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Die Versuchung - eine Miniatur


 

 
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wunderkerze
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 102



BeitragVerfasst am: 26.04.2020 17:31    Titel: Die Versuchung - eine Miniatur eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Langsam schritt ich auf die Steilkante zu. Über mir tiefblauer Himmel, nur von einem Kondensstreifen schnöde entweiht, unter mir der heiße Sand, käferdurchhuscht. Einen Schritt vor der Kante blieb ich stehen, fasziniert von der elementaren Weite des Blicks. Tief unten der weiße Strand, gischtumtost, darüber unbegrenzte Ferne über gleißend-glitzender See – kein Mahnmal der energiehungrigen Welt, keine Erinnerung an verlorene Zeit störte die Sicht – nur Weite, Weite, Weite. Da, über mir ein Schrei – melancholisch-melodiös. Ich blickte hoch. Eine Möwe, schräg über mir, hoch über dem Strand, einsam kreisend, himmelfern. Galt der Schrei mir, oder einer verlorenen Geliebten? Wollte sie mir etwas mitteilen, über die Sunde, über den Tag hinaus? Wollte sie mich daran erinnern, dass auch sie einsam und verlassen war, genauso wie ich? Auf eimal erfasste mich der unbändige Drang, mich zu ihr emporzuschwinggen, ihr mein Leid zu klagen, wie sie mir ihres klagen könnte, denn gemeinsames Leid ist halbes Leid. Ich breitete die Arme aus und trat näher an die Steilkante heran. Die Versuchung war stark. Was konte schon passieren? Ich war ja bereits in luftiger Höhe, sozusagen auf halbem Wege. Und wenn schon... Eine Qual weniger auf der Welt... Schon beugte die Knie, setzte zum Sprung an, blickte noch einmal nach oben – da waren jetzt zwei Möwen, eng umeinander kreisend, wie zwei Geliebte. Ich ließ die Arme sinken. Sie wird mich nicht mehr anhören wollen, dachte ich enttäuscht, und kehrte um.

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wunderkerze
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Koubert
Sonntagsschreiber


Beiträge: 22



BeitragVerfasst am: 27.04.2020 07:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wunderkerze,

ich schreibe dir einmal meine Eindrücke.

Mir gefällt diese kleine Szene ganz gut. Ich habe direkt ein Bild vor Augen.

Spontan fiel mir allerdings bereits beim ersten Lesen auf, dass du sehr viele Adjektive verwendest, insbesondere am Anfang des Textes. Ich persönlich würde wahrscheinlich mindestens die Hälfte davon streichen und nur die behalten, die mir wirklich wichtig vorkommen.

Ganz allgemein würde ich überhaupt um etwa ein Drittel kürzen. Ich denke, der Text könnte dadurch an Ausdruck gewinnen.

Als Beispiel:
Zitat:
Galt der Schrei mir, oder einer verlorenen Geliebten? Wollte sie mir etwas mitteilen, über die Sunde, über den Tag hinaus? Wollte sie mich daran erinnern, dass auch sie einsam und verlassen war, genauso wie ich?


Vielleicht könnte man hier prägnanter formulieren und so nur einen Satz daraus machen.

Viele Grüße!
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 160
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 28.04.2020 16:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile

Ich muss zugeben, die erste Hälfte hat mich sehr an den Film "Papa ante portas" erinnert, als Loriot mit seiner Frau bei einer Autorenlesung saß.
"Krawehl, krawehl"

Die zweite Hälfte empfand ich als eingängiger.
MfG


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Ralphie
Geschlecht:männlichForenonkel

Alter: 67
Beiträge: 4744
Wohnort: 50189 Elsdorf
DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 28.04.2020 17:11    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr gut, aber ich denke, du solltest noch etwas mehr ins Detail gehen, z. B.
könntest du erwähnen, dass der Kondenzstreifen am Himmel von einer F 104 der Royal Navy stammt; so weiß der Leser sofort, wo die Geschichte spielt.


_________________
LG
Ralphie
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wunderkerze
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 102



BeitragVerfasst am: 28.04.2020 20:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Ralphi,
Dank für deinen Kommentar. Die Geschichte spielt irgendwo am Meer, wo ein einsamer Mensch mit dem Gedanken spielt, sein Leben zu beenden. Mehr muss mE nicht sein.

Hallo Calvin Hobbs,
deinen Kommentar verstehe ich nicht. Was, bitte, bedeutet: "Krawehl, Krawehl"?

Hallo Koubert, auch dir meinen Dank!
Ich nehme deine Kritik auf und habe deshalb folgende Version verfasst:


   Langsam schritt ich auf die Steilkante zu. Über mir tiefblauer Himmel, nur von einem Kondensstreifen entweiht, unter mir der heiße Sand. Einen Schritt vor der Kante blieb ich stehen, fasziniert von der Weite des Blicks. Tief unten der Strand, darüber unbegrenzte Ferne – – nur Weite, Weite, Weite. Da, über mir ein Schrei. Ich blickte hoch. Eine Möwe, einsam kreisend. Galt der Schrei mir? Wollte sie mich daran erinnern, dass auch sie einsam und verlassen war, genauso wie ich? Auf eimal erfasste mich der unbändige Drang, mich zu ihr emporzuschwinggen, ihr mein Leid zu klagen, wie sie mir ihres klagen könnte. Ich breitete die Arme aus und trat näher an die Steilkante heran. Die Versuchung war stark. Was konte schon passieren? Ich war ja bereits in luftiger Höhe. Und wenn schon... Eine Qual weniger auf der Welt... Schon beugte die Knie, setzte zum Sprung an, blickte noch einmal nach oben – da waren jetzt zwei Möwen, eng umeinander kreisend, wie zwei Geliebte. Ich ließ die Arme sinken. Sie wird mich nicht mehr anhören wollen, dachte ich, und kehrte um.

Ich will nicht um das eine oder andere Adj. feilschen, aber ich finde, die Geschichte hat jetzt entschieden an Licht verloren. Diese helle glitzernde Welt ist der Gegenentwurf zum inneren Zustand des Prots. Diese Welt ist ihm fremd geworden. Käme er sonst auf die Idee, ans Meer zu gehen und sich in die Tiefe zu stürzen?

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wunderkerze
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 160
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 29.04.2020 18:14    Titel: Antworten mit Zitat

wunderkerze hat Folgendes geschrieben:


Hallo Calvin Hobbs,
deinen Kommentar verstehe ich nicht. Was, bitte, bedeutet: "Krawehl, Krawehl"?



Hier ab ca. 3:25 min -> https://www.youtube.com/watch?v=ghbj6iNPfCU

Sorry, ist nicht bös gemeint wink


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