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Seien Sie froh


 
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Ribanna
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 56
Beiträge: 349
Wohnort: am schönen Rhein...


BeitragVerfasst am: 10.01.2020 19:00    Titel: Seien Sie froh eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Frau, die dort auf dem harten Stuhl sitzt, ist sehr schlank, fast hager, und ihr weißgraues Haar wirkt wirr und ungepflegt. Ihr Blick ist unbestimmt und zeigt keine Regung, als ich auf sie zu komme, nur ihre Hände sind in Bewegung, sie falten und knäulen ein Seidentuch, öffnen und streichen es wieder glatt, akribisch, immer wieder. Sie sagt nichts, und ich weiß nicht, was ich sagen soll.
»Komm, gehen wir ins Wohnzimmer«, schlage ich schließlich vor und will ihr den Arm um die Schultern legen, um sie zu stützen. Sie schaut mich an, birgt der Blick eine winzige Spur von Erkennen? »Irene!« sagt sie und geht ohne Stütze voran ins Wohnzimmer. Ich blinzle die Tränen aus den Augen, hole tief Luft und folge ihr. Irene ist seit zwanzig Jahren tot. Nur ich bin hier.
Das Zimmer ist voll mit alten, schweren Möbeln, einem großen dunklen Eichentisch, über einem sperrigen Sofa der unvermeidliche röhrende Hirsch. Sie alle hier leben im Damals, sie sollen das Damals vor Augen haben. Sie aber nimmt das alles kaum wahr, setzt sich auf die Sofakante und faltet, knetet, streicht ihr Tuch glatt.
»Trinkst du auch genug?« Was für eine blöde Frage, aber immerhin gibt sie mir die Gelegenheit, dieser skurrilen Szene für ein paar Minuten zu entkommen. Ich hole also Tee von der Küchentheke und tief Luft, bevor ich mich ihr wieder zuwende. »Nett habt ihr es hier.«
»Zu viele Menschen. Alle wollen immer was. Aber ich gehe ja nachher wieder nach Hause. Ich muss Mutti ja mit den Kleinen helfen.«
»Mutti ist seit 25 Jahren tot«, möchte ich schreien, aber ich nicke.
»Was habt ihr denn vor?«, frage ich. Immerhin erinnert sie sich an Irene und Mutti - meine Oma -, wenn schon nicht an mich.
Ihre Augen schweifen durch den Raum, unstet, dann fällt ihr Blick auf ihre Hände. »Schau, so muss du das machen, immer schön falten, so, und so.«
Ihre Stimme klingt dabei noch genau wie früher, als sie mich stricken lehrte, und kochen, backen, Fahrrad fahren. Der Kloß in meinem Hals wächst. Wie soll ich das aushalten? Ich stehe auf und betrachte die Porträtfotos an der gegenüberliegenden Wand.
»Schau mal, Mutter, Peter Alexander!«
»Ja«, sagt sie, »Peter Alexander!« Oh, prima, ich habe sie erreicht! Schnell weitermachen.
»Genau, weißt du noch, wie wir zusammen Graf Bobby gesehen haben, und du hast mir gezeigt, wie man strickt. Eine schwarze Jacke sollte es werden. Blöde Idee, aber damals wollte ich es unbedingt so.«
Sie singt leise vor sich hin, schon wieder völlig in sich versunken. Ich lausche. »Im weißen Rössl am Wolfgangsee...«
»Vater war damals nicht zu Hause«, versuche ich den Faden wieder aufzunehmen.
»Mutti war auch immer weg. Sie musste arbeiten. Wir hatten ja Hunger.«
Okay, über Vater will sie nicht reden, aber immerhin, an Peter Alexander hat sie sich erinnert. »Guck«, ich weise mit der Hand auf das nächste Foto, »Heinz Rühmann als Quax, der Bruchpilot«.
»Irene, ich bin müde. Mir tut der Kopf so weh.« Irene, ihre Schwester, hatte nie auch nur entfernt Ähnlichkeit mit mir. Wie soll ich darauf antworten, wie mich verhalten? Rühmann interessiert sie nicht, aber Alexander war gut. »Hat dir Peter Alexander im Weißen Rössl besser gefallen als bei Graf Bobby?«
Mir wird die zu große Komplexität dieser Frage klar, noch während ich sie ausspreche. Sie schaut mich nicht an, sie schaut das Portrait nicht an, sie faltet auch das Tuch nicht mehr, sie schaukelt nur mit dem Oberkörper hin und her und summt vor sich hin. Ich nehme neben ihr Platz, beuge mich vor, um mein Ohr nah an ihrem Mund zu haben. »Die kleine Kneipe in unserer Straße« höre ich, »dadadadaadadada...« kein Text mehr. Ich wische verstohlen eine Träne weg, als ich den Text in meinem Kopf ergänze. »Da wo das Leben noch lebenswert ist … «
»Was ist bloß passiert, Mutter?«, murmele ich tonlos, aber sie reagiert natürlich nicht auf mich. Sie hat das Tuch wieder aufgenommen, ist aufgestanden und geht mit seltsam steifen Bewegungen im Raum umher, scheinbar ziellos, haltlos.
»Vaskuläre Demenz, ein paar kleine Schlaganfälle über Nacht, von früher weiß sie nichts mehr, aber seien Sie froh: sie lebt! Im Hier und Jetzt, anders als vorher, aber sie lebt!« Also bin ich froh, der Arzt hat es schließlich gesagt. Leben ist das Größte. Hurra.
»Schau, ich habe dir ja auch noch etwas mitgebracht!«
»Schokolade?« Begeistert blickt sie mich einen Moment an, wieder eine Sekunde ganz bei mir. Nie, in meinem ganzen Leben nicht, habe ich gesehen, dass meine Mutter Schokolade isst. Wer ist diese Frau? Ist das vielleicht nur ein schlechter Traum? Sie hasst Schokolade!
»Schau«, sage ich wieder, während ich das Thema Schokolade einfach zu ignorieren versuche, »das ist für dich. Hier steht dein Name, siehst du? Ich habe es selber gemacht!«
Sie reißt das Geschenkpapier mit einem Ruck herunter, das kleine Fotobuch fällt auf den Boden, sie lässt es liegen, steht auf, läuft herum. Summt. »Ich will keine Schokolade …«
»Guck mal, weißt du, wer das ist?« Ich hebe das Buch hoch, so dass es in ihren Blick fallen muss.
»Baby«. Interesselos, aber immerhin richtig, es ist ein Baby. Ihr Baby, genauer gesagt, damals vor fast fünfzig Jahren, ihre einzige Tochter; ich.
Sie blättert nun doch selbst, eine Seite weiter. »Mutti«. Ja, stimmt. Meine Oma. Lang ist es her. Das nächste Bild, gleich daneben. »Irene«. Sie schaut mich an, schüttelt den Kopf, sagt nochmal »Irene«, legt das Buch dann auf den Tisch und nimmt ihren Weg wieder auf, im Zimmer umher. Drei schwankende Schritte, dann umdrehen, wieder zurück, an die Tür, die - wie alle Türen hier - abgeschlossen ist.
»Komm, setz dich her zu mir, trink noch einen Schluck.« Wie kann ich denn sonst an sie herankommen? Diesmal aber gelingt  es tatsächlich, denn sie setzt sich wieder auf das Sofa, nah zu mir, und legt mir die Hand aufs Knie. »Ich habe nicht gewusst, dass du kommst, sonst hätte ich doch Kuchen gebacken.« Sie schaut traurig vor sich hin, lässt aber mein Knie nicht los, eine Berührung nur, eine winzige Verbindung. »Ach, ist doch nicht nötig, ist doch alles in Ordnung!« Ich versuche, meiner Stimme eine Wahrhaftigkeit zu geben, die ich wahrhaftig nicht fühle, lege alles in die Worte »Alles in Ordnung.« Sie ist so weit fort, ich will nicht, dass sie dort allein ist. »Ist doch gut!« Meine Worte sind das Echo ihrer längst vergangenen Worte. Ist ja gut, Kleines, alles in Ordnung, musst nicht mehr weinen.«
Sie sitzt jetzt einfach da. Sie schaukelt nicht, sie summt nicht, sie faltet und knäult nicht, sie ist, in diesem Augenblick, ganz ruhig. Ich atme ganz vorsichtig. Bloß diesen Moment nicht zerstören, gerade sind wir ganz nah beieinander.
»Irene, das mit dem Kind - Mutti ist sehr böse und enttäuscht! Es ist ja auch viel zu früh.« Stockend, aber klar nimmt sie Stellung zu der ungeplanten, viel zu frühen Schwangerschaft Irenes. Mein Cousin wurde fünf, sechs Jahre vor mir geboren, als meine Tante noch nicht volljährig war, damals, Ende der Fünfziger.
Die eben noch gefühlte Verbindung ist zerrissen. War sie wirklich da? Sie lebt in ihrer Welt, ich bin dort nicht existent. Ich spüre, dass meine Wangen feucht werden, aber ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie kennt mich ja nicht mehr, da ist es jetzt ja auch egal, dass ich ihr keinen Mut machen kann. Sie rückt näher. Legt ihre Hand auf meine. Sie summt.
»Heile, heile Gänschen, ist wird wieder gut,  das Kätzchen hat 'nen Schwänzchen, wird alles wieder gut … «
Beim nächsten Besuch werde ich Schokolade mitbringen.

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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3322

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.01.2020 10:13    Titel: Antworten mit Zitat

Tja, Text, mit dir werde ich auch nicht warm. Das liegt hauptsächlich daran, dass mir die Prota, also die Tochter, so unsympathisch ist. Was bedrängt sie ihr Mutter denn so, kann sie sie nicht mal einen Moment in Ruhe lassen und vielleicht einfach mal neben ihr sitzen und in aller Ruhe zusammen Tee trinken?
Aber gut, das ist mit dieser Aufgabenstellung vielleicht schwierig umzusetzen, aber mei, das hilft mir als Leserin dann leider auch nicht.

Und vielleicht ist das auch einfach ihr Ding, mit der Sache umzugehen, vielleicht will sie ganz verzweifelt die alte Mutter von früher wiederfinden und stellt deshalb nonstop Fragen um irgendeinen "Beweis" zu finden, dass es diese Mutter irgendwie doch noch gibt.
Gut möglich, aber dann sollte der Text das so umsetzen, dass ich mit ihr fühle (statt "nun komm mal klar" zu denken).

Immerhin sparst du dir die großartige Enthüllungsszene, die hatte ich nämlich zwischendurch befürchtet, also dass die Mutter jetzt das große Familiengeheimnis ausplappert oder so etwas.

Ich finde auch den Anfang etwas unglücklich, wie du mit "die Frau" anfängst und plötzlich sind die per Du. Vermutlich wolltest du damit aufzeigen, dass "die Frau" jetzt eben nicht mehr die Mutter ist, die sie für Prota lange Zeit war, sondern quasi jemand unbekanntes. Das finde ich aber unglücklich gelöst.

Auch sonst geht mir der Text nicht tief genug, ist mehr "das habe ich jetzt schon ein Mal zu oft gelesen" und zu wenig neues/besonderes.

Das hört sich jetzt alles wieder so schlimm an, soll es gar nicht sein, der Text ist ja ganz ordentlich gemacht, aber nun ja, für ihn begeistern kann ich mich leider nicht.
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V.K.B.
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 21.01.2020 15:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
vorweg ein paar spontane Lesegedanken:

Zitat:
Ich hole also Tee von der Küchentheke und tief Luft
So ein Regelbruch passt in satirische Texte, aber hier auf keinen Fall. Wirft mich total raus. "Luft holen" und "Tee holen" sind zwei ganz verschiedene Bedeutungen von "holen" und lassen sich nicht mit "und" verbinden. Selbst wenn diese Selektionsrestriktionsverletzung als Goldlacklinie gemeint sein sollte, haut das nicht hin, weil es augenzwinkernd-humorvoll wirkt und hier nicht passt.

Zitat:
von früher weiß sie nichts mehr
Passt aber nicht zum typischen "in die Vergangenheit springen" von Demenzkranken, wie du es sonst auch beschreibst.

Jetzt zur Bewertung. Hmmm, schwierig. Immerhin habe ich ja selbst eine Demenzgeschichte geschrieben, ich fand auch, das Thema schreit geradezu danach. Und natürlich komme ich dann ins Vergleichen, was ich anders gemacht habe und warum. So ähnlich wie deine Geschichte sah meine Geschichte auch erst aus, bei den ersten Überlegungen in meinem Kopf. Dann dachte ich aber, nee, das ist viel zu normal so und passt nicht in den Zehntausender, denn es ist eine normale Erzählung, nicht sperrig und nichts besonderes. Ich muss einen Weg finden, das ungewöhnlicher zu erzählen, sonst wird es dem Wettbewerb nicht gerecht und ich disqualifiziert.

Genau das muss ich mit deinem Text leider tun, auch wenn er gut geschrieben ist und ich die Personen nachvollziehen und mitfühlen kann. Aber darum geht es bei diesem Wettbewerb nicht. Das ist nicht E, jedenfalls nicht so, wie ich es in den Wettbewerbsregeln sehe. Da das Kintsugi-Konzept auch nicht erkennbar umgesetzt ist (man könnte es allenfalls reininterpretieren, aber das kann man dann bei einer Menge Texte tun), kann ich deinem Text leider keine Punkte geben.

Beste Grüße,
Veith

Abschließend, nach ewigem einigem hin und her Überlegen, wüsteste Flüche über den Wettbewerb ausstoßen, Tischkanten zerbeißen und das gesamte Dictionnaire Infernal rauf und runterbeschwören, landet deine Geschichte im roten Bereich und erfüllt damit die Anforderungen an den Wettbewerb, wie ich sie momentan verstehe, nicht. Sie kommt zur Punktevergabe deshalb auch nicht in Frage. Tut mir leid, aber der Zehntausender ist nun mal ein Wettbewerb für besondere Literatur, die sich auf neue Pfade wagt, und nicht für Unterhaltungsliteratur. Da spielt es dann auch keine Rolle, wie gut mir persönlich eine Geschichte gefällt.


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
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schreiberlinga
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 81



BeitragVerfasst am: 21.01.2020 15:43    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe die Wettbewerbstexte in der Regel nur einmal durchgelesen. Mein Kommentar darunter ist also eine ziemlich spontane Reaktion. Ich hoffe, dass du trotzdem - oder gerade deswegen - von meinem ersten Eindruck profitierst.

Ich finde, diese Geschichte einfühlsam geschrieben. (Der allerletzte Satz stört vielleicht ein wenig. Vielleicht gibt es im Text ein paar Tränen zu viel?) Von dieser Krankheit hört man ja immer wieder und man kann nie wissen, ob man selber oder jemand naher einmal davon betroffen sein wird.
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Boho
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 30
Beiträge: 124
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 22.01.2020 12:04    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe*r Verfasser*in,

das ist ein ganz wunderschöner Text, ich habe Gänsehaut bekommen und bin ganz berührt Embarassed ... sehr, sehr schön und feinfühlig geschrieben, sprachlich passt für mich alles, ich fühle mit, sehe die Situation vor mir.

Und mir gefällt, wie du das Kintsugi umgesetzt hast.... am Ende baut sich - trotz der Schwierigkeiten, die die Demenz der Mutter mit sich bringt, trotz der Tatsache, dass die Prota in der Welt ihrer Mutter nicht mehr existent ist - (wieder) eine Beziehung auf, die sicherlich noch aus der Vergangenheit bzw. den eventuell doch noch nicht komplett verschwundenen Erinnerungen herrührt, in Teilen aber vielleicht auch neu entsteht. Ein leichtes, vorsichtiges (wieder) Annähern, Zueinander finden. Der Goldlack. Das gefällt mir sehr!!

Mein zweitliebster Text und damit 10 Punkte smile

LG Boho
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Kiara
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Alter: 40
Beiträge: 1002
Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 22.01.2020 12:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Der erste Eindruck des Textes meinerseits, rein subjektiv natürlich, bitte nicht überbewerten.

Bei diesem Wettbewerb bot es sich an, von Erfahrungen mit alternden Verwandten zu schreiben, von Eltern, die tot sind, oder, wie in deinem Fall, noch leben.

Du hast diesen Augenblick gut eingefangen, finde ich. Der Situation Plausibilität gegeben, so wie es hätte wirklich sein können.
Alleine der Satz "Mutti ist sehr böse und enttäuscht!" passt für mich nicht so ganz, fühlt sich der Frau unwürdig an, was aber nur mein Geschmack sein mag.

Die Geschichte hat kaum Schwankungen, ist für sich stehend, scheint ohne Anspruch auf große Ausschläge nach oben wie unten. Könnte dadurch langatmig wirken. Als E-Literatur ist sie schwierig einzuordnen, weil mir nur die Gedanken bleiben, die ich habe, wenn ich an das Altern an sich denke. Interpretationsspielraum bleibt, jedenfalls mir, nicht.

Habe sie nochmals gelesen.
Über Demenz und das Altern wird häufig bei diesem Wettbewerb geschrieben. Bietet sich an, aber an der Fülle der ähnlichen Texte im Wettbewerb ist es schwer, allen Punkte zu geben. Die Vielseitigkeit will auch belohnt werden. Letztlich fiel dein Text durch das Raster und hat keine Punkte bekommen.

Lieblingsteil: "...über einem sperrigen Sofa der unvermeidliche röhrende Hirsch."

Liebe Grüße


_________________
- Das Mahnmal (2019)
- Band 2 (2020)
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Literättin
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 07:26    Titel: Antworten mit Zitat

Vorneweg: wenn ich einen Text kritisiere, beschreibe ich in erster Linie, was vom Text bei mir ankommt und was es auslöst. Sollten dabei auch einmal harte Worte fallen, so sind es dennoch beschreibende, nicht verurteilende, hämische oder verachtende. Ich kritisiere nicht in satter Selbstzufriedenheit. Immerhin sind mir selbst schon Texte aus der Feder geflossen, die daneben gingen. Und das sind zunächst einmal die meisten meiner Texte oder Texte-im-Entstehen.

                                                                                *




Einen befreienden Satz finde ich in der vorwurfsschwanger schweren Mutter-Tochter-Krisengeschichte und das ist dieser:
Zitat:
»Schokolade?« Begeistert blickt sie mich einen Moment an, (...)


Da bin ich froh, dass die demente Mutter sich nicht (mehr) eingrenzen lässt auf das, was sie soll und müsste.

Die Tochter schert sich bis zum Ende nicht, wer diese "neue" Mutter nun ist, sie versucht es vielleicht noch mit der "alten Methode", die alten Dinge für die Mutter hervorzukramen, dreht sich dabei aber nur um die eigene Verletzung und hat noch keine Idee für einen befreienden Umgang mit der Krankheit der alten Mutter. Auch hier kündigt sich ein versöhnliches Ende an in dem Gedanken, der Mutter beim nächsten Mal Schokolade mitzubringen, aber auch hier gelingt es der Tochter nicht, von sich selbst abzusehen, denn offenbar hat sie den Nachsatz der Mutter zum Geschenk, das auf dem Boden landet, nicht gehört. Es ist vermutlich das Scheitern gemeint, im Versuch mit Goldlack das Zerscherbte zu einem neuen Gesamtkunstwerk zu fügen.


_________________
when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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gold
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Alter: 67
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 08:07    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Inco,


dieser Text ist wie aus einem Guss. Er liest sich ohne Stocken. Im Gegensatz zu den Protagonisten in den anderen Demenzgeschichten ist diese hier ohne Aggressionen, liebevoll. Die Prota verwechselt die Tochter mit ihrer eigenen Schwester.
Die Protagonistin kann den Makel, hier die Demenz nicht reparieren, sie kann sie nur lindern und bemüht sich darum.

Ich tue mich hier schwer, die Betonung des Makels zu finden. Die Vergangenheit ist der Protagonistin nur zum Teil fremd (erinnert sich nicht an ihre Tochter, jedoch an ihre Schwester).

Der hilflose Versuch der Tochter, den Makel mit Schokolade zu lindern, eine Reparatur, ist nicht zielführend.

Eine sehr einfühlsame Geschichte. Leider gibt es nur top ten. Du wärest auf jeden Fall unter meinen top twelve. Smile

Liebe Grüße
gold


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traumLos
Hobbyautor


Beiträge: 375



BeitragVerfasst am: 25.01.2020 11:57    Titel: Antworten mit Zitat

Aneinander vorbei kommuniziert. Für gelegentliche Augenblicke scheinbar gemeinsam in einem Thema. Die immerwährende Suche nach diesen Augenblicken. Vergeblich. Unmöglich zu ahnen, wann sie gewährt werden. Ich mag den Text.

Wo ist aber die Reparatur? Das Gold? Vielleicht im Seien sie froh.Sie lebt. Das Leben selbst. Und die Frage  bleibt unbeantwortet, ob die Goldschicht gelungen ist.

4 Punkte.


_________________
Meine Beiträge geben nur meine Meinung wieder. Jede Einbeziehung realer oder fiktiver Personen wäre nur ein Angebot. Zwinkersmiley
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MoL
Geschlecht:weiblichQuelle


Beiträge: 1425
Wohnort: NRW
Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 26.01.2020 09:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo lieber Inko!

Was soll ich sagen? Die Geschichte ist sauber geschrieben, da stimmt alles. Die Vorgaben sind soweit auch erfüllt, nur mit dem Gold hapert es meiner Meinung nach etwas. Aber ein kleines Vorgaben-Manko hat bislang fast jeder Text, den ich gelesen habe, insofern...

Ja, Deine Geschichte ist gut. Aber, hm, wie soll ich da sagen? Sie haut mich nicht vom Hocker. Was nicht an der Geschichte oder der Sprache liegt - das ist wie gesagt von Qualität! - sondern an mir und dem Inhalt.

"Die Vergangenheit ist ein fremdes Land" ist eine Vorgaben, zu der mir Demenz so ziemlich mit als Erstes einfallen würde. Bzw. eingefallen ist. Ich bin in Sachen Schreibwettbewerbe ja recht häufig unterwegs, saß auch selbst schonmal in einer Jury, und finde hier wieder bestätigt, was mich die Erfahrung gelehrt hat: Es gewinnen nicht unbedingt die besten Texte, sondern die originellsten.
Oder auf Deinen Text hier bezogen: Das Thema ist einfach für mich, die ich eben viel in Sachen Kurzgeschichten rumkomme, "ausgelutscht".
Ich möchte damit keineswegs die Dramatik mindern, die einer solchen Situation inne liegt. Du hast sie auch gefühlvoll und eingehend geschildert. Es ist wohl einfach Pech, dass ich Geschichten mit genau dieser Thematik, die in genau so einer Situation spielen, in exakt diesem Setting schon - ich glaube auch hier schon - dutzende Male gelesen habe. Das hat sich für mich einfach abgenutzt.

Sei das nächste Mal einfach experimentierfreudiger! Du hast einen tollen, schnörkellosen und gleichzeitig sehr tiefen Schreibstil. Unsentimental, aber voller Gefühl. Das gefällt mir extrem gut. Mit so einem Talent ausgerüstet kann man sich ruhig an gefährlichere Texte begeben. Smile


_________________
"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
NEU - NEU - NEU:
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris, 31. Oktober 2019.
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Catalina
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BeitragVerfasst am: 27.01.2020 18:38    Titel: Antworten mit Zitat

Eine Frau versucht, mit ihrer demenzkranken Mutter Kontakt aufzunehmen und scheitert. Ihre Mutter kann sich nicht mehr an sie erinnern. Für sie ist die Vergangenheit (zumindest die mit der Tochter) fremd und für die Tochter erscheint die gemeinsame Vergangenheit weit weg. Beide sind in einem Raum, reden, können aber - bis auf das eine Mal beim Peter Alexander - nicht miteinander in Kontakt treten. Für die Tochter ist das fast nicht auszuhalten und mit der ironischen Wiederholung der Aussage des Arztes "Seien sie froh, dass sie lebt" impliziert sie uns, das tot zumindest genauso gut (weniger schlecht) für sie wäre.

Für mich wirkt die Protagonistin sehr selbstbezogen. Sie sieht nur ihren eigenen Kummer und projiziert den in ihre Mutter. Dabei scheint es der gar nicht so schlecht zu gehen. Vielleicht ein Grund, warum ich mit ihr kein Mitgefühl bekomme? Vielleicht hat sie mir aber auch ihren Kummer zu direkt und ausführlich beschrieben? Das ist immer wieder mein Problem: da bleibt für meine eigene (projizierten) Emotionen kein Raum mehr. Mich berühren subtilere Texte mehr.

Was mir sehr gut gefällt ist, wie Du die Mutter zeichnest. Ich habe ein sehr lebhaftes, genaues Bild von ihr.

Dein Schreibstil ist gut und angenehm zu lesen. Am Anfang fand ich es etwas unglücklich, dass die Mutter mit "die Frau" bezeichnet wird, obwohl sie der Protagonistin ja wohl sehr nahe steht.

Wie Kintsugi Dich beim Schreiben inspiriert hat, ist mir leider nicht ganz klar. Vielleicht sind es ihre verzweifelten Versuche, die ein zusammensetzen sollen, was unwiderruflich zersprungen ist. Ein gescheiterter Versuch von Kintsugi, sozusagen?

tr
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Michel
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 13:54    Titel: Antworten mit Zitat

Mutter im Pflegeheim, fortgeschrittene Demenz, nicht mehr erreichbar. Tochter versucht es dennoch und scheitert. Die gemeinsame Vergangenheit: Ein fremdes Land, unerreichbar wie Peter Alexander. Wenig Goldlack, vielleicht in den letzten Zeilen, vielleicht in den fortgesetzten Versuchen der Tochter, ihre Mutter zu erreichen. Aber das hat für mich eher etwas von einem Zootier, das den Kopf gegen die Wand schlägt, immer wieder, eher eine Nicht-Akzeptanz des Zerbrochenen als der Versuch, es zu integrieren. Gut, am Schluss stecken Ansätze davon drin.
Zwei Menschen im Raum, die sich unterhalten? Hm, gute Frage. Die Tochter auf jeden Fall, die Mutter – so halb, die redet mit Irene. Aber das würde ich gelten lassen. Einheit von Zeit und Ort? Auch hier zeigen sich Risse, zumindest in der Wahrnehmung der Mutter, die aber – natürlich – real im Raum ist.
Deprimierend. Deprimierend nah an der Realität; Akzeptanz gibt es nicht umsonst.


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Kojote
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 14:14    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Text gehört eindeutig zu meinen Top-Scorern.

Am Anfang brauchte es ein klein wenig Antrieb, weiterzulesen; alles in der Mitte ist einfach wirklich toll geschrieben. Besonders:

Zitat:
Mir wird die zu große Komplexität dieser Frage klar, noch während ich sie ausspreche.


halte ich für eine äußerst gut getroffene Aussage. Sie bringt ein Phänomen, das wohl alle von uns kennen, trefflich und kompakt zum Ausdruck.

Leider gibt es kein großes Kaboom am Ende. Das soll nicht heißen, dass jede gute Geschichte einen Kilimandscharo-großen Klimax haben muss. Hier jedoch hätte dies das Sahnehäubchen aufgesetzt. Nichtsdestotrotz, ein wirklich guter Text.


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Kojote – zu allem fähig, zu nichts zu gebrauchen!
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 21:11    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist eine der Situationen, die ich aufgrund der zwei Variationen in den Vorgaben erwartet habe. Und ja, Demenz ist Eine ernste Sache. Doch weiss ich nicht recht, ob ich den Text E zuordnen kann.
Mir fehlt ein Ansporn, neu nachzudenken. Da ist so ein Gefuehl von: Schon oft gelesen.
(Ich glaube, Gerold ist langsam ueberfordert hier.)
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 29.01.2020 18:22    Titel: Antworten mit Zitat

Bezug zum Thema klar. Noch mal Demenz, bietet sich ja als Thema auch an.
Die Vergangenheit verschwindet in der geistigen Umnachtung  - selbst das eigene Kind wird nicht mehr erkannt. Ein kurzer Moment der Vertrautheit, dann wieder Fremdheit. Schöner Schluss.

Bewertung: 5 Punkte

LG
DLurie
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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 29.01.2020 20:02    Titel: Antworten mit Zitat

Tochter, die ihre nach mehreren Schlägele demente Mutter im Heim besucht, kommt ihr nicht nah. Muss das neue Normale akzeptieren.

Berührende Geschichte über Vergessen und vergessen sein.

Demenz - aus welchen Gründen auch immer, hier durch ein paar kleinere Schlaganfälle - schient sich als Thema bei den Vorgaben anzubieten. Die Häufung ist schon erstaunlich. Und macht es irgendwie sehr einfach, von der Vergangenheit als fremdes Land zu berichten.

Dieser Text macht es sich weniger leicht als andere. Denn er dreht sich viel eher um das vergessene Objekt, die Tochter, die sich bemüht mit der Mutter in Kontakt zu treten, die sich eher an ihre verstorbene Schwester erinnert als an sie. Er beschönigt nicht. Verklärt nicht.
Ich mach ihn sehr in seiner sprachlichen und erzählerischen Schlichtheit, die jedoch eine bemerkenswerte Erlebenstiefe transportiert.

Die Erklärung über die frühe Schwangerschaft der Schwester halte ich für nicht gelungen.
Die an einer Stelle außer Kontrolle geratene Zeichensetzung hast du sicher schon bemerkt.


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Froh zu sein bedarf es wenig.
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Jenni
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Beiträge: 3936

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 29.01.2020 23:45    Titel: Antworten mit Zitat

Noch mal Demenz, wieder Mutter und Tochter, die sich unterhalten. Die Mutter lebt in ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer eigenen Welt, und schließt die Tochter aus. Das mag als fremdes Land Vergangenheit gelten. Kintsugi erkenne ich nicht wirklich. Es ist halt so, wenn sich zwei Texte von der Grundidee so ähnlich sind (und da könnt ihr nichts dafür, es lag halt diese bei dem Thema nicht fern), dann kann man ja gar nicht anders als sie in Relation zu sehen. Und der andere Demenz-Text (diminuendo) hat für mich deutlich mehr daraus gemacht, eine individuellere und zugleich gesellschaftlich gesehen interessantere Geschichte ist dort gelungen. Schlecht erzählt ist das hier nicht, aber über das (traurige aber recht eindimensional bleibende) Einzelschicksal hinaus erscheint es mir belanglos.
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a.no-nym
Hobbyautor


Beiträge: 382



BeitragVerfasst am: 31.01.2020 11:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, lieber Inko,

Dein Text ist von den vielen diesjährigen Wettbewerbsbeiträgen mein Herzenstext, weil er mich bei jedem Lesen aufs Neue tief berührt. Mehr will ich dazu eigentlich gar nicht sagen.

Die Vorgaben betrachte ich als erfüllt.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen
a.
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Lalanie
Geschlecht:weiblichSchreiberassi


Beiträge: 58
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 02.02.2020 00:25    Titel: Antworten mit Zitat

Da ich ein Neuling in diesem Forum bin, folge ich dem Ratschlag eines Mitglieds und schreibe nur einen Kommentar ohne Bewertung – ich hoffe, das wird mir nicht übelgenommen.
Dein Text käme aber ganz klar unter meine Favoriten, gäbe ich doch eine Bewertung ab. Dass mich ein Text zu Tränen gerührt hat, ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, aber Dir ist es gelungen. Dein Text ist wirklich ergreifend, die gewählte Thematik unheimlich einfühlsam umgesetzt. In den insgesamt wenigen Zeilen gelingt Dir eine sehr tiefgründige Charakterisierung der Figuren und man hat einfach nur Mitleid mit den beiden, die man unheimlich liebt, da beide Frauen so gute Menschen zu sein scheinen. Die Vergangenheit als fremdes Land ist durch die Demenz der Mutter klar zu erkennen, das Kintsugiprinzip blitzt im letzten Satz auf, nachdem die Tochter davor keine Möglichkeit sah, dieses umzusetzen, wenngleich es ihr vom Arzt empfohlen wurde, wodurch die Vorgaben in meinen Augen wunderbar erfüllt sind. Einfach nur großartig! Vielen Dank dafür!
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nebenfluss
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Beiträge: 3968
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BeitragVerfasst am: 02.02.2020 01:56    Titel: Antworten mit Zitat

Eine Ich-Erzählerin besucht ihre Mutter im Pflegegeheim. Die Mutter hat Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Es folgt eine realistische Schilderung eines solchen Besuchs. Am Ende versucht die Prota, das neue schokoladenessende Wesen der Mutter anzuerkennen.
Hm. Ich fürchte, das ist keine besonders schmeichelhafte Zusammenfassung. Klar, das ist routiniert geschrieben und, wie gesagt, auch sehr realitätsnah. Wer noch nie mit Demenz zu tun hatte, zieht sicherlich mehr aus dem Text. Ich aber habe schon viele solcher Szenen gehört oder selbst erlebt, und sie ähneln sich alle. Außerdem gibt es in diesem 10K einen in meinen Augen sehr viel stärkeren Beitrag mit vergleichbarer Ausgangssituation. Die Entwicklung der Prota, die am Ende angedeutet wird, finde ich zu banal geraten.
Das Thema ist umgesetzt, wobei mir dieser unnötige Erklärsatz des Arztes ("Von früher weiß sie nichts mehr") auffiel, zumal er in dieser Absolutheit nicht zutreffend ist, denn die Mutter erinnert sich ja immerhin noch an ihre Schwester und ihre Jugend.
Die Idee des Kintsugi kann ich im Text nicht ausreichend erkennen. Aber die Dialogsituation, Einheit der Zeit und des Ortes, all das ist eingehalten.
Was mir weitgehend fehlt, ist die Erfüllung eines Anspruchs, der im 10K - und darüberhinaus - mit E-Literatur assoziert wird. Also etwa "nicht in die üblichen Schnittmuster zu passen" oder "inhaltlich anspruchsvoll, ungefügig und mehrschichtig" zu sein. Sicher, ein Gespräch mit einer Demenzkranken ist automatisch ungefügig oder auch mehrschichtig. Der ziemlich zynische Titel wirft die Frage auf, wie lebenswert ein solches "gerettetes" Leben denn noch ist, für Tochter wie Mutter. Aber der Text findet keine Antwort darauf (wie auch ...)


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2831

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 02.02.2020 11:07    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour

Von den Texten in diesem Wettbewerb, in denen eine Demenzerkrankung thematisiert wird, ist dieser hier einer der besseren. Dennoch überzeugt er mich leider nicht. Die Schwierigkeit liegt bereits am Anfang:
Zitat:
Die Frau, die dort auf dem harten Stuhl sitzt, ist sehr schlank, fast hager, und ihr weißgraues Haar wirkt wirr und ungepflegt. Ihr Blick ist unbestimmt und zeigt keine Regung, als ich auf sie zu komme, nur ihre Hände sind in Bewegung, sie falten und knäulen ein Seidentuch, öffnen und streichen es wieder glatt, akribisch, immer wieder. Sie sagt nichts, und ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Es handelt sich hierbei um die Mutter der Protagonistin. Das Rätsel um diese Frau wird im ersten Drittel "gelüftet", die Protagonistin duzt diese Frau bereits zu Beginn und nennt sie auch Mutter. Da empfinde ich diesen Anfang leider unpassend im Vergleich zum weiteren Verlauf der Geschichte und im Vergleich dazu, dass es ein sich wiederholendes Bild für die Tochter ist, wenn sie ihre Mutter besucht. Das kommt mMn nicht raus zu Beginn. Dieses distanzierte, beschreibende, als wäre es das erste Mal, passt für mich leider nicht. Vor allem, es wird aus der Ich-Perspektive erzählt, also, warum nicht gleich anfangen mit (beispielhaft) "Meine Mutter sitzt auf dem harten Stuhl, ihr weißgraues Haar ist wirr und ungepflegt. Sie blickt unbestimmt und regungslos, als ich auf sie zukomme, nur ihre Hände sind wie immer in Bewegung, sie falten und knäulen ein Seidentuch, öffnen und streichen es wieder glatt, akribisch, immer wieder. Meine Mutter sagt nichts und ich weiß nicht, was ich sagen soll."

Ich kann nachvollziehen, dass es der Tochter immer wieder sehr nahe geht, wenn sie ihre Mutter falsch anredet bzw. sie, die Tochter, nicht erkennt:
Zitat:
»Irene!« sagt sie und geht ohne Stütze voran ins Wohnzimmer. Ich blinzle die Tränen aus den Augen, hole tief Luft und folge ihr. Irene ist seit zwanzig Jahren tot. Nur ich bin hier.

Aber es wird mir so erzählt, als sei es das erste Mal und mit Infos, die eindeutig für den Leser gedacht sind. Warum sollte die Tochter (mal wieder) denken, dass Irene seit zwanzig Jahren tot ist. Das weiß die Tochter. Der Leser aber nicht.
Genauso wie mit der Oma:
Zitat:
»Mutti ist seit 25 Jahren tot«, möchte ich schreien, aber ich nicke.

Direkte Rede-Zeichen, etwas schreien wollen, es nicht zu tun und nur zu nicken und dem Leser erneut eine Info geben.
Zitat:
Immerhin erinnert sie sich an Irene und Mutti - meine Oma -, wenn schon nicht an mich.

Hier ist mir das "meine Oma" zu ausgesetzt und es ist zu überdenken, ob der Nebensatz notwendig ist. MMn nicht, weil klar.
 
Insgesamt kommt mir vieles am Text gekünstelt vor, auch die Tochter ist mir für die Ich-Perspektive hier und da zu beschreibend und distanziert getroffen, als dass ich mitten drin dabei bin.

Was dem Text mMn besser täte, vielleicht auch weniger den Erklärbär verwenden:
(beispielhaft)
Zitat:
»Ja«, sagt sie, »Peter Alexander!« Oh, prima, ich habe sie erreicht! Schnell weitermachen.


Zitat:
»Vater war damals nicht zu Hause«, versuche ich den Faden wieder aufzunehmen.


Zu den Vorgaben:
Du hast dich für die Variante eins entschieden: Gespräch zwischen zwei Personen, dazu Einheit des Ortes und der Zeit. Ok.

Das Kintsugi-Prinzip sehe ich im Nichterkennen der Tochter, das sie sehr verletzt. Die Mutter erinnert sich an die Schwester und die eigenen Mutter, aber die eigene Tochter wird nicht erkannt. Die Tochter versucht sich mit der Mutter gedanklich zu verbinden und am Ende der kleine Hoffnungsschimmer mit der Schokolade, dass die Mutter, die eigentlich keine mag, vielleicht doch die Schokolade mag und der Tochter damit ermöglicht, für einen Moment mit der Mutter verbunden zu sein.
Das Thema scheint in der Demenzerkrankung der Mutter realisiert worden zu sein, auch wenn mir die Tochter immer wieder dieses fremde Land beschreibt und erklärt. Das fand ich leider nicht gut gelöst, im Vergleich zu den anderen Beiträgen im Wettbewerb.

Es tut mir leid, die Erzählerin/Tochter haut mich zu oft raus aus dem Text und der Situation. Wie gesagt, von den Texten über Demenzerkrankungen einer der besseren, weil nachvollziehbarer, aber leider ist der Text zu sehr auf mich als Leser ausgelegt, als dass mir die Tochter authentisch getroffen erscheint. Dadurch verpufft leider vieles, als dass es mich erreicht.

Merci beaucoup
Constantine
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poetnick
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 57
Beiträge: 572
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 02.02.2020 17:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Unbekannt,

dieser Text ist nicht in meine Wertung eingegangen; unter der Vielzahl der Geschichten habe ich andere favorisiert.
Somit möchte ich an dieser Stelle keine Bewertung ausdrücken. Vielen Dank!

LG - Poetnick


_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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