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Josy


 
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Literättin
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Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
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BeitragVerfasst am: 10.01.2020 19:00    Titel: Josy eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Seit die Kessler sie mitsamt ihrem ganzen Kladderadatsch hier rein geschoben hat, Matratze umklammert, Taschen an den Schultern hängen, Wäschesack hinter sich her geschleift - ihren Namen habe ich gar nicht erst verstanden, so schnell ging das: stolpert an mir vorbei, wirft die Matratze auf die Pritsche und sich hinterher - seitdem liegt sie nur da, Decke bis über die Ohren, Gesicht zur Wand und schnieft. Ein paar blondierte Zotteln gucken da noch raus. Keine Ahnung. Jetzt bin ich jedenfalls raus aus dem Brief, den ich endlich angefangen hatte. In Grün. Farbe der Hoffnung. Das Deckenbündel zuckt. Schon wieder so ein Küken.

Wie sie denn heiße, frage ich, da ich sowieso nur hier sitzen kann und zusehen, wie ich mich aus diesem Raum wieder zurückziehe; ich sei die Inge. Sie heult weiter unter ihrer Decke. Ich wickle ein paar Handumdrehungen von meinem Toilettenpapier ab, mache ein festes Bündel draus und werfe es auf der Höhe ihres Kopfes gegen die Wand.

Lieber Gerd... , ich hatte mir das einfacher vorgestellt. Immer noch stinkt es nach dem Fisch vom Mittagessen. Freitag. Ausgerechnet Freitag! Das Wochenende wie eine Mauer in der Mittagshitze. Nur vor sich hin brüten; nichts passiert. Und jetzt die Neue. Ich hatte mir das einfacher vorgestellt (hatte ich das nicht schon?) Schließlich war ich soweit. Mit dem Brief. Alles fertig im Kopf. Aber: nichts. Weiße Wand. Ich schnipse im Wechsel die vier Farben des Kulis durch. Rot. Schnips: Blau. Schnips: Grün. Schnips: Schwarz. Macht lange nicht mehr so viel Freude. Die Finger zu dick, die Schieber zu schmal. Und wahrscheinlich hält die grüne Miene überhaupt keinen Brief lang durch. Billiges Teil.

Jetzt sitzt sie senkrecht auf ihrer Pritsche, trompetet in das Klopapier, starrt vor sich hin, während sie weiter Rotz und Wasser heult. Klar: immer her zu mir mit denen, die gleicht nach der Urteilsverkündung hierher gekarrt werden.
… ich wünschte ich könnte (so komme ich nie weiter); sie linst zu mir rüber, aus verschwollenem Gesicht. Augenringe in Grau, Lila, Grün (Farbe der Hoffnung), dass man nicht weiß, ob das noch Veilchen sind oder ob sie immer so aussieht.

Siehst scheiße aus, sage ich. Danke, sagt sie. Hätte sie ihre Stimme im Griff, wäre das ein Knurren gewesen. So klingt das nur jämmerlich. Ich frage sie nicht nach dem wofür und warum und schon gar nicht nach dem wie lang. Sie wird es mir schon selber sagen. Selbst, wenn ich das nicht wissen will.
Mich hat auch die Kessler hierher eskortiert, sage ich. Und: So gut gepolstert wie die müsste man erst mal sein. Haha. Vielleicht muntert sie das auf. Das dürre Ding. Nein, tut es nicht. Kratzt sich am Kopf, zerrt an ihren Haaren. Murrt irgendwas.
Was?
Josy!, sagt sie. Ich bin die Josy. Und wie die Kessler sei, fett oder nicht, das sei ihr scheißegal.
Was soll's, die sei dabei ja ganz okay, sage ich, kümmere sich um einen. Gerade wenn man neu sei. Jetzt schießt sie mich ab mit einem Blick als wäre sie ein alter Hase. Die Josy. Springt auf und fängt an, ihren Kram zu verstauen, redet und redet plötzlich wie ein vorbei rauschender Güterzug mit Überlänge. Wie sie da reingerutscht sei. Seine Eifersucht. Sein Kontrollwahn. Ich weiß Kindchen, denke ich. Sein Fremdgehen und. Dabei hätte sie ihn. Ein rumpelnder Waggon nach dem Anderen. Der Stress. Und dann plötzlich der Kleine. Da sei sie … . Ich stehe vor der Schranke, denke soso und jaja und hoffe, dass sie bald aufhört. Schnips, Grün: … wo immer du jetzt bist, du ahnst nicht … Es klappt nicht. Es rauscht.

Verdammte neunzehn und solche Ringe unter den Augen. Wie mir diese ersten Stunden auf die Nerven gehen: die Schweißflecken unter den steif gebügelten Blusen, die billigen Blazer, die bis zur nächsten Gelegenheit in Gott weiß wie vielen Jahren im Spind verschwinden. Das Heulen und Schniefen. Das Schweigen oder die Geschwätzigkeit. Die hier ist von der wechselhaften Sorte. Mensch, was für ein Kind, wirklich. Steht vorm Spiegel jetzt. Kichert, deutet auf den struppigen Pferdeschwanz auf ihrem Kopf, an dem sie wie wild herum bürstet. Asipalme, lacht sie und sie wüsste selbst, dass die nicht. Rödelt am Waschbecken herum, schiebt Sachen auf der Ablage zusammen und hin und her und her und hin; ihre Haare seien eben so kaputt und stränig strähnig (strähnig?) vom vielen färben, aber Straßenköterblond … . Krsch, krsch, krsch, die Bürste. Und ohne hochbinden hingen die nur wie Spaghetti. Jetzt plappert sie: wie toll sie mal ausgesehen hätte. Früher. Als wäre das noch von Belang. Früher! Da kommt sie doch nie wieder hin. Dicht zum Spiegel vorgebeugt, fingert sie in ihrem Gesicht herum. Ob ich einen Konzieler hätte.
Kind, sage ich, ich glaube, für so was bin ich zu alt. Sie zeigt mir die Zähne: Ihre Version eines Lächelns. Ein kleiner Haifisch. Die dünne Haut um ihre Mundwinkel zieht sich wie Seidenpapier in dünne Fältchen.

Was kritzelst du da überhaupt die ganze Zeit?, fragt sie.
Was sie das anginge, frage ich.
Nichts, aber es mache sie nervös, wie ich da auf meinem Block herum. Vielleicht ja Tagebuch und vielleicht ja dann auch über sie.
Vielleicht, sage ich. Vielleicht auch nicht. Sie würde sich wohl dran gewöhnen müssen, ich jedenfalls bräuchte das, um nicht verrückt zu werden.
Und jetzt kommt es, denke ich, und es kommt: Wie lange?, fragt sie.
Noch zwölfeinhalb, sage ich.
Wow, sagt sie, als hätte ich weiß Gott was vollbracht. Und ob mir das da wirklich helfen würde, fragt sie, wedelt mit der Hand in Richtung meines Schreibblocks.
Probier es selbst, sage ich. Jetzt macht sie sich auf der Pritsche lang, guckt an die Decke.
Fragst du mich nicht, warum ich hier bin?, fragt sie.
Nein. Sage ich. Und jetzt, so scheint mir, schmollt sie.
Steht da wirklich nichts über mich?, fragt sie.
Habe ich das behauptet?, sage ich.
Sie holt tief Luft, springt auf, tigert vor ihrer Pritsche hin und her. Stemmt die Hände in die Hüften, bleibt vor mir stehen: Ich habe zehn Jahre!, sagt sie. Dabei wäre das alles nicht ...
Lass mich in Ruhe damit, sage ich. Erzähl das beim Freigang wem anders. Oder beim Umschluss.
Sie tigert hin und her, wirft die Hände in die Luft, sagt: Das hat sowieso nie jemanden interessiert. Keiner hat mir richtig zugehört. Nie!, sagt sie und lässt sich wieder auf die Pritsche fallen. Hockt sich auf die Kante.

Ich bin dann aufgestanden, bin um ihre Füße rum an mein Tischchen, das wir uns jetzt teilen müssen (nach nur drei Wochen Freiraum ganz für mich allein), habe ihr den Rücken zugekehrt, mit Wasserkocher, Kaffeedose, Tassen hantiert, habe eine Tasse auf ihre Tischseite geknallt. Gefragt, was so ihr Lieblingsprogramm im Fernsehen sei. Hoffentlich nicht ausgerechnet diese oder jene Sendung, damit sie's gleich kapiert - wir müssten es ja schließlich aushalten miteinander. Dass sie's kapiert: Eine ganze Weile. Und ob sie Schach spiele, oder Mühle.
Nee, mault sie. Schiebt ihre Tasse hin und her.
Lesen? Es gäbe eine Bücherei.
Nein, auch nicht. Könne sich nicht konzentrieren.
Verdammt, denke ich: das kann ich auch nicht mehr. Jetzt. Wo sie da ist.

Und dann habe ich mir das Blatt vom Kopfkissen genommen. Lieber Gerd, … ach Scheiße. Gleich sagt sie noch, ihr sei langweilig und ich sage ihr, sie solle doch was malen. Ich schiebe ihr die Fernbedienung rüber, schnipse das Grün aus dem Kuli. Vielleicht ein letztes Mal. Bevor ich es aufgebe.
Wenn mir klar wird, dass das doch nichts bringt. Mir nicht. Und Gerd sowieso nicht. Absurd ist das. … ich habe dir nie sagen können … Sie schaltet zwischen den Programmen hin und her. Bleibt bei einer Nachrichtensendung hängen, starrt auf den Bildschirm, dass ich auch hinsehen muss: Sie trägt die gleichen Klamotten. Versteckt ihr Gesicht hinter einem Aktendeckel. Darüber die blondierten Zotteln. Asipalme. Ich wünschte, sie würde weiterschalten, den Ton runterdrehen. Aber sie starrt auf diese Bilder, hört den Kommentator reden, und ich sehe, wie sie, die Bilder, Familienfotos (sie mit ihren Eltern?), Urlaubsfotos (sie mit einem Möchtegern-Gangster), und plötzlich den Kleinen, schätze ich, mit Oma und Opa. Beinahe ein Säugling. Mit verpixeltem Gesicht. Die Fernbedienung fällt scheppernd zu Boden. Ich hebe sie auf. Und schalte ab.

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Kiara
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BeitragVerfasst am: 21.01.2020 21:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Der erste Eindruck des Textes meinerseits, rein subjektiv natürlich, bitte nicht überbewerten.

Interessanter Text, denn man erfährt erst spät, dass man im Knast ist und nicht in einer WG, was mein erster Gedanke war.

"Asipalme, lacht sie und sie wüsste selbst, dass die nicht."
"Nichts, aber es mache sie nervös, wie ich da auf meinem Block herum."

Da fehlt etwas, richtig? Naja, ist immer wenig Zeit in so einem Zehntausender. Ist natürlich schade. Muss sich am Ende mit den anderen Texten messen. Auch die Stift"miene", schreibt man ohne E. Ha, da wären wir wieder beim E. Hier liegt ein kleines Hündchen begraben, denn ich würde deinen Text nicht als E-Literatur klassifizieren.

Ein leicht zu lesender Text, ohne große Schwankungen, auch ohne große Überraschungen, plätschert für mich so dahin, wie ein Bächlein. Gegen Ende wird es interessanter, der letzte Absatz bspw., mehr davon hätte dem Text vielleicht gut getan. Vielleicht. Irre mich wahrscheinlich. Ich hoffe, du nimmst mir die Kritik nicht übel. Ich weiß ja nicht, wie Inko damit umgehen kann...

PS: Wenn die Fehler gewollt sind, weil es ja ins Tagebuch geschrieben wird: So etwas sehe ich kritisch. Da ist die Stelle mit der Strähne eleganter gelöst.

Punkte habe ich hier leider keine zu vergeben.

Beste Stelle für mich: "Ich wickle ein paar Handumdrehungen von meinem Toilettenpapier ab, mache ein festes Bündel draus und werfe es auf der Höhe ihres Kopfes gegen die Wand."

Liebe Grüße


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- Das Mahnmal (2019)
- Band 2 (2020)
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schreiberlinga
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Beiträge: 81



BeitragVerfasst am: 23.01.2020 02:21    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe die Wettbewerbstexte in der Regel nur einmal durchgelesen. Mein Kommentar darunter ist also eine ziemlich spontane Reaktion. Ich hoffe, dass du trotzdem - oder gerade deswegen - von meinem ersten Eindruck profitierst.

Ich empfinde diesen Text als sehr lebendig, lebensnah. Es ist auf ungewöhnliche Art geschrieben, aber ich komme doch gut mit, was gerade geschieht. Es war auch recht spannend zu lesen. Mit der Zeit war klar, dass die beiden im Gefängnis sitzen. Es findet Dialog statt, wenn auch ohne Anführungszeichen, alles aus der Sicht der Erzählerin. Bin mir nicht sicher, wo Kintsugi ist. Aber vielleicht ist da: die grüne Schrift und der Versuch, das Leben im Gefängnis beim Briefschreiben zu verarbeiten.
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Boho
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 07:28    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe*r Verfasser*in,

gefällt mir, der Text. Schöner Schreibstil!

Ich kann auch das Kintsugi erkennen (auch wenn es mir etwas konstruiert vorkommt, deine Prota hatte ja wahrscheinlich auch vor Josy schon einige Zellennachbarinnen, vielleicht hättest du noch ein bisschen herausarbeiten können, was genau an Josy anders ist - aber es gab ja auch eine beschränkte Zeichenzahl und im Grunde ist die Geschichte auch schlüssig für mich).

Mir gefällt auf jeden Fall, wie du schreibst und wie sich die zunächst sehr ruppige Prota mit der Zeit verändert/mehr zu sich findet/sich an den Brief setzt/sich auf Josy einlässt... und wie sich der Goldlack dann ganz sanft über die Risse legt.

Schöner Text!!

LG Boho
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 07:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ein Satzverhau mittendrin: habe ich doch irgendwie die Ärmel der steif gebügelten Blusen unterschlagen. Ts. Doof.

Bleibt mir noch - Achtung! Taschentücher bereit halten! - dies als würdiger Abgesang auf Inge und: Josy.


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when I cannot sing my heart
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- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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hobbes
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Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 10:00    Titel: Antworten mit Zitat

Oh fein. Das ist doch mal eine Protagonistin. Die Namenlose meine ich natürlich, Josy ist ja nur Beiwerk.

Das mag ich spontan. Die Art des Erzählens und vor allem auch, dass man im Grunde gar nichts über sie erfährt. Sie könnte alles sein. Bin gespannt, wie es beim zweiten Lesen wirkt, ich fürchte, es fällt ab, aber was weiß ich schon.
Vielleicht aber auch nicht. Man kann dieser Geschichte sehr schön hinterher hängen. Wer dieser Gerd nun eigentlich ist. Und der Kuli! Großartige Idee, dieser Kuli. Wegen ihm interessiert mich zum ersten Mal überhaupt die Entstehung einer Geschichte - was war zuerst da? Die Idee? Die Prota? Oder gar der Kuli?

Komme gern wieder hierher zurück smile

Zweites Lesen.
Josy nur Beiwerk?, frage ich mich jetzt. Ist das wirklich so? Immerhin ist ihr Name der Titel der Geschichte. Ist dir da einfach nichts besseres eingefallen? Oder ist irgendwas noch nicht bei mir angekommen? Denn immernoch denke ich, die Namenlose ist es, die die Geschichte ausmacht. Auch wenn ich am Ende mehr über Josy als über sie weiß.

Ich mag die Geschichte immer noch.
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V.K.B.
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Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 23.01.2020 23:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
vorweg ein paar spontane Lesegedanken:

Zitat:
Lieber Gerd...
Green is the new orange gold?

Zitat:
Ich bin die Josy.
Menschen! sind! keine! Dinge!
Ja, ich weiß, ist regional, aber ich werde mich nie daran gewöhnen. Und will es auch gar nicht.

Zitat:
Sein Fremdgehen und. Dabei hätte sie ihn. Ein rumpelnder Waggon nach dem Anderen. Der Stress. Und dann plötzlich der Kleine. Da sei sie … . Ich stehe vor der Schranke, denke soso und jaja und hoffe, dass sie bald aufhört. Schnips, Grün: … wo immer du jetzt bist, du ahnst nicht … Es klappt nicht. Es rauscht.
Ungewöhnlich genug geschrieben, denke ich, ein KO Kriterium erfüllt. Jetzt muss ich nur noch tiefgängige Mehrdimensionalität finden, und das Ding kann in die Punktekandidaten.

Zitat:
und stränig strähnig (strähnig?)
Was soll das jetzt? Ist doch gar nicht der Brief (weil nicht grün), oder? Meta-Reparaturversuch? Überzeugt mich irgendwie nicht, kommt mir aufgesetzt vor.

Zitat:
Ich bin dann aufgestanden
Warum der Tempuswechsel? Sperrig machen?

Thema Vergangenheit als fernes Land ist drin, natürlich, wo ist das alte Leben weiter weg als im Gefängnis? Kommt auch nochmal durch den Brief rüber, und die Gedanken über die eigentliche Sinnlosigkeit, den zu schreiben. Oder Prozessbilder im Fernsehen, die das alte Leben vermutlich in eine andere Dimension verschieben. Kintsugi in der Form gebrochener Sätze, aber keine Reparatur. Okay, formal geht die Geschichte schon mal durch, keine Minuspunkte in meinen internen Kategorien. Hat also alles, um zumindest teilweise in diesen Wettbewerb zu gehören.
Überzeugen tut sie mich leider trotzdem nicht. Ich kann es nicht festmachen, das rauscht irgendwie alles an mir vorbei und interessiert mich nicht. Beim zweiten und dritten Lesen noch viel weniger. Josy muss ja einiges angestellt haben, wenn ihr Fall in den Nachrichten läuft, aber da entsteht trotzdem gerade kein Interesse, die Frage beantwortet zu kriegen. Übliche Familientragödie mit Mord und Totschlag, nehme ich an und verwerfe den Gedanken als irrelevant. Und das, wo ich das Thema Gefängnis eigentlich ein hochemotionales finde. Keine Ahnung, woran es liegt, aber ich kriege keinen Zugang zu den Charakteren und zu der Geschichte. Von daher wohl eher keine Punkte, tut mir leid. Um jetzt auch mal diesen blöden Satz zu sagen: Das ist irgendwie überhaupt nicht meins.

Beste Grüße,
Veith

Abschließend, nach ewigem einigem hin und her Überlegen, wüsteste Flüche über den Wettbewerb ausstoßen, Tischkanten zerbeißen und das gesamte Dictionnaire Infernal rauf und runterbeschwören, landet deine Geschichte im gelben Bereich und erfüllt damit die Anforderungen an den Wettbewerb, wie ich sie momentan verstehe, teilweise. Sie schafft es leider nicht in meine Top Ten und erhält damit keine Punkte.


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
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firstoffertio
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Das bronzene Stundenglas Der goldene Spiegel - Lyrik (1)
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BeitragVerfasst am: 24.01.2020 21:32    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist jetzt so ein Text, der gut geschrieben ist, sich gut lesen lasst,  erst mal anspricht, eine ernste Situation beschreibt (allerdings in einem eher flapsigen Stil), das Thema und Kintsugi drin hat, und doch, und doch …

mir so vorkommt, als sei er eben so gebaut, um den Vorgaben zu entsprechen, und habe kein wirkliches über sich als Wettbewerbstext hinausgehendes Anliegen. Ich lese ihn, und denke nicht weiter darüber nach.

Sorry, dass ich gerade hier das schreibe. Ich verfolge die Diskussion zu U und E, und mir ist das nun so aufgefallen für mich, hier, und werde auch andere Texte mal mit diesen Gedanken angehen.
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 25.01.2020 13:35    Titel: Antworten mit Zitat

Ich war vor einigen Jahren mal bei einem Poetry Slam. Nun stellt sich mir die Frage: Gibt es auch Prosa-Slams? Ich finde (und das ist absolut nicht despektierlich gemeint!), hier wäre dieser Text gut aufgehoben. Meinen Geschmack triffst du zwar nicht, ich bin hierfür einfach nicht die Zielperson, aber ich sehe doch -- wie ein Kunstunverständiger vor der Sixtinischen Madonna --, dass hier Qualität drinsteckt.

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Babella
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Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 25.01.2020 23:14    Titel: Antworten mit Zitat

Beklemmende Szene in der Knastzelle. Ich konnte mir das alles gut vorstellen und hätte beinahe gern mehr gelesen, mehr davor und mehr danach.
Mir fehlt der Bezug zum Thema. Es gibt nichts zu reparieren. Keinen Goldlack, nicht einmal den Versuch.
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Catalina
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Beiträge: 418
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BeitragVerfasst am: 26.01.2020 13:50    Titel: Antworten mit Zitat

Inge im Gefängnis bekommt eine neue Zellengenossin. Sie fühlt sich von ihr gestört und genervt, setzt sich aber gedanklich sehr mit ihr auseinander. Josy, die Neue, sagt mal gar nicht, dann plappert sie wieder. Am Ende wird im Fernsehen Josys Fall gezeigt, unter anderem auch ihr kleiner Sohn, fast noch ein Baby.

"Die Vergangenheit ist ein fremdes Land"... Hier muss ich zuerst einmal meinen Lieblingssatz des Wettbewerbes festhalten:
"Früher! Da kommt sie doch nie wieder hin." Der ist wunderbar doppeldeutig und trifft - zumindest in der einen Weise - ja auf jeden von uns zu. Warum aber dann die Vergangenheit fremd ist, ist mir nicht ganz klar. Ein fernes Land, ok. Aber fremd?

Kintsugi... ach ja, damit tue ich mich bei diesem Wettbewerb auch bei anderen Texten schwer. Es gibt so viele Möglichkeiten, das einfließen zu lassen, dass ich sicher die ein oder andere übersehe oder nicht verstehe. Hier ist es wie auch in einigen anderen Texten: ich sehe viele Risse, finde aber kein goldenes Klebemittel.

Deinen Stil finde ich herausragend. Nicht nur schreibst Du absolut souverän, sondern tänzelst mal hier, mal da, ohne aus der Spur zu kommen. Beeindruckt mich sehr.

Mich hat das Ende berührt - als Mutter wahrscheinlich besonders. Ganz egal, ob sie nun ihr Kind umgebracht hat oder doch nicht: Sie hat es verloren. Und schlagartig wird aus der eher unschein- und austauschbaren Zellengenossin eine dramatische Figur. Ein sehr gutes Ende, finde ich.

Ach, was mache ich nur mit Dir? Wären die Vorgaben nicht gewesen, wärst Du unter meinen drei Favoriten gewesen. Mal schauen, ob es so noch für Punkte reicht...

---

Tut es zum Glück. Ich mag Deinen Stil so sehr, dass ich ihn nicht unbepunktet lassen kann - Vergangenheit hin, Kintsugi her. Platz sieben.

H
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a.no-nym
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BeitragVerfasst am: 26.01.2020 23:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, lieber Inko,
hier kann ich gar nicht viel sagen. Ich halte die Vorgaben für erfüllt – und ich mag diesen Text, empfinde ihn wie ein gelungenes Foto, das ganz ohne Bildunterschrift für sich selbst spricht – und deshalb bin ich jetzt auch still ...

Freundliche Grüße und die besten Wünsche
a.
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traumLos
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Beiträge: 375



BeitragVerfasst am: 27.01.2020 17:49    Titel: Antworten mit Zitat

Was mache ich bloß mit diesem Text? Wieder einer der guten Geschichten im Wettbewerb. Dass der Name Josy ist, prekäre Verhältnisse. Natürlich liest sie nicht. Dieses vielleicht so wahre Klischee.

Aber mir kommt die Vergangenheit eher wie eine zukünftige vor. Bei Josy ist sie noch so gegenwärtig, dass aktuell im Fernsehen berichtet wird. Selbst Inge hat noch hoffnungsgrüne Wurzeln, auch wenn sie doch keine Worte dahin mehr findet.

Das Fremde lese ich mehr in der örtlichen Situation, in der Distanz von drinnen zu draußen.

Sehr gerne gelesen. Leider 0 Punkte.


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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 28.01.2020 13:52    Titel: Antworten mit Zitat

Ist Knastliteratur Genre? Nee, ne? Und die Geschichte hier auch nicht. Das Bild der Zweierzelle stand vom ersten Abstatz an und wird durch Wörter wie Umschluss bestätigt. Zwölfeinhalb: Mord, vermutlich. Wird aber nicht erklärt, und das ist gut so. Der Text verfällt auch nicht in Klischeejargon, die Ich-Erzählerin bleibt in ihren Versuchen, den Brief zu verfassen, mehrschichtig. Verrückt werden, Briefe, soziale Wahrnehmung stehen neben Dominanzgerangel und Einschüchterungsversuchen. Offenes Ende.
Fremdes Land? Die Zeit vor der Verurteilung wohl. Kintsugi: Der Brief suggeriert den Versuch, mit der Lage, vielleicht auch mit der Tat umzugehen – in dieser Geschichte hält der Goldlack nicht, zumindest nicht auf dem Brief. Eher schon im gar nicht so ungelenken Versuch, das Zusammenleben zu regeln.


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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 28.01.2020 18:59    Titel: Antworten mit Zitat

Die ersten Stunden von Josy im Frauenknast. Geschildert von Inge, die schon länger hier ist und sich vergeblich bemüht, ihrem Gerd einen Brief zu schreiben.

Wir erfahren viel über Josies Verbechen, nichts über Inge. Außer, dass die Aufseherin Kessler neue Insassinnen gerne bei ihr einquartiert.

Ich bin dabei, kann mit dem Text mitgehen. Glaube ihm. Ich mag die Sprache, dieses halb gesprochene, halb gedachte, fließende, Haken schlagende.

Zitat:
so kaputt und stränig strähnig (strähnig?) vom vielen färben
Das wirkt komisch, denn einerseits klar, Rechtschreibung ist nicht Inges und es gibt ein paar Schmankerl wie den „Konzieler“, und die sind mMn schöne Brüche, doch andererseits habe ich nicht das Gefühl, mich in Inges Tagebuch zu befinden, sondern eher in einem Bewusstseinsstrom, in dem Rechtschreibung völlig irrelevant ist. Diese Rechtschreibfehler und -korrekturen (genau wie die Klammern) rücken das aber zurecht, sind Bruchkanten meiner Textphantasie und ich genieße das sehr.

Ich hoffe, die beiden kommen klar.


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Jenni
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Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 29.01.2020 23:46    Titel: Antworten mit Zitat

Eine Frauenknast-Geschichte. Das enthält schon Stellen, die mir gefallen, die Farben des Kugelschreibers und die der Blutergüsse zum Beispiel, zumindest eine der Frauen hat auch eine Geschichte - und die andere nicht, das ist wohl mit dein Kommentar zum Thema „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land“. Das ist auch gut erzählt, ich lese das schon interessiert so in einem durch, und das ist vielleicht - zumindest in diesem Wettbewerb hier mit seinen speziellen Intentionen - Stärke und Schwäche zugleich. Der Text kommt für mich nicht über das Niveau solcher Frauenknast-Serien hinaus, dort sind die Frauen auch gut charakterisiert und haben eine Vergangenheit. In diesem Text passiert nichts, das mich aufhorchen ließe, inhaltlich und stilistisch nicht, nichts spielt sich ab zwischen den Zeilen, nichts unbedachtes, und letztlich, auch wenn du vieles auslässt, ist die Geschichte am Ende doch auserzählt. Schreiben/erzählen kannst du. Punkte gibt das in diesem Wettbewerb und im Gesamtvergleich von mir eher nicht.
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DLurie
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DSFo-Sponsor Pokapro V & Lezepo III


BeitragVerfasst am: 30.01.2020 07:02    Titel: Antworten mit Zitat

Interessante Variante der Umsetzung des Themas.
Die Vergangenheit reduziert auf die eine schwere und tabubeladene Schuld, die von nun an das Leben bestimmt. Alles andere erscheint belanglos. Die Vergangenheit reduziert auf das Geständnis, das eigentlich niemand mehr hören will.  
Sprachlich-stilistisch kreativ umgesetzt.

Bewertung: 3 Punkte

LG
DLurie
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MoL
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Beiträge: 1425
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Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 30.01.2020 15:53    Titel: Antworten mit Zitat

Uff.

Lieber Inko! (Michel? Hobbes?)

Ja. Definitiv: Ja.

Die rissige Sprache: Genial.

Falls ich bepunkte: Gibt welche. Viele. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Bin echt platt von dem Text. Im positivsten Sinne.


_________________
"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
NEU - NEU - NEU:
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris, 31. Oktober 2019.
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2831

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 31.01.2020 12:01    Titel: Re: Josy Antworten mit Zitat

Bonjour

Frauenknast? Ich denke, ja.
Eine Zelle, zwei Frauen. Die eine, Inge, ist bereits Insassin, die andere, die Titel gebende Josy, die Neue.
Du hast dich für die ersten Gesprächs-Variante entschieden: Gespräch zwischen zwei Personen. Vom Erzählton her hätte der Text genauso gut die zweite Variante entwickeln können, denn die Inge scheint nicht wirklich ein Interesse an Josy zu haben und ich frage mich, wozu beginnt sie ein Gespräch mit Josy:  
Zitat:
Wie sie denn heiße, frage ich, da ich sowieso nur hier sitzen kann und zusehen, wie ich mich aus diesem Raum wieder zurückziehe; ich sei die Inge.



Zitat:
Ich frage sie nicht nach dem wofür und warum und schon gar nicht nach dem wie lang. Sie wird es mir schon selber sagen. Selbst, wenn ich das nicht wissen will.
Mich hat auch die Kessler hierher eskortiert, sage ich. Und: So gut gepolstert wie die müsste man erst mal sein. Haha. Vielleicht muntert sie das auf.


Zitat:
Ich stehe vor der Schranke, denke soso und jaja und hoffe, dass sie bald aufhört


Zitat:
Wie mir diese ersten Stunden auf die Nerven gehen:


Zitat:
Die hier ist von der wechselhaften Sorte. Mensch, was für ein Kind, wirklich.


Zitat:
Nein, auch nicht. Könne sich nicht konzentrieren.
Verdammt, denke ich: das kann ich auch nicht mehr. Jetzt. Wo sie da ist.


Zitat:
Lass mich in Ruhe damit, sage ich. Erzähl das beim Freigang wem anders. Oder beim Umschluss.


Zitat:
Als wäre das noch von Belang.

Die Inge ist ziemlich genervt und mit dem Gesprächsbeginn macht sie sich nicht wirklich einen Gefallen. Ich habe das Gefühl, dass Inge eigentlich gar kein Gespräch führen möchte, verstehe aber nicht wirklich, warum sie es tut. Sie hätte sich genauso gut auf ihre Gedanken und den Brief beschränken können und wie sie weiter unten im Text meint, wird man früher oder später schon miteinander ins Gespräch kommen.
Mir kommt diese ganze Dialog-Sache im Text von Inge erzwungen vor, genauso diese ständigen Beschreibungen über Josys, was diese macht und wie es aussieht, das passt für mich nicht (oder ist das die Kintsugi-Vorgabe? Dass Inge die Kintsugi-Josy mit ihren Mängeln in den Vordergrund bringt? Eine Wertschätzung findet nicht statt, somit, wenn das die Kintsugi-Vorgabe wäre, dann wäre es die gescheiterte Option. Auch wenn ich mich dann frage, warum Inge sich so viele Gedanken über die Mängel von jemandem (Josy) macht, der sie nicht interessiert, der für sie abfällig ein Kindchen ist, der sie nervt und in Ruhe lassen soll?) und ich denke, Inge hätte schweigend in der Zelle sein können und die beiden hätten sich nichts zu sagen gehabt, insofern, die zweite Gesprächs-Variante fände ich passender, wenn ich mir Inge so anhöre. In dieser Form kommt mir dieser ganze Dialog ziemlich unmotiviert und erzwungen vor.


Was hat es mit diesen Kommentaren in Klammern auf sich?
Zitat:
Ich hatte mir das einfacher vorgestellt (hatte ich das nicht schon?)


… ich wünschte ich könnte (so komme ich nie weiter);

Zitat:
ihre Haare seien eben so kaputt und stränig strähnig (strähnig?) vom vielen färben


Zitat:
Ich bin dann aufgestanden, bin um ihre Füße rum an mein Tischchen, das wir uns jetzt teilen müssen (nach nur drei Wochen Freiraum ganz für mich allein)

Inge kommentiert bereits so alles, nun noch eingeklammerte Kommentare. Dadurch entsteht für mich eine Abgehobenheit, eine gekünstelte Haltung von Inge, die nicht mit ihr vereinbaren kann.

Einerseits Kommentare in Klammern, andererseits ist der gesamte Text gedanklich von Inge, und dann beispielhaft "denke ich", wo ich mir denke: Inge, du denkst die ganze Zeit. Die Dialoge sind gekennzeichnet mit "sage ich", "fragt sie" usw. ..soweit ok, aber wozu dann der Hinweis, dass sie es denkt?
Zitat:
Ich weiß Kindchen, denke ich.



Diese Frage von Josy erschließt sich mir leider auch nicht. Inge spielt mit ihrem Kuli rum und wechselt die Farben. Ans Schreiben oder Kritzelt ist bei ihr nicht zu denken. Ansonsten schaut Inge auch viel zu oft zu Josy rüber und beschreibt sie mir, da kommt mir Josys Frage  
Zitat:
Was kritzelst du da überhaupt die ganze Zeit?, fragt sie.

sehr unpassend, weil sie mir von der Situationsbeschreibung nicht passt. Inge kritzelt nicht die ganze Zeit. Sie kritzelt nichts. So kommt es auf mich leider rüber.

Die weiteren Vorgaben begrenzter Raum und Einheit der Zeit sind auch erfüllt. Auch ok.

Der Text gibt sich hier und da geheimnisvoll. Allein Inge mit ihrem Brief, wo sie sich bereits alle Worte zurechtgelegt hat und nun vielleicht durch den Störfaktor Josy oder auch nicht, denn Inge macht auf mich den Eindruck, dass ihr Blackout bereits vor Josy sie nervte, sie kommt im Brief nicht voran und hat zu Beginn, als Josy reinkommt, nur die Anrede stehen. Diese ganze Briefsache und der Blackout, da denke ich mir, Mensch Inge, was quatschst du auch mit Josy, wobei du dafür keinen Nerv und keine Lust hast und dich dann nur noch weiter nervst, weil du mit Josy ein Gespräch beginnst. Warum?

Um dann am Ende, nach all den Gedanken über Josy bietet mit der Text einen Fernsehbericht über das Vergehen von Josy, sogar der Ton vom Fernseher ist an, und was berichtet mir Inge davon.
Zitat:

starrt auf den Bildschirm, dass ich auch hinsehen muss: Sie trägt die gleichen Klamotten. Versteckt ihr Gesicht hinter einem Aktendeckel. Darüber die blondierten Zotteln. Asipalme. Ich wünschte, sie würde weiterschalten, den Ton runterdrehen. Aber sie starrt auf diese Bilder, hört den Kommentator reden, und ich sehe, wie sie, die Bilder, Familienfotos (sie mit ihren Eltern?), Urlaubsfotos (sie mit einem Möchtegern-Gangster), und plötzlich den Kleinen, schätze ich, mit Oma und Opa. Beinahe ein Säugling. Mit verpixeltem Gesicht. Die Fernbedienung fällt scheppernd zu Boden. Ich hebe sie auf. Und schalte ab.

Eingeklammerte Inge-Kommentare, fragliche Bilder und Personen, aber nichts davon, was der Kommentator im Fernsehen berichtet. Warum? Warum wird das, was im Fernsehen gesagt wird, ausgeklammert, während ich als Leser im ganzen Text Dinge erzählt, beschrieben, kommentiert bekomme, die Inge nicht wirklich interessieren? Passt für mich leider auch nicht und gerade dies stößt mir im Text leider sehr bitter auf und sorgt für mich noch mehr zur Unglaubwürdigkeit von Inge, die mir seit Beginn ihre "So ist die Welt und so sind die Menschen"-Abgeklärtheit untergejubelt. Da verpuffen für mich auch die banalen Farbspiele mit dem Kuli, vor allem das dramaturgisch-symbolische Grün in Bezug auf Gerd, Gerd und der Grund, warum Inge im Knast ist, mit dem Blackout für den Brief als Themenerfüllung, zur Belanglosigkeit.
Potential verschenkt.
Es tut mir leid.

Merci beaucoup
Constantine
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 01.02.2020 22:50    Titel: Antworten mit Zitat

Im Knast kann man sich seine Gesellschaft nicht aussuchen. Niemand wüsste das besser als Inge, die schon geraume Zeit hier zu Hause zu sein versucht und immer noch zwölfeinhalb Jahre abzusitzen hat. Umso mehr gilt es, das eigene Territorium abzustecken, erst recht gegenüber einer Nervensäge wie Josy, die sich benimmt, wie ihr Name klingt. Ohnehin ist Inge schon genug frustiert, weil alle Versuche, ihre Situation gegenüber einem Brieffreund namens Gerd - quasi kintsugiesk - als besonders interessant darzustellen, vom Scheitern bedroht sind. Sie hatte sich das einfacher vorgestellt, das scheint ihr öfter mal zu passieren. Die neue Zellengenossin verweist sie an die TV-Fernbedienung - diese Josy, die noch nicht ganz gecheckt hat, wie ihr überhaupt geschieht und warum sie jetzt plötzlich im Fernsehen ist, nachdem sich - nach eigener Aussage - nie jemand für sie interessiert hat. Am Ende schaltet Inge die Nachrichtensendung ab.
Seit jemand den Beitrag mitsamt seinem ganzen Kladderadatsch hier rein geschoben hat, im Tonfall schnodderig, einen alten Mehrfarbkuli als ärmliches Relikt einer versagenden Hoffnung umklammernd - seitdem liegt er seltsam gleichgültig da und wartet, ob ich ihn nun küssen mag oder nicht. Mit Abgebrühtheit kriegt man mich irgendwie immer, aber als einziges Qualitätsmerkmal wäre das doch etwas dürftig. Erst beim dritten Lesen habe ich begriffen, dass der Schluss ein Tor aufstoßen und den beiden Frauen eine Chance eröffnen könnte. Es sieht nicht so aus, als würde der hoffnungslose Brief noch geschrieben werden, und vielleicht wird es mit Josy ja doch noch erträglich, wenn Inge ihr etwas mehr Aufmerksamkeit schenkt. Vielleicht versteht Josy dann, warum sie hier ist und ihre Situation besser annehmen sollte.
Das wäre doch eine clevere Idee, das Thema zu interpretieren: warum Josy, die von ihrer Tat, diesem fremden Fleck in ihrer Vergangenheit, nicht in ganzen Sätzen sprechen kann, von Inge erwartet, sich dafür interessieren. Vielleicht, weil ein Gespräch darüber die Heilung wäre. Mir gefällt diese Deutung jedenfalls ganz gut, ebenso wie ein paar weitere Feinheiten im Text - etwa, dass Inge, sozusagen bereits in ihre Situation integriert, die Zwecklosigkeit des Klagens so verinnerlicht hat, dass sie selbst die Beschwerde, nur drei Wochen ihre Ruhe gehabt zu haben, als Nebensächlichkeit einklammert.
Das gibt fett Punkte.


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fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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Lalanie
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BeitragVerfasst am: 01.02.2020 23:29    Titel: Antworten mit Zitat

Da ich ein Neuling in diesem Forum bin, folge ich dem Ratschlag eines Mitglieds und schreibe nur einen Kommentar ohne Bewertung – ich hoffe, das wird mir nicht übelgenommen.
Dein Text hat mich wirklich überrascht. Du hast stilistisch das Kintsugiprinzip in den von mir bisher gelesenen Texten meines Erachtens am konsequentesten umgesetzt, wenn der Text dadurch auch ein bisschen mühsam erscheint, aber das nehme ich für Innovation sehr gern in Kauf. Dass Du das Wort "Mine" falsch geschrieben hast, beruhigt mich ein wenig, da ich bei diesem Wort auch immer nachdenken muss, wann es wie geschrieben wird. Die Thematik gefällt mir, sie ist sehr interessant gewählt, die Figuren ebenso unerwartet gestaltet. Die Vergangenheit als fremdes, da ausgesperrtes Land, ist für meine Begriffe gut umgesetzt, das Kintsugiprinzip ebenso, stilistisch, wie schon gesagt, aber auch thematisch, durch das Zugehen der Hauptfigur auf Josy, dadurch, dass der Hauptfigur an Josy nichts ungewöhnlich und als Makel erscheint, und auch durch das Abschalten des Fernsehers am Ende. Für mich ist Dein Text ein gutes Beispiel dafür, wie man etwas Neues, Unerwartetes wagen kann. Vielen Dank dafür!
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gold
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BeitragVerfasst am: 02.02.2020 14:26    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Inco,


sprachlich gefällt mir deine Geschichte. Auch die Atmosphäre hast du gut getroffen. Ich denke, zu gut, sodass ich von der Prota abgestoßen bin.

Die Vergangenheit von Josy ist nicht ganz klar. Am Versuch, die Narben, die durch den Film im TV betont werden, zu reparieren, wird sie von ihrer Zellengenossin gehindert. (Diese will nichts über die Geschichte von Josy aus deren Mund hören).

Leider fällt die Geschichte nicht unter meine Top ten.

Sorry.

Liebe Grüße
gold


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