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Schattensturm (AT)


 
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agu
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 46
Beiträge: 2009
Wohnort: deep down in the Brandenburger woods


BeitragVerfasst am: 07.06.2020 21:26    Titel: Schattensturm (AT) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo zusammen,
ich würde euch gern den Anfang eines Fantasy-Romans vorstellen, den ich nach längerer Ruhezeit ausgegraben und überarbeitet habe und nun weiterschreibe.
Ich freue mich über eure Meinungen!


-----

TRISHA

Estabá, Die Schwarze Perle.
1246 unter dem Siegel der Sonne.



Die Wachen im Bug des Flussschiffs brüllten vor Lachen, als der Drache dem Edlen Pontiz auf die Mütze schiss, bevor er im Aufwind die Felsen emporschoss und über dem Kliff verschwand. Die schwärzliche Brühe lief Pontiz übers Ohr und stank nach vergorener Minze.
Trisha verkniff sich ein Grinsen und wich unters Sonnensegel zurück. Der arme Kerl hatte während der sechs Wochen dauernden Flussfahrt Zutrauen zu ihr gefasst und mochte sich in Estabá noch als nützlich erweisen. Das Gold seines Vaters öffnete ihm Türen, die anderen verschlossen blieben.
Doch zuerst mussten sie die Stadt erreichen.
Seit zwei Tagen lag die Sonnenschwinge vor Anker und wartete auf besseren Wind, um die letzten Meilen stromaufwärts zu segeln. Die Mannschaft langweilte sich und unter den Passagieren machte sich Ungeduld breit. Günstiges Wetter hatte ihre Reise um fast zwei Wochen verkürzt, nun drohten sie die gewonnene Zeit wieder zu verlieren. Der Kapitän, ein olivhäutiger Hundsfott aus Hesh, knöpfte den drei echten Gesandten der Imperialen Handelsgesellschaft beim Würfeln ihre Münzen ab. Auch Trisha trug das Legaten-Emblem, doch die Männer mieden sie, soweit das bei der Enge der Flussbarke möglich war. Als ahnten sie, dass etwas nicht mit ihr stimmte.
Gern hätte sie das Schiff verlassen und die Umgebung erkundet, doch das war unmöglich. Die Yela wand sich hier durch eine Basaltkluft, deren Wände senkrecht über ihren Köpfen emporwuchsen. Auf der gegenüberliegenden Seite klebten Terrassen an den Abhängen, auf denen die Einheimischen Obst und Taro anbauten.
Trisha warf Pontiz eine Leinenserviette zu. Der junge Mann fing sie und riss sich unter dem Gejohle der Zuschauer die tropfende Seidenkappe vom Schädel. Sie lächelte ihm zu, dann schlenderte sie zurück zur Reling und blickte hinab in die grüngrauen Fluten, in denen ab und an der Leib einer Wasserschlange aufblitzte.
Entlang des Ufers lagen weitere Kähne vor Anker. Sie machte eine Militärbarke aus und zwei Frachtkähne mit Holzstämmen. Flussabwärts, wo die Yela in einer Biegung hinter den Felsen verschwand, dräute seit dem Morgen Nebel, der auch in der Mittagshitze nicht schmelzen wollte. Und nun löste sich ein Düsterschatten aus den Schwaden. Anders als die übrigen Kähne glitt das Schiff mühelos gegen die Strömung an.
„Hey“, rief jemand, „seht mal da! Was zum Henker ist das?“
Hinter ihr entstand Bewegung, als Passagiere und Besatzung aufmerksam wurden. Stimmen flogen durcheinander, Mutmaßungen, ein paar Flüche.
„Wieso können die flussaufwärts fahren, und wir sitzen hier fest?“, tönte einer.
Neben ihr beugte sich der Kapitän über die Reling.
Sie wandte ihm den Kopf zu. „Ja genau. Warum segeln die, und wir nicht?“
Er kratzte sich die fettigen Haare. „So was hab ich schon mal gesehen.“ Er verstummte, als überwältigten ihn die Erinnerungen. Dabei unterschied sich die Silhouette des Schiffs kaum von den anderen Lastkähnen. Ein langer, flacher Rumpf, und am Mast ein einzelnes Segel. Erst als es näher kam, bemerkte Trisha, wie tückisch schlank es geschnitten war, ein Raubfisch in einem Teich fetter Karpfen. Das Segel aus dunkler Seide blähte sich in einem merkwürdigen Winkel. Metallische Fäden schimmerten im Schwarz. Silber? Sie kniff die Augen zusammen. Kein Silber. Jetzt konnte sie sehen, dass die Fäden sich wanden. Dass Wellen über das Segel liefen, die nichts mit dem Wind zu tun hatten.
„Das ist Dunkelglas“, ächzte sie. „Das Segel ist mit Dunkelglasfäden gewoben.“
„Ein Velden-Segler“, murmelte der Kapitän. „In meiner Heimat habe ich so eins gesehen. Als die levanischen Bastarde Hesh verbrannten. Ist verdammt lange her.“
„Das ist ein Schiff aus Levane?“, fragte sie ungläubig.
„Wenn’s so wäre, dann haben sie Mut, sich hier blicken zu lassen.“
„Wieso können sie segeln und wir nicht?“
„Weil der Kahn mit ihrer verfluchten Velden-Magie getränkt ist. Ich hab gehört, sie fangen den Wind und zwingen ihn unter ihr Joch.“
Das Schiff war nun nahe genug, dass sie die Ladung ausmachen konnte. Auf dem Deck stapelten sich Körbe mit Holzkohle. Sie hatte die Meiler gesehen, zwei Tage flussabwärts. Ein stolzer Velden-Segler, der Holzkohle für die Köhler transportierte wie ein Flusskrämer? Ihr Misstrauen flackerte auf.
Ein einzelner Mann lenkte das Segel, eine Hand an der Rahstange, die andere in die Hüfte gestemmt. Obwohl er keine Waffe trug, war unübersehbar, dass er einmal Legionär gewesen war. Oder wenigstens ein schlachterprobter Söldner, denn er stand da wie eine Eiche an den Hängen von Sarth, die lieber bricht, als sich im Sturm zu beugen. Um seine Schultern lag ein Umhang mit einem pechschwarzen Kragen aus Fernsommerpelz. Als Wind den Stoff blähte, erhaschte sie einen Blick auf die Insignie, die in die Wolle gestickt war. Zwei überlappende Ringe, einer aus Silber, der andere golden, die Mitte zwischen beiden mit Grau gefüllt. Ein Kapitänsmantel. Der Mann gehörte zur Liga.
Trisha biss sich auf die Lippen. Sie war nach Estabá geschickt worden, um Gerüchten über die Ecclesia nachzugehen, die Schattenkirche, die angeblich einen Umsturz plante. Schatten war im Aufstieg begriffen, und Emilia, die Meisterin der Imperialen Spione, verdächtigte die Schattenpriester, den Marionettenkaiser durch ihre eigene Schachfigur ersetzen zu wollen. Da war es wirklich nicht Trishas Problem, dass ein Liga-Kapitän auf einem Velden-Schiff Holzkohle beförderte, tausend Meilen von Skyrioth entfernt. Dennoch konnte sie das Gefühl nicht abstreifen, dass Emilia davon wissen sollte. Wenn sie Estabá erreicht hatte, musste sie ihr eine Nachricht schicken.
Geisterhaft glitt das Schiff vorbei. Aus der Nähe sah der Kapitän aus wie ein Prinz aus dem Süden. Pechschwarze Locken, schulterlang und mit Silber durchzogen, obwohl er nicht alt war. Kristallhelle Augen, vor deren Härte sie zusammenzuckte. Im Reflex senkte sie den Blick. Als sie wieder aufsah, mit einem Hauch Ärger, war nur noch sein Rücken zu erkennen. Dann schwang das Segel herum und verdeckte auch den Rest seiner Gestalt. Ihr fiel auf, wie ruhig es an Deck geworden war. Rufe und Gezeter waren verstummt. Alle standen sie unter dem Bann des Schiffes und seines einschüchternden Steuermannes. Der Kapitän neben ihr stieß den Atem aus und fluchte in seiner Muttersprache.
„Unheimlich, das Ding“, sagte ein Legat. „Da läuft’s  einem kalt den Rücken herunter.“


Zwei Stunden später drehte der Wind, und der Kapitän brüllte seine Männer an, die Leinen zu lösen, bevor die Holzschlepper ihnen den Weg versperrten.
Trisha ließ sich vorm Bugspriet nieder und beobachtete die anderen Kähne, die sich von den Ufern abstießen, während ihr Schiff längst Fahrt aufgenommen hatte. Hoch über ihren Köpfen tummelten sich die Drachen. Als sich vor ihnen die Festung aus dem Dunst schälte, waren es gut ein Dutzend, die in den Fallwinden spielten.
Hort, der grauhaarige Anführer ihrer Eskorte, trat neben sie.
„Die tun nichts“, sagte er. „Das sind Aasfresser. Ab und zu reißen sie ein Huhn oder ein Zicklein, aber ich habe noch nie gehört, dass sie einen Menschen angegriffen hätten.“
„Wart Ihr schon einmal in Estabá?“ Sie fixierte die geflügelte Echse, die doppelt so groß war wie ein Ochse und mit der Grazie eines Rammbocks übers Wasser schoss, um vor den Festungsmauern wieder aufzusteigen.
„Ich bin hier geboren.“
„Also kennt Ihr euch in Estabá aus?“
„Als wär’s das Lager der Vierten Legion.“ Beim Grinsen entblößte er seine Zahnlücke. „Da vorn liegt die Yela-Bastei, und wenn wir den Zoll bezahlt haben, sind es noch fünf Meilen bis zum Osthafen. Mit etwas Glück erreichen wir vor Sonnenuntergang die Stadt.“
Gegen ihren Willen ließ Trisha sich von der Feste beeindrucken. Eine gigantische Krone, thronte die Bastei über den Felswänden beidseits der Yela. Ein Bronzegatter, das bis hoch zur Brücke reichte, versperrte den Fluss. Tosend umschäumte das Wasser die Stäbe und verschluckte jedes andere Geräusch. Dunkelglas funkelte zwischen den Steinen und bestätigte Trishas Vermutung, dass die Festung uralt war, ein Velden-Relikt. Wie alle großen Städte stand auch Estabá auf den Ruinen der alten Götter. Im Gegensatz zu An-Tian erhoben sich Estabás Ruinen jedoch überirdisch aus der Erde, ein riesiger Schatz, nach dem seine Bewohner nur die Hand auszustrecken brauchten. So war das einstige Piratennest mit dem Export von Dunkelglas, der formbaren Magie der Velden, zu Reichtum und Größe gelangt.
Kurz vor der Feste legten sie an einem Steg an, der weit in den Fluss hineingebaut war. Unter einem Schutzdach hockten drei Soldaten. Als der Kapitän an die Reling trat, erhob sich auch der Offizier der Gruppe. Sie wechselten ein paar Worte, ein Lederbeutelchen landete in der Hand des Mannes, zusammen mit einem Stoß Papiere. Er prüfte die Münzen, blätterte durch die Dokumente und gab sie dem Kapitän zurück.
„Darf jeder passieren?“, fragte sie Hort.
„Jeder, der bezahlen kann.“
„Und gibt es noch andere Wege aus der Stadt?“
„Estebá liegt am Zusammenfluss der drei Straßen. Yela, Schwarze Yela und der Kanal zum Meer. Alle drei sind von Festungen geschützt.“
„Und über Land?“
„Saumpfade durch den Sumpf und hoch in die Berge.“ Hort beschirmte die Augen vorm Sonnenlicht. „Warum fragt Ihr? Wollt Ihr die Garde um den Zoll prellen? Vergesst es, niemand kommt ungesehen raus oder rein.“
Vor ihnen wurde ein Teil des Gitters aus den Fluten gezogen. Zwei Männer stießen das Schiff vom Steg ab.
Die Schatten fühlten sich kalt an, als sie unter der Bastei hindurchglitten. So kalt, dass Trisha noch fröstelte, als die Sonne längst wieder das Deck beschien.
Auf der anderen Seite der Festung begann eine Uferstraße, die sich mit immer mehr Menschen füllte, je weiter sie sich der Stadt näherten. Händler mit Ochsenkarren. Bauern, die Vieh vor sich hertrieben. Dazwischen berittene und bis an die Zähne bewaffnete Männer. Sänften schaukelten durch die Menge. An beiden Flußseiten lagen Boote vor Anker. Unwillkürlich suchte Trisha nach dem Velden-Segler und spürte Erleichterung, ihn nicht zu sehen. Es nagte an ihr. Warum?
Emilia hatte ihr die Mission genau vorgezeichnet, und ein Velden-Segler kam darin nicht vor.

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Stefanie
Reißwolf


Beiträge: 1323



BeitragVerfasst am: 07.06.2020 22:04    Titel: Antworten mit Zitat

Gefällt mir. Es gibt interessante Figuren, eine Welt zu entdecken und Geheimnisse, die gelüftet werden wollen.
Bitte weiterschreiben!
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agu
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 46
Beiträge: 2009
Wohnort: deep down in the Brandenburger woods


BeitragVerfasst am: 08.06.2020 19:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, Stefanie, für den positiven Leseeindruck - freut mich sehr!
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Phenolphthalein
Geschlecht:männlichReißwolf


Beiträge: 1260

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BeitragVerfasst am: 09.06.2020 13:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Inkognito,

ich habe regelrecht danach gesucht, was man vielleicht kritisieren könnte, dann kam ich zu einem Ergebnis.

Es mag arrogant sein, aber bist du dir sicher im richtigen Forum zu sein?
Dein Text spielt in einer anderen Liga.

Das sage ich wirklich selten:

Beindruckend

Liebe Grüße,
Pheno
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Muskat
Eselsohr


Beiträge: 346



BeitragVerfasst am: 09.06.2020 17:28    Titel: .. Antworten mit Zitat

Großartig!

Es ergeht mir wie Pheno.  Ich müsste iwirklich nach etwas suchen, das ich anmerken könnte, bin aber sicher, mich dabei schwer zu tun.

Das ist aber auch überhaupt nicht notwendig, denn das ist, wie ich oben schrieb, großartig geschrieben, beinhaltet alles, was eine gute Geschichte auszeichnet, und erzeugt wundervolle Bilder.

Bin gespannt auf die Fortsetzung.

Liebe Grüße

Muskat
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agu
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 46
Beiträge: 2009
Wohnort: deep down in the Brandenburger woods


BeitragVerfasst am: 10.06.2020 13:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Pheno,
über Deine Rückmeldung freue ich mich riesig ... aber ansonsten ja, ich weiß, die Bandbreite in diesem Forum ist recht weit Wink (bin ja nun auch schon ein paar Jahre dabei...)

hi Muskat,
auch Dir lieben Dank für den Leseeindruck!

Bin sehr glücklich darüber ... und noch mal ein Stück motivierter, das Projekt wieder fortzuführen.
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Phenolphthalein
Geschlecht:männlichReißwolf


Beiträge: 1260

DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 10.06.2020 18:14    Titel: Antworten mit Zitat

[off Topic]
Inkognito hat Folgendes geschrieben:
... aber ansonsten ja, ich weiß, die Bandbreite in diesem Forum ist recht weit Wink (bin ja nun auch schon ein paar Jahre dabei...)


 smile extra Okay, ich gebe zu, da steckt eine Menge Provokation drin.
Tatsächlich gibt es hier einige, mit großem Potenzial, aber ich sage mal, solange Mainstream das Problem ist, werden sich die meisten nicht weiterentwickeln.

Selbst bluenote (entschuldige, wenn du das liest) gab kürzlich einen Kommentar ab, wo er [mMn] im Prinzip eher Dinge bemängelte, die hier als Mainstream verteufelt sind. Es ist das eine, wenn man etwas versteht und ablehnt, das andere ist es aber, etwas abzulehnen, weil man es nicht verstehen will. Wie im Leben ist der Schuldige schnell gefunden.[/off Topic]


Inkognito hat Folgendes geschrieben:
über Deine Rückmeldung freue ich mich riesig

Mich freut es, wenn dir meine Meinung etwas bedeutet. Danke dafür Smile
Es freut mich außerdem zu sehen, das Mainstream eben nicht Mainstream ist. Auch dafür danke ich dir (und hoffe, dich damit nicht beleidigt zu haben).

Liebe Grüße,
Pheno


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Willst du die Bescheidenheit des Bescheidenen prüfen, so forsche nicht, ob er Beifall verschmäht, sondern ob er den Tadel erträgt.

Franz Grillparzer
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Michel
Geschlecht:männlichExposéadler

Alter: 48
Beiträge: 2754
Wohnort: Südwest
Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 10.06.2020 20:04    Titel: Antworten mit Zitat

Gefunden! Ich hab eine Erbse gefunden!

Nee, Spaß beiseite, ich habe den Text mit großem Vergnügen gelesen, genau wie die anderen. Bin über "levanisch" gestolpert - die Heimat meines eigenen Helden heißt Levanon, und was von dort kommt, ist … genau. Aber ich hab ja auch kein Patent auf den Namen. Laughing

Dunkelglas wird für mein (hoch subjektives) Lesegefühl etwas hastig eingeführt. Ich habe den Text nicht auf Normseiten umgerechnet, aber gefühlt kommt das auf Seite zwei, dabei hast Du mich schon mit der Drachenkacke am Haken. (Großartiger Einstieg, ich bin neidisch!) Ein Bild entsteht (Anklänge an Spanien/Portugal; Basaltfelsen), der Text klingt informiert über die Schwierigkeiten der Seefahrt, eine geheimnisvolle Mission der Protagonistin wird ebenso angedeutet wie antagonistische Kräfte. (Levanische Gegner möchte man nicht immer haben … Cool ) Bin gespannt und warte neugierig auf weiteres Futter.
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mme
Geschlecht:männlichSchneckenpost

Alter: 34
Beiträge: 7
Wohnort: Frankfurt


BeitragVerfasst am: 11.06.2020 08:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inkognito,

zunächst einmal möchte ich dir sagen, dass der Text auf dem Niveau des ein oder anderen (traditionell veröffentlichten) Romans ist, den ich gelesen habe. Wirklich großartige Arbeit, ich wünschte, meine Texte wären von ähnlicher Güte.
Die Charaktere wirken interessant und machen Lust auf mehr. Du hast eine gehörige Portion Worldbuilding in den Text gepackt, aber auch das funktioniert und macht Lust auf mehr.

Bei zwei Kleinigkeiten bin ich gestolpert, es kann aber sein, dass du davon mehr verstehst als ich und die Anmerkungen Quatsch sind.
1. Gibt es einen Grund, wieso die Mannschaft des Schiffes nicht rudert, wenn der Wind ausbleibt? Ohne recherchiert zu haben bin ich der Auffassung, dass die meisten (historischen) Segler, gerade für die Flussfahrt, auch mit Rudern ausgestattet waren.
2. Das Anlegen mit einem großen Schiff (ohne Ruder oder Motor) an einen Steg stelle ich mir als Hobbysegler äußerst kompliziert vor. Für den Zoll käme mir eine Lösung mit Anker und Ruderboot realistischer vor
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agu
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 46
Beiträge: 2009
Wohnort: deep down in the Brandenburger woods


BeitragVerfasst am: 11.06.2020 16:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi ihr Lieben,
so, ich lege jetzt einfach mal die Inkognito-Maske runter - morgen hätte sich's eh automatisch aufgelöst Wink

@Michel ... wahrscheinlich ist Levanon so ein klangvoller Fantasy-Name, dass er sich einem irgendwie aufdrängt ... bei mir ist's Levane, und immerhin von Anno 2012.
Das mit dem Dunkelglas stimmt - ich hatte in der Tat in der alten Fassung davor noch einen längeren Prolog, wo Dunkelglas mit mehr Detail eingeführt wird, den habe ich gestrichen, weil die vom Himmel kackenden Drachen irgendwie einfach lustiger sind, für den Einstieg.
Die Landschaft ist mir mal auf einem Urlaub auf Zypern eingefallen, wenn ich mich recht erinnere...

@MME
Guter Punkt, das mit den Rudern. Muss mir mal überlegen, warum die auf dem Fluss nicht rudern können smile
Und das mit dem Anlegen stimmt natürlich auch, Segeln ist jetzt nicht gerade hilfreich für Millimeterarbeit.

Liebe Grüße,
Andrea


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Engelsbrut (2009 Sieben, 2011 LYX) | Engelsjagd (2010 Sieben) | Engelsdämmerung (2012 Sieben)
Die dunklen Farben des Lichts (2012, SP)
Purpurdämmern (2013, Ueberreuter)
Sonnenfänger (2013, Weltbild)
Kill Order (2013 Sieben)
Choice / als Chris Portman (2014, Rowohlt)
Wie man ein Löwenmäulchen zähmt / als Eva Lindbergh (2016, Droemer Knaur)
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Phenolphthalein
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BeitragVerfasst am: 11.06.2020 17:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Agu,

nun aber brennt mir eine Frage von Michel auf den Nägeln, die ich dreister weise (für beide) klaue und [hier] erneut stelle:

Michel hat Folgendes geschrieben:

Mal nur aus Neugier gefragt: Wie viel von den beiden Texten ist "authentisch" im Sinne von "so schreibe ich gern", und wie viel ist mit einem Auge auf dem Markt? Gesetzt den Fall, dass man das so auseinanderdividieren kann.


Vermutlich hat sich an deiner Antwort nichts geändert, oder etwa doch?  
agu hat Folgendes geschrieben:
Also der Roman ist 100% "ich schreibe gern" smile


Liebe Grüße,
Pheno

PS:
agu hat Folgendes geschrieben:
so, ich lege jetzt einfach mal die Inkognito-Maske runter - morgen hätte sich's eh automatisch aufgelöst Wink

Nach jeder Antwort beginnt die Enthüllungsfrist aufs Neue. Demarch hättest du noch bis minimum zum 18. im Schatten bleiben können.


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Willst du die Bescheidenheit des Bescheidenen prüfen, so forsche nicht, ob er Beifall verschmäht, sondern ob er den Tadel erträgt.

Franz Grillparzer
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agu
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BeitragVerfasst am: 11.06.2020 18:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hey Pheno -
zu dieser Frage - ja, das hier ist ebenfalls 100% 'schreibe ich gern' und dabei werde ich in absehbarer Zeit wohl erst mal bleiben.
Den Roman habe ich damals geplottet und die ersten 100 Seiten geschrieben, aber meine Agentur hat niemanden gefunden, der ihn drucken wollte. Sie regten an, dass ich ja einen Romantasy-mit-Erotik-Steampunk-Verschnitt daraus machen könnte, der damals als Genre gerade in war und einen Abnehmer gefunden hätte, ich hab aber dankend abgelehnt.
Ich habe ihn jetzt wieder aus der Mottenkiste geholt und werde ihn weiterschreiben, wenn ich meinen SciFi fertig habe.

Zitat:
Nach jeder Antwort beginnt die Enthüllungsfrist aufs Neue. Demarch hättest du noch bis minimum zum 18. im Schatten bleiben können.

Oh, das wusste ich nicht ... danke für die Info! Ich dachte, das zählt ab Datum der initialen Einstellung...


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BeitragVerfasst am: 11.06.2020 19:01    Titel: Antworten mit Zitat

agu hat Folgendes geschrieben:
Hey Pheno -
zu dieser Frage - ja, das hier ist ebenfalls 100% 'schreibe ich gern' und dabei werde ich in absehbarer Zeit wohl erst mal bleiben.
Den Roman habe ich damals geplottet und die ersten 100 Seiten geschrieben, aber meine Agentur hat niemanden gefunden, der ihn drucken wollte. Sie regten an, dass ich ja einen Romantasy-mit-Erotik-Steampunk-Verschnitt daraus machen könnte, der damals als Genre gerade in war und einen Abnehmer gefunden hätte, ich hab aber dankend abgelehnt.

 lol Das glaube ich gern. Da hast du dich absolut richtig verhalten und wirst am Ende recht behalten.
Merkwürdig, dass man als Autor immer in eine gewisse Kategorie gepresst wird, als könne man nur ein Genre oder sogar nur einen bestimmten Bereich darin abdecken.

Liebe Grüße,
Pheno


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BeitragVerfasst am: 11.06.2020 19:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Phenolphthalein hat Folgendes geschrieben:
Merkwürdig, dass man als Autor immer in eine gewisse Kategorie gepresst wird, als könne man nur ein Genre oder sogar nur einen bestimmten Bereich darin abdecken.

Ich glaube, das hat mit dem Autor selbst oft gar nicht so viel zu tun, sondern nur mit Marktbewegungen. Ich z.B. schreibe bevorzugt Fantasy und SciFi-Thriller, was beides extreme Nischen sind, da werden in D pro Jahr einfach nicht mehr als eine Handvoll Bücher neu gedruckt - und das sind dann auch noch "sichere Pferde", also Autoren, die sich bewährt haben, oder in US / UK vorher schon Bestseller waren. Wenn eine Agentur oder ein Verlag den Autor bzw. seine Schreibe per se mag und für publikumstauglich hält, versuchen sie also Plan B und probieren ihn für ein Massen-Genre zu erwärmen, das sich verkauft wie geschnitten Brot. Nach dem Motto, besser mit der zweitbesten Wahl veröffentlicht als überhaupt nicht veröffentlicht.


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BeitragVerfasst am: 12.06.2020 23:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, eine kleine Fortsetzung habe ich noch - Leon, der zweite Protagonist (der Mann mit dem Velden-Segler):

Bin gespannt, wie ihr es findet!

---

LEON

Schon als er die Sebastina an ihrem Steg vertäute, wusste Leon, dass etwas nicht stimmte. Die Bettler und Tagediebe, die tagsüber am Kai herumlungerten, waren verschwunden. In diesem Winkel des Osthafens lagen nie viele Schiffe vor Anker, doch jetzt wirkten die Aschenpiers ausgestorben. Nicht einmal die Wachleute ließen sich blicken. Dabei warteten sie normalerweise schon darauf, ihren Obolus einzusammeln.
Mit den Augen suchte er die Umgebung ab, während er das zweite Seil um den Poller schlang. Vorm alten Lagerhaus auf der anderen Straßenseite lag Mathias Einbeins Lumpenhaufen. Vom Krüppel selbst keine Spur. Die Ahnenglöckchen an den Dachrinnen klingelten im Wind. Leon bezweifelte allerdings, dass sie böse Geister abhielten, wie der Glassänger unten am Fischmarkt behauptete. Er legte sich den Schwertgurt um die Hüften und überbrückte die Lücke zwischen Deck und gemauertem Kai mit einem Sprung. Zwei Herzschläge später kam Bewegung in die schattigen Gassen.
Leon blieb stehen und wartete. Er zog seinen Säbel ein Stück aus der Scheide und stieß ihn wieder zurück. Das war nicht sein erster Zusammenstoß mit den Mietschlägern. Ihn überraschte nur, dass der letzte Tanz ihnen nicht gereicht hatte. Oder vielleicht hatten sie nur dazugelernt, denn immer mehr von ihnen quollen ins Licht. Aus schwarzen Augen starrten Hunger, Bosheit und Gleichgültigkeit. In einigen flackerte Angst. Ihre schiere Überzahl machte ihm Sorgen. Es bedeutete Blutvergießen, anstatt blauer Flecken. Und er brannte nicht darauf, sich um den Preis von ein oder zwei aufgeschlitzten Kehlen die Rachsucht der ganzen Sippe aufzuhalsen. Der Heside drängte sich vor. In der Faust hielt er ein Stuhlbein, das am Ende gesplittert war.
„Ismajil.“ Leon nickte ihm zu. „Was ist das Problem?“
„Dass du dich nicht an die Regeln hältst“, grollte der Rattenmeister.
„Können wir das gütlich beilegen?“
„Weiß nicht. Der Kunde ist wütend. Mächtig wütend.“
„Wer? Morosini?“
Ismaijl wiegte den Kopf. „Morosini ist nicht der einzige, der die Regeln bei den Freischiffern macht.“
„Ist auch egal. Was bin ich euch schuldig?“
„Sie wollen keine Münzen. Sie wollen, dass du die Regeln kapierst.“
„Du weißt, dass ich mich wehre? Deine Jungs könnten verletzt werden.“ Leon ließ die Hand auf den abgegriffenen Säbelknauf sinken und schob den Umhang zurück, so dass auch der Dolch sichtbar wurde, die tückisch gezahnte Dunkelglasklinge. Natürlich wussten sie nicht, ob ein Dämon in der Waffe steckte, doch es mangelte ihnen nicht an Fantasie. Das las er in der Art, wie die beiden Ratten zurückwichen, die ihm am nächsten standen. „Hör mal, Ismajil. Müssen wir uns das wirklich antun? Schick die Jungs nach Hause. Ich lade dich auf Rijuns Selbstgebrannten ein, wir schlagen uns den Bauch voll und klären das wie zivilisierte Leute.“
Ismajil hob sein Stuhlbein und strich über die Metallverzierungen. „Auftrag ist Auftrag. Tut mir Leid, mein Freund. Ist nicht persönlich. Wirklich nicht.“
Leon musterte die hungrigen Augenpaare. Die drei, die Ismajil am nächsten standen, waren erfahrene Kämpfer. Elija Zweizahn mit seinen Schlagringen, Ismajils Cousin Mujahdi und der rothaarige Fettsack, dem er beim letzten Mal die Nase gebrochen hatte. Die übrigen? Abschaum aus den Kanälen. Jungvolk, nichtssagende Fratzen, mit Knüppeln bewaffnet. Nur einer umklammerte einen Stab mit polierten Bronzekugeln an den Enden.
„Letztes Angebot. Zwanzig Prozent vom Erlös der Ladung.“
Ismajil machte eine Kopfbewegung. „Schnappt ihn euch,  Jungs.“
In einer glatten Bewegung zog Leon die Klinge blank. Er blockte Elijas Knüppelhieb, drehte sich und hieb dem Kerl, der sich von hinten näherte, den Knauf in den Wanst. Er schlug eine Mühle und trieb die Vorwitzigen zurück. Ismajil entblößte fleckige Zähne. „Auf ihn“, brüllte Mujahdi. „Nicht so schüchtern!“
Zwei Burschen sprangen auf Leon zu. Zwei unbeholfene Angriffe, die er mit Leichtigkeit abwehrte, weil sie viel zu viel Angst hatten, in seine Klinge zu laufen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Ismajil sich nach einem Stein bückte. Er wich zur Seite. Zu langsam. Das kleine Geschoß streifte ihn an der Schulter und brachte ihn aus der Balance. Wie eine Horde Schafböcke stürmten sie auf ihn los. Verflucht, er wollte keine Toten. Doch sich gegen die Meute zu wehren und zugleich den Säbel präzise zu führen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Mit der zweiten Hand zog er den Dolch, fing die ersten Hiebe auf, stieß einen dürren Kerl zurück und hackte nach den Oberschenkeln eines zweiten. Schmerzensschreie schrillten ins Kampfgebrüll, Blut sättigte die Luft. Ein Knüppel traf seine Nieren und ließ Schmerz in seinem Leib explodieren. Der rothaarige Fettwanst ragte vor ihm auf, in den Fäusten ein Stück von einer Eisendeichsel, zum Glück zu nah, um es effektiv zu schwingen. Mit der Kraft der Verzweiflung riss Leon ein Knie hoch und traf ihn zwischen die Beine. Er hieb ihm den Dolchknauf in den Nacken und stieß ihn den nachdrängenden Ratten entgegen. In immer mehr Augenpaaren erwachte Angst unterm Hunger. Der Stab mit den Kugeln sauste herab. Leon sprang beiseite und stolperte über einen ausgestreckten Fuß. Die Bronzekugel polterte neben ihm auf den Boden und trieb Risse ins Pflaster. Geistesgegenwärtig ließ er den Säbel aufs Holz krachen und hackte den Stab entzwei. Der Besitzer heulte auf, als sei es ein Körperteil, das Leon verstümmelt hatte. Die Schlachtordnung bröckelte. Zwei, drei Ratten wichen zurück und machten sich aus dem Staub. Ein Schlag traf Leon seitlich am Bein und jagte weißen Schmerz durch seine Knochen. Blind vor Qual schwang er den Säbel in einem gewaltigen Rund. Ismajil heulte auf und ließ das Stuhlbein fallen. Mujahdi stürzte sich auf ihn wie ein tollwütiger Schakal. Eine Keule flog auf ihn nieder, dass er den Luftzug am Ohr spürte, das Holz mit Nägeln gespickt. Und was für ein Glück, dass er Gennadis Umhang trug. Der Kapitänsmantel war mit einer Schicht Dunkelglas versponnen, so stabil wie biegsame Bronze. Die Nägel glitten daran ab, statt ihm das Fleisch zu zerfetzen. Nur Taubheit breitete sich aus. Mit einem Schrei, halb Wut, halb Schmerz, rammte er Mujahdi den Dolch in den Arm. Mujahdi ließ die Keule fallen und stolperte zurück. Es war der Moment, in dem die Moral der Ratten endgültig kippte. Sie waren Gossenschläger, keine Soldaten, und flohen, sobald der letzte Meister zu Boden ging. Der rothaarige Fettsack kroch auf allen vieren davon. Ismajil umschlang mit beiden Armen seinen Unterleib, blutverschmiert und Flüche stammelnd. Leon konnte nicht erkennen, ob er ihm den Arm aufgeschlitzt hatte oder die Eingeweide. Und dann wurde ihm klar, was nicht stimmte.
Es war zu leicht.
Ismajil hätte ohne weiteres die doppelte Menge an Schlägern aufbringen können. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass Leon blanken Stahl gegen ihre Keulen einsetzen würde. Dennoch, er kannte Leon. Er hätte Vorkehrungen treffen müssen.
Aber es ging gar nicht darum, ihm Arme und Beine zu brechen. Jedenfalls nicht in erster Linie. Hinter ihm rutschten mit großem Getöse Kisten über die Planken. Leon fuhr herum, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie seine Ladung in Wasser versank.

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Engelsbrut (2009 Sieben, 2011 LYX) | Engelsjagd (2010 Sieben) | Engelsdämmerung (2012 Sieben)
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Phenolphthalein
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BeitragVerfasst am: 13.06.2020 11:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo agu (möchtest du lieber Andrea genannt werden?),

auch das lässt sich sehr leicht lesen und reißt mit.
Dennoch fällt es mir nun deutlich leichter den Finger in die Wunde zu legen.
Für meinen Geschmack (damit wohl subjektiv) ginge da mehr Leon und mehr erzählerische Dichte. Edit: Quatsch! Nähe
Da es im Feedback jedoch nur um den Eindruck geht, nicht etwa um Textarbeit, gibt es genaueres im Hintergrund.
Subjektiv und ohne Anspruch auf Richtigkeit.

Behalte (wenn du magst) nur im Kopf, dass mich auch dieser Ausschnitt gut unterhalten hat, sehr gut sogar.

Liebe Grüße,
Pheno


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Muskat
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BeitragVerfasst am: 13.06.2020 17:20    Titel: Schattensturm Antworten mit Zitat

Liebe Andrea,

den Tag über dachte ich darüber nach, warum mir der erste Teil besser gefällt als der zweite. Klar ist der Kampf gut geschrieben und das Kapitel enthält auch handwerklich alles, was es braucht.

Phenol hat dennoch recht. Du könntest näher an Leon ran.
Aber das ist nicht der Grund, warum mir das erste Kapitel mehr gefällt. Was ich im zweiten etwas vermisse, sind die Beschreibungen. im ersten sehe ich alles klar vor mir durch Trishas Augen, das Schiff, das Gewusel darauf, den Kapitän, die Stadt usw.

Das fehlt mir im zweiten Kapitel ein wenig. Natürlich ist mir klar, dass Leon seine Umgebung kennt und eben nur bemerkt, was anders ist als sonst. Dennoch denke ich, ein wenig mehr ginge bestimmt.
Ich habe zum Beispiel die Gruppe der Mietschläger nicht vor Augen, auch die Umgebung kaum.

Während des Kampfes kann Leon da auch nichts beschreiben, das ist klar, davor aber schon.

Das war es dann aber auch mit meinen Anmerkungen und dazu will ich erwähnen, dass es Meckern auf sehr hohem Niveau ist. :0)

Liebe Grüße
Muskat
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agu
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BeitragVerfasst am: 13.06.2020 23:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallihallo,

danke euch für das Feedback, nun auch auf den zweiten Teil, das ist wirklich sehr aufschlussreich und entsprechend wertvoll für mich!
Vor allem, weil ich die beiden Abschnitte im Vergleich nebeneinander habe.

Ich scheine eine Tendenz zu haben (nicht nur bei diesem, sondern auch bei meinen Sci-Fi, den ich vor ein paar Wochen eingestellt hatte), dass die Nähe zur Figur etwas verloren geht, sobald ich in - ich nenne es mal handlungsintensive Abschnitte gerate. Also alles, wo viel Action passiert.
Ihr schreibt beide, dass die Nähe zum Charakter etwas verloren geht (an anderer Stelle wurden die Gefühle vermisst) - und das ist interessant, weil ich als Autor beim Schreiben genau das entgegengesetzte Gefühl hatte, nämlich dass ich in solchen Momenten so nah am Prota dran bin, dass ich fast seine Haut überstreifen und durch seine Augen sehen kann. Was vermutlich der Grund ist, dass die Schilderungen abseits der reinen Handlung und Dialogzeilen knapp ausfallen, weil ich nur wiedergebe, was dem Charakter in diesem Moment ins Bewusstsein gerät.

Das habe ich mir bisher nicht so bewusst gemacht, dass der Effekt beim Leser womöglich genau entgegengesetzt ist und muss mal sehen, ob ich nicht einen Schritt zurück mache und solche Szenen nachträglich wieder mit etwas Farbe (aka Beschreibung) und Gedankengut anreichere.

Lieben Dank jedenfalls, ihr habt mir sehr geholfen!

/Andrea


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Muskat
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BeitragVerfasst am: 14.06.2020 15:07    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Andrea,

ich hoffe, dass ich mich nicht missverständlich ausgedrückt habe. Die Nähe zum Helden ist eines, die Beschreibungen etwas anderes.

Es ist für mich völlig richtig, dass während eines Kampfes, nur das erzählt wird, was der Protagonist gerade erlebt und keine Ausschmückungen, das wäre ja unsinnig.
Vielmehr meinte ich, dass die Angreifer für mich gesichtslos bleiben und ich hätte halt vor dem Kampf gerne erfahren, was sich in der Umgebung änderte, außer, dass sie leergefegt ist.
Klar habe ich im ersten Teil erfahren, wie der Hafen aussieht, und dennoch fehlt mir etwas Stimmung. Wie dem auch sei, das geht vielleicht nur mir so, daher hören wir mal, was die anderen dazu sagen.

Zur Nähe. Da schlage ich vor, Stellen wie diese: ...es überraschte ihn, ... machte ihm Sorgen und ähnliches,  zu ersetzen.

Hier könntest du schlicht nur benennen, was ihn überraschte, ihm Sorgen machte usw. statt zu sagen, dass es so ist, und schon bist du näher am Protagonisten.

Bsp: Statt es überraschte ihn, dass ihnen der letzte Tanz nicht gereicht hatte.
Eher so:

Hatte ihnen der letzte Tanz nicht gereicht?
 
Dementsprechend:

Verdammt! Sie waren in der Überzahl.

Woraus dann ja hervorgeht, dass es ihn überrascht bzw. er sich sorgt.

Ich weiß, dass wir hier im Feedback sind, habe aber erklären wollen, was ich meinte.

Wie ich schrieb: Es sind Kleinigkeiten. Der Text ist auch so, wie er ist, sehr schön geschrieben.

Liebe Grüße
Muskat
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Michel
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BeitragVerfasst am: 14.06.2020 20:59    Titel: Antworten mit Zitat

@Muskat: Du meinst mehr Deep POV, habe ich das richtig verstanden?
 
Das Problem kenne ich selbst ganz gut. Beim Schreiben gefühlt mittendrin, gerade noch dem Säbel ausgewichen - und die Testleser sagen: Ich weiß gar nicht, wie es ihm in der Situation geht! Und die distanzierenden Verben der Wahrnehmung verschlimmbessern es eher. (Ja, einer der Klassiker von A. Eschbachs Überarbeitungs-TÜV.) "Er fühlte", "Sie bemerkte" - distanzierend, weil von außen erzählt. @agu: Ich gehe davon aus, dass Du das kennst.

In Kapitel 1 bist Du auch relativ distanziert eingestiegen, mit einer von außen gefilmten Szene, die vom Erzähler witzig ironisch-distanziert eingebracht wird. Störte mich überhaupt nicht, im Gegenteil. Der distanziertere Ton würde hier wahrscheinlich auch laufen. Ich finde ihn aber nicht wirklich distanziert, sondern eher … hm … oberflächlich. Auch wenn Du mich mit der Wendung am Schluss einmal mehr am Haken hast.

Ich habe den Abschnitt jetzt dreimal gelesen. Läuft gewohnt zügig durch, ich bleibe dran. Aber mir geht es ein wenig wie den anderen, die Antagonisten der Szene bleiben mir blass und der Dialog klingt (ein wenig!) wie aus einem Neunziger-Mafioso-Film. Jedenfalls relativ modern, was sich für mich mit dem klassischen Beginn (Segelschiffe, Drachen, keine Kraftmaschinen oder Feuerwaffen) beißt. Den detaillieren Kampfverlauf lese ich eher schräg und lasse die entstehenden Impressionen wirken.

Irgendwie muss ich die ganze Zeit an Epiktets "Handbüchlein der Moral" denken. Ich glaube, daraus ist der bekannte Satz: Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Gedanken darüber, die uns beunruhigen.. Dass man damit gut arbeiten kann, sehe ich in meinem Psycho-Brotberuf: Neubewertung ein und derselben Sache ändert die Emotionen teils dramatisch. Hier ist mir, glaube ich, von Leons Seite noch etwas zu wenig Bewertung zu spüren. Ja, er kennt die Herren der Gang; ja, er hat diese Art Verhandlung vermutlich x-mal geführt. Aber woran macht sich eigentlich der spannende Einstieg fest, dass etwas anders ist? Wie bewertet (nicht: interpretiert) er die Ankündigung von Gewalt? Denkt er: Scheiße? Oder: Och nö, nicht schon wieder? Lauert er auf die Falle, die erst im letzten Abschnitt kommt?

Gegenbeispiel: Die zweite Szene im letzten Thread zu Deinem SciFi, diese Feier. Ich hab jetzt nicht noch einmal nachgelesen, aber da hast Du Atmosphäre aufgebaut, mit Gerüchen, Musik, Menschen, die etwas tun, usw. Und der Frau, die das alles wahrnimmt. Klar, ist keine Action-Szene, aber beim Lesen habe ich das Gefühl, nicht nur an der Person, sondern auch in der Szene ganz nah dran zu sein. Vielleicht lässt sich in der Szene ein Quantum mehr Beschreibung unterbringen, bevor die Keulen geschwungen werden.

Ich hoffe, ich kann mich einigermaßen verständlich machen.


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Muskat
Eselsohr


Beiträge: 346



BeitragVerfasst am: 15.06.2020 09:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Michel,


Zitat:
@Muskat: Du meinst mehr Deep POV, habe ich das richtig verstanden?
  
Das Problem kenne ich selbst ganz gut. Beim Schreiben gefühlt mittendrin, gerade noch dem Säbel ausgewichen - und die Testleser sagen: Ich weiß gar nicht, wie es ihm in der Situation geht! Und die distanzierenden Verben der Wahrnehmung verschlimmbessern es eher. (Ja, einer der Klassiker von A. Eschbachs Überarbeitungs-TÜV.) "Er fühlte", "Sie bemerkte" - distanzierend, weil von außen erzählt. @agu: Ich gehe davon aus, dass Du das kennst.



Ja, wenn du die Perspektive Deep POV nennst, dann meine ich die. Ich denke auch, dass Andrea sie kennt, nur wollte ich eben erklären, was ich bzgl. der Nähe meine.

Oh, und ja ich kenne diesen Teil der Überarbeitung von mir auch nur zu gut. :0)


Zitat:
Der distanziertere Ton würde hier wahrscheinlich auch laufen. Ich finde ihn aber nicht wirklich distanziert, sondern eher … hm … oberflächlich. Auch wenn Du mich mit der Wendung am Schluss einmal mehr am Haken hast.


Das beziehst du jetzt aber auf das zweite Kapitel, oder?



Liebe Grüße

Muskat
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Michel
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BeitragVerfasst am: 15.06.2020 10:34    Titel: Antworten mit Zitat

Muskat hat Folgendes geschrieben:
Das beziehst du jetzt aber auf das zweite Kapitel, oder?
Yep, auf die Kampfszene.

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