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Mit Mutter und Vater am Frühstückstich


 

 
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Erinnerung&Sehnsucht
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 35
Beiträge: 61
Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 05.12.2019 23:54    Titel: Mit Mutter und Vater am Frühstückstich eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ihr Blick, einfach und stoisch, ist auf das Blümchenmuster der Kaffeetasse geheftet. Sie starrt auf die trübe Oberfläche der Flüssigkeit, als ob sie ihr Spiegelbild darin suchen würde. Ich trete näher und setze mich neben sie. Mit einem inneren Klicken setzt ihr Mutterinstinkt ein. Ihr Kopf wird lebhaft und reich an Bewegung. Sie steht auf und macht sich dienstbar. Umkreist mich wie ein Vogel sein Nest und versucht meine Wünsche zu erraten. Mütter tragen eine innere Checkliste mit den Bedürfnissen aller Anwesenden in sich, die sich immer und immer wieder durchgehen. Wenn sie sich dann wieder hinsetzt und niemandem einen Wunsch erfüllen konnte, ist das wie ein kurzes Versagen, welches sie dann widerwillig aussitzen muss.
›Aber du möchtest doch sicher…‹
Ihre hysterische Fürsorge, ist wie ein Wellenring auf einem unruhigen Gewissen. Währenddessen blickt er auf seine Zeitung. Er liest sie nicht wirklich. Seine Augen bewegen sich viel zu hastig. Als ob sie im Schnelldurchlauf nach einer bestimmten Textstelle suchen würden, springt sein Blick über ganze Zeilen und Absätze. Die Sehgewohnheit eines Mannes, der sich eigentlich nur vergewissern will, dass es nichts Neues auf der Welt gibt. Dass es ›immer der selbe Scheiß‹ ist. Das Zeitungslesen ist ein morgiges Ritual des Unmuts. Eine Kabine aus Papier in die er sich zurückzieht, wenn er mit der Familie bei Tisch sitzt. Er will dort einfach sitzen und nicht gestört werden. Er in seiner Kabine, seinem schalldichten Raum. Seinem Nicht-teilnehmen-müssen. Seinem Lasst-mich-in-Ruhe. Vater sieht mich über den Rand seiner Zeitung an, als ob es ein Lattenzaun wäre. Der Tisch steht vor einem großen Bücherregal. Der Inhalt gehört meiner Mutter. Kaum etwas davon hat sie gelesen. Sie hat keine Zeit dafür. Es sind einige Bücher aus ihrer Jugend. Sie stehen dort aufgereiht wie ihre vergessenen Träume. Ein dekoratives Element im Hintergrund. Bunte Bücherrücken und abgestellte Gedanken vor dunklem Holz. Die Sonne am Fenster blendet mich mit ihrem Licht. Es fällt mir mitten in die Augen und gibt mir das Gefühl bei einem Verhör zu sitzen. Die Bissen welche ich mit der Gabel aufnehme, sind so spärlich dass ich vor allem den Eisengeschmack des Bestecks schmecke. Rühreier liegen auf dem Teller. Der Geruch vermischt sich in meiner Nase mit dem Kaffee meiner Eltern. Das ist die übliche Prozedur. Die tiefe Stimme meines Vaters breitet sich wie eine Überschwemmung über den Tisch aus.
»Iss bitte ordentlich«
Ich fixiere den Teller weil ich nicht weiß, wie ich ihm antworten soll. Gerade schiebe ich kleine Klümpchen der Rühreier mit der Gabel hin und her, wälze sie wie Schneebälle auf dem weißen Porzellan. Schlagartig wird mir bewusst dass ich es damit noch schlimmer machen könnte.
»Willst du mich ärgern oder kannst du dich einfach nur nicht benehmen?«
Die Frage ist schon ein paar Sekunden alt. Sie lauert auf eine Antwort. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich weiß gar nichts mehr und bringe keinen Satz hervor.
»Es tut mir leid«, ist alles was mir dazu einfällt.
 Es tut mir leid – ist ein Satz der gut in die Leere passt. Die erste Wahl unter den Lückenfüllern. Ein Zungenreflex mit dem man eigentlich nie daneben liegt. Wenn man sonst nicht weiß was man sagen soll, wirkt dieser Satz wie eine Brücke zwischen Unverständnis und Erwartung. Er ist schnell ausgesprochen und fast immer zufriedenstellend. Selbst wenn es zu wenig sein sollte, ist es trotzdem ein guter Anfang. Ein ›Tut mir leid‹ kann man jemandem nur schwer vorwerfen. Besonders wenn man mimischen Nachdruck leistet und dann direkt dazu übergeht zu schweigen. Man muss es nicht mal ehrlich meinen, sondern nur fühlen und dem Druck nachgeben. Man fällt in dieses Bekenntnis und dann dauert es ein wenig, bis man wieder aufsteht. Auch ihm ist das gut genug. Dann schlucke ich jeden Bissen mit Gewalt und spüre dabei seine Blicke auf mir. Meine Beine unter dem Tisch bleiben unruhig. Sie traben auf der Stelle und versuchen davonzulaufen. Er ignoriert mein Gezappel, weil er in Ruhe frühstücken möchte. Sich nicht jetzt schon ärgern will. Irgendwann ist er fertig. Sein Besteck klirrt leise als er es auf den Teller legt.
»Darf ich aufstehen?«, frage ich leise.
»Frag nicht so blöd«, erklingt die strapazierte Antwort.
 Ich entferne mich viel schneller von dem Tisch, als ich an ihn herangetreten bin.
»Möchtest du nicht raus gehen um zu spielen?«
Da ist endlich das Kommando. Es ist meine Mutter die fragt. Sie kreuzt ihre Blicke mit denen meines Vaters. Holt sich sein stilles Einverständnis. Wenn ich ihn beschreiben müsste, würde ich sagen, er sieht frühzeitig gealtert aus. Mindestens um zehn Jahre. Schütteres Haar und etwas bullig. Drei Tage Bart und abwesende Augen. Endlich darf ich raus.

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Babella
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 56
Beiträge: 661

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 06.12.2019 08:06    Titel: Antworten mit Zitat

Ui, das ist gut. Ich verfange mich selten in längeren Texten am Bildschirm, aber hier musste ich dranbleiben. Du hast die beklemmende Stimmung sehr gut eingefangen. Ich sehe ein bedauernswertes, verlegenes Einzelkind vor mir, das bei seinen desillusionierten, konventionellen Eltern sitzen muss und am liebsten unsichtbar wäre. Ich verorte das in den Siebziger Jahren, wobei, solche Eltern gibt es auch heute noch.

Ich brauchte ein paar Abschnitte, um mich zurechtzufinden, stelle dann fest, das Kind erzählt, das Kind, das man zum Spielen schickt, ist eigentlich zu jung, um so zu beschreiben. Vielleicht erzählt es viel später aus seiner Kindheit.

Soll es dieses kurze Textstück bleiben, könnte man das Kind auch einfach älter machen, Heranwachsende sind ja auch besonders kritisch.

Aber vielleicht ist das Teil deines Romans? Es macht jedenfalls neugierig, man wünscht Entwicklung, fragt sich, wie es dazu kommen konnte, möchte eigentlich hingehen und die Eltern schütteln und fragen, wo sie ihr Leben gelassen haben. Und dem Kind möchte man einen Strohhalm reichen, um Krümel vom Teller zu pusten, in ein Wasserglas zu blubbern oder ähnlichen Quatsch zu machen.
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3242

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 06.12.2019 10:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

lese gerade zum zweiten Mal und merke, wie die innere Lektorenstimme einsetzt und dies und das zu kritteln findet. Die will ich aber eigentlich gar nicht zu Wort kommen lassen, beim ersten Lesen ging es mir nämlich so ähnlich wie Babella, ich mochte das, vor allem, weil es so fühlbar bei mir ankommt, diese Beklemmung, das Hineinfallen in dieses "es tut mir leid" vor allem, der Absatz gefällt mir überhaupt am besten, da bin ich ganz bei der/dem Prota (tendiere zu einer Prota).

Ganz wie Babella haut mich das "spielen gehen" raus, ich hätte Prota deutlich älter eingeordnet.
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Kiara
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 40
Beiträge: 861
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BeitragVerfasst am: 06.12.2019 10:56    Titel: Antworten mit Zitat

Mir gefällt's.

Details, Hinweise, Erbsen usw. gerne später, wenn du dich im Forum eingelebt hast.

Schöner Einstand, danke für deinen Text!


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- Das Mahnmal (2019)
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Michel
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

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Beiträge: 2152
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BeitragVerfasst am: 06.12.2019 12:10    Titel: Antworten mit Zitat

Geht mir ganz ähnlich. Das ist ein Text, der mich hineinzieht in dieses blendende Licht und den Eiergeruch und das Sperrfeuer aus Abwertungen und Ablehnungen. Der mich gleich auf zwei Ebenen erreicht, aus der Perspektive des kritisierten Kindes - und im nervös-ängstlichen Frage, wie viel von diesem Vater vielleicht in mir selbst steckt.

Einen kleinen Bruch gab es bei »Frag nicht so blöd«; das kam mir persönlich schon übertrieben vor und nahm der Vaterfigur etwas von ihrer Glaubwürdigkeit, aber vielleicht bin ich da einfach etwas naiv.

Dass der Erzählton nicht mit der Erzählstimme eines Kindes übereinstimmt, hat mich nicht gestört und wäre mir wohl ohne die entsprechende Rückmeldung nicht aufgefallen. Zu sehr hat mich der Text-Singsang, den ich tatsächlich mehr höre als lese, am Wickel gehabt.

Ja, vermutlich würde ich ein paar Details zum Anstreichen finden, im Korrektorat. Wortwiederholungen, einen Kommafehler, solche Sachen. Dass man im ersten Durchgang so gut darüber hinweglesen kann, ist ein dickes Kompliment an den Text. Danke fürs Einstellen.


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Michel
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

Alter: 48
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 06.12.2019 12:11    Titel: Antworten mit Zitat

P.S.: Ich freue mich, dass ich trotz der Überschrift hineingelesen habe.

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Erinnerung&Sehnsucht
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 35
Beiträge: 61
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BeitragVerfasst am: 06.12.2019 13:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Stilmittel mit dem Widerspruch gleichzeitig aus der Sicht des Kindes zu schreiben, aber dennoch mit dem Verstand eines Erwachsenen, ist mir da sehr wichtig. Etwas gewagt ist es sicherlich. Aber ich finde es auch interessant. Es ist auch "semi-autobiographisch", aber sind das nicht alle Texte irgendwie? Und ja, das ist zweifelsfrei noch eine Baustelle. Aber ich mag die Seele welche sich beim Schreiben ergeben hat. Ich halte den Text nicht für wirklich sehr gut. Aber ich fühle sein Potenzial. Umso mehr Anspruch ich mir beim Schreiben erlaube, desto schwerer fällt mir die Umsetzung. Aber ich glaube ich kann damit an einen guten Punkt kommen. Gerne lasse ich mir dabei helfen. Das Ende sollte ich wirklich streichen. Das mit dem Spielen. Empfinde ich genauso. Aber irgendwie bin ich noch so naiv, dass mir jeder gestrichene Satz wehtut. Ich bin einfach mal so ehrlich. Wie ihr seht habe ich Ambitionen aber mangelnde Erfahrung. Ich hoffe es ist ok wenn ich euch nicht einzeln mit der Zitierfunktion geantwortet habe, sondern einfach zusammenfasse. Ich glaube das dieser Text mal gut werden kann. Aber ich beiße mir ein bisschen die Zähne daran aus. Mit den Ideen hatte ich nie Probleme. Aber die Umsetzung schafft mich.
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3242

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 06.12.2019 13:37    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde das ja gerade sehr spannend, dein Kommentar im Vergleich zum Text. Also so rein vom "wie ist das geschrieben" her. Stünde der Kommentar zur Frage, würde ich nämlich sofort sowas wie "Rythmus! Jeder Satz klingt gleich!" rufen smile

Beim Text stellt sich das Problem zum Glück nicht.

An deiner Stelle würde ich jedenfalls gar nichts streichen. So wie sich das anhört, bist du ja eher noch in der Findungsphase? Und weißt selbst noch nicht genau, ob und was daraus eigentlich werden soll? Also nicht nur aus diesem Ausschnitt, sondern dem "großen Ganzen"?
In dem Fall würde ich meine Zeit nämlich lieber in eben dieses große Ganze investieren, bevor ich hier irgendwas ändern würde.

In jedem Fall habe ich schon weit schlimmere Baustellen gelesen smile
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Erinnerung&Sehnsucht
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 35
Beiträge: 61
Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 06.12.2019 14:04    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hobbes hat Folgendes geschrieben:
Ich finde das ja gerade sehr spannend, dein Kommentar im Vergleich zum Text. Also so rein vom "wie ist das geschrieben" her. Stünde der Kommentar zur Frage, würde ich nämlich sofort sowas wie "Rythmus! Jeder Satz klingt gleich!" rufen smile

Beim Text stellt sich das Problem zum Glück nicht.

An deiner Stelle würde ich jedenfalls gar nichts streichen. So wie sich das anhört, bist du ja eher noch in der Findungsphase? Und weißt selbst noch nicht genau, ob und was daraus eigentlich werden soll? Also nicht nur aus diesem Ausschnitt, sondern dem "großen Ganzen"?
In dem Fall würde ich meine Zeit nämlich lieber in eben dieses große Ganze investieren, bevor ich hier irgendwas ändern würde.

In jedem Fall habe ich schon weit schlimmere Baustellen gelesen smile


Ich bin sowas von in der Findungsphase. Vielleicht sollte ich auch das Plotten lernen. Ich schreibe nämlich einfach nur munter drauf los. Aber ich bin auch ein richtiger Chaot. Ich brauch auch diese Spontanität ein Stück weit, erst beim Schreiben zu entscheiden wohin es geht.

Ich schreibe eben ganz normal? Da versuche ich nicht kunstfertig zu sein. Also ja, nicht jedes Wort von mir klingt poetisch. Für mich wirkt das immer ein bisschen affektiert.

Mir fällt das halt alles noch ziemlich schwer. Da mache ich keinen Hehl darauf. Ich glaube schreiben zu können. Aber der Feinschliff macht mir Probleme. Man könnte sagen ich weiß was ich will. Aber oft nicht wie ich es aus mir herausholen soll. Ich möchte auf das nächste Level. Mit dem Inhalt meiner Texte bin ich zufrieden. Bis dahin war der Weg lang. Aber die Klarheit ist oft meine Schwäche. Ich habe auch das Gefühl umso besser ich werde, desto schwerer ist die Steigerung. Ich glaube an mich. Aber es fällt mir schwer das was ich tue zu kultivieren. Aber solche Probleme sind vermutlich normal. Besser als es da steht, könnte ich es zur Zeit nicht. Aber ich will darüber hinaus.
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Erinnerung&Sehnsucht
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 35
Beiträge: 61
Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 06.12.2019 14:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Babella hat Folgendes geschrieben:
Ui, das ist gut. Ich verfange mich selten in längeren Texten am Bildschirm, aber hier musste ich dranbleiben. Du hast die beklemmende Stimmung sehr gut eingefangen. Ich sehe ein bedauernswertes, verlegenes Einzelkind vor mir, das bei seinen desillusionierten, konventionellen Eltern sitzen muss und am liebsten unsichtbar wäre. Ich verorte das in den Siebziger Jahren, wobei, solche Eltern gibt es auch heute noch.

Ich brauchte ein paar Abschnitte, um mich zurechtzufinden, stelle dann fest, das Kind erzählt, das Kind, das man zum Spielen schickt, ist eigentlich zu jung, um so zu beschreiben. Vielleicht erzählt es viel später aus seiner Kindheit.

Soll es dieses kurze Textstück bleiben, könnte man das Kind auch einfach älter machen, Heranwachsende sind ja auch besonders kritisch.

Aber vielleicht ist das Teil deines Romans? Es macht jedenfalls neugierig, man wünscht Entwicklung, fragt sich, wie es dazu kommen konnte, möchte eigentlich hingehen und die Eltern schütteln und fragen, wo sie ihr Leben gelassen haben. Und dem Kind möchte man einen Strohhalm reichen, um Krümel vom Teller zu pusten, in ein Wasserglas zu blubbern oder ähnlichen Quatsch zu machen.


Es ist quasi Teil meines Romans. Aber ehrlich gesagt ist es ein Flickenteppich. Viele Textfragmente die darauf warten eine Gesamtheit zu werden. Ich weiß auch noch nicht was bleiben darf und was ich rausnehme. Es ist ein Buch über Kinder und Jugendliche für Erwachsene. Soll also kein Jugendbuch werden. Der Text ist quasi eine gegenwärtige Rückblende, ein Neuerleben mit dem Intellekt eines Erwachsenen betrachtet. Das brauche ich auch für diverse semantische Spielereien. Wenn ich Subtexte und so hervorhebe. Oft schlüssle ich das auf, was man als Kind noch gar nicht verstanden hat. Ich schreibe quasi durch die Perspektive des Kindes, aber mit meinem erwachsenen Verstand. So stelle ich mir das vor.
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Erinnerung&Sehnsucht
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BeitragVerfasst am: 17.12.2019 14:36    Titel: Fortsetzung pdf-Datei Antworten mit Zitat

Anmerkung: Die Textfragmente sind lose, auch wenn sie sich einigermaßen chronologisch verhalten. Das ist eben was es ist: Ein Flickenteppich.
_____________________________

»Das traust du dich nie.«
Ein selbstgefälliges Grinsen huscht über das Gesicht des Jungen vor mir. Aus meiner Perspektive ist er riesig. Keine Kunst, wenn man sieben Jahre älter ist. Gerade überredet er mich dazu Sand zu fressen. Während er das sagt, versucht er möglichst locker zu wirken, wie die Jungen in seinem Alter das meistens tun. Ich soll mir endlich den Sand in den Mund stecken. Weil er mich für dumm hält, fordert er mich dazu heraus. Er drängt mich und tut so als würde er mich dafür respektieren.
›Coole Jungs fressen Sand‹  
Ich zögere nur kurz. Nicht weil ich so dämlich wäre wie er das glaubt. Ich will ihm gefallen. Sand zu essen ist mir unangenehm – aber noch viel unangenehmer ist mir, dass er mich nicht mag. Lautes Lachen kommt aus seinem Mund, während ich spucke und gleichzeitig versuche zu schlucken.
Der Sand knirscht unangenehm zwischen meinen Zähnen. Ist aber feucht genug um nicht davon husten zu müssen. Sein Name ist Martin. Einer von zwei älteren Brüdern eines Jungen in meinem Alter. Martin amüsiert sich prächtig. Er fühlt sich überlegen. Ich grunze während ich mir noch ein wenig davon in den Mund stopfe. Irgendwie versuche ich ihn absichtlich zu amüsieren, indem ich mich selbst demütige.
»Du bist so cool, Mathias!«
Seine Sätze enden immer in einem jungenhaften Lächeln.
Meine Augen haften an seinem Gesicht weil ich will dass er mich sieht. Matin soll mich mögen. Also stelle ich mich dumm. Die Freude an seiner List, steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Ich tue das vor allem weil ich dick bin. Ich will dass mich irgendjemand mag. Irgendjemand muss mich mögen. Irgendwie schaffe ich es mir einzureden, er würde mit mir und nicht über mich lachen. Martin sieht sich um, ob uns auch niemand beobachtet. Niemand soll denken er würde mich zwingen. Jetzt weiß ich, er kennt meinen Namen. Für mich ist das schon ein Triumpf. Natürlich weiß er ihn. Manchmal spiele ich mit seinem kleinen Bruder. Aber ich freue mich sehr und tue überrascht. Er nimmt eine Hand voll Sand und schmiert sie mir in die Haare. Das geht mir zu weit. Ich versuche seine Hände wegzudrücken aber er ist viel zu stark.
»Hey! Wir sind doch Freunde. Ist doch alles nur Spaß, Mathias«, er betont meinen Namen absichtlich.
Er denkt damit würde er vertrauter auf mich wirken. Tut er ja auch. Ich bin verdammt nochmal gerade erst sieben Jahre alt. Ich würde alles tun um ihm zu gefallen. Er drückt die Hand noch fester auf meinen Kopf. Genießt es wie viel stärker er ist. Alles juckt mich. Der Sand verklebt nicht nur meine Haare, sondern rieselt in meinen Kragen und landet überall auf meiner Haut. Er drückt mich immer noch nach unten. Am liebsten würde er mein Gesicht in den Sand pressen. Aber jemand könnte uns sehen. Also geht er nur soweit dass es noch nach einem Spiel aussieht. Zumindest denkt er das. Die meisten Leute sind bereit bis zu einem gewissen Grad wegzusehen. Und ich bin kein sehr beliebtes Kind. Mit den meisten Menschen habe ich es mir verscherzt. Weil ich zum Beispiel gerne Dinge in offene Fenster werfe. Die Gelegenheit dazu erhalte ich dadurch, dass meine Mutter fast immer arbeitet. Meistens bin ich also alleine. Die Leute wissen dass ich das war. Also darf man mich so behandeln. Die meisten Menschen verstehen das unter Gerechtigkeit. Es sieht ja ohnehin niemand was gerade passiert. Aber wenn doch jemand zusehen würde, ergäbe es keinen Unterschied.
Ich schreie dass er endlich aufhören soll – er lässt los.
Als ich nach hause renne, fragt meine Mutter mich warum ich weine. Ich weiß darauf keine Antwort und sie nennt mich ein Mädchen. Sagt Jungs tun sowas nicht. Plötzlich fühle ich gar nichts.

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Was mich am meisten stört, ist die eigene Dummheit.
Die Dummheit anderer ist Unterhaltung.
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