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Zugfahrt nach Annexia


 
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V.K.B.
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

Alter: 47
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Wohnort: Diaspora
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 10.01.2020 19:00    Titel: Zugfahrt nach Annexia eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wer ist dieser Mann? Und was redet er da von Silvester? Ich antworte trotzdem. »Ja, und Silvester, wie der abgeht, durchs ganze Haus.« Verwirrter Blick. »Krieg ich eine Katze?«, frage ich. Ist er dieses Jahr der designierte Weihnachtsmann und geht undercover, um nachzuforschen? Was Eltern alles tun, um ihre Lügengebäude aufrecht zu erhalten! Nein, anscheinend nicht, er scheint nicht zu wissen, was er sagen soll. Doch, »Silvester, dein Geburtstag«, sagt er knapp. Mein Geburtstag? Heute? Mag sein, deshalb ist er wohl hier. Und die Pralinenschachtel. Aber ich bin ein Kind, das für den Müll geboren wurde, es nur noch nicht wusste. Menschenmüll, schrie der Junge.
»Wie ein Gefängnis …«, merkt er an, als sein Blick durch den Raum wandert. Geht dann wieder an meinem Gesicht vorbei. Bloß nicht die Augen. Das rechte sieht ja auch echt scheiße aus. Sieht jetzt nach innen, sage ich immer, nach innen durch die goldenen Narben eines Märtyrers. Irgendwie sowas stand mal in der Zeitung, hat mir jemand vorgelesen, hab ich nicht genau verstanden. In die endlose Nebellandschaft. Ein weit entferntes Land, unerreichbar. Der letzte Zug nach Annexia ist lange weg. Musste nur einmal laufen wollen, war ganz einfach.
»Die Zellengröße ändert sich, sonst nichts«, antworte ich.
»Was meinst du?«
Ich tippe mir an den Kopf. »Hier drin. Immer.« Ich greife nach meinem Block.
»Willst du darüber schreiben? Existenz als Gefängnis?«
Vielleicht, denke ich. Wenn ich kann. Im Moment ist es schon schwierig, mir das Aussehen aller Buchstaben ins Gedächtnis zurückzurufen. Wie ging das E nochmal? Egal, irgendwie, was soll’s? »Ich klecks dann einfach später Goldlack drüber, wie bei japanischem Geschirr. Soll doch jeder die Narben sehen, und den Nebel dahinter.« Ein Niemandsland in einer Minute. »Und heute Nachmittag steigen wir auf den Zug, Kohlen klauen?«, frage ich. Ein fassungsloser Blick ist auch eine Antwort. Nee, das war mein Vater. Damals, bei Kriegsende. Hat er mal erzählt, brauchten die zum Heizen, war ja ein strenger Winter. Und gar nicht ich. »Du, Günther«, frage ich, »heißt es eigentlich ›where I end and you begin‹ oder ›where "I" ends and "you" begins‹?« Keine Ahnung, wie mir die Frage in den Sinn kommt, aber Günther ist sein Name, ja. Klar, wie konnte ich das vergessen? Mein Telefonbuch steht in meinem Wohnzimmerschrank in Annexia und ich hab den Zug verpasst. »Ich glaub, der Bahnhof wurde schon lange geschlossen«, überlege ich laut.
»Was?« Wieder wendet er den Blick ab. »Anton, es ist gerade nicht einfach mit dir, weißt du das?«
»Ja, verdammt. Aber Bahnhof hast du ja verstanden. Gold drüber. Was erwartest du?«
Was erwarten wir alle? Die Verbindungen reißen, nichts hält, alles fällt auseinander. Außer innen. Aber kein Fazit. Immer nur ich in meinem Kopf, und was ist ›ich‹? Der Rest, Gewusel und Quantenchaos. Instabil. Mono no aware, sprach der Zenmeister und pinselte eine weitere Schicht Goldlack über den Lebensbruch. Also, was erwarten wir? Was können wir noch erwarten? »Kein grünes A in Schweden«, antworte ich mir selbst, als von ihm nichts kommt, und lache. Humor bricht doch das Eis, erinnere ich mich.
Nochmal ein ›was?‹ von ihm.
»Auf dem Cover natürlich. Falls das mal verfilmt wird. Unser Dialog jetzt. Anton, Günther und der Bechdel-Test.« Erklärte Witze sind die besten.
»Um was du dir so alles Gedanken machst …«
Wenigstens mache ich mir noch Gedanken. War ziemlich knapp, glaub ich. Aber irgendwas ist anders. Ich kann es nicht festmachen. »Annexia ist ein fernes Land und der Bahnhof lange verfallen«, teile ich ihm mit. »Worüber soll ich sonst nachdenken?« Burroughs vielleicht, genau. William S. Hat mich immer beeindruckt. Und die Katze. Er steht irgendwo im Nebel. Genau wie ich, und Günther. Warum hat er Tränen in den Augen? Woher kenn ich ihn eigentlich nochmal? Ich streich mir mit den Fingern durchs Gesicht. »Japanische Kriegsbemalung, weißt du? Innen.«
»Nein.«
»Gegen die Bogenschützen.«
»Hör auf damit, bitte.« Er wendet sich ab und blickt zur Wand.
Ich versuche, seinem Blick zu folgen. »Wären die Wände nicht so weiß, könnte man auch dort die Narben sehen«. Deutlich fokussiert sich die Tapete im Zentrum meiner Wahrnehmung. Ich kann sie sehen, die feinen, goldenen Linien. Sonnenstrahlen durchs Fenster, wie Risse in der Mauer. Jeder davon ist eine Geschichte, wird mir klar. Ich bin schließlich nicht der erste hier. »Meinst du, ich sollte die schreiben?«
»Ja.« Er seufzt. »Ich hab zwar keine Ahnung, was du meinst, aber ich wäre so froh, was von dir zu lesen.«
»Hast du doch bestimmt schon, oder?«
Er nickt. »Erinnerst du dich noch, was du geschrieben hast?«
»Texte, nehme ich an?« Warum lacht er nicht? Kenn ich ihn aus dem Forum? Irgendeine Buchmesse? »Wo ist mein Computer? Ich muss nachsehen, ob mir jemand geantwortet hat.« Fred, genau. »Fred schreibt immer die besten Kommentare. Hat mir sehr geholfen. Vielleicht– hab ich sogar eine Mail von der Agentur, die er mir empfohlen hat.«
»Anton, das …« Er schüttelt den Kopf. »Das war vor über zwanzig Jahren.«
Ich schließe die Augen und lege den Kopf in den Nacken. »Können wir von vorne anfangen?«
»Wie meinst du das?«
»Heute ist jetzt. Ich weiß es wieder. Silvester. Nicht die Katze aus dem Cartoon. Mein Geburtstag, deshalb bist du hier.«
»Genau.«
Zum Glück habe ich die Pralinen noch nicht aufgemacht. »Nimm die Schachtel und komm nochmal durch die Tür. Alles verwerfen und von vorne beginnen, immer wieder neu. Und trotzdem weiterkommen.« Keine Ahnung, woher dieser Gedanke kommt. Irgendwo aus einem fremden Land, wie Burroughs’ Annexia. Alles so weit weg.
»Wenn es dir hilft.«
Ich nicke. »Bitte. Diesmal wird es besser.« Verdammter Nebel! »Wer bist du nochmal?«
»Günther.« Er geht zur Tür, tief seufzend. Klang das jetzt genervt, oder traurig? Wenigstens verlässt er den Raum nicht wirklich, sondern tut nur so. Ich bin viel zu oft alleine.

Und Silvester. So werde ich den Kater nennen, wie in den Cartoons. Ob ich wirklich eine Katze kriege? Einen schwarzen Kater? Aber wie machen die das? Die können den doch nicht in ein Paket stecken und unter den Baum stellen. Oder bringt der Weihnachtsmann den? Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Der letztes Jahr war jedenfalls Onkel Stefan, da bin ich ganz sicher. »Warum besteht die ganze Welt nur aus Lügen? Und wird nicht schöner, wenn man die Wahrheit lernt?«
»Was für Lügen?«, fragt er. »Anton, ich besuche dich, so oft ich kann. Ich hab dich nicht aufgegeben.«
Ach ja, Günther. Mit der Pralinenschachtel. Ist gar nicht Weihnachten. Beelzebub hab ich ihn genannt, doch nicht Silvester. Mochten meine Eltern gar nicht, den neuen Namen, aber passte zu ihm. Kleiner schwarzer Teufel. Dann wurde er überfahren, sechs Wochen später, glaub ich. War der überhaupt schwarz? »Nicht du. Ich war eben in meinem Kinderzimmer, zehn oder so. Als ich Beelzebub gekriegt hab.«
»Deine Katze, genau. Du hast mir mal Fotos gezeigt. Du sahst so glücklich aus.«
»Er wurde überfahren. Einfach … weg. Mama und Papa haben mir erzählt, er wurde nach Walhalla berufen, um Freyas Wagen zu ziehen. In Wirklichkeit haben sie ihn von der Straße gekratzt, und mir nicht mal gezeigt, was wirklich–«
»Sowas zeigt man auch keinem Kind. Anton, nun wein doch nicht, das ist über vierzig Jahre her.«
»Spielt das eine Rolle? Für mich war es gerade eben. Wo ist der Unterschied, ob man zehn oder 63 ist? Man ist immer ›ich‹, und die Katze immer tot.« Mein Blick fällt auf den Block neben dem Bett, auf dem Nachtschrank. Daneben ein Stift. Unidentifizierbare Zeichen auf dem Papier. Der Name Schrödinger? »Waren es wenigstens Bestseller?«
»Was? Deine Bücher?«
Ich nicke. »Keine Lügen bitte.«
»Für mich waren sie das, ja. Für den Rest der Welt … nicht wirklich, fürchte ich. Immerhin mittelgroßer Verlag, und Buchhandel.«
»E oder U?«
»Überleg mal selbst. Irgendwas muss doch noch da sein.«
»Es ist alles noch da. Nur schon Gedankenentropie.« Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, das war auch mal ein Thema, erinnere ich mich. Daher wohl Annexia. Aber wie bin ich auf den Zug gekommen? Irgendeine Kurzgeschichte, in der die fremden Länder Personen waren und sich in einem Gedankenzug unterhielten, oder irgendwie so. Ein goldener Museumszug. Aber das stimmt gar nicht. Vergangenheit selbst ist nicht das fremde Land. Vergangenheit ist das Handgepäck, das schon im Zug stand. Nicht in irgendeiner Geschichte, sondern immer. Es steht immer dort, und irgendwann verpasst man den Zug mal, und dann ist es weg und der Bahnhof auch. Zweiter Weltkrieg, mein Vater und die von einem Zug geklauten Kohlen. Nein, nicht mein Vater, der Vater des Erzählers. »Der Zug, genau. Einfach nur ›Der Zug‹. Aus der Kurzgeschichte habe ich den Roman gemacht.«
Günthers Augen leuchten. »Erinnerst du dich an die Lesung?«
»Da haben wir uns kennengelernt, ja.« Örtliche Buchhandlung, ein großer Pfeil aus Pappe zeigte auf den Tisch mit meinen Werken. Günther saß so dort, dass es aussah, als zeige der Pfeil auf ihn. »Der Pfeil …«
Entsetzen auf Günthers Gesicht, Bildwechsel bei mir. Der Junge mit den Springerstiefeln und dem Bogen. ›Menschenmüll!‹ Ich reiß meine Hand vors Gesicht. Der Schmerz, das Brennen. Mein rechtes Auge sieht jetzt nach innen, durch die Narben. Im Nebel marschieren lang vergangene Stiefel im Gleichschritt über scherbenbedeckten Boden, in einem fremden Land. Ein Paar Stiefel ist geblieben. Und der Hass, der in allen steckte. »Leipzig, oder? Die Buchmesse.«
»Wir hatten den letzten Zug verpasst, und du …«
Er presst meine Hand fest zusammen. »Es ist nicht deine Schuld, dass du laufen wolltest.« Die Kanten meines Rings bohren sich in meine Finger. Er trägt den gleichen, fällt mir auf. Gold. Ein Kreis aus Gold, wie eine Reparaturlinie bei japanischem Geschirr. Als ob es nur ein Finger wäre, der–
Er reibt meine Hand. »Anton, ich liebe dich. Immer noch. Ganz egal, was–« Er streicht über die Narbe. »Heute ist mein Geburtstag«, fällt mir ein. Silvester. So werde ich den Kater nennen, wie in den Cartoons. Ob ich wirklich eine Katze kriege?

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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 21.01.2020 01:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, wie üblich erst mal den eigenen Text verreißen. Bin jetzt schon gespannt, wer da wieder ratlos mit dem Kopf schüttelt, völligen Unsinn reininterpretiert oder Kommentare wie "das ist so überhaupt nicht meins" oder "außerhalb des Wettbewerbs hätte ich das nie gelesen" schreibt (well, Überraschung, außerhalb des Wettbewerbs hätte ich das auch nie geschrieben). Oder "Dystopie!", "Genre!" bzw. "UUUUUUUUUHHHHH-Lit!!!!11elf" schreit.
Sorry, wenn sich das gerade verdrossen anhört, bin ich auch, muss ich zugeben. So weit unten war meine Motivation, bei einem Wettbewerb mitzumachen, jedenfalls noch nie. Ich hab es dennoch getan, einfach mal was in meinen Texteditor hämmern und sehen, was dabei rauskommt, ähnlich wie beim FFF. Wo es mir ja seltsamerweise gelingt, E zu schreiben und auch mal jemanden damit überzeugen. Ich dachte also, vielleicht klappt das hier auch. Wobei ich zugeben muss, die zwei Stunden waren nur der Anfang und ich hab dann noch länger weitergeschrieben. Irgendwann fertig, nochmal korrekturlesen, paar Sachen kürzen und dann überlegen: Soll ich das wirklich abschicken? Text mal probehalber in Forenformular kopiert, mal sehen, wieviel ich noch kürzen muss, und dann – Hölle und Giftzahn, genau 10000 Zeichen! WTF??? Das hab ich dann als Omen genommen, wirklich auf "Abschicken" zu klicken. Kann ja eigentlich nur ein Fingerzeig des Schicksals sein, dass der Text (im Gegensatz zu meinen vorigen Versuchen hier) mal wirklich in den Zehntausender-Wettbewerb gehört. So, und jetzt steht er also hier, mein Text, und wartet auf weitere Verrisse. Oder wird ihn vielleicht jemand sogar … mögen???

Wie immer, wenn ich mich an E versuche, keine Ahnung. Aber das ist ja manchmal ein gutes Zeichen. Time will Tell (no pun bezüglich Pfeilbeschuss intended).

Den Text jetzt auch noch zu erklären habe ich keine Lust. Nur soviel: Ein Metatext zum Wettbewerb ist es jedenfalls nicht. Auch wenn mein Protagonist seine Schriftstellerkarriere mal im DSFO begann und sich an ein paar Wettbewerbe dort erinnert.

Viel Spaß beim Lesen,
Veith

Edit:
Damn, ich sehe gerade, der Text scheint verdammt wenig kommentiert zu werden, zumindest in den letzten Tagen, wo ich ein Auge auf das Board hatte. Das finde ich echt schade. Wenn der Text Müll ist, ist das okay, da kann ich mit leben. Ich möchte nur wissen, was ich falsch gemacht habe. Zu kryptisch? Belanglos? Zu aufgesetzt?


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schreiberlinga
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Beiträge: 81



BeitragVerfasst am: 21.01.2020 10:05    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe die Wettbewerbstexte in der Regel nur einmal durchgelesen. Mein Kommentar darunter ist also eine ziemlich spontane Reaktion. Ich hoffe, dass du trotzdem - oder gerade deswegen - von meinem ersten Eindruck profitierst.

Ich blicke nicht durch. Vielleicht, wenn ich den Text ein paar Mal lesen würde, würde ich vielleicht mehr begreifen. Ich merke, dass die beiden Themen "Vergangenheit ist ein fremdes Land" und Kintsugi mehrmals angesprochen werden. Es ist ein Dialog zwischen zwei Personen. Ist einer davon psychisch krank oder dement? Springt er von der Vergangenheit in die Gegenwart? Springt er außerdem vom Erzähler zum wirklichen Autor? Es sind einige Perlen - Sätze die mir gefallen - dabei. Die Geschichte mit der Katze konnte ich noch gut mitverfolgen.
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 07:22    Titel: Antworten mit Zitat

Hier kommentiert sich der Text von selbst:

Silvester, Günther, der Cartoonkater oder Annexia hat Folgendes geschrieben:
»Anton, es ist gerade nicht einfach mit dir, weißt du das?«
»Ja, verdammt. Aber Bahnhof hast du ja verstanden. Gold drüber. Was erwartest du?«


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Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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gold
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 07:51    Titel: Antworten mit Zitat

Ein verdammt guter Text.Zuerst dachte ich an einen alten Mann, der dement ist. Aber allmählich  droeselte es sich auf in eine noch brutalere Wirklichkeit. Die Narbe. Das Auge, das nach innen blickt. Was ist auf der Buchmesse geschehen? Springerstiefel, die dem Prota nach Annexia verhalfen. Okay, der Junge in Springerstiefeln hat wohl mit einem Pfeil auf den Protagonisten geschossen und ihn am Auge getroffen.
Was mir besonders gefällt, sind die beschriebenen, skurrilen Verwirrungen des Prota. Deiner Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Very Happy

Inco, du bringst mein ganzes Bewertungssystem durcheinander. Rolling Eyes

Habe lang gebraucht, die Reparatur der Verletzungen ausfindig zu machen. Ich habe die Befürchtung, dass ich deinem Text, lieber Inco, nicht gerecht werde. Kann es sein, dass die Behandlung der Verletzungen in dem Trösten und der Liebeserklärung des Partners besteht? Ich kann es nicht glauben, dass bei diesem mehrschichtigen Text die Lösung der Aufgabe in u.a.  Liebeserklärung besteht.
Zitat:

 Er presst meine Hand fest zusammen. »Es ist nicht deine Schuld, dass du laufen wolltest.« Die Kanten meines Rings bohren sich in meine Finger. Er trägt den gleichen, fällt mir auf. Gold. Ein Kreis aus Gold, wie eine Reparaturlinie bei japanischem Geschirr. Als ob es nur ein Finger wäre, der–
Er reibt meine Hand. »Anton, ich liebe dich. Immer noch. Ganz egal, was–« Er streicht über die Narbe...


Es wird wohl so sein.


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es sind die Krähen
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in wogenden Zedern

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Seufzend die Hausfrau: "Spinnen sind kleine Schweine" ...
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MoL
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Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 23.01.2020 09:07    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Inko!

Dialog zwischen zwei Personen: Check
Selber Ort, selbe Zeit: Zumindest pysisch, also check
Risse: Check! Tolle Idee! Smile
Gold: Hm. Ja, inhaltlich. Klingt teilweise etwas zu gewollt.

E-Lit: Ich denke schon.

Ob es von mir Punkte gibt, muss ich noch schauen.
Aber mal ganz unabhängig von der Umsetzung der Vorgaben: Die Geschichte gefällt mir sehr gut, berührt mich. Allerdings fürchte ich, dass ich die Pointe nicht ganz verstanden habe. Klärst Du mich auf?


_________________
"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
NEU - NEU - NEU:
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris, 31. Oktober 2019.
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Kiara
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Beiträge: 1002
Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 23.01.2020 10:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Der erste Eindruck des Textes meinerseits, rein subjektiv natürlich, bitte nicht überbewerten.

Puh. Schwere Geschichte. Also, schwerwiegend. Schwer zu verstehen, logisch, bei dem Mann und seinen Gedanken. Doppel-Puh. Mir liegen solche Texte nicht. Hab mich trotzdem bemüht, anfangs geschmunzelt "wie ging das E nochmal", bis es mir stecken blieb.

Nicht jeder hat das Glück, ein glückliches Leben führen zu dürfen.

Die schwächste Stelle: "E oder U" - da hast du es für meinen Geschmack übertrieben.

Meine Lieblingsstelle:
"Aber Bahnhof hast du ja verstanden. Gold drüber."

Obwohl mir der Text nicht liegt, berührt er mich. Das ist schon eine Leistung. Weil du Irres so gut rüberbringst, das Verrückte wird greifbarer. Jedenfalls für mich, andere mögen das anders sehen.

Ich würde ihn als E-Literatur einordnen, unseren bekannten Kriterien nach.

Letztendlich belohne ich deine Geschichte mit guten 5 Punkten.

Liebe Grüße


_________________
- Das Mahnmal (2019)
- Band 2 (2020)
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silke-k-weiler
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 45
Beiträge: 237



BeitragVerfasst am: 23.01.2020 13:28    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Text,

mir gefällt, dass ich zunächst gar nicht so recht packen kann, was Dein konkretes Thema ist und wohin Du mich bringst. Könnte auch eine Demenz-Thematik sein, denke ich beim Lesen. Irgendetwas hat Antons Existenz, sein Denken, zertrümmert; ein Trauma, ein Unfall oder eine Krankheit.
Und ich sehe ihm dabei zu, wie er in dem Scherbenhaufen wühlt und schauen muss, welches Bruchstück zu welchem Teil gehört. Zu seiner eigenen Vergangenheit? Zu welchem Teil seiner Vergangenheit? Oder zu der Vergangenheit eines ganz anderen, die ihm nur erzählt wurde, oder etwas, worüber er gelesen hat? Und am Ende frage ich mich: Bis zu welcher Bruchteilchengröße funktioniert Kintsugi noch?
Und was nimmt man überhaupt bei gesellschaftlichen Rissen, auch Goldkitt?

Dafür gibt es Punkte!

Herzlichst,
Silke
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hobbes
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Beiträge: 3322

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 23.01.2020 15:44    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, hui. Noch ein Text, der es einem schwer macht. Also das reine Lesen. Wer spricht jetzt eigentlich gerade? Ich könnte es nicht sagen.
Dass ich keine Ahnung habe, wer da überhaupt spricht, also welche Personen/Figuren/mit wem habe ich es eigentlich zu tun, macht es auch nicht einfacher. Natürlich, das musst du nicht am Anfang schon alles klar machen, aber so, wie es jetzt da steht, stehe ich ziemlich ratlos da.

Ich finde es sogar schwer zu sagen, ob überhaupt einer redet. Also in echt, nicht nur in seinem Kopf.

*

So, ich bin durch. Einer ist also krank. Im Kopf, im Körper, wer weiß. Entweder, weil es halt so ist oder weil etwas passiert ist, in Leipzig nach der Buchmesse.
Und Günther ist sein Partner. Immer noch liebend.

Nun. Mir mag nicht wirklich etwas dazu einfallen. Ich habe es gelesen und nun? Es muss ja nicht in jeder Geschichte eine Moral sein, aber diese (Geschichte) hier lässt mich doch etwas sehr ratlos zurück. Und damit meine ich jetzt nicht die Frage/n "was ist passiert" oder "was hat der eigentlich", sondern eher "was soll ich jetzt mit der Geschichte?"
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traumLos
Hobbyautor


Beiträge: 375



BeitragVerfasst am: 25.01.2020 13:19    Titel: Antworten mit Zitat

Der Text hätte auch ganz oben auf der Punktskala stehen können. Vielleicht sogar müssen. Es war klar, dass Punkte in jedem Fall vergeben werden.

Im Gegensatz zu anderen Texten mit diesem Thema ist Anton noch auf dem Weg. Der Zug hat die Station an der er nicht mehr alleine aussteigen kann, noch nicht erreicht. Gelobtes Land. Erzählt ist dieser Text wohl komplexer und mutiger als die meisten anderen Texte.
Ein Kandidat für die Shortlist zum Aufbruchpreis.

Tja, objektiv betrachtet, ist es also der Toptext. Mein subjektiver Geschmack hat leider anders entschieden.

1 Punkt.


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Boho
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 12:42    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe*r Verfasser*in,

beim ersten Lesen war ich noch ein wenig ratlos, beim zweiten schon weniger... gefällt mir eigentlich, dein Text. Ich kann gar nicht genau sagen, warum, aber irgendwie fesselt mich der Text...

Außerdem sehe ich hier die Vorgaben als erfüllt an, also auch das Kintsugi, was mir bei einigen anderen Texten fehlt.

Also: gefällt mir und gibt auf jeden Fall Punkte...

LG Boho
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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 28.01.2020 13:57    Titel: Antworten mit Zitat

Demenz von innen.
Ehemaliger Autor empfängt alten Freund (oder Partner?), dessen Name ihm bereits entgleitet. Er weiß nichts mehr von seinen Büchern und versucht meist vergeblich, den Nebel des Vergessens zu durchdringen. Momente des scheinbaren Erinnerns werden durchkreuzt von der Erkenntnis, schon wieder falsch gelegen zu haben. Diese Stellen sind besonders schmerzlich zu lesen.
Das ist natürlich in der Ich-Perspektive schwierig zu schreiben, deren eloquente und präzise Sprache sich alles andere als demenz-eingeschränkt liest. Das hat mich beim Lesen aber nicht gestört und ist erst in der Folge als Gedanke aufgetaucht.
Die Vergangenheit als fremdes Land: Vor dem Vergessen. Einheit von Zeit und Ort: Gegeben. E-Lit? Definitiv kein Genre, auch wenn in diesem Wettbewerb natürlich Geschichten mit sehr ähnlichen Themen auftauchen; liegt wohl in der Natur des Themas. Nette Bezüge auf Forenkontakte, auf Buchmessen. Mono no aware? Das könnte mir einen Hinweis auf den Verfasser geben; aber das hatte ich schon in einem anderen Text geschrieben.


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Ab November 2019 im Handel: "Shevon", erster Band der Flüchtlings-Chroniken
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 14:40    Titel: Antworten mit Zitat

Bei diesem Text habe ich den Eindruck, dass die Kintsugi-Vorgabe mit dem Vorschlaghammer umgesetzt wurde, so nach dem Motto: "Hier habt ihr einen Text von mir, es kommen mit Gold gefüllte Risse vor, also passt alles."

Soll nicht heißen dass der Text schlecht ist, nur irgendwie fühlt man sich als Leser verschaukelt, wenn sich die begrifflichen Vorgaben um den Text drehen, und nicht anders herum. Daher von mir leider keine Punkte.


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firstoffertio
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Das bronzene Stundenglas Der goldene Spiegel - Lyrik (1)
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BeitragVerfasst am: 28.01.2020 21:35    Titel: Antworten mit Zitat

Tja, der letzte Text hier, und locker geschrieben. Aber mir stellt sich kein Wohlgefuehl ein.
Die Anspielungen auf den Wettbewerb sind mir zu viel.
Insgesamt doch eher U als E.
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Jenni
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Beiträge: 3936

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 29.01.2020 23:41    Titel: Antworten mit Zitat

Nicht Demenz hier (wie ich kurz glaubte), sondern Amnesie nach einem Trauma macht die Vergangenheit zu einem fremden Land, und eine verschwommene Erinnerung an das Thema dieses Wettbewerbs. Es wird sich mit dem Zitat sogar wörtlich auseinandergesetzt und der Aussage widersprochen, die Vergangenheit sei ein fremdes Land. Dennoch dient ein solches dem Text als Metapher für das Vergessen, ein Land, in das kein Zug mehr fährt, und dass es in diesem Wettbewerb Texte gibt, auf denen laut Erzähler diese Metapher beruhen könnte, war wohl ein prophetische Eingebung.
Was ist denn da erzählt, es schwankt für mich immer ein bisschen zwischen Satire (mit den Bezügen auf die Wettbewerbe, auch vergangene, und die Frage, wie man ein E schreibt) und ernster, am Ende gar politisch-gesellschaftlicher Thematik. Denn der Erzähler wurde von Neonazis verprügelt, und zwar nach der Buchmesse in Leipzig. Oder wird es erst noch, denn es ist vor langer Zeit passiert aber nach dem aktuellen Wettbewerb. Ich weiß nicht recht, ob mir diese Selbstbezüglichkeit hier gefällt, dieser Versuch lustig zu sein und doch dabei eine (thematisch/inhaltlich) ernste Geschichte zu erzählen. Aber die Zerrissenheit, so könntest du jetzt argumentieren, ist nicht nur für den Text sondern auch für den Erzähler symptomatisch, was sie dann wohl rechtfertigt. Neben der konsequenten Umsetzung des Themas ist auch das Kintsugi deutlich verarbeitet. Das nicht dem Text so stark zugrunde liegend, sondern immer wieder hier und da, und das passt aber natürlich zum Kintsugi, das ist quasi auch schon ein formaler Ansatz.
Doch, das ist schon deutlich ein Punktekandidat. 7 Punkte.
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Catalina
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 47
Beiträge: 418
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 30.01.2020 17:15    Titel: Antworten mit Zitat

Anton ist Schriftsteller und wurde Opfer eines homophoben Angriffs (von einem Neo-Nazi) bei der Leipziger Buchmesse. Er bekam einen Pfeil ins Auge und sein Gehirn wurde verletzt. Er wirft nun Erinnerungsfetzen durcheinander und erkennt seinen Ehemann nicht, der ihn gerade besucht.

Dein Text zählt ganz sicher zu meinen Favoriten. Angefangen mit dem Mut, in den Kopf eines verwirrten Mannes zu steigen und in der Ich-Form zu schreiben, über die grandiosen Gedankenfolgen, überschlagende Gedanken, die tatsächlich an einen vorbei rauschenden Zug erinnern bis hin zu dem Meisterstück, in diese wirren Gedanken noch gerade genug Sinn zu bekommen, dass man weiß, was passiert ist. Wie Du es schaffst, den klaren Verstand in Reichweite zu halten, ohne dass er erreicht wird, beeindruckt mich sehr.

Am Schluß das "ich liebe dich", das gedanklich mit der Frage nach der Katze beantwortet wird, berührt mich sehr. Ich fühle sehr mit Günther mit und möchte behaupten: mehr, als wenn aus seiner Perspektive geschrieben worden wäre.

Dein Stil gefällt mir sehr. Das Du den Wettbewerb und das Forum, E und U in den Text holst, ist auf der einen Seite witzig, auf der anderen Seite wirkt es auf mich etwas gekünstelt. Da bin ich unschlüssig und am Ende wird dieser Punkt einfach nicht ins Gewicht fallen.

Ja, die Vergangenheit ist ganz sicherlich ein fremdes Land für Anton. Und auch, wenn Du (aus Protest?) Kintsugi eher flapsig eingebaut hast, mit dem Goldlack, der über alles gepinselt wird, entspricht das für mich nicht nur den Vorgaben: du wurdest davon inspiriert, sondern passt für mich ganz wunderbar in die Geschichte.

---

Am Ende wurde Dein Text meine Nummer eins. Auch ohne die Umsetzung der Vorgaben wäre er in meine Top 4 gekommen, aber mit denen hast Du es dann ganz nach oben geschafft.  

U
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holg
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1503
Wohnort: knapp rechts von links
Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 30.01.2020 23:39    Titel: Antworten mit Zitat

Günther besucht Anton, seinen Mann, der nach einer Nazi-Attacke am Rande der Leipziger Buchmesse unter massiven Problemen leidet, Erinnerungen zeitlich oder überhaupt einzuordnen, sich zu konzentrieren, einen klaren Gedanken zu fassen.
Geschildert wird das aus dem relativen Quantenchaos, das in Antons Gehirn herrscht, was das Ganze eher unübersichtlich macht.

Auch ich als Leser kann nicht wirklich sagen, was wann passiert ist. Einige Dinge sind zwanzig Jahre her, andere vierzig. Weitere Einordnungen fallen schwer und sind eher zufällig.
Ich habe Naked Lunch nicht gelesen, kann also mit Annexia gar nichts anfangen, bis ich auf einer italienischen Website auf eine kurze Erklärung stoße.
Da steht, Annexia sei in Burroughs Buch ein Ort der Willkür der Macht, der Brutalität der Herrschaft, der faschistischen Diktatur.
Mit dem Wissen fällt es leichter, den Brotkrumen durch Antons wilde Gedankenwelt zu folgen.

Witzig finde ich die Bezüge zur Schriftstellerei, denn Anton ist/war Schriftsteller, und das Forum, gar diesen Wettbewerb.

Fantastisch finde ich das unaufhaltsame Wabern von Antons Gedanken, das endlose Schweifen und Mäandrieren. Und dann bin ich mir doch nicht sicher, ob ein Springerstiefel Auslöser der großen Gedankensprungsreise war, oder doch Drogenkonsum, und der Überfall auch schon zwanzig Jahre her ist, ob Günther seit zwanzig Jahren kommt, während Anton im gedanklichen Freeland umherzieht oder unser Land auf dem Weg ist, sich in ein reales Annexia zu verwandeln.

Oben dabei.


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Froh zu sein bedarf es wenig.
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a.no-nym
Hobbyautor


Beiträge: 382



BeitragVerfasst am: 01.02.2020 15:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, lieber Inko,

auch nach dem xten Lesen: Was für eine merkwürdige Geschichte!

Für mich liest sich das, als hätte der Autor die Wettbewerbsvorgaben eine Weile ratlos hin- und hergewendet – und dann beschlossen, sie allesamt durch den Satirewolf zu drehen, um mal zu gucken, was dabei herauskommt, wenn man noch ein bisschen Forengeschichte und ein paar fremde Gewürze hineingibt und, nicht zu vergessen, immer mal wieder einen Schluck aus der Buddel mit dem Goldlack drüberkippt. Dass der so entstandene Comic durchaus auch ernsthafte Komponenten hat, wird für den Betrachter nur gelegentlich greifbar. Auch bei diesem Text warte ich sehr gespannt darauf, dass andere Kommentare mir zeigen, was ich alles nicht gesehen habe. Embarassed

Die Vorgaben betrachte ich als erfüllt.

"Zugfahrt nach Amnesia" wäre vielleicht auch ganz passend gewesen.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen
a.
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Lalanie
Geschlecht:weiblichSchreiberassi


Beiträge: 58
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 02.02.2020 01:40    Titel: Antworten mit Zitat

Da ich ein Neuling in diesem Forum bin, folge ich dem Ratschlag eines Mitglieds und schreibe nur einen Kommentar ohne Bewertung – ich hoffe, das Leider verfüge ich nicht über genug Intellekt, um Deinem Text zu folgen. Ich habe es so begriffen, dass der Protagonist geistig verwirrt ist, nachdem er Opfer eines Unfalls wurde, und Günther versucht, an Anton heranzukommen, ohne damit wirklich Erfolg zu haben. Der Stil ist definitiv fragmentarisch, darin sehe ich das Kintsugiprinzip sehr gut umgesetzt, doch fehlt mir der positive Blick auf die Risse, der ja im Kintsugi offenbar eine Rolle spielt. Die Vergangenheit als fremdes Land ist klar thematisiert und mich hat begeistert, wie Du die Aufgabenstellung in den Text eingebaut hast, ohne dass es banal, anbiedernd oder plakativ wirkt. Auch der Titel ist toll gewählt, dieses ganze Bild für mich sehr einfallsreich. Dementsprechend kann ich nur sagen: Überraschend neuartig, aber für mich ein bisschen zu innovativ, sodass ich den Text noch ein wenig auf mich wirken lassen muss, um seinen Umfang besser zu begreifen. In jedem Fall vielen Dank für Deine Einreichung dieses Textes!
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Sue Ulmer
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 26
Beiträge: 345
Wohnort: Göttingen


BeitragVerfasst am: 02.02.2020 11:00    Titel: Antworten mit Zitat

Einen Text, den ich so komisch fand, dass ich ihn bepunkten muss. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das eine Parodie der Aufgabenstellung sein soll, also wenn ja, dann ist sie gelungen. Gern gelesen.

_________________
Hier ruht ein gelynchtes Gedicht.
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poetnick
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 57
Beiträge: 572
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 02.02.2020 17:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Unbekannt,

dieser Text ist nicht in meine Wertung eingegangen; unter der Vielzahl der Geschichten habe ich andere favorisiert.
Somit möchte ich an dieser Stelle keine Bewertung ausdrücken. Vielen Dank!

LG - Poetnick


_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 3968
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BeitragVerfasst am: 02.02.2020 18:31    Titel: Antworten mit Zitat

Klappe Gedächtnisverlust, die vierte und letzte. Dieses Mal keine altersbedingte Demenz, sondern eine Schädigung infolge eines brutalen Überfalls, der Antons Leben in einen Pflegefall verwandelte. Seitdem ist der Rest des Gehirns hyperaktiv mit dem Kampf gegen die eigene chronische Konzentrationsunfähigkeit beschäftigt. Anton kann nicht anders, er war immer schon ein Geistesmensch, hat Bücher geschrieben und Burroughs verehrt, und ist nun sozusagen in seiner persönlichen Version von Naked Lunch gefangen.
Ehrlich gesagt gefielen mir die Bezüge auf den Wettbewerb nicht besonders. Abzüge in meiner Bepunktung gab auch, dass die Geschichte in ihrer Gesamtheit überdeutlich von einer dritten Person abhängig ist, nämlich der des Attentäters.
Die Idee und die Konsequenz des Beitrags haben ihn dann aber doch wieder in die Punkteränge befördert.


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fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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