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Amanitin - eine Kriminalerzählung


 

 
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Federfuchser
Sonntagsschreiber


Beiträge: 12



BeitragVerfasst am: 07.03.2020 12:43    Titel: Amanitin - eine Kriminalerzählung eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zwei Giftmorde, und Hauptkommissar Heinrich Heiland tappt völlig im Dunkeln. Er kennt weder das Gift, noch das Tatmotiv. Die Hinweise sind mehr als widersprüchlich, sie sind absurd. Da bringt ihn ein Gespräch mit seinem körperbehinderten Sohn auf eine Idee...
Ca. 80 Manuskript-Seiten


                                                      Vorspiel in der Unterwelt

   Im Kellerraum ist es warm, es riecht unangenehm nach Heizöl. Gerade schießt wieder ein heißer Strahl wummernd in die Brennkammer ein; in dem kleinen runden Guckloch flimmert es rötlich.
   Die Frau macht Licht und schließt die Tür. Der Mann blickt sich um. Sein Blick gleitet über den Blechschrank mit dem dicken Vorhängeschloss, über die Werkbank mit dem Stuhl davor; über das verwirrende Gewirr der Heizungsrohre, über die summenden Umwälzpumpen, die roten Ausgleichsbehälter, die grauen Zähler. Das alles erinnert ihn an den Maschinenraum des historischen Raddampfers 'Kaiser Wilhelm', den er noch vor wenigen Wochen besichtigt hat. Doch dort hatte er in den Rohren, Ölnippeln, Manometern, Ventilen eine gewisse Ordnung erkannt, eine die Ordnung, die nötig war, um den Antrieb der mächtigen Dampfkolben zu gewährleisten. Diese Ordnung war auf einen bestimmten, erkennbaren Zweck ausgerichtet, es war eine zielgerichtete Ordnung, und sie hatte ihn erfreut, denn er war ein zielstrebiger Mensch. Doch hier liegt der Zweck der Maschinerie außerhalb des Raums: Die Beheizung des Altstadtquartiers 'Wischkuhlenhof', und eine Ordnung in diesem Röhrengewirr ist deshalb für ihn nicht ohne weiteres erkennbar.
   Er dreht sich zu der Frau um und fragt: „Um welches Ventil handelt es sich denn nun?“
   „Um das da, rechts unten auf dem Zuleitungsrohr zu Ihren Geschäftsräumen“, erwidert sie. „Es leckt.“
   Eine gute Weile betrachtet er das Ventil. Dann sagte er: „Ich sehe nichts!“
   „Dann schauen Sie doch mal genau hin!“
   Etwas unsicher beugt er sich vor, dabei stützt er sich mit der Hand an einem Regal ab.
   „Sehen Sie die feuchte Stelle?“, fragt die Frau. Sie ist hinter ihn getreten.
   „Natürlich sehe ich sie, ich bin doch nicht blind!“ Sein Tonfall ist hochnäsig und arrogant. „Und wegen dieser Petitesse bemühen Sie mich her?“ Er seufzt. Schon seit Tagen fühlt er sich unwohl und schlapp, wie von langer Krankheit geschwächt. „Was habe ich damit zu tun? Holen Sie gefälligst einen Installateur!“
  Der Stoß trifft ihn völlig unvorbereitet, so dass er keinerlei Abwehrmaßnahmen ergreifen kann. Sein Körper schnellt vor, mit der Stirn stößt er schmerzhaft an etwas Hartes. Schon kniet die Frau über ihm. Sie biegt seine Arme schmerzhaft nach hinten und bindet ihm die Hände zusammen.
  „Sind Sie wahnsinnig geworden?“, schreit er, nachdem die  Schrecksekunde vorbei ist, „was fällt Ihnen ein? Hören Sie sofort auf damit!“ Er versucht, die Frau abzuschütteln, aber es geht nicht. Sie ist zu schwer. Sein geschwächter Körper findet noch nicht einmal die Kraft, den Kopf zu heben. Er fühlt, wie warmes Blut aus der Stirnwunde ins Auge läuft.
   „Maul zu und halt´ die Beine still“, sagt die Frau böse. Mit dem braunen Packband verschnürte sie seine Füße, dreht ihn um, richtete ihn halb auf und bindet ihn an einem dicken Heizungsrohr fest. Breitbeinig stellt sie sich  hin und sieht ihn gehässig an. Sie ist groß, kräftig, kantig und besitzt Muskeln wie ein Mann. Mit einer unwilligen Handbewegung streicht sie sich eine Strähne ihrer langen blonden Haare aus dem Gesicht.
  Der Mann blickt sie mit wilden Augen an. „Was soll das?“, schreit er, „machen Sie mich sofort los! Das wird ein Nachspiel haben!“ Er bäumt sich auf, zerrt an den Fesseln, doch nichts hält fester als schnödes braunes Klebeband.
Statt zu antworten, öffnet die Frau den Blechschrank neben der Werkbank, nimmt einen ölverschmierten Lappen heraus und wischt ihm das Blut aus dem Gesicht. Dabei sagt sie: „Du bist ein Schwein, und jetzt siehst du auch noch aus wie ein Schwein.“
   Der Mann knirscht, mit Schaum in den Mundwinkeln: „Wenn Sie mich nicht sofort losbinden, schreie ich das Haus zusammen!“
    Sie lacht trocken, es klingt wie das Meckern einer Ziege. „Nur zu“, sagt sie, „hier kannst du schreien, so viel wie du Lust und Laune hast! Der Raum hier hat kein Fenster, und die Brandschutztür hält dicht! Und sollte dich trotzdem jemand hören, denkt er, irgendwo greint ein Säugling.“
   „Was wollen Sie?“, fragt er.
   Die Frau krempelt den rechten Ärmel ihres Overalls hoch und hält ihm ihren nackten Unterarm vor die Nase. „Sag, wie das aussieht!“
   Er blickt hin und schweigt.
   „Sag, wie das aussieht!“ Ihr Ton wird drohend.
   Er schweigt.
   „Du sollst sagen, wie das aussieht!“ schreit sie. Da er immer noch nichts sagt, versetzt sie ihm einen heftigen Tritt in die Seite. „Sag es!“, röhrt sie, „sag, wie das aussieht!“
   „Es sieht nicht gut aus“, murmelt er endlich.
   „Es sieht nicht gut aus!“, wiederholt sie. In gespielter Enttäuschung ringt sie die Hände. „Er sagt, es sieht nicht gut aus! Ts, ts, ts... Mehr fällt dir dazu nicht ein, du Schwein?“ Ihr starrer Blick nietet sich in sein Gesicht, über das schon wieder Blut gesickert ist. „Es sieht scheiße aus!“, schreit sie, „sag: Es sieht scheiße aus!“
   Wieder schnellte der Stiefel vor. Es ist ein großer, fester Stiefel, wie ihn Monteure tragen.
   „Es sieht scheiße aus“, murmelt er.
   „Lauter!“ Sie holt zum Stoß aus.
   „ES SIEHT SCHEISSE AUS!“
   „Na siehst du! Es geht doch!“ Sie lässt den Ärmel wieder herunter. „So sehe ich am ganzen Körper aus“, sagt sie seltsam ruhig. „Seit ich denken kann, laufe ich hochgeschlossen herum wie ein Eskimo.“ Ihre Stimme klingt jetzt sachlich und irgendwie selbstmitleidig. „Natürlich, niemand würde etwas sagen, wenn er das sieht – schließlich wissen wir ja, was sich gehört“, sie lacht hämisch, „aber die Blicke! Die Blicke lügen nicht!... Weißt du, welchen Menschen solche Blicke zugeworfen werden? Na, wird´s bald? Du weißt es nicht?“ Ihr Blick bohrte sich in sein Gesicht. „Na gut, dann sag ich´s dir: Den Aussätzigen, den Leprösen, den hoffnungslosen Fällen!“ Ihre Stimme ist jetzt wieder laut und scharf. „Weißt du überhaupt, was Aussatz bedeutet? Nein? Mann, was weißt du in deinem Scheißhirn eigentlich? Von Tuten und blasen keine Ahnung! Doch, vom Blasen wohl, du Schwein! Hör zu! Aussatz bedeutet ausgesetzt sein aus der menschlichen Gemeinschaft! Ausgesetzt heißt ausgestoßen!“ Die letzten Worte sind schon wieder gebrüllt.
  Dann, ruhiger: „Du hast natürlich keine Ahnung, wie man sich da fühlt. Natürlich. Wie denn auch. Schließlich bist du ein schöner Mann. Ein Schönling, wie man auch sagt. Allerdings: Jetzt siehst du aus, als müsstest du gleich kotzen!“ Sie lacht roh. „Na ja, du hattest ganz andere Sorgen. Und du warst nie einsam. Immer waren irgendwelche Leute um dich herum. Zum Beispiel deine Lustknaben. Also, wie fühlt man sich?“
   „Man fühlt sich alleingelassen“, bringt er mühsam heraus, bevor der Stiefel vorschnellt.
   „Da sagst du mal was Wahres! Man fühlt sich alleingelassen.“ Plötzlich schreit sie: „Mann, was redest du da für ´nen Quatsch! Du hast doch nichts als Scheiße im Hirn! Alleingelassen! Pah... Ich werd´ dir sagen, wie man sich fühlt! Man fühlt sich wie ein weggeworfener Säugling in einer stinkenden Mülltonne!“
   Sie zieht sich einen Stuhl heran, dreht die Lehne zu ihrem Gefangenen und setzte sich breitbeinig vor ihn hin. Aufmerksam betrachtete sie sein Gesicht. „Du hast schon mal besser ausgesehen, mein schöner Junge“, sagt sie hämisch grinsend, „heute siehst du wie ein an die Wand geschissenes Karnickel aus. Bist du krank?“
    Sein Körper bäumt sich auf, seine Glieder zerren an den Fesseln, schließlich sinkt er ermattet zurück. Die Frau betrachtet ihn, gnadenlos wie ein Kind einen auf dem Rücken liegenden Käfer.
 „Was wollen Sie?“, stöhnt er, „wollen Sie Geld?“
   Sie lacht unangenehm schrill. „Pah, Geld! Dass ihr Schweinehunde immer meint, mit Geld kann man alles erreichen! Nein ich will kein Geld. Ich will Gerechtigkeit. Auge um Auge, Zahn um Zahn.“
   Eine Weile herrscht Stille. Der Brenner ist verstummt, nur das leichte Knacken der Rohre, dem Knistern trocknendes Holzes gleich, ist zu vernehmen. Die Frau sagt, wobei sie mehr zu sich als zu dem Mann spricht: „Und dann fiel mir wie aus heiterem Himmel der Jorin in die Arme. Plötzlich wusste ich was Leben heißt! Endlich! Ich lebte! Jorin nahm mich, wie ich war, mit allen hässlichen Flecken, Ecken und Kanten. Es war herrlich... Natürlich wusste ich, dass es nicht von Dauer sein konnte. Ich war schließlich über zwanzig Jahre älter. Nun, was auf dieser Welt ist schon von Dauer... Und ich stelle keine Ansprüche an das Glück... Aber ein paar Jahre mehr hätten es schon sein können... Doch dann kamst du, mein schöner, smarter Knabe, und nahmst ihn mir weg.“
   Sie spring auf. Der Stuhl fliegt krachend in eine Ecke. Angewidert betrachtet sie ihr Opfer, das da, mit blut- und schweißüberströmten Gesicht, vor ihr auf dem kalten Betonboden hockt. Sie betrachtet die hohe schmale Stirn, die scharf geschnittene Nase, die sorgfältig rasierten Wangen, die Piercings in den Ohrläppchen... Hass überschwemmt ihr krankes Hirn, bohrender, schmerzender, magenzersetzender Hass.
   „Dafür wirst du sterben.“ Es klingt auf eine grauenhafte Weise endgültig.
   „Was soll das?“ ruft er mit der ganzen Kraft, die ihm noch geblieben ist, „glauben Sie im Ernst, ein weiterer Mord würde etwas ändern? Ich wusste doch nicht – “
   Wieder bäumt er sich auf, wieder zerrt er an den Fesseln, wieder sinkt er ermattet zurück.
   „Hör´ auf zu winseln! Du widerst mich an!“, sagt sie kalt, „lange halte ich deine Visage nicht mehr aus.“
   Sie ist wahnsinnig, denkt er und wagt einen letzten Versuch.
  „Wenn Sie mich frei lassen, verspreche ich, dass ich von allem dem hier eisern schweigen werde! Ich schwöre!“
   Ihr scharfes Lachen zerschneidet das Band seiner Hoffnung wie eine Rasierklinge einen dünnen Faden.
   „Dazu müsstest du erst einmal eine Schwurhand frei haben, mein Gutster!“ Sie tut so, als denke sie nach. „Gut, nehmen wir einmal an, ich ließe dich laufen. So zum Spaß nehmen wir das mal an. Nur, was geschieht dann, na? Du Arsch rennst schnurstracks zur nächsten Polizeidienststelle – vorausgesetzt, du kämst noch bis dahin –  und plapperst alles haarklein aus. Und weißt du was?  Das wäre mir völlig egal! Du kannst dir nicht vorstellen, wie egal mir das wäre! Scheißegal ist noch zu schwach ausgedrückt! Und weißt du warum – “
   „Sie sind doch wahnsinnig! Ich fordere Sie auf: Lassen Sie mich frei!“ Wieder bäumt er sich auf, doch schon nach wenigen Zuckungen ist er am Ende seiner Kräfte.
   „So, du forderst! Na dann... Weißt du was? Du bist nicht nur eine Schwein, sondern auch noch ein Riesenarschloch. Du hast anscheinend überhaupt keine Ahnung, wie es um dich steht. Auch wenn ich dich tatsächlich frei ließe, mein schöner Junge, es würde dir nichts bringen. Kein Arzt könnte dir noch helfen. Deine Leber ist nämlich seit drei Tagen dabei, sich in eine formlose Masse zu verwandeln. Der Mensch kann zwar ohne Liebe, aber nicht ohne Leber leben.“ Sie runzelt die Stirn. „Dabei wüsste ich im Moment nicht einmal zu sagen, was für mich schlimmer wäre, ein Leben ohne Liebe oder ein Leben ohne Leber... Nein, das mit dem Freilassen kannst du vergessen. Außerdem habe ich noch einiges mit dir vor – als Leiche! Nun scheu doch nicht gleich! Keine Angst, ich werde dich nicht einfrieren oder zerstückeln oder einbetonieren und eine schnöde Garage über deinem Grab errichten. Nein, nein, solche Begräbnisse sind mir zu einfallslos. Da kannst du ganz beruhigt sein... Im Gegenteil, es wird etwas sein, woran du noch lange... Haha, da hätte ich beinahe einen Witz gemacht! Aber Witze sind natürlich jetzt das Letzte, wonach dein Herz verlangt... Weißt du, ich werde dich so herrichten, dass man noch lange von dir spricht... Wisst ihr noch? werden die Leute sagen, damals, als dieser... Na, wie hieß er denn noch gleich... Na, ist auch egal... Namen sind doch nur Schall und Rauch... Aber als man seine Leiche fand, da stand er in allen Zeitungen... Sogar in der Nordschau zeigten sie ihn... Und wenn sich auch keiner mehr an deine lächerliche Figur erinnert, du wirst noch Jahrzehnte, ach was sag ich, Jahrhunderte in den Archiven der Kriminalpolizei herumgeistern... Du bist dann sozusagen begrenzt unsterblich, haha!“ Sie schien sich über ihr hirnloses Geschwätz zu amüsieren.
   Sie tritt näher an ihn heran und schnüffelt. „Kann es sein, dass du die Hosen voll hast? Es stinkt – nein, du stinkst! Mann, ich wusste gar nicht, dass du so empfindsam bist! Nicht schlecht, nicht schlecht! Gestank passt besser zu dir als Rosenduft!“
   „Warum quälen Sie mich?“, kommt es kaum hörbar. „Reicht es nicht, dass Sie schon den Jorin auf dem Gewissen haben?“
   Wütend stampft sie mit dem Fuß auf. „Wage es nicht, diesen Namen noch einmal in deinen dreckigen Mund zu nehmen!“, brüllt sie „dann schlage ich dir die Zähne ein! Der Jorin geht dich einen Scheißdreck an!“ Sie blickt sich nach dem Stuhl um, zieht ihn heran und setzt sich. „Na, wie gefällt dir deine Zukunft als toter Mann? Wie? Du sagst nichts? Kann man denn mit dir überhaupt nicht vernünftig reden? Eigentlich schade. Ich hatte dich für cleverer gehalten.“ Plötzlich überzieht ein irres Lächeln ihr großes feuchtes Gesicht. „Weißt du was? Wenn man mit dir nicht reden kann, dann singen wir eben! Ja, das ist die Lösung! Wir singen! Wir lassen ein Lied erschallen! Ein lustig Lied, ein lustig Lied...“ Einen Moment hält sie inne, anscheinend um nachzudenken. Dann sagt sie: „Wie wär´s denn hiermit:

                                       Die Nachtigall singt auf der Eiche,
                                        das Schwein frisst aus dem Trog.
                                        Und morgen bin ich eine Leiche,
                                         Weil ich den Jorin an mich zog.“

   Sie steht wieder auf und fuchtelt wirr mit den Händen in der Luft herum. „Ja, das ist gut! Es trifft den Nagel auf den Kopf! Also los! Du singst jetzt: Die Nachtigall singt auf der Eiche... Die Melodie kannst du dir aussuchen. Nobel von mir, nicht wahr?“ Ein Fußtritt, dann noch einer, und noch einer. „Du kannst nicht? Du willst nicht! Na gut, dann – “
   „Die Nachtigall sitzt auf der Leiche ...“
   „Herrgottnochmal! Nicht einmal einen läppischen Vers kann sich der Kerl merken... Na gut, dann sing´ ich eben alleine!“
   Sie krümmt ein Knie, zieht den Fuß an, streckt die Hände zur Decke und dreht und wiegt sich in alberner Weise in den Hüften. Dabei grölt sie mit entsetzlich misstönender Stimme:

                                    „Die Nachtigall singt auf der Eiche,
                                       das Schwein frisst aus dem Trog.
                                       Und morgen bin ich eine Leiche,
                                       weil ich den Jorin an mich zog.“

  Plötzlich bleibt sie stehen. „Weißt du, was ich hier gerade gemacht habe?“, fragt sie außer Atem. „Getanzt habe ich! Getanzt! Ich habe unseren Totentanz getanzt. Deinen und meinen! Ja! Denn nach dir werde auch ich sterben. Und das ist auch gut so! Hörst du nicht auch das Totengeklapper? Wie es klappert und knackt und klappert und knackt und klappert und knackt.“
   Sie ist tatsächlich wahnsinnig, denkt er verzweifelt, vollständig wahnsinnig. Das ist das Ende... Mit Wahnsinnigen kann man nicht verhandeln...
   Sein Kopf sinkt auf die Brust.
   Und sie fängt wieder an:

                                          „Die Nachtigall singt auf der Eiche,
                                           das Schwein frisst... aus... dem...“
   
  Sie bemerkt jetzt, dass der Mann weint, und sie verstummt. Sie öffnet Blechschrank entnimmt ihm eine dunkelgrüne Flasche, dreht den Schraubverschluss ab und hält sie ihm an den Mund. „Hier, trink das! Das wird dich aufmuntern! Man ist ja schließlich kein Unmensch!“
   Seine Lippen sind zwei schmale, weiße Striche.
   „Mann, nun hab dich nicht so! Das ist ein hochprozentiger Magenbitter! Oder hast du Angst, ich will dich vergiften?“ Sie lacht dröhnend. „Nur zu deiner Beruhigung: Du bist bereits vergiftet! Seit drei Tagen schon! Oder warum wohl, glaubst du, fühlst du dich seit gestern so kotzelend?... Na gut, wie du willst! Wer nicht will, der hat schon, wie meine Oma immer sagte.“
   Sie schraubt die Flasche wieder zu und stellte sie zurück in den Schrank. „Dabei würde dir der Alkohol nur gut tun. Sehr gut sogar! Alkohol verstärkt nämlich die Wirkung des Gifts, und was folgt daraus? Denk doch mal logisch! Richtig! Der gute Alkohol verkürzt somit deine Leidenszeit. Denn deine letzten Stunden werden fürchterlich sein. Du wirst dich in Krämpfen winden wie ein Aal, dem man das Rückgrat zertrümmert hat. Am liebsten würdest du deine gesamten dreckigen Innereien auskotzen. Doch dann – ich denke so in drei bis vier Stunden – wird der Brei deiner Scheißleber dein Gehirn überschwemmen und allmählich dein Bewusstsein auslöschen. Und irgendwann im Morgengrauen wird deine Seele – solltest du überhaupt so etwas wie eine Seele haben – in deinen scheiß Kinderschänderhimmel auffahren.“
   „Nein! Ich bin kein Kinderschänder! Glauben Sie mir! Männer unter achtzehn habe ich nie angerührt!“
   Es ist der Schrei der gequälten Kreatur, jenseits alle Lüge.
   „Na gut, ich glaube dir! Aber es bessert nichts.“
   „Ich will noch nicht sterben, bitte...“
   „Musst du wohl, mein schöner Verführer, musst du wohl, so leid es mir tut... Mein Vater war genau so ein Dreckskerl wie du, nur vom anderen Ufer... Ein Hurenbock wie er im Buche steht, obwohl er gleich nach dem Papst kam.  Aber er hatte Grundsätze. Zum Beispiel den: Auge um Auge, Zahn um Zahn... Du hast mich getötet, also töte ich dich!“
   Sie schneidet einen Streifen von dem Packband ab und verklebte ihm den Mund. „Für alle Fälle! Man weiß ja nie“, murmelt sie. „Überall gibt es Ohren... Durch das dicke Zuluftrohr könnte man dich hören.“ Sie geht zur Tür und knipst das Licht aus. „So, ich lasse dich jetzt allein. Morgen früh komme ich wieder und hole dich.“
   Der Schlüssel dreht sich im Schloss.
 Durch das kleine runde Guckloch fällt ein Schein der Ölflamme auf die gegenüberliegende Wand. Der Lichtschein hüpft auf und ab wie ein lustiger Kobold...
   Der Mann öffnet den Mund, doch statt des Schreis kommt nur ein kraftloses Röcheln. Sein Kopf sinkt auf die Brust, und bald erfüllt hemmungsloses Schluchzen die Luft.
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Federfuchser
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BeitragVerfasst am: 13.03.2020 11:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

1
   Jaromir Kreutzer betritt den Verkaufsraum durch eine Seitentür und schnuppert. Irgendein seltsamer Geruch liegt in der Luft, leicht säuerlich, als habe sich jemand erbrochen. Wird wohl die Asia-Lieferung sein, denkt er übellaunig, was die da alles an unaussprechlichen Tinkturen zusammenbrauen, weiß doch kein Mensch. Und manche Leute kaufen das Zeug auch noch. Hauptsache billig, billig, billig...    
   Er geht nach vorn, öffnet die Ladentür, um frische Luft hereinzulassen, dann setzt er sich an die Kasse und legt eine neue Papierrolle ein. Wird wohl ne Weile reichen, mosert er im Geiste weiter, der Umsatz ist auch nicht mehr, der er mal war, trotz der 1AA-Lage. Er lacht trocken. Mehr aa als eins! Hat sich was, mit Geiz ist geil läuft nichts mehr! Die Meisten wollen anständige Ware, und keine die nach Kotze stinkt!
   Er lässt das Geldfach hervorschnellen, zerschlägt zwei Kleingeldrollen und sortiert, ein lustig Lied auf den Lippen, das Geld ein: Süßer die Kassengkocken nie kli-hingen, denn zu der Wei-heinachtszeit... Wenn´s so mau wird wie letztes Jahr, kann ich bald wieder zur ARGE tigern. Der Junior, dieser Idiot! Sollte sich mehr um das Geschäft und weniger um seine Lustknaben kümmern! Hmm... Ich denke mal, dies ist überhaupt kein seriöses Geschäft, sondern eine Geldwaschanlage. Letzten Monat sind noch nicht einmal die Kosten für Strom und Heizung übriggeblieben... Na ja, so lange sie mein Gehalt zahlen, soll´s mir recht sein, und wenn Not am Mann ist... Vatter hat genug Geld, der alte Geizknochen.
   Draußen sind zwei junge Mädchen  stehen geblieben und starren in das linke Schaufenster. Durch die geöffnete Tür hört Kreutzer undeutlich ihre Stimmen wie fernes Vogelgezwitscher, hört, wie eines der Mädchen „dumme Kuh!“ ruft. Jetzt wendet sich das Mädchen um und betritt den Laden. Nach kurzem Zögern trippelt es auf Kreutzer zu. Der blickt dem jungen Ding gespannt entgegen. Ein junges Mädchen in einem Geschäft für Herrenoberbekleidung?
   „Darf ich Sie etwas fragen?“, zwitschert es.  Seine Stimme ist weich und von kindlicher Unbefangenheit.
   Kreutzer nickt.
 „Meine Freundin und ich möchten wahnsinnig gerne wissen, ob das da in den Fenstern Schauspieler sind!“ Die Augen: Zwei blaue Sterne. „Ich meine, es sind welche, meine Freundin, die dumme Kuh, ist mal wieder anderer Meinung.“
    Kreutzer blickt sie an. Sie sieht jung, jung, jung aus, auf dem Kopf ein keckes Hütchen, an den Ohren kleine Gehänge, die Beinen stecken in schwarzen Lederstiefeletten. Doch er wagt keine Altersprognose. Seine Nichte ist zwölf, sieht aus wie sechzehn und benimmt sich manchmal wie eine Sechsjährige.
   Eine große Person mit einem tief ins Gesicht gedrückten Hut betritt das Geschäft. Die breite Krempe des dunkelbraunen Lederhutes, an dem hinten drei bunte Bändchen baumeln, beschattet ihr Gesicht, so dass Kreutzer nicht genau erkennen kann, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Der Haarzopf deutet auf Frau hin, die ziemlich robust wirkende Figur auf Mann.
   Kreutzer geht auf die Person zu, doch die winkt mit der Bemerkung ab, sie würde sich gern allein umsehen.
   Der Verkäufer wendet sich wieder dem Mädchen zu. „Schauspieler? Wie kommst du gerade auf Schauspieler?“    
 „Ich meine diese Leute vom Stadttheater, die häufig vor dem Rathaus stehen. Die stehen ja auch manchmal stundenlang auf einem Bein, ohne die kleinste Bewegung! Und schwer angemalt sind sie auch. Und auch in solchen komischen Anzügen. Meine Mutter sagt, sie üben Körperbeherrschung und verdienen sich noch ein paar Euro nebenher.“ Sie redet schnell, aber mit Anmut.
   „Nein, nein, mein Kind“ lacht Kreutzer, „da täuschst du dich! Das da im Schaufenster sind keine Leute. Das sind Plastikpuppen!“
   „Ich bin nicht Ihr Kind!“  Das Mädchen sieht ihn böse an. Ihr Blick ist plötzlich hart, erstaunlich hart für so ein junges Ding.
  Kreutzer, im Umgang mit komplizierten Kunden geschult, aber nicht mit frechen Gören, versucht, möglichst charmant zu lächeln. Das andere Kind, die dumme Kuh, drückt ihre Nase an der Schaufensterscheibe platt.
  „Hmm... Nun ja... ich will dich nicht enttäuschen... Diese Puppen sind alle aus Plastik und innen hohl“, erklärt er geduldig, „ohne Fleisch und Blut. In der Fabrik werden zwei Hälften hergestellt, eine vordere und ein hintere und dann miteinander verklebt. So wie man Schokoweihnachtsmänner macht!“
   Das kleine Fräulein zieht ein Mäulchen. „Das verstehe ich nicht!“ murmelt es, „warum hat denn der eine Puppenmann Haare auf den Händen?"
   Kreutzer, verdattert: „Wie bitte? Haare? Das glaub ich nicht!“
   „Ja, Haare! Wenn Sie mir nicht glauben, kommen Sie!“
    Kreutzer, barsch: „Da sind keine Haare! Tut mir Leid, ich muss mich jetzt um verschiedene Dinge kümmern. Für Albernheiten habe ich jetzt keine Zeit. Bitte entschuldige mich.“
  Die Kleine heftet ihren Sternenblick auf Kreutzers Kinn. „Na, Alter!“ stößt sie quietschig hervor, „dann kaufen Sie sich mal `ne Brille! Und Ihre Krawatte sieht scheiße aus“ Sie wirft dem Verkäufer noch einen bitterbösen Blick zu und rennt mit klappernden Stiefeletten hinaus. Kreutzer blickt ihr kopfschüttelnd nach. Noch fünf Jahre, und sie ist genauso ungenießbar wie Dörte. Jetzt sieht er, dass der Strahler über der linken Puppe defekt ist – beziehungsweise er hat es schon vorhin bemerkt, aber jetzt dringt es in sein Bewusstsein ein.  
   Auch der Kunde verlässt kurz darauf mit einem dankbar-gnädigen Kopfnicken das Geschäft.

    Jaromir Kreutzer, 26, ledig, eins achtundsechzig, Schuhgröße 39, Liebhaber knallbunter Krawatten, seines Zeichens fest angestellter Verkäufer im Herrenausstatter Weinhold  & Sohn, geht nach hinten, um sich einen Magentee aufzugießen, denn sein empfindlicher Magen, dieser Mahner in seiner Lebenswüste, meldet sich. Das freche Gör hat ihn ziemlich erregt; selbstbewusste junge Mädchen sind für ihn Neuland.
   Er stutzt.
   Da steht ja noch eine Puppe! Sie steht in einer dunklen Nische, deshalb bemerkt er sie erst jetzt.
   Aber verdammt nochmal, was steht dann jetzt im Schaufenster?
   Jetzt erinnert er sich auch, dass der komische Kunde mehr an dem Schaufenster mit der angeblich behaarten Puppe als an der Ware interessiert gewesen war.
   Mit einem mulmigen Gefühl im Magen geht er in den Verkaufsraum zurück.
   Tatsächlich, mit diesem Puppenmann stimmt etwas nicht. Der Kopf ist seltsam nach vorne gekippt, die Arme hängen merkwürdig schlaff herunter, wie bei einem Erhängten.
 Kreutzer runzelt die Stirn. Auch dieser säuerliche Geruch ist jetzt wieder da.
   Sein Blick fällt auf die Hand des Plastikmannes.
   Feine, blonde Haare, ein zarter Flaum, zart, sehr zart, aber deutlich zu erkennen.
   Er richtet sich auf und mustert er den Hals der Puppe: Blutgefäße, Adern, bläulich schimmernd.
   Mit unendlicher Mühe hebt er den Kopf und sieht der Puppe mit zusammengekniffenen Augen ins Gesicht.
   In seinem Magen explodiert eine Bombe.
  Mit zitternden Fingern zieht er sein Handy und wählt die Polizei. Dann läuft er nach hinten, um sich zu übergeben.
 
 Es ist Montag, der 12. Dezember, 9 Uhr 30. Ort: Ladenlokal der Firma Weinhold & Sohn, Herrenbekleidung, Bahnhofstraße 72. Der Himmel ist wolkenverhangen, die Temperatur für diese Jahreszeit zu mild.

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BeitragVerfasst am: 21.03.2020 12:16    Titel: Forts. Antworten mit Zitat

2
   Der Hauptkommissar beißt sich auf die Lippen und unterdrückt einen saftigen Fluch.
   Es ist nicht so sehr der Anblick des Todes, der ihn entsetzt. Eine Leiche, sei sie auch noch so furchtbar zugerichtet, nimmt er mit unbewegter Miene und ohne äußere Anzeichen innerer Bewegung zur Kenntnis. Nein, das verstörende Antlitz des Todes jagt ihm keinen Schrecken mehr ein. Und was hat er nicht schon alles an Leichen gesehen. Alte, junge, schöne, hässliche,  stinkende, geruchlose... Manchmal mussten Leichenteile eingesammelt werden, wie zum Beispiel vor einigen Tagen die des Mannes, der kurz vor dem Hundertwasserbahnhof in Uelzen vor einen ICE sprang und anschließend über mehrere hundert Meter auf dem Geleis verteilt lag, oder Täter und Opfer eines Sprengstoffattentats. Auch das nimmt ihn nicht mehr sonderlich mit, außerdem ist das Einsammeln von Leichenteile nicht seine Sache, sondern die der Gerichtsmedizin.
 Nein, es ist auch nicht das stark geschminkte und übelriechende Gesicht des Toten, vor dem er steht, nicht die toten Augen, diese furchtbar entstellten Schwestern des Lichts. Es ist die Art und Weise, wie der Mörder sein Opfer präsentiert, es ist die Art, wie dieser Un-Mensch die stille Erhabenheit des Todes für seine perversen Zwecke instrumentalisiert hat: Der stolze Tod, Bruder der Einsamkeit und des Schlafes, ständiger, zuverlässiger Begleiter aller Kreatur, wahrer Terminator aller Unrast, Gier und Schmerzen – herabgewürdigt zu einem schnöden Spektakel!
   Der Hauptkommissar betrachtet den Toten.
    Die Füße, in schwarz glänzenden Schnürschuhen, stehen auf einer eisernen Bodenplatte, von der eine Stange nach oben ragt. Sie verschwindet durch den Hosenboden des Toten hindurch und setzt sich hinter seiner Oberbekleidung fort. Die Haltung des Körpers ist aufrecht, der Kopf zur Seite geneigt. In Höhe der Schulterblätter fallen zwei eigenartige Höcker auf.
 „Er ist festgeschraubt“, murmelt er. Vorsichtig versucht er, einen der herunterhängenden Arme der Leiche zu bewegen. Er betrachtet kurz das Gesicht des Toten und wendet sich ab.
   „Wo bleibt denn Terulda bloß?“, murmelt er.
   Hauptkommissar Heinrich Heiland, 52, verheiratet, Vater eines körperbehinderten Sohnes, konfessionslos, SPD-Wähler, Leiter der SOKO „Puppe“, geht zur Tür und blickt hinaus. Sein großes Bulldoggengesicht mit den buschigen schwarzen Augenbrauen ist ausdruckslos, wie erstarrt. Draußen, auf der gut besuchten Geschäftsmeile in Bahnhofsnähe, ziehen die Menschen unter dem tiefhängenden, deprimierenden Dezemberhimmel dahin. Der Menschenstrom in seiner ungeheuren quirligen Einsamkeit, schwarz braun grau weiß an Haut und Kleidung, mit Zungen aller Herren Länder, mit Mienen, verschwiegen und schweigsam wie eine Mondnacht oder wild-freudig erregt, kriecht wie ein vielköpfiges stachliges Reptil über das von Millionen Schuhen geschliffene und von Millionen Tritten gezähmte Pflaster.
   Der Hauptkommissar schaut in die flüchtigen Gesichter: Augen, meist zu Boden gerichtet, als läge dort ein kostbares, aber verlorenes Gut oder stumpf und teilnahmslos im Trott des ewig Notwendigen; Blicke, auf einen imaginären Punkt in weiter Ferne gerichtet, mit dem Glanz köstlicher Erwartungen oder mit der Trübe gemachter Enttäuschungen; Gesichter, überhaucht von der seelenlosen Blässe des Winters, in denen sich Erinnerungen an sonnendurchtränkte Urlaugstage spiegeln, an wild-ekstatische dunkelhäutige Tänzerinnen mit einem Minimum an Bekleidung, an Geruch und Geschmack exotischer Speisen, an das Mysterium heißer Nächte und den Morgen danach. Und dann sind da jene, deren Augen starr geradeaus gerichtet sind und im harten grellen Licht der Neonlampen aufblitzen, stählern und frohlockend zugleich; Menschen mit Kinnpartien, die keine Fragen zulassen und Kehlen mit knarrenden oder metallisch-durchdringenden Stimmen, begabt mit unermesslichem Tätigkeitsdrang und beseelt vom Willen, unbedingt auf die Siegerseite zu gelangen und dort auch zu blieben.
  Ameisen, denkt der Hauptkommissar, sind blinde Ameisen. Mit ihrem Tunnelblick sehen sie nur den schnöden Schein, nicht die heitere oder grausame Wirklichkeit, die  hinter den sichtbaren Dingen liegt; sie erkennen nur die schäbige Wahrheit des Augenblicks, die geheimen Mysterien-Spiele des Daseins bleiben ihnen verborgen. Wie sonst wäre es zu erklären, grübelt er, das keiner dieser Tausende und Abertausende die Leiche bemerkt hat, obwohl sie für alle sichtbar im Schaufenster hing? Nein, nein, nein, dass sie perfekt verkleidet und stark geschminkt war, kann kein Grund gewesen sein, denkt er. Auch nicht, dass sie aus irgendeinem Zufall schlecht beleuchtet war. Der Tod zeigt viele Gesichter, warum nicht auch mal das Gesicht einer Schaufensterpuppe? Hätte das junge Mädchen nicht die Haare auf dem Handrücken entdeckt, dann hinge die Leiche wahrscheinlich immer noch da. „Ja, Kinder!“, murmelt er, „Kinder sind manchmal viel näher am Wesentlichen als Erwachsene. Die Kleine muss die Nähe des Todes gespürt haben. Und sie hat genau hingeschaut. Sie hat ihn erkannt, hat ihn akzeptiert, denn noch hat sie keine Angst vor ihm, noch ist er nicht ihr Feind.“
   Der Hauptkommissar betrachtet das Wahlplakat, das, aus Mutwillen oder vom Wind aus der Verankerung gerissen, an einem Laternenpfahl auf der anderen Straßenseite baumelt. Es zeigt zwei blütenweißer und in ihrer Perfektion unglaubwürdige Zahnreihen, so weiß und wuchtig, dass die Botschaft
 
                                                      … für soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung der Frau

optisch zur Nebensache verkümmert. Das Gesicht mit dem töricht-anbiedernden braunen Blick schwankt im Wind; es entsteht der Eindruck, als schüttele der Kandidat über sein eigenes Wahlversprechen den Kopf.   
 Eine Person mit einem großen, tief ins Gesicht gedrückten Hut bleibt vor dem Schaufenster stehen und blickt hinein. Die breite Krempe der dunkelbraun-ledernen Kopfbedeckung, an der hinten drei bunte Bändchen baumeln, beschattet ihr Gesicht, so dass es nicht genau zu erkennen ist. Der Körper dieses Menschen ist von einem weiten Umhang verhüllt, sodass keine Rückschlüsse auf seine Figur möglich sind.
   Zunächst hat es den Anschein, als betrachte die Person ihr Spiegelbild. Doch dann schiebt sie die Krempe hoch und sieht Heiland an. Sofort hat der Hauptkommissar das Gefühl, dass der Blick dieser Person, von der er jetzt nicht sagen könnte, ob es eine Frau oder ein Mann ist, nicht dem eigenen Spiegelbild, sondern ihm gilt, und dass sie ihm etwas mitteilen will. Jedoch ehe er sich schlüssig wird dreht sich die Person um und ist bald im Gewühl der Straße verschwunden.
   Mein Gott, wo bleibt denn Terulda wieder?
  Ein paar Herzschläge lang wünscht sich der Hauptkommissar weit weg von diesem überbordenden Gewimmel mit seiner hektischen Betriebsamkeit, weit weg von dieser Maschinerie einer wahnwitzigen Zivilisation, die kein Maß kennt. Am liebsten würde er wie in glückhaften Träumen die Arme ausbreiten und sich erheben über die Straßen und Plätze der großen Stadt, über den Lärm ihres Fleißes, über die Ausdünstungen ihrer Verkehrsmittel und Fabriken, über das verwirrende Geflirre und Geflimmer ihrer Lichter; durch die Wolkendecke hindurch hinein in den strahlend blauen Himmel, in dem die Freiheit, wie man sagt, grenzenlos ist. Und weiter, weiter, immer weiter in die Schwärze des Universums mit seiner ungeheuren Weite und dem unwahrscheinlich hell funkelnden Sternenmeer, am Mond vorbei, bis zum Mars  –  
   Jemand berührt ihn an der Schulter. Die Vision zerflattert wie eine Schar aufgescheuchter Spatzen.       
   Der Hauptkommissar wendet seinen massigen Körper mit dem großen quadratischen Schädel. Er blickt topdown in die hellen Augen seines Kollegen Kriminaloberkommissar Ranjet Diercksen, denn er ist fast einen Kopf größer als der.
   „Heinrich“, sagt der, „Terulda ist da.“
   Der Hauptkommissar fährt sich mit den Fingern ernüchtert durch seine weiße Löwenmähne, die in bemerkenswertem Kontrast zu seinen schwarzen Augenbrauen steht. „Gut, ich komme“, knurrt er.

Forts. folgt


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Federfuchser
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BeitragVerfasst am: 28.03.2020 09:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

3
   Es ist jetzt 10 Uhr 35.
   Der Gerichtsmediziner Dr. Holm-Siegfried Terulda, ein hagerer Mann mit dem Gesicht eines Affen (Folge eines schweren Motorradunfalls und eines stümperhaften Chirurgen) geht auf den Toten zu, der mit einem Laken bedeckt immer noch in dem mit Tüchern verhängten Schaufenster steht. Auf dem Gesicht des Doktors liegt die Gespanntheit eines Menschen, der sich ständig über Zeitdruck beklagt. Sein Kopf ist leicht geneigt, wie unterwürfig eingezogen; es sieht aus, als trage er eine schwere seelische Lasst oder eine devote Veranlagung; doch es ist nur die schmerzhafte Bekanntschaft mit unzähligen Türrahmen, die sein Haupt so gebeugt hat. Er zieht das Laken ab, sein Blick verweilt einen Moment auf der Gestalt des Toten, dann bringt er seinen Nasenrest nah an dessen Gesicht heran, schnüffelt und sagt: „Salzsäure.“
   „So weit war ich auch schon“, knurrt Heiland lustlos. „War er schon tot?“
   Der Doktor wiegt bedächtig seinen fast kahlen Schädel, der von einem Bündel drahtiger Sehnen gehalten wird. „Ich hoffe es für ihn“, sagt er schmallippig und kratzt sich sein stark fliehendes Kinn, „mit Sicherheit kann ich es erst sagen, wenn ich diese dicke Schminke abgekratzt habe.“ Er ergreift einen Arm des Toten und bewegt ihn ein paarmal hin und her. „Hmmm... Das Zeitliche hat er vor plusminus achtundvierzig Stunden gesegnet.“ Er schnalzt mit der Zunge. „Möglicherweise ist er von uns dreien jetzt am besten dran. Auf jeden Fall ist er gegen Viren immun.“ Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtet er die Aufwölbungen an den Schulterblättern des Toten. Er bückt sich knurrend und mustert die Stelle, wo die Stange in der Hose verschwindet, mit der Leiche bekleidet ist. Mit seinem langen, mageren Finger auf die Stelle deutend fragt er: „Verstehst du das?“
   „Soll wohl eine Pfählung andeuten“, knurrt Heiland.
   „Pfählung?  Wer macht denn so was?“
   „Tja, wenn ich das wüsste, dann hätte ich den Täter bald.“
   Die Arme des Toten hängen schlaff herab, unbeweglich in ihrer Todesruhe, und dies zusammen mit den furchtbar entstellten Augen und dem abgeknickten Kopf verstärkt noch den grauenhaften Anblick.
  Das Gesicht des Doktors indes zeigt keinerlei Bewegung, kein Zeichen innerer Anteilnahme, keinerlei Erstaunen über das Gesehene, kein Verhalten des Atems wegen des ungewöhnlichen Befundes. Er macht seinen Beruf, erfüllt Pflicht und Schuldigkeit, indem er seine genauen Beobachtungen mit seiner tiefen Stimme in ein Aufnahmegerät hinein dröhnt. Nie ist in seinem Gesicht die Bestätigung dafür zu finden, dass er etwas bedauert, nie auch nur der Hauch einer Anteilnahme. Doch manchmal verrät er sich, wie gerade jetzt, als er sagt: „Muss ziemlich abartig sein, dein Täter! Hängt seine Leiche einem Plüddenladen ins Schaufenster! Da hätte ich doch ein Beerdigungsinstitut vorgezogen!“       
   Der Hauptkommissar sieht ihn milde grinsend an und ergänzt: „Oder vor eine Autobahn-Raststätte, als Warnung und Exempel.“
   Wer die beiden nicht kennt und sie so reden hört – zum Beispiel wenn der Doktor behauptet, er habe schon Hunderte von Schädeldecken aufgemeißelt und nicht einen einzigen vernünftigen Gedanken gefunden – könnte meinen, zwei gefühllose, zynische Zombies vor sich zu haben. Doch kein Urteil wäre falscher.
   Der Doktor hat jetzt seine vorläufige Inaugenscheinnahme des Toten beendet, er dreht sich um und brüllt seinen Leuten, die im Hintergrund 'Hab Acht' stehen zu: „Ihr könnt ihn abschrauben und wegbringen!“
                                                                           *
    Herr Weinhold junior, der Geschäftsführer, hüstelt verlegen und fragt: „Meine Herren, könnte ich Sie kurz sprechen?“
   Heiland nickt.
  Herr Weinhold: „Wann, denken Sie, wird das Geschäft für die Kundschaft wieder zugänglich sein?“ Er sieht Heiland mit offener, aber gleichgültiger Neugier an, so, als habe er ihm eine delikate Frage gestellt und sei nun auf die Antwort gespannt.
   Wie redet der Mann da, denkt der Hauptkommissar bestürzt. Er hat etwas mehr Betroffenheit erwartet. Eine unsichtbare Schranke,  hinter der es tost und schwillt, schiebt sich zwischen ihn und den Geschäftsführer. Doch er will jetzt keine Barrieren aufbauen und antwortet betont freundlich: „Herr Weinhold, das kann ich jetzt noch nicht sagen! Etwas Geduld müssen Sie schon haben. Schließlich handelt es sich hier um eine Mordermittlung. Erst muss ich den Tatort genauer besichtigen, um mir ein Bild zu verschaffen. Und die Leute von der Spurensicherung werden einige Zeit benötigen. Zwei bis drei Tage wird es schon dauern. Bedaure außerordentlich, aber es geht nicht schneller.“
   Auf Weinholds hoher Stirn erscheinen zwei scharfe senkrechte Unmutsfalten. Sein blassblauer Blick geht durch den Hauptkommissar hindurch, mit einer so hochmütig-verächtlichen Arroganz, dass Diercksen die Faust in der Tasche ballt. „Herr Weinhold, wo können wir Sie gleich ungestört sprechen?“ fragt er mühsam beherrscht. Sein olivgrüner Teint ist noch um eine Spur dunkler geworden.
   Weinhold überlegt kurz. „Im Büro. Vor dem Hinterausgang die Tür rechts.“ Er wendet sich schroff um und geht.

 Eine Person kommt mit ausgebreiteten Armen auf die Kriminalbeamten zu. „Meine Herren, was ist denn passiert? Doch hoffentlich nichts Schlimmes! Ich kam gerade vorbei und sah den Menschenauflauf vor dem Schaufenster!“ Das Gesicht der Person, offenbar ein Mann, ist ganz Wissbegierde. Der völlig kahle Schädel sitzt kurzhalsig auf einem mächtigen Oberkörper mit fast weiblichen Rundungen; sein übriger Körper, der in einem Blaumann steckt, scheint nur eine Dimension zu kennen: Die der Breite. Trotzdem wirkt er auf die Beamten nicht wie einer dieser grobschlächtigen Typen, die vor Kraft kaum gehen können, sondern auf eine seltsame Weise geschmeidig; seine Art, sich zu bewegen und zu reden, zeichnet sich durch eine vornehme, fast weiblich anmutende Leichtigkeit aus.      
   „Wer sind Sie denn?“, erkundigt sich Diercksen.
  „Ach ja, entschuldigen Sie! Mein Name ist da Castro. Ich bin der Hausmeister. Wenn ich irgendwie behilflich seine kann, sagen Sie es.“ Die Stimme des Mannes klingt eigenartig sandig-rau,  wie mit Schmirgelpapier abgerieben und doch wieder seltsam weich, wie eine tiefe, rauchige  Frauenstimme.
 „So, Sie sind hier Hausmeister“, echot Heiland. „dann wissen Sie sicherlich, ob sich in diesem Gebäude außer den Geschäftsräumen der Firma Weinhold noch weitere Räume befinden.“
   „Sicherlich weiß ich das. Das Haus wird ausschließlich von der Firma Weinhold genutzt. Im ersten Stock befinden sich Lagerräume, die Räume darüber stehen leer. Übrigens, ich weiß nicht, ob Ihnen das bekannt ist, das Haus gehört zu einem historischen Gebäudekomplex, der von der Firma Haus & Boden verwaltet wird. Ich bin dort angestellt – als Mädchen für alles, haha, wenn Sie so wollen.“ Während der Mann spricht, schielt er mehrmals auffällig verstohlen in die Ecke, in der eben noch das Gestell mit der Leiche stand. „Ist was mit der Schaufensterpuppe da? Wieso ist die weg?“, fragt er interessiert.
   „Sind wir uns schon mal begegnet?“, fragt Heiland ausweichend, „irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“
   „Nicht dass ich wüsste. Wo sollte das gewesen sein?“, gibt der Mann zurück. Er ergreift das Eisenrohr eines Kleiderständers und hält es fest.
    „Herr da Castro, bitte fassen Sie hier nichts an!“, ruft Heiland. „Auf diesem Rohr sind jetzt Ihre Fingerabdrücke. Wie schnell kann da ein misstrauischer Kriminalbeamter wie ich auf unbequeme Gedanken kommen! Ich habe fast den Eindruck, Sie wollen sich hier verdächtig machen! Das Beste wäre, Sie ließen uns jetzt ungestört weiterarbeiten. Wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns. Wir wissen ja, wo wir Sie finden können. Und jetzt hinaus mit Ihnen!“
   Der Hausmeister blickt den Hauptkommissar eine Weile halb erstaunt, halb belustigt an. Da beide fast gleich groß sind, geschieht dies auf gleicher Augenhöhe. Heiland sieht in das Gesicht des Mannes, das anscheinend geschminkt ist; der Hausmeister blickt in Heilands kurzsichtig blinzelnde Augen, die durch die starke Brille eulenhaft vergrößert sind. Plötzlich dreht er sich um und verlässt mit langen Schritten den Raum.
   Heiland sieht ihm nach. „Ich könnte schwören“, sagt er, als der seltsame Mann außer Hörweite ist, „dass ich diesen Kerl schon mal gesehen habe, und zwar vor noch gar nicht allzu langer Zeit. Vielleicht fällt´s mir ja noch ein. Und noch etwas. Hast du seine Augen gesehen?“
   „Was ist damit?“
   „Das linke Auge ist braun, das rechte blau. Seltsam, seltsam... Irgendetwas stimmt mit dem Kerl nicht.“
   „Du meinst, wegen der verschiedenen Augenfarben?“
   „Quatsch! Das ist zwar selten, aber es kommt immer wieder vor, wie man sieht. Was mich stutzig macht ist etwas anders. Warum, meinst du, hat er sich vor mich hingestellt und wie ein Weltwunder angestarrt?“
  „Na warum wohl! Weil du eins bist!“
   „Unsinn!“
   „Dann muss ich passen.“
 „Ich werd´ es dir sagen. Weil ich ihm in die Gucker schauen sollte! Ich sollte unbedingt seine verschiedenen Augen sehen.“
   „Glaube ich nicht, da bildest du dir was ein, Heinrich. Er war sauer, dass du ihn hinausgeworfen hast und wollte dich optisch niederzwingen.“
   „Optisch niederzwingen, gut formuliert! Ich denke eher –“
  Herr Weinhold erscheint. „Wenn Sie jetzt Ihre Fragen stellen könnten“, sagt er. Es klingt fast wie ein Befehl. „In einer halben Stunde habe ich einen wichtigen Termin.“
   „Den werden Sie wohl verschieben müssen“, sagt Diercksen kalt.
   
                                                                           4
   Am frühen Nachmittag desselben Tages im Keller der Gerichtsmedizin.
   Dr. Terulda zieht das Laken zurück.
  Vor dem Hauptkommissar liegt der alabasterweiße Körper eines jungen Mannes, wie von einem antiken Bildhauer gemeißelt. Der einzige erkennbare Makel dieses Körpers ist die grob zugenähte Obduktionswunde. Heiland wirft einen kurzen Blick auf das Gesicht des Toten und wendet sich ab.
   Der Arzt sagt: „Zunächst ging ich von Todesursache unbekannt aus. Aber ich hegte von Anfang an da so meine Zweifel. Es gibt für meinen Geschmack einfach zu viele Todesfälle mit diesem Befund in diesem Land. In Deutschland jedes Jahr über Tausend. Die meisten davon übrigens in Altersheimen. Vermutlich steckt in vielen Fällen Gift dahinter. Schön. Ich musste nicht lange bitten und betteln, die Staatsanwältin erlag meinem Charme, erhörte mich und besorgte mir kurzerhand einen Leichenöffnungsbeschluss. Und ich brauchte nicht lange zu suchen. Jetzt bin ich mir sicher. Er ist vergiftet worden.“
  „Womit?“
  „Tja, das ist die Millionenfrage... Soweit bin ich noch nicht. Aber in ein paar Tagen, denke ich, habe ich den Befund.“
   „Wie alt schätzt du ihn?“
   „Dem Gebiss nach irgendwo zwischen dreißig und fünfunddreißig. Erstaunlich, was? Immer noch ein holder Knabe im lockigen Haar.“
   Ein blasser Lichtstrahl fällt durch das Kellerfenster auf eine Schale mit einer schwabbeligen rot-schwarzen Masse.
   „Irgendwelche Auffälligkeiten im Gebiss oder irgendwas, womit wir ihn identifizieren könnten?“
   „Leider nein. Nichts. Kein fauler Zahn, keine Plombe, keine Fehlstellung, nichts, nichts, absolut nichts, was uns weiterbringen könnte... Sein Gebiss ist so makellos wie der Rest seines Körpers vor dem –“
   „Wie lange, denkst du, ist er schon tot?“
  „Etwa vier bis fünf Tage. Er fängt schon an zu stinken.“
   „Das heißt seit letzten Freitag Mittag plusminus sechs Stunden.“
   Heiland betrachtet versonnen die Haare des Toten, die wie ein Kranz leuchtender Goldfäden um dessen Kopf herumliegen.
   „Gibt es denn wenigstens einen Hinweis auf die genaue Todesursache?“
   „Ja, den gibt es.“
   Dr. Terulda geht zu dem Tisch am Fenster und nimmt das Gefäß mit der dunkelbraunen Masse zur Hand. „Hier, Heinrich, schau dir das mal an!“
   „Ich werde mich hüten! Erklär´es mir von da aus!“
   „Wie du willst!“  Dr. Terulda lächelt nachsichtig. „Mir fielen sofort, als ich ihn auf dem Tisch hatte, seine gelben Augäpfel auf. Vielleicht von der Säure, dachte ich, vielleicht auch nicht. Es könnte auch von der Leber herkommen, wie jedermann weiß. Und siehe da, ich wurde fündig. Seine Leber war gerade dabei, sich in eine formlose Masse zu verwandeln. Hier ist das gute Stück!“
   Terulda stellt das Gefäß wieder ab. „Die behalten wir als Beweismittel. Alles andere geht zurück.“
   Heiland betrachtet die schlanke Gestalt des Toten. „Ein Adonis“, murmelt er, „das perfekte Abbild knabenhaft-männlicher Schönheit. Wie von Michelangelo gemeißelt. Wenn sein Gesicht genau so makellos war wie sein Leib, muss er hinreißend ausgesehen haben.“ Er blickt den Doktor an.  „Du meinst, er hat sich selbst vergiftet? Alkohol, Drogen?“
   „Naaa...! Alkoholabhängige und Drogensüchtige sehen anders aus, mein Lieber, äußerlich wie innerlich. Außerdem stirbt man am Suff nicht unbedingt mit zweiunddreißig. Und unser Jüngling hier sieht ausgesprochen gesund aus, findest du nicht auch? Abgesehen von seinem Gesicht und davon, dass er tot ist.“
   Heiland schweigt. Die aufgesetzte Heiterkeit des Doktors geht ihm allmählich auf die Nerven. Dabei hält sich der Doktor noch zurück.
   „Ein jahrelanger Drogenmissbrauch hätte ihm die Innereien ruiniert“, fährt Terulda erklärungssüchtig fort. „Aber Herz, Lunge, Magen, alles ohne Befund. Bis auf einen kleinen Nierenschaden. Der hängt wahrscheinlich mit dem Gift zusammen. Mit dieser Ausstattung hätte ein Dinosaurier hundert Jahre alt werden können.“ Er lacht trocken. „Nein, nein, damit bist du auf dem Holzweg!“
   „Könnte es nicht auch ein angeborenes Leberleiden gewesen sein?“
  „Du meinst eine kryptogene Hepatitis? Nein, auch nicht. Dann müsste seine Haut zumindest einen Gelbstich aufweisen.“
   „Dann spann mich nicht auf die Folter. Was war es nun?“
  „Eine schwere Leberinsuffizienz, ein hepatischer Schock! Das Labor wird  hoffentlich bald herausfinden, welches Gift ihn so zugerichtet hat.“
   „Das hoffe ich auch. Für die doch bestimmt ein Kinderspiel.“
   „Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher, mein Lieber. Wie immer liegt der Teufel im Detail. Es werden immer neue Giftstoffe entwickelt und gefunden. Du hast keine Ahnung, wie viel Gifte es mittlerweile gibt und wo!“
   Terulda machte ein Kunstpause. „In Süddeutschland gibt es einige Orte mit besonders hohem Arsenikgehalt im Grundwasser. Wenn ich davon sagen wir zwei Kubikmeter eindampfe, bleibt ein tödlicher Sud übrig! Überhaupt Grundwasser...“
 Teruldas eisgraue Augen fixieren den Hauptkommissar belustigt. „Weißt du eigentlich, Heinrich, dass im Rheinland jeder Becher Trinkwasser bereits durch den Körper von mindestens sieben Menschen gelaufen ist? Lecker, was? Und wenn wir den globalen Wasserkreislauf betrachten, dann ist es durchaus vorstellbar, dass dein Morgenkaffee einige Tropfen von dem Wasser enthält, das Jesus von Nazareth getrunken und ausgeschieden hat! Köstliche Vorstellung! Stell dir vor: Dein Kaffee wäre dann eine Art stark verdünntes Weihwasser!“ Er wiehert vor Vergnügen. „ Ähem... Kleiner Scherz...“
   Heiland verschränkte die Arme und sagt: „Mach keine faulen Witze und bleib bitte beim Thema!“
  Terulda weist mit einem Skalpell auf zwei kaum noch erkennbare blaurote Streifen an den Fußknöcheln des Toten.
  „Wofür hältst du das?“
   „Hautabschürfungen! Sieht aus, als hätte man ihn gefesselt.“
   „Gut. Und womit?“
   Heiland starrt angestrengt auf die Streifen. Dann blickt er verdutzt auf. „Du meinst –“
   „Ich meine nicht nur, ich weiß. Handschellen! Von Freunden ausgefallener Armbänder auch Brasseletts genannt. Ich konnte Spuren von Metall finden.“
   Heiland erbleicht. „Das deutet möglicherweise auf jemanden aus dem Polizei- oder Justizdienst als Täter hin.“
   Terulda schüttelt den Kopf. „Glaub ich nicht. Diese Dingerchen kannst du auf dem Flohmarkt oder in jedem gut sortierten Sex-Shop kaufen! Komm lieber her und schau dir das an! Das wird dein müdes Herz erfreuen!“
    Heiland richtet sich stöhnend auf. Immer häufiger tut ihm bei solchen Verwirrungen der Rücken weh.
    „Setz dich einmal hier hin und schau einmal da hinein!“ Terulda schiebt Heiland das Mikroskop vor die Nase.
   „Was siehst du da?“
   Der Hauptkommissar drehte ein paarmal am Feintrieb des Geräts und kneift rechte Auge  zu. Schließlich blickt er auf und murmelt: „Viel sehe ich nicht! Höchstens ein paar dunkle Fetzen.“ Er sieht wieder ins Mikroskop.
   „Treffer! Es sind dunkle Hautreste!“
   „Ach! Wo hast du sie her?“
  „Komm, ich zeig´s dir.“ Er tritt neben die Längsseite des Sektionstisches und zeigt mit dem Skalpell auf den Nagel des linken Zeigefingers der Leiche. „Siehst du es?“
   Der Hauptkommissar setzt seine Brille ab und beugt sich über den Finger. Mit unbewaffnetem Auge sieht er nahe Dinge deutlicher. „Ein dunkler Rand. Kaum zu erkennen.“
 „Eben! Fast hätte ich es auch übersehen! Aber wir haben schließlich unsere Erfahrungen, und der olle Terulda ist zwar alt, aber nicht blind. Dein Toter wird mir langsam sympathisch!“
„Du meinst, der Tote wollte uns einen Hinweis auf seinen Mörder geben, indem er ihn kratzte? Dann hätten wir es möglicherweise mit einem dunkelhäutigen Täter zu tun.“
   Terulda schüttelt den Kopf. „Vorsicht! Es könnte sich auch um einen stark gebräunten Nordeuropäer handeln, wenn es denn der Täter sein sollte, woran ich nicht so recht glauben kann.“
 „Könnte denn ein Nordeuropäer in der Sonne so braun werden?“
 „In der Sonne sicherlich nicht, und dann eher rot wie ein Pavianarsch... Aber unlängst wurde in Australien ein Bräunungsmittel entwickelt, das zehnmal wirksamer sein soll als Sonnenlicht... So steht´s zumindest im Medical Observer.“
„Hm... Kann man so etwas feststellen? Ich meine, ob die gekratzte Person wirklich dunkelhäutig ist oder nur ein künstlich gebräunter Friese?“
 „Sicherlich! Durch eine DNA-Sequenzanalyse. Aber ich befürchte, dazu haben wir zu wenig Material.“
 „Und warum gefällt dir nun die Kratztheorie nicht?“
„Weil sie mir auf den ersten Blick unlogisch erscheint, und auf den zweiten auch.“
 „Wieso?“
 „Weil sich da für mich mehrere schlimme Ungereimtheiten ergeben! Schau dir mal seine Nägel genau an!“
 Heiland schaut genau hin.
„Die Nägel dieser marzipanweißen Finger und Füße sind nach seinem Tode gründlichst gereinigt worden“, sagt der Doktor unterdessen. „Da frage ich mich natürlich verwundert, warum der- oder diejenige gerade den dunklen Rand unter dem rechten Zeigefinger übersehen haben sollte. Wer neunzehn Silberlöffel putzen kann, schafft auch zwanzig. Und zweitens“ – Terulda schnippt mit den Fingern, „beim gewöhnlichen Kratzen schülferst du nur die oberste, tote Hornschicht ab. Die Pigmentzellen sitzen aber darunter im lebenden Oberhautgewebe. Er müsste ihn also blutig gekratzt haben. So, jetzt bist du dran!“
 „Wenn ich dich also richtig verstehe, dann sind die Hautreste mit Gewalt unter den Fingernagel gekratzt worden. Hmm... eine interessante Idee... Das würde möglicherweise bedeuten, der Täter wollte eine Trugspur legen und von sich ablenken.“
„Oder auf sich aufmerksam machen! Denn woher sollte er die Hautreste haben, wenn sie nicht von ihm selbst stammen?“
 „Du hast recht, auch das ist möglich, aber eher unwahrscheinlich. Na schön. Dann versuch doch einmal, herauszufinden, ob die gekratzte Person wirklich dunkelhäutig ist oder nur ein gebräunter Friese. Eine Spur wäre es allemal!“
„Aye aye, Sir! Möchtest du noch einen Blick auf sein Gesicht werfen?“
 „Ich werde mich hüten, die Fotos reichen mir schon! Wenn es etwas Wichtiges gibt, wirst du es mir sagen.“
Auf einmal durchströmt den Hauptkommissar das Gefühl von Kälte; sie kriecht die Beine hoch und füllt ihn allmählich vollständig aus. Ich bin alles andere als ein Jammerlappen, denkt er, dies noch, und dann ist Schluss! „Nochmal die Frage: War er schon tot, bevor die Säure – ?“
„Ja!“
 „Bist du sicher?“
 Teruldas Augen strahlen Gewissheit aus. „Die Haut ist verätzt, aber nicht so blasig aufgetrieben, wie es sein müsste, wenn noch Lympfdruck da gewesen wäre. Das Gesicht sieht alt aus, wie bei einem Neugeborenen, nur nicht so rot!“
„Ein Phantombild ist also nicht drin?“
„Hab´ ich das gesagt? Natürlich ist es drin! Wir könnten es nach seinem Gesichtsschädel modellieren, wie du weißt. Allein seine Haare dürften schon ein Hinweis sein!“
Heiland zieht seine Pfeife hervor. „Wenn du nichts mehr Weltbewegendes hast“, sagt er, „würde ich gerne ein bisschen Teer kochen.“
 Terulda knöpfte seinen Kittel auf. „Warte, ich gehe mit!“
 Sie sind schon an der Tür, da klatscht er sich vor die Stirn. „Herrje! Beinahe hätte ich es vergessen! Der Obduktionsbericht!“ Er geht noch mal zurück und kommt mit einer Tonkassette in der Hand wieder, die er Heiland überreicht. „Leider ist Dörte immer noch im Mutterschaftsurlaub. Sei doch so nett und nimm den Bericht mit. Vielleicht findest du ja jemand, der ihn dir tippt. Dann hast du ihn auch gleich auf dem Schreibtisch!“
 „Bestimmt!“ sagt der Hauptkommissar in stirnrunzelnder Zutraulichkeit. „Sag mal, Holm, hing der Spruch da schon immer?“
 „Welcher Spruch?“
 „Na der da über der Tür! Ich seh´ ihn heute zum ersten Mal.“
   Der Doktor zuckt mit den Schultern. „Wird er wohl! Ich hab´ ihn nicht aufgehängt! Wird wohl einer meiner witzigen Vorgänger gewesen sein!“
 Der Hauptkommissar liest:

                   „Selig sind die Entschlafenen, denn ihre Ruhe währet ewiglich.“

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