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Zwei Reiseskizzen - 1. Bismark oder die geliehene Zeit


 

 
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Federfuchser
Sonntagsschreiber


Beiträge: 12



BeitragVerfasst am: 19.02.2020 14:20    Titel: Zwei Reiseskizzen - 1. Bismark oder die geliehene Zeit eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zwei Reiseskizzen

                                                    1. Bismark oder die geliehene Zeit
                                                            
   In Bismark war die Zeit nicht nur stehen geblieben, sie war auf eine geheimnisvolle Weise abhanden gekommen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die Bahnhofsuhr Stunde und Minute korrekt anzeigte. Ich war mir sicher: Dabei konnte es sich nur um eine geliehene Zeit, keineswegs um die Ortszeit handeln.
   Doch dann entdeckte ich, dass alles noch viel verwirrender war...

   Vor ein paar Wochen befand ich mich auf einer Fahrt durch die Altmark in Sachsen-Anhalt. Auf einem Wegweiser an der Bundesstraße las ich: Bismark 16 km.
   Bismark?
   Mir war der Name bisher nur im Zusammenhang mit dem Reichsgründer und 'eisernen Kanzler' Otto von Bismarck bekannt. Dass es einen Ort dieses Namens gab überraschte mich, und mein Interesse war geweckt. Bei der nächsten Kreuzung verließ ich die große Straße und bog in Richtung Bismark ab.  
   Vom Zustand der Nebenstrecke bis dorthin nur so viel: Mehr als einmal überlegte ich, ob es nicht besser sei, zurück auf die gut ausgebaute Bundesstraße zu fahren.
   Heute weiß ich: Es wäre einen Fehler gewesen.
   Der Ort schlug mich auf eine seltsame Weise sofort in seinen Bann. Und obwohl nun schon einige Monate verstrichen sind, geistern die Eindrücke, die ich während der kurzen Ortsbesichtigung empfing, immer noch in meinem Kopf herum. Nicht, dass etwas Besonderes passiert wäre – im Grunde passierte nichts – zumindest nichts Erwähnenswertes. Doch gerade diese tödliche Langeweile, die mich anwehte wie ein lauer Abendwind, dieses Gefühl absoluten Stillstandes, das sich häufig vor einem Gewitter einstellt, all das hinterließ in mir einen tiefen Eindruck.
   Nun gut, einiges geschah schon. Leute liefen auf den Straßen herum und Autos fuhren, wie überall im Land. Ein paar Tauben flatterten aufgeregt hoch, irgendwo bellte ein Hund, schrie ein Kind. Und wenn ich richtig erinnere lief gerade die Kleinbahn in den Bahnhof ein. Alles nicht erwähnenswert und vor allem: Entsetzlich trivial, denn dergleichen geschieht in jeder Sekunde eine Million Mal auf der Welt.
  Ich stellte mein Auto ab und schlenderte durch die Straßen des Städtchens. Bald kam ich auf einen weiten Platz, der von niedrigen Häusern gesäumt war. Die Leute bewegten sich bedächtig, wie im Zeitlupentempo, so kam es mir vor. Der Platz fiel leicht ab, und ich hatte von meinem Standort aus einen weiten Blick über den Ort, der jetzt unter dem wolkenverhangenen Himmel ziemlich verloren wirkte.
  In einiger Entfernung entdeckte ich über den Dächern die schwarzen Kronen von hohen Kiefern. Ich vermutete einen Park. Der entpuppte sich jedoch als ziemlich weiträumiger Friedhof, umgeben von einer Backsteinmauer, die in allen möglichen Rottönen schimmerte. Diese Mauer allein war ein Abenteuer für sich: Vom Alter gebeugt, von Wind und Wetter schwer gezeichnet, teilweise rußgeschwärzt, mit Moos und kleinen Büscheln aus Farnkräutern bewachsen. Sie zog sich wie eine endlose rote Schlange dahin. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, als habe dieses Bauwerk, so krumm und windschief wie es dastand, die Zeit aufgesaugt, die ich in dem Ort selbst vermisste. Hinter der Mauer stand dunkel und geheimnisumwoben der Kiefernwald mit den verwitterten Grabsteinen zwischen den Stämmen, in absoluter Zeitlosigkeit, darüber graues, schweres Gewölk.
   Nachdenklich kehrte ich um. Wieder kam ich an der Bahnhofuhr vorbei. Der große Zeiger rückte gerade eine Minute vor. Ich nahm mein Handy und verglich. Was war das? Die Zeit stimmte! Doch es konnte unmöglich die Ortszeit sein! Denn die steckte ja in der Friedhofsmauer! Also musste es eine andere, fremde – eine geliehene Zeit sein! In einer spontanen Eingebung lief ich zurück zum Friedhof. Die Mauer stand immer noch unverändert da, alt, krumm, bemoost. Doch jetzt ereignete sich etwas Außerordentliches, Überraschendes: Für einen kurzen Moment riss die Wolkendecke auf; ein Sonnenstrahl ließ die Mauer aufleuchten, vor mir lag eine endlose flammende Welle. Es war ein jähes Aufglühen; der Eindruck war so stark, dass ich einen Moment überwältigt stehen blieb. Schwarz und erstarrt standen die Kiefern, grau und dunkel die Häuser, dazwischen die glühende Mauer. Die Wolkendecke schloss sich, und alles lag wieder grau in grau vor mir.   
   Mir war sofort klar: Eine höhere Macht hatte mir ein Zeichen gegeben. Ich sollte nach einem feurigen Ereignis suchen, mit dem das Schicksal dieser Stadt zusammenhing. Es würde eine Erklärung für die gefühlte Zeitlosigkeit sein.
   Ein Verdacht stieg in mir hoch...
   Zuhause schlug ich, ohne abzulegen, meinen Laptop auf und forschte nach. Tatsächlich, da stand es: Der Ort brannte im Jahre 1676 vollständig ab, kein Haus, keine Kirche, keine Kanzlei blieb verschont, er verglühte regelrecht, nur die Friedhofsmauer blieb erhalten. Dabei war mit sämtlichen Dokumenten anscheinend auch die Zeit abhanden gekommen...
   Seitdem geht mir dieser kleine Marktflecken nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe schon viele große Städte besichtigt, Berlin, Paris, London, um nur einige zu nennen. Aber keiner dieser städtebaulichen Highlights hat mich gedanklich so nachhaltig beschäftigt wie dieses armseelige und anscheinend aus der Zeit gefallene Bismark mit seiner geliehenen Zeit.



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Calvin Hobbs
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Beiträge: 138
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 21.02.2020 18:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile
Zweimal gelesen, sehr angenehm. Weiter so smile


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Nina
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Beiträge: 4459



BeitragVerfasst am: 21.02.2020 22:47    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Federfuchser,

ich kann mich nur anschließen: Sehr schön geschrieben. Ich bin richtig mitgegangen mit den Beschreibungen, so leicht und klug, wie sich der Protagonist durch die Landschaft bewegt, so bewegt es auch mich.
Ich weiß nicht, in welche Richtung diese Geschichte sich weiter entwickeln wird, es könnte alles mögliche folgen: Fantasy, Horror, um nur zwei zu nennen. Oder fließt es einfach weiterhin so schön wie im eingestellten Textausschnitt?
 
Du kannst erzählen. Ganz wundervoll und leicht, wirklich schön.

Zwei Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:

Zitat:
Es wäre einen Fehler gewesen.


... ein Fehler gewesen, nicht einen.

Zitat:
  Der Ort schlug mich auf eine seltsame Weise sofort in seinen Bann.


Der Ort zog mich ... - würde ich sagen. Aber es geht wohl beides, wie ich gerade recherchiert habe - schlug und zog in diesem Zusammenhang. Schlug klingt mir seltsam, aber vielleicht ist das auch etwas Regionales. Ich kenne es als "zog mich in seinen Bann".  

Ich freu mich auf die Fortsetzung der Geschichte.

Liebe Grüße
Nina


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Federfuchser
Sonntagsschreiber


Beiträge: 12



BeitragVerfasst am: 23.02.2020 13:15    Titel: Antwort pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Calvin Hobbs,

vielen Dank für deine aufmunternden Worte! Ich werde mich bemühen, dich auch weiterhin nicht zu enttäuschen!


Hallo Nina,

auch dir sei Dank! Ich bin richtig glücklich, dass mein bescheidener Einstand so ankommt!

Ich nahm 'schlug', weil mir 'zog' zu schwach erschien. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass der Prot. plötzlich von der Andersartigkeit der Stadt ergriffen wird.

Ich weiß nicht, wie das hier geht, sonst würde ich den Fehler verbessern.

Liebe Grüße an euch beide.


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Calvin Hobbs
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Beiträge: 138
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 23.02.2020 18:07    Titel: Re: Antwort Antworten mit Zitat

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Hallo Calvin Hobbs,
vielen Dank für deine aufmunternden Worte! Ich werde mich bemühen, dich auch weiterhin nicht zu enttäuschen!


Ich bin hier bestimmt nicht das Maß der Dinge wink


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Nina
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Beiträge: 4459



BeitragVerfasst am: 24.02.2020 14:15    Titel: Re: Antwort Antworten mit Zitat

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Hallo Nina,

auch dir sei Dank! Ich bin richtig glücklich, dass mein bescheidener Einstand so ankommt!


Lieber Federfuchser,

gern geschehen. Ich habe mich auch gefreut, so etwas Schönes hier lesen zu dürfen. Ich werde später auch Deinen zweiten Teil der Geschichte lesen, freu mich schon.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Ich nahm 'schlug', weil mir 'zog' zu schwach erschien. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass der Prot. plötzlich von der Andersartigkeit der Stadt ergriffen wird.


Ich verstehe Deine Entscheidung, was die Wahl der Formulierung "schlug" angeht, ich hätte allerdings die andere genommen, weil sie mir irgendwie "sympathischer" ist, es ist aber in diesem Fall eine Geschmacksfrage und wenn eine Formulierung nicht total an dem vorbei geht, was ausgesagt werden soll und tatsächlich gesagt wird, ist das ja in Ordnung. Und in diesem Fall ist ja beides möglich und wenn Dir dieses passender erscheint, dann ist es ja in Ordnung so.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Ich weiß nicht, wie das hier geht, sonst würde ich den Fehler verbessern.


Fehler verbessern kann man in einem Text nur, solange niemand danach geantwortet hat. Insofern kannst Du das jetzt nicht oben im Text verändern, nur eine überarbeitete Version einstellen und dann gibt es unter diesem Eingabefeld die Möglichkeit u.a. anzukreuzen, dass es eine überarbeitete Version eines Textes ist, so kann jeder, der Deinen Faden anklickt sehen, dass das die überarbeitete und aktuelle Version ist.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Liebe Grüße an euch beide.


Liebe Grüße zurück
Nina


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Federfuchser
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BeitragVerfasst am: 25.02.2020 13:04    Titel: An Cevin pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Cevin Hobbs,

ich auch nicht, aber jede Stimme zählt...


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