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Der Duft von Schnee


 
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Kiara
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 40
Beiträge: 1002
Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 10.01.2020 19:00    Titel: Der Duft von Schnee eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die weißen Felder sind unberührt, die Büsche am dahinterliegenden Waldrand bewegen sich nicht. Das idyllisch gelegene Haus, ein Schatten ursprünglicher villengleicher Pracht, scheint verlassen. Mit einer gleichmäßigen Bewegung schwenkt mein Blick weiter nach rechts, bevor ich das Spektiv absenke. Auf der verschneiten Zufahrtsstraße ist niemand zu sehen.
Unser Befehl: Ausschalten von Talibanführern. Ein Gipfeltreffen, so hieß es. Auflauern, liquidieren, zurückziehen.
Du siehst mich an; ich schüttle den Kopf, sage nichts.
Seit neunundvierzig Stunden und zwölf Minuten liegen wir hier nebeneinander, achteinhalb Meilen vor der Frontlinie, zwischen Kondoz und Mazar-e Sharif. Dennoch steigen Zweifel in mir auf, wie so oft in den letzten Stunden. Funkkontakt haben uns die Amis untersagt, um unsere Position nicht zu verraten. Niemand, nicht einmal unsere Kameraden wissen, wo wir postiert sind. Aber wer sagt uns, dass sich die Frontlinie nicht mittlerweile verschoben hat? Dass unsere Haupttruppe zurückgedrängt wurde und wir mitten im Feindesland ausharren? Mitten in Afghanistan - einem unbekannten Land? Einem verdammten Land?
Erneut suche ich mit dem Beobachtungsfernrohr den Horizont ab, der von unserem Versteck unter den niedrigen Tannen auszumachen ist.
Du siehst mich an; ich schüttle den Kopf, sage nichts. Dein linker Mundwinkel verzieht sich nach oben. Du siehst müde aus, zu erschöpft, um mich aufzuziehen, weil ich seit siebzehn Tagen manchmal abwesend bin. Träumende Kartoffel nennst du mich dann. Aber heute nicht. Stattdessen drehst du dich wortlos wieder nach vorne. Warum du dich so selten von deiner Waffe abwendest, habe ich dich einmal gefragt. Allzeit bereit, war deine Antwort gewesen.
Einen Tag noch, nur noch einen verdammten Tag. Nein, es sind nur noch zweiundzwanzig Stunden und achtundvierzig Minuten. Siebenundvierzig. Dann heißt es für uns endlich: Rückzug. Ein beschwerlicher Marsch, bergauf durch den Schnee. Stets darauf bedacht, unentdeckt zu bleiben. Und an der Frontlinie nicht von den Amis erschossen zu werden.
Du liegst ganz still neben mir, die McMillan Tac-50 im Anschlag. Kaliber Zwölfkommasieben mal neunundneunzig Millimeter. Du und deine kanadische Waffe, vereint. Waltraud und du. Von welchem Wahnsinn muss ein Canuck befallen sein, das er sein Gewehr Waltraud nennt?
Dennoch vergesse ich nicht, dass du der Beste deines Fachs bist. Dass deine Schüsse die Ziele nahezu nie verfehlen. Wie im vergangenen Einsatz. Ich träume noch immer davon. Du hingegen brüstet dich damit; versteckst dich nicht, sondern stellst deine Taten zur Schau. Prahlst sogar vor den Kameraden. Sie fürchten dich; wagen es nicht, dir zu widersprechen. Wenn ich ehrlich bin, ergeht es mir ebenso. Habe es ein einziges Mal gewagt. Dein entgleister Blick, wenn du erzählst, voller Zorn - und doch sehe ich auch Verletztheit darin. Versteckt hinter der starren Maske, wenn du zielst, das Visier nach meinen Vorgaben einstellst. Während sich dein gesamter Körper spannt und die Konzentration dich voll vereinnahmt. Ich beobachte dich heimlich dabei, während du mit deiner Waffe zusammenwächst. Beneide dich um die ruhige Hand. Wie du tief einatmest, einen Teil der Luft wieder herauslässt und verharrst. Bereit, den Tod zu bringen. Ein Virtuose am Gewehr. Bester Beobachter und bester Scharfschütze. Ein Spotter-Sniper-Dreamteam, so nennen sie uns. Wir haben schon viel durchgemacht, uns gegenseitig den Arsch gerettet, wenn es darauf ankam. Wir lassen uns nicht trennen. Nicht von Maschinengewehrsalven, explodierenden Mörsergranaten oder Sturmangriffen.
So dachte ich. Bis vor siebzehn Tagen.
Die Bilder wollen nicht mehr aus meinem Kopf. Die Häuserschluchten, die toten Kämpfer. Die Frau in dem weißen Kleid. Der Säugling.
Dein Grinsen, als du ihre blutverschmierte, nackte Brust siehst.
Die Kinder. Ihre Schreie hallen noch immer in meinen Ohren wider.
Meine Gedanken finden den Blick auf dieses grausige Tableau immer wieder. Tags und nachts. Ich kann dir nicht verzeihen, obwohl ich dich wie einen Bruder liebe.
Dieses Blut an deinen Händen - ich kann es sehen. Ich kann es riechen.
Es klebt an dir. Es bleibt.
Verdammtes Afghanistan.
Ich blicke wieder nach vorne.
Der Wind bläst aus nordwestlicher Richtung, etwa fünfzehn Grad rechts hinter uns. Über den Feldern schätze ich, dass es zwanzig, vielleicht sogar einundzwanzig Meilen pro Stunde sind. Ein Windmesser ist nutzlos, am Waldrand verwirbelt der Windstrom sowieso. Müssen uns auf unsere Erfahrung, unser Gefühl verlassen. Früher hast du Angaben in Knoten vorgezogen, doch wir müssen uns den Befehlen beugen: Alle Angaben sind in Meilen pro Stunde anzugeben. Einheitlich. Du hast dich dem untergeordnet; zu wichtig sind dir meine exakten Angaben, die bei unseren Kameraden als legendär gelten.
Genauso wie deine Treffsicherheit mit Waltraud.
Ein angenehmer Duft steigt mir in die Nase, lenkt mich ab. Schneebedeckte Tannenzweige, der nadelige Untergrund, die kalte Luft. Ich atme genussvoll ein, schließe die Augen.

Eine Reflexion an der alten Villa. Elf Uhr.
Ich reiße das Spektiv vor die Augen. Neunhundertdreißig Yards.
Die Verandatür ist aufgesprungen. Eine rennende Gestalt, gefolgt von einer weiteren.
Ich kann nichts hören, doch ich kann ihre aufgerissenen Münder sehen.
Sie schreien nicht, sie rufen sich keine Kommandos zu.
Sie lachen.
Gegen den Wind unhörbar und doch so klar: Kindergeschrei. Ihr Spaß am Leben, das Herumtollen im Schnee. Sie haben Spielzeugwaffen, spielen Krieg, während wir ihn durchleben. Jeden verdammten Tag.
Eine Frau in schneeweißem Kleid tritt auf die Veranda, einen Säugling auf dem Arm. Sie lächelt. Deutet auf einen Hochsitz in der Nähe, woraufhin die Kinder dorthin rennen.
Bestimmt wollen Sie sich verstecken, Räuber und Gendarm spielen. Kennen afghanische Kinder dieses Spiel?
Du siehst mich an; ich schüttle den Kopf, sage nichts.
Verständnislosigkeit liegt in deinem Blick. Überraschung. Ein Aufflammen von Unsicherheit.
Das Lachen der Kinder ist aus neunhundertdreißig Yards Entfernung nicht zu hören, doch ein anderes Geräusch dringt an mein Ohr: Das unheilvolle Klicken deiner Zieleinstellung.
Du liebst diese Waffe, hast du mir immer wieder gesagt. Hältst nichts vom deutschen G22. Wenn du um die Ecke schießen willst, nimmst du das G22, dieses unzuverlässige Stück Gewehr. Für alles andere verwendest du Waltraud.
Ohne mich hast du keine Windeinschätzung, ballistische Berechnungen, Luftdruck- und Temperaturangaben. Du kennst nur die Entfernung. Du kannst keinen exakten Schuss abgeben.
Das leise Einrasten deiner Visiereinstellungen hallt laut in meinen Ohren wieder; sagt mir, dass du es alleine versuchst.
Ich sehe dich an; du rührst dich nicht, bist konzentriert, sagst nichts.
Klick. Deine Einstellungen sind gut. Nicht perfekt - sie weichen von meinen Berechnungen ab, könnten jedoch tatsächlich ausreichen. Es sind ja nur neunhundertdreißig Yards.
Neunhundertzwanzig, denn die Frau in dem weißen Kleid ist nach vorne gelaufen und versteckt sich hinter einem Baum.
Spielt mit den Kindern Verstecken im Schnee.
Blasse, leblose Haut. Ein weißes Kleid, blutgetränkt.
Es darf nie wieder geschehen. Nie wieder.
Ein Warnschuss - der Wind wird den Hall zu ihnen treiben. Unwillkürlich lege ich die Hand an meinen Gürtel. Ich fühle sie, in der Pistolentasche: Die HK P8, für Notfälle. Peggy nenne ich sie. Geladen mit fünfzehn Patronen, Kaliber neun Millimeter.
Meine Finger öffnen den Druckknopf der Tasche und legen sich um den Griff der Waffe. Fühlt sich kühl an; rau und gleichzeitig vertraut. Unzählige Male habe ich mit Peggy geschossen, bin auf die kurze Entfernung sogar besser als du.
Du siehst mich an; ich sage nichts.

Du schreist etwas in meine Richtung - glaube ich - doch ich kann dich nicht hören. Es kommt nichts bei mir an.
Ich höre Rauschen.
Die Kinder, Blut, die tote Frau, der Säugling mit den großen, offenen Augen. Ein Blick, in dem so viel Sehnsucht liegt, unendliche Neugierde. Augen, die noch so viele Dinge hätten sehen sollen.
Nochmals ertrage ich das nicht.
Wir sehen uns an, sagen nichts.
Schrecken liegt in deinem Blick. Verwirrung. Entsetzen.
Ich ziehe Peggy hervor. Sehe, wie du glaubst, zu verstehen. Wie du dich irrst.
Niemals wieder.
Verdammtes Afghanistan.

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nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


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Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.01.2020 12:43    Titel: Antworten mit Zitat

Für diesen Beitrag hatte ich einen Kommentar angefangen, habe ihn aber ersatzlos gelöscht, nachdem ich endlich das Ende verstanden hatte. Vielleicht schreibe ich später noch etwas dazu.

_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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gold
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Alter: 67
Beiträge: 6254
Wohnort: Persepolis
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BeitragVerfasst am: 22.01.2020 10:44    Titel: Antworten mit Zitat

Der Anfang ist für meine Begriffe etwas zu langatmig geschrieben. Die Umgebung ist so dargestellt, dass ich sie vor mir sehe.  Die Geschichte nimmt  Fahrt auf und wird spannend, einfühlsam.

Aber was ist mit den Bruchstellen?  Die Bruchstellen sind die getötete Familie und die Goldlinie, die das Kaputte betont, ist Peggy, die der Prota zieht.

Ein Detail, das für mich nicht ganz nachvollziehbar ist, stellt das Kleid der Frau dar. Draußen liegt Schnee und sie läuft im Kleid aus dem Haus, um dort Verstecken zu spielen. Question

Lieber Inco,

ich berücksichtige bei der Bewertung der Stories auch die Themenwahl, die hier schon zwei  Pluspunkte ausmacht.  
 Smile

Liebe Grüße
gold


_________________
es sind die Krähen
die zetern
in wogenden Zedern

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Seufzend die Hausfrau: "Spinnen sind kleine Schweine" ...
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Catalina
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Alter: 47
Beiträge: 418
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BeitragVerfasst am: 22.01.2020 17:55    Titel: Antworten mit Zitat

Zwei Soldaten in Afghanistan hinter der feindlichen Linie, sie sollen die Teilnehmer eines Gipfeltreffens der Taliban liquidieren. Beide stehen sich sehr nahe und "arbeiten" immer zusammen. Der Protagonist erinnert sich an ein Ereignis vor 17 Tagen, an die Tötung von einer Mutter und ihren kleinen Kindern, dabei ein Säugling, bei dem sich sein Gefährt als herzlos und sadistisch erwiesen hat. Das hat ihn stark verstört, seitdem schläft er kaum. Als sich das traumatisierende Ereignis zu wiederholen scheint, bringt er sich um (oder seinen Kameraden, ganz klar ist das raffinierterweise nicht).

"Die Vergangenheit ist ein fremdes Land" interpretiere ich bei Deinem Text so, dass in diesem Krieg für den Protagonisten sein Leben davor nicht (mehr) zählt. Weil die Grausamkeit alles einnimmt.

Kintsugi fließt ein, weil … hm, dazu fällt mir leider nichts ein. In dieser Geschichte ist alles düster und traurig und ohne Gold. Ich finde kein Kintsugi.

Sehr gut finde ich, dass Du es offen lässt, ob der Protagonist sich selbst oder deinen Kameraden erschießt.

Dein Stil ist souverän und sehr gut lesbar. Besonders hat mich Dein Text aber durch die Emotionen gekriegt, die er bei mir ausgelöst hat. Ok, man könnte sagen, Du hättest es darauf angelegt und alle Register gezogen. Ich meine, ein Selbstmord bzw. Mord nach nicht ganz 10000 Zeichen... smile Aber das hätte auch nach hinten losgehen und kitschig oder überdramatisch wirken können. Das ist hier nicht der Fall.

Vielschichtig finde ihn den Text auch, weil nicht so ganz klar ist, woran genau Dein Protagonist so verzweifelt. Ist es das Abschlachten von Kindern, das Entsetzen und die Enttäuschung über seinen Freund, eine Kombination aus beidem oder einfach nur die Hilflosigkeit gegenüber einer menschenverachtenden Zeit/Situation.

Die Geschichte beschäftigt mich zwar nach dem Lesen nicht mehr lange (Krieg ist einfach scheiße, da muss ich nicht weiter drüber nachdenken), aber sie lässt mich unmittelbar danach betroffen zurück, sehr betroffen. Das finde ich schon beeindruckend.

---

Hier bedauere ich es am meisten, dass ich keine Punkte geben kann. Es liegt am Kintsugi, das ich nicht finde und deshalb andere Texte an Dir vorbeizogen, weil ihre Umsetzung der Vorgaben klarer war.  Es war sehr knapp.
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3322

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 22.01.2020 20:23    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Ausschalten von Talibanführern.

Oh, verflixt. Ich ahne fürchte, diese Geschichte fällt nicht in mein Interessengebiet. Aber nun denn, vielleicht hoffentlich ist kein Verlass auf meine Ahnungen.
*liest weiter*
Oh, aber coole Idee, eine Observation(? nein, ist es ja nicht, aber mir fällt gerade kein passendes Wort ein) als nicht-Gespräch. Das macht Sinn.

Hm, hm. Diesen "ich mache mir Gedanken über meinen Kameraden"-Absatz, da fange ich irgendwann an zu zweifeln. Nein, stimmt nicht, ich zweifle erst danach, wenn deutlich wird, was (oder dass) der andere ein Psychopath (auch nicht unbedingt das richtige Wort, aber egal) ist.
Dann fängt es für mich an, nicht so ganz zusammen zu passen. Der Anfang ist mir gewissermaßen zu "ruhig", zu normal, überhaupt keine Ahnung von Abscheu/Ekel/nicht fassen können.

Hä, ist das jetzt eine Rückblende mit der Frau und den Kinder an der Villa?
Nein. Passt nicht.
Eine neue Frau, neue Kinder.
Und die hat ausgerechnet auch ein weißes Kleid an? Aber mei, das wird schon so sein, vielleicht ist das in der Gegend so üblich.
Trotzdem ist das schon ein ziemlicher Zufall. Den hast du dir mal hübsch zurechtgelegt.
Ja ja, das echte Leben ist noch irrer. Trotzdem.

Tja, was macht er nun am Ende. Auf den Kameraden schießen? Auf sich selbst? Doch den Warnschuß abgeben?  
Wer weiß.
(Ich nicht)

Immer noch nicht mein Genre ( Razz Verzeihung), aber auch nicht so schlimm "überhaupt gar nicht mein Ding" wie anfangs befürchtet.
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 07:27    Titel: Antworten mit Zitat

Vorneweg: wenn ich einen Text kritisiere, beschreibe ich in erster Linie, was vom Text bei mir ankommt und was es auslöst. Sollten dabei auch einmal harte Worte fallen, so sind es dennoch beschreibende, nicht verurteilende, hämische oder verachtende. Ich kritisiere nicht in satter Selbstzufriedenheit. Immerhin sind mir selbst schon Texte aus der Feder geflossen, die daneben gingen. Und das sind zunächst einmal die meisten meiner Texte oder Texte-im-Entstehen.

                                                                                *



Das ist eine Art Heldengeschichte, eine tragische, die – so scheint mir – eine Art Antiheldengeschichte werden möchte, dies aber nicht schafft. Handwerklich solide gearbeitet und ohne Stolperer oder Längen gut runter zu lesen, bringt der Text dabei leider alles mit, was ich überhaupt nicht ertragen kann: eine Ästhetisierung des Krieges, die erotische Verschmelzung von Mann und Waffe, das Loblied einer einzigartigen Kriegs-Kameradschaft, schlicht: die Lust an alldem. Die Lust es zu zeigen. Offenbar sind hier zwei Kriegsprofis am Werk, die ihren Beruf lieben: die ganze Sprache und Professionalität stellen das heraus. Und ich vermute, es handelt sich um Söldner / Fremdenlegionäre oder jedenfalls um Soldaten, die einer solchen (Selbst)Mystifizierung einer sogenannten Elitetruppe folgen. Und dies bedeutet eine höhere Affinität zum je individuellen Kriegsziel als zu einem übergeordnete, wie sinnvoll oder sinnlos dieses auch sein könnte. Zum persönlichen Kriegsziel also, das sich hinter Befehlen und Weisungen gut ausleben lässt. Und vermutlich eher ein psychologisch relevantes ist als eines das eben der gesellschaftlichen Not oder Notwendigkeit folgen würde. Ich kann es nicht anders oder milder sagen als so deutlich, weil mir da andere Worte für fehlen: ich verabscheue die ganze Szenerie. Vor allem verabscheue ich die Sexualisierung, die hier zu allem übel noch eingebettet ist in eine bis zum greifbaren beschriebene Sinnlichkeit, die rein technisch gelungen erscheint, in meinem Empfinden aber total daneben ist: der Leser wird hinein gezogen oder besser ihm wird eine Sinnlichkeit aufgenötigt, die den kritisierten „Lustmord“ bzw. die kritisierte „Mordlust“, die eigentliche Pervertierung, die der Soldat hier im Krieg erfährt (vielleicht aber ist es auch einfach sein Charakterzug, den er hier bis dato ungestraft ausleben konnte). Funktioniert nicht, sagt mir meine innere Stimme die ganze Zeit laut und deutlich, funktioniert einfach nicht. Zu ästhetisch, zu lustvoll in Szene gesetzt. Selbst den Mord am gelobten Kriegskameraden am Ende verabscheue ich. Weil er ein feiger ist. Und so könnte ich weiter ins Detail gehen. Aber es warten die anderen Texte.


_________________
when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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Kojote
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Beiträge: 276
Wohnort: Wurde erfragt


BeitragVerfasst am: 23.01.2020 12:53    Titel: Antworten mit Zitat

Wow! Das nenne ich mal einen Text.

Vielleicht hätte noch erwähnt werden können, dass "Knoten" nichts Anderes bedeutet als "Nautische Meilen pro Stunde". Aber sei's drum; dir ist etwas echt Bewegendes und Gefühlvolles gelungen! Rechtschreibung ist auch einwandfrei. Chapeau! Damit wirst du wohl ganz vorne in meiner Punkteriege mitspielen.

Danke für dieses Prachststück von Text!


_________________
Kojote – zu allem fähig, zu nichts zu gebrauchen!
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a.no-nym
Hobbyautor


Beiträge: 382



BeitragVerfasst am: 23.01.2020 16:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo lieber Inko,

jeder Satz ein Treffer – sprachlich und auch von der Dramaturgie her finde ich Deinen Text äußerst gelungen; ansonsten stecke ich (auf den Inhalt bezogen) in einem sehr persönlichen Zwiespalt, auf den ich nicht näher eingehen möchte, denn dafür kann der Text nix.

Vorgaben: Zwei Personen – diese Vorgabe ist zunächst klar erfüllt. Ob sie auch noch erfüllt ist, als die Frau mit den Kindern aus dem Haus kommt, da bin ich unsicher. [Aus der Vorgabe: "Andere Personen können in beiden Varianten nur insofern auftauchen, als sie keine Rolle für die Geschichte spielen, würden sie gestrichen, sich also nichts Wesentliches an der Geschichte ändern würde." Aus dem Fragenfaden: "Der Text muss sich auf zwei Personen konzentrieren. Nur sie spielen eine Rolle. Andere, wenn sie denn 'in der Nähe' sind, könnten auch nicht da sein und die Geschichte würde sich dadurch nicht ändern." *] Genau die Sichtung der Frau und der Kinder löst aber m.E. den folgenden dramatischen Verlauf aus. Wäre vor dem Haus niemand aufgetaucht, wären die beiden Soldaten wohl unverrichteter Dinge wieder abgezogen.  

Anspruchsvoll und mehrschichtig ist der Text allemal; und es liegt hier einiges in Scherben, mit denen der Protagonist gedanklich beschäftigt ist. Auch die philosophische Dimension des Kintsugi, das Abtasten und Abwägen finde ich sehr gut umgesetzt. Dafür fällt es mir schwer, die "Vergangenheit als unbekanntes Land" im Text zu finden. Ich sehe hier eher eine sehr lebendige, allzu präsente Vergangenheit, die sich auf den Weg in die Gegenwart macht, um den Protagonisten dort einzuholen. Ein Urteil in der E/U-Frage maße ich mir nicht an – die Kommentare im letzten Jahr haben meinen Eindruck verstärkt, dass die Antwort auf diese Frage hauptsächlich von den subjektiven Eindrücken des Lesers geprägt ist. Embarassed

Freundliche Grüße und die besten Wünsche
a.

*edit: Im weiteren Verlauf des Fragenfadens kommt das Thema noch einmal auf.
Die Frage ist dort:
"Dürfen Dinge durch andere Personen im Hintergrund geschehen, die Einfluss auf die "Geschichte" haben, während die zwei Personen nur miteinander Dialog führen?"
Antwort:
"Wenn es am Rande geschieht und es die Dinge sind, die für den weiteren Text bedeutsam sind, und nicht die Personen, dann ja. Beispiel: Auf der Straße passiert ein Unfall, der das Gespräch in Gang bringt, oder es klingelt und es kommt ein Paket, dessen Inhalt relevant ist."
Hm. Streng genommen geschehen in diesem Fall nicht Dinge, sondern es tauchen genau die von den Protagonisten erwarteten Personen auf. Vielleicht werden die Personen aber auch durch die allgemeine Kriegslogik zu Dingen? Oder ihr Auftauchen wird analog zu einem Verkehrsunfall gewertet. Oder (wahrscheinlichste Möglichkeit): Ich habe mal wieder einen dicken Denkfehler und blamiere mich gerade, so gut ich eben kann.
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traumLos
Hobbyautor


Beiträge: 375



BeitragVerfasst am: 23.01.2020 16:37    Titel: Antworten mit Zitat

Peggy wird also die Lösung sein. Blutige Gewalt gegen blutige Gewalt. So wie ich den Text lese wird der Protagonist schlussendlich im eigenen Blut liegen. Wie die Vorgabe zulässt, eine nicht gelungene Reparatur.

Der Text ist dicht und distanziert zugleich. Sowie gleichzeitig Einfühlsam, eiskalt und abstoßend. Eine Melange, die in diese Situation, an diesen Ort, passt. Die Kommunikation, sprachlos aber beredt. Ist ein Text, wenn er sich in einem Genre bewegt zwingend Genre? Hier habe ich nicht den Eindruck.

2 Punkte.


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Meine Beiträge geben nur meine Meinung wieder. Jede Einbeziehung realer oder fiktiver Personen wäre nur ein Angebot. Zwinkersmiley
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schreiberlinga
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Beiträge: 81



BeitragVerfasst am: 24.01.2020 13:35    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe die Wettbewerbstexte in der Regel nur einmal durchgelesen. Mein Kommentar darunter ist also eine ziemlich spontane Reaktion. Ich hoffe, dass du trotzdem - oder gerade deswegen - von meinem ersten Eindruck profitierst.

Eine tragische Erfahrung, leider zu oft auch realistisch. Gegen Schluss ist mir nicht ganz klar, wie die Geschichte ausgeht. Hat der Erzähler seinen Kumpanen mit der Waffe bedroht, damit er die Familie nicht umbringt? Ansonsten finde ich es hautnah beschrieben.
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MoL
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Beiträge: 1425
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Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 25.01.2020 01:12    Titel: Antworten mit Zitat

Oh! O.O

Ein verdammt starker Text, lieber Inko!

Das Einzige, was mir hier fehlt, ist ein "Warum" des Freundes - oder ist gerade das die Absicht?

Ist ein toller Text, viele Vorgaben sind für mich erfüllt.
Das "Gold in den Rissen" Könnte der Versuch sein, das "nie wieder" zu erreichen. OK, nicht ganz sauber, aber das trifft auf Gold ja bekanntlich des Öfteren zu.

Da mangelt es mir eher am "fremd": Was, wie, wieso ist er dem Freund fremd geworden? Durch die Tat, klar, und das anschließende Verhalten... OK, ich sehe es ein, check!

Bleibt der E-Lit-Faktor.
Also mal ehrlich: Wäre das Ende ausgeschrieben gewesen, wäre das für mich ganz klar Genre gewesen. Und so? Auch irgendwie. Ach.

Falls ich bepunkte, gibt das sicher trotzdem welche. Echt toll geschrieben! Smile


_________________
"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
NEU - NEU - NEU:
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris, 31. Oktober 2019.
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Constantine
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Beiträge: 2831

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 25.01.2020 11:05    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour

Dein Text spielt in einem fremden Land, aber das Thema, dass die Erinnerung ein fremdes Land ist, erkenne ich leider nicht. Die Erinnerung
Zitat:
Die Bilder wollen nicht mehr aus meinem Kopf. Die Häuserschluchten, die toten Kämpfer. Die Frau in dem weißen Kleid. Der Säugling.
Dein Grinsen, als du ihre blutverschmierte, nackte Brust siehst.
Die Kinder. Ihre Schreie hallen noch immer in meinen Ohren wider.
Meine Gedanken finden den Blick auf dieses grausige Tableau immer wieder. Tags und nachts. Ich kann dir nicht verzeihen, obwohl ich dich wie einen Bruder liebe.
Dieses Blut an deinen Händen - ich kann es sehen. Ich kann es riechen.
Es klebt an dir. Es bleibt.

 ist nicht fremd, sondern sehr präsent. Dahingehend sehe ich das Thema leider nicht erfüllt.
Der eine Teil des Kintsugi-Prinzips ist hier erwähnt: Der Bruch.


Zitat:
Neunhundertzwanzig, denn die Frau in dem weißen Kleid ist nach vorne gelaufen und versteckt sich hinter einem Baum.
Spielt mit den Kindern Verstecken im Schnee.
Blasse, leblose Haut. Ein weißes Kleid, blutgetränkt.
Es darf nie wieder geschehen. Nie wieder.

Hier der Entschluss deines Protagonisten, seinem Kollegen Einhalt zu gebieten.

Zitat:
Die Kinder, Blut, die tote Frau, der Säugling mit den großen, offenen Augen. Ein Blick, in dem so viel Sehnsucht liegt, unendliche Neugierde. Augen, die noch so viele Dinge hätten sehen sollen.
Nochmals ertrage ich das nicht.
Wir sehen uns an, sagen nichts.
Schrecken liegt in deinem Blick. Verwirrung. Entsetzen.

Die Heilung: Den Kollegen an einer Wiederholung der Untat zu hindern.

Das Kintsugi-Prinzip (Bruch <-> Reparatur) hast du versucht inhaltlich zu bearbeiten. Inwiefern der "Bruch" gleichwertig mit der Reparatur ist, möchte ich bezweifeln. Der "Bruch" bzw. "Fehler" wiegt mMn schwerer und eine Art Wertschätzung, die ich positiv verbinde, kann ich im Bruch/Fehler leider nicht erkennen. Schwierig, bei einer Untat an einer unbewaffneten Frau mit Säugling.
Somit scheint deine Geschichte nicht das Gelingen des Kintsugi, sondern dessen Scheitern, wie in der Vorgabe erlaubt
Vorgabe hat Folgendes geschrieben:
Gelingen wie Scheitern des Konzepts sind zugelassen

zu zeigen. Ok.


Witzig nur so am Rande:
Zitat:
Du und deine kanadische Waffe, vereint. Waltraud und du. Von welchem Wahnsinn muss ein Canuck befallen sein, das er sein Gewehr Waltraud nennt?


Zitat:
Unwillkürlich lege ich die Hand an meinen Gürtel. Ich fühle sie, in der Pistolentasche: Die HK P8, für Notfälle. Peggy nenne ich sie. Geladen mit fünfzehn Patronen, Kaliber neun Millimeter.

Ist Peggy ein so viel besserer Name für eine Waffe als Waltraud? Laughing
Hier musste ich mir denken, Alter, hast du Probleme. Ist doch egal, wie die Waffe deines Kollegen heißt und was machst du dir einen Kopf darüber und verurteilst es und nennst deine Pistole im Gegenzug Peggy. Laughing Albern. Well.

Zu den weiteren Vorgaben:
Du hast dich für die zweite Variante entschieden, zwei Personen  sagen nichts zueinander, und hast dies gut ausgearbeitet.

Die Rückblendeneinschränkung empfinde ich als nicht erfüllt, da in Großteil des Verlaufs der Geschichte die Untat bildlich aber auch in den Gedanken des Protagonisten ist. Dazu wird das Bild fast 1:1 aus der Rückblende wiederholt, womit mMn die Rückblende nicht eingeschränkt, sondern verstärkt wird. Passt für mich leider nicht.

Den Text nehme ich insgesamt als nett und routiniert geschrieben wahr, hier wurde mir zu wenig "gewagt", wie so schön gesagt wird. Ein simpler dramaturgischer Aufbau, Heiß gekocht mit viel Dampf, bisschen Militär-Waffen-Blabla, das mir aus der gewählten Erzählperspektive etwas dick rüber kommt, Schwarz-Weiß-Moral-Malerei der beiden Protagonisten, the good and the bad. Well.
Verschenktes Potential.

Merci beaucoup
Constantine
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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 25.01.2020 12:35    Titel: Antworten mit Zitat

Verdammtes Afghanistan!

Hier wird mehr zerbrochen als kunstvoll repariert. Hier wird eine Vergangenheit mehr geschildert als entdeckt.

Scharfschütze im beginnenden Mordrausch und traumatisierter Beobachter auf Mission. Beobachter hat Flashbacks und Leser/in soll sich selbst ausmalen, ob er den Scharfschützen richtet, bevor er wieder Unschuldige abknallt.

So bitter. So banal. Leider.


_________________
Froh zu sein bedarf es wenig.
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firstoffertio
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Das bronzene Stundenglas Der goldene Spiegel - Lyrik (1)
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BeitragVerfasst am: 25.01.2020 21:46    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, nun.
Das entspricht wohl den Vorgaben. Und ist gut geschrieben.

Und doch habe ich Genre Verdacht. Warum nur?

Vielleicht, weil ich nun mal nicht annehme, dass der Autor aus eigener Erfahrung schreibt. Dass das also erfunden ist.

Dass es mir so vorkommt, als sei der Text eben so gebaut, der Plot so ausgesucht, um den Vorgaben zu entsprechen.
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Minnewall
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BeitragVerfasst am: 26.01.2020 01:44    Titel: Antworten mit Zitat

War ein Grund zurückzukommen. Wirklich toll!
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Ribanna
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BeitragVerfasst am: 26.01.2020 16:17    Titel: Antworten mit Zitat

Schade, ich musste mehrere Anläufe nehmen, um bis zum Schluss des Textes "durchzuhalten". Krieg, liquidieren, Blut: das ist so gar nichts, was ich lesen möchte.
Das ist ganz subjektiv und sagt nichts über die Qualität des Textes aus.


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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 26.01.2020 17:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
vorweg ein paar spontane Lesegedanken: nee, diesmal doch nicht. Ich habe den Text ohne Unterbrechung gelesen und nicht zwischenzeitlich spontane Anmerkungen geschrieben, wie ich es bei fast allen anderen Geschichten gemacht habe. Deine Geschichte zieht einen ziemlich rein. Gut geschrieben ist sie auch, und mit den Unklarkeiten über Erinnerung und Gegenwart auch experimentell genug für den Wettbewerb, also grünes Licht für dich. Interpretationsbedürftig auf jeden Fall. Meine wäre: Dein Prota hat genug von der Freude am Töten, die sein Kollege an den Tag legt, und wird ihn nur wenige Augenblicke nach Abbruch deiner Erzählung erschießen. Ohne ihm wirklich die Schuld dafür zu geben, er denkt ja nicht "du verdammt kranker Wichser" sondern "Verdammtes Afghanistan". Schuld ist der Krieg und das Land, das den Sniper zu dem gemacht hat, was er jetzt ist. Selbstherrlicher Gebieter über Leben und Tod, der die Macht hinter seinem Gewehrlauf nicht nur etwas zu sehr genießt. Der das Töten schon mit sexueller Erregung verbindet, wie der grinsende Blick auf die nackte, blutverschmierte Brust zeigt. Eine Zeitbombe, die für einen "humanitären" Einsatz seinen Kollegen nicht mehr tragbar ist. Auch der Erfolg, der legendäre Ruf und der Applaus der Kameraden werden einen hohen Teil dazu beigetragen haben.
Auch wenn ich mich geographisch nicht in Afghanistan auskenne, und auch mit Waffendetails nicht, erscheint mir deine Erzählung glaubhaft. Wenn auch nicht wirklich neu, man kennt die Thematik ja von diversen Antikriegsfilmen. Macht aber nichts, wie viele wirklich neue Stoffe kann man denn überhaupt noch erzählen?

Thema "Vergangenheit ist ein fremdes Land" ist hier wörtlich umgesetzt und neu interpretiert. Der Prota ist durch damit, dieser Krieg und Afghanistan sind für ihn Vergangenheit, er wird auch nicht im Dienst bleiben, wenn er einen Kollegen ach nee, die heißen dann ja Kameraden im Einsatz erschossen hat. Selbst wenn er behauptet, das wäre der Feind gewesen – als einziger Überlebender hat man ja meist die Deutungshoheit – mental hat er damit abgeschlossen.

Kintsugi-Konzept, schwierig. Das Erschießen als Reparatur, und dabei den Makel in Kauf nehmen hervorheben, selbst zum Mörder an einem Mörder zu werden?

Jedenfalls eine Geschichte, die mir gut gefallen hat, und ich als "grünen Text" (klar zum Wettbewerb gehörend und damit punktewürdig) einstufe. Ob es Punkte gibt, kann ich noch nicht sagen, denn die verteile ich erst, wenn ich alles mehrfach gelesen habe.

Beste Grüße,
Veith

Abschließend, nach ewigem einigem hin und her Überlegen, wüsteste Flüche über den Wettbewerb ausstoßen, Tischkanten zerbeißen und das gesamte Dictionnaire Infernal rauf und runterbeschwören, landet deine Geschichte im grünen Bereich und erfüllt damit die Anforderungen an den Wettbewerb, wie ich sie momentan verstehe, vollständig. Sie landet auf Platz 3 meiner Top Ten und erhält damit 8 Punkte.


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silke-k-weiler
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 11:43    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Text,

bei Dir ist es mir relativ schwer gefallen, Dich punktelos zu lassen. Du zeigst eine sehr dichte Szene, sehr spannend und flüssig zu lesen. Der Bruch im Bruch sozusagen. Menschen, die im Krieg und an ihm zerbrechen. Oder deren wahre Natur sich Bahn bricht?
Trotzdem reicht es nicht für Punkte. Wenn ich die reine Vorgabe des Themas betrachte, sehe ich hier meiner Meinung nach beim Brechen zu, aber das Danach wäre interessant gewesen.

Herzlichst,
Silke
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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 13:48    Titel: Antworten mit Zitat

Kriegsszene; Elitesoldaten sollen einen Anführer eliminieren und warten seit Tagen auf sein Erscheinen. Keiner spricht. Bevor wirkliche „Action“ eintritt, ist die Geschichte zu Ende. Im Mittelpunkt steht der moralische Konflikt eines Soldaten, der wohl befürchtet, dass sein Kamerad erneut Frauen und Kinder erschießen könnte. Es wird nicht gesprochen – Kriterium erfüllt. Fernes Land? Wohl die Wahrnehmung des Kameraden als fremdes Monster. Routinierte Schreibe, Stil sehr passendend zu Situation und Ich-Erzähler. Vermeidet diese Geschichte die Genre-Einordnung in Kriegsliteratur?  Beim zweiten Lesen bin ich unsicher.

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Jenni
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Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 29.01.2020 23:46    Titel: Antworten mit Zitat

Zwei Soldaten in Afghanistan im Einsatz beobachten eine Familie, spielende Kinder im Schnee. Der Andere will schießen, der Erzähler entwickelt ein Gewissen. So weit so eine eigentlich spannende Situation.
Was ist mit dem Thema. Das fremde Land Afghanistan und traumatische Erinnerungen an den Einsatz im dortigen Krieg? Kintsugi ist vielleicht das Blut im Schnee? Zwei Menschen die nicht miteinander reden ist erfüllt, und dieses nicht miteinander reden hat auch eine elementare Funktion für die Geschichte.
Ich weiß nicht, ob hier mein nicht Warmwerden (denn so ist es leider) nicht auch damit zu tun hat, dass ich solche Veteranen-Geschichten nicht gerne lese. Wobei das mit dem Wie schon auch zu tun hat. Das moralische Dilemma finde ich interessant.
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Lalanie
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Beiträge: 58
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 01.02.2020 22:04    Titel: Antworten mit Zitat

Da ich ein Neuling in diesem Forum bin, folge ich dem Ratschlag eines Mitglieds und schreibe nur einen Kommentar ohne Bewertung – ich hoffe, das wird mir nicht übel genommen.
Leider reicht mein Intellekt für Deinen hervorragend geschriebenen Text nicht aus. Ich habe es so verstanden, dass der Protagonist seinen Kameraden am Ende erschießt – ist das korrekt? In jedem Fall gefällt mir Dein Gefühl für die Sprache, die genauen Beschreibungen, die lebhafte, bildhafte, ausdrucksstarke Wortwahl. Dein Stil zieht den Leser in die Geschichte und lässt ihn nicht mehr los; er ist für diese Geschichte auch wunderbar passend knapp, auf den Punkt gebracht. Damit bist Du für mich ein wirkliches Vorbild. Außerdem sieht man alles, was Du beschreibst, ganz genau vor sich. Deine Kenntnis der Details ist enorm. Und nicht zuletzt gefällt mir sehr gut, dass heutzutage noch jemand weiß, dass Schnee riecht, nachdem mir so oft das Gegenteil unter die Nase gerieben wurde Rolling Eyes. Das Thema mit der Vergangenheit als fremdem Land hast Du hier in sehr schöner Weise konkret und übertragen umgesetzt, nur bin ich mir, da ich die Geschichte nicht ganz nachvollziehen konnte, über die Umsetzung des Kintsugiprinzips nicht ganz im Klaren. Wenn die Geschichte so zu verstehen ist, wie ich sie begriffen habe, liegt ja eine Reparatur der Vergangenheit vor, doch wird der Makel nicht als schön erkannt.  
Ich war jedenfalls wirklich begeistert und konnte wirklich in die Geschichte eintauchen. Vielen Dank dafür!
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poetnick
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 57
Beiträge: 572
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 02.02.2020 15:37    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Unbekannt,

Hallo Unbekannt,

dieser Text ist nicht in meine Wertung eingegangen; unter der Vielzahl der Geschichten habe ich andere favorisiert.
Somit möchte ich an dieser Stelle keine Bewertung ausdrücken. Vielen Dank!

LG - Poetnick


P.S.

die Geschichte ist gut geschrieben, die Situationen beschrieben. 'Verdammtes Afghanistan' klingt mir zu etwas zu häufig auf, im Sinne einer in solchen Handlungen und Hintergründen (Krieg, Bürgerkrieg), typisch und abgegriffenen Wendung.
Was zum Vorschein kommt: Die ganze wahnwitzige Logik und Apparatur des Kriegshandwerks, die auf vielen Ebenen Versehrte zurücklässt.
Unheimlich dabei, die namensstifende Liaison mit den eingesetzten Waffen.

LG - Poetnick


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Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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