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Für gut achten


 
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silke-k-weiler
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 45
Beiträge: 237



BeitragVerfasst am: 10.01.2020 19:00    Titel: Für gut achten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Bereits beim ersten Blick. »Das entspricht ja alles nicht mehr dem heutigen Standard.«
Dabei setzt sich das Wort »Gutachten« doch aus »gut« und »achten« zusammen, denke ich.
Achtung empfinden? Auf eine gute Weise? Von wegen!
Ich begreife, ich habe das Wort »für« vergessen.
Für gut achten.
Und schon sieht die Sache anders aus.
Beurteilend.
Bewertend.
Dafür ist der Mann schließlich hier, denke ich. Um den Marktwert dieses Hauses zu ermitteln. Fünfzehn Jahre habe ich es nicht mehr betreten. Im Staub kleben noch meine letzten Worte: »Ihr könnt mich alle mal!«
Und dann weg, bloß weg. Alles anders machen. Besser machen. Mauern einrennen, sie einreißen für ein …
»… großzügiges Raumgefühl«, unterbricht der Gutachter meine Gedanken. Er stellt sich mitten ins Zimmer und malt mit einer ausholenden Handbewegung eine nur für ihn sichtbare Vision auf die Wand mit der verblichenen Tapete. »Hier zum Beispiel würde sich ein Durchbruch gut machen. Weil das keine tragende Mauer ist, wäre das auch gar nicht so teuer. Denken Sie mal darüber nach. Das würde diese Etage, ja das ganze Haus gewaltig aufwerten. So verwinkelte, kleine Räume hat man heute doch gar nicht mehr. Außerdem ist das hier ein gefangener Raum. Das wirkt sich wertmindernd aus.«
Gefangener Raum? Wusste gar nicht, dass es diesen Ausdruck gibt. Hätte ich ihn damals gekannt, hätte ich ihn meinen Eltern sicher an den Kopf geworfen. Irgendein passender Vergleich wäre mir schon eingefallen.
»Das war früher mein Kinderzimmer«, murmele ich.
»Ach ja?«
Ach ja! Kein Raum in diesem Haus kennt mich so gut. Meine Tränen, meine Wut, meine Trauer, mein Lachen, mein heimliches Kritzeln ins Tagebuch mitten in der Nacht. Träume keimten hier wie in einem kleinen Gewächshaus, zuerst nur für mich allein, bis sie scheinbar zu groß wurden.
Wir setzen unsere Begehung fort.
»Eine Holzwangentreppe!«
Höre ich da etwa Anerkennung? Er steigt zwei, drei Stufen hinauf und fängt an, auf einer Stufe zu wippen, die diese Beanspruchung mit rhythmisch knarzendem Protest quittiert.
»Holz arbeitet«, sage ich weise. Mein Opa war schließlich Schreiner. »Es schwindet über die Jahre.«
Er mustert mich und sagt nichts.
»Wie bei uns«, füge ich hinzu. »Wir fangen auch irgendwann an zu knarren und zu ächzen.«
Er zuckt nicht einmal mit der Wimper. »Gut, damit, dass Holz arbeitet, haben Sie natürlich recht. Aber da kann man was machen. Trittstufen aufkeilen, abheben, Acrylmasse in die Fugen, fertig.« Er nimmt zwei weitere Stufen und tippt mit der Schuhspitze gegen die Trittkante. »Aber sehen Sie mal hier: Völlig durchgetreten. Können Sie am einfachsten mit Fertigparkett aus dem Baumarkt verkleiden. Und über eine Trittschalldämmung sollten sie nachdenken.«
Während ich dem Gutachter ins Obergeschoss folge, betrachte ich die ausgetretenen Stufen. Wie viele Male bin ich die wohl gelaufen? Erst jetzt fällt mir die schöne Maserung des Holzes auf. Ungezählte Schritte haben die Stufen an diesen Stellen poliert. Geschliffen wie Kiesel im Spiel der Gezeiten am Strand. Der Handlauf ist abgegriffen von den vielen Händen, die Halt gesucht haben.
»Bei der Treppe muss man wirklich aufpassen, dass man nicht fällt«, sagt der Gutachter. »Also das muss dringend gemacht werden.«
»Hier wurde halt gelebt«, antworte ich.
Und gefallen, denke ich. Und wieder aufgestanden und gleich wieder gefallen. Manchmal auch einfach nur übereinander her, mit Zähnen und Klauen, wie man es nur innerhalb einer Familie kann. Aus Zorn, aus verletztem Stolz, aus Liebe, die man nicht richtig rüberbringen konnte. Alles in diesen Mauern.
»Ja ja«, sinniert er, »so ein Haus birgt viele Erinnerungen.«
Will er mich jetzt veräppeln oder sich bei mir anbiedern?
»Ich bin hier sogar zur Welt gekommen«, informiere ich ihn. »Meine Mutter wollte eine Hausgeburt.« Hausgeburt ist eigentlich auch ein ulkiges Wort.
Das will er aber alles irgendwie nicht hören. »Bakelit«, wechselt er das Thema. Er dreht an einem schwarzen Schalter herum. Nichts tut sich.
»Mein Onkel hat die Sicherungen rausgedreht.« Ich wende mich um, will zum Sicherungskasten, doch er hält mich zurück.
»Nee, lassen Sie das mal besser. Die ganze Elektrik hier«, er wedelt mit dem Zeigefinger wie mit einem Lasso durch die Luft, »ist museumsreif. Die muss modernisiert werden. Die ist aus den 50ern oder 60ern. Stegleitungen, die machen gern Probleme im Bogenbereich und dann wird das Gummi porös und die Isolierung bricht …« Er winkt ab. »Würde mich auch nicht wundern, wenn wir hier noch Metallrohre mit textilummantelten Adern finden. Falls von dem Stoff überhaupt noch was übrig ist. Nee nee, da darf man nichts riskieren. Schätze mal, das schlägt sich mit etwa 10.000 EUR zu Buche.«
Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber je länger ich hier stehe, diese abgestandene Luft atme, in der noch immer eine Spur gelebten Lebens liegt ‒ eine Spur von meinem früheren Ich, das zu mir gehört, mehr denn je ‒ und ihm zuhöre, wie er einen Teil meiner Vergangenheit aburteilt, desto größere Lust verspüre ich, dieses Haus zu verteidigen.
Dabei kann der Mann gar nichts dafür. Er macht nur seinen Job und legt den »Unterhaltungsstau« schonungslos offen. Das Haus hat wohl jede Menge Redebedarf.
»Der Balkon ist abrissreif« und »Die Fenster müssen sowieso raus. Energetisch eine Katastrophe.«
Oder: »Die Holzdielen müssen aufgearbeitet werden.«
Außerdem: »Im Keller haben Sie Feuchtigkeitsschäden mit Rissbildung im Mauerwerk.«
Und nicht zu vergessen: »Die Zimmertüren müssen alle erneuert werden. Alle.«
»Wieso?«, protestiere ich. »Die sind doch noch gut.« Ich beweise es, öffne und schließe eine Tür. Quietscht ein bisschen, funktioniert sonst aber einwandfrei.
Er seufzt, zieht die Brille aus, massiert die Nasenwurzel. »So was hat heute doch keiner mehr. Und hier, schauen Sie mal, diese Tür hat sogar eine Delle.«
Ja, ich sehe es. Und erinnere mich. Da hat mein Bruder mal im Streit dagegen getreten. Kam fast mit dem Fuß durch. Aber nur fast. Jetzt wohnt er in München. Wir haben kaum noch Kontakt, bis auf die knappe E-Mail von neulich, dass er mit dem Haus nix zu tun haben will. Die Delle wirkt wie ein Gruß an mich.
»Wir können ja Goldpuder drüberstreuen«, gluckse ich.
Er guckt mich besorgt an. »Geht es Ihnen gut?«
Ob es mir gutgeht? Interessante Frage. Ich atme durch und muss lächeln. Es geht mir überraschend gut. Ich hatte Angst, hierher zurückzukehren, wirklich! Doch statt randvoll mit bitteren Erinnerungen fühle ich mich auf einmal angenehm leer. In diesem Haus hat es nicht nur Streit gegeben. Es ist auch viel Gutes passiert. Wir haben alle irgendwie unser Bestes gegeben. Das Haus und ich, wir sind uns ähnlich. Wir haben unsere Macken und Risse. Manches wurde übertapeziert, damit es besser ausschaut, anderswo blüht es immer wieder aus. Trotzdem stehen wir noch ganz gut da. Trotz allem.
»Ich glaube, wir sind hier fertig«, sage ich. »Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben. Schicken Sie mir die Rechnung.«
Irritiert betrachtet er meine ausgestreckte Hand. »Aber der Speicher. Und wir wollten uns noch die Rückfront anschauen. Und die alte Scheune.«
Ich merke, er will noch nicht gehen. Seine Aufgabe ist noch nicht erfüllt, die Begehung noch nicht zu Ende. Dabei weiß ich gar nicht mehr, ob ich das Haus noch verkaufen will.
Aber ich will auch nicht, dass er sich schlecht fühlt. Also lasse ich ihn noch ein bisschen gucken und über versottete Kamine, alte Wasserrohre und vergammelte Fensterstürze fachsimpeln. Allerdings höre ich nicht mehr hin. Ich habe mit der Fußspitze etwas in den Dreck auf dem Linoleumboden geschrieben.
Zwei Worte.
Hallo Haus

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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3322

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.01.2020 09:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Text smile

Dich mag ich. Ein klein wenig Bedenken habe ich, dass du mir doch ein bisschen zu ausformuliert bist. Mir als Leserin zu viel abnimmst, es mir quasi zu leicht machst. Ich mir ein bisschen mehr Freiraum gewünscht hätte.
Andererseits hast du eine wunderbar unaufgeregte Art zu erzählen, so dass das, was sich für mich nach "zu viel" anfühlt, wenigstens nicht aufdringlich daherkommt.

Bin schon sehr gespannt aufs zweite Lesen smile

Zweites Lesen:
Ich mag das immer noch. Diesen Makler vor allem, und dass ich ihn nicht unsympathisch finde. Das wäre ja viel leichter gewesen (glaube ich), den mieser (oder fieser?) darzustellen, aber so - ich kann ihm irgendwie gar nicht böse sein, bin fast schon kurz davor, ihn liebzugewinnen, weil er sich so ins Zeug legt.
Und das Ich. Und was ist mir dir?, will ich ihm hier
Zitat:
Ich merke, er will noch nicht gehen.

zurufen. Was willst du?
Und auch das könnte ich unsympathisch finden oder nein, nicht unsymphatisch, aber ich könnte ja auch ungeduldig werden mit diesem Ich, dass sich von diesem Haus, diesem Makler vereinnahmen lässt. Aber gleichzeitig ist da so ein gewisser Abstand, ein Abschied nehmen und Ankommen gleichzeitig, ein "es ist gut" das sich zwischen den Zeilen hindurchdrückt. Oder nein, eigentlich steht das ja schon ziemlich deutlich da, aber dennoch hat es eben diese unaufdringliche Unaufgeregtheit.

Und was mir jetzt noch eingefallen ist, nachdem ich mich einem anderen Text gewidmet hatte: Ich mag, dass du kein großes Bohei um die Vergangenheit machst. Denn auch das könnte man ja aufbauschen, irgendwelche großen Themen andeuten (wer weiß, vielleicht gab es die ja auch), aber so habe ich mehr den Eindruck, na ja, lief wohl nicht unbedingt optimal, aber wo tut es das schon.
Passt dann - jetzt, wo ich so darüber nachdenke, auch zum "für gut achten", weil so ist das mit der Vergangenheit ja irgendwie auch, man hat seine Gedanken/Bewertungen/Urteile dazu, aber vielleicht könnten die auch ganz anders ausfallen.
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nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 3968
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.01.2020 16:23    Titel: Antworten mit Zitat

Ist mir zu flach. Ich finde auch den Gutachter seltsam. Wirkt, als steckte er mit einem Bauunternehmer bzw. einer Sanierungsfirma unter einer Decke. Die Prota dagegen meint, er müsste das Haus für gut erachten, weil es ihr Elternhaus ist.

EDIT:
Sorry für den kurzen, etwas nörgeligen Kommentar, aber die Zeit hat leider nicht mehr für etwas Ausführlicheres gereicht.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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Kiara
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Beiträge: 1002
Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 21.01.2020 20:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Der erste Eindruck des Textes meinerseits, rein subjektiv natürlich, bitte nicht überbewerten.

Ein schöner Text, der mir gefällt. Er liest sich nahezu unterhaltend, was bei diesem Wettbewerb manchem aufstoßen könnte. Mir fehlt hier der Interpretationsspielraum, der für die Geschichte auch essenziell ist, außer, man spekuliert darüber, was bei Haus und Prota in der Vergangenheit vorgefallen ist.

Zu meckern habe ich außerdem nichts gefunden.
Ich gebe für die Geschichte, weil ich sie mag, 4 Punkte.

Mein Lieblingsteil ist das Ende: "Ich habe mit der Fußspitze etwas in den Dreck auf dem Linoleumboden geschrieben. Zwei Worte. Hallo Haus."

Liebe Grüße


_________________
- Das Mahnmal (2019)
- Band 2 (2020)
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Babella
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 57
Beiträge: 695

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 22.01.2020 07:42    Titel: Antworten mit Zitat

Ein altes Haus aus zwei Perspektiven betrachtet - der Gutachter sieht das Materielle, für den, der darin aufgewachsen ist, ist es ein Schatz von Erinnerungen. Das, was äußerlich reparaturbedürftig scheint, macht den besonderen Reiz aus - ausgetretene Treppenstufen, zerdellte Türen. Letztlich gewinnen diese Reize den Erzähler, er will sich die Entscheidung, zu verkaufen, noch überlegen. Ist das schon Kintsugi? Repariert wird ja nichts. Nicht zu diesem Zeitpunkt.

Die Beschreibung dessen, was im Haus geschehen ist, wirkt ein wenig flach, allgemein. Ja, man hat gestritten, das ist überall so, warum ist der Erzähler davongelaufen, und was hat ihn so negativ eingenommen?

Flüssig erzählt, auch ansprechend, wie ich finde, obwohl ich nicht glaube, dass ein Gutachter so daherreden würde. Der ist ja nicht zum ersten Mal in einem alten Haus und wird durchaus den Charme alter Häuser kennen. Was "man nicht mehr hat", lässt sich an einem Haus ja nicht so einfach ändern wie die Garderobe.

Innerhalb des Wettbewerbs aus meiner Sicht im guten Mittelfeld.
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Ribanna
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Alter: 56
Beiträge: 349
Wohnort: am schönen Rhein...


BeitragVerfasst am: 22.01.2020 08:00    Titel: Antworten mit Zitat

Ich kommentiere hier mal, um Punkte zu verteilen.

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Wenn Du einen Garten hast und eine Bibliothek wird es Dir an nichts fehlen.
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V.K.B.
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

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Wohnort: Diaspora
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 23.01.2020 00:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
vorweg ein paar spontane Lesegedanken:

Zitat:
Achtung empfinden? Auf eine gute Weise? Von wegen!
Doch eher "das Gute achten", oder? Ich hab aber auch schon oft gedacht, was für ein Zynismus dieses Wort eigentlich doch ist. Kein Gutachten achtet das Gute, sondern hebt stattdessen die Makel hervor.
Könnte ein interessanter Text werden, ich lese gespannt weiter.

Zitat:
Der Handlauf ist abgegriffen von den vielen Händen, die Halt gesucht haben.

Schön mehrdeutig!

Zitat:
das schlägt sich mit etwa 10.000 EUR zu Buche.«
Würde Euro entweder ausschreiben oder mit €-Zeichen versehen. Oder sagt er wirklich EUR als Abkürzung wie eine Bankseite?

Zitat:
Er macht nur seinen Job
Eine Rechtfertigung, die mich noch nie überzeugt hat. Denn das tut ein Folterknecht, ein Henker oder ein KZ-Aufseher auch.
Zitat:
zieht die Brille aus
Was? Seine Brille ist bekleidet? Laughing (okay, mag vielleicht regional sein, aber für jemanden, der nicht aus der Region kommt, liest sich das eher amüsant.)

Zitat:
»Wir können ja Goldpuder drüberstreuen«, gluckse ich.
Sich kaputt lachen (auch wenn oder gerade weil es ein Meta-Witz ist, den man außerhalb des Wettbewerbs wohl kaum verstehen würde). Ach was, tatsächlich finde ich den ziemlich genial. Weil du damit wirklich Goldlack über deinen Text streichst, auf Meta-Ebene sozusagen.

Zitat:
Allerdings höre ich nicht mehr hin. Ich habe mit der Fußspitze etwas in den Dreck auf dem Linoleumboden geschrieben.
Zwei Worte.
Hallo Haus
Das Ende gefällt mir sehr

Schöne Geschichte, gefällt mir sehr gut. Kommen wir zu den Vorgaben: Ist das E im Sinne des Wettbewerbs, was ich dieses Jahr nach den Anmerkungen im Bewertungsfaden fundamentalistisch auslege. Ist der Text also ungewöhnlich, sperrig, mehrschichtig, interpretationsbedürftig? Schwierig hier, hart an der Grenze. Ganz hart. It's a pass, aber wirklich ganz knapp. Sperrig ist der Text nicht, wirklich ungewöhnlich auch nicht, aber auf Interpretationsebene liegt eine ganze Menge drin. Es ist nicht alles so sonnenklar, wie es scheint, wenn man anfängt, darüber nachzudenken. Fällt mir gerade schwer, das zu rechtfertigen, wo ich bei anderen Texten an der Grenze anders entschieden habe. Willkür? Klar, weil jedes "Gutachten" letztendlich Willkür ist. Nichts ist perfekt, alles hat irgendwelche Mängel, und alles, was Mängel hat, kann man mangelhaft nennen. Dein Text bringt mich aber dazu, wirklich "das Gute achten" zu wollen, und das ist damit keine Willkür, sondern ein Gedanke, der dein Text in mein Hirn gepflanzt hat. Und damit ist die Entscheidung gerechtfertigt. Dein Text nimmt einen von Anfang an mit auf einen Gedankenzug, die Vorgaben sind hervorragend umgesetzt, das Haus wie ein Relikt aus einem fremden oder fremd gewordenen Land, das dann doch wieder zur Heimat wird. Trotz aller Narben und Rissen das Gute sehen, und Goldlack drüber, sogar auf Metaebene. Das alles gefällt mir wirklich sehr gut, und da kann fehlende Sperrigkeit kein Ausschlusskriterium mehr sein.

Ob es auch für Punkte reicht, kann ich noch nicht sagen, aber die Chancen stehen nicht schlecht. Ich habe bisher die Hälfte der Texte gelesen und davon über die Hälfte aus der Wertung genommen, weil sie es nicht über die für den Wettbewerb extrem hohe E-Grenze schaffen. Warum ich deinen Text durchlasse, habe ich hoffentlich nachvollziehbar begründet, so dass sich niemand benachteiligt fühlt. Das Werten fällt mir dieses Jahr aber auch wirklich schwer. Wie gesagt, es war der Grundgedanke deines Texts selbst, der ihm über die Hürde geholfen hat, und damit nicht mein Wohlwollen oder persönlicher Geschmack, den ich bei diesem Wettbewerb weit nach hinten zu stellen versuche. Der entscheidet dann nur noch darüber, wie viele Punkte ein vorqualifizierter Text bekommt, und die verteile ich erst, wenn ich alles gelesen habe.

Gerne gelesen und beste Grüße,
Veith

Abschließend, nach ewigem einigem hin und her Überlegen, wüsteste Flüche über den Wettbewerb ausstoßen, Tischkanten zerbeißen und das gesamte Dictionnaire Infernal rauf und runterbeschwören, landet deine Geschichte im gelben Bereich und erfüllt damit die Anforderungen an den Wettbewerb, wie ich sie momentan verstehe, teilweise. Sie landet auf Platz 9 meiner Top Ten und erhält damit 2 Punkte.


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gold
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Alter: 67
Beiträge: 6254
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 05:32    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Inko,

atmosphärisch gut erfasst.  Ich bin direkt inmitten der Begehung. Die Emotionen der Protagonistin werden ein Stück weit zu meinen. Die Vorgabe ist auch erfüllt. Aufgrund der Thematik hat es die Story dennoch nicht unter meine zehn Favoriten geschafft. Sorry.

Liebe Grüße
gold


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Literättin
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BeitragVerfasst am: 23.01.2020 07:31    Titel: Antworten mit Zitat

Doch, das ist ein sympathischer Text, dem ich gerne folge. Solide geschrieben, auch witzig. Gekonnt auf jeden Fall. Und ich mag diese kleine Szene. Die Figurenzeichnung sitzt und ist in sich stimmig. Es ist nirgends zu dick aufgetragen oder auf Effekt geschrieben. Diese keine Szene lebt. Der Schluss, auch wenn in der Tendenz vorhersehbar und fast ein wenig zu betulich, schafft es dennoch mich zu berühren: es sind die leisen Töne, die das ausmachen. Und es ist das als mangelhaft bewertete, das Unschöne, Unsolide, das Ge- und Zerbrechliche, das hier vom Protagonisten am Ende verteidigt wird gegen eine Be- und Verurteilung und Instandsetzung. Hier soll kein Goldlack drauf. Das hat was. Eine wagemutige kleine Revolte ist das schon, denn ein solches Haus ist heute nichts mehr wert (und eigentlich ein Unding, angesichts aller zeitgemäßen Bau- und Isolier- und Energiegedönsvorschriften. Ich mag das. Mal sehen, wo der landet, der Text.

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when I cannot sing my heart
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- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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schreiberlinga
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Beiträge: 81



BeitragVerfasst am: 23.01.2020 11:23    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe die Wettbewerbstexte in der Regel nur einmal durchgelesen. Mein Kommentar darunter ist also eine ziemlich spontane Reaktion. Ich hoffe, dass du trotzdem - oder gerade deswegen - von meinem ersten Eindruck profitierst.

Mir erschienen die Personen lebhaft vor Augen - vor allem der Gutachter. Es dauerte ein paar Sätze, bis ich verstand, was los war. Aber zum Glück dauerte der Einstieg nicht zu lange. Ich fand den Dialog zwischen den beiden spannend, gerade weil sie das Haus so unterschiedlich betrachteten. Gegen Schluss musste ich sogar schmunzeln. Mir gefällt auch die Leichtigkeit und der Humor des Erzählers, als er gegen Schluss nicht mehr alles so negativ sieht.
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traumLos
Hobbyautor


Beiträge: 375



BeitragVerfasst am: 24.01.2020 16:34    Titel: Antworten mit Zitat

Da gibt es so viele aufwühlende Texte und dann gefällt mir diese ruhig erzählte Geschichte am besten. Stimmig bis zum Ende, in einer angenehmen Sprache, lesbar und dennoch nicht zu einfach geschrieben. Unnötig zu erwähnen, dass ich auch die Vorgabe sehr gut erfüllt sehe. Dieses Haus muss nicht von Christo verhüllt werden, sein Wert ist seine Geschichte.

12 Punkte


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MoL
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Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 25.01.2020 11:02    Titel: Antworten mit Zitat

Ohhhh! Schööööön!

Ein ganz wunderbarer Text, lieber Inko!

Vorgaben sehe ich als erfüllt an, selbst das mit dem Gold - schon ein bisschen plump getrickst, aber der Text ist ja so dermaßen charmant geschrieben... Echt und wirklich toll!

Was mir besonders gut gefällt, ist die (schwere) Leichtigkeit des Ganzen, spricht: Der Text wirkt (bis auf die kleine Gold-Delle) nicht so, als wäre er für den Wettbewerb geschrieben worden (obwohl er das natürlich ist), als hättest Du damit Vorgaben zu erfüllen gehabt, sondern, als hättest Du ihn einfach um seiner selbst willen geschrieben. Smile

Falls ich bepunkte, gibt das auf jeden Fall welche! Smile
Ich lese querbeet, daher ist das jetzt eine recht vage Aussage, aber: Bisher mein Favorit! .-)


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"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
NEU - NEU - NEU:
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris, 31. Oktober 2019.
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 25.01.2020 13:26    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr anschaulich ge- und beschrieben!

Dass man eine Brille auch "ausziehen" kann, habe ich heute das erste Mal gehört. Mit einer gewissen Erheiterung.

Angenehm zu lesen. Danke für den Text!


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Kojote – zu allem fähig, zu nichts zu gebrauchen!
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 25.01.2020 20:54    Titel: Antworten mit Zitat

Die Situation mit dem Begutachten des Hauses gefällt mir als Idee für das Thema, das ich als erfüllt ansehe.

Und was da alles bemängelt wird, huch.

Zum Schluss wird mir zu viel erklärt.

Könnte mir vorstellen, den Text mit

Zitat:
Die Delle wirkt wie ein Gruß an mich.  


enden zu lassen.

Dann hätte ich noch was zum Nachdenken.
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Catalina
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BeitragVerfasst am: 26.01.2020 13:03    Titel: Antworten mit Zitat

Der Protagonist/die Protagonistin (irgendwie habe ich hier eine Frau im Kopf) möchte ihr Elternhaus schätzen lassen und begeht es mit einem Gutachter. Nur widerwillig lässt sie sich auf die Konfrontation mit der Vergangenheit ein, merkt aber im Laufe der Besichtigung, dass vieles schon geheilt ist und sie sich mit ihrer Vergangenheit versöhnen kann.

"Die Vergangenheit ist ein fremdes Land" ist gut umgesetzt. Die Vergangenheit fühlt sich auf einmal nicht mehr so (desolat) an, wie sie lange für die Protagonistin war.
 
Kintsugi fließt hier durch das Haus ein, das für die Protagonistin (ich bleibe jetzt dabei) umso wertvoller wird, je mehr Spuren das Leben bzw. ihre Vergangenheit an ihm sichtbar sind. Das ist eine so schöne Idee, das es dafür einen Extrapunkt gibt.


Die Botschaft ist schön. Ein sehr hoffnungsfroher, optimistischer Text.

An Deinem Stil gibt's nichts zu meckern. Mir gefällt die ganz feine Ironie, die in durchzieht. Er ist so souverän, dass ich Dir durchaus zutraue, auch mal alte Pfade zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Vielleicht das nächste Mal?

---

Wegen der guten Umsetzung hast Du fünf bis sechs Texte überholt, die ich ohne Berücksichtigung der Vorgaben besser bewertet hätte - Platz sechs für Dich.

Mu
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a.no-nym
Hobbyautor


Beiträge: 382



BeitragVerfasst am: 26.01.2020 22:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, lieber Inko,

Dein Text hat mich schon bei der ersten Begehung eingefangen. Die Umsetzung der Vorgaben empfinde ich als sehr gelungen.

Atmosphäre, Dialog mit dem Gutachter, Gedanken und Gefühle des Protagonisten – bis hin zu kintsugisierten philosophischen Betrachtungen nebst Entfaltung vielfältiger Bedeutungsebenen ... sicher komme ich hier noch öfter vorbei, um mich auf den knarrenden Stufen niederzulassen.

Freundliche Grüße und die besten Wünsche
a.
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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 27.01.2020 17:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hausbegehung mit Gutachter. Erinnerungen poppen auf. Es ist das Elternhaus, Erinnerungen an Krach und Streit und Enge und ein heimeliges Gefühl. Am Ende, oh Wendung, wird die Begutachtung mental abgebrochen und die olle Hütte begrüßt.

Vorgaben erfüllt. Story so lala.


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Froh zu sein bedarf es wenig.
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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 28.01.2020 13:52    Titel: Antworten mit Zitat

Die Eltern sind wohl gestorben, die Protagonistin (ist doch eine Sie? Ich glaube, das wird nirgendwo erwähnt.) lässt das Haus schätzen und setzt dem abwertenden Ton des Gutachters Erinnerungen und Widerstand entgegen.
Sehr schön der Einstieg mit den Gedanken über das Wort „Gutachten“ und die wiederholten Schnitte zwischen Erinnerungen und Gutachterton. Die Protagonistin (ich bleibe einfach mal bei meinem Eindruck) wird in diesem Hin und Her für mich lebendig. Das fremde Land: Kindheit in diesem Haus: Gebrochen: Wohl nicht nur die Elektrokabelisolierung. (Gut recherchiert oder fachkundig.)
Womit ich meine Mühe habe, ist der Schluss. Da ist (für mich) einfach eine Prise zu viel Goldstaub drübergepudert. Der Ton kippt ins Vergnügliche „Alles wird gut“. Natürlich muss in E-Lit nicht jeder Charakter gebrochen sein, aber hier verliert die Geschichte ein wenig ihre Richtung.


_________________
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 29.01.2020 10:39    Titel: Antworten mit Zitat

Klarer Bezug zum Thema und einer der Texte, bei dem auch das Kintsugi deutlich erkennbar einfließt in Form der Erkenntnis, dass Beschädigtwerden unvermeidbarer Bestandteil des Lebens ist. Gelungene Parallelen zwischen dem Zustand des Hauses und emotionalen Zuständen.  

Oberes Mittelfeld: 7 Punkte.

LG
DLurie
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Jenni
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3936

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 29.01.2020 23:42    Titel: Antworten mit Zitat

Das gefällt mir gut. Und jetzt muss ich echt mal zusammenkriegen, warum. Es ist ein Dialog zweier Menschen über ein Haus, das für den einen einen Sachgegenstand darstellt, dessen objektiven Wert es zu schätzen gilt, und für die(?) andere voller Erinnerungen aus vergangener Zeit ist. Und dieses Haus wird so lebendig, die Erinnerungen, ich kann mir das längst verstummte Leben darin vorstellen, weil die Erinnerungen so zugleich persönlich (spezifisch) sind, aber zugleich Erinnerungen, wie sie vielleicht jeder hat, das weckt Bilder, aber so leicht zersplitterte, das gefällt mir. Das andere, was ich hier sehr mag, ist die Versöhnlichkeit. Wie die Erzählerin zu dem Schluss kommt, hier schwierige aber auch schöne Zeiten erlebt zu haben, das finde ich authentisch und angenehm, zumal nach all den verbitterten Rückblicken auf schreckliche Kindheiten in diesem Wettbewerb. Und diese Versöhnlichkeit enthält auch auf sehr schöne Weise das Kintsugiprinzip (selbst ohne Goldpuder drüber zu streuen). Je mehr der Makler die Makel des Hauses in den Vordergrund rückt, desto positiver betrachtet es die Erzählerin, „achtet es für gut“. „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land“ dagegen, ist hier (wie in vielen Texten) ein bisschen reduziert auf „Die Vergangenheit ist die Vergangenheit“. Vergangenheit ist gelungen thematisiert, aber das ist eben noch nicht das ganze Thema.
Aber Punkte kriegst du von mir, und zwar 6 Punkte.
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2831

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 30.01.2020 19:55    Titel: Re: Für gut achten Antworten mit Zitat

Bonjour

Der Protagonist möchte das Elternhaus verkaufen, es endlich los werden, wegen unschöner Kindheitserinnerungen und wegen dem Aufwachsen wie im Gefängnis, muss dann aber feststellen, nach dem ein Gutachter den Zustand des Hauses schlecht redet und überall etwas zu mäkeln hat, dass der Protagonist den Gutachter abblitzen lässt und das Haus doch annimmt. Soweit verständlich.

Zu den Vorgaben:
Du hast die erste Variante umgesetzt: ein Gespräch von zwei Personen,
dazu die Einheit des Ortes auf das Haus begrenzt und als Einheit der Zeit die Besichtigung durch den Gutachter geschildert.
Soweit ok.

Was das Kintsugi-Prinzip angeht, so vermute ich zum einen das Haus als mit Makeln behaftet und reapraturbedürftig. Hierzu wird der Makel durch den Gutachter hervorgehoben. Der Gutachter ist in gewisser Weise neutral, objektiv und wertschätzt den Makel nicht, aber der Protagonist entwickelt im Verlauf des Gesprächs seine Sympathie fürs Haus, somit erfolgt die Wertschätzung des Hauses durch den Protagonisten. Andererseits hat der Protagonist einige Traumata durch sein Leben im Haus erfahren, wollte es zu Beginn so schnell wie möglich los werden, er war froh, als er es verließ mit "Ihr könnt mich alle mal!", nur um am Ende des Textes und somit auch des vorgezogenen Endes der Besichtigung ein Umdenken zu erfahren und in der Annahme/Begrüßung des Hauses mit "Hallo Haus" seine "Heilung" zu zeigen.
Soweit auch ok.

Womit ich mich schwer tue, ist die Umsetzung des Themas zu erkennen. Für den Protagonisten ist die Vergangenheit nicht fremd, kein fremdes Land, sondern der Protagonist erinnert sich noch sehr gut an Vergangenes und hat auch seine guten Gründe zu Beginn des Textes, warum er das Haus los werden möchte. Für den Gutachter kann die Vergangenheit kein fremdes Land sein, dafür bietet mir die Perspektive, aus der der Text erzählt wird, nicht die Möglichkeit, dies zu erkennen. Sicherlich weiß der Gutachter nichts über die Kindheit des Protagonisten im Haus, für mich ist dies auch nicht das Thema der Geschichte. Dafür hätte mMn die Geschichte aus Sicht des Gutachters erzählt werden sollen, vielleicht hätte dann die Umsetzung des Themas funktioniert in Kombination mit dem Kintsugi-Prinzip, denn den Makel hätte der Gutachter weiterhin hervorheben können, sicherlich wäre es dann schwierig gewesen, die Wertschätzung des Gutachters zu verdeutlichen, weil dann die Sicht des Protagonisten gefehlt hätte. Einen Tod musste der Text sterben, als war es der hier gewählte.

Zum Text selbst:
Guy Incognito hat Folgendes geschrieben:
Bereits beim ersten Blick. »Das entspricht ja alles nicht mehr dem heutigen Standard.«
Dabei setzt sich das Wort »Gutachten« doch aus »gut« und »achten« zusammen, denke ich.
Achtung empfinden? Auf eine gute Weise? Von wegen! <-- Hätte der Protagonist einfach im Duden nachgesehen: "Synoyme für Gutachten: Begutachtung, Beurteilung, Bewertung, Einschätzung, Kritik, Referenzen, Stellungnahme, Urteil, Zeugnis; (besonders Wirtschaft, Kunsthandel, Recht und Politik) Expertise". Allein schon das Wort "gut" ist eine Beurteilung, Bewertung. So ganz plausibel und nachvollziehbar ist mir dieser Unmut des Protagonisten nicht.
Ich begreife, ich habe das Wort »für« vergessen. <-- Ungeachtet des Wortes "für", steckt im Wort "gut" genau das, was der Protagonist mit "beurteilend" und "bewertend" kritisiert.
Für gut achten.
Und schon sieht die Sache anders aus.
Beurteilend.
Bewertend.  
<-- Insgesamt beurteile ich den Einstieg des Textes als nicht gut, weil ich das Problem/den geäußerten Unmut des Protagonisten mit dem Wort "Gutachten" nicht verstehe.

Dafür ist der Mann schließlich hier, denke ich. Um den Marktwert dieses Hauses zu ermitteln.
<-- Wie das Wort "Gutachten" impliziert, oder? Eine Bewertung des Hauses, um dessen Marktwert zu ermitteln. Der Einstieg in den Text ist für mich weiterhin misslungen. Fünfzehn Jahre habe ich es nicht mehr betreten. Im Staub kleben noch meine letzten Worte: »Ihr könnt mich alle mal!«
[...]



Der Autor scheint einiges über Baumarkt und Haussanierung zu wissen. Ob das den Text mehr ins E hievt, mag ich nicht beurteilen, aber eines kommt in mir auf: liest sich für mich dem Einstieg folgend als ein Standardtext mit einiges an Comfortzone. Der Text ist nett geschrieben, liest sich soweit gut und folgt einer klassischen Dramaturgie. Ein anfänglicher Konflikt, dann mal wieder eine unschöne Kindheit, an die der Protagonist sich erinnert, am Ende als Kreisschluss eine Wendung, um eine innere Entwicklung im Protagonisten zu zeigen: Anstelle das Haus zu verkaufen, möchte er es behalten. Well.
Einfach gestrickt und einfach gedacht,
einfach gelesen und einfach gemacht:
Leider bleibt wenig nach dem Lesen,
er gerät ins Vergessen.
Schade.

Merci beaucoup
Constantine
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Lalanie
Geschlecht:weiblichSchreiberassi


Beiträge: 58
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 01.02.2020 23:07    Titel: Antworten mit Zitat

Da ich ein Neuling in diesem Forum bin, folge ich dem Ratschlag eines Mitglieds und schreibe nur einen Kommentar ohne Bewertung – ich hoffe, das wird mir nicht übelgenommen.
Dein Text ist wahrlich großartig! Bei meinem letzten Kommentar nannte ich den Text meinen Favoriten; dieser Text kommt für mich direkt danach. Mir gefällt der Umschwung von sehr abweisend und negativ hin zu positiv, optimistisch, die Betrachtung des Lebens mit all seinen Schrammen und Ecken und Kanten, die die Hauptfigur zu schätzen weiß, was ja wunderbar das Kintsugiprinzip aufgreift. Dass die Vergangenheit ein fremdes Land ist, ist für mich nicht ganz eindeutig dargelegt, allerdings ist die Figur ja sehr lange nicht in diesem Haus gewesen. Der Höhepunkt der Geschichte war für mich der Satz "Hier wurde halt gelebt" – humoristisch, trocken, wahrheitsliebend. Dein Stil ist für mich ein einziger Traum und ein wunderbares Vorbild. Zuletzt noch der Titel – ein kleiner Geniestreich für mich durch die Kombination aus dem Wortspiel des Gutachtens und dem respektvollen Umgang, den die Hauptfigur mit dem Mann pflegt, den sie eigentlich als abstoßend empfindet. Großartig! Vielen Dank dafür!
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