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Der Spiegel


 

 
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 06.02.2020 18:48    Titel: Der Spiegel eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Back to the roots, weil ich im Moment nicht recht weiterkomme. Eine Story, die ganz am Anfang meiner Schreiberei entstand, etwas geglättet. Kann man damit was anfangen?


Es begann bei der morgendlichen Nassrasur. Die Konturen seines Gesichts verwischten, fransten von den Rändern her aus, als sei der Spiegel an diesen Stellen beschlagen. Zunächst vermutete David eine Art Sehschwäche, suchte einen Augenarzt auf, der jedoch nichts feststellen konnte. Er hätte das Ganze als vorübergehende Störung der Wahrnehmung abgetan, wäre nicht zeitgleich ein weiteres irritierendes Phänomen aufgetreten: Der Blick seines Gegenüber im Spiegel, ein bohrender Blick, der ihn zu fragen schien:
«Wer bist du denn?«
Es dauerte eine Woche, bis er reagierte, den Kerl im Spiegel fixierte und sagte:
»Ich bin Ich!«
Kaum ausgesprochen, kam ihm seine Aussage sogleich vor wie eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung, auch klang seine Stimme seltsam fremd, so als spräche da ein Anderer, ein entfernter Bekannter am ehesten, jedenfalls nicht er selbst.
Er begann, wilde Grimassen vor dem Spiegel zu schneiden, in der Hoffnung, dass in den Fratzen wenigstens Bruchstücke einer unverwechselbaren Identität erkennbar würden. Manchmal sprang er vor sein Spiegelbild, blitzschnell, von der Seite, um den Burschen zu überraschen. Doch der ließ sich nicht überlisten, beharrte auf einer Antwort.
Kurze Zeit später fiel ihm ein weiteres Kuriosum auf. In Situationen, in denen Mitgefühl angebracht schien, reagierte er nur noch mit peinlicher Verzögerung. Genauer: Sein Verstand reagierte, sagte ihm, dass die Umstände jetzt wohl Tröstliches oder Aufmunterndes erforderten - aber er fühlte…nichts!
In der Folge dieser irritierenden Erlebnisse versuchte er, Gefühle wie Traurigkeit, Freude oder Wut vor dem Spiegel mimisch darzustellen, so als könne er sie wieder einüben, wenn er nur beharrlich genug trainierte. Doch die Resultate wirkten künstlich und aufgesetzt, irgendwie hilflos. Und auch sein Gegenüber im Spiegel quittierte seine Gesichtsverrenkungen nur mit einem müdem Lächeln und resigniertem Achselzucken, als wolle er ihn fragen, was er mit seiner Schmierenkomödie eigentlich beabsichtige.

Überhaupt versetzte der Bursche im Spiegel ihn zunehmend in Rage, so dass er beschloss, den Kontakt auf ein Minimum zu reduzieren. Bis auf eine kleine Spiegelkachel im Badezimmer verbannte er alle Spiegel aus seiner Wohnung. Er erstand einen Trockenrasierer, ließ sich die Haare stoppelkurz schneiden, lernte, blind Krawatten zu binden. Die Arbeitskollegen wiesen ihn auf Zahnpastareste im Gesicht hin, denn er hatte auch den letzten Kontrollblick vor dem Verlassen der Wohnung vermieden.

Nach und nach krempelte er sein Leben um.
Bislang eher risikoscheu, stürzte er sich Hals über Kopf in wilde und zukunftslose Affären mit zweifelhaften Frauen, stiefelte keuchend durch den Himalaya, betrank sich in Spelunken, die er zuvor nie betreten hätte. Und erzählte schonungslos nur von sich, zunächst auf der Couch eines Therapeuten, später dann überall und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit. Seine neuerliche Distanzlosigkeit verwirrte Freunde und Bekannte, die ihn die ihn als zurückhaltenden Menschen geschätzt hatten.
Er wurde gemieden.
Nach einigen Monaten zog er ernüchtert Bilanz:
Eine angeknackste Schulter von einem Sturz in Ladakh, ein tiefblaues Auge und ein geschwollenes Nasenbein von einer Schlägerei im Club Populaire, sein Chef, der bemängelte, dass seine Arbeitsleistungen nachließen, keine Einladung mehr zum jährlichen Sommerfest seines Bekannten Klaus. Und dann dieser Damenschlüpfer in seinem Bett. Er wusste beim besten Willen nicht mehr, ob er von Claudia, Martina oder Cindy stammte. Und er war keinen Schritt weitergekommen auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wer bist du? Im Gegenteil. Auch die letzten Reste seines einstigen Ichs schienen sich verflüchtigt zu haben, wie verschluckt von einem großen schwarzen Loch.
Wie war er in diese verdammte Sackgasse geraten?
In seiner Verzweiflung, nahm er zwei Wochen Urlaub, füllte den Kühlschrank und igelte sich ein. Ging nicht ans Telefon, ignorierte die Türklingel, marschierte den ganzen Tag und die halbe Nacht wie ein Raubtier im Käfig vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer und zurück, trank Unmengen Rotwein, rauchte Kette.
Wir brauchen Zeit, David, hatte sein Therapeut gesagt. Sie haben einiges hinter sich. Die Scheidung, der Verlust der Eltern… Der hatte gut reden. Zeit?! Wenn er etwas nicht mehr im Überfluss hatte, dann war das Zeit.
Immer wieder ließ er sein Leben Revue passieren. Da gab es, so schien ihm, zumindest eine Konstante: Er hatte wenig am Drehbuch mitgeschrieben. Oft hatten andere Regie geführt und er hatte dankbar (und durchaus nicht ohne Erfolg) die ihm zugewiesenen Rollen auf den jeweiligen Bühnen übernommen. Aber traf das nicht auf die meisten Menschen zu? Wer stellte schon die Weichen selbst?

Eines Abends baute er sich betrunken vor der kleinen Spiegelkachel auf und lallte sein Konterfei wütend an:
»Du hast gewonnen. Ich bin ein Nichts! Bist du jetzt zufrieden?«
Der Kerl im Spiegel lachte! Lachte ein glucksendes, höhnisches Lachen! Zornig ballte er die Faust, schlug gegen die Kachel. Sie zerbarst, das Lachen verstummte. Erstaunt starrte er auf seine Hand, die unverletzt geblieben war. Dann begab er sich völlig erschöpft zu Bett und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Am nächsten Mittag, er musste über zwölf Stunden geschlafen haben, fühlte er sich trotz eines Katers so gut wie schon seit langem nicht mehr. Er ging ins Bad, sammelte behutsam die Scherben ein und hängte danach alle seine Spiegel wieder an ihren Platz.
»Ich fange von vorne an. Lass mich in Ruhe, du Gaukler!«, sagte er zu seinem Spiegelbild.
Der Bursche nickte.

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Kiara
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BeitragVerfasst am: 06.02.2020 19:20    Titel: Antworten mit Zitat

Interessant. Nicht im Sinne von ungenießbar, wenn ich einen Kuchen backe, der nichts wird.

Ich würde dem Kerl einen Namen geben, denn "der Bursche im Spiegel" ist nicht so galant wie "der Spiegel-Kurt", jedenfalls für mich fühlt sich das besser an. Greifbarer. Schiebt mich näher an den Protagonisten.

Dein Schreibstil ist flüssig und gut, ich lese weiter, obwohl die Geschichte nicht sonderlich spektakulär ist, es fluppt, wie man so schön sagt. Man möchte wissen, wie es weiter geht. Mehr braucht es nicht. Die Story hat etwas, aber ihr hängt das Etikett einer Kurzgeschichte an.
Für mehr - ich weiß nicht recht. Klar, anders ausgearbeitet, vielleicht. Wenn es einer kann, dann du. Du hast die Gedanken zu Ende gedacht, du bist es, der sich als Erster eingefühlt hat in diesen Charakter.

Nur eine Einzelmeinung smile

Danke für den Text!


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- Düstere Lande: Das Mahnmal (2018/2020)
- Düstere Lande: Schatten des Zorns (2020)
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 06.02.2020 22:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Kiara,

danke für deinen Kommentar.

Kiara hat Folgendes geschrieben:

Ich würde dem Kerl einen Namen geben, denn "der Bursche im Spiegel" ist nicht so galant wie "der Spiegel-Kurt", jedenfalls für mich fühlt sich das besser an. Greifbarer. Schiebt mich näher an den Protagonisten.


Das ist eine interessante Idee. Der Prota gibt seinem Spiegelbild einen Namen und unterhält sich ihm wie mit einem Fremden. Vielleicht nicht gerade Kurt, aber das ist Nebensache. Jedenfalls könnte man dann
mit einem richtigen Dialog arbeiten.
    
Ansonsten scheint es ja in deiner Sicht wenigstens ganz ordentliche U-Lit zu sein, selbst wenn nicht viel passiert. Immerhin. Freut mich. Smile

LG
DLurie
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Stefanie
Dichter und Denker


Beiträge: 1176



BeitragVerfasst am: 07.02.2020 12:01    Titel: Antworten mit Zitat

Ist als Grundidee nicht schlecht, aber die Entwicklungen verlaufen zu abrupt.
Du schreibst: "Nach und nach krempelte er sein Leben um", aber im nächsten Satz ist er schon auf dem Himalaya. Gerade dieser Prozess der Persönlichkeitsveränderung ist doch das Interessante an der Geschichte und die tust du in ein paar Sätzen ab.
Das Ende ist mir auch nicht ganz klar. Er hat doch neu angefangen, als er risikofreudig wurde. Was genau macht er denn zum Schluss anders?
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 07.02.2020 16:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Stefanie,

danke fürs Lesen und den Kommentar.

Stefanie hat Folgendes geschrieben:
Ist als Grundidee nicht schlecht, aber die Entwicklungen verlaufen zu abrupt.
Du schreibst: "Nach und nach krempelte er sein Leben um", aber im nächsten Satz ist er schon auf dem Himalaya. Gerade dieser Prozess der Persönlichkeitsveränderung ist doch das Interessante an der Geschichte und die tust du in ein paar Sätzen ab.
Das Ende ist mir auch nicht ganz klar. Er hat doch neu angefangen, als er risikofreudig wurde. Was genau macht er denn zum Schluss anders?


Es gibt auch eine Langfassung der Story, aber die war mir irgendwie zu erklärend.  Und wirklich neu angefangen hat er mit dem Umkrempeln seines
Lebens eigentlich nicht. Das ist doch mehr Aktivismus aus Verzweiflung - er zieht ja auch nach dieser Periode ernüchternd Bilanz. Ich dachte, das käme rüber.
Der Punkt ist, dass er eigentlich gar nichts groß anders macht, aber vielleicht erkennt, dass das Konzept eines über alle Zeiten unveränderlichen Ichs eine Illusion ist.

LG
DLurie
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Boho
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Beiträge: 124
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 08.02.2020 12:24    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe DLurie,

zunächst einmal: gefällt mir sehr gut!! Ich habe den Text sehr gerne gelesen, du hast einen schönen Schreibstil und den Inhalt finde ich auch spannend. Zuerst dachte ich an Depersonalisation oder ähnliches, am Ende bin ich mir da nicht mehr sicher.

Das Einzige, was ich kritisieren möchte, ist auch dieser plötzliche Aktionismus, das ist mir ein bisschen zu viel (Reise in den Himalaya usw. … das ist mir ein bisschen too much/nicht so glaubhaft - könnte er nicht vielleicht erstmal irgendwelche "realistischeren" Ziele bereisen???), obwohl mir das hier

Zitat:
Und wirklich neu angefangen hat er mit dem Umkrempeln seines
Lebens eigentlich nicht. Das ist doch mehr Aktivismus aus Verzweiflung - er zieht ja auch nach dieser Periode ernüchternd Bilanz. Ich dachte, das käme rüber.
Der Punkt ist, dass er eigentlich gar nichts groß anders macht, aber vielleicht erkennt, dass das Konzept eines über alle Zeiten unveränderlichen Ichs eine Illusion ist.


schon klar wurde.

Ob ich es besser fände, wenn der "Bursche im Spiegel" einen Namen hätte, weiß ich auch nicht so richtig, ich denke eher nicht... allerdings stört mich der "Bursche" auch ein bisschen, da fände ich ein anderes Wort vielleicht passender - vielleicht einfach "sein Spiegelbild"??

Aber insgesamt: gefällt mir wirklich gut, dein Text!! smile

LG Boho
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 09.02.2020 11:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Boho,

danke fürs Lesen und Kommentieren.

Boho hat Folgendes geschrieben:


zunächst einmal: gefällt mir sehr gut!! Ich habe den Text sehr gerne gelesen, du hast einen schönen Schreibstil und den Inhalt finde ich auch spannend. Zuerst dachte ich an Depersonalisation oder ähnliches, am Ende bin ich mir da nicht mehr sicher.

Das Lob freut mich. Das Thema Depersonalisation ist in dem Text natürlich da, wenngleich sehr verkürzt. Da könnte man sicher noch viel mehr an Symptomatik verarbeiten.  

Boho hat Folgendes geschrieben:

Das Einzige, was ich kritisieren möchte, ist auch dieser plötzliche Aktionismus, das ist mir ein bisschen zu viel (Reise in den Himalaya usw. … das ist mir ein bisschen too much/nicht so glaubhaft - könnte er nicht vielleicht erstmal irgendwelche "realistischeren" Ziele bereisen???)


Vielleicht könnte man die Passage etwas strecken. Wobei wilder, fast manisch anmutender Aktionismus in Krisensituationen gar nicht so selten ist.
Zum Reiseziel Himalaya. Das finde ich nun nicht so unrealistisch. Es existieren inzwischen eine ganze Menge an organisierten Wanderreisen, die sich durchaus an Otto Normalverbraucher (mit guter Kondition) richten.
Man kann inzwischen sogar den Everest buchen.  Aber ok: Es gibt natürlich viele Möglichkeiten zwischen dem Sauerland und dem Dach der Welt..

Boho hat Folgendes geschrieben:

Ob ich es besser fände, wenn der "Bursche im Spiegel" einen Namen hätte, weiß ich auch nicht so richtig, ich denke eher nicht... allerdings stört mich der "Bursche" auch ein bisschen, da fände ich ein anderes Wort vielleicht passender - vielleicht einfach "sein Spiegelbild"??

Da muss ich noch mal nachdenken. Irgendwie hätte ein richtiger und nicht nur angedeuteter Dialog zwischen dem Prota und seinem Spiegelbild
schon seinen Charme.   


LG DLurie
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Boho
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Alter: 30
Beiträge: 124
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 09.02.2020 15:31    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe DLurie,

Zitat:
Wobei wilder, fast manisch anmutender Aktionismus in Krisensituationen gar nicht so selten ist.


Ja, das stimmt - kenne ich sogar aus meinem Leben. Das empfinde ich in deinem Text auch als durchaus stimmig/glaubhaft... und du hast natürlich recht, dass sich auch Reisen in den Himalaya relativ unkompliziert umsetzen lassen. Vielleicht ist mir auch einfach nur der "Bruch" ein bisschen zu krass. Das ging mir irgendwie alles ein bisschen zu schnell/plötzlich  in deinem Text.

Zitat:
Vielleicht könnte man die Passage etwas strecken.


Ja, ich denke, das fände ich besser (aber ist natürlich auch nur mein persönlicher Eindruck). Vielleicht könntest du aus:

Zitat:
Bislang eher risikoscheu, stürzte er sich Hals über Kopf in wilde und zukunftslose Affären mit zweifelhaften Frauen, stiefelte keuchend durch den Himalaya, betrank sich in Spelunken, die er zuvor nie betreten hätte.


ein paar mehr Sätze machen? Also vielleicht die Affären/das Betrinken in den Spelunken ein bisschen ausbauen und dann die Reise in den Himalaya anführen? Das würde mir wahrscheinlich besser gefallen.

Das ist aber alles echt nur klitzekleine Kritik, hab deinen Text gerade nochmal gelesen und mag ihn wirklich sehr, sehr gerne smile


Zitat:
Irgendwie hätte ein richtiger und nicht nur angedeuteter Dialog zwischen dem Prota und seinem Spiegelbild
schon seinen Charme.


Ja, vielleicht, da bin ich mir nicht sicher - falls du es ausprobieren wirst, würde ich mich auf jeden Fall freuen, die neue Version zu lesen smile

LG Boho
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 11.02.2020 12:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier eine Version, die das Spiegelbild richtig personalisiert und auch die Passage der Feldversuche streckt. Bin unschlüssig, welche Version mir besser gefällt.

    
Es begann bei der morgendlichen Nassrasur. Die Konturen seines Gesichts verwischten, fransten von den Rändern her aus, als sei der Spiegel an diesen Stellen beschlagen. Zunächst vermutete David eine Art Sehschwäche, suchte einen Augenarzt auf, der jedoch nichts feststellen konnte. Er hätte das Ganze als vorübergehende Störung der Wahrnehmung abgetan, wären nicht in der Folge weitere irritierende Phänomene aufgetreten. So fiel ihm auf, dass er in Situationen, in denen Mitgefühl angebracht schien, nur noch mit peinlicher Verzögerung reagierte. Genauer: Sein Verstand reagierte, sagte ihm, dass die Umstände jetzt wohl Tröstliches oder Aufmunterndes erforderten - aber er fühlte…nichts! Auch vermied er zunehmend Sätze, die mit Ich… oder gar mit Ich bin… begannen, wich systematisch aus ins unverfänglichere Man.
Und dann war da noch der Blick seines Gegenübers im Spiegel. Ein bohrender Blick, der ihn zu fragen schien:
«Wer bist du denn?«
Eines Morgens fixierte er sein Spiegelbild und sagte:
»Was soll das? Ich bin Ich! Wer denn sonst?«
Kaum ausgesprochen, kam ihm seine Aussage sogleich vor wie eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung, auch klang seine Stimme seltsam fremd. Und der Mann, den er da im Spiegel betrachtete, war irgendwie nur noch ein Schatten seiner selbst, weshalb er ihn eines Tages Shadow taufte und sich fortan regelmäßig mit ihm unterhielt, als spräche er zu einem Fremden oder entfernten Bekannten.
Seine Konversationen mit Shadow bei der Morgentoilette glichen einem Ritual und begannen stets in der gleichen Weise:
«Hallo Shadow. Wie geht es mir heute?«
«Woher soll ich das wissen?«
David schnitt ein paar wilde Grimassen, in der Hoffnung, dass in den Fratzen wenigstens Bruchstücke einer unverwechselbaren Identität erkennbar würden.
«Was soll das? Willst du mich erschrecken?«, fragte Shadow.
Er versuchte Gefühle wie Traurigkeit, Freude oder Wut mimisch darzustellen, so als könne er sie wieder einüben, wenn er nur beharrlich genug trainierte. Doch die Resultate wirkten aufgesetzt, verkrampft, hilflos. Und Shadow quittierte seine Gesichtsverrenkungen nur mit einem müdem Lächeln, resigniertem Achselzucken und den Worten:
«Lass doch endlich diese Komödie! Die Lage ist ernst!«
«Ich weiß«, erwiderte David. «Aber du bist nicht gerade hilfreich.«
«Ich kann dir nicht helfen.«
«Du könntest mir wenigstens ein paar Hinweise geben.«
Shadow schüttelte den Kopf.
David überlegte einen Moment, atmete tief durch.
«Ich bin ein guter Vater. Das kannst du nicht bestreiten!«
»Falsche Zeitform, wenn du mich fragst«, erwiderte Shadow trocken. »Die Vaterrolle ist nicht mehr abendfüllend. Deine Kinder sind längst aus dem Haus. Und komm mir jetzt bloß nicht mit dem Ehemann. Die Trennung war überfällig.«
»Ich bin ein guter Programmierer«, behauptete David trotzig. Doch wieder war Shadows Reaktion ernüchternd:
»Das bisschen Großhirnrinde soll dich ausmachen? Du enttäuscht mich.«
David war verärgert. Warum verweigerte Shadow hartnäckig jede Zusammenarbeit?
»Ok Shadow. Wir sprechen uns später«, sagte er und stellte die Monologe vor dem Spiegel ein.

Nach und nach krempelte er sein Leben um.
Bislang eher konflikt- und risikoscheu, wich er nun keinem Streit mehr aus, suchte die Konfrontation. Betrank sich in Spelunken, die er zuvor nie betreten hätte, und stürzte sich Hals über Kopf in wilde und zukunftslose Affären mit zweifelhaften Frauen. Rauchte zum ersten Mal in seinem Leben Haschisch, sprang an einem Bungee-Seil hundert Meter in die Tiefe, lieh sich einen Porsche und raste nachts um drei über die Autobahn, keuchte auf Trekkingtouren durchs Hochgebirge.
Und begann, schonungslos von sich zu erzählen. Zunächst auf der Couch eines Therapeuten, später dann überall und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit. Seine neuerliche Distanzlosigkeit verwirrte Freunde und Bekannte, die ihn die ihn als zurückhaltenden Menschen geschätzt hatten. Er wurde gemieden.
Nach einigen Monaten zog er ernüchtert Bilanz:
Eine angeknackste Schulter von einem Sturz in Ladakh, ein tiefblaues Auge und ein geschwollenes Nasenbein von einer Schlägerei im Club Populaire, sein Chef, der bemängelte, dass seine Arbeitsleistungen nachließen, keine Einladung mehr zum jährlichen Sommerfest seines Freundes Klaus. Und dann dieser Damenschlüpfer in seinem Bett. Er wusste beim besten Willen nicht mehr, ob er von Claudia, Martina oder Cindy stammte. Und er war keinen Schritt weitergekommen auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wer bist du? Im Gegenteil. Auch die letzten Reste seines einstigen Ichs schienen sich verflüchtigt zu haben, wie verschluckt von einem großen schwarzen Loch.

Während seiner Feldversuche hatte er Unterhaltungen mit Shadow gemieden. Eines Abends sprach er ihn wieder an.
«Hallo Shadow. Wie geht es mir heute?«
«Woher soll ich das wissen? Aber nach deiner Visage zu urteilen… «
«Eine Schlägerei.«
«Du prügelst dich neuerdings?«
«Ich habe alles Mögliche probiert.«
«Und?«
«Du musst mir helfen! Ich weiß nicht mehr weiter!«
«Ich kann dir nicht helfen.«
«Dann geh mir wenigstens nicht auf die Nerven!«, schrie David Shadow an und verbannte bis auf eine kleine Spiegelkachel im Badezimmer alle Spiegel aus seiner Wohnung. Bereits am nächsten Tag erstand er einen Trockenrasierer, ließ sich die Haare stoppelkurz schneiden, lernte, blind Krawatten zu binden. Die Arbeitskollegen wiesen ihn auf Zahnpastareste im Gesicht hin, denn er hatte auch den letzten Kontrollblick vor dem Verlassen der Wohnung vermieden.
Doch das lähmende Gefühl der Leere und Taubheit blieb, hatte sich wie Mehltau über sein Gemüt gelegt.
In seiner Verzweiflung nahm er zwei Wochen Urlaub, füllte den Kühlschrank und igelte sich ein. Ging nicht ans Telefon, ignorierte die Türklingel, marschierte den ganzen Tag und die halbe Nacht wie ein Raubtier im Käfig vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer und zurück, trank Unmengen Rotwein, rauchte Kette.
Wir brauchen Zeit und Geduld, David, hatte sein Therapeut gesagt. Sie haben einiges hinter sich. Die Scheidung, der Verlust der Eltern… Der hatte gut reden. Zeit?! Wenn er etwas nicht mehr im Überfluss hatte, dann war das Zeit.
Immer wieder ließ er sein Leben Revue passieren. Da gab es, so schien ihm, zumindest eine Konstante: Er hatte wenig am Drehbuch mitgeschrieben. Oft hatten andere Regie geführt und er hatte dankbar (und durchaus nicht ohne Erfolg) die ihm zugewiesenen Rollen auf den jeweiligen Bühnen übernommen. Aber traf das nicht auf die meisten Menschen zu? Wer stellte schon die Weichen selbst?

Eines Abends baute er sich betrunken vor der kleinen Spiegelkachel auf und lallte sein Konterfei wütend an:
»Du hast gewonnen. Ich bin ein Nichts! Bist du jetzt zufrieden?«
Shadow lachte! Lachte ein glucksendes, höhnisches Lachen! Zornig ballte David die Faust, schlug gegen die Kachel. Sie zerbarst, das Lachen verstummte. Erstaunt starrte er auf seine Hand, die unverletzt geblieben war. Dann begab er sich völlig erschöpft zu Bett und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Am nächsten Mittag, er musste über zwölf Stunden geschlafen haben, fühlte er sich trotz eines Katers so gut wie schon seit langem nicht mehr. Er ging ins Bad, sammelte behutsam die Scherben ein und hängte danach alle seine Spiegel wieder an ihren Platz.
»Ich fange von vorne an«, sagte zu seinem Spiegelbild. »Lass mich in Ruhe, du Gaukler!«.
Shadow nickte.
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MarianB
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Beiträge: 18



BeitragVerfasst am: 14.02.2020 23:41    Titel: Antworten mit Zitat

Hat mir gefallen!

Habe noch eine kleine Idee als möglichen Impuls.

Wäre es vielleicht spannend mit der Frage «Wer bist du denn?« anzufangen und danach die Beschreibungen folgen zu lassen.

Für meinen Geschmack würde das die Spannung erhöhen.
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 15.02.2020 12:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo MarianB,

danke fürs Lesen und Kommentieren. Freut mich, dass es dir gefallen hat.

MarianB hat Folgendes geschrieben:


Wäre es vielleicht spannend mit der Frage «Wer bist du denn?« anzufangen und danach die Beschreibungen folgen zu lassen.


Könnte man machen. Etwa so:

«Wer bist du denn?«, schien der bohrende Blick seines Gegenübers im Spiegel ihn jeden Morgen bei der Nassrasur zu fragen. Gleichzeitig verwischten die Konturen …   

LG
DLurie
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