen Bauch. In der rechten Pfote hielt es ein langes Messer. „Setz dich doch auf meinen bequemen Sessel. Müde musst du von der langen Reise sein.“
„Oh, vielen Dank, Michelangelo!“, antwortete Mirgesi. „Du bist so gütig, wie Professor Gans mir erzählte.“
„Leg dir doch bitte die Lederriemen um die Pfoten, lieber Wolf. Dadurch wird die Prozedur erleichtert.“
Mirgesi tat, wie ihm geheißen. „Oh, du bist zu gut, Michelangelo. Ich hoffe wirklich, es wird mein Leiden lindern.“
„Nach diesem Tag wirst du nie wieder Schmerzen spüren.“, sprach die schwarze Stimme.
Das letzte, was Mirgesi sah, waren glühende Augen und ein langes Messer, die sich auf ihn herabsenkten.


Hier habe ich versucht, mit Symbolik zu spielen. Wie viel davon ist euch aufgefallen - woran könnte man feilen?

Mir gefällt die Fabel.
Das Ende war ein Oh Gott Moment Shocked Shocked Shocked


_________________
Der Tag an dem meiner Hängematte kaputt geht, der Tag an dem mein Laptop vom Tisch geblasen wird, der Tag an dem meine Bücher von einem Pyromanen angezündet werden, ist der Tag an dem ich aufhören sollte mit Schere, Laubbläser und Feuerzeug zu spielen.
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Justadreamer
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 22
Beiträge: 131
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 15.07.2020 12:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank, Orochi Neko und cipo,



ein kleines Lob ist meistens auch schon Balsam für den Schreiberling Laughing
LG
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Jirka
Schreiberassi


Beiträge: 53



BeitragVerfasst am: 19.07.2020 22:32    Titel: Antworten mit Zitat

Laughing  Oh Hilfe, während ich das lese, fliegt eine schnatternde Gans an meinem gekippte Fenster vorbei. Ernsthaft jetzt!! Irgendwie macht mir das ja ein bisschen Schiss.

Bei mir hat deine Geschichte nicht die Stimmung getroffen, also meine derzeitige, hatte mich irgendwie auf ein einfaches Märchen eingestellt mit einem verschnupften Wolf, der drei Tieren begegnet, die ihm drei Ratschläge geben und wenn sie nicht gestorben sind - was sie ja sind - also zumindest der Wolf... leben sie glücklich bis an ihr Lebensende. Laughing

Nein ernsthaft, gut geschrieben.

Ein paar Anmerkungen:

 Ich würde am Anfang vielleicht noch schreiben, dass der Wolf in seinem Leben noch nie so einen Schnupfen gehabt hat, weil ich mich irgendwie gefragt habe, warum so einem alten Wolf ein Schnupfen aus der Fassung bringen sollte.

Auf Isegrim bin ich leider nicht gekommen und das war das erste, was mich aus meiner Märchenwelt gerissen hat, weil Mirgesi eher so fantasymäßig klingt. Also von daher nicht schlecht gewählter Name.

Zitat:
„Was mach ich nur, was mach ich nur?“
„Da hilft nur eines – Kahlrasur!“

Schöner Reim.

Bei Michelangelo musste ich an den Künstler denken, fand ich bei dem Schaf passend.

Schafe haben übrigens keine Pfoten, ich würde sagen Hufe, oder? Oder sind das Klauen? Würde atmosphärisch natürlich noch besser passen.

Also wie du merkst, ist dein Antimärchen voll eingeschlagen. Halt auch voll anti meine Stimmung, aber das passt ja. Ziel erfüllt, würde ich sagen.

Alles weitere wurde schon entdeckt und angemerkt.
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